Textdaten
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Autor: Bn.
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Titel: Hat er Talent?
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aus: Die Gartenlaube, Heft 35, S. 585, 596
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[585]

Hat er Talent?
Nach einem Gemälde von H. Nigg.

[596] Hat er Talent? (Zu dem Bilde S. 585.) Hat er Talent ... oder gehört er zu jenen Unglücklichen, welche durch falschen Trieb und allzu eifrige Familienbewunderung auf den Irrweg der Kunst verlockt werden, um dann statt der geträumten glänzenden Laufbahn Noth und Bitterkeit einer verfehlteu Existenz zu finden? Wir wollen das nicht hoffen. Zwar die Mutter im Trauerkleid, deren leidgewohnte Züge die Spuren früherer Schönheit zeigen sie wird nicht unparteiischer als andere Witwen über ihren „Einzigen“ urtheilen. Aber sie sieht aus wie eine verständige Frau, und deshalb hängen ihre Augen voll Spannung an dem Gesicht des Meisters, der mit gewissenhafter Sorgfalt die vorgelegten Blätter prüft. Sein bescheidenes Atelier vermöchte sie wohl zu belehren, wie es mit dem durch Kunst zu erwerbenden Reichthum oft genug aussieht, aber soweit denkt sie nicht, für sie handelt es sich jetzt einzig darum, ob ihr geliebter August seinen Herzenswunsch verwirklichen, ob sie sorgen und entbehren darf, um dies möglich zu machen? Sehr künstlerisch veranlagt sieht er allerdings nicht aus, der frische Junge mit den der Mutter so ähnlichen Zügen, wie er in bescheidenem Selbstgefühl die Wirkung seines jüngsten und besten Werkes, das die gesamte Hausgenossenschaft hoch bewundert hat, auf den Künstler erwartet. Es ist die Kopie nach einem Kupferstich, etwas Hervorragendes, wie August im stillen denkt – aber der sie in der Hand hält, bleibt lange, lange still. Endlich richtet er den Kopf in die Höhe und sagt: „Mein lieber Junge, das ist alles brav und ordentlich gemacht. Aber zur Kunst, zur wirklichen und echten, gehört noch weit mehr. Da darf einer nicht erst fragen: habe ich Talent? Da muß er gewiß wissen, daß er gar nicht anders könne, als fortwährend zeichnen, den ganzen Tag, und daß er steinunglücklich wäre, wenn er’s nicht dürfte. Und was er macht, muß anders aussehen als Dein zahmer Jüngling hier, selbst wenn es viel weniger geschickt aufgefaßt wäre. Du hast Talent, mein Junge – zum Sonntagsnachmittags-Zeichnen. Dabei bleibe, und im übrigen ergreife einen Beruf, der Dich ernährt und die Sorgen Deiner Mutter vermindert, statt sie ins Ungemessene zu vermehren! Viel besser ein einfacher Handwerker als ein mißrathener Künstler. Das sagt Dir einer, der schon viele am Talent-Wahn hinsiechen und zuletzt traurig untergehen sah.“ Ob wohl Mutter und Sohn diesen bitter klingenden, aber guten Rath beherzigen werden? Bn.