Erinnerungen (Die Gartenlaube 1862)

Textdaten
<<< >>>
Autor: Franz Wallner
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Erinnerungen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, 13, S. 120–122; 202–204
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1862
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[120]

Erinnerungen

Memoiren-Bruchstücke von Franz Wallner.

Nach fünfzig Jahren eines viel bewegten, erfahrungsreichen Lebens finde ich nicht ein Blatt, nicht eine Notiz, nicht eine Affiche, als Anhaltspunkt zur Aufzeichnung meiner Erinnerungen. Es ist dies ein Leichtsinn, vor welchem unsere jüngere Generation nicht genug zu warnen ist. Wie wüst und wirr schwimmen ohne solche Anhaltspunkte in dem Rest der uns zugemessenen Jahre die Rückblicke durcheinander! Vielleicht gelingt es mir, einzelne kleine Bilder aus diesem Kaleidoskop festzuhalten und zu sondern; der Versuch dazu scheint mir wenigstens die Mühe zu lohnen. Freilich ruhen die Originale meiner kleinen Federzeichnungen größtentheils auf den Kirchhöfen unserer deutschen Vaterländer und unter dem kühlen Rasen von Pére Lachaise in Frieden von ihren Lebenskämpfen aus; allein so mancher kleine charakteristische Zug berühmter und uns lieb gewordener Persönlichkeiten, so manche heitere oder dunkle Seite aus dem Schicksalsbuche meiner Zeitgenossen verdiente wohl als Beispiel oder Warnung der Vergessenheit entrissen zu werden. Von jeher nicht mit dem glücklichsten Zahlengedächtniß begabt, würde es mir unmöglich sein, eine chronologische Ordnung bei meinen Plaudereien fest zu halten; ich will dem Leser erzählen von früheren Tagen, von kleinen pikanten Vorfällen, mit einem Wort ich will versuchen, ihn von Dingen und Personen zu unterhalten, die eine öffentliche Bedeutung hatten. Weiter haben diese Zeilen keinen Zweck.


Französische Blätter bringen eben die Nachricht, daß die Schauspielerin Marquise Esther de Bongars[WS 1] in Paris im tiefsten Elend gestorben sei. Ihr Vater war ein berühmter Divisionsgeneral der französischen Armee, und sie selbst spielte eine ziemliche Weile als Schauspielerin in St. Petersburg die Rolle der ersten Löwin der vornehmen Welt. Von der unermeßlichen Verschwendungssucht dieser Person kann sich nur ein Augenzeuge einen annähernden Begriff machen. Die eleganteste Wohnung, die schönsten Equipagen, die reichste Toilette, das reizendst gelegene Landhaus waren Dinge, die sie von ihren jeweiligen Verehrern als selbstverständlich forderte; mit Schilderungen der von ihr arrangirten Feste füllten die Pariser Journale ganze Spalten. So z. B. sollen einmal die Kirschen eines Diners im Winter, wo das Stück dieser Frucht einen Rubel kostete, mit 20,000, schreibe zwanzig tausend Francs, bezahlt worden sein. Die Wände des Speisesaals waren mit künstlichen Kirschbäumen geziert, an welchen die kostbaren Früchte hingen. Zu einer Geburtstagsfête ließ sie einen Feuerwerker von Wien kommen und sandte einen Courier zum Einkauf des Desserts nach Marseille. Selbst in dem verschwenderischen Petersburg machte die Verschwenderin Aufsehen. Als Schauspielerin war sie mittelmäßig, sie hatte nur das Talent der verschleierten Frechheit und verstand ihre prachtvollen schwarzen Augen – das Einzige, was nebst einem üppigen Wuchs wirklich schön an ihr war – meisterhaft zu gebrauchen. Die böse Welt behauptete, daß selbst die höchstgestellte Person des Czarenreiches eine Zeit lang in ihren Netzen gezappelt habe. Der ehemalige preußische Hofschauspieler, jetzige Hofrath Louis Schneider, der als Gast im Jahre 1847 an den kaiserl. Hof geladen und vom Kaiser Nicolaus ersucht wurde, sein frisches Talent auf dem Privattheater des Czars in Peterhof glänzen zu lassen, spielte dort den Kurmärker, die Esther die Picarde in dem bekannten Genrebild von L. Schneider. – Die Auction der Effecten der Circe dauerte einen halben Monat, brachte enorme Summen ein, und dennoch konnte dieselbe bei ihrem gezwungenen Abgang – ich werde diese Katastrophe sogleich erzählen – nicht ihre sämmtlichen Gläubiger befriedigen. Sie starb im tiefsten Elend! Walten der Nemesis!

