« Buch V 10-13 Flavius Josephus
Juedischer Krieg
Buch VI 4-10 »
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[429]
VI. Buch.




Die letzte Entscheidung des Krieges

oder

Jerusalems Erstürmung.

Eroberung der Antonia, Brand des Tempels, Einnahme der Unterstadt und der Oberstadt.



[430]

[431]
Erstes Capitel.
Vollendung der Dämme. Neuer, missglückter Ausfall der Juden. Einsturz der Burgmauer. Titus muntert zur Besteigung der Bresche auf. Des Sabinus Heldenmuth und Unglück. Nächtliche Erstürmung der Antonia. Kampf um den Tempel. Tapferkeit des Julianus und sein tragischer Tod.

1 (1.) Die Bedrängnis Jerusalems stieg von Tag zu Tag auf eine immer furchtbarere Höhe, da einerseits die Rebellenbande bei der Zunahme des Elendes immer wüthender ward, und andererseits die Hungersnoth ihre verheerende Wirkung, die bis jetzt nur das Volk verspürt hatte, auch unter den Aufrührern zu zeigen begann. 2 War doch die Masse der in der Stadt aufgeschichteten Leichen geradezu schauderhaft anzusehen, und der Geruch, den sie ausströmten, schon die leidige Pest. Sogar bei den Ausfällen der Vertheidiger bildeten sie bereits ein ernstliches Hemmnis, da dieselben gezwungen waren, auf den todten Leibern herumzutreten und über sie hinzustürmen, wie die rauhen Krieger im Schlachtengewühl auf tausenden von Leichen herumstampfen müssen. 3 Doch die Juden stiegen mit einer wahren Lust auf die Leichen, sie kannten dabei weder Schauder noch Erbarmen, noch sahen sie in diesem Frevel gegen die Todten eine böse Vorbedeutung für ihren eigenen Tod; 4 im Gegentheil, noch warm vom Blute ihrer Stammesbrüder, in das sie eben ihre Hand getaucht, stürzten sie zum Kampf gegen die Heiden hinaus, als wollten sie damit, wie es auf mich wenigstens den Eindruck machte, die Gottheit mit aller Gewalt zur schnelleren Rache gegen sich herausfordern. Schon längst beruhte ja ihre Kühnheit im Kampfe nicht mehr auf der Hoffnung zu siegen, sondern allein auf der Verzweiflung an ihrer Rettung. 5 Die Römer hatten unterdessen, wenn auch unter riesigen Beschwerden, die ihnen das Herbeischleppen des Holzes bereitete, die Dämme in 21 Tagen ausgebaut, nachdem sie freilich, wie oben schon gesagt worden, die ganze Umgebung der Stadt aus neunzig Stadien in der Runde rasiert hatten. 6 Das Land bot denn auch einen Anblick zum Erbarmen. Denn die vordem von Baumgruppen und Ziergärten so reich belebte Gegend war jetzt eine vollständige Wüste und ringsum abgeholzt. 7 Wohl kein einziger Ausländer, der noch das alte Judäa und die wunderschönen Vorgärten der Stadt geschaut, konnte jetzt diese Oede [432] ansehen, ohne die schreckliche Veränderung bei jedem Schritte aufs bitterste zu beklagen und darüber schmerzlich aufzuseufzen. 8 Kein Zug der ehemaligen Schönheit, den der Krieg nicht entstellt hatte, und würde jemand, der die Gegend von früher her kannte, plötzlich dorthin versetzt worden sein, er hätte sie wohl nimmer erkannt, sondern, obschon an Ort und Stelle, erst die Stadt suchen müssen.

9 (2.) Das Ende der Dammarbeiten bedeutete für Römer sowohl als Juden gleicherweise den Anfang zu neuem Hangen und Bangen. 10 Die letzteren mussten sich ja sagen, dass, wenn sie nicht auch diese Dämme noch durchs Feuer vernichten könnten, die Stadt sicher fallen würde; die Römer aber hätten nach einer abermaligen Zerstörung der Dämme wohl überhaupt auf eine Einnahme Jerusalems verzichten müssen, 11 da nicht bloß kein Holz mehr aufzutreiben gewesen wäre, sondern bereits unter den physischen Anstrengungen auch der Körper des Soldaten, unter den wiederholten Schlappen aber selbst die Spannkraft des Geistes zu erlahmen begann. 12 Wirkte doch sogar die in Jerusalem herrschende Noth seltsamer Weise auf die Römer noch niederschlagender, als auf die von ihr betroffenen Einwohner. Denn weit entfernt, dass die erlittenen Schläge ihre Gegner etwas mürber gemacht hätten, wie sie hofften, 13 zertrümmerten diese umgekehrt den Römern eine Hoffnung nach der andern: die Hoffnung auf die Belagerungsdämme durch die bekannte Ueberlistung, die Hoffnung auf die Sturmmaschinen durch die unbezwingliche Festigkeit ihrer Mauer und die auf einen Sturm durch die überlegene Verwegenheit, mit der sie sich im Handgemenge schlugen. Am meisten entmuthigte aber die Römer die Wahrnehmung, dass die Juden trotz der Parteikämpfe, Hungersnoth und Belagerung und so vieler anderer Drangsale dennoch den Kopf obenauf behielten, was sie zum Schlusse nöthigte, diese Männer müssten, 14 wenn sie zur Offensive schreiten könnten, ebenso unwiderstehlich sein, wie ihr Gleichmuth im Unglück ein unerschütterlicher war. „Denn was würden“, dachten sie sich, „solche Männer erst unter einem glücklicheren Stern nicht alles zu leisten imstande sein, wenn schon das ewige Missgeschick für sie nur ein Sporn zu immer neuer Kraftentfaltung ist“. Aus diesen Gründen stellten nun auch die Römer diesmal eine besonders starke Wachmannschaft zum Schutze der Wälle auf.

15 (3.) Die Leute des Johannes auf der Antonia trafen übrigens auch schon für die Zukunft, für den Fall nämlich, dass die Festungsmauer wirklich in Trümmer sinken sollte, ihre Vorsichtsmaßregeln und versuchten überdies, ehe noch die Widder auf die Dämme gebracht wurden, einen Sturm auf die Werke selbst. 16 Diesmal aber erreichten [433] sie ihr Ziel nicht, sondern wandten sich, nachdem sie, mit Brandfackeln bewaffnet, einen Ausfall gemacht hatten, bevor sie noch in die Nähe der Dämme gelangten, halb und halb entmuthigt wieder zurück. 17 Denn fürs erste schien der ganze Plan an Zerfahrenheit zu leiden, da nur immer ein Trupp und auch dieser verzettelt und mit furchtsamer Bedächtigkeit, mit einem Wort, nicht nach Judenart, zu den Thoren hervorbrach. Man vermisste hier die ganze eigenthümliche Kampfesweise der Nation: einen kühnen und stürmischen Angriff, einen compacten Vorstoß und einen meisterhaften Rückzug! 18 Außerdem aber, dass sie diesesmal ihre gewohnte Energie zu Hause ließen, fanden sie auch die Reihen der römischen Wachen ungewöhnlich verstärkt. 19 Denn Schulter an Schulter und Schild an Schild, hatten sie die Dämme von allen Seiten in einer Weise abgesperrt, dass sie den Juden jede Möglichkeit benahmen, sich mit ihren Feuerbränden irgendwo durchzudrängen. Das Herz aber hatte jeder Römer mit dem Entschluss gewappnet, lieber zu fallen, als sich aus seiner Reihe verdrängen zu lassen. 20 Denn abgesehen davon, dass mit einer neuerlichen Einäscherung der Werke alle ihre Hoffnungen abgeschnitten worden wären, wollten die Soldaten um keinen Preis die Schande erleben, dass die List über die Tapferkeit, Wahnwitz über Waffenruhm, die Masse über die Erfahrung und Juden über die Römer den vollständigen Sieg erringen sollten. 21 Auch die Geschütze thaten das ihrige, indem sie in die Reihen der Stürmenden einschlugen und ebenso sehr durch den Fall der Getroffenen ihre Hintermänner aufhielten, wie sie ihren Ansturm durch den Schrecken, den sie verbreiteten, lähmten. 22 Von denen aber, die bereits über die Schusslinie vorgedrungen waren, geriethen die einen, bevor sie noch handgemein wurden, schon beim bloßen Anblick der wohlgefügten, starrenden Feindesreihen in die größte Verwirrung, während die anderen, von einem Wald von Lanzen zurückgestoßen, sich gleichfalls schleunigst auf die Fersen machen mussten. Zuletzt erfolgte, ohne dass man etwas erreicht hätte, ein allgemeiner Rückzug, bei dem natürlich einer dem andern seine Feigheit vorwarf. Der Ausfall hatte am Neumond des Panemus stattgefunden. 23 Nach dem Rückzug der Juden suchten nun die Römer die Sturmmaschinen an die Mauer heranzuschieben, wurden jedoch mit einem wahren Hagel von Felstrümmern, Feuerbränden, Eisenstücken und allen möglichen Wurfgeschossen, die den bedrängten Juden gerade unter die Hände kamen, von der Antonia herab empfangen. 24 Denn obgleich die Juden sich sehr stark auf die Mauer verließen und der Widdermaschinen nicht achteten, so suchten sie dennoch die Annäherung derselben zu verhindern. 25 Gerade das aber reizte hinwieder die Römer zu noch größerem Eifer an, weil sie den Grund des [434] heftigen Widerstandes der Juden gegen eine Berennung der Antonia in der Schwäche der Mauer suchten und die Hoffnung hegten, dass die Grundmauern schon mürbe seien. 26 Indes rührte sich an der getroffenen Stelle gar nichts. Aber trotz des fortwährenden Geschossregens hielten auch die Römer allen Gefahren des Mauerkampfes muthig Stand und ließen in einemfort ihre Widder spielen. 27 Da aber die Zahl der dabei beschäftigten Leute immer nur eine ziemlich geringe sein konnte, und von allen Seiten die Felstrümmer um sie hersausten, so suchten andere Soldaten unter einem über den Köpfen gebildeten Schilddache mit Händen und Brechstangen die Fundamente zu untergraben, und es gelang ihnen wirklich, vier Steine durch ihre Ausdauer loszureißen. 28 Die Nacht schaffte auf beiden Seiten Ruhe, und gerade während dieser Nacht stürzte plötzlich die von den Widdern schon erschütterte Mauer an jenem Punkte in Trümmer, wo Johannes bei seinem Anschlag auf die früheren Dämme den unterirdischen Gang gegraben hatte, welcher Gang jetzt unter der Last der Mauer eingebrochen war.

