Hans Joachim von Zieten (Die Gartenlaube 1886/4)

Textdaten
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Titel: Hans Joachim von Zieten
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aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 75–76
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1886
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[57]

Hans Joachim von Zieten.
Nach dem Townley’schen Kupferstiche aus dem Jahre 1786.

[75] Hans Joachim von Zieten. (Mit Portrait S. 57.) Keiner von den Feldherren, die in den wechselvollen Kämpfen des Siebenjährigen Krieges unter Friedrich dem Großen um die Siegespalme stritten, ist in so hohem Maße vom Volke gefeiert worden, wie der kühne Husarengeneral Hans Joachim von Zieten. Schon in den letzten Jahren seines Lebens zog sich um seine Person ein dichter Kreis charakteristischer Sagen zusammen, und eine für die damalige Zeit nicht unbedeutende Zieten-Litteratur war bereits vorhanden, als der Tapfere am 27. Januar 1786 seine Augen schloß. Die Berliner Zeitungen brachten ausführliche Nekrologe; Zieten-Portraits und Zieten-Biographien tauchten auf, und selbst eine kleine für die großen Massen bestimmte Broschüre von G. W. Burmann wurde zu dem billigen Preise von einem Groschen herausgegeben und fand ungeahnten Absatz. Außerdem liefen von Mund zu Mund zahllose Anekdoten über kühne, kriegerische Thaten des Heimgegangenen, sowie es schon damals Zieten-Lieder gab, deren Zahl im Laufe der Jahre durch neue Dichtungen vermehrt werden sollte.

Eigenhändiges Postskriptum Friedrich’s des Großen zu einem Schreiben an Zieten
vom 9. December 1757.
[WS 1]

Eine Verwandte Zieten’s, Frau von Blumenthal, sammelte später die Einzelheiten der mündlichen Ueberlieferung und gab im Jahre 1797 ihre bekannte Biographie Zieten’s heraus, die lange Zeit für das Zuverlässigste und Beste galt, was über den Lebensgang des gefeierten Helden geschrieben wurde. Dagegen befaßte sich die ernste Geschichtsforschung nur wenig mit diesem hervorragenden Feldherrn aus der ruhmvollen Zeit Friedrich’s des Großen und, von kleinen Versuchen abgesehen, sind gerade seit seinem Tode hundert Jahre vergangen, bis ein Werk erschienen ist, welches uns auf Grund sorgfältiger und mühevoller Quellenstudien ein geschichtlich wahres Lebens- und Charakterbild Zieten’s bietet.[1] Es ist der schönste Beitrag zu der bevorstehenden Säkularfeier, und um so leichter trennen wir uns, demselben folgend, von einigen noch so hübsch erdachten, aber unwahren Anekdoten, da im Lichte der strengen Forschung die Hauptzüge des „alten Husarengesichts“ um so schärfer hervortreten und uns aus ihm nach wie vor ein Vorbild deutscher Schneidigkeit und Kühnheit im Sturm und Angriff entgegenleuchtet.

Eigenhändiges Postskriptum Zieten’s zu seinem Berichte an den König vom 22. August 1758.[WS 2]

Friedrich der Große gab selbst die treffendste militärische Charakteristik Zieten’s, indem er die folgenden Worte niederschrieb: „Ich habe meinen wachsamen Zieten; er hat Kraft und Kühnheit; Erfolge würden nicht im Stande sein ihn übermüthig zu machen, Mißgeschick ihn nicht niederdrücken; er ist zufrieden, wenn er nur mit dem Feinde zum Schlagen kommen kann. Vor Allem aber hat er eine ganz singuläre Eigenschaft: wenn er das Terrain nicht gesehen hat, ist er nicht im Stande, eine einigermaßen ausreichende Disposition zu entwerfen; wenn er das Terrain aber gesehen hat, macht er ausgezeichnete Dispositionen und zwar mit einer Schnelligkeit, Genauigkeit und Richtigkeit, welche in Erstaunen setzt. Er braucht nur einen Augenblick, um zu sehen und sich zu entscheiden.“

In den letzten Worten des großen königlichen Feldherrn ist die Eigenschaft klar hervorgehoben, auf Grund welcher dem Helden der volksthümliche Beiname „Zieten aus dem Busch“ beigelegt wurde und welche ihn zu den Kämpfen an der Spitze der vorrückenden oder im Rücken der weichenden Armee so überaus geeignet erscheinen ließ:

