Erinnerungen aus den Jahren 1837, 1838 und 1839/Erster Theil/III

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III. Kapitel
Erster Theil
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aus: Erinnerungen aus den Jahren 1837, 1838 und 1839. Erster Theil. S. 99–164.
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von: Felix Lichnowsky
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III.

Arrestation des Generals Eguia. — Ausmarsch der königlichen Expedition. — Uebergang des Arga und Aragon. — Zug durch das obere Aragon. — Schlachten von Huesca und Barbastro. — Uebergang des Cinca. — Zug durch Catalonien. — Schlacht bei Guifona. — Einzug in Solfona. — Die catalonischen Häuptlinge. — Marsch bis zum Ebro.

(Anfang Mai bis 28. Juni.)


[101] Aller Augenmerk war während der letzten Zeit auf die größere Expedition gerichtet, welche ebenso viele Anhänger als Gegner zählte, und von der bereits in den ersten Tagen des April hie und da geflüstert wurde. Laut wagte Niemand sich darüber auszusprechen, da man auf häufige Meinungsverschiedenheit, oft auf mächtigen Widerstand stoßen konnte. Der Infant und die Basco-Navarresen waren gegen die projectirte Zeit und Art der Ausführung. Sie meinten, es wäre zu früh, und wenn die Epoche zu diesem Hauptschlage gekommen, müsse mit allen disponiblen Kräften, möglich vieler Cavallerie und Artillerie, aufgebrochen und direct auf Madrid marschirt werden; vorher sei es unerläßlich die Ebro-Linie zu forciren und Espartéro zu schlagen; der König solle jedenfalls in den Provinzen zurückbleiben, da seine Gegenwart im Expeditionscorps die Verantwortlichkeit [102] ihres Chefs nur erhöhen und die Schnelligkeit der Operationen erschweren würde. Am heftigsten, mitunter auch ohne Schonung, drückte sich in diesem Sinne der Graf von Casa Eguia aus, der in Tolosa zurückgezogen lebte. Hierüber mögen einige Klagen zu dem Könige gelangt sein, denn plötzlich ward dieser alte General in das Hoflager nach Estella berufen, und als er eben so unverholen seinen Tadel dem Könige und dessen Umgebung zu erkennen gab, mit großer Strenge behandelt und auf das Fort San Gregorio gesetzt. Man sagt, am Schlusse einer Audienz sei ihm angeboten worden, sich nach Turin zu begeben; auf die Weigerung des Grafen, unter Vorschützung seines Alters, „der Unfähigkeit zu diplomatischen Missionen und des Mangels an Geldmitteln“ habe der König, aufgebracht, obigen Befehl erlassen. Ich kann nicht beurtheilen, in wiefern dieses begründet ist, doch schien die scharfe Maßregel gegen den greisen erprobten Diener keinen günstigen Eindruck hervorgebracht zu haben. Eguia war bekanntlich unter Ferdinand VII. Generallieutenant und Generalcapitain von Gallicien. Die streng monarchischen Grundsätze, welche er stets an den Tag legte, setzten [103] ihn den Verfolgungen der revolutionären Clubs aus. Die schaudervolle Art, wie er die rechte Hand und zwei Finger der linken durch Eröffnung eines mit Knallpulver gefüllten Briefes verlor, ist bekannt. An seiner Treue und Ergebenheit konnte der König nicht zweifeln, und es that wehe, den alten Feldherrn für einige vielleicht zu laut ausgesprochene, doch sicher redlich gemeinte Worte in diesem öden Schlosse auf einer Bergesspitze sich abhärmen zu sehen.

Moreno und seine Umgebung, mehrere einflußreiche Personen im Hoflager und alles, was zur castilischen Parthei gehörte, betrieben eifrig den einmal gefaßten Plan einer größeren Expedition unter persönlicher Leitung des Königs. Alle Gründe wurden hervorgesucht, um dieses Unternehmen von den glänzendsten Seiten darzustellen. Wohl hatte es vieles für sich. Navarra und die baskischen Provinzen, nun das vierte Jahr der Kriegsschauplatz, seufzten unter dem schweren Drucke. Sowohl um ihnen Erleichterung zu verschaffen, als den Operationen eine größere Basis zu geben, war es nothwendig, den Krieg zu generalisiren. Durch ein Abwenden der Hauptkräfte des Feindes von diesen Gegenden, konnte ein Ausdehnen des [104] carlistischen Territoriums bewerkstelligt, und durch dies factische Aufgeben der Provinzen von Seiten der christinischen Generale gleichsam ein ruhiger Besitz derselben gesichert werden. Bei allem Glanze der meisten militairischen Operationen im alten Kriegsschauplatze, war doch unzweifelhaft seit Zumalacarregui’s Tode eine Art Stillstand eingetreten; auch hatten die glücklichsten Erfolge sich nie auf die Expeditionscorps und noch weniger auf die royalistischen Banden im übrigen Spanien ausgedehnt. Es klingt unglaublich, – ein Hauptgrund aber lag in dem nicht auszurottenden Zweifel an Carl’s V. Gegenwart. Der König sollte sich zeigen, das Volk ihn sehen, um zu glauben. Es wurde ihm vorgestellt, sein Anblick würde elektrisch in allen Reichen Spaniens auf die noch schüchternen Anhänger der legitimen Sache wirken; die catalonischen Guerillas zunehmen, Cabrera’s Anhang in Aragon, Valencia und Murcia sich mächtig vermehren, und weder Oráa noch van Meer Kraft und Muth haben, diesem Umsichgreifen Einhalt zu thun; die vereinzelten Partheigänger der Mancha würden sich consolidiren und überall das Volk aufstehen, sich für seinen rechtmäßigen König zu erklären. Es begehre [105] nur Waffen, es den Provinzen gleich zu thun. Diesem Aufschwunge in seinem ersten Entstehen Schutz zu gewähren, sei Pflicht und Nothwendigkeit. So käme dann allmählich die Epoche heran, in der das feindliche Gouvernement seine letzten Heere in hundert Parzellen zersplittern müßte, um den überall neu erstehenden Banden in Berge und Schluchten zu folgen. Madrid würde sich freudig dem Könige ergeben; Sieg und Krone seien dann gewiß.

Die Expedition wurde beschlossen, und alle Vorbereitungen in tiefes Geheimniß gehüllt. Um die Aufmerksamkeit des Feindes abzulenken, ward das Hauptquartier am 2. Mai von Tolosa nach Hernani verlegt, den von uns beobachteten Punkten in entgegengesetzter Richtung. Es schien, als sollten wir lange und ernstlich hier bleiben; denn viele Truppen wurden um diesen Punkt zusammengezogen, und an einem der nächstfolgenden Tage theilte der Infant auf dem Felde von Oriamendi den Bataillons, die am 16. März mitgefochten hatten, das Kreuz aus, das der König zur Erinnerung an diesen Sieg gestiftet hatte. Espartéro schien einen Angriff der Linie von San Sebastian zu befürchten, und überschiffte seine Truppen nach diesem [106] Platze. Am 3. und 4. stand man sich gegenüber, und an den nächstfolgenden Tagen fanden mit kurzen Unterbrechungen kleine, bedeutunglose Gefechte statt. Ich kann sie nicht übergehen, ohne eines preußischen Offiziers zu erwähnen, der sich zu dieser Zeit im Hauptquartier meldete. Der nunmehrige Brigade-General, Baron Wilhelm von Rahden, dessen Namen durch tüchtige Dienste seither in allen königlichen Feldlagern rühmlichst bekannt wurde, präsentirte sich in Hernani dem Infanten am Morgen einer dieser kleinen Affairen, und schloß sich freiwillig am selben Tage einem Bataillon an, welches als Tirailleurs deployirte. Sein Nebenmann ward todtgeschossen; da ergriff Herr von Rahden dessen Gewehr, schnallte seine Kartusche um und stellte sich fünfzig Schritte vor die bereits retirirende Tirailleur-Linie. Es gelang ihm, durch Aufstecken seines Taschentuches als Signalfähnchen, ein Peloton zu ralliiren. Er feuerte an dessen Spitze seine sämmtlichen Patronen ab und behauptete seinen Posten, bis ein königliches Bataillon zu Hülfe kam und denselben besetzte. Dieß ausgezeichnete Benehmen hat ihm die allgemeine Achtung erworben, welche er stets zu erhalten und zu vermehren wußte.

[107] Am 11. Mai um 11 Uhr Nachts ward in aller Stille der Befehl zum Aufbruche gegeben. Alsbald setzte sich die mobile Colonne in Bewegung, und ohne Trommelschlag, ohne ein lautes Commandowort, ward die Straße nach Tolosa eingeschlagen, und um 2 Uhr Nachts diese Stadt passirt. Um sieben erreichte die Colonne Betelu. Am nächsten Morgen marschirten wir durch Lecumberri, das Fort und den Engpaß de las dos Hermanas, der diese navarresischen Thäler abschließt, in die Baranca de Araquil, den ersten Schauplatz der Siege Zumalacarregui’s. Mittags ward Halt in Yrurzun gemacht, darauf der Zug über Villabona, in einer höchst romantischen Gegend, bis Huarte de Araquil fortgesetzt. Abends traf ein Courier mit der Nachricht ein, Espartéro habe Kunde vom Abmarsche des Infanten erhalten und eiligst seine Truppen in San Sebastian eingeschifft. Am 14. Morgens, es war der Pfingstsonntag, verließen wir die Heerstraße und warfen uns in die waldigen Bergschluchten, die, durch steile Sierren eingeengt, das Thal von Estella mit der Baranca verbinden. Einige Höhen wurden erstiegen, vor einer einzelnen Venta Halt gemacht und Abends das Hauptquartier in Abárzuza, anderthalb Leguas [108] von Estella, aufgeschlagen. Die Truppen bivouaquirten um das Dorf, und der Infant ritt mit seinem Gefolge nach Estella in das Hoflager. Estella mit ungefähr 5000 Einwohner war die vorzüglichste Stadt, die wir in Navarra besaßen. Durango (in Biscaya), Oñate, Tolosa (beide in Guipuzcoa) und Estella wurden auch scherz- oder spottweise las cuatro Cortes (die vier Residenzen) genannt, weil das Hoflager meist von einem dieser Orte nach dem andern zog. – Ein nicht unregelmäßiger Platz, ein paar ansehnliche, pallastartige Häuser, einige Klöster und Kirchen, eine mit Schießscharten und Tambours an den Thoren versehene Ringmauer und zwei kleine Fortins auf den nächsten Höhen, gaben, Alles zusammen genommen, Estella ein ganz respectables Ansehen. Doch wie man sich in den Gassen oder im Innern der Häuser etwas umsah, mußte der krasseste Schmutz unangenehm gegen die holländische Reinlichkeit der baskischen Städte contrastiren. So ängstlich sauber und blank gescheuert Alles in einem wohlhabenden guipuzcoanischen Hause aussieht, so erregt der navarresische Schmutz den größten Ekel. Auch ist das Essen hier viel schlechter, und sonderbarer Weise, wie ich bereits erklärt, der navarresische [109] Wein in Navarra minder gut, als in den baskischen Provinzen. Auch der Charakter der Einwohner Beider ist wesentlich verschieden. Bei allem Stolz der Basken, der ein Gemisch von aristokratischem Adelstolz und republikanischen Freiheits-Ideen ist, verbinden sie, bis in den untersten Volksklassen, einen Anstrich feiner Sitten, den ich bei keinem andern Volke gesehen. Vor Fremden beobachten sie sich, und wissen besonders – wenn ich so sagen darf – über zarte Seiten mit zurückhaltender Aufmerksamkeit hinwegzugleiten. Sie haben weder die endlose Förmlichkeit der übrigen Spanier auf ermüdende und langweilige Weise in jede geringfügige Handlung des täglichen Lebens verwebt, noch die tölpelhafte Derbheit der Navarresen angenommen, die auch die höflichsten Dinge in der besten Intention mit grobem Tone sagen. – Bei der ersten Anrede eines Navarresen klingt schon sein aus der Gurgel holprig herausgestoßenes „Usted“ (Sie) wie eine Grobheit. Ich weiß nicht, ob sie dieses ungeschliffene Wesen von ihren Nachbaren, den Aragonesen, angenommen haben, dem ungebildetsten Volke der Halbinsel; doch sind es seit dem Tode von Alfonso el Batalladór bald sechs Jahrhunderte [110] daß sie von diesem Reiche getrennt sind, und da hätten sie es sich wohl abgewöhnen können.