29 (4.) Dieser Zwischenfall machte auf die Kämpfer beiderseits einen entgegengesetzten und von niemand erwarteten Eindruck. 30 Während man nämlich von den Juden vorausgesetzt hätte, dass der ganz unvorhergesehene Einsturz sie hätte entmuthigen und unvorbereitet treffen müssen, gebärdeten sie sich merkwürdigerweise gerade so keck, wie wenn die Antonia noch unversehrt dastünde. 31 Auf Seite der Römer aber wurde die Freude über den unverhofften Zusammenbruch der Burgmauer schnell wieder gedämpft durch das Erscheinen einer anderen Mauer, 32 welche da die Krieger des Johannes innerhalb der ersteren und ihr gerade gegenüber aufgeführt hatten. Allerdings war ein Angriff auf die letztere offenbar nicht mehr so schwierig, wie auf die frühere Mauer, da schon der Aufstieg zu ihr durch den Mauerschutt der Bresche leichter gemacht schien. Ferner musste auch diese Mauer nach der Annahme der Römer viel schwächer sein, als die der Antonia, und konnte, weil eben nur eine Nothmauer, keinen langen Widerstand leisten. Aber niemand wagte den Aufstieg, weil den ersten, die es gewagt hätten, der augenscheinliche Tod bevorstand.

33 (5.) Da nun Titus der Ueberzeugung war, dass die Begeisterung des Soldaten am allermeisten durch eine lockende Aussicht und ein feuriges Wort entstammt würde, und dass Aufmunterungen, wie Versprechungen häufig der Gefahren vergessen lassen, ja manchmal sogar eine wahre Todesverachtung erzeugen, so ließ er die wackersten Römer zusammenkommen, um ihre Entschlossenheit auszuhorchen, und begann folgendermaßen: 34 „Waffenbrüder! Eine Aufforderung zu ganz [435] harmlosen Thaten dürfte von dieser Stelle aus für diejenigen, an die sie ergeht, ebensowenig ehrend sein, als sie ganz gewiss auch dem Redner selbst den Vorwurf der Feigheit eintragen müsste. 35 Eine Aufforderung ist nach meiner Meinung vielmehr nur dort angezeigt, wo es sich um eine gewagte Sache handelt, da man die anderen auch ohne solche Anregung ins Werk setzen sollte. 36 Ich verhehle euch somit selbst nicht, dass nach meiner eigenen Anschauung der Sturm auf die Mauer seine Schwierigkeiten habe, aber ich möchte zugleich ausführlicher darauf hinweisen, wie herrlich gerade der Kampf mit den schwersten Hindernissen jenen anstehe, welchen um echten Mannesmuth zu thun ist, wie schön der Tod im Ruhmesglanz sei, und dass gewiss auch die ersten beim Wagnis die Frucht ihres Heldenmuthes nicht verlieren sollen. 37 Was euch nun zunächst zum Ansporn dienen soll, ist gerade das, was einige vielleicht eher abschrecken möchte, nämlich der zähe Muth der Juden und ihre Ausdauer bei ihrem Missgeschicke. 38 Es wäre doch eine wahre Schmach, wenn ihr, die Römer, ihr, meine Soldaten, die ihr schon im Frieden mit der Kriegskunst vertraut und im Kriege nur zu siegen gewohnt seid, euch mit den Fäusten oder der Verwegenheit der Juden nicht messen könntet, noch dazu im Angesichte des Triumphes und unter dem wirksamen Beistande Gottes! 39 Denn während die Verluste auf unserer Seite nur von der verzweifelten Gegenwehr der Juden herrühren, werden dagegen ihre Drangsale, abgesehen von euren Waffenthaten, auch noch durch das Eingreifen Gottes gesteigert, 40 indem der Bürgerkrieg und der Hunger in Verbindung mit der Belagerung und der durch keine Maschinen hervorgerufene plötzliche Einsturz der Mauer wohl nichts anderes sein kann, als ein Zeichen, dass Gott den Juden grollt, dass Gott auf unserer Seite steht. 41 Nun dürfte es aber doch kaum unserer Römerart entsprechen, dass wir nicht allein von Schwächeren uns schlagen lassen, sondern sogar den Arm Gottes durch unsere Feigheit bloßstellen sollten. Pfui der Schmach! 42 Die Juden, denen es doch keine große Schande bringt, wenn sie den Kürzeren ziehen, weil ihnen ja ohnehin die Knechtschaft nichts Neues ist, diese bäumen sich mit wahrer Todesverachtung gegen das alte Joch auf und machen von der Stadt aus einen Sturm nach dem anderen auf unsere Reihen, nicht etwa, weil ihnen eine Siegeshoffnung winkt, sondern einzig, um eine Probe ihrer Tapferkeit abzulegen. 43 Und wir, die wir die Herren fast aller Länder und Meere sind, für die selbst ein bloß unentschiedener Kampf eine Schande ist, 44 wir wollten auch nicht ein einziges Mal uns kühn unter die Feinde wagen, sondern mit unserer ungeheuren Streitmacht nur träge dahocken, um zu warten, bis der Hunger mit ihnen auf- [436] geräumt hat, oder ein Zufall uns die Thore öffnet, und das alles, obschon wir durch einen kleinen Handstreich den ganzen Feldzug glücklich beendigen könnten! 45 Denn sind wir oben auf der Antonia, so haben wir auch schon die Stadt. Mag es dann auch noch, was ich übrigens nicht glaube, zu einem Straßenkampfe mit den Einwohnern kommen, so verbürgt uns doch wenigstens unsere dominierende Stellung, die den Feinden, sozusagen, den Athem verlegt, einen baldigen und vollständigen Sieg. 46 Ich werde mich jetzt nicht in Lobeshymnen über den Tod am Schlachtfelde und über die den gefallenen Helden bestimmte Unsterblichkeit ergehen, wohl aber möchte ich jetzt wünschen, dass jene, die anders darüber denken, für einen Augenblick den stillen Tod im Bette zu verkosten bekämen, den Tod, sage ich, bei welchem mit dem Leibe auch die Seele zu den Schrecken des Grabes verurtheilt wird. 47 Welcher brave Mann wäre nicht davon überzeugt, dass die Seelen, welche der mörderische Stahl auf dem Schlachtfelde vom Fleische abgelöst hat, vom reinsten Element, das es gibt, dem Aether, umfangen und nach den Gestirnen emporgetragen werden, um von da als Schutzgeister und gnädige Heroen ihren Nachkommen sich zu zeigen, 48 während die im kranken Leibe hinwelkenden Seelen, mögen sie auch noch so rein von jeder Makel oder Befleckung sein, die Nacht der Unterwelt bedeckt und der Strom der Vergessenheit begräbt, da mit ihrem Leibe und Leben auch ihre Erinnerung abschließt. 49 Wenn nun aber der Lebensfaden des Menschen nach dem unerbittlichen Schicksale einmal zu Ende gehen muss, und andererseits das feindliche Schwert uns viel besser denselben zerschneiden hilft, als jegliche Krankheit, so wäre es doch gemein, wollten wir den Tribut, den wir sonst dem Verhängnis nothwendig zollen müssen, nicht lieber unserem eigensten Interesse schenken. 50 Meine bisherigen Ausführungen sind von der Voraussetzung ausgegangen, dass die Stürmenden unfehlbar verloren wären; aber es besteht auch die Möglichkeit, dass sich wackere Männer selbst aus der gefährlichsten Lage heraushauen. 51 Denn fürs erste ist der Mauerschutt leicht zu ersteigen, und dann kann auch die neue Mauer nirgends einen ernsten Widerstand leisten. Eure Ueberzahl, wie auch die Kühnheit, mit der ihr frisch ans Werk geht, wird euch gegenseitig Ansporn und Hilfe sein, und der Muth der Feinde wird durch eure Entschlossenheit rasch erschüttert sein. 52 Ja es könnte sogar geschehen, dass der Sieg ein ganz unblutiger wird, wenn ihr nur einmal herzhaft den Anfang macht. Beim offenen Aufstieg werden sie allerdings begreiflicherweise alles aufbieten, um euch zurückzuschlagen, aber wenn ihr euch hinanschleicht und einmal über die Mauer euch Bahn [437] gebrochen habt, so dürfte der Feind, auch wenn ihn nur eine kleine Zahl von euch überrumpelt hat, weiter keine Gegenwehr mehr leisten. 53 Ich aber würde mich schämen, wenn der erste, der die Mauer ersteigt, von mir nicht in einer Weise entlohnt würde, die ihn zu einem beneidenswerten Manne machen muss. Kommt er mit dem Leben davon, so wird er den Befehl über seine jetzigen Kameraden erhalten. Wer aber fällt, den wird ein seliger Ehrenpreis noch ins Grab hineinbegleiten“.

