Grammatik des arabischen Vulgärdialectes von Aegypten

Textdaten
Autor: Wilhelm Spitta
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Titel: Grammatik des arabischen Vulgärdialectes von Aegypten
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Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: J. C. Hinrichs
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Erscheinungsort: Leipzig
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[Ξ]

Grammatik
des
arabischen Vulgärdialectes
von Aegypten.


von
Dr. Wilhelm Spitta-Bey,
Director der viceköniglichen Bibliothek in Kairo.


Leipzig
J. C. Hinrichs’sche Buchhandlung
1880.

[I] [II]

[III]

Grammatik
des
arabischen Vulgärdialectes
von Aegypten.

[IV]
Alle Rechte vorbehalten.
[V]

Vorwort.

Das vorliegende Buch behandelt den arabischen Volksdialect des heutigen Aegyptens, eine Sprache, die bis jetzt nur gesprochen, niemals in grösserer, ernster und zusammenhängender Weise geschrieben ist; durch längeren practischen Gebrauch ist sie für mich fast zur zweiten Muttersprache geworden. Es mag nun nicht zu den schwierigsten Aufgaben gehören, eine Mundart, die man so lange im täglichen Leben geübt, wissenschaftlich zu beschreiben; allein trotzdem muss ich gestehen, dass die Hindernisse, welche ich zur Erreichung dieses Zieles zu überwinden hatte, gross genug waren, um mich eine Reihe von Jahren ziemlich andauernd zu beschäftigen. Zur richtigen Würdigung des Ganzen wie zur Nachsicht mit den vorhandenen Mängeln habe ich daher hier auseinanderzusetzen, wie ich bei der Abfassung dieser Grammatik verfahren bin.

Die grösste Schwierigkeit ist jedenfalls der gänzliche Mangel einer Litteratur; die wenigen vorhandenen Erzeugnisse in vulgärarabischer Mundart, wie das Witzblatt Abû naḍḍâra zarqa und einige Theaterstücke, die meistens aus dem Französischen übersetzt sind, können kaum in Betracht kommen und bieten auf alle Fälle ein sehr ungenügendes Material. Denn der Ideenkreis dieser Arbeiten ist ein ganz beschränkter, in den Theaterstücken zudem ein der Anschauung des Volkes meistens fremder; und dann halten sich die Verfasser auch nicht ganz von altarabischen Wendungen fern, mit denen sie, nach einer im Oriente allgemein gebräuchlichen Unsitte, ihre Rede ausputzen wollen. Dazu kommt ein anderes, ungleich mühsamer zu überwindendes Hindernis: die Sprachformen selbst schwanken noch, und vieles verändert sich in dem Munde der [VI] Leute fortwährend. Wie könnte es auch anders sein! Eine litteraturlose Sprache ist ein halbgeronnener Körper, der aus einiger Entfernung betrachtet, ein festes Object darzubieten scheint, unter der zugreifenden Hand sich aber seiner flüssigen Natur wieder bewusst wird und nach allen Seiten zu entschlüpfen versucht. Diese scheinbar unbegrenzte Freiheit fühlen die Araber selbst beim Sprechen und ergehen sich mit Behagen darin; „unsere Sprache“, sagen sie, „beruht nicht auf Regeln, sondern ist bil’igtihâd d. h. je nachdem sich jemand mehr oder weniger Mühe giebt, spricht er so oder so“. Eine Bevorzugung der einen Form vor der andern, als der richtigen vor der falschen, wollen sie theoretisch nicht anerkennen, obwohl sie practisch einen sehr deutlichen Unterschied machen und sich oft genug über schlecht sprechende Kopten oder Europäer aufhalten. Daher kommt es auch, dass man durch directes Fragen nach sprachlichen Erscheinungen bei Arabern niemals ein genügendes Resultat erzielt. Denn entweder fragt man einen ganz oder halb Gebildeten, der altarabisch versteht, und dieser antwortet dann mit der klassischen Sprachform, die man ebenso gut kennt wie er; oder man wendet sich an einen Mann aus dem Volke, der gar nicht begreift, um was es sich handelt und im besten Falle antwortet: kulloh zê ba‘ḍoh „das ist alles einerlei“. Will man endlich eine vulgärarabische Antwort erzwingen und setzt seine Absicht länger auseinander, so verliert der Gefragte, falls er uns überhaupt begreift, seine sprachliche Unbefangenheit und antwortet mit Formen, von denen man nachher doch nicht weiss, ob sie wirklich volksthümlich sind oder nicht.

