Textdaten
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Autor: Hermann Löns
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Titel: Fallaub
Untertitel:
aus: Der zweckmäßige Meyer. Ein schnurriges Buch, S. 107–111
Herausgeber:
Auflage: 1.–4. Tausend
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1911
Verlag: Sponholtz
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Erscheinungsort: Hannover
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google-USA* = Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: [1]
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[107] Fallaub.

Die Natur ist das Beste, was wir in der Art haben; darum sollen wir von ihr soviel wie möglich Gebrauch machen, und nicht nur in den dazu besonders geeigneten Jahreszeiten, sondern auch jetzt, wo es oft zu Hause entschieden gemütlicher ist, als außerhalb unserer vier Pfähle, einmal aus gesundheitlichen Rücksichten, und dann überhaupt und so.

Denn auch augenblicklich, da eine Menge von Singvögeln unbekannten Aufenthalts verzogen ist, andere zwar hier blieben, doch aus nur ihnen bekannten Gründen auf die Ausübung der Gesangskunst verzichten, da ferner die Schmetterlinge durch gänzliche Abwesenheit glänzen und das, was noch von Blumen da ist, mehr unser Mitleid erweckt, denn unser Herz erfreut, lohnt sich, abgesehen davon, daß wir dadurch unsere roten Blutkörperchen in nützlicher Weise vermehren, ein Spaziergang bei bescheidenen Ansprüchen immerhin, vorausgesetzt, daß nicht gerade Jupiter pladdrius sämtliche Leitungshähne aufgedreht hat.

Wer natürlich Nachtigallen, schweißtreibende Sonnenwirkung, Baumblüte und ähnliche Delikatessen verlangt, soll eine Wanderung durch den Wald ihm das Gemüt laben, der wird nicht auf seine Kosten kommen und tut besser, seinen Koffer und sich zu packen und den Süden aufzusuchen, wo oben genannte Einrichtungen sich in Permanenz erklärt haben; der Mittelstand kann das aber nicht, und so nimmt er, bescheiden, wie er ist, sozusagen mit einer Mittelstandsnatur vorlieb, freut sich an dem, was ihm geboten wird, und auf das, [108] was später noch kommt, macht sich dabei seine Gedanken und hat auf diese Art ein billiges und bekömmliches Vergnügen.

Wie anregend ist z. B. nicht die Verfärbung des Laubes und der Blätterfall? Warum werden die Blätter erst gelb oder rot, ehe sie abfallen? Der Pflanzenphysiologe erklärt das durch gewisse chemische Veränderungen, die in dem Blattgrün vorgehen, und deren Hauptzweck darin besteht, daß im Spätherbste die Säfte der Blätter in den Baum zurücktreten. Na ja, das ist eine naturwissenschaftliche Erklärung, aber um die Natur zu verstehen, genügt die Naturwissenschaft durchaus nicht.

Der ernste und besonnene Forscher, den keine metaphysischen Anwandlungen und keine ästhetischen Sentimentalitäten von der geraden, aber etwas langweiligen Bahn der exakten Wissenschaft abbringen, wird hohnlachen, wenn man z. B. sagt: Die bunte Färbung des Waldes ist eine Art von Fastnachtkleidung. „Übermorgen ist Aschermittwoch, da fängt die magere Zeit an“, sagen die Bäume, und die Blätter, die das hören, nehmen sich diesen Wink zu Herzen, schmeißen sich in die verrücktesten Dominos und führen sich auf, als hätten sie Henkell trocken oder eine andere bessere Flüssigkeit im Leibe, bis sie müde und stark verkatert einen langen Schlaf tun.

Oder aber, wer auf den anthropozentrischen Standpunkt eingeschworen ist, also seine Wenigkeit und Seinesgleichen als das zu betrachten gewohnt ist, um das sich die ganze Natur dreht und auf das sie die gebührende Rücksicht nimmt, der wird vielleicht auf den ein wenig nach Einbildung schmeckenden Gedanken kommen, daß die Natur das so eingerichtet habe, damit der Mensch sich auf den Herbst freue und nicht, sobald dieser seine Visitenkarte abgibt, sich Heulen, Zähneklappern und ähnlichen unerfreulichen und unbekömmlichen Beschäftigungen hingebe. Wie gesagt, ist dieses eine Theorie, die auf wissenschaftliche Beweiskraft sehr wenig Anspruch machen kann; deshalb ist sie doch sehr hübsch und schon aus [109] diesem Grunde wertvoller, als die Feststellung, daß der Mensch vom Affen abstamme.

Aber warum verlieren viele Bäume im Herbst ihr Laub überhaupt, wo doch die Nadelbäume das nicht tun? Tja, das kann man mit der Zweckmäßigkeitstheorie sehr einfach erklären, z. B. damit, damit die Landleute billige Streu haben, damit kleine Jungens darin bis an die Knie herumrauschen können, damit lyrische Dichter aus ihrer Leier das zum Leben nötige Quantum Herbststimmung herauszupfen können usw. usw. usw. Viel naheliegender aber ist folgende anthropozentrische Erklärung: damit der Mensch einsieht, wie herrlich die Architektur eines Baumes ist, und hingeht und englisiert und koupiert und verschimpfiert in Alleen und Anlagen die Bäume, damit kluge Leute einsehen können, wie man es nicht machen soll.