54 (6.) Ungeachtet dieser herrlichen Ausführungen wollte die Furcht vor der großen Gefahr bei der Zuhörermenge nicht schwinden. Nur ein Krieger aus den Cohorten, namens Sabinus, ein gebürtiger Syrer, entpuppte sich bei dieser Gelegenheit als ein überaus handfester und entschlossener Mann, 55 obschon ein oberflächlicher Beobachter ihn, nach seiner leiblichen Erscheinung wenigstens, nicht einmal für einen brauchbaren Soldaten gehalten haben würde. Er hatte eine fahle Hautfarbe, schmächtigen Körperbau, an dem das Fleisch wie eingeschrumpft war; aber in dem hagern und für die wirkliche Kraft viel zu engen Gehäuse des Leibes wohnte die Seele eines Helden. Er war es also, der zuerst sich erhob und sprach: 56 „Ich bin gerne bereit, Cäsar, mein Leben dir zu weihen. 57 Ich will der erste die Mauer ersteigen und habe nur den Wunsch, dass meinem Arm und meinem Entschluss auch dein Glück, o Cäsar, folgen möchte. Sollte mir aber das Geschick die Erreichung meines Zieles missgönnen, so wisse, dass es mich nicht unerwartet zerschmettert, sondern dass ich selbst mit voller Ueberlegung für dich den Tod gesucht habe“. 58 Sprachs und hob mit der Linken seinen Schild schützend über den Kopf empor, riss mit der Rechten das Schwert aus der Scheide und wandte sich sofort gegen die Mauer. Es war so ziemlich um die sechste Stunde. 59 Auch von den Uebrigen schlossen sich ihm einige, allerdings nur elf, Soldaten an, die seiner Tapferkeit nacheifern wollten. Doch war ihnen der Mann, der wie ein Kriegsgott einherstürmte, allen weit voran. 60 Die feindlichen Posten empfiengen sie mit Wurfspeeren, die sie ihnen von der Mauer aus entgegenschleuderten, und bedeckten sie von allen Seiten mit einer Wolke von Pfeilen, ja wälzten sogar riesige Felsblöcke auf die elf Stürmenden herab, von denen einige dadurch auch wirklich weggerissen wurden. 61 Sabinus aber drang, von Geschossen umschwirrt, immer weiter und mäßigte, wenn auch fast verschüttet von einem Wald von Pfeilen, nicht eher seinen Ungestüm, als bis er auf der Zinne angelangt war und die Feinde zurückgejagt hatte. 62 Denn ein großer Schrecken hatte die Juden ob solcher Streiche und solcher Kühnheit ergriffen und sie zum Weichen [438] gebracht, zumal sie der Meinung waren, es seien schon mehr Römer auf der Mauer. 63 Hier aber hatte man wieder einmal Gelegenheit, das Schicksal ob seines Neides gegen wackere Thaten und ob seiner Tücke anzuklagen, mit der es gerade dem ungewöhnlichsten Heroismus stets ein Bein zu stellen sucht. 64 Denn als dieser Held seine Aufgabe schon glücklich gelöst hatte, da machte er einen Fehltritt, strauchelte an einem Felsstück und stürzte mit großem Gedröhn kopfüber auf den Stein hin. Sofort schauten die Juden um und sahen nur einen einzigen Mann und den schon am Boden liegen. Jetzt hagelte es wieder von allen Seiten Geschosse. 65 Sabinus konnte sich noch auf ein Knie erheben und wehrte sich eine Zeitlang, gedeckt von seinem Schilde, so tapfer, dass er viele, die ihm zu nahe kamen, verwundete. 66 Endlich ließ er, von vielem Blutverlust erschöpft, seinen Arm sinken und ward zuletzt, noch ehe er seine Seele aushauchte, von einem Haufen Geschosse begraben: ein Mann, der um seiner Tapferkeit willen wahrlich ein besseres Schicksal verdient hätte, dessen Tod aber auch seines großen Unternehmens würdig war. 67 Von den übrigen wurden noch drei, die bereits vor der Zinne standen, durch Steinwürfe zerschmettert und augenblicklich getödtet, während die anderen acht, von Wunden bedeckt, noch über die Trümmer herabgeschleppt und ins Lager zurücktransportiert werden konnten. Der Fall ereignete sich am dritten des Monates Panemus.

68 (7.) Zwei Tage später thaten sich zwanzig Leute aus der Wachmannschaft, die bei den Dämmen stand, zusammen und zogen auch den Adlerträger der fünften Legion, ferner noch zwei Reiter aus den gewöhnlichen Geschwadern, wie auch einen Trompeter zu ihrem Vorhaben bei. Um die neunte Nachtstunde steigen sie alle geräuschlos über die Mauertrümmer zur Antonia hinauf, stechen die äußersten Wachposten im Schlafe nieder, bemächtigen sich der Mauer und lassen sofort den Trompeter das Signal zum Angriff blasen. 69 Auf das hin schnellten auch die anderen Wachen in die Höhe und ergriffen, ohne dass auch nur ein einziger sich Zeit genommen hätte, sich nach der Zahl der Eingedrungenen umzusehen, die Flucht. In ihrer Bestürzung sahen sie schon die Mauer voll von Feinden, worin sie der Trompetenklang noch bestärkte. 70 Auch der Cäsar hatte gleich das Signal vernommen und machte nun in aller Eile das Heer schlagfertig. Dann stieg er selbst an der Spitze seiner Generäle, gefolgt von seinen Garden, die Bresche hinauf. 71 Da die Juden bereits in voller Flucht dem Tempel zuströmten, konnten die Römer jetzt auch durch den Gang, den Johannes unter die Dämme der Römer gegraben hatte, eindringen. 72 Unterdessen hatten aber die Rebellen beider Parteien, des Johannes und [439] des Simon, jede für sich, um den Tempel wieder Stellung genommen und suchten die Römer mit einem ganz außerordentlichen Aufgebot von Kraft und Entschlossenheit zurückzuschlagen, 73 da mit dem Eindringen der Römer in den Tempel, wie sie wussten, ihr Untergang besiegelt war, und die Römer auch ihrerseits darin den entscheidenden Wendepunkt zum Siege sahen. 74 So wogte nun denn um die Tempelthore ein grimmiger Kampf: die Römer wollten mit aller Gewalt hinein, um endlich auch das Heiligthum in ihre Hand zu bekommen, während die Juden sie wüthend zurückstießen und gegen die Antonia hindrängten. 75 Pfeil und Speer war da völlig unnütz; es arbeitete nur das blitzende Schwert, und man konnte im Handgemenge nicht einmal mehr unterscheiden, wo denn Freund oder Feind stand: so entsetzlich war das Gewühl, und so unentwirrbar waren die Kämpfer ineinander gekeilt! Auch Commando und Losung blieben im sinnbetäubenden Getümmel ganz unverständlich. 76 In Strömen floss das Blut der Juden und der Römer, und in der Wuth des Kampfes zerstampfte man selbst noch Körper und Rüstung der Gefallenen unter den Füßen. 77 Je nachdem des Kampfes Schwergewicht bald dahin, bald dorthin drängte, hörte man stets die Gewinnenden ein begeisterndes Jubelgeschrei, die Geschlagenen ein banges Weheklagen ausstoßen. Dabei erlaubte der Raum weder eine ordentliche Flucht noch eine ordentliche Verfolgung, sondern es waren lauter unentschiedene Vorstöße und Rückstöße eines regellosen Kampfes. 78 Die Vordersten hatten rein nur die Wahl, zu fällen oder zu fallen, ein Rückzug war ganz unmöglich, da die Hintermänner ihre Leute von beiden Seiten vorwärts stießen und gar kein Plätzchen freien Gefechtsfeldes übrig ließen. 79 Endlich bekam doch der wüthende Ungestüm der Juden das Uebergewicht über die sonst so kriegsgeübten Römer, und auf der ganzen Linie gieng der blutige Strauß, der ja bereits von der neunten Nachtstunde bis zur siebenten Stunde des Tages gedauert hatte, allmählich seiner Wendung entgegen. 80 Zu derselben trug besonders der Umstand bei, dass die Juden ihre ganze Macht ins Treffen geworfen und in ihrer Angst vor der völligen Erstürmung einen Ansporn zur verzweifeltsten Tapferkeit gefunden hatten, während die Römer nur mit einem Theile ihrer Streitkräfte in den Kampf verwickelt waren, da die Legionen, auf die man sich verlassen hatte, noch immer nicht die Veste erstiegen hatten. Vor der Hand erschien es daher am rathsamsten, sich mit der Einnahme der Antonia zufrieden zu geben.

