Textdaten
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Autor: Benno Rauchenegger
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Titel: Hirschjagden im Hochgebirge
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 31, S. 516–520
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Hirschjagden im Hochgebirge.


Die Mühseligkeiten und Gefahren, mit denen der passionirte Gemsenjäger unter Umständen zu kämpfen hat, umgeben diesen Zweig der waidmännischen Beschäftigung mit einem Nimbus der Romantik und des Heldenthums, der zwar in manchen Fällen seine Berechtigung hat, aber im Allgemeinen fast zu viel Aufmerksamkeit für sich beansprucht und dadurch verschiedenen anderen Vorgängen auf dem Gebiete der Bergjagd, die äußerst interessant sind, den Platz in der Chronik des alpinen Lebens verkümmert, den sie verdienen.

In den Bergen des baierischen Hochlandes nimmt neben der Gemse ein anderes edles Thier, der Hirsch, eine hervorragende Stelle ein, und das Herz des Jägers fühlt sich zur Jagd auf diesen königlichen Recken vielleicht mehr angezogen, als zum Pürschgang auf die Gemse.

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Aufbringung eines Berghirsches aus der „Zwing“.
Originalzeichnung von Gustav Sundblad.

[518] Soweit die Tanne reicht, also bis zu sehr ansehnlicher Höhe, dehnt der Berghirsch seine Wanderungen aus und kommt eben so selten in die Niederung, wie die scheue Gemse. Die dominirende Gewalt der alpinen Natur, welche allen lebenden Wesen in ihrem Bereiche das Merkmal ihrer Eigenheit verleiht, hat auch den Berghirsch mit einer Fülle von Eigenschaften ausgestattet, die ihn weit über seines Gleichen in der Ebene erheben. Hervorragend an Größe, zeichnet er sich durch besondere Kraft und Behendigkeit aus und mancher sonst erfahrene Jäger hat zugestanden, daß ihn beim erstmaligen Anblicke eines solchen herrlichen Thieres eine Aufregung befallen habe, die ihn zum Werke völlig unfähig machte.

Wenn der Berghirsch durch das Dickicht bricht, aufgescheucht von menschlichen Wesen oder im Zornesmuthe der beleidigten Hoheit, dann schallt es und kracht es im Walde, als ob der Sturm durch die Büsche zöge, und prasselnd zersplittern die Zweige am Gehörne des ungestümen Flüchtlings. Wenn im Herbste die Natur seine Triebe mächtig erregt, dann durchtönt ein gewaltiges Brüllen die Schluchten der Berge, und gar oft hört man das Getöse des wilden Kampfes zweier Nebenbuhler bis weit in’s Thal herab. Mit welcher Erbitterung derartige Angelegenheiten ausgefochten werden, ist zur Genüge bekannt; ist es doch schon mehrere Male vorgekommen, daß zwei kämpfende Hirsche sich mit den Geweihen so in einander verstrickten, daß sie unmöglich mehr aus einander konnten und dadurch ihr beiderseitiger Untergang herbeigeführt wurde.

In den Bergen des Algäu kommt diese Gattung Hirsche noch sehr häufig vor, in einzelnen Revieren sogar in solcher Zahl, daß in einer Saison oft Hunderte abgeschossen werden müssen, um den empfindlichen Wildschaden etwas herabzumindern. Die außergewöhnliche Kraft und Abhärtung macht dem Berghirsche das Ueberwintern leichter; denn er ist nicht allein zu größeren Wanderungen befähigt, sondern vermag auch eher zu einer Nahrung zu gelangen, die für das übrige Rothwild unerreichbar ist; besonders wählerisch ist allerdings der Edle nicht. Es kam z. B. im vergangenen Winter in der Hindelanger Gegend vor, daß Hirsche den gewaltigen Düngerhaufen eines ziemlich hochgelegenen Gehöftes bis auf das letzte Atom vollständig aufgefressen haben. Der jüngeren Generation muß bei sehr strengen Wintern durch Füttern etwas nachgeholfen werden; an solchen Stellen versammeln sich dann ganze Rudel „Wildpret“, wie man diese Familie schlechtweg dort zu Lande bezeichnet, und harren stundenlang geduldig, bis die Barmherzigkeit des Jägers etwas Heu zur Stelle schafft; in gewöhnlichen Zeiten begnügt sich letzterer, ein paar Rothtannen fällen zu lassen, die mit Rinde, Sprossen und Nadeln für viele Tage Nahrung geben. Geht endlich der Schnee fort, dann sehen freilich die Thiere sehr herabgekommen aus, allein in einigen Wochen haben sie sich wieder erholt und durchstreifen, von Kraft und Uebermuth strotzend, auf’s Neue die Wälder.

