Textdaten
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Autor: Richard Dehmel
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Titel: Hamburger Lästerbrief
Untertitel:
aus: Aber die Liebe
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto
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Erscheinungsort: München
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans dieser Ausgabe bei Commons
S. 121-138
Kurzbeschreibung:
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[121]

 Hamburger Lästerbrief.

 Farewell! a long Farewell!

     Durch mein warmes Zimmer duftet ein Veilchenstrauß, von der Morgencigarette steigt ein letztes krauses Wölkchen, im weißen Kachelofen knistert der Kien; fast als säße ich zu Hause. Eben ist der Kellner gegangen, fast unhörbar; nur der Ring am Schlüssel tickt noch. Und ich schlage mein Notizbuch auf und gehe zur Beichte.

     Es ist so süß, sich von Frauen verzeihen zu lassen, daß man dafür gerne mal an ihnen sündigt . . . Nichts fürchte heftiger als das Bestimmende, das im Unbestimmten lauert . . . Die Scham ist die gefährlichste der Tugenden; eine Maske, die uns allzu leicht auch vor uns selbst verbirgt. Wer seine Schönheit sucht und heilig hält, muß das Gewissen der Nacktheit haben . . . Nur nicht jene Ideale, die wie Sterne am Himmel stehen! Nachtschwärmer haben dünne Beine. Sieh  in  dich! . . . Schwache Herzen lieben die Sterne. Da stehn sie und scheinen, so unsäglich viele, und stehen so hoch; und es ist nicht Unsre Schuld, daß sie Keinem in den Schooß fallen. Das wäre auch lebensgefährlich . . . Wer sich aber grämt über die Auswüchse seiner Nacktheit, liebt sie noch; wie ungeratne Kinder. Gleichgiltig werde gegen sie, und dann das Messer!

     Das erinnert mich; der Weihrauch fehlt; ich schneide mir eine Zigarre an. Aber die Veilchen. Also nein ! –

     Du wirst leiden; das Starke weckt den Scheelblick der Schwachheit. Mach ihn dir zum Wächter deiner Gewissenhaftigkeit . . .[122] Wünsche dir kein Glück, du hast es  in  dir; bewußt sein ist Alles . . . Jugendideale: Würfelspiele  aus  alten Bechern. Und die Alten: sind sie nicht jünger als du? und werden immer kindischer! Um die Weisheit und den Irrtum deiner Väter ist deine Jugend älter als einst ihre und reifer für die Zukunft; wünsche dir kein Glück, du hast es  vor  dir . . . Und die Andern? Werde immer nackter in der Liebe, daß sie deine Häßlichkeiten sehen wie du selbst und ihrer eignen Schönheit treuer werden und die Sehnsucht höher achten als das Glück. Denn wir lieben Alle unsre Zukunft, doch fast Alle sind Patienten des Augenblicks . . . Aber prahle nicht mit deinen Flecken, wie die Straßenjungen mit zerrissnen Hosen, daß du sie nicht lieb gewinnst und deine Nacktheit dir ein Opfer bleibe vor dem Thron der Klarheit.

     Nein, so geht es nicht; ne Cigarette wenigstens; ah! – Und das Grübeln macht ja doch nicht freier. Noch dazu die fremde Aussicht immerfort; zwischen jeden Gedanken schiebt sich ein anderer Baum oder Erker, und der Tanz der Sinne beginnt. Seltsame Stadt!

     Klopstock und Heinrich Heine; Wollkontors und Chinawarenspeicher; Schwäne, Jungfernstieg, berühmte Gräber; heimliche Liebe in öffentlichen Häusern; Hafen, Börse, und der große Brand; halbtausendjährige Giebel, elektrische Monde; „hamburgische Dramaturgie“ und weltberühmte Tingeltangel, u. s. w., u. s. w. . . . o du tolle, bunte, wunderliche Wasserstadt!