81 (8.) Bei den Truppen aus Bithynien diente damals auch ein Centurio, namens Julianus, ein Mann von nicht unansehnlichem Geschlechte, der sich unter allen Soldaten, mit denen ich auf jenem [440] Feldzuge bekannt geworden bin, was Uebung im Waffenhandwerk, Leibesstärke und Heldenmuth angeht, am meisten hervorthat. 82 Als der nun auf der Antonia, wo er an der Seite des Titus stand, bemerkte, wie die Römer schon zu weichen und in ihrem Widerstande zu erlahmen anfiengen, da stürzte er selbst in den Kampf und trieb ganz allein die schon siegreichen Juden bis zur Ecke des inneren Heiligthumes zurück. In hellen Haufen flohen die Juden vor dem Manne, in dem, wie sie glaubten, eine dämonische Kraft und Verwegenheit wohnen müsse. 83 Er aber schoss, wie ein Wetterstrahl, bald dahin, bald dorthin, mitten durch die zersprengten Haufen und zerschmetterte, wen er erreichte, ein Schauspiel, das selbst den Cäsar mit einer unvergleichlichen Bewunderung, die anderen aber mit einem nie empfundenen Grauen erfüllte. 84 Und doch sollte nun auch dieser Edle vom Verhängnisse, dem kein Sterblicher entfliehen kann, ereilt werden. 85 Wie jeder andere Soldat, trug auch Julian Halbstiefel, die mit spitzen Nägeln dicht beschlagen waren. Wie er nun damit über das Steinpflaster hinlief, glitt er nach hinten aus, stürzte rücklings zusammen, dass das Klirren der Rüstung weithin klang und die fliehenden Feinde aufmerksam machte. 86 Gleichzeitig erscholl aus den Reihen der Römer auf der Antonia, die jetzt alles für den Mann fürchteten, ein Schrei des Entsetzens, während die Juden ihn auch schon massenhaft umringten und mit ihren Spießen, wie mit ihren großen Schwertern von allen Seiten bearbeiteten. 87 Doch gelang es Julian zumeist, das mörderische Eisen mit dem Schilde zu parieren, und er machte auch öfter den Versuch, sich vom Boden zu erheben, wurde aber stets von dem Haufen, der auf ihn einhieb, auf den Rücken niedergeworfen. Doch selbst in dieser Lage rannte er noch vielen sein Schwert in den Leib und konnte auch nicht so schnell tödtlich getroffen werden, 88 da alle Theile des Leibes, wo ein Stich lebensgefährlich werden musste, vom Helm und Brustharnisch geschützt waren, und Julian überdies seinen Nacken fest zusammenzog. Erst als man ihm Hände und Füße zerhackt hatte, musste er, da ihm niemand zu Hilfe zu kommen wagte, sich aufgeben: 89 zum tiefsten Leidwesen des Cäsars, der es innigst bedauerte, dass ein so vortrefflicher Mann und zwar angesichts sovieler Kameraden so elend hingeschlachtet werden musste. Er selbst hätte ihm beim besten Willen von seinem Standpunkte aus unmöglich zu Hilfe kommen können; denen es aber möglich gewesen wäre, die bannte das Entsetzen an ihre Stelle. 90 Nach einem furchtbaren Ringen mit seinen Mördern, von denen nur wenige mit heiler Haut davonkamen, empfieng er den so lange abgewehrten Todesstoß, um nicht bloß bei den Römern und ihrem Cäsar, sondern auch bei seinen Feinden das ruhmvollste Andenken zu hinterlassen. 91 Den [441] Leichnam schleppten die Juden als Trophäe beiseite und trieben dann die Römer noch weiter zurück, bis sie dieselben vollends hinter die Mauern der Antonia gedrängt hatten. 92 Mit besonderer Auszeichnung hatten in diesem Kampfe auf Seite der Juden in den Reihen des Johannes ein gewisser Alexas und Tephthäus, in denen des Simon aber Malachias und Judas, der Sohn des Merton, wie auch Jakobus, der Sohn des Sosa, Befehlshaber der Idumäer, und aus der Schar der Zeloten die zwei Brüder, Simon und Judas, Söhne des Ari, gefochten.


Zweites Capitel.
Unterbrechung des täglichen Opfers. Neuerliche Ansprache des Josephus an das Volk. Viele folgen seinem Worte. Güte des Titus. Verleumdungen der Rebellen. Ihre Tempelschändung, die selbst Titus entrüstet. Unentschiedener Sturm auf den Tempel. Abbruch der Antonia. Neue Dämme. Hinrichtung eines Römers. Vergeblicher Fluchtversuch der Juden. Theilweiser Abbruch der Hallen. Der Jude Jonathas.

93 (1.) Titus gab jetzt den mit ihm eingedrungenen Soldaten den Auftrag, die Antonia bis auf den Grund zu schleifen und dadurch dem ganzen Heere den Aufstieg zu erleichtern. 94 Hierauf ließ er sich den Josephus holen, weil er vernommen hatte, dass gerade an jenem Tage, dem 17. des Panemus, das sogenannte „immerwährende Opfer“ wegen Mangels an geeigneten Männern das erstemal Gott nicht mehr dargebracht worden sei, ein Ereignis, das geradezu niederschmetternd auf das Volk wirkte. 95 Josephus sollte nun in seinem Namen dem Johannes die früheren Anerbietungen erneuern und ihm sagen, dass, wenn er schon für seine Person die unselige Kampfeswuth nicht fahren lassen könne, es ihm freistehen sollte, mit soviel Mannschaft, als er nur wolle, sich draußen ein Schlachtfeld zu wählen, damit nicht auch Stadt und Tempel seinetwegen der Vernichtung anheimfallen müssten. Möge er doch an dem Heiligthum keine weiteren Schändungen mehr begehen und Gott mit seinen Gesetzesfreveln verschonen: Was die unterbrochenen Opfer betreffe, so stände es nur bei ihm, dieselben durch andere geeignete Persönlichkeiten, die er sich zu diesem Zwecke ganz unbehindert unter den Juden aussuchen dürfe, darbringen zu lassen. 96 Mit Absicht stellte sich Josephus so auf, dass er nicht bloß von Johannes, sondern auch von den Massen verstanden werden konnte, und machte zunächst in hebräischer Rede weithin die Gesinnungen des Cäsars kund, 97 um daran seinerseits die eindringlichsten Bitten zu schließen, sie möchten doch ein Herz für ihre Vaterstadt haben und die um den Tempel schon aufzuckenden Flammen zertreten, wie auch Gott die schuldigen Opfer wieder entrichten. 98 In tiefer Beschämung und Stille hörte das Volk zu, der Tyrann aber [442] brach in einen Schwall von Lästerungen und Verwünschungen gegen Josephus aus, die er mit dem Rufe schloss: „Mir soll nie vor einer Eroberung bangen: denn Gott gehört die Stadt!“ 99 „Ja die Stadt“, fiel ihm Josephus laut ins Wort, „die du so sauber ihrem Gott bewahrt hast! Nicht das kleinste Fleckchen, fürwahr, haftet an seinem Heiligthum! Du bist ja stets nur der reinste Tugendbold gegen den gewesen, dessen Hilfe du dir jetzt versprichst, und selbst die gesetzlichen Opfer bekömmt er nach wie vor! 100 Würde dir, elender Frevler, jemand das tägliche Brot wegstehlen, so würdest du einen solchen sicher für deinen Todfeind halten: wie kannst du dann aber von ihm, den du um einen tausendjährigen Opferdienst gebracht hast, von Gott dem Herrn auch noch einen Beistand im Kampfe erwarten? 101 Wie kannst du die Gesetzesverletzungen den Römern aufbürden, da gerade die Römer bis zur Stunde um die Aufrechthaltung unserer Gesetze besorgt sind und selbst die Wiederaufnahme der von dir unterbrochenen Opfer an Gott bei euch durchsetzen möchten? 102 Wer möchte nicht seufzen und weheklagen über eine Stadt, an der eine so seltsame Veränderung vor sich gegangen ist, dass Fremde und Feinde deine Ruchlosigkeiten, o Johannes, wieder wettzumachen bemüht sind, während du selbst, der mit der Milch des Gesetzes genährte Jude, dein Gesetz noch schlimmer tractierst, als ein Heide. 103 Indes würde dir, Johannes, gewiss auch eine reuige Umkehr von deinen Missethaten, selbst in letzter Stunde, keine Schande bringen, und hättest du überdies ein schönes Vorbild, deine Vaterstadt in hochherziger Weise zu retten, an dem König der Juden Jechonias. 104 Als nämlich einst der Babylonier seinetwegen die Stadt mit einem Heere bedrohte, da trat er, bevor noch Jerusalem erstürmt wurde, vor die Stadt hinaus und wollte lieber freiwillig mit seiner Familie sich in die Gefangenschaft begeben, als dass er diese heiligen Räume den Feinden preisgab und das Haus Gottes von ihnen niederbrennen ließ. 105 Darum auch feiert ihn ein in den Augen aller Juden heiliges Wort, und immer frisch quillt durch die Jahrhunderte der Born der Erinnerung, um seinen unsterblichen Namen den kommenden Geschlechtern zu künden. 106 Wahrlich ein herrliches Beispiel, das du nachahmen solltest, Johannes, selbst dann, wenn eine Gefahr dabei wäre! Ich kann dir jedoch auch die Verzeihung von Seite der Römer verbürgen! 107 Vergiss nicht, dass mein Rath der Rath eines Stammesgenossen ist, und dass ich als Jude für mein Versprechen einstehe. Allerdings ist dabei auch der persönliche Charakter des Rathgebers, und woher er damit kömmt, ins Auge zu fassen. Ich will damit sagen, dass ich für meine Person auch nicht eine Stunde in einer Gefangenschaft leben möchte, wo ich meine [443] Nationalität aufgeben und die Sitten meiner Väter vergessen müsste. 108 Schon wieder wirst du grimmig und stoßest Lästerungen gegen mich aus! Doch es geschieht mir ganz recht, und wenn mir selbst noch Aergeres widerführe, da ich entgegen dem Verhängnis noch eine Warnung wage und Leute, die von Gott schon verurtheilt sind, dem Verderben noch entreißen möchte. 109 Wer kennt denn nicht die Aufzeichnungen der alten Propheten und das über die unglückliche Stadt geweissagte Verhängnis, das nunmehr hereinbricht? „Um jene Zeit“, so haben sie es vorausverkündet, „wird Jerusalem eine Beute seiner Feinde werden, wo ein Jude den Juden zu morden anfängt“. 110 Ist aber nicht schon die Stadt und der ganze Tempel mit den Leichen eurer gemordeten Brüder angefüllt? So muss denn nun Gott der Herr, ja Gott selbst die läuternde Flamme durch der Römer Hand auf sein Heiligthum werfen und die von tausend Schandthaten strotzende Stadt mit Stumpf und Stiel ausrotten“.