Die Herbsttreibjagden sind für den Hirsch am gefährlichsten; fast jeder Tag bringt ein paar der gewaltigen erlegten Burschen in die Thalstätten herab, wo sie vom Wildhändler erwartet werden. Mit einer gewöhnlichen Holzsäge wird dann das Geweih sammt einem handbreiten Stück der Hirnschale vom Kopfe abgetrennt, und das Stück selbst wandert entweder ganz oder zerwirkt nach seinem Bestimmungsorte, zumeist in die größeren Bäder der Schweiz, um den Gaumen der wildpretlüsternen Touristen zu laben. Der Wildexport nach der Schweiz ist ein außerordentlicher, und von dem Städtchen Immenstadt gehen hunderte von Centnern über den Bodensee, um die Schweizerküche mit landesüblichen Producten zu versehen.

Die Einzeljagd auf den Hirsch hat so wenig Gefahren im Gefolge wie die Gemsjagd, wenn der Jäger nicht selbst in seinem Eifer durch Nichtbeachtung des Terrains eine bedenkliche Situation herbeiführt. Am schwierigsten ist es in solchen Fällen meistens, das geschossene Stück zu holen, da das waidwunde Thier, von Kraft und Instinct verlassen, gewöhnlich ohne Wahl geraden Weges sich zur Flucht wendet und daher leicht in Schluchten und Abgründe stürzt, die schwer zugänglich sind.

Ein höchst interessanter derartiger Fall hat sich im letzten Winter in der Oberstdorfer Gegend, hart an der Vorarlberg’schen Grenze, zugetragen. Ein Oberstdorfer Jäger war so glücklich, einen prächtigen Hirsch aufzuspüren, der hart an der Grenze wechselte und dem deshalb mit um so größerem Eifer nachgestellt wurde. Das Terrain ist dort jedoch so eigenartig, daß es einer vorhergehenden Beschreibung desselben bedarf, um dem Nachfolgenden den Charakter des Außerordentlichen zu sichern. Unmittelbar vor dem Eingang in das kleine Walserthal liegt eine der wildesten Schluchten, die im deutschen Hochlande existiren. Jahrtausende hindurch mögen die von den umliegenden bedeutenden Höhen sich sammelnden Wassermassen mit der ganzen Wucht ihrer elementaren Kraft gekämpft haben, bis es ihnen möglich geworden ist, die ungeheuren Felswände zu durchbrechen, zwischen denen sich jetzt in schwindelnder Tiefe ein Gebirgsstrom brüllend und schäumend durchzwängt, und dieses gewaltige Bild der vorweltlichen Revolutionen hat der Gebirgsbewohner nicht mit Unrecht „die Zwing“ benannt. Ein kleiner, schmaler Steg führt über die schaurige Schlucht, und wenn man von dort weg in die grausige Tiefe blickt, drängt sich uns das Blut zum Gehirn und eine unnennbare Macht zwingt uns, vom Geländer der kleinen Brücke weit zurückzurücken, da der Anblick des Abgrundes zu überwältigend ist, als daß Jemand, der an denselben nicht gewöhnt ist, mit Kaltblütigkeit in die Kluft hinabzusehen vermöchte. Die Felswände fallen in eine Tiefe von weit über siebzig Meter thatsächlich senkrecht bis zum schäumenden Wasserspiegel ab, und kein Strauch, kaum ein Moosfleckchen, giebt dem irrenden Auge einen Halt, wenn es über die feuchten grauen Steinwände hinabgleitet in ein gespenstiges Dunkel, aus dem nur der helle Gischt des wüthenden Stromes heraufleuchtet, wie der zornige Blick eines in dämonischer Umgarnung sich windenden Riesen. Die beiden Felswände liegen in einer Entfernung von höchstens einigen Metern von einander da, und es trägt diese Enge der Schlucht ungemein viel dazu bei, den schaurigen Eindruck zu erhöhen. Wirft man einen Stein oder ein Stück Holz in die Tiefe, so hört man in immer weiterer Entfernung das Anschlagen des Körpers an die Felsen, und nach erheblicher Pause folgt endlich das prasselnde Zerstieben auf dem Gestein oder der dumpfe Fall in den Strom. Oft schleudert das Hochwasser große Tannen in die Zwing; nach wenigen Minuten sind sie aller Aeste und Wurzeln beraubt, und der fußdicke Stamm erscheint, von oben gesehen, wie ein erbärmlicher Prügel von einigen Centimeter Dicke. Was Wunder, wenn die Volkssage hier böse Dämonen hausen läßt, ja die Zwing bis zu einen gewisse Grade sogar mit der Unterwelt identificirt, indem sie einen reichen, aber gewissenlosen Walser Käsehändler, auf einer Käsekiste sitzend, in der Tiefe geistern und jammernd auf Erlösung harren läßt.