Diese Schwierigkeiten werden uns nicht erleichtert durch die Arbeiten, welche, halb wissenschaftlicher, halb practischer Art, auf diesem Felde erschienen sind. Man wird nicht von mir verlangen, dass ich alle Guides, Manuels oder alle Zeitschriftenartikel, in denen etwas über den ägyptischen Vulgärdialect gesagt wird, hier citieren oder überhaupt kennen soll. Was hiervon wirklich wissenschaftlichen Werth hat, wie die Arbeiten Lane’s und Wallin’s, ist an den betreffenden Stellen gewissenhaft angeführt; auch will ich nicht in Abrede stellen, dass hie und da etwas Werthvolles unabsichtlich von mir übersehen sein mag. Allein im allgemeinen ist wenig aus ihnen zu lernen. Sie leiden alle — neben der Ungründlichkeit [VII] — an dem Hauptfehler, die verschiedenen neuarabischen Dialecte, statt sie reinlich von einander zu sondern, wüst und, unordentlich durcheinander zu werfen und magribinische, ägyptische, syrische Formen ungeschieden neben einander aufzuführen, oft wohl gar noch mit altarabischen zu vermischen. Dieser Art ist Caussin de Perceval’s oft citierter Versuch,[AU 1] die kaum noch gekannten neuarabischen Dialecte in einer Darstellung zu vereinigen; nothwendigerweise musste dieses zur Folge haben, dass nicht einmal das vollständige Gerippe einer einzigen Sprache gegeben wird, von einer Besprechung der Syntax aber, einer Beobachtung des sprachlichen Lebens überhaupt, wie sich diese Knochen mit Fleisch und Blut bekleiden, wie sie sich regen und bewegen, gar keine Rede sein kann. Zudem ist vieles dort Angeführte gar nicht vulgärarabisch, sondern gehört der mittleren Periode der arabischen Sprache an. Kaum besser ist Wahrmund’s Grammatik,[AU 2] nur dass sie, weil dem Verfasser augenscheinlich die practische Kenntnis der Volkssprache abgeht, noch mehr das arabisch der Zeitungen und der Kanzleisprache berücksichtigt. Hassan[AU 3] ferner, obwohl geborener Aegypter, begnügt sich in seinem Lehrbuche gewöhnlich damit, die Regeln aus Wahrmund und Caussin de Perceval abzuschreiben und bietet nur in den Gesprächen neues und ursprüngliches Material. Zum ausschliesslichen Gegenstand einer selbständigen Arbeit ist der Dialect des Nilthales bis jetzt nur von dem ägyptischen Gelehrten Mouhammad Ayyad el-Tantavy gemacht, der in seinem Traité[AU 4] eine werthvolle und reichhaltige Materialiensammlung bietet. Leider fehlt in dem jetzt auch vergriffenen Buche gänzlich die Transscription, so dass der Anfänger gar nicht weiss, wie er aussprechen soll; die grammatischen Bemerkungen in der Vorrede können in ihrer Dürftigkeit und Ungenauigkeit keinen Anspruch auf Bedeutung machen. Andere Arbeiten hier zu characterisieren ist unnöthig, da sie nicht einmal die Bedeutung der genannten haben.