     Gott, in welchem Wirbel taumelnder Erinnerungen, träumender Erwartung kommt man schon hereingerollt; und das Traumnetz spinnt sich immer dichter, je weiter man die Sinne öffnen möchte. Selbst auf den Straßen gestern Mittag: tief durch all den rasselnden Lärm, alles schreiende Gewühl der Börsenzeit meint’ich immer einen fernen zauberischen Laut zu hören, wie den langen, feierlichen Grundton [123] in der Brandung eines Wasserfalls. Und vor mir, vom Zimmer aus, glänzt das Becken der Binnenalster; man möchte garnicht weg vom Fenster; Bild um Bild. Vorgestern Nacht schon, wie mein Wagen plötzlich um die Ecke bog, aus der Gassenschlucht heraus auf die breite Promenade – nämlich in fremden Städten muß man stets, die ersten Tage wenigstens, im feinsten Hotel mit der schönsten Aussicht logiren; schlimmstenfalls, nächst verliebten Kellnerinnen, sind deutsche Hotelwirte die geduldigsten Gläubiger – „der Not gehorchend“, wie Schiller sagt – also ja: es war die reine blaue Wunderinsel, plötzlich der weite, schwebende Kranz von hundert leuchtenden Kugeln, wie ein Saum von Riesenperlen hingeschlungen durch die flimmernden Zweige der nackten Linden um den schwimmenden Lichtschild, den sie durch den seidig grauen Nebel wölbten, unten ins nächtige Wasserviereck einen Zaun von zuckenden Schwertern bauend, opalisch bleich, umflochten von schwankenden Silberranken, nach Osten hin dunkel geöffnet, und immerfort ins Bodenlose fließt das funkelnde Gitterwerk, ruht und sinkt und steigt und stürzt der paradiesische Gartenglanz; und jetzt, in blitzender Hast, durch die schwarze Pforte im Osten schießen zwei große glühende Käfer, ein zitternd grüner, ein blutig roter, und ihnen nach – ein dumpfes, rollendes Fauchen – eine schuppig glitzernde Schlange durchs Wasser – ein heulender Pfiff – ah, dort muß ein Brückenbogen sein – richtig, die Lombardsbrücke – und drüberhin der Schnellzug, der mich hergebracht hat und nun weiterras’t nach Norden, ins Märchenland:

 
„Schleswig-Holstein, meerumschlungen,
Schleswig-Holstein, stammverwandt!“

Kindermelodieen unterm Hut, spring ich aus der Droschke, dem geneigten Herrn Portier die Ehre der Bezahlung überlassend, die er mir morgen doppelt vergelten wird – auf der Rechnung. Dafür aber wohnt man doch einmal auf Perserteppichen [124] und Sammetstühlen, noch dazu in einer sogenannten freien Hansestadt, was ja Allerlei zu denken gibt für einen vogelfreien deutschen Reichspoeten.

Herrlich: ja, wir Seelenschreiber!
Herrlich, ja: dies Brotgequäle!
Denn die Kinder; denn die Weiber.
Und so wird man Schreiberseele.

     Eine volle Stunde hab’ich wol noch aufgesessen und die künstliche Mondnacht genossen, und kam mir immer nüchterner vor als „eigentlicher“ Berliner. Ach du schnurgerade deutsche Reichskasernenstadt! Nicht einmal elektrisch war sie zu kurieren, die geliebte preußische Parademetropole. Ja: wir haben „unsre Linden“. „Feenhaft!“ schnarrt der Herr Assessor auf der Abendpromenade. Das gefällt ihm, diese drei Kolonnen patentirte Siemenslampen, säuberlich in gleicher Höhe aufgereiht die runden Milchgesichter, recht wie eine Compagnie Rekruten, wenn Herr Leutnant einen Witz geruhen. Aber es paßt! Wir haben Stilgefühl, bombenhaftes Stilgefühl: vom Kanonendenkmal auf dem Königsplatz bis zur Kaiser-Wilhelms-Brücke mit den wundervollen Krautstrunk-Kandelabern, ja nicht zu vergessen all die schönen Zinnsoldaten mit und ohne Pferd vor der Schloßterrasse und am Opernhaus. Es lebe die Uniform!

     Und mit einigen frommen Wünschen stieg ich ins Bett. Und gegen Morgen träumt mir, die Mongolen seien nach Berlin gekommen; und die Spree war dicht am Ueberlaufen, soviel herrliche Siegesmonumente der berühmtesten Meistergreise preußischer Nation hatten sie hineingeschmissen. Am Ufer aber standen alle jungen deutschen Künstler – viele waren’s nicht – und hielten sich die magern Bäuche vor Lachen und klatschten sich die dünnen Schenkel vor Vergnügen, diese unpatriotischen „Hungerleider“; davon wachte ich auf. Es war aber nur das Klappen der Pferdehufe auf dem Asphaltpflaster [125] unten vorm Hotel. Ja, man hat so seine Träume in der freien Hansestadt Hamburg; und was kann der Mensch für seine Träume.

     Heute freilich ist es fast zu hell zum Träumen. Der erste klare Herbstfrost; alle Nebel sind gefallen über Nacht, auf der hölzernen Landungsbrücke unten am Bassin liegt ein dicker Pelz von Reif. Ein zarter grüner Wolkenstrich im Norden läßt den weißen Himmel noch kühler scheinen. Und doch: drüben auf dem Jungfernstieg, barfuß, am Eisengeländer, steht ein kleines schmutziges Mädchen. Frierend sieht es sich die stolzen, reinen Schwäne an und die schlanken Dampferjollen mit den lustig bunten Flaggen, wie sie an- und abfahren im Kreise, lange blinkende Doppelfurchen durch das tintige Wasser ziehend. Arme kleine Sehnsucht! Und – heut Abend will ich auch, heidi, zu Schiffe. Ja, und dort im Alsterpavillon saß  Heine , wenn er die Börsenstunde schwänzte, und träumte von – erfrornen Schwänen. Nun rennt die Kleine dran vorbei; die breite Glasfront glitzert im Frühlicht wie ein stiller Teich, den die ersten Eiskrystalle überzittern. Ich sehe nach Osten: zwei Dampfer pfeifen sich gellend an.