111 (2.) Soweit hatte Josephus unter Seufzen und Thränen gesprochen: jetzt erstickte heftiges Schluchzen seine Stimme. 112 Während aber selbst die Römer von seinem Jammer ergriffen waren und seine edlen Absichten bewundern mussten, wurden die Anhänger des Johannes dadurch zu noch größerer Kampfeswuth gegen die Römer aufgestachelt, schon aus dem einzigen Grunde, weil sie nur gar zu gern bei einer solchen Gelegenheit auch den Josephus in ihre Gewalt gebracht hätten. 113 Dagegen rief die Rede unter den Vornehmen eine mächtige Bewegung hervor. Allerdings wagten es auch von diesen manche aus Angst vor den Wachposten der Rebellen nicht, die Stadt zu verlassen, so klar ihnen auch ihr eigenes Verderben und das der Stadt vor Augen stand; es gab aber auch andere, die solange passten, bis sie den rechten Augenblick erspäht hatten, um ungefährdet aus der Stadt entweichen und ins römische Lager fliehen zu können. 114 Solche Männer waren die Hohenpriester Josephus und Jesus, wie auch einige Söhne von Hohenpriestern, so die drei Kinder des Ismael, der in Cyrene enthauptet ward, vier Söhne des Matthias und der Sohn eines anderen Matthias, welchen, wie früher erzählt wurde, Simon Gioras sammt drei Kindern hatte hinrichten lassen, und dessen vierter Sohn nun nach dem Tode des Vaters zu den Römern entkommen konnte. Auch viele andere Vornehme schlossen sich ihrem Uebergang zu den Römern an. 115 Der Cäsar nahm sie nicht bloß ganz freundlich auf, sondern gestattete ihnen auch, weil er wusste, dass sie die Berührung mit fremden Sitten nicht gerade angenehm finden würden, sich nach Gophna zu begeben. Dort sollten sie nach seinem Rathe solange bleiben, bis er wieder die Hände vom Kriege frei bekäme, um dann jedem aus ihnen seine Be- [444] sitzungen zurückgeben zu können. 116 Recht gerne zogen sie sich, ohne im geringsten belästigt zu werden, nach dem ihnen geschenkten Städtchen zurück. Das man sie aber jetzt nicht mehr zu Gesichte bekam, so wurde neuerdings, offenbar in der Absicht, um wenigstens neue Ueberläufer einzuschüchtern, das Gerücht ausgesprengt, dass die früheren Ueberläufer von den Römern niedergemetzelt worden seien. 117 Eine Zeitlang verfieng auch die List, geradeso wie früher, indem sich wirklich viele Juden durch dieses Schreckbild vom Uebergang abhalten ließen.

118 (3.) Titus ließ nun die Männer wieder von Gophna zurückholen und befahl ihnen, in Begleitung des Josephus einen Rundgang um die Mauer zu machen, um sich dem Volke zu zeigen. 119 Auf das hin kamen wieder zahlreiche Flüchtlinge zu den Römern. In dichten Gruppen standen dann diese Leute öfter vor dem römischen Lager und flehten unter Jammergeschrei und Thränen die Rebellen an, entweder gleich die ganze Stadt den Römern zu übergeben und ihnen so die liebe Heimat zu erhalten, 120 oder wenn schon das nicht, so doch auf jeden Fall das Heiligthum zu räumen und so wenigstens das Tempelgebäude für die Nation zu retten, da die Römer gewiss nur im äußersten Nothfall es wagen würden, den Tempel niederzubrennen. 121 Diese Bitten reizten aber die Rebellen zu noch heftigerem Widerstreit an, und zur Antwort stellten sie, nachdem sie eine Unmasse von Lästerungen gegen die Ueberläufer ausgestoßen, über den Thoren des Heiligthums die Armbrustgeschütze, die Katapulten und Steinschleudermaschinen auf, so dass sich der Tempelplatz ringsum wegen der Menge der Gefallenen wie ein Leichenacker, der Tempel selbst aber wie eine Festung ausnahm. 122 Sie sprangen in das Heilige und das Allerheiligste mit den Waffen in der Hand, an der noch das warme Blut vom Brudermorde klebte, und sie verstiegen sich in ihrer Ruchlosigkeit soweit, dass jener gerechte Unmuth, der bei den Juden nur zu natürlich gewesen wäre, falls die Römer solch’ maßlose Greuel an ihnen verübt haben würden, jetzt umgekehrt die Römer gegen die Juden erfüllen musste, dass sie so gottlos ihre eigenen Heiligthümer behandeln könnten. 123 Sicherlich gab es Niemand unter den römischen Soldaten, der nicht mit einem ehrfurchtsvollen Schauder von der Ferne auf den Tempel hingeblickt und ihm seine tiefste Verehrung bezeigt hätte, beseelt von dem innigsten Wunsche, dass die Mörderbanden, ehe noch die letzte Katastrophe über das Heiligthum hereingebrochen, in sich gehen möchten.

124 (4.) In größter Entrüstung darüber ließ Titus den Anhängern des Johannes noch den Vorwurf zuschleudern; „Wie? habt denn nicht ihr selbst, ihr Scheusale, dieses Geländer da vor dem Heiligthum aufgestellt? 125 Habt nicht ihr selbst die verschiedenen Säulen daran mit den [445] griechischen und lateinischen Inschriften angebracht, welche da die Ueberschreitung des Gitters allen Ausländern streng untersagen? 126 Und waren es nicht wir, die euch erlaubt haben, alle, die darüber hinausgiengen, ohneweiters zu tödten, auch wenn es ein Römer sein sollte? Wie könnt ihr nun, ihr Schurken, im nämlichen Heiligthum sogar, auf Cadavern herumstampfen? Wie könnt ihr den Tempel selbst mit dem Blute der Ausländer und der Landeskinder beflecken? 127 Ich rufe meine heimischen Götter und den Gott, dessen Auge vielleicht einmal auf diesem Orte geruht – denn jetzt ruht es, wie ich glaube, sicher nicht mehr darauf! – ich rufe auch mein Heer und die Juden im römischen Lager, wie auch euch selbst zu Zeugen an, 128 dass ich euch nicht gezwungen habe, diese Heiligthümer zu schänden. Und wenn ihr den Kampfplatz verleget, so wird kein Römer sich dem Heiligthum nahen oder es gar freventlich entweihen. Ich will euch übrigens den Tempel auch selbst gegen euren Willen zu erhalten trachten.“

129 (5.) Als Josephus diese Worte des Cäsar den Juden übermittelte, hatte der Tyrann und seine Banden dafür nur übermüthige Verachtung, weil sie die Vorschläge nicht als einen Ausfluss der Güte sondern nur der blassen Furcht ansahen. 130 Wie nun Titus bei diesen Männern weder ein Erbarmen mit ihrem eigenen Elend, noch das geringste Gefühl für den Tempel wahrnahm, griff er gegen seinen Willen wieder zum Schwerte. 131 Da man aber unmöglich die gesammte Streitmacht zum Sturme verwenden konnte, indem sie dazu nicht einmal Platz gehabt hätte, suchte Titus aus jeder Centurie die dreißig besten Soldaten aus, theilte je ein Tausend solcher Krieger dem Befehle eines Tribuns zu und stellte den Cerealis als Höchstcommandierenden an die Spitze der ganzen Sturmcolonne, die um die neunte Stunde der Nacht die Wachposten der Juden angreifen sollte. 132 Auch Titus hatte seinen Waffenschmuck angelegt und schickte sich an, unter die Stürmenden hinabzugehen, als seine Freunde es ihm mit Hinweis auf die große Gefahr verwehrten, und auch die Officiere es ihm mit dem Bemerken widerriethen, 133 dass er noch mehr ausrichten dürfte, wenn er auf seinem Platze von der Antonia herab für die Soldaten sozusagen den Kampfrichter mache, als wenn er selbst auf den Kampfplatz hinabsteigen und der Gefahr persönlich die Spitze bieten würde. „Denn vor den Augen des Cäsar“, sagten sie, „wird jeder seinen Mann stellen!“ 134 Der Cäsar fügte sich denn auch diesen Vorstellungen und erließ folgende Proclamation: „Soldaten! Nur darum bleibe ich, wo ich bin, um Schiedsrichter eurer Tapferkeit zu sein, auf dass kein Wackerer bei den Ehrenpreisen übersehen werde, kein Feigling aber ohne Strafe durchkomme. Ich will vielmehr als oberster Rächer und [446] Vergelter auch bei allen Vorgängen Zuschauer und Zeuge sein!“ 135 So ließ er denn um die früher erwähnte Stunde die Sturmcolonne an ihr blutiges Werk gehen, während er selbst auf eine weithin sichtbare Stelle der Antonia hinaustrat und dort in Spannung der kommenden Dinge harrte.