Im Jahre 1848 bewohnte diese Esther ihr prachtvolles Landhaus in der Umgegend von Petersburg. Ihr zeitweiliger Courmacher, ein millionenreicher Branntweinpächter, war in Deutschland und suchte Erleichterung im Bade und an der Spielbank in Baden-Baden. Während der Zeit lebte die französische Strohwittwe aus dem dreizehnten Arrondissement auf dem größten Fuß. Neben ihr wohnte in einem bescheidenen Häuschen mit seiner alten Mutter, deren einzige Stütze er war, ein blutjunger, bildhübscher Landsmann, Monsieur Jules, der erst seit Kurzem als Maschinist am kaiserl. Theater angestellt war. Fräulein Esther hielt den gänzlich unverdorbenen und liebenswürdigen Jüngling für interessant genug, um eine kleine, vorübergehende „Idylle“ mit ihm in Scene zu setzen, die der arme Künstler leider so ernst nahm, daß er sich zum Rasendwerden in die schlaue Kokette verliebte. Sie versprach auf sein Andringen, sie wolle sein Weib werden, sobald es die Umstände nur gestatteten. Der Sommer verging dem Liebenden wie ein schöner Traum, und als die Blätter welk zu werden begannen, ahnte Jules nicht, daß auch sein Liebesfrühling blüthenlos geworden. Die Saison der Datschken (Landhäuser) war vorbei, die Esther bezog ihre prachtvolle Wohnung auf der Newsky-Perspective wieder, und als ihr „Bräutigam“ Jules sie eines Tages dort besuchen wollte, überreichte ihm der Diener ein Billet, worin sie ihm für die frohen mit ihm verlebten Stunden dankte, aber auch zugleich anzeigte, daß die Kinderei zwischen ihnen ein Ende nehmen müsse, indem ihr Geliebter, von dem ihre ganze Existenz abhinge, zurückgekehrt sei. Von einer Heirath und derlei poetischen Schwärmereien könne keine Rede sein, da ihre beiderseitige Gage nicht hinreiche, um ihre Putzmacherin zu bezahlen.

Der arme Junge lud sich ein Pistol und schoß sich an der Schwelle der Treulosen eine Kugel vor den Kopf. Auf den Knall eilte die Herrin des Hauses herbei und machte dem noch Athmenden die bittersten Vorwürfe, „daß er sich nicht einen andern Platz für seinen dummen Streich ausgesucht habe.“

Die Mitglieder des französischen Theaters erklärten ihrem obersten Chef, dem Fürst Wolkonsky, in corpore, daß keiner von ihnen mit der Esther wieder die Bühne betreten würde. Sie empfing mit lachendem Munde ihre Entlassung und ging nach Paris, wo sie vom Schauplatz abtrat und verschollen schien, bis vor Kurzem die dortigen Journale ihren Tod im tiefsten Elend meldeten. Ob ihr an ihrem Sterbelager wohl das blutige Haupt des armen Jules erschienen ist? Gewiß, denn es giebt eine Nemesis!