„Der Zieten immer erster, wenn Preußen avancirt
Hingegen immer letzter, wenn Preußen retirirt.“

„Er hat Kraft und Kühnheit,“ schreibt der König, und diese zwei Tugenden eines echten Soldaten halfen Zieten jene verwegenen Streiche ausführen, welche den Feind überraschten oder täuschten, der eigenen Hauptarmee aber oft den bedeutendsten Nutzen brachten – jene Husarenstreiche, unter welchen der „Zieten-Ritt“ bei Jägerndorf wohl der berühmteste genannt werden kann. Im zweiten schlesischen Kriege mußte Zieten an den Markgrafen Karl den Befehl überbringen, daß derselbe am 22. Mai 1745 aufbrechen und am 24. im Lager von Frankenstein eintreffen sollte. Der zwölf Meilen weite Weg zu dem Lager des Markgrafen führte aber mitten durch feindliche Linien, durch ein Terrain, das nach der Angabe der Oesterreicher von 14000 Mann ihrer Truppen besetzt war. Und Zieten wagte mit einem aus nur 550 Mann bestehenden Trupp diesen Ritt, brach am 19. Mai von Gesäße auf und langte unter fortwährenden Gefechten am ändern Tage um 4 Uhr Nachmittags glücklich in dem Lager des Markgrafen in Jägerndorf an. – „Ich habe meinen wachsamen Zieten“ – Die Wachsamkeit im Vorpostendienst und eine seltene Kunst im Auskundschaften feindlicher Pläne gehörten ebenfalls zu den Hauptvorzügen Zieten’s. Er rechtfertigte hierin den schönen Ausspruch Friedrich’s: „Wenn große Kommandos von 2-, 3- oder 4000 Husaren aus der Armee geschickt werden, so muß ein General oder Oberst, der das Korps kommandirt, sein wie eine Spinne in der Spinnwebe, welche man nicht anrühren kann, ohne daß sie es nicht fühlt; ebenso darf auf ihn nichts Feindliches kommen, ohne daß er nicht lange vorher davon avertiret ist.“ – Zieten war in der That diese feinfühlende Spinne, die ihr Netz durch gute Kundschafter selbst tief in die feindlichen Linien hineinzuziehen wußte.

Trotz seiner hervorragenden Betheiligung an großen Schlachten und entschiedener Verdienste um große Siege der preußischen Armee, trotz seiner ausgezeichneten Haltung bei Prag und bei Kollin, bei Liegnitz und bei Torgau, war doch Zieten keineswegs ein Feldherr, der einen großen Feldzug strategisch zu leiten vermochte. Dies schmälert aber nicht im Geringsten seinen Ruhm, seinen ihm richtig zugetheilten Platz füllte er aus wie ein ganzer Mann, und seine Verdienste wußte am besten der damalige Lenker preußischer Geschicke, Friedrich der Große, zu würdigen. In Bild und Wort sind der Nachwelt die hohen Ehren erhalten, die er in Friedenszeiten [76] seinem greisen General erwies. Noch steht vor Augen Aller jenes erhebende Bild, da der König bei der letzten Revue, an welcher der 85jährige Zieten theilnahm, die Front des Zieten’schen Regimentes abritt „mit entblößtem Haupte, den Hut in der Hand, neben seinem General“. Und nicht minder unvergeßlich ist die andere durch die Meisterhand Chodowiecki’s uns erhaltene Scene, die sich bei der Parole im königlichen Schlosse am 25. December 1784 abspielte, wo der König einen Lehnstuhl herbeiholen ließ und vor Zieten stehen blieb mit den Worten. „Setze Er Sich nur, mein lieber alter Zieten, setz’ Er Sich, sonst geh’ ich weg; denn ich will ihm durchaus nicht zur Last fallen.“ Und wie herzgewinnend klingen die Worte des Königs, die er abwehrend gesprochen hatte, als Zieten an der königlichen Tafel eingeschlafen war und man ihn wecken wollte: „Laßt schlafen mir den Alten, er hat oft genug für uns gewacht.“ Freilich am späten Lebensabend wußte der König seinen pflichttreuen General nur an eine Pflicht zu erinnern: „Wenn man zu Eurem Alter gelangt ist,“ äußerte er, „hat man nur noch die Pflicht sich zu erhalten zum Beispiel der Nacheiferung und Ehrfurcht für die Armee.“