136 (6.) Die zum Sturm beorderten Soldaten überraschten die Wachen keineswegs im Schlafe, wie sie gehofft hatten, sondern die letzteren sprangen sofort unter lautem Geschrei in die Höhe und rangen mit den Römern. Auf das Geschrei der Wachen draußen strömten die übrigen in dichten Schwärmen aus den Innenräumen des Tempels heraus. 137 Während aber die ersten Scharen natürlich mit ihrem ganzen Anprall die Römer treffen mussten, geriethen die folgenden unter die eigene Truppe, so dass viele ihre Freunde für Feinde ansahen. 138 Ein Erkennen an der Stimme machte jedem das von beiden Seiten wirr durcheinander hallende Geschrei, die Unterscheidung mit den Augen aber das nächtliche Dunkel unmöglich. Wuth und Furcht thaten bei dem einen und dem anderen noch das ihrige, die Blindheit zu vergrößern, so dass man nur aufs Gerathewohl auf den erstbesten einhieb. 139 Die Römer dagegen, welche, Schulter an Schulter geschlossen, in wohlgeordneten Reihen vorwärts stürmten, kamen bei dieser Unsicherheit weniger zu Schaden, 140 zumal jeder seine Losung kannte, indes die Juden in einemfort sich theilten und ebenso zügellos vorwärts stürzten, als zurückrannten, und auf solche Weise den eigenen Leuten oft wie Feinde vorkommen mussten: namentlich wer zurücklief, ward von seinen Kameraden regelmäßig wie ein anstürmender Römer empfangen. 141 So wurden noch mehr Juden von ihren Freunden als von ihren Feinden verwundet, bis es endlich Tag ward, und von jetzt an, weil man wieder sah, das Schlachtenbild sich immer besser entwirrte. Freund und Feind standen sich nun wieder in compacten Schlachthaufen gegenüber, und konnte jetzt beiderseits auch ein zielbewusster Angriff mit Wurfgeschossen, wie auch eine ordentliche Abwehr derselben erfolgen. 142 Aber keine Seite wollte weichen, keine Seite erlahmte: bei den Römern suchte es ein Mann dem andern, eine Truppe der anderen zuvorzuthun, begeistert durch den Gedanken, vom Cäsar gesehen zu werden, und jeder Mann glaubte, dass dieser Tag für ihn, wenn er sich brav halten würde, ein Avancement bedeuten müsste. 143 Die Juden dagegen waren bei ihrer tollkühnen Vertheidigung ganz und gar beherrscht von der Furcht vor ihrem und des Tempels Untergang und von dem Auge ihres Tyrannen, der die einen mit ermunterndem Zuruf, andere sogar mit Geißelhieben und Drohungen zum Kampfe trieb. 144 Beide Theile konnten fast immer das Gefecht zum Stehen [447] bringen, und kamen entscheidendere Wendungen vor, so blieben sie eben nur auf einen engeren Raum beschränkt und schlugen auch schnell wieder um. Denn keine Partei konnte weit fliehen, keine die andere weit verfolgen. 145 Je nach der wechselnden Lage hörten die Römer stets von der Antonia her den lauten Zuruf ihrer Freunde: „Muthig vorwärts!“ erscholl es, wenn sie die Oberhand bekamen: „Stehen bleiben!“ wenn sie zurück wollten. 146 Es war wie eine Schlacht auf der Bühne: auch nicht die kleinste Einzelnheit konnte dem Titus und seiner Begleitung von der Schlacht entgehen. 147 Endlich mussten die Kämpfer nach der fünften Tagesstunde und zwar noch in denselben Stellungen, die sie zu Anfang des Gefechtes eingenommen, voneinander lassen, nachdem sie bereits von der neunten Nachtstunde an miteinander gerungen hatten. Keine Partei hatte ihren Gegner zu einem endgiltigen Rückzug gezwungen, sondern beide mussten den Siegespreis nach unentschiedenem Kampfe unberührt auf der Wahlstatt zurücklassen. 148 In den Reihen der Römer hatte sich bei dieser Gelegenheit eine große Zahl von Kriegern hervorgethan; unter den Juden aber Judas, der Sohn des Merton, und Simon, Sohn des Osaias, beide aus der Partei des Simon; aus der Schar der Idumäer aber Jakobus und Simon, der letztere ein Sohn des Kathla, der andere ein Sohn des Sosa; von den Anhängern des Johannes Tephthäus und Alexas, und endlich aus der Zahl der Zeloten Simon, der Sohn des Ari.

149 (7.) Unterdessen hatte die übrige Armee in sieben Tagen die Antonia bis auf den Grund abgetragen und einen breiten Zugang zum Heiligthum hergestellt. 150 Da nun die Legionen damit schon der ersten Umfassungsmauer des Tempels nahe gerückt waren, gieng man an das Aufwerfen von Dämmen. Der erste sollte gerade auf die nordwestliche Ecke des inneren Heiligthums zu, der zweite auf die Ausbuchtung (Exedra) zwischen den zwei (nächsten) Thoren im Norden, 151 von den anderen zwei Dämmen der eine gegen die westliche Säulenhalle des äußeren Tempels, der andere äußere Damm aber gegen die Nordhalle gerichtet werden. Doch schritten die Arbeiten nur unter vielen Mühen und Beschwerden voran, und musste man das Holz aus einer Entfernung von hundert Stadien zusammenbringen. 152 Hie und da kamen die Römer auch durch Ueberfälle zu Schaden, weil mit dem wachsenden Siegesbewusstsein auch die Sorglosigkeit bei ihnen stieg, während sie an den bereits ganz verzweifelten Juden immer tollere Feinde fanden. 153 So z. B. hatten einige Reiter die Gewohnheit, wenn sie um Holz oder zum Fouragieren ausritten, ihre Pferde abzuzäumen und die ganze Zeit über, die sie damit verbrachten, frei auf der Weide zu lassen. Da brach plötzlich ein Haufe Juden hervor und bemäch- [448] tigte sich der Pferde. 154 Da das immer so fortgieng, so glaubte der Cäsar den wiederholten Pferderaub weit mehr der Nachlässigkeit seiner Leute, als einem tapferen Handstreich der Juden zuschreiben zu müssen, worin er auch Recht hatte. Er beschloss daher, ein abschreckendes Beispiel zu statuieren und dadurch die übrigen wieder zu einer schärferen Bewachung ihrer Pferde zu veranlassen, 155 und ließ den nächsten Soldaten, der sein Pferd auf solche Art verlor, zur Richtstätte abführen. Die Wirkung dieser Maßregel war ein großer Schrecken unter den übrigen Soldaten, denen von jetzt an kein Pferd mehr abhanden kam, da man sie nicht mehr frei auf der Weide herumlaufen ließ: im Gegentheil machten die Soldaten jetzt die nöthigen Streifungen nicht anders, als wären Ross und Mann miteinander verwachsen. 156 So nahm nun die Belagerung des Tempels und die Errichtung der Dämme ihren Fortgang.

157 (8.) Einen Tag nach dem Aufmarsch der Legionen versuchten viele Aufrührer, denen die geraubten Vorräthe ausgegangen waren und der Hunger schon arg zusetzte, um die elfte Tagesstunde einen gemeinsamen Angriff auf die römischen Wachen am Oelberg. Da die Römer nach ihrer Voraussetzung gar nichts ahnten und überdies um diese Zeit schon ihre Abenderfrischung hatten, so glaubten die Juden mit dem Durchbruch leichtes Spiel zu haben. 158 Aber die Römer hatten ihr Nahen bei Zeiten bemerkt und liefen schnell von den nächsten Wachstationen zusammen, um die Juden an der Uebersetzung und gewaltsamen Durchbrechung des Mauergürtels zu hindern. 159 Es kam zu einem heftigen Kampf, bei welchem auf beiden Seiten viele Proben von Tapferkeit abgelegt wurden, und die Römer eine mit Kraft gepaarte militärische Erfahrung, die Juden aber eine für Tod und Wunden blinde Kampfeswuth und eine unwiderstehliche Wildheit entwickelten. 160 Die Römer beherrschte die Furcht vor der Schande, die Juden die Furcht vor der bitteren Noth. Während es die Römer für die größte Schmach ansahen, jetzt noch die Juden entkommen zu lassen, wo dieselben, sozusagen, schon in einem ungeheuren Jägernetz eingewickelt waren, hatten die Juden nur einen einzigen Rettungsweg – eine rasche Bresche durch die Mauer! 161 Bei dieser Gelegenheit geschah es auch, dass ein Reitersmann aus den Cohorten, namens Pedanius, als die Juden bereits geworfen waren und eben den Thalabhang hinabgedrängt wurden, querüber mit seinem Pferde in die fliehenden Feinde jagte und im vollen Carrière einen derselben, einen Jüngling von übrigens kräftigem Körperbau, in voller Rüstung an dem Knöchel zu sich emporriß: 162 so weit also hatte sich der Mann über das an dem Juden vorbeigaloppierende Ross hinausbeugen müssen: was für [449] eine Muskelkraft musste in dieser Faust, in diesem Leibe wohnen, und was war das überdies noch für ein Reiterstücklein! 163 Pedanius ritt dann mit seinem Gefangenen schnurstracks zum Cäsar, als trüge er nur ein geraubtes Schatzkästchen in seiner Hand. Titus bezeigte dem Sieger seine aufrichtige Bewunderung wegen seiner Stärke und ließ hierauf den Gefangenen wegen seines Durchbruchversuches mit dem Tode bestrafen. Dann wandte er seine ganze Aufmerksamkeit wieder dem Kampfe um den Tempel zu und betrieb energisch den Bau der Dämme.

