In den Parallelen einer belagerten Festung

Textdaten
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Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: In den Parallelen einer belagerten Festung
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aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 733-739
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Zu den Illustrationen siehe den nächsten Artikel von Robert Heck: Am Ziel
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[733]
In den Parallelen einer belagerten Festung.
Von Friedrich Gerstäcker.

Die Leser der Gartenlaube haben gewiß so viel von den Parallelen vor Straßburg, von Glacis, innerer Enceinte, Couronnement, Ravelins, Bastionen, Courtinen, und wie die technischen Ausdrücke praktischer Militärs heißen gehört, daß ihnen als Laien

Gezogene Riesenmörser vor Straßburg.
Nach der Natur aufgenommen am 28. September von R. Heck.

Geschoß 154 Pfund – 10 Pfund Sprengladung. – Gesammtgewicht 164 Pfund. – Pulverladung des Rohrs 8 Pfund. – Sichere Treffweite 4500 Schritt. – Rohrgewicht 6384 Pfund. – Lafette 6 Centner.

der Kopf geschwindelt hat. Ich möchte deshalb ebenfalls als Laie versuchen, ihnen mit kurzen Worten einen Ueberblick solcher Belagerungsarbeiten zu geben, ohne dabei einen für sie unverständlichen Ausdruck zu gebrauchen.

Um an eine Festung hinanzukommen, ohne zu schwer durch die Geschütze derselben wie durch die Flintenkugeln belästigt und geschädigt zu werden, graben sich die Belagerer tiefe Gänge aus, in deren Schutz sie dann allmählich näher rücken, bis ihre Belagerungsgeschütze Bresche, das heißt eine weite Oeffnung, in die Wälle geschossen haben und ein Sturm dann aus unmittelbarer Nähe gewagt werden kann. Das ist der eigentliche Sinn und Zweck der Belagerungsarbeiten. Die Ausführung geschieht sodann folgendermaßen.

Zuerst wird die so oft genannte „erste Parallele“ ausgeworfen, und zwar ein etwa vier bis fünf Fuß tiefer Graben, der mit dem von den Festungswerken beschriebenen Bogen parallel läuft, indem er sie in einem Halbkreis umzieht. Die Erde wirft man natürlich nach der Seite der Festung aus, und dadurch bildet sich eine feste Umwallung, die bei neun bis zehn Fuß Höhe die dahinter befindlichen Soldaten vollkommen gegen jedes Gewehrfeuer, wie auch Geschosse schützt, so lange diese nicht von oben herunter in die Gräben einschlagen.

Hier in der ersten Parallele werden nun schon schwere Geschütze aufgestellt, und es gilt jetzt eine zweite, der Festung näher liegende Parallele herzustellen, das heißt vielleicht hundert Schritte weiter vorzurücken und doch dabei geschützt zu bleiben.

Darin liegt nun die Hauptschwierigkeit, denn die aus der ersten Parallele herauslaufenden Gräben, die sich der Festung jetzt nähern, müssen so eingeschnitten werden, daß man sie von den Wällen aus nicht beschießen kann, also entweder, wenn das Terrain günstig ist, in schräger und dann wieder scharf einbiegender Richtung, wie ein Schiff auf offener See bei ungünstiger Brise gegen den Wind an lavirt, oder auch in ganz kurzen Zickzacks, um dem Gegner so wenig als möglich offenen Graben zu zeigen, bis man die Stelle erreicht, wo die zweite Parallele ausgeworfen werden soll. Dann beginnt der Halbkreisbogen von Neuem; Geschütze [734] werden wieder, sobald er vollendet ist, unter Deckung darin aufgestellt und man ist dem Feinde so viel näher gerückt.

Die zweite Parallele ist natürlich entsprechend kürzer als die erste, die dritte wird noch kürzer. Vor Straßburg waren drei Parallelen und eine halbe Parallele eingegraben, wodurch man sich unmittelbar und mit im Verhältniß nur geringen Verlusten vor den eigentlichen Festungswerken und zwar den vorgeschobenen, in spitzen Winkeln auslaufenden Lünetten 52 und 53 gegenüber befand. Diese waren durch einen breiten Wassergraben geschützt, aber das half ihnen nichts. Der Tapferkeit unserer Truppen, wie unseren ausgezeichneten Ingenieuren gelang es, auch diese Schwierigkeit zu überwinden. Unsere vortreffliche Artillerie räumte die Lünetten, eine Tonnenbrücke wurde mit steter Lebensgefahr der Betheiligten übergeschoben, und jetzt hatten sich die deutschen Truppen in die Festung selber eingebohrt.

Doch alle diese Arbeiten und Kämpfe sind schon, besonders in der „Kölnischen Zeitung“, so ausführlich und von so kundiger Hand beschrieben, daß ich selber nicht wagen möchte, daran zu gehen. Es lag das auch von vornherein nicht in meiner Absicht, und nur den letzten Abend vor der Uebergabe von Straßburg möchte ich den Lesern schildern, den ich selber in den Parallelen verbrachte.

Schon am Nachmittag verließ ich das dicht bei diesen liegende Schiltigheim in Begleitung eines höheren Officiers, der so freundlich war, mich herumzuführen; aber es bedurfte dazu auch noch der ausdrücklichen und schriftlichen Erlaubniß des Obercommandos, die ich mir aber schon an dem Morgen in Mundolsheim selber eingeholt hatte.