     Nordost. Schräg zur Rechten hinüber. Welche kalte, harte Pracht! Vorn, ein kolossales Postament, die drei finsterroten Sandsteinbogen der Lombardsbrücke; steil empor dahinter, eine Wand von glattem Silber, zwischen hohen schwarzweißroten Wimpelstangen, steigt der Spiegel der Außenalster; ringsherum ins letzte dürre Laub der braunen Bäume tüncht die fahle Morgensonne einen Rahmen goldiger Lichter; Alles ferne überkrönt von gelb beglänzten Villenfronten, schwärzlich blanken Turm- und Erker-Zacken; ganz im Weiten oben Schlot an Schlot, schmal und kahl, lange dünne Fahnen Rauch vor den blassen Himmel heftend. Dort wohnt Hamburgs knochenstarrer Reichtum.

     Durch mein warmes Zimmer duftet der Veilchenstrauß, [126] im Kachelofen flattern und summen die Flammen, aber mich fröstelt. Wenn’s doch wieder gestern wäre, gestern Morgen, wo das alles kaum zu sehen war dadraußen, vor dem festen, dichten Nebel. Gestern; o du blauer, blauer grauer Montag!

     Wie das alles kinderseltsam war. Wie die Veilchen dufteten früh. Ach viel süßer, viel verbotener als heute. Ob sie wol den Brief nun hat? Ob sie das wol ahnte, Sonntag Abend auf dem Bahnhof? als sie mir die Cigaretten nachwarf, ganz zuletzt noch, wie der Zug schon rollte, durchs offene Fenster, und der alte Förster neben mir sich schmunzelnd in den Schnauzbart griff, während mir die Thränen in der Kehle standen.

     Nein: es durfte nicht so bleiben. Denn ich liebe doch die Andre noch, und viel seelenwerter, viel vertrauter. Und es ist ein eigen Ding um zweierlei Liebe. Plötzlich sieht man, daß man nur sich selber liebt, sich und seine Lust, und dann kommt ein Grauen, ob man überhaupt noch etwas liebt; denn wer weiß denn, was es ist, dies kalte, gierige Ich! – Nur zuweilen wollen wir uns Veilchensträuße schicken, scheue Blumen der Kinderliebe, und uns jener Sommernacht erinnern, jener einzigen, unterm jungen Eichbaum, wie wir über die Sterne lachten, daß sie gar so albern durch die dunklen Blätter äugten; ach du liebe kleine Dornkatz!

     Ja, so saß ich denn und schrieb mit Bruderworten an das Mädchen, das mir gar zu lieb geworden war mit ihrer Kraft zur freien Lust, – und „sollst nun meine Schwester werden“, schrieb ich ihr, „um einer schwereren Freiheit willen: einer Freiheit, die sich selber ihre Sünden setzt, Sünden der ererbten Lust wider die Lust der Zukunft“. Und jene Verse von Julius Hart, die wir damals immer wieder hatten lesen müssen:

„Noch Einmal laß mich deine Hand
inbrünstig küssen, heiß und schwer,
nicht deinen Mund, nicht deinen Mund,
ich ließe dich sonst nimmermehr.“

[127] Und es war sehr schön, was ich von dem neuen Paradies der Unschuld schrieb, wo es nicht mehr Männer geben würde, die in wahllos unverschiedner Tieresglut ihre Sehsucht an zwei tief ungleiche Weiber hängen können, und nicht mehr Weiber, die zuzweit in Einem Mann Genüge finden. Aber draußen, wie gesagt, stand ein fester grauer Nebel auf der dicken Flut; und die bleidunklen Wellen der Alster gingen schwer unruhig hin und her und auf und nieder im feuchten Wind, wie lauter pochende Herzen; und die Schwäne schwammen in dem dichten Dunst so klein und blaß wie zerdrücktes Papier, weggeworfene Liebesbriefe; und nicht Ein gelbes Blatt mehr an den kahlen Linden.

     Ob sie mir wol glauben wird? Ob sie an die Abendstunde denken wird, als wir Drei zusammensaßen und sie mit den trotzig krausen Lippen und heimlich klagender Stimme ihr geliebtes Nordseelied begann – von den beiden Edelkönigskindern, die doch nimmer nicht zu’nander kommen konnten – und ich an den Flügel ging:

Freilich, wenn wir schliefen
in dem viel zu tiefen
Wasser zwischen uns:
schliefe auch das Büßen
dieser sündig süßen
Unschuld zwischen uns.
Aber mit dem Leben
schliefe auch – das Streben.

