Freiligrath’s silberne Hochzeit

Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Freiligrath’s silberne Hochzeit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 351–352
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1866
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Blätter und Blüthen
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[351] Freiligrath’s silberne Hochzeit. Es war am Nachmittage des 19. Mai, in der heitern Helle und Wärme des ersten schönen Tages während des diesjährigen kalten Frühlings, als wir uns von St. Johns Wood nach der Station der North London-Eisenbahn aufmachten, um an das entgegengesetzte Ende der Metropole, nach Lower Clapton, hinauszufahren. Eine deutsche Freundin hatte uns den Abend vorher durch die Nachricht überrascht, daß heute der fünfundzwanzigste Jahrestag von Freiligrath’s Vermählung sei, und wir waren um so rascher entschlossen, dem verehrten Dichterpaar unsere Glückwünsche zu seiner silbernen Hochzeit darzubringen, als wir schon länger einen Besuch beabsichtigt hatten. Ein voller Strauß von Frühlingsblumen, das frische Grün des Parks, die mildklare Luft um uns her, Alles stimmte zu der festlichen Empfindung des Tages, und wenn die Erinnerung an die Ereignisse der fünfundzwanzig Jahre, deren Kreis sich heute rundete, sammt dem Hinblick auf die gegenwärtige kritische Lage Deutschlands es nicht an ernsten Gedanken fehlen ließ, so konnten sie doch dem Feste sein Recht nicht rauben – sie gaben ihm nur den bedeutungsvollen Hintergrund, von dem es sich für uns, die seit langer Zeit zu der Familie des Dichters in freundschaftlicher Beziehung gestanden, charakteristisch abhob. Welch’ weite Kluft zwischen dem Mai 1841 und dem Mai 1866! Freiligrath, damals noch der orientalisch-exotische Schwärmer, der gekrönte Dichter eines romantischen Königs, Deutschland noch das unschuldige politische Paradies, in dem die Wölfe und die Lämmer, die Pardel und die Böcke friedlich nebeneinander lagen. Aber schon wenige Jahre später war Alles verändert. Der Dichter sagte seiner Ruhe im Schatten der tropischen Palmen, seinen phantastischen Wanderungen durch die Wüste, seinem Lehensverhältniß zu dem romantischen König Lebewohl. Entschlossen trat er mit seinem „Glaubensbekenntniß“ in die Schranken der vaterländischen Parteikämpfe und nahm ohne Zögern, als Folge dieser Revolution seines Innern, die Verbannung auf sich. Erst die Katastrophe jenes paradiesischen Zustandes der politischen Welt im Jahre 1848 rief ihn auf kurze Zeit in das Vaterland zurück. Doch sein persönliches Schicksal war fortan unauflöslich an das der deutschen Freiheit gebunden, seine Lieder gingen mit der Revolution und die Ebbe der großen Fluth, die so viel edle Kräfte auf’s Meer hinaustrieb, führte auch ihn von Neuem nach England in’s Exil. Traurig, fürwahr, sind die Verhältnisse eines Landes, das seine Dichter in die Verbannung stößt! und sehnend schweifte Freiligraths Auge seitdem aus der Fremde wohl oft in seine westphälische und rheinische Heimath hinüber. Allein er legte die Hände nicht müßig in den Schooß. Durch ausdauernde Arbeit gründete er sich während der langen Jahre der Reaction in London eine schöne Häuslichkeit; eine blühende Familie wuchs um ihn heran und das Glück, welches eine so gegründete Heimath dem freien Manne zu gewähren vermag, wurde ihm in reichem Maße zu Theil. So [352] oft wir ihn früher besucht hatten, war es uns immer wie eine Fahrt in die Heimath gewesen. Der gastliche Willkomm, der freie, sympathische Sinn, die edle, anspruchslose Einfachheit und Heiterkeit des Dichterhauses hatten immer wieder die schönsten Nachklänge deutschen Familienlebens und deutscher Geselligkeit in uns wachgerufen, und durch die Unterhaltung wehte und rauschte es wie der Strom des Rheines, wie die Luft des Teutoburger Waldes. …

Auch diese Erinnerungen zogen durch uns hin, als wir, an der Hackney-Station aussteigend, der Wohnung des Dichters zuschritten. Clapton ist eine jener ländlichen Gartenvorstädte, die in meilenweitem Kreise das innere London umkränzen. Die Gärten grünten und blühten ringsum, der Himmel glänzte in dem schönsten Blau, dessen die Londoner Atmosphäre fähig ist. Wir fanden das silberne Brautpaar zu Hause, und es machte keinen Unterschied in dem herzlichen Empfang, als wir beim Aussprechen unserer Glückwünsche erfuhren, daß wir an dem Vorabend des fünfundzwanzigsten Jahrestages gekommen seien, da der Jahrestag selbst zusammenfalle mit dem zwanzigsten Mai, dem diesjährigen ersten Pfingsttage. Geschah doch auf solche Weise auch dem Polterabend seine Ehre! Und so saßen wir bald in traulichem Gespräch bei einander. Zunächst, wie sich von selbst versteht, galt es der Vergangenheit. Es war, im Rückblick auf den Verlauf eines Vierteljahrhunderts, ein heitrer Gedanke, zwei so schöne Gedächtnißtage der ersten und der zweiten Vermählung zusammentreffen zu sehen, indem jener durch den Himmelfahrtstag, dieser durch das Pfingstfest seine äußere Weihe erhielt. Aber bald wandte die Unterhaltung sich der Gegenwart zu, und wie Vieles da mit Wünschen, Befürchtungen, Hoffnungen durchgesprochen wurde, bedarf keiner Erklärung.