Im Winter sieht es hier womöglich noch fürchterlicher aus; die ungeheuren Felswände sind mit einer dicken, grünlich schimmernden Eisdecke überzogen, und an den hervorragenderen Stellen bilden sich ungeheure Eiszapfen, die wie Krystallsäulen zur Tiefe streben, während ein nebelgleicher Dunst bei strenger Kälte das Gewässer verbirgt und den Abschluß des eigenartigen Gemäldes noch geheimnißvoller gestaltet. Auf der rechten Seite dieser Schlucht, die überall von Tannenwald umgeben ist, erhebt sich eine gleichfalls senkrechte Felswand ungefähr vierzig bis fünfzig Meter hoch, und auf der Höhe dieses Aufbaues, der mit Nadelholz reichlich bewachsen ist, kam der obenerwähnte Jäger zum Schusse auf den lange verfolgten Hirsch.

Auf einem anderen Platze wäre das Wild eine sichere Beute des Jägers gewesen, denn in Folge der empfangenen Wunde mußte der Hirsch nothwendiger Weise nach kurzer Flucht verenden. Der Hirsch brach auf den Schuß hin zusammen, raffte sich jedoch gleich wieder auf, schlug eine andere Richtung ein, machte ein paar gewaltige Sätze – dann war Alles todtenstill – der Hirsch blieb verschwunden. Da es bereits dunkelte, war es zu gewagt auf diesem Punkte der Fährte des Flüchtlings zu folgen, und am nächsten Tage war dieselbe von fußhohem, neu gefallenem Schnee gänzlich verdeckt. Man suchte alles ab, fand nirgends eine Spur, und nun konnte so ziemlich sicher angenommen werden, daß der Hirsch in die „Zwing“ gefallen sei.

Das Ereigniß war in der Umgegend schnell bekannt; Jagd- und Abenteuerlust, sowie Freude an halsbrecherischen Unternehmungen sind bei den Bergbewohnern durchaus nicht in Abnahme gerathen, und so ist es leicht erklärlich, daß man die Möglichkeit, den Hirsch zu finden und etwa gar zu holen, bald in den Wirthsstuben besprach. Ein junger Oberförster war der Erste, welcher sich daran machte, in Begleitung von einigen [519] Freunden das Wild zu suchen. Er ließ sich an verschiedenen Plätzen an einem Seile fast bis zum Wasserspiegel hinab und durchforschte die ganze Zwing, bis er endlich fast am Ausgange derselben den Hirsch auf einer theilweise noch vom Wasser bespülten Felsplatte auf der linken Seite der Schlucht liegen sah. Leider war gerade diese Seite die am schwersten zugängliche, und der Gedanke, das verendete Thier heraufbringen zu können, wurde sogar von den erfahrensten Bergsteigern als unausführbar verworfen. Gerade diese angenommene Unmöglichkeit scheint aber einen so mächtigen Reiz auf den Unternehmungsgeist der Kühnsten unter den Bergmenschen ausgeübt zu haben, daß die Sache nicht aufgegeben wurde, sondern die Zutageförderung des Hirsches nunmehr als ein Ziel des höchsten Ehrgeizes erschien.