Ja, das Fallaub, das Fallaub, man kann sich schon allerlei Gedanken darüber machen. Warum z. B. verlieren die Jungbuchen die Blätter nicht im Herbst, sondern erst im Frühling, ehe das neue Laub kommt? Wahrscheinlich, Verehrtester, weil sie in ihrer kindlichen Einfalt nicht fest genug davon überzeugt sind, daß ihnen im Frühjahr auch wieder Blätter geliefert werden und sie denken: „Was einer hat, das hat er, und was er los ist, kriegt er sobald nicht wieder“. Mit der Zeit kommen sie schon dahinter und entledigen sich schon im Herbste der Blätter nach der Väter Weise. Vielleicht behalten sie sie aber in der Jugend auch aus jener kindlichen Eigenartssucht, die junge Dichter, Musiker, Maler usw. für ein Zeichen von Genialität halten, bis sie, wenn ihre Haare kürzer und ihr Verstand etwas länger ward, dahinter kommen, daß schließlich Goethe, Beethoven und Böcklin nicht ganz zu verwerfen und schon wert sind, daß man sich ihre Technik ein wenig ansieht.

Dann ist ferner da die Geschichte mit der Lärche! Was ist das nun wieder für eine Sache? Ist ein Nadelbaum, [110] also von Rechtswegen nach dem einfachsten Koniferenkomment verpflichtet, sich nicht im Herbste gänzlich zu mausern, sondern die Nadeln zu behalten. Fällt ihr aber gar nicht ein, benimmt sich durchaus nicht standesgemäß, zeigt keine Spur von Solidaritätsgefühl, marquiert kalt lächelnd das Laubholz und entblödet sich nicht, im November Nacktvorstellungen zu veranstalten. Erkläre mir, Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur? Nichts einfacher als das! Ausnahmen bestätigen die Regel, sagt das Sprüchwort. So ist diese Anomalie schon dadurch erklärt. Ferner kann man sagen: die Lärche weiß, wie hübsch sie auch ohne Nadeln ist. Wer schlägt im Ballsaale alles tot, die dicke Madam mit dem brillantenbesäten Woge- und Wallebusen unter dem langweiligen Doppelkinngesicht, oder die Frau, an der nichts brillant ist, außer der Figur und dem Antlitz? Verstanden? Na also!

Nun noch eine Frage: Warum behalten aber die übrigen Nadelhölzer die Nadeln? Ja, da sitzen sie fest, mein Lieber! Mit der Wissenschaft bekommen Sie das nie heraus, da müssen Sie schon gründlicher zu Werke gehen. Lassen Sie nur die Pflanzengeographie und die Physiologie und das ganze übrige botanische Besteck in der Tasche, auch den sogenannten gesunden Menschenverstand, und klappen Sie die Phantasie dafür auf! Sehen Sie, das hilft sofort! Nicht wahr, wenn alle Tannen, Kiefern, Fichten und Wacholder im Herbste sich bis auf die Haut auszögen, zum Umkommen wäre es dann in unseren Gegenden, nicht zum Aushalten wäre es. So aber, wenn über der verschneiten Flur im kahlen Wald grüne Wipfel in der Sonne leuchten, läßt sich die Landschaft schon ertragen, abgesehen davon, daß es doch auch Weihnachtsbäume geben muß. Die Einrichtung hat also nebenbei auch noch ihren praktischen Wert

Es ist übrigens immer verfehlt, zu fragen, warum ist dies oder das in der Natur so, denn ob Ihnen das paßt oder nicht, Wertgeschätzter, die Natur ist dazu da, daß wir uns [111] ihrer erfreuen, aber nicht, damit wir sie nun auf Herz und Nieren prüfen und Rechenschaft von ihr verlangen, warum dieses so und das so ist. Hier und da tut sie uns ja den Gefallen und erlaubt uns etwas Topfguckerei, aber ihr Kochbuch gibt sie schon nicht her; so dumm ist sie nicht. Denken Sie bloß dieses Unglück, wenn wir hinter alle ihre Geheimnisse kämen! Fünf Minuten nachher würden wir uns elend bei ihr mopsen. So, wie es ist, stehen wir uns bedeutend besser, können je noch Veranlagung und Neigung in tiefsinnigen Versen allerlei aus ihr heraus- oder in sie hineingeheimnissen und uns symbolistisch benehmen, oder ihr mit Geduld und Spezialstudium irgend einen kleinen Kniff abluchsen und dadurch unser Selbstbewußtsein aus einen höheren Pegelstand bringen oder auch nur, wie heute, im erhebenden Bewußtsein, durch keine kalten wissenschaftlichen Kenntnisse belastet, so dahinzuschlendern, uns an den letzten goldenen Blättern der Birke, an dem leuchtenden Kupferrot der Jungbuchen, an dem bronzefarbigen Braun des Eichenlaubes, an der purpurnen Färbung des Hartriegels und an alle den frechen und schüchternen Tinten und Tönen erfreuen, mit denen sich die Blätter der Bäume und Büsche angetan haben.

Mögen die Gedanken, die wir uns darüber machen, und die Theorien, die wir darüber aufstellen, auch wenig Beweiskraft für die strenge Wissenschaft und ihre noch strengeren Priester haben, das stört uns das Vergnügen sehr wenig, es macht uns Spaß, wir freuen uns an ihnen, wie wir uns freuen am bunthinwirbelnden Fallaub.