Am 15. Abends verließ der König Estella, von seinem Hofstaate, Ministerium und den Garden gefolgt, und brachte die Nacht zwei Leguas davon, in Salinas de Oro zu. Am 16. Morgens brach der Infant an der Spitze seiner Colonne von Abárzuza auf und langte gegen Mittag in Ziriza am Ufer des Arga an, wo er die Truppen bivouaquiren ließ. Das Hoflager des Königs war eine halbe Stunde davon in Echauriz. Das Thal dieses Namens war zum Versammlungspunkte der Expeditionstruppen bestimmt. Moreno hatte 20 Bataillone, 1200 Pferde und 8 Geschütze designirt; doch blieben aus Mißverständniß oder bösem Willen 4 guipuzcoanische Bataillone aus, und die sämmtliche Artillerie wurde nach Estella zurückgeschickt unter dem Vorwande, daß sie bei schleunigen Märschen über Gebirgspfade und durch Furthen hinderlich sei. Als daher am 17. auf einer fliegenden und einer Fässerbrücke über den Arga gesetzt ward, bildeten folgende Truppen das Expeditions-Corps: Um die Person des Königs: die Garde du Corps, Hatschiere und Offizier-Escadron unter speziellem Befehl des Generals Simon [111] de la Torre (der mit Maroto überging); – um die des Infanten: eine Escorte von 40 berittenen Ordonnanzen, commandirt durch Oberstlieutenant Crespy, Bruder des Grafen von Orgaz; – die Avantgarde, bestehend aus der ersten Escadron von Navarra, den Guiden und 3 Bataillons Navarresen unter General Sanz; – das Hauptcorps aus den Guiden und 3 Bataillons von Alava unter General Sopelana, 4 von Castilien unter General Cuevillas, 2 von Aragon unter Brigadier Quilez, dem Grenadier- und dem Fremden-Bataillon, letzteres unter Oberst Crayewinkel, einem Wallonen, und Oberstlieutenant Sabatier, einem Vendéer, – im Ganzen 16 Bataillons. Die Cavallerie befehligte der General Graf del Prado. Der Oberst Reyna war Chef seines Generalstabs, dann die Obersten Segovia und Martinez. Sie bestand aus dem dritten und vierten Regimente, 2 Escadrons Aragonesen und der Escadron von Alava. Eine Anzahl Artilleristen folgten zur Bedienung der etwa zu erobernden Stücke. Unter ihnen war Herr von Plessen, von dessen Gefangenschaft ich gesprochen. Eine Menge Generale, Häuptlinge die ihre Truppe verloren, und [112] alte spanische Offiziere aus allen Theilen der Halbinsel, die sich großen Einflusses in ihrer Heimath rühmten, auch viele andere unnöthige Personen mit Pferden und Maulthieren, Diener und Gepäcke, schlossen sich dem Zug ohne königlicher Erlaubniß an und erschwerten die Bewegungen. Sie beobachteten hierbei eine eigene Taktik. Als über den Arga gesetzt ward, sah man sie gar nicht, auf den nächsten Märschen nur selten, und erst als wir Feindesland auf eine für sie beunruhigende Weise erreichten, drängten sie sich an das Gefolge des Königs, des Infanten und an den Train der Equipagen. Niemand wollte dann so grausam sein, sie zu verjagen.

Um zwei Uhr Nachmittags war Alles auf das andere Ufer des Arga gebracht. Als wir Ziriza verließen, ward auf Anstiften einer damals mächtigen Partei, General Elio seiner Stelle als Militair-Secretair des Infanten entsetzt. Er hatte sich stets des vollkommensten Vertrauens seines Herrn zu erfreuen gehabt, der diese harte Maßregel mit großem Kummer und Mißfallen sah. – Ich weiß daß Elio seine Entfernung von Sr. Königlichen Hoheit in einem so hochwichtigen Augenblicke tief ergriffen hat, und [113] daß er sie damals theilweise dem indirecten Einflusse einer Person zuschrieb, die daran ganz fremd, ihm stets freundlich und aufrichtig zugethan war. Seither wird er wohl hievon zurückgekommen seyn, und sollte er vielleicht einst diese Zeilen lesen, hoffentlich mir beipflichten. Elio war der Freund, der Vertraute der geheimsten Gedanken des Infanten; sein Abgang war daher dem Prinzen um so empfindlicher, als er sich dadurch gewissermaßen isolirt fühlte. Nur eine Person schien dem Infanten noch nahe zu stehen, und wenn auch nicht gerade Einfluß auf ihn zu üben, doch von ihm gerne und oft gehört zu werden; diese Person hatte sonderbarer Weise in vielen und wichtigen Punkten mit Elio diametral entgegengesetzte Ansichten. – Ich will von Fra-Don Antonio de Sanz, einem seiner Hof-Capläne, sprechen. Ueber diese merkwürdige Erscheinung habe ich später in das Tagebuch eines Kriegsgefährten Folgendes als Randglosse geschrieben:

„Mönchsregierung, Inquisition, Jesuitismus sind aus dem Lexikon liberaler Politik nun gestrichene Worte. Seit fünfzig Jahren angegriffen und verdreht, ist die Definition derselben uns kaum historisch zugekommen; um wie viel mehr müßten wir uns [114] wundern, eines dieser Bilder lebend und wirkend vor uns zu erblicken, wenn wir nicht die Ueberzeugung hätten, daß die tiefen Wurzeln, die Philipp’s II. Monarchie schlug, trotz aller Anstrengungen, allen fremdartigen Einflusses nicht ausgerottet werden konnten. Jene sanfte, wohlklingende Ueberredung, jene milden Sitten, vereint mit dem beständigen Streben, Eintracht zu stiften zwischen gleichgesinnten Geistern, ohne je etwas auf sich zu beziehen, von seinem Einfluß zu sprechen, für sich zu begehren, sich selbst zu erheben, tiefe Kenntniß ihres Landes und ihrer Leute, gleiche Demuth im römischen Purpur wie in der Barfüßerkutte, wer erkennt nicht den einzigen Typus in der Welt, der seiner Zeit als Ximenes und Alberoni als Stern erster Größe am politischen Horizonte zweier Welten glänzte, und sich in den letzten Jahren nur mehr im Feldquartier Carl’s V. erkennen ließ. Wie verschieden diese durchaus großartigen Charaktere sich auch sonst darstellen mögen, ein äußeres Zeichen tragen sie alle; es leuchtet Jedem entgegen und ist der Spiegel großen Geistes. Wer je in das Auge des bescheidenen Mönches geblickt hat, dessen Andenken diese Zeilen geweiht sind, wird mich verstehen. [115] Fra-Don Antonio Gervasio de Sanz y Sanz, zuerst an der Seite des Infanten Don Sebastian während der verhängnißvollen Campagne 1837, später Cabrera’s Rathgeber, vereint in sich, was ich hier allgemein aufzufassen versuchte.

Mag er nun hier oder dort geboren sein, diesem oder jenem Amte vorgestanden haben, die Effecte im politischen Leben blieben sich gleich; doch Niemand konnte sie beschreiben, Niemand hat die tausend Fäden gekannt, die, still vor sich hinarbeitend, der freundliche Caplan in Bewegung gesetzt.

Nur wer sich an ihn gewandt, seine Leiden ihm geklagt, ohne ihn um Hülfe anzusprechen, ohne ihn für bedeutsam zu halten, der konnte am Wirken den Meister erschauen. Wollte man ferner ihn zum Freunde haben, so mußte vorschneller Dank ihm nicht zu erkennen geben, daß man die mächtige, hülfreiche Hand errathen.

Wem dieses Bild zu mystisch vorkömmt, der mag bedenken, daß dies das größte Lob ist, das dem Original wie dem Nachbilde gezollt werden kann.“ –

Nach einer Stunde Marsch ward bei einem elenden Dorfe, Paternein genannt, bivouaquirt. Trotz langer Vorbereitungen und vieles Geredes über diese Expedition, [116] war sie doch mit so wenig Vorsicht unternommen worden, daß nicht einmal für Proviant auf die nächsten acht Tage gesorgt war, obwohl man annehmen konnte, daß alle Gattung Lebensmittel in den zu durchziehenden Gegenden fehlen würde. Schon in Paternein ward dieß fühlbar, auf den nächstfolgenden Märschen noch mehr. General Moreno mag an diesem Uebelstande bedeutend Schuld gewesen sein, da er stets so geheimnißvoll war, daß er nicht einmal dem Armee-Intendanten die Direction des nächstfolgenden Marsches angeben wollte, so daß, wenn, nach den Ermüdungen eines langen Tages, die Truppen ein schlechtes Dorf erreichten oder auf offenem Felde bivouaquiren mußten, meist weder Rationen noch Fourage zusammen gebracht waren. – Es ist überhaupt unbegreiflich, wie bei der Menge unnöthiger Beamten der Kriegsadministration in keiner Branche derselben auch nur für das Geringste gesorgt war. Nicht ein Büchsenmacher, keine einzige Feldschmiede, keine Pontons, aber dafür ein paar hundert mit unnöthigem Gepäck so ungeschickt beladene Maulthiere, daß beständig auf Märschen Kisten und Koffer herabfielen, was auf engen Steigen oftmals einen Aufenthalt der ganzen Colonne verursachte. [117] Durch dieses langweilige, täglich wiederkehrende Vorbild belehrt, hatte ich zwei gleich große und schwere Koffer so einrichten lassen, daß sie mittelst Ringen und Haken an dem Maulthier-Bock oder Sattel (bât de mulet) festhielten. Mein Thier, ein 18 Faust hohes, schönes Maulthier von der edelsten Race des Lampourdan, mit so feinen Füßen wie ein arabisches Pferd, konnte daher in weniger als einer Minute auf und abgepackt werden; das Gepäcke hing gleichmäßig, drückte nicht und fiel nie herab. Alle Spanier, die dieß sahen, bewunderten und lobten diese einfache Vorrichtung außerordentlich, doch habe ich bis zum letzten Augenblicke keinen Einzigen gesehen, der es nachgemacht hätte; sie wanden und knüpften lange eine Menge Stricke um Sattel und Gepäcke, und mußten diese Operation oft mehrmals des Tages wiederholen. Wenn wir 10 Minuten Rast hielten, wurde mein Gepäck losgehakt, meinem Thier Erleichterung zu verschaffen; dieß konnten des langweiligen Packens wegen die Andern nie thun. Ich halte das Maulthier für ein sehr vernünftiges Vieh, und bin daher überzeugt, daß das Meine von den Uebrigen sehr beneidet ward, die königlichen Lastträger (los machos Beales) nicht ausgenommen.