Nein, mir war nicht wohl zu Mute, als der Bruderbrief nun klappernd in den Postkasten fiel. Und die Dampferpfeifen im Bassin hörten sich so schreiend an, fast höhnisch. Go to a nunnery, Ophelia . . .

     Rasch unter Leute! Die Börsenzeit ging eben los. Oder lieber noch ins Freie! Richtig: nach Ottensen: Schloß  Liliencron . Darauf hatt’ich mich ja schon seit vierzehn [128] Tagen gefreut, seitdem er mir den langen, tollen Brief geschrieben: den Dichterbaron kennen zu lernen, den holstischen Hünen, mit seinen beiden Teckeln, seinen Pferden und seinem grenzenlosen Menschenherzen. Und gegen Baedeker mich versündigend, drücke ich mich sorgfältig um den Börsenmarkt herum; diese Tempel des modernen Gottes sind ja immer in demselben, irgend einem oder mehreren, antiken Säulenstibel zusammengeschustert, und dann die Schaaren dieser „Gläubigen“ dazu, das geht mir wirklich wider den Geschmack, trotzdem sich mein Culturbewußtsein der antisemitischen Instinkte so ziemlich entwöhnt hat. Also schnell auf den Wagen, den  „fief rädrigen, wo de Kutscher  obenup  sit’t“, wie mir ein Eingeborner mühsam auf Hochdeutsch bedeutet, mit halbem Blick auf meinen eleganten, fast bezahlten Ueberziehr. Und so rumple ich denn auf meinen fünf Rädern durch die Straßen und Gassen; über drei vier Schleusenbrücken weg, unter denen die Wellen der „Fleete“, so träge wie ihr Name, vom Alsterbecken zum Elbhafen schleichen; hier und da ein schönes altes Giebelhaus, das vom Brand vor 50 Jahren und vom Grundstückschacher noch verschont geblieben ist; hin und wieder eine alte Vierländerin, minder schön mit dieser scheußlich steifen, schwarz lackierten großen Schleife im Genick unterm strohgelben Tellerhut, und lange dürre, schwarzbestrumpfte Waden aus dem kurzen dunkelblauen Wollrock streckend; sonst wol ziemlich dasselbe Treiben wie im Molkenmarktviertel Alt-Berlins, blos – etwas weniger Polizei. Nun durch Sankt-Pauli nach Altona hinein; ringsherum die vielen Tingeltangelhallen, eine neben der andern, mit den unmöglichsten Barock-Gemüsen übertakelt, aber im Ganzen doch ein hübsches Bild, der weite Platz mit den kleinen Linden und zwischendurch der niedrige Schnörkelkrimskrams, wie eine tiefhängende steinerne Guirlande die beiden Schwesterstädte verbindend.

     [129] Endlich! „Ottensen Bahnhof“ ruft der Conducteur. Nun herum um den „altehrwürdigen Friedhof“ mit der berühmten Dreigräber-Linde vor der verwitterten Kirchenwand – was Großpapa Klopstock wol zu Liliencrons Gedichten sagen würde?! Schnell noch einen Durchblick nach der öligen Elbe hinunter, wo die großen Seedampfer trompeten, sehr komische Ungeheuer mit diesen mächtigen Schaumschnurrbärten um die riesigen Kinnladen; und schon steh ich am Portal des freiherrlichen Musensitzes.

     Der Herr Baron „waren grade nicht zugegen“, wurde aber bald erwartet. Also pflanzte ich mich in sein Arbeitszimmer, das Wirtschaftsfräulein brachte eine Flasche herben Spanier und, nach kurzem, da sie wol den Fremden in mir witterte, das Nationalgericht: Aalsuppe. Vorzüglich! und Liebesschmerzen machen Hunger. Dann vertiefte ich mich in den „Haidegänger“, sein letztes Gedichtbuch, das auf dem Schreibtisch lag, höchst verwahrlost, als Lampenteller; daneben einige Bände Storm, und zwei von unserm lieben, alten, immer jungen Trutz-und-Lachbart Wilhelm Raabe. Also den Lampenteller; siebzehn Seiten, und meine Träume blieben haften – „auf dem Aldebaran“.

„Die himmelblauen Schmetterlinge leuchten,
Der schwefelgelbe Pfau, der mich umschweift,
Das grelle Grün, das meinen Rasen brennt“ –

halt! das war die rechte Stimmung für den Spanierwein. Ich las und las.

Und sie, indem ihr dunkles Auge sich
Mit meinem bindet – –
Verachtung um die Lippen schürzend“ –

hatte Er das auch erlebt?!