Nach ein paar Tagen meldete sich bei dem königlichen Förster ein Ortsbewohner des nahe liegenden Dorfes Tiefenbach, welcher sich erbot gegen eine Entschädigung von fünfundzwanzig Gulden den Hirsch aus der Zwing zu holen. Diese Bedingung wurde angenommen, und der Unternehmer Namens Seraphim Schoell, ein Mann nahe den Fünfzigern, machte sich daran, die Expedition auszurüsten.

Schoell selbst ist eine Erscheinung, wie man sie sogar in diesem Theile des Gebirges nur noch in einzelnen Exemplaren findet. Ein ungeheures Knochengerüst, überzogen mit Sehnen und Muskeln wie von Stahl und bedeckt mit einer fast „lohgaren“ Haut ohne eine Spur von Fett und Fleisch, läßt zwar auf Kraft und Ausdauer, aber nicht auf den hohen Grad von Gewandtheit und Sicherheit schließen, den der kühne Bergsteiger besitzt. Wenn man aber in das Gesicht desselben blickt und die scharfgebogene Nase sowie die tiefliegenden blitzenden Augen betrachtet, dann begegnet man einem so ausgeprägten Kennzeichen der Energie, daß man an der Ausführung keines Vorsatzes dieses Mannes mehr zweifelt.

Derselbe wählte zu seinem Unternehmen noch neun Männer aus, von denen einer, Namens Speiser, ihn in die Tiefe begleiten sollte, die anderen aber zum Halten der Ablaßseile bestimmt waren. Die zu solchen Zwecken verwendeten Seile sind zwar nicht dick, aber sehr sorgfältig und von bestem Materiale gearbeitet, sodaß ein Zerreißen derselben ohne mechanische äußere Einwirkung nicht leicht vorkommt; man nennt diese Art Seile gemeinhin „Krieg-Seile“ (von dem Zeitwort „kriegen“ abgeleitet).

Zwei Tage vor Weihnachten begab sich die Zwing-Expedition an Ort und Stelle. Der einzige zum Werke passende Platz war aber so beschaffen, daß gewiß jedem Techniker die Lust vergangen wäre, nach den Regeln der Kunst und Wissenschaft die nöthigen Dispositionen zu treffen. Ein paar dicht über dem Rande des Abgrundes ineinander gewachsene Föhren bildeten den Hauptanhaltspunkt für die beabsichtigte Operation. Das Terrain, auf welchem die Hülfstruppen vertheilt werden mußten, war höchstens anderthalb Meter breit und dazu sehr abschüssig; da wurden nun die acht Nothhelfer nebeneinander aufgestellt, um die beiden Männer auf- und abzuziehen. Jeder unter ihnen mußte nun vor allen Dingen darauf bedacht sein, sich auf dem schneebedeckten, hartgefrorenen Boden einen möglichst sichern Standpunkt zu suchen, da das unbedeutendste Ausgleiten, einige Fuß von der Schlucht entfernt, für Alle verderbenbringend werden konnte; jede Bewegung mußte berechnet und mit Sicherheit ausgeführt werden.

Zuerst bereitete sich der Adjutant Schoell’s, der erwähnte Speiser, zur frostigen Höllenfahrt vor. An das Ende des Seils wurde ein breiter Lederriemen, dem Zuggeschirre eines Pferdes entnommen, derart befestigt, daß er eine Schlinge bildete, in welche sich der Mann hineinsetzte; um die Oberschenkel und den Leib liefen Stricke, mit denen er an das Seil befestigt wurde, denn da das Seil beim Hinablassen sich beständig dreht, so liegt die Möglichkeit sehr nahe, daß den Betreffenden ein kaum zu vermeidender Schwindel in einen Zustand der Passivität versetzt, der ohne die äußersten Vorsichtsmaßregeln unbedingt verderbenbringend wäre.