Unmittelbar an der von Schiltigheim nach Straßburg und an dem Kirchhof St. Helena vorüberführenden Chaussee begann die erste Parallele; man trat wenigstens hier in dieselbe ein; aber schon lange vorher waren hinter Erdwällen die schweren Belagerungsgeschütze aufgestellt, die wenigstens von Zeit zu Zeit Tag und Nacht hindurch ihre tödtlichen und schmetternden Geschosse gegen die Steinwälle der armen Stadt warfen und die Belagerten dadurch keine Stunde zu Ruhe kommen ließen.

Anfangs, wenn man die Parallele betritt, findet man sich dem Anschein nach allerdings nur in einem ziemlich schmalen Graben, der aus der bedrohten Seite den hohen Wall zeigt, während er fast wie zwecklos von Militär besetzt gehalten wird; aber bald öffnet sich dem Fremden ein ganzes Labyrinth von kleinen hier und dort hin führenden, aber stets gegen das feindliche Feuer so viel wie möglich geschützten Gängen, in denen man sich ohne Führer gar nicht oder doch nur sehr schwer zurechtfinden würde. Man hat dabei auch gar keine Ahnung, wie ausgedehnt diese merkwürdigen Arbeiten den Boden durchziehen, denn sie sollen, wenn die einzelnen Kreuz- und Quergräben gestreckt auslägen, eine Strecke von über sechs deutschen Meilen einnehmen.

Zwischen der ersten und zweiten Parallele liegt die sogenannte Kirchhofscommunication, die sich schräg in die zweite Parallele einzieht, und als ersten Gruß donnerte, anscheinend dicht über uns, ein schweres Geschütz und sandte seinen Granatenwurf der Stadt hinüber. Und wie das knallte, Schlag auf Schlag jetzt, als vor uns die Wallbüchsen, von tüchtigen Schützen bedient, sich auf eine Privatconversation mit den einzelnen Gegnern einließen! Aber vor der Hand nahm dieser Graben vor allen anderen meine Aufmerksamkeit in Anspruch, denn gerade er bot einen gar eigenthümlichen wilden Anblick. Er durchschneidet nämlich vorn den in einem spitzen Dreieck angelegten und eigentlich dicht bei Straßburg angelegten Kirchhof St. Helena, und sonderbar unheimlich sieht es aus, daß sich die Lebenden hier mitten zwischen die Todten hineingewühlt haben, um sich gerade gegen den Tod zu schützen.

Der spitze Winkel des Kirchhofs zeigt nach Straßburg zu und ist durch den quer hindurchführenden Laufgraben durchschnitten. Die Kreuze und steinernen Denkmäler, die im Wege standen, mußten natürlich beseitigt werden; auch einzelne Särge fand man, die aber weiter zurück wieder eingegraben wurden. Doch auch den Belagerten konnten diese Arbeiten nicht entgehen; ihr Feuer richtete sich eine Zeitlang besonders gegen diese offenliegende Höhe – und nicht ganz ohne Erfolg. Eine Menge der noch stehenden Kreuze und Denkmäler zeigen die Spuren dawidergeschlagener Kugeln deutlich genug; einzelne sind zerbrochen oder zerstört, andere total niedergeworfen. Aber was thut das? Mitten hinein in die heilige Stätte der Todten hat sich das rüstige Menschenvolk gebohrt, mitten hindurch, nur um neues Futter für den alten Platz zu bekommen.

Die Aussicht von dem ziemlich hoch liegenden Kirchhof nach Straßburg zu war wunderschön, aber nur ein klein wenig gefährlich, denn man stand dort vollkommen offen und nahe genug zu den feindlichen Wällen, um sich noch im vollen Bereiche ihrer Chassepots zu befinden, mit deren Kugeln sie, wie bekannt, keineswegs haushälterisch umgehen. Es ist aber eine wunderliche Thatsache, daß man sich sehr rasch an deren Pfeifen gewöhnt und bald genug wenig mehr darauf achtet. Scharfschützen haben die Franzosen da drüben nicht, und der, auf den sie wirklich zielen, ist bei dem Schuß viel sicherer als die Nachbarschaft. Ich nahm mir denn auch völlig Zeit, die vor mir liegende Stadt in aller Ruhe mit meinem Doppelglas abzuäugen, und verfolgte dann meinen Weg im Zickzack den Parallelen nachgehend, bis wir uns den letztgenommenen Lünetten 52 und 53 näherten.

Ueberall verdeckt, standen hier Geschütze, die schon ihre Schuldigkeit gethan, aber immer noch beschäftigt waren, die mächtigen Festungsmauern vor uns in Bresche zu legen. Strenge Befehle waren dabei gegeben, nicht mehr muthwillig auf die Stadt oder auf den überdies schon etwas beschädigten Münster zu feuern; aber es ist das mit den Artilleristen eine eigene Sache, und sie sind noch dazu nur äußerst schwer – ja oft gar nicht – zu controliren.

Als wir Toul, das auch eine sehr hübsche Kathedrale besitzt, gleich nach der Uebergabe betraten, begegneten wir einem jungen Unterofficier der Artillerie, dessen Gesicht vor Freude und Stolz glühte, denn seine Kanone hatte ebenfalls mit dazu beigetragen, die Stadt zu so rascher Uebergabe zu zwingen. Mein Begleiter damals – ein Artilleriehauptmann – unterhielt sich eine kleine Weile mit ihm und lobte ihr Schießen, denn die Festungswerke in Toul hatten wir schon umgangen und dort die Genauigkeit bewundert, mit welcher die Truppen ihre Kartätschen auf die einzelnen Geschütze des Feindes dirigirt hatten.