„Und ich, ein Fürst hier auf dem Aldebaran – –
Hörst du’s? ich wünsche, nein ich will, ich will,
Daß du mich liebst auf diesem roten Stern!“

Ob das wol sein Eheweib gewesen war? –

[130] „Viel besser sind die Menschen hier als unten!
Mehr Liebe, mehr Verzeihung und Geduld,
Kein Mißverständnis mehr – –
Doch sie“ – – –

ich schrak auf; die Thür ging; er stand vor mir. Ich glaube, daß ich meinen Namen nannte. „Richard?“ fragte er. „Detlev!“ schlug ich ein. Ein paar knappe Worte, ein Gang durchs Haus, und rasch saßen wir zu Pferde; er auf seinem jüngsten Trakehnerrappen, ich auf einem prächtigen Berbergoldfuchs. In kurzem Trab um den rissigen, epheu-überglänzten Söller herum, durch den planvoll wilden Park an allerlei kecken Wasserstürzen vorbei, und nun scharf hinaus ins neblige Feld, sein Jagdrevier, die „lyrische Haide“, wie er mir lachend zurief mit zwinkernden Augen.

     Wundervoll, wie der alte Knabe ritt. Jetzt in zierlichsten Courbetten, leicht und spielend, nach allen Regeln der Schule; jetzt bedeutungsvoll im „stolzen Tritt“; jetzt plötzlich langweg mit den übermütigsten Seitengängen, wie ein Bauernjunge auf ungesatteltem Ponny. Seine liebe Haide freilich nahm sich heute ziemlich trist aus:

„ – – und langsam
Auf Moor und Brachfeld welkt der Tag“.

Nur ab und zu brachte ein schöner, kräftiger Platanen-oder Ebereschen-Baum mit seinem dauerhaften Laub oder den leuchtenden Beerenbüscheln etwas Rost- und Scharlach-Röte in das kahle, graue Bild. An diesen einsamen Bäumen, von vergoldeten Eisenranken gehalten, glänzten weiße Marmortafeln, in die der lyrische Besitzer mit blutroter Schrift die Namen der paar lebenden Zunftgenossen hatte meißeln lassen; hinter manchen standen frische Kreuze. „Die der Zukunft leben!“ rief er mir zu.  Friedrich Nietzsche  las ich da;  Hermann Conradi  unter ihm.  Keller, C. F. Meyer ; Prinz Emil  Carolath.  Julius Hart; etwas wetterfleckig, aber umso farbentiefer, und diesem Namen warf ich dankbar [131] einen Handkuß zu.  Theodor Fontane,  Arno Holz.  Noch Einen, den ich im Fluge nur ahnen konnte. Die Karle  Henckell  und  Busse;  „o ihre Liebeslieder“, entzückte sich der Freiherr. Fern, verschwimmend, nur zur Hälfte lesbar, ein gewisser  Otto Erich.  Tief und zart, verschleiert, wie roter Mohn in hellen Sommernächten glüht:  Loris.  Taghell Zwei, auf die er mit schwärmenden Blicken wies:  Bierbaum,  Gustav Falke .

     Jetzt nahm er pleine chasse eine Hecke. Entzückend: in dem weiten, weingelb flatternden Mantel mit der purpurnen Säumung, den er um den derben Jägerlodenrock geschlagen hatte. Oben legte sich der Burnus in eine seltsame Faltenkappe ein, seinen „Sarazenenhut“ nannt’er sie; schwarz wehend überm Ohr ein Reiherbusch, den ein großer prächtiger Karfunkelrubin zusammenhielt; nach vorn und hinten eine lichte Spange von Smaragden um den Kopf, eingefaßt von dunkeln Veilchensteinen – ah, meine Veilchen. Und wie der Rappe schimmerte! Mir kamen die Verse in den Sinn, die Arno Holz, der graugewordene, in seiner farbenfrohen Jugend sang:

„Ein grüner Turban schmückt das Haupt mir,
Von Seide knittert mein Gewand;
Und jeder Muselmensch hier glaubt mir,
Ich sei der Fürst von Samarkand“.

Noch eine Hecke! drüben stieg schon der Wald auf. Wir wollten nach „Poggfred“, Froschfrieden, wie der Baron sein Sommergut getauft hat; draußen hinter der Alster irgendwo. Nun ritten wir ein in den alten, braunen Steineichen-Dom. Plötzlich rechtsab in eine lange, ernsthafte Tannenstraße; fast hätt’ich vor Lachen die Zügel verloren, eine solche wunderliche Prozession von Monumenten hatte der Schalk sich da hinbauen lassen. Zu beiden Seiten des sandigen Weges, achtbar von einander entfernt, thronten hier – wie sag’ich nur gleich – – die Litteraturpagoden. Alle steif die schwachen Beine gekreuzt mit dicken chinesischen Bäuchen und segnenden [132] Händen. Viele saßen schon völlig still; Einige streckten, im Gleichtakt nickend, noch die Zungen aus den schweren Häuptern; ganz am Ende der Allee, im Nebel, schien mir auch  Ibsen  zu wackeln, ich bin aber kurzsichtig. Auf den pappledernen Postamenten standen mit Messingnägeln die Zahlen der Jahre eingenietet, in denen die verehrten Greise zum ersten Male für den Weihnachtstisch verlegt gethan gewesen worden sein sollen. Die Tannen rauschten so bedächtig, daß mir schon ganz schläfrig wurde.