[VIII] Unter diesen Umständen blieb mir, als ich vulgärarabisch lernen wollte und musste, nichts anderes übrig, als von vorne anzufangen und in all und jedem direct aus der Quelle zu schöpfen d. h. zu hören, wie die Araber sprechen, und es dann ebenso zu machen. Ich zog mich deshalb aus dem europäischen Viertel Kairo’s in das arabische zurück, begann als Araber zu leben und von früh bis spät auf der Sprachjagd zu sein. Um überall, sofort und unbemerkt mir alles notieren zu können, gewöhnte ich mir an, mit einem kleinen, in der Hand verborgenen Bleistift, ohne hinzusehen, auf die Manschetten zu schreiben; das so Zusammengebrachte wurde abends in die Sammlungen eingetragen. Auf diese Weise konnte ich selbst in grösserer Gesellschaft unbelästigt meine Aufzeichnungen machen, und fast das ganze in diesem Buche niedergelegte Sprachmaterial hat zuerst auf den Manschetten gestanden. Denn um wirklich gründlich und gewissenhaft zu verfahren, musste ich mir zur Regel machen, nur meinen eigenen Ohren zu glauben und nur das aufzunehmen, was ich wirklich selbst gehört hatte, da ich bald sah, dass niemand bis jetzt den ägyptischen Dialect ruhig und genau beobachtet hatte. Niemand konnte ihn in der That auch so beobachten; denn dazu gehört Zeit, und hätte mich mein Geschick nicht auf Jahre unter die Araber verschlagen, so würde auch ich dazu nicht im Stande gewesen sein. Monatelang habe ich oft auf der Lauer gelegen nach einer einzigen Form, wartend bis sie mir frei und spontan entgegengesprochen würde, ohne dass der Sprechende durch Fragen seine sprachliche Unbefangenheit verloren hätte; endlich erschien sie und sofort wurde sie auf der Manschette fixiert. Durch geschickte Gesprächswendungen, durch eine planmässige Führung der ganzen Unterhaltung kann man allerdings viel erreichen; allein nur durch geduldiges Warten kommt man zum Ziele, und doch wird auch jetzt das Sprachbild noch nicht ganz vollständig sein. Noch immer fehlen einzelne Formen; stets noch wird es syntactische Constructionen geben, die mir nicht zu Ohren gekommen sind. Allein ich kann nicht mehr geben als ich habe; und so gross das Gewicht der Verantwortung auch ist, das ich hiemit auf meine Schultern lade, ich bin gezwungen nochmals zu erklären, dass nur das in diesem Buche zu finden [IX] ist, was ich mit eigenen, allerdings jahrelang geübten, Ohren gehört habe, und dass in den wenigen Fällen, wo ich mich auf fremde Autoritäten stütze, dieses stets bemerkt ist. Der Titel dieses Buches ist daher streng genommen zu weit gefasst; ich hätte schreiben sollen: „Grammatik des in ‚Kairo gesprochenen arabischen Vulgärdialectes“. Allein wie man es nicht übel nehmen wird, wenn jemand in einem Lehrbuche der französischen Sprache sich besonders auf den pariser Dialect stützt, ebenso wird man es zugestehen, dass ich kurzweg das kairiner Arabisch auf ganz Aegypten ausdehne. Ich weiss sehr wohl, dass der Oberägypter sich in seiner Sprache vom Unterägypter unterscheidet, dass besonders, einige Striche und Ortschaften sehr merkliche Eigenthümlichkeiten haben; allein, auch wenn ich mehr davon gekannt hätte als ich wirklich kenne, ich hätte es doch nicht in diese Arbeit aufnehmen können, eben so wenig als die Dialecte der einzelnen Stadtviertel Kairos hier Platz gefunden haben: und doch traue ich mir zu, in längerem Gespräche einen Bewohner der Saijide Zênab von einem Bûlâqer oder einem, beim Bâb eśśa‘ryje Wohnenden unterscheiden zu können. Hier handelt es sich darum, überall nur das allgemein Gültige zu geben, und zu diesem Zwecke ist der Dialect von Kairo als der ägyptischen Hauptstadt der geeignetste. Ich halte daher meine Aufgabe für gelöst, wenn es mir gelungen sein sollte, diesen in seinen wesentlichsten Partien vollständig und richtig darzustellen.