164 (9.) Unterdessen hatten die Juden, weil sie von den fortwährenden Zusammenstößen arg mitgenommen wurden, und die Wogen des Kampfes allmählich immer höher brandeten, ja schon den Fuß des Heiligthums bespülten, es so gemacht, wie man es bei einem sich zersetzenden Körper macht: sie hatten die bereits angegriffenen Glieder weggeschnitten, um dem Weiterumsichgreifen des Uebels vorzubeugen. 165 Sie hatten nämlich die Verbindung der Nordhalle mit der Antonia nach Westen hin in Brand gesteckt und dann in einem Abstand von zwanzig Ellen den weiteren Zusammenhang durchbrochen, so dass die Juden also die ersten waren, welche mit eigenen Händen die Brandfackeln an ihr Heiligthum ansetzten. 166 Zwei Tage später, am 24. des vorerwähnten Monates, legten auch die Römer unter die nächste Halle Feuer an, das übrigens nur fünfzehn Ellen weit kam, weil von da an, wie früher, das Gebälk von den Juden eingerissen wurde: die Juden wollten eben auf der einen Seite die Hallen nicht gänzlich preisgeben, aber doch andererseits deren Verbindung mit der Antonia zerstören. 167 Obschon sie also ganz gut die Brandleger in ihrem Beginnen hätten stören können, verhielten sie sich beim Anzünden der Halle vollkommen unthätig, ließen aber dem Feuer nur soweit seine Nahrung, als sie es für nützlich erachteten. 168 Die Kämpfe um den Tempel giengen unterdessen ununterbrochen fort, und beständig machte ein Trupp auf den andern seine Ausfälle.

169 (10.) In jenen Tagen erschien in der Nähe des Denkmals des Hohenpriesters Johannes ein Jude, namens Jonathas, ein Mann von kleiner Statur und nichtigem Aussehen, der auch keine ansehnliche Abstammung oder sonstige hervorragende Eigenschaften besaß, und forderte unter andern kecken Beschimpfungen gegen die Römer den besten Krieger, den sie hätten, zum Zweikampf heraus. 170 Während die meisten der hier stehenden Soldaten den Mann nur mit einem verächtlichen Blicke maßen, einige im Gegentheile, wie es schon so geht, wirklich Furcht vor ihm hatten, hielten sich andere an die nicht unrichtige Erwägung, dass man es mit einem Menschen, welcher [450] absichtlich den Tod sucht, nicht aufnehmen solle. 171 Denn Leute, dachten sie, welche alle Rettung auf Hoffnung aufgegeben haben, pflegen einerseits eine ganz unsinnige Kraft im Kampfe zu entwickeln, wie sie auch andererseits durch ihre erbärmliche Lage die Gottheit zur Hilfe fast herbeinöthigen. Sein Leben aber gegen Leute in die Schanze zu schlagen, deren Ueberwindung keine große Ehre bringe, deren Sieg aber für den Besiegten ebenso schmachvoll, wie verhängnisvoll werde, das sei nicht mehr Tapferkeit, sondern tolle Verwegenheit. 172 Da nun die längste Zeit Niemand ihm entgegentreten wollte, und der Jude, der ein gewaltiger Aufschneider, wie auch Verächter der Römer war, den letzteren mit schneidendem Hohne ihre Feigheit vorhielt, da sprang ein gewöhnlicher Schwadronenreiter, namens Pudens, voll Entrüstung über das Lästermaul und frechen Protz, 173 dessen kleine Gestalt er aber leider auch unvorsichtigerweise unterschätzt zu haben scheint, auf den Juden los und wäre ihm wohl sonst im Ringen Meister geworden, wenn er nicht von seinem bösen Geschick geliefert worden wäre. Er fiel nämlich nieder, worauf Jonathas schnell hinsprang und ihn erstach. 174 Dann stieg er auf den Leichnam, schwang mit der einen Hand das bluttriefende Schwert, mit der linken seinen Schild in die Luft und jauchzte dem römischen Heere die Ohren mit seinem Siegesgesang voll, wobei er prahlend auf den Gefallenen hinwies und die zuschauenden Römer verspottete, 175 bis ihn mitten in seinem Siegestanz und närrischen Geplärre der Centurio Priscus mit einem Pfeile durchschoss. Auf das hin erscholl bei den Römern ein allgemeiner Freudenschrei, gemischt mit dem Wehegeschrei der Juden. 176 Jonathas aber wand sich vor Schmerzen und sank dann auf den Leib seines Gegners nieder, zum warnenden Beispiel, wie schnell im Kriege den die Nemesis ereilt, der nur ein dummes Glück gehabt hat.


Drittes Capitel.
Untergang vieler Römer in den Flammen. Höhepunkt des Hungers: eine Mutter verzehrt ihr Kind. Entrüstung des Titus.

177 (1.) Die Rebellen im Tempel oben ließen es an keiner Anstrengung fehlen, um Tag für Tag die an den Dämmen arbeitenden Römer durch offene Angriffe aufzuhalten; am 27. des vorerwähnten Monates aber bereiteten sie ihnen wieder eine Falle. 178 Das gieng so zu. Sie füllten an der Westhalle den Raum zwischen dem Balkenwerk und dem die Halle abschließenden Dache mit dürrem Holze und außerdem noch mit Asphalt und Pech an, worauf sich die Kämpfer zum Scheine ganz erschöpft aus ihren Stellungen zurückzogen. 179 Kaum war das bei den Römern bemerkt worden, als auch schon viele unbedachtsame Soldaten, [451] von ihrem Ungestüm fortgerissen, hinter den Weichenden her waren, Leitern an die Halle lehnten und auf das Dach derselben hinaufliefen, indes die Klügeren hinter der seltsamen Flucht der Juden eine Falle witterten und ihren Platz nicht verließen. 180 Von den anderen waren aber schon soviele auf die Halle gestiegen, dass das Dach von Römern wimmelte, – und gerade jetzt zündeten die Juden die ganze Dachung von unten an. Plötzlich züngelten von allen Seiten die Flammen empor. Die von der Gefahr nicht berührten Römer standen starr vor ungeheurem Entsetzen, die vom Feuer eingeschlossenen starr vor Verzweiflung. 181 Einige stürzten sich, nachdem ihnen das Feuer jeden Ausweg versperrt hatte, auf der Rückseite gegen die Stadt hinab, andere wieder unter die Feinde. Viele sprangen in der Hoffnung, sich zu retten, unter die Ihrigen hinab und zerschmetterten sich die Glieder. Die meisten aber ereilte das Feuer, ehe sie überhaupt zum Sprunge kommen konnten. Manche stürzten sich früher ins eigene Schwert. 182 Rasch hatte übrigens die weithin sengende Lohe auch jene eingehüllt, die auf der Flucht vor ihr sich schon den Tod geholt hatten. So sehr sich auch der Cäsar über die armen Opfer ärgern musste, weil sie, ohne einen Befehl abzuwarten, hinaufgestiegen waren, so fühlte er dennoch inniges Mitleid mit den Kriegern, 183 die, aller Hilfe beraubt, in ihrem letzten Augenblicke doch wenigstens einen Trost hatten, dass sie eben jenen von Schmerz zerrissen sahen, für den sie ihr Leben aushauchten. Sie konnten nämlich deutlich von oben wahrnehmen, wie Titus zu ihnen hinaufschrie, wie er hinsprang, und dann wieder auf seine Umgebung einredete, soweit es möglich war, Hilfe zu bringen. 184 Mit diesem Schmerzensruf des Cäsar nahm jeder Unglückliche die herrlichste Leichenrede, mit des Cäsars Angst das schönste Andenken mit ins Grab und starb getrost. 185 Einige Soldaten konnten sich übrigens vor den Flammen retten, indem sie sich auf die breite Mauerwand der Halle zurückzogen: dort wurden sie indes von den Juden umringt und nach langer Gegenwehr, mit Wunden über und über bedeckt, zuletzt sammt und sonders niedergemetzelt.

186 (2.) Zuletzt fiel noch ein Jüngling, namens Longus, dessen Heldenmuth selbst dieses grässliche Unglück mit einem versöhnenden Schimmer umgibt, und der unter diesen Wackeren, die eigentlich alle einzeln mit ihren Namen angeführt zu werden verdienten, sich am bravsten gezeigt hat. 187 Da seine herculische Stärke sogar bei den Juden Staunen erweckte, und dieselben ihm auch gar nicht beikommen konnten, so forderten sie ihn auf, sich auf Gnade zu ergeben und zu ihnen hinabzusteigen. Von der anderen Seite schrie ihm aber sein Bruder Cornelius zu, er möge doch ihren ruhmvollen Namen und die römische Fahne nicht [452] entehren. Das war auch sein Leitstern! Vor den Augen der beiden Heere blitzte einen Augenblick sein Schwert auf, dann sank er durchbohrt zu Boden. 188 Aus den durch das Feuer abgeschnittenen Römern rettete sich ein gewisser Artorius auf folgende schlaue Art: Er rief so laut, als er schreien konnte, nach einem Kriegsgefährten und Zeltgenossen, namens Lucius: „Ich hinterlasse dir mein ganzes Vermögen, wenn du herkommst und mich auffängst“. 189 Lucius war gleich bereit und lief zur Stelle, worauf der andere sich auf ihn hinabstürzte und wirklich am Leben blieb, während sein Retter unter der Wucht des stürzenden Kriegers mit solcher Gewalt auf das Steinpflaster hingeschleudert ward, dass er todt am Platze blieb. 190 Diese Schlappe erzeugte bei den Römern allerdings eine vorübergehende Muthlosigkeit, aber verschärfte auch ihre Vorsicht für die Zukunft, und hatte darum in Ansehung der vielen Hinterhalte, in welchen die Römer infolge mangelhafter Orts- und Menschenkenntnis in der Regel zu Schaden kamen, sogar ihr Gutes. 191 Die Halle brannte bis zum Thurme des Johannes nieder, den der Tyrann in seinen Kämpfen mit Simon gerade über die auf den Xystus hinausführenden Thore hin errichtet hatte. Das noch übrige Stück hatten die Juden durch Abhauen des Daches vor dem Brande gerettet, nachdem die Römer, die auf die Hallen gestiegen waren, bereits ihren Tod gefunden hatten. 192 Am nächsten Tage wurde auch die Nordhalle und zwar von den Römern selbst in ihrer ganzen Länge bis zur Osthalle eingeäschert. Der Winkel, welcher beide Hallen verband, erhob sich mit seinem Baue gerade über der Cedronschlucht, also über einer furchtbaren Tiefe. So standen die Dinge im Tempel oben.