Früher, da beide noch im rüstigen Mannesalter standen, war er strenger, und Zieten mußte oft diese Strenge fühlen. Selbst den ungestüm vorwärts Dringenden trieb er in Feldzügen zu größerer Eile an. Ein Beispiel davon giebt das an dieser Stelle reproducirte eigenhändige Postskriptum Friedrich’s des Großen vom 9. December 1757, dessen Schluß auch in so fern interessant ist, als das Wort „Hesen“ („Hessen“ ein Provinzialismus für Hacken) von früheren Forschern „Hosen“ gelesen wurde, worüber ein kleiner gelehrter Streit entbrannte.

Durch das bekannte Gedicht, in welchem Zieten bei der Erklärung eines Schlachtplanes dem Könige sagt: „Der Klecks bin ich, die Punkte ringsherum die Feinde“ – ist im Volke vielfach die Meinung verbreitet worden, daß es um die Schreibkunst Zietens schlimm bestellt war. Das beifolgende Faksimile des Postskriptums zu dem Berichte, den Zieten wenige Tage vor der berühmten Schlacht bei Zorndorf an den König gerichtet hatte, zeigt uns, daß er nicht besser, aber auch nicht schlimmer mit der Feder umzugehen wußte, wie andere Säbelhelden seiner Zeit. Im Uebrigen zeichneten sich seine militärischen Relationen durch große Klarheit aus und wurden selbst in Friedenszeiten oft zu den besten gezählt.

Im Allgemeinen waren aber die Friedenszeiten nicht nach dem Geschmacke Zieten’s, der schon „zufrieden war, wenn er nur mit dem Feinde zum Schlagen kommen konnte“. Der Garnisonsdienst war die Veranlassung zu den Mißhelligkeiten, die ihm zeitweise die Ungnade seines Königs zugezogen hatten, und auch die Quelle jener Vorgänge, die im Anfang seine militärische Laufbahn ernstlich gefährdeten und zu seiner Entlassung und sogar Kassation führten.

Erst nachdem Friedrich Wilhelm I. im Jahre 1730 die Potsdamer Husaren-Kompagnie gegründet hatte und der wieder zu Gnaden angenommene Lieutenant, der wegen seines kleinen Wuchses für eine andere Truppe nicht gern verwendet wurde, derselben zugetheilt worden war, begann sein Glücksstern zu steigen. Unter Prinz Eugen in der unthätig verlaufenden Rhein-Kampagne gegen die Franzosen hatte er sich die ersten Sporen verdient und hatte in kurzer Zeit so viel von den verbündeten österreichischen Husaren gelernt, daß der Schüler bald den Meister übertraf und Schlag auf Schlag der neuen preußischen Truppe unvergänglichen Lorbeer zu erringen wußte.

In Wustrau, wo er am 14. Mai 1699 das Licht der Welt erblickte, ruhen seine sterblichen Ueberreste; in dem Heimathsorte, in Rheinsberg und in der Hauptstadt Berlin wurden ihm von der dankbaren Nachwelt Denkmäler errichtet; aber länger als diese alle wird sein Andenken in den Herzen seines Volkes fortleben, das ihn in hundert Liedern als echten und rechten Husaren preist – als wahren Helden bewundert.


Anmerkungen (Wikisource)

  1. Text des Facsimile: „Ein Tag Fatigue in dießen umbständen Mein lieber Zieten bringet uns in der Folge 100 Ruhtage nuhr imer dem feindt in die hesen geseßen.“
    F
  2. Text des Facsimile: „22ten August 1758.
    Wir sehen nun mehro vor Eur: Königl: Majestét Höchst Erfreuliche Nachrichten Endgegen. Der große Gott gebe seinen Seegen und erhalte uns Eur: Königl: Majestét gesund, Amen.
    HJ v Zieten“     
  1. „Hans Joachim von Zieten. Eine Biographie.“ Von Dr. Georg Winter (Leipzig. Verlag von Duncker und Humblot, 1886). Dieses Werk ist mit einer Radirung von Hans Meyer nach dem Townley’schen Kupferstiche geschmückt, nach welcher der Holzschnitt unseres Portraits auf S. 57 ausgeführt wurde. Demselben Werke sind auch die beiden obenstehenden Faksimiles entnommen.