Aegypten d. h. das Nilthal von Aṣwân bis zum Meere wurde im Jahre 19 d. H. (640 Chr.) von den Arabern erobert und damit gezwungen die von diesen gesprochene Sprache zu erlernen. Zwar wohnten seit uralten Zeiten in der Wüste zwischen dem Nilthale und dem Rothen Meere semitisch redende Stämme; doch hatten diese Beduinen ebensowenig Einfluss auf den gebildeten Ackerbauer wie es, heutzutage dem Fellâḥen einfällt sich die Ausdrucksweise seiner unstäten östlichen Nachbaren anzueignen. Vielmehr wurde überall in Aegypten als Landessprache nur das koptische gesprochen, und die einfache und klare Bauart desselben machte es auch in hohem Grade zum Verkehrsmittel geeignet. Es fragt sich, ob der tiefer stehende arabische Eindringling dem höher gebildeten Kopten keinen Einfluss auf seine Sprache gestattete und ihm, [X] als er ihn zwang, statt des leichten durchsichtigen Koptisch das schwere Arabisch zu lernen, nicht wenigstens einige Concessionen machte. Man hat dieses auch vielfach behauptet und einzelne Eigenthümlichkeiten des ägyptisch-arabischen Dialectes darauf zurückführen wollen z. B. die harte Aussprache des g. Allein schon der Umstand, dass heute nirgends mehr koptisch gesprochen wird, dass selbst die koptischen Priester stets eine arabische Uebersetzung neben ihren koptischen Liturgien haben müssen, beweist, mit welcher unwiderstehlichen Energie die Sprache der Eroberer sich überall Bahn brach. Besonders seitdem im Jahre 87 d. H. (706 Chr.) unter el-Walyd ibn ‘Abd el-Melik[AU 5] in den Diwânen die koptische Buchführung durch die arabische ersetzt wurde, und in den nachfolgenden Zeiten die Koptenverfolgungen sich mehrten und die Christen massenweise zum Islâm übertraten, schwand der Einfluss ihrer Sprache gänzlich. In der That ist es mir nicht gelungen, auch nur in einem Punkte einen grammatischen Einfluss des Koptischen auf den arabischen Dialect Aegyptens zu entdecken: lexicalisch allerdings sind vielfache Entlehnungen nachzuweisen.[AU 6] Die vorhandenen Eigenthümlichkeiten, wie die trockene Aussprache des g, die Zwischenvocale, der Accent, [XI] müssen daher ihren Grund in der Sprache der Einwanderer selbst gehabt haben. Die arabischen Stämme nun, welche in der ersten Zeit des Islâm nach und nach Aegypten besetzten, hat uns Maqryzy in seiner Abhandlung verzeichnet.[AU 7] Von ihren damaligen Dialecten wissen wir so gut wie nichts. Sie wohnten jedoch alle, bevor sie nach Aegypten zogen, im Higâz und Negd, obwohl einige von ihnen sog. jemenitischer Abkunft sind d. h. der (sehr zweifelhaften) Stammessage nach früher in Südarabien gewohnt haben sollen. Eine bessere Kenntnis des heutigen im Higâz und Negd gesprochenen arabisch würde uns, wie ich glaube, viele Aufschlüsse über den Grund der Eigenthümlichkeiten des ägyptischen Dialectes geben; z. B. wird noch jetzt in einem Theile des Negd das g trocken und nicht gequetscht gesprochen. Auf keinen Fall aber entfernen sich diese Besonderheiten aus dem Rahmen der semitischen Sprachen, und für alles findet man in den verwandten Dialecten Analogien. Schon deshalb, dann auch um die Entwickehingsstufe des ägyptischen Dialectes genauer festzustellen, habe ich fast überall, bei selteneren Erscheinungen stets, Vergleichungen, aus den anderen semitischen Idiomen herbeigezogen. Es ergiebt sich daraus, dass die Volkssprache Aegyptens auf genau derselben Entwickelungsbahn fortgeschritten ist, auf welcher ihr früher entwickelte Schwestern, besonders das aramäische, vorangegangen sind. Eine wissenschaftliche Untersuchung des heutigen syrisch-arabischen, die jedoch ohne eine selbständige Kenntnis des altsyrischen nicht zu unternehmen ist, würde wahrscheinlich noch grössere Aehnlichkeiten aufweisen können. Man wird es hoffentlich billigen, dass ich bei allen Vergleichungen möglichst kurz gewesen bin, sowie dass ich nur das herbeigezogen habe, worüber ich selbständig urtheilen zu können glaube, und das, was ich nicht verstehe z. B. assyrisch und himjarisch), auch nicht ohne Prüfung anderen nachspreche.