193 (3.) Mittlerweile wüthete die Hungersnoth in der Stadt unten fort und mähte eine zahllose Menschenmenge nieder. Dabei spielten sich ganz unsagbare Jammerscenen ab. 194 Kam in einem Hause etwas zum Vorschein, was auch nur von ferne an eine Speise erinnerte, so war auch schon der Kampf fertig, und Personen, die sich sonst über alles theuer waren, gebrauchten jetzt gegeneinander die Fäuste und rauften sich um die jammervollste Zehrung. 195 Selbst Sterbenden traute man nicht, wenn sie betheuerten, dass sie nichts mehr hätten, sondern das Raubgesindel durchsuchte auch solche, denen die Seele schon auf den Lippen stand, weil man dachte, sie könnten doch noch etwas Essbares in der Busenfalte haben und deswegen das Sterben nur simulieren. 196 Den Mund weit offen vor Hungerqual, wie von der Tollwuth befallene Hunde, wankten und schwankten die Banditen an den Häusern dahin, fielen dann wie Betrunkene in die Thüren und liefen, weil sie sich nicht mehr zu rathen und zu helfen wussten, in einer Stunde zwei- oder dreimal in ein und dasselbe Haus. 197 Die Noth steckte ihnen [453] alles unter die Zähne, Dinge, die nicht einmal die unsaubersten Thiere zur Nahrung möchten, wurden gesammelt und auch hinuntergewürgt! Fiel man doch zuletzt selbst über lederne Gürtel und Sohlen her und nagte an den Häuten, die man von den Schilden abgezogen hatte! 198 Manche hatten keine andere Nahrung mehr als alte Grasbüschel, da die Fleischfasern, die einzelne zusammensuchten, schon so theuer waren, dass das kleinste Gewicht zu vier attischen Drachmen verkauft wurde. 199 Was soll ich mich aber noch länger bei leblosen Dingen aufhalten, um die aller Sitte hohnsprechende Tyrannei des Hungers zu beschreiben! Ich will ja nunmehr eine Ausgeburt des Hungers schildern, wie etwas ähnliches weder in der Geschichte der Griechen noch auch der Barbaren sich findet. Die Zunge erschaudert, es auszusprechen, und jeder, der es hört, schüttelt ungläubig den Kopf. 200 Was mich anbelangt, so würde ich gewiss mit Vergnügen auf die Mittheilung des grässlichen Falles verzichtet haben, um ja bei den späteren Geschlechtern nicht in den Verdacht eines Fabelhansen zu kommen, wenn ich nicht unter meinen Zeitgenossen unzählige Zeugen dafür hätte. Ueberdies würde ich mir bei meinem Volke gewiss einen schlechten Dank einlegen, wenn ich für das, was es in Wirklichkeit hat verkosten müssen, nicht einmal ein schwaches Wort der Erinnerung hätte.

201 (4.) Unter der Menge, die aus dem Ostjordanlande nach Jerusalem geflohen war und nun die Belagerung mitmachen musste, befand sich auch eine Frau, namens Maria, die Tochter eines gewissen Eleazar, aus dem Dorfe Bethesob, d. h. Haus des Ysop, die durch den Adel ihrer Geburt, wie durch ihren Reichthum hervorragte. 202 Zunächst wurde nun fast ihre ganze Habe, die sie auf ihren Lastthieren von Peräa nach Jerusalem gebracht hatte, von den Gewaltherrschern als gute Beute erklärt. Was sie davon noch an Kostbarkeiten gerettet hatte, und was sie an Esswaren sich zu verschaffen wusste, das nahmen ihr die Banden derselben, die Tag für Tag bei ihr einbrachen, weg. 203 Ein furchtbarer Grimm überkam die Frau, und gar oft suchte sie absichtlich die Plünderer durch Schmähungen und Verwünschungen gegen sich aufzureizen. 204 Als ihr aber weder im Zorn noch aus Mitleid jemand das Leben nehmen wollte, und sie auch müde wurde, immer nur für andere Lebensmittel ausfindig zu machen, zumal das letztere bereits überall den größten Schwierigkeiten begegnete, der Hunger aber schon in allen ihren Eingeweiden und in ihrem innersten Marke wüthete, da erfasste sie ein Zorn, noch wilder als die verzehrende Glut des Hungers, und Ingrimm und Noth gaben ihr miteinander den nur zu wirksamen Rath, sich selbst an der Natur zu vergreifen. 205 Sie packte ihr Kind, ein Knäblein, das noch die Mutterbrust sog, und sprach: [454] „O unglückliches Geschöpf, im Kriege, in Hungersnoth und Aufruhr geboren, für was von diesen dreien soll ich dich denn aufsparen? 206 Bei den Römern sind wir nur Sclaven, wenn wir schon unter ihren Händen nicht sterben müssen. Der Sclaverei aber droht schon der Hunger zuvorzukommen, und schrecklicher als beide sind unsere Rebellen! 207 Nun wohlan, werde jetzt eine Speise für deine Mutter, ein blutiges Gespenst für die Aufrührer, eine Schreckenssage für die ganze Welt, in der sich das ganze Leidensmeer der Juden erschöpfen soll!“ 208 Mit diesen Worten schlachtet sie ihr Söhnlein, brät es dann und verzehrt davon die Hälfte, den Rest wickelt sie ein, um ihn noch aufzusparen. 209 Gleich waren auch wieder die Rebellen zur Stelle, und wie sie nun den Duft des grässlichen Bratens einschlürften, drohten sie, die Frau augenblicklich niederzustechen, wenn sie nicht mit ihrem angerichteten Mahl herausrücken wollte. „Ich habe euch“, antwortete die Frau, „noch ein schönes Stück aufbehalten!“ Bei diesen Worten nahm sie die Decke von den Ueberbleibseln des Kindes. 210 Schauder und sinnverwirrendes Entsetzen packte die Banditen, und sie standen starr vor Schrecken. Darauf die Frau: „Was hat es? Ists doch nur mein eigen Kind, und nur meine Hand hat das Gericht bereitet! Greift nur zu: auch ich habe schon davon gegessen! 211 Seid doch nicht weichherziger, denn ein Weib, und mitleidiger, als eine Mutter! Habt ihr aber schon ein so fromm’ Gemüth und möget ihr mein Opferlämmlein nicht kosten, mir soll’s recht sein: ich habe schon die eine Hälfte gegessen, und so soll mir auch die andere bleiben!“ 212 Zitternd enteilten die Raubgesellen: es war das erstemal, dass sie zitterten, und nur der äußerste Abscheu zwang sie, diesmal der Mutter ihre Speise zu lassen! Blitzschnell erfüllte die Kunde von dieser abscheulichen That die ganze Stadt, und jedermann erschauerte vor dem blutigen Ereignis, das ihm nicht von der Seele wollte, gerade so, als ob das Ungeheure bei ihm selbst eingekehrt wäre. 213 Die Hungernden hatten von jetzt nur ein Verlangen mehr: „Nur sterben!“ und selig pries man jene, die schon früher hinübergegangen, ehe sie solch’ grauenhaftes Leid hatten hören oder schauen müssen.

214 (5). Rasch verbreitete sich das schreckliche Gerücht auch im römischen Lager, wo es von den einen mit ungläubigem Kopfschütteln, von andern mit Empfindungen des Mitleides aufgenommen ward, während es bei den Meisten nur die Wirkung hatte, den schon vorhandenen Hass gegen die jüdische Nation aufs höchste zu steigern. 215 Der Cäsar lehnte auch diesmal feierlich vor Gott jede Verantwortung für die Unthat ab und erklärte entschieden: „Ich habe den Juden Frieden, Freiheit und alle gemeine Amnestie ihrer Verbrechen angeboten: 216 sie aber haben statt der [455] Einigkeit den Parteikampf, statt des Friedens den Krieg, statt Ueberfluss und Wohlergehen die Hungersnoth gewählt und mit eigener Hand den ersten Feuerbrand in das von uns ängstlich geschonte Heiligthum geschleudert: sie sind wahrhaftig auch solch’ grässlicher Speise wert! 217 Ich will aber dafür sorgen, dass das abscheuliche Verbrechen mit dem Kinderfleisch im Schutte ihrer Vaterstadt begraben wird, und dass auf dem weiten Erdenrund die Sonne eine Stadt nicht mehr finde, wo Mütter von solchem Fleische leben. 218 Doch sollten sich mit einer so schauerlichen Speise statt der Mütter eigentlich die Väter nähren, jene Väter, die nach so entsetzlichen Erfahrungen noch immer in ihrem kriegerischen Trotze verharren“. 219 Mit diesen Worten deutete Titus auch die gänzliche Verzweiflung der Männer an. Denn er musste sich sagen, dass, nachdem diese Leute die ganze Summe von Leiden thatsächlich erschöpft hatten, die durch ihre bloße Möglichkeit schon sie hätten billigermaßen zur Sinnesänderung bewegen müssen, gar keine Hoffnung mehr auf deren Ernüchterung vorhanden sei.

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