„Ihr habt vortrefflich geschossen, Leute!“

„Ja,“ sagte der Unterofficier und seine Augen leuchteten, „aber wir haben auch gute Geschütze – die Kathedrale habe ich auf den Punkt getroffen, wohin ich zielte.“

„So? Aber soviel ich weiß, ist Euch doch verboten gewesen, gerade auf die Kathedrale zu schießen.“

„Hm – ja,“ sagte der junge Mann und wurde, halb verlegen, doch ein wenig roth; „aber man will doch auch manchmal sehen, wohin man trifft und ob man seiner Kugel sicher ist.“

Es ist eben nicht anders. Die Artilleristen betrachten derartige hervorragende und leicht erkennbare Punkte als Probescheiben nach denen sie, ohne sich etwas Uebles dabei zu denken, dann und wann eine Kugel absenden, und man darf da nicht gleich von Vandalismus reden. Nach dem Münster in Straßburg mußte übrigens schon deshalb einige Male gefeuert werden, weil sich der Feind da oben ein ganz bequemes Observatorium eingerichtet hatte, von dem er die angelegten Laufgräben wie die Arbeiten darin beobachte, also auch schwer gefährden konnte, und Menschenleben hat dieser traurige Krieg schon leider zu viel gekostet.

Der Münster ist allerdings in etwas beschädigt worden, aber nicht so viel, als daß es jetzt nicht mit leichter Mühe und deutschen Kräften wieder hergestellt werden könnte, und wo es galt, die viel werthvolleren Menschenleben zu schützen, konnten ein paar Verzierungen an einem noch so alten, ehrwürdigen Bauwerk wahrlich nicht in Betracht kommen.

Jetzt erreichten wir den Graben vor Zweiundfünfzig und Dreiundfünfzig, der damals mit so ausgezeichneter Bravour, alle Schwierigkeiten und Gefahren überwindend, genommen war, und hier einen insofern etwas gefährdeten Punkt, als die weite offene und nicht ganz verdeckte Fläche dem Feinde einen trefflichen Zielpunkt geboten hätte. Die Gefahr war allerdings dadurch etwas gemindert, daß unsere Truppen eine rohe Schutzwand von einfachen Brettern errichtet hatten. Diese hielten nun allerdings die Chassepotkugeln nicht ab, durchzudringen und Schaden genug dahinter anzurichten, aber sie verdeckten doch wenigstens die sich dort hin und her bewegenden Gruppen und Gestalten, und nur die Warnung: „Wir müssen hier ein wenig schneller gehen“ machte mich auf den exponirten Platz aufmerksam.

Und hier, nachdem wir die Stelle überschritten, begann das eigentliche Leben der Laufgräben in aller seiner Romantik und [735] auch Gefahr. Piff – paff – knallten die Schüsse aller Orten und Enden, und als ich aufsah, ragten von jedem erhöhten Punkt aus die Zündnadelflinten mit aufgesteckten Bajonneten oder die Wallbüchsen heraus, Tod und Verderben Jedem bringend, der sich da drüben über den Wällen zeigte.

Es war ein malerischer Anblick. Ueberall an den neun und oft zehn Fuß hohen Erdwällen hingen die Schützen, Fußhalt suchend, wo sie ihn eben finden konnten. Der obere Rand solcher Stellen war dann mit Sandsäcken gedeckt, das heißt kleine Sandsäcke, etwa zwei Fuß lang und im Verhältniß dick, waren dort so zusammengelegt, daß sie oben auf dem aufgeworfenen Damme eine Art von Schießscharte bildeten, um den dahinter lagernden Posten soviel als möglich gegen die Kugeln der Chassepots zu schützen. Durch die gelassene Oeffnung aber hatten unsere deutschen Soldaten ihre Gewehre gesteckt und lagen dort im Anschlag, bis sie den Kopf eines Feindes über den Schanzen dort drüben erkennen konnten. Sie dachten gar nicht daran, einen Schuß ohne Ziel abzugeben, während die Franzosen dagegen förmliche Bleiminen in endlosen Salven herüberschickten. Es ist wahr, dann und wann trafen sie allerdings einen der Unseren, aber doch nie eher, als bis sie sein Gewicht in Eisen oder Blei herübergesandt.

Besonders gefährlich in diesem kleinen Vorpostenkriege waren übrigens die Wallbüchsen, nach einer ganz eigenen Construction. Es sind Büchsen mit einem Laufe wie unsere sogenannten Standbüchsen, die eine Kugel wie ein in die Länge gezogenes Ei von über vier Loth schossen, statt des Kolbens aber eine wie ausgebogene Feder hatten, die, elastisch, gegen die Schulter gelehnt wurde, und dadurch den Rückschlag bedeutend mildern mußte.

Gerade vor uns lag einer der Schützen im Anschlag, und sein blitzendes Auge, der scharfspähende Blick verrieth, daß er da drüben einen Feind erspäht und auf dem Korn habe. Jetzt eine rasche, aber leise Bewegung – die ganze Gestalt blieb einen Moment wie aus Stein gehauen – ein Blitz plötzlich – ein Schlag und ein triumphirendes Lächeln glitt über die sonnengebrannten Züge des Mannes.

„Trefft Ihr denn auch manchmal?“ frug den Einen mein freundlicher Führer, der Oberstlieutenant von der Osten-Sacken.

„Ei gewiß,“ lachte der Mann, „vorhin zeigte sich so eine Rothhose ganz keck oben auf dem Wall, der habe ich aber gleich eins hinübergeschickt, daß sie vornüber herunterkugelte.“

Wenn der Feind die fast fünflöthige Kugel bekommen hatte, war’s kein Wunder.