Es ist eine Reihe von Jahren her, als mich in Hamburg bei einem Spaziergange auf dem Jungfernstieg ein alter Herr einholte, der sich mir, nach Bejahung der Frage, ob ich der Schauspieler Wallner sei, als Graf Carl Hahn vorstellte. Schon längst war ich begierig, dieses merkwürdigste aller Theateroriginale kennen zu lernen, und nun lief er mir von selbst in die Hände. Einen schöneren alten Mann, als Graf Hahn war, konnte man sich nicht denken: prachtvolles blüthenweißes Haar, elegant geordnet, deckte einen wahren Jupiterkopf; die sichere cavaliermäßige Haltung legte Zeugniß ab, daß der Mann seine Jugend in der besten Gesellschaft und am Hofe des Prachtliebenden Schwedenkönigs Gustav III., dessen Leibpage er war, zugebracht hatte. Dort war er auch Augenzeuge der blutigen Katastrophe (1792), die er in der Oper „Der Maskenball“ genau nach seiner Erinnerung, bis auf die Rosa-Wachskerzen, die im Saale brannten, in Scene setzte, und zwar auf dem unter seiner Direction stehenden Theater in – St. Pauli auf dem Hamburger Berg. Dieses Factum charakterisirt die ganze Richtung der Theaterleidenschaft des guten Grafen, der seinem Steckenpferd ein immenses Vermögen geopfert, ohne das geringste künstlerische Resultat zu erzielen. Mit richtigem Verständniß und am rechten Orte angewendet, hätten die Bestrebungen des reichen Theaterenthusiasten in der Theatergeschichte Epoche machen und von dauernder Nachwirkung sein können, während er auf seinem mit einem ungeheuren Kostenaufwande erbauten Schloßtheater in Remplin berühmte Schauspieler[1] für eine Gastrolle mit einer silbernen Rüstung und einer vierspännigen Prachtequipage beschenkte, sein enormes Vermögen als Theaterdirector in Altona, Lübeck, St. Pauli, Lauchstädt, Altenburg, Gera, Chemnitz, Rudolstadt etc. vergeudete und seine künstlerische Wirksamkeit auf die mittelmäßige Darstellung einiger Rollen, auf die Angabe prunkvoller, am unrechten Orte angewandter Ausstattungen, auf das Schminken der Statisten, auf Blitzen und Donnern, gelegentliches Souffliren, und auf das Anführen der Comparsen bei Zügen beschränkte.

Es thut mir leid, über den alten seligen Herrn, welchen sonst die vortrefflichsten Eigenschaften auszeichneten, ein so hartes Urtheil [121] fällen zu müssen, an welchem auch seine vertraulichen Mittheilungen bei unserem ersten Zusammentreffen nichts ändern konnten. Doch hatte ich, wie gesagt, meine aufrichtigste Freude, den originellsten Mann der deutschen Theaterwelt kennen zu lernen, und bat ihn, Mittags als mein Gast bei mir vorlieb zu nehmen. Mein Entgegenkommen schien dem alten Herrn wohlzuthun, er nahm die herzliche Einladung eben so freundlich an und erschien Mittags in Streit’s Hotel, in seiner prächtigen Haltung, geschmückt mit Stern und Ordensband, eine wahrhaft noble Erscheinung. Zu seiner Offenheit machte er auch kein Hehl daraus, daß es ihm in Altona, wo er als Regisseur „ohne Gehalt“ fungirte – Regisseur „par honneur“ wie er sich ausdrückte – sehr schlecht ginge, daß seine reichen Verwandten ihn auf das Allernöthigste beschränkt hätten, um ihn von seiner Theatersucht zu heilen, daß ihnen dies aber nicht gelingen werde, da er auf der Bühne zu sterben wünsche.

Als ich ihm einige Tage später einen Gegenbesuch in seiner Wohnung abstattete, fand ich den an die Wechselfälle des fürstlichsten Luxus und der bittersten Armuth Gewöhnten in einer Lage und einer Umgebung, die, an das niedrigste Proletariat erinnernd, mir um so mehr durch die Seele schnitt, als Graf Hahn auch nicht im Geringsten davon berührt schien.

Er liebte es, von seinen Kreuz- und Querfahrten zu erzählen, wobei er nicht selten die ergötzlichsten Anekdoten einzuflechten und mit frischem Humor vorzutragen verstand. Merkwürdigerweise hatte der sonst so feinfühlende Cavalier keine Idee davon, welch’ eine traurige Rolle er als die Hauptperson dieser komischen Erlebnisse spielte. So z. B. hatte er in St. Pauli die Jungfrau von Orleans mit einem Glanz ausgestattet, welcher das berühmte Hamburger Stadttheater weit hinter sich ließ. Er selbst wollte, in eine silberne Rüstung gehüllt, den Krönungszug anführen, zu welchem er eine Unzahl der prachtvollsten Costüme hatte machen lassen. Um dem Publicum die möglichste Illusion zu bereiten, sollte der Zug aus dem Hintergründe der Bühne eintreten, und war derselbe, 200 Mann hoch, auf der Straße vor dem an der Rückseite des Theaters liegenden Eingangsthor postirt. Graf Hahn schärfte Allen auf’s Genaueste ein, beim Beginn des Krönungsmarsches ihm mit feierlichen Schritten zu folgen. Alles war trefflich einstudirt und versprach den gewaltigsten Eindruck auf die zahlreich versammelten Zuschauer zu machen. Die Musik beginnt, und der „Erblandmarschall von Mecklenburg-Schwerin“ setzt sich an der Spitze des Zuges in Bewegung. Am Souffleurkasten angelangt empfängt den Grafen statt des erwarteten Applauses ein schallendes Gelächter, verdutzt sieht er sich nach der Ursache desselben um und bemerkt mit Schrecken, daß der ganze Krönungszug vor der Thür auf der Straße stehen geblieben, und er ganz allein in seinem glänzenden Harnisch den Festzug gebildet hatte, ohne zu bemerken, daß ihm Niemand folge.