[118] Am 18. kamen wir auf schlechten Fußsteigen an den Ruinen einer großen römischen Wasserleitung vorbei, dann auf die Heerstraße die nach Zaragoza führt. In Salinas de Monreal, einem leidlichen Orte, ward die Nacht zugebracht und am 19. Morgens der Marsch in bester Ordnung fortgesetzt. Wir zogen über eine jener wüsten, rothbraunen Ebenen hin, die nur vom Horizonte begrenzt, mit dürftigem Gestrüppe bewachsen und durch Erdrisse durchschnitten, die Nähe des obern Aragon bezeichnen. Um fünf Uhr erreichten wir Galipienzo, einen etwas befestigten, nun aufgegebenen Ort, auf einem isolirten Bergkegel. Dicht daran fließt der Aragon, der die Grenze des Reichs bildet. Zwei Bogen der steinenen Brücke waren gesprengt. Diesem wurde ziemlich mangelhaft abgeholfen, und einer nach dem andern balancirten wir mit unseren Pferden über die wenigen Balken, welche die Stelle der fehlenden Bogen einnahmen. Das Uebersetzen des Corps nahm die ganze Nacht hin, wobei allerlei Unordnungen vorfielen. Noch ist mir erinnerlich, daß aus der Packtasche des Pfarrers Merino ein paar neue Stiefel gestohlen wurden. Der alte Guerillero, einem Heiligen gleich im ganzen Heere [119] verehrt, ließ bekannt machen, die gestohlenen Stiefel, deren Signalement er angab, gehörten ihm, der Dieb möchte sie zurückstellen; ein Paar Stunden darauf befanden sie sich wieder in der Packtasche des im Bivouac angebundenen Pferdes.

Am andern Ufer campirten wir in großen Obstgärten, das erste Mal in Aragon. Die Sappeurs der Fremdenlegion schlugen eine Barake für den Infanten auf, und sangen dabei Schillers Räuberlied mit allerlei Variationen und Zusätzen. – Wir legten uns um große Feuer unter die Obstbäume, tranken und plauderten einen Theil der Nacht. Das Wetter war lau, der Himmel heiter, und hell glänzten in südlicher Pracht tausende von Sternen, während zahlreiche Bivouacfeuer in der Ebene und an den nächsten Berglehnen brannten. Die dunklen Wogen des Aragon spiegelten Gestirne und Feuer in rötherem und blasserem Scheine ab, bis beim ersten Grauen des Morgens die Himmelslichter verschwanden, die Holzstöße erstarben, und die über Nacht so hochpoetische Gegend wieder ihre erdfahlen, traurigen Töne annahm.

Der König brachte die Nacht, drei Viertel Stunden von unserm Bivouac, in Cáseda, einem kleinen [120] Dorfe, zu. Nahe dabei war eine befestigte Caserne an einem Brückenkopfe des Aragon; um zwei Uhr Nachts ergab sich die Garnison, welche, 70 Mann stark, in unsere Reihen aufgenommen ward. Diese Leichtigkeit, Kriegsgefangene unseren Bataillons einzuverleiben, hat sich immer als sehr schädlich bewiesen, da sie bei der ersten Gelegenheit ausrissen und auf den Geist unserer Truppen unvortheilhaft wirkten.

Am 20. Morgens erließen der König aus Cáseda und der Infant aus dem Bivouac von Galipienzo eine Proclamation an das Heer. Sie ward aus der Felddruckerei schnell geliefert, vertheilt, hierauf einige Executionen an Marodeurs vorgenommen, und gegen Mittag der Zug fortgesetzt. Das Land wurde immer öder. Ein Marsch in diesen Ebenen ist verzweifelnd. Sieht man nach langer Zeit ein Dorf am Horizonte auftauchen, so glaubt man, es sei ganz nahe und man werde es gleich erreichen. Nach vielen Stunden Marsch liegt oft das ersehnte Dorf, wie verwünscht und hinausgerückt, noch in weiter Entfernung. – Spät Nachts kamen wir nach Casteliscar, einem ärmlichen, feindlich gesinnten Dorfe. Wir waren die ersten Carlisten, die es betraten. Das obere Aragon überhaupt, [121] und dieser Theil insbesondere, war immer feindlich oder vielmehr gleichgültig gestimmt, welches auch nicht zu verwundern, da viele feste Punkte es vertheidigten und royalistische Guerillas nur selten die großen Ebenen durchstreifen konnten. Das ganze Land ist übrigens zu arm und elend, um irgend eines Enthusiasmus fähig zu sein.

Diese Nacht ward ein bedeutender Mangel an Lebensmittel und Fourage fühlbar. Unser Nachtessen bestand in Suppe aus Oel gekocht, worin hartes, schwarzes Haferbrod geweicht worden. Der wenige Wein, den wir vorfanden, war bitter und roch nach Bockshäuten. Dieses Elend und die traurige Gegend dauerten am nächsten Tage fort, während eines Marsches, der kein Ende zu nehmen schien. Abends bivouaquirten wir vor Farasdues, einem, wo möglich noch ärmeren Dorfe. Am 22. ward früh aufgebrochen, und die Truppe mit der Hoffnung einer Aenderung in Luna, einer vier Stunden entfernten Stadt, vertröstet, wo wir auch gegen Mittag glücklich ankamen. Dieser Ort war entschieden royalistisch, und die Einwohner empfingen uns mit Jubel. Doppelte Rationen Fleisch, Brod, Bohnen und Wein wurden verabreicht. [122] Alles Ungemach schien vergessen, den ganzen Tag ward gekocht und gebraten, und auch das Fremdenbataillon zeigte sich endlich einmal zufrieden; diese Leute zu beschwichtigen war keine leichte Sache, da sie dreimal so viel brauchten, als die genügsamen Spanier.

In Luna ward den Tag über ausgeruht und am folgenden Morgen aufgebrochen. Um 11 Uhr waren wir am Ufer des Gállego, eines ziemlich reißenden Gebirgsstromes. Die Cavallerie watete durch eine Furth; für das Fußvolk wurde eine Art Brücke aus buntem Material, namentlich Karren angefertigt. Auf eine Stunde vom Flusse, in Orméza, ward geblieben, bis die ganze Colonne ihn passirt und sich formirt, sodann der Marsch bis Lupiñan fortgesetzt und dort bivouaquirt. Mittags traf die Nachricht ein, daß der feindliche General Yrribarren uns mit bedeutenden Kräften nachsetze und bereits Almudévar erreicht habe. Doch maß man diesem Berichte nicht viel Glauben bei, da es nicht begreiflich schien, warum er uns ungehindert über drei Flüsse hatte ziehen lassen, an denen er so leicht die ganze Colonne aufhalten konnte. Am 24. setzten wir uns mit Tagesanbruch in Bewegung. [123] Die Gegend hatte sich geändert. Im herrlichsten Sonnenschein blinkten die Bajonnette zwischen Olivenhainen und reichen Feldern. Vor uns lag Huesca, die alte Hauptstadt des obern Aragon, und dehnte sich an einer Berglehne amphitheatralisch aus. Nach so großen Entbehrungen kam uns der Anblick Huesca’s mit seinen vielen Thürmen und Giebeldächern zauberisch vor. In gewöhnlichen Lebenszuständen hätte dieser Ort öde und schmutzig geschienen, wie die meisten Städte zweiter Ordnung in den Binnenländern der Halbinsel. – Um 10 Uhr defilirten wir bei klingendem Spiele vor dem Könige durch die Hauptstraße, eine Art mit Bäumen bepflanztes Boulevard. Wenige Einwohner ließen sich sehen; der männliche Theil, meist Urbanos (Nationalgarden), war geflohen, und die Frauen empfingen uns sehr kühl. Der Bischof von Huesca, der, als christinischer Prócer, der Tochter Ferdinand’s VII. gehuldigt hatte, verbarg sich in einem Gemache seines Pallastes und gab sich für krank aus. Der König verbot, ihn zu beunruhigen, so daß wir auch später von Huesca abzogen, ohne daß diesem Prälaten, der des Königs Tod votirt hatte, das geringste Leid zugefügt worden. Am Hauptthor der [124] Cathedrale trat das Metropolitan-Capitel dem Könige mit großem Gepränge entgegen, und der Domdechant stimmte das Tedeum an, für den Einzug Carl’s V. in einer der alten Hauptstädte seiner Ahnen. Als er zur Stelle kam, wo der Name des Königs genannt wird, mag in dem großen Gesangbuche, diesem Herrn vorgehalten, ein anderer Name gestanden haben, denn erst nach einigem Stottern brachte er den des gegenwärtigen Monarchen heraus. Viele von uns schmunzelten, nur Don Carlos verblieb in gravitätischer Ruhe. Nach Vollendung der Feierlichkeit bezog er mit dem Infanten den bischöflichen Pallast. Wir wurden in die Stadt einquartirt. Die vier navarresischen Bataillone, die unter Sanz die Avantgarde gebildet, mußten außerhalb der Stadt bei der Einsiedelei zum heiligen Georg (hermita de San Jorge) auf einer Anhöhe bivouaquiren, die Bewegungen des Feindes zu beobachten. Es war 3 Uhr Nachmittags; wir saßen bei Tische im Saale des bischöflichen Pallastes, wo der Infant große Tafel gab, als ihm die Nachricht zukam, Yrribarren sei im Angesichte der Stadt. Dieß jagte Alles auf die Pferde. Als wir durch die Vorstadt ritten, flogen die Granaten bereits [125] über unsere Köpfe. Der Feind hatte mit Blitzesschnelle die Ebene auf dem kürzesten Weg durchzogen und deployirte sich in Schlachtordnung den Navarresen gegenüber, die General Sanz sogleich aufstellte, indem er sich rechts an die Einsiedelei vom heiligen Georg und links an einen benachbarten Hügel lehnte. Yrribarren hatte 10 bis 11,000 Mann Fußvolk, über 1000 Reiter und 14 Geschütze. Die geringen Kräfte, die im ersten Augenblicke so überlegenen entgegengestellt wurden, erlaubten Sanz nur, Tirailleurs zu deployiren. Diese sowohl als die Massen, welche sie deckten, wurden zu wiederholten Malen durch Infanterie- und Cavallerie-Chargen angegriffen, und das ganze Feuer der feindlichen Piecen war auf die Einsiedelei, als den Hauptpunkt, gerichtet. Die Navarresen hielten sich vortrefflich über eine Stunde, bis General Sopelana, der mit fünf Bataillons in die Stadt einquartirt worden, auf der großen Straße debouchirte und das feindliche Centrum plötzlich angriff, wodurch der Sieg sich auf unsere Seite zu neigen anfing. Der Feind begann die Defensive zu ergreifen, er echelonirte seine Massen, um sich gegenseitig bei dem Rückzuge zu halten, den er auf der ganzen Linie [126] antrat. Seine Cavallerie trachtete durch wiederholte Chargen die Bewegungen der Infanterie und den schleunigen Abzug der Artillerie zu decken, um die Yrribarren sehr besorgt schien. In diesem kritischen Moment entschied Villarreal den Sieg, indem er mit 3 Bataillons und 2 Escadrons über den linken Flügel des Feindes herfiel, ihn doublirte, und durch dieses rasche Manoeuvre die größte Unordnung in die feindlichen Reihen brachte. Von allen Seiten floh die Infanterie und trachtete sich hinter der vortrefflichen Cavallerie zu sammeln, die in fortwährenden verzweifelten Chargen sie zu decken versuchte. Der Chef derselben, Diego Leon, wurde durch einen Lanzenstich zu Boden gestreckt. Drei frische königliche Bataillons, eben auf dem Schlachtfelde angelangt, zersprengten in diesem Moment die letzten feindlichen Massen. Ihre Flucht ward allgemein, und die eintretende Dunkelheit schützte die Trümmer des geschlagenen Heeres. Der Verlust des Feindes betrug über 1000 Mann an Todten und Verwundeten, namentlich hatte seine Cavallerie viel gelitten. – Am andern Morgen wurden dem Infanten so viele Cuirassen gebracht, daß er mit dem Gedanken umging, eine [127] unserer Escadrons in Cuirassiere umzuwandeln. Doch scheiterte dieser Plan an der Weigerung unserer Leute, die durchaus von diesem schweren und drückenden Stücke nichts hören wollten. Die schönen englischen Stahl-Cuirassen wurden wieder weggeworfen, und dienten, so viel ich mich besinne, zum Kochen der Suppen und Sieden des Fleisches im Bivouac. – Wir verloren ungefähr 480 Mann, darunter den Cavallerie-Obersten Segovia, einen tüchtigen Offizier, der sterbend seine vier Söhne dem Könige empfahl, die alle vier in seinem Regimente die Lanze führten. Auch ein preußischer Offizier war unter den Todten, Otto von Rappard, früher Lieutenant im 2. Garde-Uhlanen-Regiment; eine Flintenkugel traf ihn an die Stirne.