Wir waren durch ein bombenfestes Mauerwerk, die frühere Lünette der Straßburger Befestigungswerke, geschritten und erreichten den Wall, als ein Soldat auf den Oberstlieutenant zugestürzt kam und ihm meldete, es hätten sich da drüben auf dem Walle französische Soldaten gezeigt. und gewinkt, als ob sie herüber zu uns kommen wollten. Ein Unterofficier mit zwei Mann sei dann hinübergesprungen, um sie in einem Nachen zu holen. Da hätten sie Feuer vom Feinde bekommen, zwei von ihnen wären nicht mehr zu sehen und lägen wohl da drüben todt oder verwundet, Einer aber sei da hinüber in den sogenannten „todten Winkel“ geflohen und halte sich jetzt verdeckt. Was jetzt thun? sie holen oder bis Dunkelwerden liegen lassen?

Der Oberstlieutenant war unschlüssig. Er konnte keine Leute dazu commandiren, ihr eigenes Leben auf’s Spiel zu setzen, um zwei vielleicht schon tödtlich verwundete Cameraden hereinzuschaffen.

„Wir werden bis Abend warten müssen,“ sagte er, und es fehlte allerdings kaum noch eine Stunde daran; „denn wenn die Canaillen da draußen wieder Feuer geben, büßen wir noch mehr Leute ein und erreichen unsern Zweck dann gar nicht.“

Wir Alle waren an der Verschanzung hinausgesprungen und entdeckten jetzt in dem einen und gegen die Kugeln des Feindes vor der Hand allerdings geschützten Winkel die Gestalt des einen Soldaten, der sich aber auch zurückzog und hinter einem Erdaufwurfe verschwand. Sicher war er aber dort auch nicht, denn um die Laufgräben und deren Schutz zu erreichen, mußte er erst wieder über den hohen Wall, wo er den Kugeln völlig preisgegeben blieb.

Peinliche Minuten vergingen. Von den Verwundeten ließ sich nichts erkennen. Sie waren entweder in den Graben gerollt oder hatten dessen momentane Deckung selber gesucht. Der Vorschlag wurde gemacht, unter dem Schutze der weißen Flagge mit dem rothen Kreuze die Gefallenen hereinzuholen, aber würden die Feinde diese respectiren? – gingen doch Gerüchte genug, daß sie sogar auf Ambulancen und Verwundete geschossen, und war es glaublich, daß sie sich hier würden eine Gelegenheit entgehen lassen, ihre Kugeln auf die abzufeuern, die ihnen noch vor Minuten kaum mit der gefährlichen Zündnadel gegenüber gestanden? Der Oberstlieutenant mochte die Verantwortung nicht übernehmen, als plötzlich der Eine von den Dreien, der Unterofficier, der sich mit einem kecken Entschlusse über den Wall geschwungen, in den Trancheen erschien und jetzt bestimmt erklärte, er wolle wieder hinausgehen und die Cameraden holen, denn er denke gar nicht daran, sie im Stiche zu lassen. Einer der anderen Soldaten, ein Mann von etwa vierundzwanzig Jahren, der sich schon oft durch kühne Streiche ausgezeichnet haben soll, erbot sich augenblicklich, ihn zu begleiten, und eine weiße Flagge wurde rasch herbeigeschafft, um der kühnen That den einzigen Schutz zu geben, den man ihr für den Augenblick geben konnte.

Aber „Feuer einstellen auf der ganzen Linie“ lief jetzt der rasch gegebene Befehl entlang. Den Nächststehenden konnte er auch mitgetheilt werden, doch in diesem Gewirr von Schanzen war es nicht möglich, die ganze im Zickzack liegende Linie mit dem bekannt zu machen, was im Werke war. Einzelne Schüsse fielen noch von da und dort; der wackere Unterofficier und sein Begleiter, deren Namen aber von dem Commandirenden notirt wurden, ließen sich selbst dadurch nicht aufhalten Die weiße Flagge mit dem rothen Kreuze hoch in der Hand sprangen sie hinaus – der nächste Augenblick konnte eine tödtliche Salve auf sie lenken, und nicht einmal ihre Gewehre hatten sie mitgenommen aber sie zögerten auch keinen Moment und eilten unerschrocken der Stelle zu, wo sie die Verwundeten wußten.

Es waren peinliche Minuten. Von dem Walle aus konnten wir jetzt wohl noch die auswehende Fahne, aber Nichts von den Leuten selber bemerken die sich unbeschützt dem Feinde gegenüber befanden doch von drüben kam kein Schuß – die Fahne mit dem rothen Kreuze wurde vom Feinde geachtet, und etwa zehn Minuten später erreichten die unerschrockenen wackeren Männer mit den Geretteten wieder den Schutz der Brustwehren Dadurch schien aber eine Art von Waffenstillstand zwischen diesen beiden feindlichen Posten eingetreten zu sein. Es war als ob die Unserigen sich scheuten, wieder auf Leute zu schießen, die eben noch erst ihre Cameraden geschont hatten, und auch von drüben fiel, so lange ich mich dort befand, kein Schuß – das menschliche Gefühl hatte für den Augenblick die Oberhand gewonnen.

Die Nachbarschanze übrigens, die von der kleinen Zwischenscene Nichts gesehen, ließ sich in ihrem Feuern nicht stören

Bei uns war es still geworden – auf einer Bahre trugen die Pioniere die Verwundeten vorüber, und einen scheuen Blick warf die Besatzung auf die Getroffenen, wie sich der kleine Zug langsam durch die Schanzgräben wand. Konnte ja doch auch schon in der nächsten Stunde, ja im nächsten Augenblick, ihr Loos das nämliche sein.