Die der Grammatik angehängten Texte, welche alle von mir direct dem Volksmunde entnommen sind, hatten zunächst für mich den Zweck, mir ein bequemes Material für die Beispiele [XII] der Formenlehre und besonders der Syntax zu liefern. Zugleich aber sollen sie ein zusammenhängenderes Bild der Ausdrucksweise liefern, als es durch abgerissene Sätze möglich ist, und dem Lernenden Gelegenheit bieten seine Kenntnisse zu üben. Die Erzählungen, deren ich 11 gegeben habe, mit einer vollständigen Uebersetzung zu versehen, hielt ich nicht für nöthig, da die aus ihnen genommenen zahlreichen Beispiele in der Grammatik stets ins deutsche übertragen sind. Kenner orientalischer Märchen werden in ihnen manchen alten Bekannten wiederfinden, der sich in freier mündlicher Ueberlieferung mannigfach verändert, aber doch noch erkenntlich, bis auf den heutigen Tag erhalten hat. So findet sich der Kern der zweiten Erzählung bei F. Baethgen, Sindbân oder die sieben weisen Meister (Leipzig 1878) S. 27, der des fünften Märchens von den beiden Räubern in den Qyrq wezyr (ed. Belletête) S. 198 wieder. Sollte der Wunsch oder das Bedürfnis nach mehr sich herausstellen, so bin ich gerne bereit aus meinen Sammlungen noch eine zweite Reihe direct aus dem Volksmunde gesammelter Erzählungen herauszugeben. Die Aegypter sind hierin, wie alle Orientalen, unerschöpflich und erzählen gern, lebhaft und witzig. Uebrigens bemerke ich noch, dass mir die erste Schnurre von dem kairiner Buchhändler Muḥammed Sukkar mitgetheilt ist, die übrigen sind mir von einem kleinen Kaufmann aus der Salybe, dem Ḥagge̊ Muḥammed, so langsam vorerzählt, dass ich bequem nachschreiben konnte. Sie mögen die Verantwortung für den Inhalt tragen: الاعتماد على الراوى. – Die Mawâwyl habe ich nur als Specimen neuägyptischer Dichtkunst gegeben: als Sprachproben sind sie nicht unbedingt zuverlässig, da hin und wieder auch alte Formen Aufnahme finden. Ueber ihren dichterischen Werth kann man streiten; das ewige Liebesgeflenne ist für uns langweilig, so unverwüstlich sein Reiz auf ein arabisches Herz auch sein mag. Immerhin aber finde ich es natürlicher, seinen Gefühlen ungezwungen freien Lauf zu lassen, als sich wohl oder übel auf das Kameel der alten Wüstendichter aufschwingen zu wollen, um die Spuren der Lagerstätte einer gar nicht vorhandenen Geliebten aufzusuchen. Leider krankt fast die ganze ältere arabische Poesie an dieser Künstlichkeit, während man gerade in den neuarabischen [XIII] Gedichten vielfach einer überraschenden Wahrheit und Zierlichkeit des Ausdruckes begegnet. Das allen zu Grunde liegende Metrum ist Basyṭ. — Mit den 301 transscribierten ägyptischen Sprichwörtern glaube ich schliesslich nichts überflüssiges gegeben zu haben. Zwar besitzen wir die Sammlungen von Tantavy und Burckhardt; auch Socin’s Zusammenstellung enthält einiges ägyptische. Allein die beiden ersten geben keine Umschreibung der wirklichen Aussprache, Burckhardt hat daneben noch viele jetzt veraltete Redensarten. Eine Kenntnis der gebräuchlichen Sprichwörter ist aber ebenso interessant für den, welcher den Geist der Sprache studieren will, als unentbehrlich für den, welcher sie practisch handhabt. Die Uebersetzung war hier geradezu unentbehrlich, da die Knappheit des Ausdruckes ohne genaue Kenntnis des beabsichtigten Sinnes und der Verhältnisse im allgemeinen oft unverständlich ist.