Aus der Einsiedelei zum heiligen Georg ward am Abende nach der Schlacht das Bülletin datirt, hierauf nach Huesca zurückgekehrt, und dort die folgenden zwei Tage geblieben. Dieser Stillstand ist viel getadelt und behauptet worden, der Infant hätte den Feind ohne Unterlaß verfolgen und gänzlich aufreiben sollen; in der ersten Bestürzung würde Zaragoza den Siegern die Thore geöffnet haben, die Ebro-Linie, der Schlüssel [128] zu Madrid, dann unser gewesen sein. Solcher Ansicht ist auch im Auslande häufig beigepflichtet worden; doch scheint sie nicht begründet, da nicht anzunehmen, daß die Behörden dieser befestigten Stadt so den Kopf verlieren würden, sie ohne Widerstand zu übergeben. Das bloße Sperren der Thore hätte uns aber, beim gänzlichen Mangel an Artillerie, zum schmählichen Rückzuge gezwungen, da über den in dieser Jahreszeit sehr tiefen Ebro, sowohl über als unterhalb Zaragoza, nicht gesetzt werden konnte. Pontons wurden nicht mitgeführt, alle Brücken waren gesprengt und am andern Ufer keine königlichen Truppen, die langsame Ueberschiffung auf Barken zu schützen und die Expeditions-Colonne mit dem Nöthigen zu versehen. Nach vielfacher Erwägung aller dieser Fragen wurde der Entschluß gefaßt, sich dem Ebro bis Barbastro zu nähern, die Verbindung mit Cabrera zu erleichtern.

Am 27. verließen wir Huesca. Alle Esel der Stadt und Umgegend wurden für die Blessirten requirirt, und außerdem zwei Escadrons für ihren Gebrauch demontirt. In langem Zuge ritten sie im Centrum der Marschcolonne, und wäre der Anblick der Verwundeten nicht so traurig, so hätten einzelne Scenen komisch [129] sein können. Besonders nahmen die großen Grenadiere sich sonderbar aus, welche, die Beine bis auf den Boden hängend, auf ihre kleinen, oft stätigen Esel unbarmherzig losprügelten, trotz ihrer Schmerzen stets bester Laune. Bemerkenswerth ist, daß die Navarresen meist in die Köpfe, die Alavesen in die Beine geschossen waren; Erstere hatten die mit einer Gartenmauer umgebene Einsiedelei vertheidigt und hinter derselben hervorgefeuert; Letztere auf der Hauptstraße debouchirt und die offenen Höhen besetzt.

Wir hatten Huesca um 5 Uhr früh verlassen; nach vier Stunden setzten wir über den Alcanádre, und nach einem höchst beschwerlichen Marsche, durch die folgenden fünf Stunden, kamen wir spät Nachts in Barbastro an. Am nächsten Morgen ward Generalmarsch in allen Straßen geschlagen. Es hieß, der Feind sei im Angesicht. Die Bestürzung war allgemein, und als ich vor das Haus des Infanten kam, hatte das Gerücht schon so zugenommen, daß behauptet wurde, er dränge eben in die Stadt ein und sei im Handgemenge mit unseren Truppen. Don Sebastian schickte in Eile einige Offiziere nach der bezeichneten Richtung. Es war eine grenzenlose Unordnung und [130] kaum möglich zur Stadt hinaus zu gelangen. Ueberall kreuzten sich Truppen, durch Train und Equipagen aufgehalten. Alles schrie laut, es sei Verrath in der Stadt selbst. Wir waren unter so unheimlichen Eindrücken in dieß große Barbastro eingezogen, daß sich die Schreckensbilder der Phantasie nur noch vermehrten. Bei Nacht und Regen, durch lange öde Gassen, wo nur der Hufschlag unserer Pferde wiederhallte, alle Thüren geschlossen, kein Licht an den Fenstern, kein Lämpchen unsern Weg zu beleuchten. Bei diesem Alarm erinnerten wir uns dessen. Barbastro sollte unser Grab werden – das schien Allen klar. Der König befand sich in der Kathedrale in großer Uniform, als Oberst der Leibgarde, mit allen seinen Orden geschmückt. Man brachte sein Pferd vor das Kirchenthor, doch wollte er nicht zugeben, daß die Messe unterbrochen würde. Als sie zu Ende, bestieg er seinen Schimmel, denselben, auf dem ich ihn das erste Mal gesehen, ein prachtvolles weißgebornes Pferd, el Emperador genannt. So zeigte sich der König den Truppen, obgleich Viele aus seiner Umgebung es ihm eifrig widerriethen, da er in dieser glänzenden Tracht sich als Zielscheibe den feindlichen Geschossen, wohl auch Mordanschlägen aus [131] den Fenstern aussetze. Doch gab er diesem kein Gehör, und als die vorbei defilirenden Truppen ihn gewahrten, brach in allen Reihen die größte Begeisterung aus. Mittlerweile waren wir durch Stadt und Vorstädte in gestrecktem Galopp bis auf die mit Olivenbäumen bepflanzte Anhöhe gelangt, welche die Ebene von Barbastro dominirt. Doch so weit wir auch mit Hülfe vortrefflicher englischer Fernröhre spähten, war kein Feind zu erblicken. Seinen Augen nicht trauend, schickte Villarreal Ordonnanzen nach allen Richtungen, und echelonnirte einige Compagnien des Fremdenbataillons, die zuerst angelangt waren, auf die nächste Anhöhe. Wir legten uns bei drückender Hitze in den Schatten eines großen Baumes und schliefen gemächlich ein. Nach einer Stunde waren die Ordonnanzen zurückgekehrt, und vom Feinde nichts zu erfahren. Trotz der strengsten Nachforschungen konnte der Urheber des falschen Alarms nie herausgebracht werden. Hierdurch vorsichtiger, besetzte man, von diesem Tage an, die umliegenden Höhen durch Vorposten, welches unbegreiflicher Weise bis dahin nicht geschehen war.