Diese Tragbahren sind überhaupt ein sehr fatales memento mori in den Schanzen denn sie lehnen überall, da man nie wissen kann, wann oder wo sie gebraucht werden. Hier draußen kann der Tod jeden Einzelnen im Nu abrufen. Keiner ist sicher, denn wenn man sich auch nothdürftig gegen Chassepotkugeln schützen kann, eine Granate oder ein Bombensplitter schleudert ihre eisernen Bruchtheile überall hin und in jeden Winkel.

Arme Teufel, wie blaß und still sie aussahen, als sie da vorübergetragen wurden und nun das aufregende Leben in den Schanzen, mit dem Schmerzenslager im Lazareth vertauschen mußten – und doch verdankten sie es jetzt gerade dem Feinde, daß sie nicht gezwungen waren, noch Stunden lang da draußen zu liegen, und rasch an einen Ort geschafft werden konnten, an dem sie wenigstens jede nöthige Pflege fanden.

Es ist viel darüber geschrieben, daß die Franzosen die Sanitätsflagge nicht respectirten und oft sogar auf Ambulancen und Verbandplätze gefeuert hätten, aber ich kann mir nicht denken, daß es absichtlich geschehen sein soll. Thatsache ist allerdings, daß viele französische Soldaten die Bedeutung der Flagge mit dem rothen Kreuz gar nicht kannten, und hier tragen die Führer der französischen Armeen die Schuld, aber daß eine Verletzung der Genfer Convention absichtlich und mit bösem Willen begangen wäre, ist doch wohl noch nirgends constatirt worden, und wird es auch hoffentlich nicht.

Wir wandten uns der nächsten Schanze zu, von wo man [736] Straßburg, und besonders den Münster, ganz deutlich vor sich hatte, und hier wurde wieder von beiden Seiten scharf herüber und hinüber geschossen. Die Sandsäcke dienen da zu Observationsplätzen, schützen aber auch nicht in allen Fällen, denn auf diese Entfernung schlägt eine Chassepotkugel, wenn sie den Sack nicht gerade im Centrum trifft, ebenfalls durch. So war am vorigen Tage ein Soldat gerade vor die Stirn getroffen, und zwar hatte die Kugel erst den Sandsack etwas tief, durchbohrt und dann den Mützenschirm getroffen, dadurch aber glücklicher Weise nur noch Kraft genug behalten, den Getroffenen hintenüber zu werfen, der diesmal mit einem Tag Kopfschmerzen davon kam.

Welch ein eigenthümlicher Anblick das war, sich so dicht, ja fast unmittelbar vor der belagerten Stadt zu wissen, während die schweren Sprenggeschosse über unseren Köpfen hin- und herflogen, und Wallbüchsen- wie Zündnadelkugeln die Privatconversation zwischen den feindlichen Posten unterhielten! Und da drüben die

Die Lunetten 52 und 53 vor Straßburg.
Nach der Natur vom Thurm des Münsters aus aufgenommen von R. Heck.

I Erster Wall. – II Zweiter Wall. – III Steinthor. – IV Steinstraße. – V Klosterweg (Verbindung des zweiten Walls mit Lunette 53) – Nr. 52 und 53 Die beiden Lunetten. – VI Dritter (äußerster) Wall. – VII Dritte Parallele. – VIII Zweite Parallele. – IX Erste Parallele. – 17 Laufgräben. – X Verbindungsgruben zwischen Schiltigheim und Königshofen. – XI Rotunde der Eisenbahn. – XII Schiltigheim. – XIII Nonnenkloster, Sanitätsspital. – XIV Kirchhof St. Helena. – XV Landstraße nach Hagenau. – XVI Bahn nach Paris.

belagerte Stadt! Der Münster lag so nahe, daß ihn jede Zündnadelkugel mit Bequemlichkeit hätte erreichen, ja einen bestimmten Punkt hätte treffen können – die beschädigten Stellen an der äußern Steinhauerarbeit waren deutlich sichtbar, aus dem Dachstuhl ragten nur noch einzelne Sparren empor –, und die Häuser dazwischen! – Großer Gott! da sah man freilich nur noch einzelne ausgebrannte Mauern stehen, Schutthaufen und Ueberreste friedlicher Gebäude, die Spuren von Fenstern, welche den Platz anzeigten, wo früher glückliche friedliche Menschen gewohnt.

Festungen! – Es hatte früher und in vergangenen Jahrhunderten einen Sinn, als friedlicher Bürger in eine Festung zu ziehen, um gegen die Vorfahren unserer „edeln Geschlechter“ geschützt zu sein, die als Raubritter die Welt durchzogen und besonders die Landstraßen unsicher machten. Damals und mit den schlechten und einfachen Geschützen bot eine starke Mauer hinlänglichen Schutz gegen die herumlungernden hochadeligen Wegelagerer, und der Kaufmann wußte in solchen befestigten Plätzen seine Güter sicher und unangreifbar. Wie aber hat sich das schon in jetziger Zeit geändert, und wie wird es sich noch ändern, wo man auf gar nichts weiter sinnt, als die Mordwerkzeuge und Geschütze derartig zu verbessern, daß ein Widerstand dagegen fast gar nicht mehr möglich ist! Ich gebe zu, daß es für die Besatzung einer Festung in Friedenszeiten außerordentlich angenehm ist, Theater, geselligen Verkehr, Bibliotheken, Kunstschätze, zoologische Gärten und alle dergleichen Dinge, die der Bürgerstand anschafft und unterhält, haben und benutzen zu können, aber wer schützt das Alles bei einem ausbrechenden Kriege und bei einer Belagerung? Kein Mensch. Die Vergnügungsorte und schattigen Spaziergänge werden erbarmungslos rasirt, die Gebäude den feindlichen Bomben und Granaten preisgegeben, und die Privathäuser, Theater, Bibliotheken, Clubs und sonstige Vergnügungs- und Erholungsorte, wenn irgend möglich, von dem Feind in Brand oder in Trümmer geschossen.