Speiser war festgemacht; nochmals wurden alle Knoten untersucht; die Männer am Rande der Schlucht zogen das Seil straff an, und Speiser rutschte langsam dem gähnenden Schlunde zu. Jetzt löste sich ein Theil der Schneefläche los und fiel zerstäubend in die Tiefe, und nun hing der Kühne zwischen Himmel und Erde. Langsam ging’s abwärts; oftmals legte sich der Führer der Expedition oben dicht am äußersten Rande der Zwing auf den Bauch, um den Niedergang des immer kleiner werdenden Körpers zu beobachten. Kein Wort wurde gesprochen; die am Seile Beschäftigten blickten nur auf die Hand ihres Führers, um das Zeichen zum Stillhalten oder langsam Ablassen abzunehmen. Nach einer langen Zeit – das Ablassen hatte mit den nöthigen Pausen beinahe eine halbe Stunde in Anspruch genommen – erscholl aus der Tiefe ein schwacher Laut. Das Seil lockerte sich, und die oben Stehenden hatten die Gewißheit, daß der Reisende glücklich angelangt sei. Man ließ nun ein zweites Seil hinab, um den Hirsch daran heraufziehen zu können, und harrte ruhig der Entwickelung der Dinge.

Der Mann in der Unterwelt hatte aber keine leichte Arbeit. Wohl lag dicht vor ihm der getödtete Hirsch, welcher auf der einen Seite schon mit einer mehrere Zoll dicken Eisdecke überzogen war, allein zwischen ihm und dem Gegenstande seiner Thätigkeit brauste der Wildstrom; nirgends hatte er den geringsten Halt an den eisbedeckten Wänden, und von oben her drohte eine furchtbare Gefahr, die man vorher wohl nicht in Erwägung gezogen hatte. Von den Wänden herab hingen nämlich in der sonderbarsten Aufeinanderthürmung riesenhafte Eiszapfen, die sich jeden Augenblick loslösen konnten und mit ihrer Wucht den unten Stehenden dann in Atome zerschmettern mußten; an ein Ausweichen in diesem Falle war natürlich nicht zu denken. Eine ebenso unerwartete Schwierigkeit mußten diese Eisgebilde beim Hinaufziehen des Hirsches bereiten. Nach ungeheuerer Anstrengung und stundenlangen Versuchen gelang es dem unermüdlichen Manne endlich, die Hinterläufe des Hirsches zu erreichen und durch die Hacksen ein Seil zu ziehen, so daß sein Zweck als erreicht angesehen werden konnte. Er gab das Zeichen zum Aufziehen und verließ den Platz, nachdem er zwei und eine halbe Stunde unten in der Zwing, theilweise im Wasser stehend, verbracht hatte. Langsam ging es aufwärts, und mit der größten Vorsicht mußte er laviren, um den drohenden Eisklippen zu entgehen; endlich kam er halberfroren bei seinen Gefährten an und erstattete Bericht, nachdem der landesübliche Enzianer die eingeschlafenen Lebensgeister wieder aufgeweckt hatte. Nun galt es, den Hirsch heraufzubringen, aber das war nicht möglich, ohne daß Jemand die Leitung der Last von unten übernahm, was eine ungleich schwierigere Sache war.