Am 29. Mittags, als wir eben auf dem Balcon des vom Könige bewohnten Pallastes des Marquis de Artasona unsere Cigarren rauchten, hielten ein [132] Dutzend Reiter in fremdartiger Tracht auf dem Platze. Einige ritten schöne Pferde, andere elende Ponies. Sie waren von 30 bis 40 Mann zu Fuß gefolgt, die große, gestreifte Decken, nach Art der römischen Toga umgeschlagen, trugen, hiezu eine sonderbare rothe Kopfbedeckung, der alten phrygischen ähnlich, das lange Ende nach hinten herabhängend und ziemlich gute Gewehre über den Schultern. Der Chef dieser Truppe war ein untersetzter Fünfziger mit feuerrothem Haar, dessen gutmüthiges Gesicht und phlegmatischer Ausdruck eher einem bayerischen Brauer als einem spanischen Häuptling glich. Er trug einen braunen Civil-Oberrock mit schwarzem Pelzbesatz, trotz der großen Hitze. Ueber diesem, an den Ermeln, breite silberne Brigadiersstickerei, welche sich lächerlich genug ausnahm. Eine Sammlung Ordensbänder von allen Farben war an seiner Brust aufgenäht. Eine mit Otterhaut und goldner Troddel besetzte, melonartige Kappe, ein breiter Säbel und mit goldnem Knopfe verziertes spanisches Rohr vollendeten den seltsamen Aufzug. Ueber seinen feisten Rappen war eine große Bärenhaut, mit rothem Tuche verbrämt, geworfen. Als diese so aufgeputzte Gestalt den Vorsaal betrat, konnten wir uns des Lachens nicht [133] erwehren. Er präsentirte sich gravitätisch als Don Bartolomé Porredon, genannt El Ros de Eroles (der Rothhaarige aus Eroles), königlicher Brigadier und Chef der ersten Division der catalonischen Armee. Bei der Nachricht der Annäherung der königlichen Colonne hatte er die Thäler des Urgel verlassen und war ihr entgegengezogen. Ihrer pomphaften Benennung ungeachtet, bestand diese sogenannte Division doch nur aus vier ziemlich undisciplinirten Bataillons, von denen keines 500 Mann erreichte. Ihre Tracht war durchgängig dem kleinen Haufen gleich, der bei Porredons Pferden auf dem Platze hielt. Er brachte Briefe der Junta von Catalonien, welche viele Klagen gegen den damaligen General-Commandanten Royo und eine glänzende Aufzählung ihrer imposanten Kräfte enthielten. Es hieß, 23 Bataillone erwarteten den König in dieser größten und reichsten Provinz, welche nur seiner Gegenwart bedürfe, um in Masse aufzustehen. Solsóna, der Hauptort der carlistischen Bezirke, sollte der Sammelplatz aller catalonischen Häuptlinge werden, die zwar Royo nicht gehorchen, auf die Stimme ihres Königs sich jedoch beeilen würden, mit ihren Corps zu ihm zu stoßen. Diese, mit der königlichen [134] Colonne vereinigt, gäben eine dem feindlichen Heere überlegene Macht, mit der entweder der reiche Küstenstrich bedroht oder siegreich dem Ebro zugeschritten werden könne. Durch die Vereinigung mit Cabrera würde es dann möglich, mit allen Streitkräften den Kriegsschauplatz nach Castilien, in das Herz der Monarchie, zu verlegen und Madrid zu bedrohen.

Diesem lockenden Bilde, obgleich täglich durch einige Anhänger der Catalonier wiederholt, ward zwar nicht viel Glauben beigemessen, doch hatte es zur Folge, daß man die Möglichkeit eines Zuges nach Catalonien aufstellte. Dieser Plan, einmal entworfen, fand viele Verfechter im Hoflager, welche die Nothwendigkeit hervorhoben, die großen Theils gut gesinnte Provinz, welche bisher nur wenig geleistet, militairisch zu organisiren. Vergebens drang Cabrera in wiederholten Schreiben auf einen schnellen Uebergang auf das rechte Ufer des Ebro, bezeichnete die vortheilhaftesten Punkte zu seiner Bewerkstelligung, und versprach zur bestimmten Zeit sich an Ort und Stelle einzufinden. Cabrera und der Hauptzweck der Expedition schienen rein vergessen; es war als hätte man nie daran gedacht, sich Madrid zu nähern. Der Zug nach Catalonien ward [135] beschlossen, über diesen Debatten noch vier Tage in Barbastro nutzlos zugebracht und dem Feinde Zeit zur Sammlung und Anrückung gegeben.

Am 2. Juni, mit Tagesanbruch, ward er signalisirt und um sieben Uhr standen sich beide Heere gegenüber. Die Colonne Oráa’s hatte sich in den benachbarten Orten mit den Trümmern des Corps Yrribarrens vereinigt, und formirte ihre Massen auf den Höhen von Fornillos und Permisan. Die Unseren besetzten die Barbastro dominirenden Hügel und die unmittelbaren Senkungen; die rechte Flanke lehnte an einem von einer Kapelle gekrönten Bergkegel, die linke dehnte sich über die Heerstraße, die einen Hohlweg durchzieht, auf die nächsten Höhen; ein Olivenwald deckte den Rücken; eine halbe Viertelstunde zurück lag in entgegengesetzter Abdachung Barbastro; ein kleines Thal, von einem schmalen Bache durchschnitten, trennte uns vom Feinde.

Um elf Uhr deployirten die feindlichen Tirailleurs bis zum Bache, und um zwölf eröffnete Oráa das Feuer auf der ganzen Linie, durch eine zahlreiche Artillerie unterstützt. Seine Kräfte waren beinahe doppelt so stark als bei Huesca; 24 Bataillons und ungefähr 2000 [136] Pferde. Der Hauptchoc richtete sich zuerst gegen unser Centrum, prallte ab und suchte unsere rechte Flanke zu doubliren. Lange war die Affaire zweifelhaft, bis unsere Massen in den Olivenwald repliirten. Dieses Manoeuvre entschied. Die feindliche Cavallerie, in dem hügelichen Wäldchen engagirt, wurde mit großem Verluste zurückgeschlagen, und die Fremden-Legion, herangerückt um sie zu unterstützen, beinahe gänzlich aufgerieben. Ihr Chef, der Brigadier Conrad, blieb. Der Feind fing an zu weichen. Oráa wandte nun seine ganzen Kräfte gegen unsern linken Flügel; doch scheiterten alle Attaquen, und die christinische Garde ward am Fuße der Anhöhe zersprengt. Ein neuer Versuch, unser Centrum zu forciren, war ebenso fruchtlos, und nach mehreren gleich vergeblichen Angriffen zog der Feind sich zurück, anfänglich in ziemlicher Ordnung, doch als unsere ganze Linie ihm auf dem Fuße folgte, in allgemeiner Flucht. Um fünf Uhr Nachmittags zeigte sich auf eine halbe Stunde eine neue feindliche Colonne, zwischen 4 und 5000 Mann. Doch zu spät eingetroffen, konnte sie nur den Rückzug der Hauptcolonne decken. Nach einer Stunde war der Feind hinter den Hügeln der nächsten Bergketten verschwunden, und um sieben Uhr [137] dictirte der Infant das Bulletin auf dem Schlachtfelde. Unser Verlust betrug zwischen 4 und 500 Mann hors de combat; der des Feindes ward, vielleicht übertrieben, auf 2000 angegeben.

Das Treffen bei Barbastro gilt für den schönsten Sieg dieser Expedition. Größere Massen hatten sich in Ordnung gegen einander bewegt, und die zwei alten Generale, die gegenüber standen, schienen sich so vollständig zu errathen, daß einige Operationen mehr angedeutet als ausgeführt wurden. Beide Theile kämpften mit der größten Erbitterung; besonders war der Moment im Olivenwalde schauderhaft, als die Fremden-Bataillons gegen einander geführt das Bajonnett brauchten. Viele erkannten sich, riefen sich deutsch oder französisch zu, und ehemalige Schlafcameraden kamen ins Handgemenge. Die Spanier sahen mit einer Art Ingrimm und Freude wie die Ausländer sich gegenseitig aufrieben, – mir ein peinlicher Anblick.

Für die königliche Colonne war dieser Sieg von der höchsten Wichtigkeit. Eine Niederlage, deren erste Folge die Räumung von Barbastro gewesen wäre, hätte sie gänzlich zu Grunde gerichtet. Vom Feinde verfolgt wäre der Cinca, ein reißender Gebirgsstrom, [138] unser Grab geworden. Alle Wahrscheinlichkeit sprach für einen unglücklichen Ausgang dieser Schlacht, und es kann kaum entschuldigt werden, daß sie in einer so ungünstigen Stellung angenommen worden. Doch der Erfolg war über alle Erwartung, und mehr als je der Zeitpunkt gekommen, sich entweder Zaragoza oder wenigstens dem Ebro zu nähern. Leider schien man durch diesen neuen Sieg nur noch verblendeter, und der unglückliche Plan nach Catalonien zu ziehen, ward nicht aufgegeben. Viele sahen schon damals den Untergang des Expeditions-Corps voraus; die nächsten Folgen haben dieß nur bestätigt. Der kommende Tag ward mit kirchlichen Ceremonien zur Feier des Sieges dahingebracht, und erst am 4. um sieben Uhr Abends aufgebrochen. Am Morgen wurden die Blessirten über den Cinca in ein catalonisches Depôt gebracht. Um zwölf Uhr Nachts kam die Colonne am Flusse an, an dessen andern Ufer Porredon’s Bataillone bivouaquirten. Trotz des langen Aufenthalts in Barbastro waren doch nur sehr unvollständige Anstalten zur Passage getroffen worden. Zwei große Kähne an Seilen, auf eine Viertelstunde Distanz, sollten Infanterie und Bagage übersetzen. Jeder dieser Kähne konnte höchstens [139] 50 Mann fassen; auch währte die Ueberschiffung die ganze Nacht, was mit einer Schiffbrücke in drei Stunden hätte geschehen können. Die Cavallerie passirte eine so tiefe und reißende Furth, daß mehrere Menschen und Pferde zu Grunde gingen. Noch ist mir ein kläglicher Vorfall erinnerlich. Der Marquis de Artasona bot dem Könige, der seinen Pallast in Barbastro bewohnt hatte, seinen einzigen Sohn an. Die Eltern equipirten sorgfältig den sechszehnjährigen Jüngling, der als Cadet in ein Cavallerie-Regiment eintrat. Wenige Stunden nachdem er das väterliche Haus verlassen, ertrank der Unglückliche, mit seinem Pferde vom Strome fortgerissen. – Das königliche Gefolge und der lange Zug unnöthiger Personen, die sich ihm angeschlossen, waren für ihre Pferde und Equipagen besorgter, als für die Soldaten, welche warten mußten, bis der letzte Mantelsack überschifft worden. – Um zwei Uhr Nachts betrat der König das andere Ufer und schlug sein Hoflager in Estada, eine Viertelstunde davon, auf. Der Infant brachte die Nacht am Flusse zu. Um neun Uhr Morgens waren noch das 4. Bataillon von Castilien (princesa) und einige Bagage-Maulthiere zu überschiffen, als plötzlich [140] die nächsten Höhen sich mit Feinden bedeckten, die ein starkes Feuer auf die Uebergangspunkte richteten. Villarreal stellte einige, zunächst befindliche, Compagnien und ein Bataillon Catalonier am Ufer auf, und ripostirte, den Feind in Schranken haltend, so daß die Ueberschiffung vollendet worden wäre, hätte man den Soldaten mehr Sorgfalt als den Maulthieren zugewandt. Diese wurden gerettet, und vier Compagnien Castilianer, zum Theil mitten im Wasser, nach verzweifelter Gegenwehr im Angesicht des ganzen Heeres, gefangen genommen. Die Uebrigen hatten sich in den Fluß gestürzt und waren schwimmend glücklich herübergekommen. Ein Schrei des Unwillens brach in allen Reihen aus. Der 5. Juni 1837 hat im Herzen eines jeden carlistischen Soldaten unauslöschliche Spuren zurückgelassen. Von diesem Tage an, brachen alle den Stab über das königliche Hoflager und seine herzlosen Intriguanten. Die vier Compagnien vom Bataillon Princesa sind seitdem fürchterlich gerächt worden.