Nein! – Ich gebe zu, daß Festungen als Waffenplätze und Depôts von Munition und Lebensmitteln noch ebenso nöthig sind als in früheren Jahrhunderten, aber dann soll man auch nur rein militärische Stationen aus ihnen machen, und kein friedlicher Bürger hat unter den jetzigen Verhältnissen etwas in ihren Mauern zu thun oder zu suchen. Langweilt sich die Besatzung in der Zwischenzeit, so ist das ihre Sache, aber mit der Verbesserung, ja man könnte sagen der Vervollkommnung der Geschütze und Mordgeschosse handelt eine Regierung wahrhaft gewissenlos, wenn sie den ruhigen Bürger zwischen ihre Geschütze einkeilt, und von ihm verlangt, seinen Wohnort an solchen gefährdeten Stellen zu nehmen. Nehmen wir Köln! Die ganze deutsche Nation hat beigesteuert, um den prachtvollen und herrlichen Dom aufzubauen, und denken wir uns, daß ein französisches Heer gegen die alte Stadt vorgedrungen wäre und sie beschossen hätte. Der Commandant würde so wenig an eine Uebergabe gedacht haben, wie Bazaine in Metz daran denkt, oder wie Uhrich, der Commandant

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Das Steinthor in Straßburg, am Tage der Uebergabe.
Nach der Natur aufgenommen von R. Heck.

[738] von Straßburg, daran dachte, und wie wäre dies Kunstwerk, das dem ganzen Deutschland gehört, dann von französischen Kugeln mißhandelt und zerstückelt worden! Nein, die Verhältnisse haben sich in jetziger Zeit total geändert – Festungen sind nicht mehr das, was sie sein sollen, und für was sie von Anfang an bestimmt waren, denn man kann sie wohl noch eine Zeit lang vertheidigen, aber ihre Insassen nicht mehr schützen. Müssen Festungen bestehen – und daran zweifelt Niemand –, dann soll man sie abgesondert von friedlichen Wohnungen anlegen. Der Commandant wird dann auch nie in die peinliche Lage kommen, zwischen seiner Pflicht und seinem menschlichen Gefühl zu schwanken – er darf seine Mauern bis auf den letzten.Stein vertheidigen, ohne daß das Wimmern von Frauen und Kindern zu ihm dringt, und selbst die Vertheidiger entmannt. In früheren Jahrhunderten genügte, wie gesagt, eine starke Mauer, um einen Platz fest zu machen und den damals unvollkommenen Geschützen Trotz zu bieten; jetzt ist das nicht mehr der Fall. Unsere Geschütze werfen Kugeln und Sprenggeschosse in ganz unglaubliche Entfernungen, ja werden noch immer verbessert, so daß der frühere Schutz, den die Festungen gewährten, in das gerade Gegentheil umgeschlagen ist. Bei jedem ausbrechenden Kriege sind gerade die in einer Festung Wohnenden am allermeisten gefährdet, und wir werden es in allernächster Zeit in Frankreich erleben, daß Paris z. B. keine größere Thorheit begehen konnte, als sich mit Forts und Wällen zu umgeben.

Wir befanden uns hier am äußersten Ende der auf dieser Stelle ausgeführten Gräben, und ich konnte dort genau beobachten, wie sich die Leute immer weiter in den Boden hineinwühlten, um der bedrohten Stadt näher und näher zu rücken. Der Laufgraben zog sich nach links in die Höhe und auf offenen und hohen Boden hinaus, aber gebückt standen hier zwei Mann mit Schaufeln, gruben aus Leibeskräften, und warfen dann die Erde stets rechts hinauf, wodurch sie mit jedem Spatenstich die Grube tiefer machten und den Wall zugleich erhöhten. Allerdings entgingen diese vorgeschobenen Arbeitspunkte dem Feinde nicht, und er richtete mit Vorliebe sein Chassepotfeuer darauf, aber es zeigte sich auch kein Kopf über der Umwallung, und langsam doch sicher rückten die Erdarbeiten solcher Art vor.

Von diesen Vorschanzen aus hatte man übrigens einen vortrefflichen Ueberblick über Straßburg, aber es war ein weit mehr wehmüthiges als erhebendes Gefühl, die arme mißhandelte Stadt da drüben zu beobachten. Ununterbrochen zischten dabei die Bomben und Granaten hinüber und zeigten durch den aufsteigenden Dampf und Staub, wie sicher sie gezielt gewesen und wie unfehlbar sie stets explodirten. Uebrigens unterhielt der Feind, hinten von seinen Wällen vor, auch ein sehr lebhaftes Feuer gerade auf diesen Punkt, ohne daß er jedoch vielen Schaden angerichtet hätte. Einzelne Verwundungen kamen aber trotzdem vor, und wirklich sicher durfte man sich nirgends fühlen.

Eine Stunde hatten wir etwa an diesen Stellen zugebracht, und ich konnte mich in der Zeit wahrlich nicht satt sehen an den malerischen Gestalten unserer wackeren Soldaten, wie sie da, jeden Punkt an der schrägen Wand benutzend um ihr Gewehr aufzulegen, hingen, und nie auf das Gerathewohl ihren Schuß hinausfeuerten, wie es die Franzosen unausgesetzt thaten, sondern immer erst ihr Ziel zu fassen suchten. Als wir zurückgingen und dicht vor den Lunetten den durch die Planke nur scheinbar geschützten Graben wieder passirten, lag Blut im Weg.