Ein ander Mal gab er in Altona „Menschenhaß und Reue“, sein Lieblingsstück, und kündigte auf der Affiche an, daß Jeder mit seinem Billet an der Casse ein unentgeltliches Loos erhalten werde, und der glückliche Gewinner des Treffers, der nach der Vorstellung gezogen würde, „einen eben so schönen als nützlichen Gegenstand erhalte, der ihm sogleich ausgeliefert wird.“

Das Haus war voll, und als Meinau mit Eulalia seine thränenreiche Versöhnung geschlossen, begann die Ziehung, in welcher die Nummer 190 dem glücklichen Besitzer derselben entgegen leuchtete.

In schwarzem Frack und in würdevoller Haltung, mit seinem reichen Ordensschmuck angethan, erschien der Graf, an einem blauseidenen Bande ein schneeweißes Lämmchen führend.

„Wer von den Herrschaften hat das Loos Nummer 190 im Besitz?“

„Ich,“ rief eine donnernde Stimme aus dem ersten Logenrang.

„Darf ich um die Ehre Ihres Namens bitten?“ schrie Graf Hahn hinauf.

„Ich bin der Justizrath Engel,“ brüllte es wieder zurück.

Graf Hahn verbeugte sich: „Herr Justizrath, Sie erhalten als glücklicher Gewinner dieses reizende Lämmchen hier, das Bild der Unschuld und Kindlichkeit. Ich bitte Sie, auf die Bühne zu kommen und Ihren Gewinn vor den Augen des Publicums in Empfang zu nehmen.“

„Den Deubel werd’ ich Ihnen thun!“ schrie der Justizrath. „Schicken Sie es mir doch in mein Haus.“

„Bedaure,“ entgegnete Graf Hahn achselzuckend, „es ist aber ausdrückliche Bedingung, daß der Gewinner hier vor den Augen des Publicums seinen Gewinn empfängt.“

„Nun, so behalten Sie das Lamm und lassen Sie es sich braten!“

„Ich werde Ihren Rath befolgen,“ erwiderte ganz ernsthaft der Graf, „aber das Fell werde ich Ihnen zusenden.“

Eine recht ergötzliche Anekdote entnehme ich den sehr frisch geschriebenen „Charakterzügen aus dem Leben des Grafen Hahn-Neuhaus“, welche den Schauspieler Mayer in Hamburg zum Verfasser haben.

Es war eine Eigenheit des Grafen, daß die jämmerlichste Ausstattung, wie sie bei wandernden Truppen an der Tagesordnung ist, seine Illusion nicht im Mindesten störte; bei seinem eigenen Theater verwendete er darauf aber immer die größeste Sorgfalt und scheute keine Unkosten, in dieser Hinsicht das Möglichste zu leisten; je theurer ihm die Geschichte zu stehen kam, um so vergnügter war er.

Sein Unstern wollte es aber, daß seine sinnreichsten und kostspieligsten Arrangements nicht selten total mißglückten, und Lauchstädt war Zeuge eines höchst drolligen Quidproquos in dieser Art. Graf Hahn hatte nämlich das Wiener Schauer- und Spectakel-Melodram „Ein Uhr“ (mit einer vortrefflichen Musik von Freiherrn von Lanoy) einstudiren lassen. Der Held dieses Dramas ist ein taubstummer Knabe, der von einem bösen Ritter einer Waldhexe geopfert werden soll, sich aber dadurch rettet, daß er den Stundenzeiger einer kolossalen Wanduhr im entscheidenden Augenblick auf Eins stellt; sowie der Stundenschlag ertönt, holt den bösen Ritter der leidige Satan, die Uhr aber verwandelt sich in einen Thron, auf welchem der taubstumme Oskar als rechtmäßiger Herzog sitzt.