Dieser mißliche Vorfall verstimmte Alle. Die Expedition hatte bis dahin einem Triumphzuge geglichen, und bei aller Sorglosigkeit Niemand an die [141] Möglichkeit eines Nachtheils gedacht. In trüber Stimmung bezogen wir unser Nachtquartier Estadilla, eine Viertelstunde vom Ufer. Am 6. ward bis Estupiñan, vier Stunden weiter, marschirt, durch bergige öde Gegenden und kleine ärmliche Dörfer, auf schlechten Wegen, oft nur Fußpfaden, bei drückender Hitze stundenlang den Sonnenstrahlen ausgesetzt. Hiezu kam anhaltender Mangel an Lebensmitteln. Die Truppe erhielt nur große Bohnen; Fleisch war selten, Brod nur hie und da und zu ungeheuern Preisen zu haben. Ich habe 2 bis 3 Piaster für eins gegeben.

Als ich hungrig und müde mein schlechtes Quartier in Estupiñan bezog, unterhandelten eben meine Leute mit dem Wirthe, einige Lebensmittel für schweres Geld zu erhalten; doch war alle Beredsamkeit vergeblich und selbst der Anblick einer Doublone, sonst so entscheidend in dergleichen Fällen, vermochte ihn nicht zur Herausgabe eines Huhnes zu bewegen, dessen Gegenwart im Hause umherliegende Eierschalen vermuthen ließen. Schon wollte ich mich nüchtern zur Ruhe legen, als meine Ordonnanz im Stalle unter einem Misthaufen krähen hörte. Schnell ward dieser auf die Seite geschafft, und ein großer Stein, der [142] eine Oeffnung deckte, hinweggerollt. Eine trockene Cisterne und auf ihrem Grunde ein Dutzend Hühner zeigten sich unsern erfreuten Blicken. Ein Baske, den ich zur Pflegung meiner Maulthiere mitführte, ließ sich an einem Seile herunter und drehte ihnen die Hälse um. Als er eben heraufgezogen werden sollte, gewahrte er in einer Ecke eine kleine Fallthüre, und hinter derselben einige hundert Brode aufgeschichtet. Diese Art, Lebensmittel zu verbergen und oft für den Durchzug feindlicher Heere aufzubewahren, war in dieser Gegend häufig, und ich erwähne ihrer nur, um zu beweisen, mit welcher verschmitzten und übelgesinnten Volksklasse wir zu thun hatten. Der Hausherr ward zur Verantwortung gezogen und die Brode vertheilt.

Am andern Morgen setzten wir über den Nogueras Ribagorzana, der Catalonien von Aragon scheidet, marschirten in den Gebirgen durch 4 Stunden und campirten bei Auberóla, in einer so schlechten Gegend, daß zu dem Mangel an Rationen und Fourage auch noch die bittere Nothwendigkeit kam, das Wasser drei Viertelstunden weit aus einer Bergschlucht zu holen. Ein starkes Gewitter und Platzregen gab uns Nachts zwar Regenwasser, machte aber das [143] Bivouaquiren ganz unausstehlich. Die Pferde rissen sich los und konnten bei Nacht lange nicht eingefangen werden; unsere Effecten wurden durchnäßt, dazu kam quälender Hunger und überhand nehmende Insubordination. Wäre trotz derselben der spanische Soldat nicht der genügsamste der Welt, man hätte die ärgsten Folgen erlebt.

Am 8. zogen wir weiter über Tartareu, ein elendes Dorf, wo das Hoflager die Nacht über gewesen. Hier schienen unsere Entbehrungen ein Ende nehmen zu wollen, denn bald darauf betraten wir reizende Gebirgsthäler, die umgrenzenden Höhen bis an die Spitzen bebaut. Die Catalonier sind das betriebsamste Volk der Halbinsel, und wenn der Boden es zuläßt, werden die engsten Schluchten und die Abhänge ihrer Berge sorgfältig benützt. Wo der Pflug nicht mehr ausreicht, bestellt Handarbeit die Felder, und oft sieht man sie, an Stricken hängend, mühsam mit dem Spaten die steinige Erde auflockern. Alle diese Gebirgsthäler waren durch den Krieg hart mitgenommen. Wir zogen durch mehrere derselben bis Avellánes, eine wohlhabende kleine Stadt, wo endlich für die ersten Bedürfnisse gesorgt werden konnte.

[144] Tags darauf führte man uns über drei Bergrücken, dann über den Nogueras Pallaresa. Dieser Marsch war wieder sehr beschwerlich, und ermüdet trafen wir Abends in Alós ein, am Ufer des Segre. Hier wurden wir durch einen bisher unerhörten Vorfall tief erschüttert, und mit den bittersten Gedanken über die stets überhand nehmende Insubordination unserer Truppen erfüllt. Ein Cadet schoß einen Offizier nieder. Der Infant ließ augenblicklich Kriegsrecht halten, und eine Stunde darauf wurde, auf der Stelle der That, der Mörder fusillirt. Nachts ward eine Brücke geschlagen und am 10. der Marsch fortgesetzt. Trotz unserer ungünstigen, halb verlornen Lage gab man sich doch fortwährend Illusionen hin oder wollte damit täuschen. Als wir über diese Brücke setzten, sagte mir der Infant: „Stellen Sie sich vor, daß man dem Könige gesagt hat, hier auf dieser Brücke wäre die halbe Campagne zu Ende?“

Die Flußgebiete der beiden Nogueras und des Segre sind wildromantisch, und erinnern im größten Maßstabe an die tyroler Thäler; doch waren es nicht reizende Aussichten, nach denen wir uns sehnten, und das Land durch Krieg und Dürre so verarmt, daß wir unter [145] Entbehrungen aller Art daherzogen. Die Truppe litt sichtbar. Durch Hunger und Ermüdung erschlafft, schlichen die Soldaten schweigend einher, und vergebens hätte man nach jenen muntern Gesängen gelauscht, die von den baskischen Bergen wiederhallten, wenn ihre Söhne sie durchschritten. Viele Pferde fielen; traurig folgten die demontirten Reiter ihren Escadrons, und versuchten oft stundenlang ihre Sättel nachzuschleppen, bis Ermüdung zwang, sie wegzuwerfen. Ohne eine Niederlage schien das Expeditionscorps seiner Auflösung nahe.

Ungeachtet dieser Aufzug wenig geeignet war, das Vertrauen der Einwohner zu erwecken, empfingen sie doch den König in diesen wohlgesinnten Landstrichen mit lautem Jubel. Ihr Enthusiasmus erinnerte an die guten baskischen Provinzen; wie dort kamen sie meilenweit entgegen, und im ärmsten Dorfe fehlten nie Glockengeläute, Laubgewinde, Musik, Pechfackeln und Beleuchtung der Häuser. Am Eingange breiteten die Männer nach altcatalonischer Weise knieend ihre Mäntel unter die Füße des königlichen Pferdes. Das alles half freilich wenig, denn wenn der Jubel vorbei war, legten wir uns hungrig und ermüdet zu kurzer Ruhe.

[146] Am 10. Abends blieben wir in Tudela de Cataluña, und am 11. ward der Zug in derselben Richtung fortgesetzt, an Agramunt vorbei, einem befestigten Orte mit einigen hundert Mann Garnison. Dort erwartete uns das feindliche Heer, das schon bei Huesca, Barbastro, und am Cinca uns gegenübergestanden hatte; hier noch durch das Corps des Baron van Meer, Generalcapitain von Catalonien, verstärkt. Da wir Agramunt links liegen ließen, und die Richtung von Cervera zu nehmen schienen, verließ der Feind seine Positionen, verfolgte uns und harcelirte, während des Marsches, beständig unsere Arrièregarde. Das ungünstige Terrain, – wir durchzogen eins der großen catalonischen Plateaus – zwang zu einem stärkeren Marsch, und erst nach Mitternacht ward in Concabella Halt gemacht. Der König schlug sein Hoflager in Grá, eine halbe Stunde davon, auf. Der Feind war nachgefolgt und stets im Angesichte geblieben. Eine Legua von Concabella hielt er bei Sesma, einem fortificirten Platze. Noch lange ward über das Kritische unserer Stellung debattirt, und die Meinung ausgesprochen, sie mit dem frühesten zu verlassen, um einem Zusammentreffen mit dem Feinde [147] in dieser großen Ebene auszuweichen, die Berge in der Richtung von Cervéra möglichst schnell zu erreichen, und dort eine vortheilhafte Position einzunehmen. Leider ging dieser vernünftige Plan nicht durch, und wir legten uns, in der Gewißheit einer morgigen Affaire, mit trüben Ahnungen nieder. Nur wenig Lebensmittel und beinahe keine Fourage wurden zusammengebracht, und am 12. Morgens verließen Menschen und Pferde halb nüchtern das Bivouac. Man vertheilte die letzten Patronen, und mißmuthig sah Alles dem Gefechte entgegen.

Am 12. Juni um zehn Uhr Morgens stellte sich der Feind, ungefähr 20,000 Mann stark, auf den kleinen Mamelons auf, Concabella und Grá gegenüber; um halb zwölf begann sein Centrum, wo die sämmtliche Artillerie aufgestellt war, ein starkes Feuer. Moreno dirigirte unsere Hauptkräfte gegen diesen Punkt, der mit Wuth angegriffen und vertheidigt ward. Schon begann das feindliche Centrum zu weichen, noch ein Choc hätte es zersprengt. Der Sieg schien unerwartet sich für uns zu neigen, als plötzlich Oràa seine ganze Cavallerie gegen unsern äußersten rechten Flügel dirigirte, der sich über ein kleines [148] Wäldchen hinausdehnte. Dieser – die Catalonier unter Porredon – ungeübt in Reihe und Glied zu fechten, hielt die wiederholten Chargen nicht aus, wurde geworfen, und im Nu waren wir von feindlichen Cavalleriemassen enveloppirt. Moreno befahl den Rückzug. Die Unordnung, mit der die fliehenden Catalonier sich in unsere Reihen warfen, debandirte die Expeditions-Colonne; es ging über Hals und Kopf, ohne daß es möglich war sie nur einmal zum Stehen zu bringen. Nur das Grenadierbataillon, unter Oberst Solána, hielt über eine halbe Stunde den Andrang der feindlichen Massen auf, bis unsere Truppen über einen breiten mit Wasser gefüllten Graben gesetzt hatten. Zwei Bataillons von Alava waren schon durch die feindlichen Grenadiere zu Pferde abgeschnitten, als es durch zwei verzweifelte Cavallerie-Chargen gelang, ihnen Luft zu machen. Jenseits des Wassergrabens ward einige Cavallerie formirt, die den weiteren Rückzug deckte, da sonst die Hälfte unserer Truppen in die Gewalt des Feindes gefallen wäre. Doch hielt sie ihn zwei Stunden lang auf, während sich die königliche Colonne den Gebirgen zuwandte. Sie bivouaquirte noch vier Stunden bei Yborra, wo [149] endlich einige Ordnung hergestellt und der Verlust des Tages übersehen wurde. Er war geringer als wir befürchtet, und belief sich auf ungefähr 400 Mann. Unter den Todten befand sich der Capitain Bernhard von Plessen, dessen bereits erwähnt worden. Eine Kanonenkugel hatte ihm den Kopf weggerissen.