     „So; jetzt werd’ich Ihnen meine Folterlauben zeigen“, sagte der Freiherr, verschmitzt die Reitgerte schwingend, indem er in kurzen Galopp fiel. Gottseidank! Obgleich mir die Worte recht dunkel klangen. „Es sind verschiedne teutsche Tichter zu Besuch bei mir“, drehte er sich um, „die büßen hier für ihre Sünden“. Wir bogen in ein junges Untergehölz; ahah – das konnte ja lustig werden! Tief im Dickicht, auf einem Ameisenhügel, in brünstigem Gebet zu allen Göttern der Vorzeit, kniete  Heinrich Hart , sie möchten endlich den „Mose“ vom Sinai steigen lassen, womöglich nebst den übrigen 20 Gesängen des „Liedes der Menschheit“; unwillkürlich betete ich mit.  Wilhelm Bölsche  fand das, wie gewöhnlich, komisch; er stand vor einem Fischerhäuschen und flickte Netze.

     Etwas näher an der Straße, unter einem roten Zeltdach, zerbrachen  Henckell,  Otto Ernst  und  M. v. Stern  sich im Verein die Köpfe, auf Menschheit einen Reim zu finden;  Bruno Wille  saß daneben und enthüllte ihnen aus der Tiefe eines mysteriösen Sängers der Rumänen, daß die Sache ungereimt besser gehe.  Franz Evers  hatte sich, da es mit der Menschheit doch zu schwer schien, eben auf die Gottheit gelegt und bejauchzte sie mit großer Flottheit.  Wilhelm Weigand,  Schaumberg  und Schaumberger  schleppten Balken, Kalk und Steine zur Errichtung einer Züchtungs- oder Brut-Anstalt, in der sie eine neue Kreuzung aus Apollon [133] und Dionysos erzielen sollten.  Friedrich Lange  aber füllte reines Menschentum in alte Flaschen, klebte neue Etiketten drauf und schrieb auf jede: „Reines Deutschtum“.

     Ganz für sich, links von einem engen Schleifweg, in einer Urmenschenhöhle, hockte  Ludwig Scharf  vor einem Klumpen Lehm, einen Cyklopen knetend, der in seinen Ketten tobt;  Mackay  stand von fern und lächelte augurisch. Auf der andern Seite dieses Weges, einen Secirtisch zwischen sich, kämpften Cäsar  Flaischlen  und  Panizza , Erneste  Rosmer  und  Frank Wedekind  mit gezückten Messern, Zangen, Nadeln und Pinzetten um den Unterleib eines modernen Menschen; Anna  Croissant-Rust  schmückte unterdeß den nackten Leichenteil mit Frühlingsblumen aus dem Treibhaus, Feuerlilien und Narzissen, Federnelken und Veilchen, sehr in Angst um ihren Schmelz – überall die Veilchen ...

     Die Gestalten fingen nun im Nebel an zu schwanken und zu wachsen,  Karl Bleibtreu  kam; Er durfte seine Laube in Freiheit genießen, nur mit der ehrenwörtlichen Verpflichtung, in den nächsten drei Monaten allerhöchstens ein Drama, einen Roman, einen Band Gedichte, eine Revolutionsbroschüre, eine Culturgeschichte und drei Schlachtenbilder zu schreiben. Vor ihm, heldenhaft, dehnte sich  Conrad , die atheistische Religions-Standarte des internationalen Deutschen Reiches der Zukunft im Arm, und verspeiste einen hartgesottenen Kritiker.  Wilhelm Arent  war dazu verurteilt, in einem abgelegnen Kämmerchen seine sämtlichen Gedichte auswendig zu lernen. Einige andre Chambre-séparée-Poeten halfen ihm dabei; über ihnen flötete ein Chor von künstlichen Nachtigallen, nach der Melodie „Wir winden dir den Jungfernkranz“, seine göttliche Ballade „Barbier, schlag mir den Seifenschaum“, immer mit dem Refrain:

               Schöner weißer,
Schöner weißer Seifenschaum, juchheh!

[134] Noch separirter saßen  Peter Hille  und  Paul Scheerbart,  Stefan George  und  Dauthenday . Ihnen hatte der Freiherr gemeinsam eine Laube bauen lassen, aus groteskem Blattgesträuch von bunten Seidenflicken, mit intimen, seltsam parfümirten Winkelchen darin, aus denen sie sich immer ansehn mußten; und nun weinten sie den ganzen Tag, daß sie nicht aparte Zellen haben sollten. Blos Max Dauthenday: in dessen Augen war ein Schein, der wol einen eignen Garten ahnen ließ und mit echten Gewächsen.