Der von dem Grafen und Julius Müller aus Leipzig entführte Maler hatte alle Kunst aufbieten müssen, Uhr und Thron so prachtvoll wie möglich zu malen, auch die Mechanik ließ nichts zu wünschen übrig. Aus der Probe aber bemerkte der Graf: „Alles recht hübsch, mein Lieber, aber Sie haben da auch ein Zifferblatt gemalt, das ist mir nicht recht! ich hab’ es mir anders gedacht.“ –

„Wie denn, Erlaucht?“

„Sie wissen, ich habe eine große, ausgezeichnet schöne Schlaguhr, ein kostbares Werk, es ist ein altes Erbstück aus Neuhaus, mit einem wundervollen Ton; auch will ich, daß man den ganzen Act hindurch den Pendelschlag hört, das macht sich recht schauerlich während der großen Pause, die der Hauptscene vorhergeht; lassen Sie also Ihr gemaltes Zifferblatt herausschneiden, wir befestigen dann in der Oeffnung das wirkliche Werk.“

Der Maler kannte seinen Grafen zu gut, um nur einen Versuch zu machen, ihn von seiner Idee abzubringen. Das gemalte Zifferblatt wurde herausgeschnitten, das kostbare alte Erbstück geholt und von dem Theatermeister geschickt in den Ausschnitt befestigt, so zwar, daß es schnell wieder fortgenommen werden konnte, wenn die Verwandlung vor sich gehen sollte.

Und jetzt wurde probirt, der Graf erklärte dem Fräulein Hanstein, welche den Oskar spielte, den Mechanismus des Werks, zeigte ihr, wie sie den Zeiger von 11 schnell auf 1 Uhr rücken müsse, so wie den Repetirknopf; wenigstens ein Dutzend Mal ließ er sie die Sache machen, und immer ging Alles ganz vortrefflich. Der Graf war außer sich vor Vergnügen und sprach fast den ganzen Tag von Nichts als von dem Effect, welchen die Uhr am Abend machen werde.

Die Vorstellung ging denn auch am Abend sehr präcise und fand reichlichen Beifall bei dem zahlreich versammelten Publicum. Fräulein Hanstein spielte ihren stummen Knaben sehr brav und sah reizend aus. So kam der fünfte Act heran, der Graf selbst war bei dem Aufstellen der Uhr mit behülflich, ließ das Wegnehmen und die Verwandlung nochmals probiren und, da Alles tadellos ging, den letzten Act in Gottes Namen beginnen; er selber postirte sich hinter der Coulisse, vor welcher die Uhr stand. – Auch der letzte Act ging wie am Schnürchen.

Jetzt kam die große Pause, man hörte das „Tiktak“ des Pendels, deutlich, und jetzt ertönte die Stimme der Waldhexe: „Mein Mahl, mein Mahl!“ Gleich darauf stürzt Oskar, von dem [122] bösen Ritter mit hochgeschwungenem Dolche verfolgt, in die Halle.

Die Scene wurde sehr effektvoll gespielt, und das Publicum applaudirte aus Leibeskräften.

Jetzt kommt der entscheidende Moment, Oskar soll an der Uhr emporklimmen und den Zeiger auf Eins stellen.

Die kleine Hanstein war das anmuthigste, graziöseste junge Mädchen, aber durchaus keine Turnkünstlerin, und schon auf der Probe hatte sie das Erklimmen des wenigstens 6 Fuß hohen Riesen, der, wie der Atlas die Weltkugel, die Uhr auf seinen Schultern trug, für eine „saure Arbeit“ erklärt. Jetzt, wo Alles blitzschnell gehen sollte, fehlte wenig und die ganze Kletterei wäre mißglückt, doch gelangte sie endlich so hoch, daß sie zur Noth den Zeiger mit ausgestrecktem Arm erreichen konnte, rasch schob sie ihn vorwärts und verschwand hinter der Uhr.

Laut und durch das ganze Haus gellend ertönte der Schlag „Eins!“

Der Graf war außer sich vor Entzücken.