„Ist Jemand getroffen?“

„Mann durch den Kopf geschossen – haben ihn eben weggetragen!“ und mahnend zischten dabei ein paar Chassepotkugeln über unsere Köpfe weg.

Jetzt wurde die Ablösung vorgenommen. Die jetzige Wache hatte vierundzwanzig Stunden in den Laufgräben zugebracht und zog sich nun an den neu Einrückenden hin durch die engen Gänge hinaus, um einen wenigstens etwas sicherern Posten zu beziehen. Die Geschütze donnerten dabei ununterbrochen fort, und unaufhörlich rasselten Bomben hoch durch die Luft den schon zusammengeschossenen Mauerwerken zu. So lange es dabei hell war, gehörte ein gutes Auge dazu, den matten Nebelstreifen zu erkennen, den sie da oben am blauen Himmel zogen, aber die Sonne neigte sich mehr und mehr zum Horizont, und ich war fest entschlossen, den Abend hier in den Laufgräben abzuwarten; Bis dahin war auch aus Straßburg selber heraus wenig mit schwerem Geschütz gefeuert worden. Es schien fast, als ob sie dort nicht so sehr mit schwerer Munition versehen wären. Wie es aber dunkel wurde, begann von dort das Feuer, und der Grund wurde mir bald erklärt. In der Dunkelheit versahen unsere Truppen nämlich ihre Geschütze mit Munition – Wagen auf Wagen folgte dabei der Chaussee, und auf den jetzt trockenen und harten Wegen hörte man das Rasseln derselben auf weite Entfernung. Die Wagen fuhren aber auch in scharfem Trab, denn sie wußten recht gut, daß die Belagerten sofort ihr Feuer darauf richteten, und daß die Führer der Transporte die Zeit abzukürzen wünschten, in der sie sich auf der offenen, den Kugeln völlig ausgesetzten Landstraße befanden, läßt sich denken – und jetzt wurde der Anblick wahrhaft wundervoll. Nicht mehr ungesehen sausten die Bomben, mit einem Geräusch, das fast selber einem rollenden Wagen glich, durch die Luft, sondern der glühende Zünder daran bezeichnete die Bahn, die sie nahmen, mit einem Feuerstreif, und zugleich konnte man dabei deutlich die wirbelnde Drehung erkennen. Sie kamen aus jenen furchtbaren Geschützen, den gezogenen Mörsern, von denen zwei – ich glaube die ersten, die je bei einer Belagerung verwandt wurden – in Gebrauch waren.

Und wie das jetzt knatterte, knallte, zischte und brummte! Chassepotkugeln machten ein Geräusch, als ob man sich vor einem Bienenschwarm befände, und es verging sicher keine Minute, in der man nicht acht oder zehn vorüber pfeifen hörte. Gingen sie ziemlich hoch, so verrieth ein länger anhaltendes Pfeifen die Bahn, die sie nahmen; fuhren sie dicht und unmittelbar über die Wallgräben fort, so war es mit einem kurzen, scharfen „sst“ abgethan. Zu verführerisch blieb es dabei, dem Flug, den die feuerausstrahlenden Bomben nahmen, mit den Augen zu folgen und zu beobachten, wo sie einschlugen, aber man mußte zu diesem Zweck den vollen Kopf über der Brustwehr zeigen, und Obrist-Lieutenant v. Osten-Sacken wollte endlich nicht mehr dulden, daß ich oben blieb.

Shrapnels und Granaten kreuzten sich dabei unaufhörlich, aber das unheimlichste Geräusch von Allem machten die zurückfahrenden Bombensplitter, die, an dem Wall zersprungen, theilweise wieder über die Laufgräben sausten. Es war ein tief brummender, modulirender Schall, wie gerade der Wind in die ungleichen Stücken griff, diese aber wurden um so gefährlicher, als die von ihnen genommene Richtung unberechenbar blieb. Seitwärts, schräg, gerade zurück dröhnten sie, bald da, bald dorthin, und wo sie dann zufällig einschlagen, bereiten sie unrettbar Verderben.

Die Besatzung der Laufgräben selber durfte sich aber nicht unnöthiger Weise exponiren, obgleich sie sich lange an das Kugelpfeifen gewöhnt hatte und es wenig genug beachtete. Nur ein Doppelposten stand an jeder vorspringenden Ecke, den Kopf, so gut es eben gehen wollte, durch Sandsäcke geschützt, und wachsam umherspähend, ob der Feind nicht doch etwa, im Dunkel der Nacht, einen Ausfall versuchen sollte. Er hätte, wenigstens wenn er unbemerkt ankam, bösen Schaden anrichten können. Die Belagerten schienen aber doch zu etwas Derartigem die Lust verloren zu haben und nicht daran zu denken, ihre wenn auch zerschossenen Mauern zu verlassen. Das Feuer von der Stadt aus wurde allerdings, je deutlicher das Rollen der Munitionscolonnen gehört werden konnte, desto heftiger, und die Chassepot-Schützen hatten – wie das ja auch schon selbst im offenen Feld beobachtet ist – Körbe mit Patronen neben sich stehen, in die sie nur zum Laden hineingriffen, um die ganze Nachbarschaft mit Blei zu bestreuen. Es ist unglaublich, welch’ rasende Munition die Franzosen in diesem Krieg vergeudet haben.