     Jetzt schwenkten wir um eine dichte Faulbaumhecke; die Pferde prusteten schon. Da saß  Hermann Bahr  vor einem großen Spiegel und übte sich in einem neuen unerhörten Stilmanöver; Felix  Holländer  blus dazu die Hirtenflöte. Neben ihnen  Hartleben , „das Weib verachtend“. Mich schmerzte was; durch den Modergeruch des wuchernden Holzes stieg ein Duft wie von Veilchen ...

     Die Pferde scheuten plötzlich; eine dunstig fahle Lichtung that sich vor uns auf, von einem neuen, niedern, aber festen Zaun umkoppelt. Dort ging  Arno Holz  im Kreise um sich selbst herum. „Die Gefilde der Selicken“, erläuterte der Freiherr. Auf dem Kopfe trug der sonderbare Wandler einen großen Papierhelm aus den Patentbriefen aller europäischen Culturstaaten für sein jüngst entdecktes, nie zuvor von Irgendwem gemerktes Kunst-x.  Johannes Schlaf  hatte sich vor kurzem sonstwohin nach „Dingsda“ entfernt und sehr wohl daran gethan; dort hatte er den „Meister Oelze“ kennen gelernt, der ihm für das Zukunftsland der nackten Seelen einen stolzen Auferstehungssarg gezimmert hat. Arno ging noch immer seinen Zaun entlang, mit gesenkter Stirn, als trüge er im Schädel einen Klumpen Gold.

     Nicht weit von ihm, lange Schöpfkellen schwingend, um eine schillernde Mergelgrube, in der ein dickes goldnes Kalb den fetten Schlamm zu Schaum zerstampfte, tanzten  Schludermann  [135] und  Hulda , Heizwerg  und  Tozote  einen eleganten Contre. Auch  Wolfgang Kirchbach , seiner „Weltfahrten“ müde, schien der Grube näher „walzen“ zu wollen; allerdings bis jetzt noch solo. Die Dame des ersten Paars trat eben aus, sie hatte aus dem seichten Rühricht einen „Talisman“ geschöpft, der sie schier zum Manne machte; als solcher hieß sie  Fulda.  Ernst von Wildenlunge  sah’s vonferne und überlegte, auf seinem Stammbaum reitend, ob er sich ein Beispiel daran nehmen solle. Und ein andrer  Ernst  und  wol ge zogen er Edler schwankte noch, ob man besser bei dem nackten „Lumpengesindel“ oder bei der Mergelgrube fahre. Mein Freiherr aber lachte über ihre Kopfbeschwerden und nickte Allen vergnügte Winkhand zu, auf seinem Trakehner. Und vor  Max Halbe , der auf einem Aste über diesem Trubel wippte und sich die Gesellschaft ansah wie ein Fischreiher spitz und scharf, griff er salutirend an die Mützenspange mit den Veilchensteinen: „Es lebe die Jugend!“

     Jetzt hielten wir an einem Edelwildgehege – vor einer platten, aber köstlich Grau in Grau mit Mosaik belegten Tenne, um die ein zartes, fein gefeiltes Gitterwerk eine durchsichtige Rundwand zog; etwas einförmig, aber höchst bestrickend; nur das Dach hätte mehr Licht einlassen sollen. Dadrunter stand nun  Gerhart Hauptmann , ganz in Schweiß gebadet, und übte sich die schwierigsten Fechtkunststückchen für seine Mensuren mit den „Vorurteilen“ und „Verkehrtheiten“ seiner werten Zeitgenossen ein. „Der könnte auch was Bessers thun!“ knurrte ich ärgerlich. „Schelten Sie mir meinen Hauptmann nicht!“ drohte der Freiherr scherzend. „Ach was –“ lief mir die Galle über, während wir weitersausten; „wozu  hat  denn der Mensch diese wundervollen Lippen, für die ich ihn küssen könnte! diese Mundwinkel, voll Trotz und nackter Sehnsucht! und die kühne Nase, und die helle Schillerstirn! Was geht denn Den die Dumpfheit [136] an, in der die Ratten sich warm fühlen, und das Stammeln der Unmündigen, und die Hamlets der Mittelsorte; mögen sie doch! Ich  huste  auf das „Herz“ des Künstlers: ich  kenne  sein Mitleid und den Beifall der Gerührten. Für die Adler soll er glühen, die Flügeldreisten, die Sonnenpilger! Seines Gleichen soll der Dichter dichten, Uns, die freien Herren der Zukunft, uns und –“ knautz, lag ich im Sand. Mein Hengst hatte das Fuchteln übelgenommen und war steil aus den Zügeln gegangen. Während ich im Bogen durch die Luft schoß, sah ich noch, wie der Freiherr lachend den Karfunkel von der Mütze nestelte, den schwarzen Reiherbusch in die Hand nahm und – nanu? das sah ja aus wie ’ne Schulmeisterrute! Jetzt faßt mich etwas an; „Herrr“ will ich aufbrausen und – –