Auch Freiligrath’s persönliche Verhältnisse haben in Folgen des Eingehens der Schweizer Bank in London, als deren Director er während der letzten zehn Jahre fungirte, in jüngster Zeit einen Stoß erlitten, dessen Ueberwindung die ganze ruhige Entschlossenheit und Resignation eines Mannes erfordert, welcher, der Vollendung des sechsten Jahrzehnts nahe, nach so vielen Wechselfällen des Lebens gehofft hatte, endlich von der hohen See in einen sichern Hafen eingelaufen zu sein. Seine Familie hatte für den herannahenden Sommer einen Besuch in Deutschland beabsichtigt; Wolfgang, sein ältester Sohn, sollte demnächst eine Stelle in Görlitz antreten, aber bei dem drohenden Ausbruch des Krieges hatte man beide Pläne vertagen müssen. Die Frage, ob Freiligrath mit einer poetischen Arbeit beschäftigt sei, und die Antwort, daß er die älteren englischen Dichter in die Hand genommen, führte zu einem Besuch in seinem Studir- und Bibliothekzimmer. Ein schönes, großes Zimmer, mit weitem Blick in die umgebende Landschaft, und von oben bis unten angefüllt von Werken der Kunst und der Poesie. Bilder und Büsten von Dante, Shakespeare, Goethe, Schiller, Uhland, Grabbe, Immermann, Chamisso an den Wänden; in den Bücherschränken reiche Schätze deutscher und englischer Literatur. Hier die erste Ausgabe von Milton’s Paradise Lost, dort der Göttinger Musenalmanach, die Horen, die ersten Ausgaben des Faust, der Räuber, der Burns’schen Gedichte, der Byron’schen Hours of Idleness, der Percy’schen Volkslieder. Unwillkürlich fühlte man sich aus der chaotischen Wirklichkeit hingezaubert in die heitre Welt der Poesie, und nur zögernd trennten wir uns von dem Heiligthum des Dichters und der Dichtung, als der Thee angemeldet wurde. Nach dem Thee wurde Musik gemacht. Im Laufe des Abends fanden noch mehrere andere Freunde sich ein und zwischen Gesang, Spiel und Unterhaltung gingen die Stunden wie im Fluge vorüber. Endlich schien es Zeit zum Aufbruch. Aber siehe da, inzwischen war es Zeit zum Abendessen geworden und die Einladung zu einer Bowle Maitrank konnte unter den Umständen nicht ausgeschlagen werden. Und in Maitrank wurde dann unter lautem Jubel die Gesundheit des silbernen Brautpaars ausgebracht. Der Waldmeister, obschon auf englischem Boden gewachsen, duftete, als käme er aus den Gründen deutscher Wälder, die Blume des Rheinweins war unverblüht und das dazu schallende „Hoch“ tönte mit vaterländischem Gefühle drein.

Eben waren wir aufgestanden, um nochmals einen Gang durch die Bibliothek zu thun, als von unten her vierstimmiger Männergesang ertönte. Deutsche Stimmen, deutsche patriotische Lieder. Es war der Gesangverein des Londoner Turnerbundes, der noch spät Abends den weiten Weg nach Clapton hinausgekommen war, um das silberne Brautpaar durch den Klang seiner Lieder zu erfreuen. Als die letzten Töne verhallten, begab die ganze Gesellschaft, Freiligrath und seine Gemahlin an der Spitze, sich zu den Turnern hinunter. Man schüttelte sich die Hände, die Bowle wurde neu mit Rheinwein gefüllt und der Dichter drückte in einer kurzen Ansprache den Turnern seinen Dank für die ihm erwiesene Freundlichkeit aus. „Aber,“ so schloß er, „lassen Sie uns, die wir hier vereint sind, auch Deutschland nicht vergessen; lassen Sie uns hoffen, daß es aus seiner gegenwärtigen bedrängten Lage auferstehen werde zu neuem Leben! Deutschland hoch!“ Hoch, hoch! schallte es von allen Seiten nach, und unter den vereinten Wünschen für die Zukunft des Dichterhauses und des deutschen Vaterlandes nahm man Abschied.

So feierten wir Ferdinand Freiligrath’s silberne Hochzeit, eine Festfeier, die in der Geschichte der Dichter und mehr noch in der der Emigration gewiß zu den seltensten gehört und deren Erzählung mir daher auch mitten in dem Waffenlärm der Gegenwart als eine den zahlreichen Freunden des Dichters willkommene erschien.