Am 13. marschirten wir bis Biosca, einem mitten in der Sierra de Cadis gelegenen Städtchen, wo wir allerlei Vorräthe, namentlich in einem Brunnen gegen 4000 Rationen Gerste versenkt fanden. – Hier stieß der General-Commandant von Catalonien, Royo, mit vier Bataillons und einer Escadron zum Könige. Diese Truppen waren besser bewaffnet und gekleidet, als Porredon’s Division, schienen auch mehr Disciplin und militairische Instruction zu haben; es waren meist schöne Leute, die sich bei mehreren Gelegenheiten gut geschlagen hatten. In Royo’s Generalstabe befanden sich einige fremde Offiziere, unter andren ein bekannter französischer Royalist, der Oberst Vicomte de Rochemore. – Auch von Cabrera trafen Nachrichten ein. Zwei seiner Adjutanten, die Obersten Arnau und Gaëta, berichteten [150] dem Könige, ihr General sei eben auf einer Operation nach Castilien begriffen gewesen, als ihm der Befehl aus Barbastro zugekommen, sich dem Ebro zu nähern, um den Uebergang der königlichen Colonne zu erleichtern, welchem er sogleich nachgekommen, und nach dem Königreiche Valencia zurückgekehrt sei.

Am 14. Abends verließen wir Biosca, und marschirten in einer reizenden Gegend, ungefähr drei Leguas weiter, worauf die Truppen zwischen der Einsiedelei Torre de Nagro und dem Convente del Milagro bivouaquirten. Die geistlichen Bewohner dieses Klosters waren, wie in ganz Spanien, verjagt worden, und das weitläufige Gebäude stand öde und verlassen. Das Hauptquartier ward darin aufgeschlagen. Der König und der Infant bewohnten das Appartement der Prioren, von dem man, über Berge und Thäler weg, eine weite, prachtvolle Aussicht hatte. Lange standen wir an den Marmorbrüstungen der Altane gelehnt, bis eine schwache Röthe über den Gipfeln der fernen Sierren uns an späte Ruhe mahnte. Nach wenigen Stunden bestiegen wir unsere Pferde, dem Könige zu folgen, der in Begleitung des Infanten nach Solsóna [151] ritt. Die Truppen blieben im Bivouac. Es war neun Uhr Morgens, als wir in diese Stadt einzogen, die am Ufer des Rio Negro gelegen, schwach befestigt und nur durch ein Castell vertheidigt, damals den Hauptsitz der Carlisten in Catalonien bildete. Solsóna, zu verschiedenen malen von beiden Theilen genommen, hatte durch öftere Belagerung sehr gelitten. Ganze Gassen waren öde, die Häuser selbst der Fenster und Thüren beraubt, während von andern nur noch rauchende Trümmer standen. Am Eingange der Stadt empfing den König die Junta, ihren Präsidenten, den Brigadier Ortéu, an der Spitze. Catalonische Bataillons bildeten Spaliere in allen Straßen; der Jubel der Einwohner, Fahnen und Kränze, die überall wehten, entrückten unseren Blicken das Oede der Stadt und das Traurige unserer Lage. Vor der Cathedrale standen die Bischöfe von Solsóna und Lérida in großem Ornate, von dem Dom-Capitel und vieler Geistlichkeit umgeben. Sie segneten den König ein und führten ihn unter Gepränge in den Dom und von dort in den bischöflichen Pallast, der zu seiner Aufnahme bereit stand. Diese beiden Prälaten übten damals großen Einfluß auf die Gebirgsstriche Cataloniens aus. [152] Der dritte Kirchenfürst jener Gegend, der Bischof der Seú d’Urgel, hatte nach Frankreich fliehen müssen; der von Lérida sich zu dem von Solsóna zurückgezogen. Von dieser Stadt aus riefen diese beiden Bischöfe die Catalonier zu den Waffen, und predigten den Kreuzzug zur Vertheidigung von Altar und Thron.

Ohne die letzte Kriegsgeschichte Cataloniens schreiben zu wollen, die ich für eine spätere Epoche aufbewahre, als ich länger in diesem Lande diente, kann ich doch nicht umhin, ein paar Worte über dessen Zustand, zur Zeit des Einzugs des Königs in Solsóna, zu sagen. Royo war der vierte, seit Ausbruch des Krieges, vom Könige ernannte General-Commandant, doch gelang es ihm so wenig, als seinen Vorgängern, Einheit und Mannszucht in den zahlreichen royalistischen Banden einzuführen, die das Land in allen Richtungen durchkreuzten, und es förmlich unter sich getheilt hatten. Seine Autorität war mehr nominell und beschränkte sich darauf, die spärlichen Berichte über eigenmächtige Unternehmungen der Häuptlinge einzusammeln und in das Hoflager zu senden. Selbst ohne Truppen, über die er direct hätte disponiren können, [153] schloß er sich bald dieser bald jener Guerilla an, vorzüglich wenn es galt Requisitionen einzusammeln; gewöhnlich jedoch, nur von einer kleinen Escorte umgeben, lebte er in Borradá, einer kleinen Stadt, drei Stunden von Berga, in beständiger Fehde mit der Junta, weßhalb er selten Solsóna besuchte. Die Junta ihrerseits, aus Mönchen und Advocaten zusammengesetzt, vereitelte alle Anstrengungen des General-Commandanten; von ihm unabhängig, ja sogar in ihrem Pleno mit höheren Gewalten versehen, verhinderte sie Conscriptionen, verweigerte Steuer-Ausschreibungen, verwendete willkührlich die Subsidien, unterhielt Intriguen im Hoflager, und gab Befehle an die Häuptlinge, mit denen sie im besten Einverständniß stand und die ihr einen Theil ihres Raubes abgaben. Die einzige Maßregel Royo’s war eine Eintheilung in Bataillons, in der Art, daß jede von einem besonderen Häuptlinge befehligte Bande ein Bataillon genannt und numerirt wurde. Früher hatten sie gar keine Benennung. Die Chefs selbst, die sie in ihren Geburtthälern zu den Waffen gerufen, bezeichneten sie als ihre Leute, und die Truppe nannte sich die Leute (la gente) dieses oder jenes Chefs, als wären [154] sie seine Diener. Hiezu kömmt, daß in Catalonien kein Guerilléro unter seinem Namen, sondern nur unter einem Beinamen (nom de guerre, – apódo) bekannt ist, so daß außerhalb dieser Provinz Niemand aus diesen Bezeichnungen klug werden konnte. Porredon, Pons, Ybañez, Sobrevias, Tristany, unterschrieben ihre Berichte mit diesen ihren wahren Namen; aber ihre Guerillas hießen: die Leute des Rós de Eróles (Rothharigen aus Eróles) Bep del Oli (Joseph vom Oele, oder der Olivenhandel treibt) Llarj de Copons (der Lange aus Copons), Muchacho (der Bursche) Mossom-Benett (Abt Benedict). Dieß ging so weit, daß sogar die wenigsten Soldaten den wahren Namen ihrer Chefs, und beinahe keiner den des General-Commandanten kannte. Dieser Unfug machte Bestrafung oder Absetzung der Häuptlinge unmöglich; er war tiefer eingewurzelt und von bedeutenderen Folgen, als man seinem geringfügigen Anscheine nach glauben sollte. Ihm abzuhelfen hatte Royo die Eintheilung in 23 Bataillons getroffen, doch waren sie von sehr ungleicher Stärke, da einzelne Banden kaum 200, andere, wie die Guiden vom Felde von Taragona, über 900 Mann zählten. Diese fehlerhafte Einrichtung hatte den König in Barbastro [155] irre geleitet und viel zu dem unglücklichen Zuge nach Catalonien beigetragen, wo man vollzählige Bataillons anzutreffen glaubte, die mit Leichtigkeit an einem Punkte concentrirt werden könnten. In Solsóna angelangt, ward man eines Andern belehrt, doch war es zu spät. Zwar kamen einzelne Häuptlinge, vor dem Könige ihr Knie zu beugen, doch meist ohne Truppen, und ihr Hauptzweck war, für sich und ihre Offiziere Avancements und Orden zu erlangen. Alle Morgen füllten sich die Säle des bischöflichen Pallastes mit den abenteuerlichsten Gestalten, doch war nicht abzusehen, worin das hätte abhelfen können. Dabei nahmen die Klagen von allen Seiten über Hand; Jeder wollte ein Held sein, Alle befahlen und Keiner gehorchte. Statt der lockenden Bilder, die in Barbastro vorgespiegelt worden, waren wir mitten in gränzenlose Anarchie gerathen, und auch die Expeditionstruppen, in Folge fortwährenden Mangels an Lebensmitteln und Fourage, einer allgemeinen Auflösung nahe. Die Bischöfe von Solsóna und Lérida, die auf Royo’s Absetzung drangen, riethen dem Könige, dem mächtigsten Häuptlinge Cataloniens zu befehlen, er möge mit seinen Leuten zu ihm stoßen. Don Benito [156] Tristany, Mossom Benett genannt, ein ehemaliger Domherr, streifte mit fünf Bataillons in den Ebenen um Barcelona. Er war der größte Gegner Royo’s, und hielt sich vom Hoflager entfernt, seit er diesen beim Könige wußte; doch ward er in so gnädigen Ausdrücken entboten, daß er augenblicklich mit seiner Mannschaft nach Solsóna kam, auch einige tausend Rationen Brod und eine Heerde Schlachtvieh für die ersten Bedürfnisse der Expeditions-Colonne mitbrachte. Tristany galt für den zügellosesten Guerilléro und größten Räuber in ganz Spanien. Über seine Gelderpressungen wurden schauderhafte Dinge erzählt. So soll er reiche Bürger und Gutsbesitzer überfallen haben, und wenn sie sich weigerten die begehrten großen Summen zu zahlen, sie, an Stricke gebunden, in Zisternen herabhängen lassen, in welcher unbequemen Lage sie bleiben mußten, bis sie gestanden, wo ihr Geld verborgen sei. Einigemale, hieß es, wären die Stricke gerissen und die Unglücklichen elend zu Grunde gegangen. Diese Gräuel waren uns wohl bekannt; doch mußte er gut aufgenommen werden, da man seiner bedurfte. An der einfachen, biedern Weise Tristany’s hätte Niemand den berüchtigten Parteigänger [157] erkannt. Trotz seiner veränderten Lebensweise und Tracht, hatte er doch in Gang und Manieren vieles vom Geistlichen beibehalten. Es war eine sonderbare Mischung von Abt und Soldaten, obgleich seine erste Erscheinung nur den letztern vorstellte. Eine spitze blaue Bivouac-Mütze, nach französischem Schnitt, (bonnet de police) bedeckte sein Haupt, an dem noch Spuren der großen Tonsur kennbar. Er trug eine kurze braune Jacke, rothe Weste, weite Beinkleider von leichtem Stoffe, Sandalen und große Sporen, einen langen Säbel und ein paar Terzerolen im Gürtel. In diesem Aufzuge ward er zur Audienz vorgelassen und näherte sich dem Könige mit allen Zeichen knechtischer Unterwürfigkeit. Auf alle Forderungen hätte er sich willfährig gezeigt, doch sicher nur das gehalten, was ihm eben gefallen. Der König ernannte ihn zum Maréchal de Camp und zweiten General-Commandanten von Catalonien. Tristany fand sich so geschmeichelt, daß er mit seiner Truppe der königlichen Colonne zu folgen gelobte. Als er auf den folgenden Märschen oftmals in die vom König bewohnten Häuser kam, äußerte er einst unverholen sein Erstaunen darüber, daß alles von dem königlichen Hofhalte Gebrauchte [158] baar bezahlt würde. – „Ich,“ setzte er naiv hinzu, „bekomme überall das Beste und zahle höchstens mit einem a Dios.“ – Es braucht wohl nicht erwähnt zu werden, daß diese Requisitions-Manier bei den meisten Chefs im Schwunge war, obgleich Andere, so viel mir bekannt, stets baar zahlten, wie z. B. Moreno, Villarreal, Zaratiegui, der Graf de España. Im königlichen Hoflager wurde mit großer Strenge darauf gesehen, daß Alles, was nicht zu den Fourage-Gegenständen gehörte, als z. B. Hühner, Chocolade, stets baar bezahlt werde. Daß diese Ordre jedoch oft umgangen wurde, versteht sich. – Um auf Tristany zurückzukommen, so lebte er stets in großem Luxus, in Vergleich zu dem Mangel und den Entbehrungen der Uebrigen. Die goldenen Früchte seines Raubes wurden auf ungefähr 40,000 Unzen geschätzt (über 3 Millionen Franken), die in Höhlen und unter Felsblöcken vergraben sein sollen. Einige bedeutende Tuchvorräthe, die er – während die Armee an Allem Mangel litt – in Höhlen und Felsrissen verborgen hatte, wurden später gefunden, doch waren sie schon halb verfault und unbrauchbar geworden.

