Textdaten
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Titel: Herman Schmid
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aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 255
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
siehe auch: Hermann von Schmid
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[255] Herman Schmid. Allen Lesern der Gartenlaube ist Herman Schmid ein Lieblingserzähler geworden, und gewiß, er verdient diese Gunst durch das künstlerische Streben und die streng ästhetisch sittliche Durcharbeitung seiner Stoffe, die ihm sicher auch für die Zukunft einen bleibenden Platz in der deutschen Literatur sichern werden. Wie andere Zeitschriften von ihm urtheilen, beweist u. a. die in München erscheinende „Süddeutsche Presse“, die sich in Nr. 28 d. J. folgendermaßen über ihn äußert:

„Schmid strebt nicht blos merkwürdige Begebenheiten zu bringen und durch sie eine müßige Neugier zu reizen, er ist überall sichtlich bemüht, das Ereigniß, welches er erzählt, ob es nun in hohen oder niedrigen Kreisen spielt, zu einem ästhetisch gebauten, sich gehörig vorbereitenden, verwickelnden und lösenden Menschengeschick zu vertiefen und auszubreiten, aus welchem wie aus einem reinen Spiegel ungesucht und ungewollt dem Beschauer ein Bild allgemeiner Menschlichkeit mit lebenswahren Zügen entgegentritt. Er verschmäht den Effect keineswegs, viel mehr läßt sich in den Anlagen hie und da die auf solchen gerichtete Absicht sehr deutlich erkennen, aber er ist immer untergeordnet und wird als Mittel zum Zweck benützt, ohne selbst Zweck zu sein. Schmid ist, was man unter Malern einen guten Coloristen nennen würde, aber er läßt darüber weder die Richtigkeit und Schönheit der Ausführung und Zeichnung noch die Correctheit der Composition Schaden leiden. In dieser glücklichen Verbindung zweier Factoren (abgesehen von dem den Leser fesselnden Gemüthsleben des Verfassers) ist wohl auch die Erklärung zu suchen, warum Herman Schmid’s Erzählungen sich so rasch und allgemein Bahn gebrochen haben. Wie nämlich die niedrigen Classen von Erzählern mit grellem Farbenauftrag und verrenkter Zeichnung der gröber organisirten Menge huldigen, haben einige höhere den Weg des entgegengesetzten Extrems betreten. Sie wollen von Wirkung, Spannung u. dergl. nichts hören, verwerfen, das Kind mit dem Bade verschüttend, alles dahin Abzielende als unkünstlerisch und unwürdig und wollen, daß das feinere Publicum, das sie im Auge haben, sich durch Reflexionen und geistreiche Conversation für den Mangel an Handlung und Charakteristik entschädigt finde. Sie wollen, wie Goethe im Wilhelm Meister seine Philine so treffend sagen läßt, versuchen, ob es nicht angehe, „sich am Eise zu wärmen“. Die Wahrheit liegt wohl wie überall auch hier in der Mitte, und diese Wahrheit ist es, welcher Schmid in seinen Erzählungen offenbar nachstrebt, indem er anziehenden Stoff mit anziehender Form verbindet und dadurch beim Gebildeten ebenso Berührungspunkte findet wie bei dem schlichten Mann im Volke. Dabei unterstützt ihn ein seltenes Schilderungstalent, vermöge dessen es ihm nicht nur gelingt, die eingeflochtenen Naturbilder anschaulich schön darzustellen, sondern auch die Menschen wahr und so wiederzugeben, daß man sie vor sich zu sehen glaubt. Insbesondere Charaktere und Art der baierischen Bergbewohner weiß Schmid mit seltener Treue zu schildern. – Dem Stoffe nach greift unser Dichter bald zu den einfachsten Culturverhältnissen, bald auch zu geschichtlich merkwürdigen Begebenheiten und Charakteren. Die bis jetzt vorliegenden Lieferungen seiner gesammelten Schriften enthalten die dem Bauernleben entnommenen Erzählungen „die Huberbäuerin“ und „Unverhofft“ – von denen die erstere einen düsteren Charakter hat und eine reiche schöne Bäuerin schildert, welche im Uebermuth zur Verbrecherin und zum Hauptmann einer Räuberbande geworden – die letztere giebt die anmuthige Geschichte eines hochmüthigen Mädchens, das „unverhofft“ einen Buckligen zum Manne nimmt. An geschichtlichen Stoffen findet sich „das Todtengesicht“, die unheimliche Geschichte eines adeligen Ingolstädter Studenten, der eine unselige Neugier durch ein bitteres entsagungsvolles Leben büßt, und „der Schütz von der Pertisau“, das Ende des letzten der selbständigen Tiroler Herzoge, des edlen Franz Sigismund, behandelnd. Das dritte hat den Bürgeraufstand und die Sendlinger Mordweihnacht von München mit dem patriotischen Jägerwirth und seiner Tochter als Anführer zum ergreifenden Gegenstand. Wenn wir nicht irren, ist diese Erzählung im Auftrage König Max des Zweiten geschrieben, der gern, wie er sich ausdrückte, einen „baierischen Walter Scott“ gehabt hätte und ihn in Herman Schmid gefunden glaubte. Schließlich darf nicht unbemerkt bleiben, daß die sämmtlichen bis jetzt vorliegenden Geschichten gegenüber ihrer ersten Gestalt vielfach in Stil und Darstellung die nachträglich mit Sorgfalt glättende Hand verrathen, daß sich Aenderungen selbst in den Motiven vorfinden und daß die Sammlung auch neue, weiteren Kreisen unbekannt gebliebene Erzählungen Herman Schmid’s bringen wird.“