     hätte beinah den Tisch umgerissen und das Bierglas mit dem letzten Rest Sherry. Teufel, ich war eingenickt von dem schweren Wein. Vor mir stand Liliencron; diesmal wirklich. Nun Namen-nennen, und: „Entschuldigen Sie, Baron –“. „Nein nein, wundervoll! entzückend!“ war er fröhlich mit den kurzen Beinen wieder an der Thür, doppelt Teller bestellend. Jee – das war ja garnicht der Geträumte, der in Lodenjoppe und Smaragdenhut; hier der fixe, vornehm untersetzte Vierziger in dem neu gewesenen Gehrock, mit dem abgegriffnen, kniffigen Filz und der „hoch“modernen hellen Hose. Ach, der Sherry war nicht aus dem freiherrlichen Keller: ging auf Rechnung der Schifferbudike nebenan, wie er munter bekannte, und das Wirtschaftsfräulein war nur Stubenwirtin etc. Selbst seine lieben Teckel hatte er sich abgewöhnen müssen. Aber die Cigarre, die er mir dann bot, war fürstlich und entschieden von dem ersten Importeur in Hamburg bezogen.

     Wir hatten grade beide Platz in der engen Kabuse; ich auf dem zerlegenen Sopha, er auf der Kante eines ausgezogenen [137] Kommodenkastens. „So läßt Teutschland seine Tichter wohnen“, scherzte er entschuldigend; „na! kommt Zeit, kommt Draht, sagten wir als Leutnants.“ Zwar, die Aussicht war recht stimmungsvoll, auf den Kirchhof drüben; dafür sorgt ja noch der liebe Gott, ebenso wie für die Teckel und die schönen Pferde und die Schlösser – auf dem Mond oder auf dem roten Aldebaran.

     Ach, ich danke Dir, Detlev, alte Märchenseele Du: es waren köstliche, seltene Stunden.

     Wie er immerfort „entzückt“ war über jeden jungen „teutschen Tichter,“ jedes bischen Kraft, das starke gütige Feenkind; und über sich selber, der Ehrliche. Und sein herrlicher Haß auf alle Nüchternheit und alle Eunuchenmoral und alles Fettbürgertum! Und erst sein Plaudern! wie die ferne Melodie der See an heißen Julitagen, wenn man in den Dünen liegt und nur immer horchen möchte,

wie die Woge heimlich schäumt
und von ihrer Tiefe träumt;

ab und zu ein derber Lebenslaut dazwischen, so ein Wort „unter uns Jungfern“, immer begleitet von einer feinen, schwebenden Handbewegung, einer fragenden Wendung des Kopfes, daß das leichte, schlichte Haar über der Säbelnarbe am Stirnrand sich ganz leise regt. Und dies huschende Bübchenlachen: durch den kühnen, immer noch blonden, herbstlaubblonden Rittmeisterschnurrbart, an der netten, stämmigen Nase herunter, von den stillen Augen her, die in Schleiern schwimmen wie ein ewiger blauer Montag, nur manchmal ein Blinken drin, als wenn der Abendstern durch Wiesennebel grüßt, – und ich mußte ihm von meinem Veilchenstrauß erzählen. Da nickte er und zeigte schweigend auf die Wand über dem Sopha, wo er einen breiten Bogen Conceptpapier in seiner riesenkrähenfüßigen Handschrift mit einem Spruch des alten  Lichtenberg  bemalt und festgenagelt hatte: „Solange wir nicht unser Leben so beschreiben, daß wir alle [138] Schwachheiten aufzeichnen von denen des Ehrgeizes bis zum gemeinsten Laster  so werden wir nie einander lieben lernen.“  Das war sein einziger Zimmerschmuck, abgesehen etwa von dem maßlos langen Diplomatenschreibtisch, den die Breslauer Dichterschule ihm – – geliehen hat, zur großen Trübsal und Enttäuschung aller Gerichtsvollzieher.

     Ja, und  noch  etwas, damit nichts fehlt am Bilde; was die braune Ungarin in Hamburg, als wir heut um Mitternacht in der „Goldnen Vierzig“ an geheimen Früchten naschten, im roten Ampelschein so wunderhübsch herausplapperte: „Du kleiner Flotter!“ Weiter nämlich wußte sie kein deutsches Wort, das arme Kind; das genügte wol für ihr Geschäft. Richtig – daß ich nicht lüge; etwas wußte sie  doch  noch. „Ei’ Flass Sekt noch,“ flüsterte sie bettelnd. Wir blieben aber standhaft, d.h. nicht seßhaft; denn Lebendiges teile ich nicht gern mit Jedermann.

     Und als wir auseinander gingen, lachten wir uns an und pfiffen uns eins; pfiffen auf sämtliche „Vorurteile“ dieser, jener und der sonst noch möglichen Welten. Heute Abend auf Wiedersehn am Hafen! Dann –

Gieb mir deine Hand,
Einmal noch ein Schmerz,
Einmal noch ein deutsches Herz –
Dann leb wohl, mein Weib, mein Vaterland! – –

Ach, wie süß die Veilchen duften . . .