[159] Der Abmarsch ward auf den 19. festgesetzt. Die größere Hälfte des königlichen Gefolges, welche schnelle Märsche hinderten, mußte in Solsóna zurückbleiben; hierunter drei der Granden, Kammerherren des Königs, einige Chorherrn seiner Capelle, ein Stallmeister u. s. w., so wie auch krankheitshalber der Minister Sierra. Die Blessirten blieben der Obsorge der Junta anvertraut. Um vier Uhr Morgens verließen wir Solsóna und erstiegen die oberste Kante der Gebirgskette, die im Westen dieser Stadt sich erhebt, und von der Urgel bis zum Ebro das ganze Land durchzieht. Acht Stunden marschirten wir auf Gemssteigen bis zu schwindelnder Höhe; zu unseren Füßen dehnte sich eine weite Ebene, nur durch das Meer begränzt. Cardóna und Manrésa, zwei Festungen erster Ordnung, konnten wir mit freiem Auge sehen und in weiter Entfernung die wunderbaren Pics des Monserrat mit ihren hundert Einsiedeleien, einer offenen Hand gleich zum Himmel gestreckt, weit hinausragend über alle Sierren, von jedem Punkte Cataloniens[WS 1] sichtbar.

Mittags hielten wir in Castell Adrall und Abends in Suria am Ufer des Cardenet. Am 20. blieben wir [160] ein paar Stunden bei einem einzelnen Pfarrhause (Rectoria de San Sadurni de Callus), dessen Dorf in den Bergschluchten zerstreut liegt, stiegen dann in die Ebene hinab und bivouaquirten Abends vor San-Fructuos auf der Straße nach Manrésa. Ein kleiner befestigter Ort, San-Pedór genannt, eine halbe Stunde von San-Fructuos, wurde aufgefordert, sich zu ergeben, und auf erfolgte Weigerung der Garnison, aus der einzigen durch Tristany gegossenen Kanone beschossen; doch platzte diese nach dem achten Schusse und riß dem in der Nähe stehenden Genie-Obersten Gordillo einige Finger weg. Er ward nach Solsóna zurückgeführt, und dem Oberst von Rahden die Leitung seiner Waffe anvertraut. Einige schwache Versuche, die vorspringenden Tambours zu nehmen und in die barricadirten Straßen einzudringen, wurden abgewiesen, doch war es nie sehr ernst damit gemeint, und der Hauptzweck, den Feind über unsere fernere Direction irre zu leiten. Wirklich glaubte auch van Meer, die Expeditions-Colonne werde über Manresa in die Ebenen von Barcelona oder den Lampourdan einzudringen trachten, und stellte in dieser Richtung seine Hauptkräfte auf. Sobald uns diese [161] Nachricht zugekommen, ward die Belagerung von San Pedór sogleich aufgehoben und der Rückmarsch nach Suria angetreten, von wo wir am 24. um vier Uhr Morgens aufbrachen und über den höchsten Gebirgskamm in Eilmarsch zogen. Der Monserrat, Cardona, die große Ebene mit unzähligen Ortschaften, das Meer, und in weitester Entfernung, am äußersten Horizont, ein kleiner schwarzer Punkt – Majorca, wie eine große lebende Landkarte lag dieß Alles zu unsern Füßen ausgebreitet; doch waren wir von der Wichtigkeit dieses entscheidenden Marsches zu sehr erfüllt, uns der Anschauung dieses Bildes hingeben zu können; so ging es denn über Prades, Puig-Palat, Castell-Fullit und Yborra (dem Nachtquartier nach der Schlacht von Guisona) bis Tarroje, ohne Aufenthalt, von vier Uhr Morgens bis elf Uhr Nachts. Nur eine Stunde Rast ward in Prades gegönnt. Wir waren neun spanische Leguas marschirt (17 spanische Leguas = 1 geographischen Grad). Nach zwölf Stunden Ruhe brachen wir am 25. um elf Uhr Morgens von Tarroje auf, und betraten das größte Plateau Catalonien’s, das Pla d’Urgel. Der Feind war so weit hinter uns, daß wir einen Angriff in [162] dieser Ebene nicht mehr zu befürchten hatten; doch war noch nicht Alles überstanden, weßhalb der Eilmarsch fortdauerte. Abends ward zwei Stunden in Claravalles angehalten, die Hauptstraße von Barcelona nach Madrid passirt, dann bis drei Uhr Morgens der Zug fortgesetzt. Als wir in Vallbona de las Monjas anlangten, hatten wir wieder neun spanische Leguas gemacht. Diese freundliche Stadt, in einem von hohen Bergen umgebenen Kessel, bot leidliche Unterkunft und Verproviantirung. Nie hatten, durch die ganze Dauer des Krieges, die Feinde sich in dieselbe gewagt, die in den Sierren gelegen, unter dem Schutze unserer Guerillas stand. Hier lebten ungestört im großen Conventualgebäude, das ihr den Beinamen gegeben, die Nonnen von Barcelona und vielen andern Klöstern Cataloniens. Vor dem Könige von Spanien und den Prinzen seines Hauses öffnet sich bekanntlich die Clausur und heben sich die Schleier. So hatte ich Gelegenheit, das Innerste eines spanischen Nonnenklosters in allen Details zu sehen. Die Aebtissin, an ihrem goldenen Kreuze kenntlich, trat in feierlichem Zuge bis zum Klostergitter, und führte den König und sein Gefolge durch alle Säle und Gänge. Im Sprachzimmer war ein Frühstück hergerichtet; die [163] guten Schwestern, voller Freude, schenkten ein, reichten herum, und nöthigten uns zuzulangen. Ich habe nie so viele beisammen gesehen, Junge und Alte, und in verschiedene Farben gekleidet, je nach den Orden. Besonders zierlich nahmen sich die von einem adeligen Damenstifte in Barcelona aus: schwarz und weiß mit einem orangefarbenen Bande um den Hals, woran ein ovales emaillirtes Medaillon hing. Sie wurden Alle sehr traurig, als wir gegen Mittag abzogen, und auch ich wäre lieber noch länger in Vallbona geblieben. Doch hieß es, die feindliche Colonne sei im Anzuge, und es mußte aufgebrochen werden. Wir marschirten über Omells und Fulleda, und campirten bei Vinaije, einem kleinen Dorfe. Nachmittags hatten sich Tristany’s Bataillone von uns getrennt, die Aufmerksamkeit des Feindes von der königlichen Colonne abzulenken, und in Vinaije ernannte der König, auf Bitten der Junta und der Häuptlinge, den Brigadier Urbiztondo, bisher Sous-chef des Generalstabs, zum Maréchal de camp und General-Commandanten von Catalonien an Royo’s Stelle.

Am 27. ward der Marsch um vier Uhr Morgens über la Pobla fortgesetzt, und nach sechs Stunden bei Margaléf angehalten. Wir waren vier Leguas [164] vom Ebro. Als dieß den bivouaquirenden Truppen bekannt wurde, war der Jubel allgemein. Der alte kriegerische Geist der Basken und Navarresen schien neu erwacht, und ungestüm begehrten sie weiter zu marschiren. Doch war der Hauptvorsprung gewonnen, und man konnte ihnen Ruhe gönnen. Nur wenige Bataillons wurden zur Besetzung eines Engpasses, zwei Stunden weiter, bis Cabázes vorausgeschickt, welchen Ort die Hauptcolonne am andern Morgen um sechs Uhr erreichte. Noch Vormittags passirten wir Lafiguéra und Mólo, und zwei Stunden darauf, als wir García erreichten, signalisirte die feindliche Festung Mora durch Kanonenschüsse unsere Annäherung. Von den Höhen von García aus, sahen wir die breiten Wogen des Ebro in majestätischer Ruhe sich dem Mittelmeere zuwälzen.

Ein mächtiges Gefühl ergriff Alle, als wir den großen Strom erblickten, der Preis so vieler Anstrengungen; an seinem Ufer glaubten wir die Hälfte der großen Arbeit gethan. Wie viele waren ausgezogen, die ihn nicht sahen, und wie viele sollten ihn jetzt überschreiten, die nie mehr ihre Heimath erblicken würden. Doch ein Gedanke überragte alle andern, wir wußten: Europa blicke auf uns!



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Cataloloniens