Unter dem Kugelpfeifen hatten wir es uns indessen ganz gemüthlich gemacht, und zwar vor einer Ecke, in welcher starke Balken einen ziemlich engen Schlafraum überdeckten und ihn dadurch wenigstens gegen ausschlagende Granaten oder Bombensplitter schützten. Einer vollen Bombe würden sie jedoch kaum gewachsen gewesen sein. Hier tranken wir vor allen Dingen einen heißen Kaffee, den der Bursche des Obristlieutenants gebracht, verzehrten ein delicates kaltes Huhn, und setzten dann einen tüchtigen Cognac darauf. Die Herren lebten hier überhaupt gar nicht schlecht, da ihnen Deutschland so nahe lag, und sie von dort rascher und leichter mit Vorräthen versehen werden konnten, als die armen Teufel, die weit ab in ihren oft versteckten und zerstreuten Bivouacs lagen. Und wie schmeckte das, während uns Freund wie Feind dabei mit einem brillanten Feuerwerk versorgte! Es ist wahr, die Unterhaltung stockte manchmal, wenn ein grober Bombensplitter mit dumpfem Baßton angebrummt kam, und man lauschte dann wohl vorsichtig [739] für etwa zehn Secunden der Richtung, die er nahm, und ob er nicht gekommen sei, gerade hier einzuschlagen – aber der war auch im Nu vergessen, und auf das Pfeifen der Chassepotkugeln achtete Niemand mehr. Sie kamen zu dick und verloren dadurch an Interesse.

Die Unterhaltung drehte sich allerdings ausschließlich um die Gegenwart, also die Belagerung der Stadt – aber auch hier hörte ich die Behauptung, der ich schon bei vielen anderen Ingenieurofficieren begegnet war, daß sich die Veste höchstens noch fünf Tage – wenn so lange – halten könne. Man hatte vor einigen Tagen zufällig vor Nr. 52 eine Schleuße entdeckt und war, ohne einen Augenblick zu versäumen, darangegangen, sie zu unterminiren; denn so nahe standen wir schon dem Feinde, daß man sich ihm auf andere Weise nicht nähern konnte. Diese Schleuße sollte am nächsten Mittag gesprengt werden und man hoffte, dadurch das Wasser in dem letzten Festungsgraben so zu verringern, daß ein Sturm nachher gewagt werden konnte. Niemand dachte natürlich daran, wie schon wahrscheinlich in diesem nämlichen Augenblick in Straßburg selber die Uebergabe, die am nächsten Abend denn auch wirklich stattfand, discutirt wurde.

Und wie das nun, während wir so in unserer Deckung saßen und plauderten, prasselte und krachte, wie das knallte, blitzte und zischte und durch die Luft flog in sausendem Feuerbogen; aber deshalb schmeckt der Cognac nicht schlechter. Ja – es war möglich, daß im nächsten Moment schon eine ungeschickte Granate oder Bombe mitten zwischen uns hineinschlug und Tod und Verderben rings verbreitete, aber vor der Hand gingen die Geschosse noch alle über uns hin, oder trafen auch wohl hie und da mit dumpfem Schall die weiche Erde der Außenwerke – und jetzt hatten es die Leute auch hier, wenn nicht gerade Einer von einer Kugel getroffen wurde, verhältnißmäßig gut, denn die schon länger anhaltende Trockenheit bot ihnen wenigstens eine trockene Bahn und ein eben solches Lager. Furchtbar aber soll der Aufenthalt in diesen Gräben gewesen sein, als der Regen noch unablässig herabströmte und den ganzen Boden in einen flüssigen Schlamm verwandelte, in dem man, bis an die Kniee einsinkend, herumwaten mußte. Noch jetzt gab es Stellen in den Laufgräben, wo man auf der elastischen, oben aber trocken und hart gewordenen Kruste fühlte, daß man auf weichem Schlamm ging, und ganz entsetzlich muß in dieser nassen Zeit der Aufenthalt hier gewesen sein, denn an ein Ausweichen oder Umgehen der Schmutzstellen war ja nicht zu denken.

Es war spät am Abend, als ich die Parallelen wieder verließ, aber ein Soldat mußte mich durch das Labyrinth derselben hindurchführen, wenn ich nicht lange Stunden brauchen wollte, mich hinauszufinden. Für Schrecken durfte übrigens Niemand empfindlich sein, der hier hindurch ging, denn ein paar Mal geschah es, daß ein Geschütz, von unten verdeckt und deshalb nicht sichtbar, ganz plötzlich und unmittelbar über unseren Köpfen abgefeuert wurde – aber man gewöhnt sich ja an Alles, warum nicht auch an das Knallen!

Sobald ich die Chaussee endlich erreichte, bekam ich wieder einen ziemlichen Ueberblick über Straßburg – rechts davon glühte noch ein Brand aus einem der Dörfer, den ich schon am vorigen Abend bemerkt hatte, und deutlich ließ sich auch von den Wällen das da und dort aufblitzende Geschützfeuer erkennen. Sicher war man auch hier keineswegs, denn Bomben und Granaten hatten schon häufig das noch vor mir liegende Schiltigheim erreicht, und auf der Chaussee selber wäre ich beinahe gefallen, weil ich in ein von einer Bombe aufgewühltes Loch gerieth.

Die ganze Nacht hindurch feuerten noch unsere, wie die feindlichen Geschütze mit vollem Ingrimm gegeneinander, als ob die Festung an gar keine Uebergabe denke, und doch wehte am nächsten Nachmittag um fünf Uhr schon die weiße Fahne vom alten Münster, und Straßburg – war wieder eine deutsche Stadt!