Der Druck, welcher bei der weiten Entfernung anderthalb Jahre in Anspruch genommen hat, bedarf leider noch einiger Zusätze und Verbesserungen; ich bitte den Leser, vor Benutzung des Buches nach dem am Ende des Buches stehenden Verzeichnis die nöthigen Aenderungen vorzunehmen. Kleinigkeiten, wie Interpunctionsfehler, abgesprungene Anführungszeichen, punctlose I’s u. a., sind als sofort erkennbar gar nicht corrigiert worden. Unregelmässigkeiten in der Transscription neuarabischer Wörter fallen theils mir als Nachlässigkeit zur Last, meistens sind sie aber der verschiedenen Art des Sprechens zuzuschreiben: so spricht der eine da einen Halbvocal, wo der andere einen Vollvocal hören lässt; die ursprünglich langen Endvocale werden selten wirklich lang ausgesprochen, gewöhnlich verkürzen sie sich als accentlose Silben (§ 29a), es hängt also ganz vom Sprechenden ab, ob er wára oder wárâ sagen will. Zu besonderem Danke fühle ich mich verpflichtet meinem lieben Freunde Herrn Professor Loth in Leipzig und Herrn Professor Müller in Halle für die gewissenhafte Besorgung der ersten und dritten Correctur sowie für eine Reihe werthvoller Einzelbemerkungen; ebenso hat Herr Professor Robertson Smith aus Aberdeen mich noch auf manches aufmerksam gemacht, was ich hiemit dankbar anerkenne. Trotz alledem aber fühle ich in diesem Augenblicke, wo ich die so lange [XIV] zurückgehaltene Arbeit hinausgehen lasse in die weite Welt, recht deutlich die Unvollkommenheit meines Werkes. Im Vergleich zu der im lebendigsten Leben dahinrauschenden Sprache, deren erfrischende Wellen mich so oft erquickt haben, wie dürftig nimmt sich die Skizze aus, die ich in den nachfolgen- den Blättern zu geben versucht habe! Mit Dank werde ich jede auf practischer Erfahrung beruhende Berichtigung entgegennehmen und richte daher an alle diejenigen, welche mit dem ägyptischen Dialect vertraut sind, die Bitte, mir ihre Bemerkungen zukommen zu lassen.

Zum Schluss will ich noch einem Wunsche Ausdruck geben, den ich bei der Abfassung dieses Buches oft gehegt habe; er betrifft Aegypten selbst und berührt für dieses eine Lebensfrage. Jedermann, der eine Zeit lang in einem arabisch redenden Lande gelebt hat, weiss, wie ungemein erschwerend auf alle Verhältnisse die Verschiedenheit der geschriebenen Sprache von der gesprochenen wirkt. An eine wirkliche Volksbildung ist unter diesen Umständen nicht zu denken; denn wie soll im Elementarunterricht eine auch nur halbwegs genügende Kenntnis des so schwierigen altarabischen Idioms gelehrt werden können, wenn man in den höhern Schulen Jahre lang die Kinder damit quält, um am Ende doch noch ganz ungenügende Resultate zu erzielen? Zwar trägt die unglückselige Schrift einen grossen Theil der Schuld; allein wie viel leichter wäre die Sache, wenn man die Sprache schriebe, welche man spricht, anstatt jetzt künstlich in einer Sprache zu schreiben, die dem heutigen Geschlechte so fern liegt, wie dem Italiäner das lateinische, dem Neugriechen das altgriechische, die, ohne vulgär zu sein, auch nicht einmal mehr das klassische arabisch darstellt. Eine wirkliche Litteratur kann sich so gar nicht entwickeln; denn nur die kleine Klasse der Gebildeten kann ein Buch lesen: für den gemeinen Mann existiert es nicht. Blindlings muss er sich in die Hände eines Schreibers geben, falls er einmal ein Schriftstück nöthig hat; mit einem Siegel, das er nicht lesen kann, und das in der leichtesten Weise zu fälschen ist, unterzeichnet er auf Treu und Glauben hin die wichtigsten Urkunden. Weshalb aber will man dem nicht abhelfen? Man fürchtet, der Religion zu nahe zu treten, wenn man die Sprache des Korans aufgiebt. [XV] Allein diese wird nirgends mehr geschrieben, sondern überall nur das mittelarabisch der Kanzleien. Auch die — übrigens sehr zweifelhafte — Einheit der islamitischen Völker würde nicht dadurch gestört werden; denn die Sprache des Gebetes und der Riten bliebe doch dieselbe. Dann aber behauptet man, dass die neuarabische Sprache gänzlich unfähig zur Schriftsprache sei, da sie keinen Gesetzen gehorche, sondern regellos einherschwanke. Dass sie dies bis zu einem gewissen Grade thut, habe ich selbst unangenehm genug empfunden. Allein trotzdem behaupte ich, dass wenn man in Aegypten Ernst machte, den gesprochenen Dialect zur Schriftsprache zu erheben, die Schwierigkeiten nicht unüberwindlich sein würden. Ich glaube, dieses Buch beweist, dass die Sprache des Volkes so ganz regellos doch nicht ist, dass sie vielmehr noch eine Fülle von grammatischen Feinheiten besitzt, und dass gerade die Schlichtheit ihrer Syntax, die Beweglichkeit ihres Wortgefüges sie zu einem sehr bequemen Werkzeuge machen würde. Sah es etwa mit dem italiänischen besser aus als Dante seine göttliche Comödie schrieb? Und sollte eine Commission der gelehrtesten und practischsten Männer Aegyptens das nicht unendlich viel besser machen, was mir, dem Ausländer, nicht zu schwer erschienen ist?