Nun machte sich Schoell selbst an’s Werk und trat die Fahrt in die Schlucht an. Er verfehlte jedoch nicht, beim Abwärtsgleiten mit den Füßen so viele Eiszapfen wie möglich wegzustoßen, und war deshalb in beständig schaukelnder Bewegung; daß dieses Manöver die Bedenklichkeit seiner Lage wesentlich erhöhte, bedarf keiner Auseinandersetzung; im Hinblick darauf war es nöthig, die Vorsichtsmaßregeln oben zu erhöhen. Endlich war alles in Ordnung, und nun mußte man mit dem Aufziehen der doppelten, ja man darf sagen der vierfachen Last – denn der Hirsch wog ehrliche drei Centner – beginnen. Anfangs ging es leidlich; Schoell wußte durch alle möglichen Wendungen die so schwer erkaufte Beute über bedeutende Hindernisse, als da waren Felsvorsprünge, Eiszapfen und Eisspalten, wegzubugsiren; allein, schon beinahe am Ende des Weges angelangt, verhängte sich der Hirsch derart, daß es unmöglich war, denselben weiter zu bringen. Alle Anstrengungen der oben Ziehenden und alle Bemühungen Schoell’s waren fruchtlos. Zudem durfte Schoell nicht wagen, seine riesige Kraft voll in Anwendung zu bringen, da die ungeheuere Spannung wahrscheinlich ein Zerreißen der zur Befestigung verwendeten Seile zur Folge gehabt hätte. Nur eine Gewichtsverringerung konnte die Calamität heben. Schoell besaß Geistesgegenwart und Kaltblüthigkeit genug, einen Ausweg zu finden. Durch Zeichen nach oben sich verständlich machend, dirigirte er seine Fahrt so, daß er ganz nahe zum Körper des Hirsches kam; hier zog er sein Messer und fing in dieser Situation an, den Hirsch aufzubrechen und kunstgerecht auszuweiden.

Das war wahrlich ein Stück Arbeit, um das ihn sicherlich kein Jäger beneidet hätte, und schwerlich dürfte der Fall je einmal sich ereignet haben, daß diese wichtige waidmännische Handlung an solchem Orte und unter solchen Umständen vorgenommen worden ist. Wer zu ermessen vermag, welcher Kraftaufwand und welche Geschicklichkeit dazu gehören, ein Thier von [520] der Größe eines Rindes, dazu halb gefroren frei in der Luft hängend zu öffnen und auszunehmen, mag dabei nur noch beherzigen, daß das Aufgehen eines einzigen Knotens für den daran Hängenden ein unabwendbares Todesurtheil bedeutet hätte, und er wird zugeben, daß der Fall einzig in seiner Art und werth ist, der alpinen Jagdchronik einverleibt zu werden.

Nachdem der Aufbruch entfernt war, gelang es dem Manne, den Hirsch über das Hinderniß wegzubringen, und langsam kamen Hirsch und Wagehals an die Oberfläche. Nun war die kühne That vollbracht; die Felswände hallten von dem Jauchzen der fröhlichen Männer wieder, und langsam löste sich eine große Eismasse vom oberen Theile der Schlucht und fiel krachend in die Tiefe. Zwar war es kein leichtes Stück Arbeit, das gewaltige Thier über den schmalen Felsvorsprung weg noch ungefähr eine Viertelstunde weit auf einem Wege zu schleifen, den nicht jeder Bergbesteiger begehen möchte, doch das war nach solchen Vorgängen eine Sache von untergeordneter Bedeutung. Bald kam man an eine gefahrlose Stelle; dort wurde der so mühsam zu Tage geförderte Hirsch auf einen Ziehschlitten, einen sogenannten Horner, gelegt und mit Tannenreis geschmückt. Nun ging’s im Triumphe nach Oberstdorf hinunter. Die Kunde vom Gelingen des Unternehmens ging wie ein Lauffeuer durch die Ortschaft; haufenweise eilte man den verwegenen Zwing-Erforschern entgegen und Schoell mit seiner Schaar war unbestritten der Held des Tages.

Man wird nun noch billiger Weise fragen: Wie mag wohl der Hirsch ausgesehen haben nach einem so unerhörten Sturze? Das ist das Wunderbarste an der Sache: der Hirsch war fast gar nicht verletzt, die Decke kaum ein wenig geschunden, und vom Geweihe war lediglich die rechte Augenzinke abgebrochen; das Fleisch war frisch, ausgenommen an den Stellen des Anschusses, und die Zwinghelden verzehrten am Weihnachtsvorabende hochvergnügt einen sogenannten „Sarazener“, bereitet aus der Leber des Hirsches.
B. Rauchenegger.