 Bad Kreuth, 28. Juli 1880.

 Wilhelm Spitta.

Anmerkungen des Autors

  1. Grammaire arabe vulgaire. 4e éd. Paris 1858.
  2. Practisches Handbuch der neuarabischen Sprache. Zweite Auflage. Giessen 1879.
  3. Grammatik der vulgärarabischen Sprache. Wien 1869.
  4. Traité de la langue arabe vulgaire. Leipzig 1848.
  5. Maqryzy, Ḫiṭaṭ I 98.
  6. So minje(t), myt „Dorf“ = ⲙⲟⲛⲕ „Hafen, Niederlassung“; śûne „Kornspeicher“ = ϣⲉⲩⲛⲓ; śerâqy „trocken, dürr“ von ϣⲁⲣⲏⲉ „Wassermangel, Theurung“; ṭûb „Ziegelstein“ = ⲧⲱⲃⲓ,; wêbe ein Hohlmass = ⲟⲓⲡⲉ; nûś, nôś Ausdruck für etwas sehr grosses (kebyr zê ennûś) = ⲛⲟⲋ „Grösse“ sah.; demyre „Ueberschwemmung“ = ⲧⲉ-ⲙⲏⲣⲉ sah.; berba Pl. berâby „Tempeltrümmer, altägyptische Bauwerke“ = ⲡ-ⲉⲣⲡⲉ; bûlâq häufiger Ortsname am Nil = ⲡⲉⲗⲁⲕ „Insel, Hafen“ (daher auch die Insel Philae); ḥalûm „weicher weisser Käse“ = ϩⲁⲗⲱⲙ sah.; balaḥ „Dattel“ = ⲃⲉⲗϩⲱⲗ oder ⲃⲉⲣϩⲱⲗ; merysy in hawa merysy „Südwind“ von ⲙⲁⲣⲏⲥ „Oberägypten“; timsâḥ „Krokodil“ = ⲙⲥⲁϩ; ardebb ein Vollmass = ⲉⲣⲧⲱⲃ; ṣanṭ „Acacia nilotica“ = ϣⲟⲛⲧ; samar „Fenchel“ = ϣⲁⲙⲁⲣ. Diese Liste würde sich bei einem längeren Aufenthalte in Oberägypten und bei einer besseren Kenntnis der koptischen Sprache, als sie mir zu Gebote steht, leicht vermehren lassen. Vgl. übrigens Kremer. Aegypten I S. 150.
  7. El-Macrizi’s Abhandlung über die in Aegypten eingewanderten arabischen Stämme. Herausg. und übers. von F. Wüstenfeld. Göttingen 1847 (aus den Göttinger Studien).