„Ein Uhr!“ schreit das Waldweib, – „Du bist der Hölle verfallen!“

Da schlägt es wieder!

„Herr Gott!“ ruft der Graf, „was ist das?“ Und wieder schlägt es.

Der Graf, außer sich, stürzt aus der Coulisse hinter die Uhr. „Satan! Verfluchter! willst du wohl gleich schweigen!“ – und er reißt das immerfort schlagende Werk (denn die kleine Hanstein hat in der Eile den Zeiger auf 12 gestellt) herab und schleudert es wüthend zu Boden, daß es in hundert Stücke zerbricht.

Ein Uhr“ – wurde in Lauchstädt nicht wieder gegeben.

Im Jahr 1857 starb Graf Hahn in Altona, wo ein Schlagfluß seinem bewegten Leben ein schnelles Ende machte. Ein scheinbar unerschöpfliches, mehr als fürstliches Vermögen und eine glänzende hohe Stellung im Leben hatte der Mann geopfert, alle Misère der kleinen Wanderbühnen durchgemacht, mit Noth und Elend, ja mit Hunger in des Wortes verwegenster Bedeutung, hatte er gekämpft, um seiner Theaterleidenschaft zu fröhnen, und doch haben alle diese enormen Opfer der deutschen Bühne nicht eines Schillings Werth Nutzen gebracht, und seinem Andenken nichts gesichert, als den unantastbaren Ruf eines originellen Sonderlings.



[202]
Erinnerungen.
Memoiren-Bruchstücke von Franz Wallner.
Nr. 2. Berühmte Menschen.

„Wer ist da?“ rief mein Reisegefährte Honeck (Cohen) verdrießlich in die raucherfüllte Stube hinaus, die in der Faubourg Poissonnière inmitten unserer beiden Schlafzimmer lag. „Wer ist da?“ wiederholte er, als nicht gleich Antwort kam.

Heinrich Heine,“ tönte es zurück.

Was ein berühmter Name für Wirkung hervor bringt! Mit einem Sprunge waren wir Beide aus dem Bette auf die kalten Steinfließen gesprungen, im Nu in die Morgenkleider geschlüpft, um den verehrten Gast, an den wir Tags vorher unsere Empfehlungsbriefe abgegeben hatten, nicht warten zu lassen. Damals hatte Heine noch keine Ahnung von den namenlosen Leiden, von welchen er später heimgesucht wurde, nur ein heftiger nervöser Augenschmerz, von dem die entzündeten Deckel und Ränder Zeugniß ablegten, wollte, wie er sagte, nicht wanken und nicht weichen. Ein eben von ihm erschienenes größeres Portrait von Pucht, welches er mir zum Andenken mitgab, gab seine ausdrucksvollen Züge zum Sprechen ähnlich wieder und ziert noch jetzt mein Arbeitszimmer, nachdem es mich auf allen Kreuz- und Querzügen meines wechselvollen Wanderlebens begleitet hatte. Wir gaben uns ein Rendezvous in der Gallerie Orleans im Palais Royal, wo wir ihn, da wir gestern das Malheur hatten, ihn nicht in seiner Wohnung zu treffen, nach Hause begleiten sollten. Dort wolle er uns „seine Mathilde“ (Heine’s nachmalige Frau) vorstellen, wir sollten dann Alle zusammen in Rocher de Cancale diniren und Abends die damals neue Oper „die Hugenotten“ hören. Die Billets würde uns Heine schaffen, da die Erwerbung von solchen, ohne ganz besondere und außerordentliche Protection, bei dem Fanatismus und dem massenhaften Andrang, den die geniale Schöpfung Meyerbeer’s hervorrief, zu den Unmöglichkeiten gehörte.

Von den zahllosen kleinen Scherzen und trotzigen Impromptus Heine’s ist mir Weniges im Gedächtniß geblieben, weil ich in fieberhafter Unruhe und Spannung den Theaterabend kaum erwarten konnte. Ich äußerte dies gegen ihn. „Ja,“ entgegnete er, „wir werden heute von 7 Abends bis 1 Uhr Morgens viel Vergnügen auszustehen haben.“ – „Wie!“ rief ich erstaunt, „das sagen Sie, der Sie jüngst die prächtige Kritik über die Hugenotten in die Augsburger allgemeine Zeitung geschrieben haben?“ – „Ja, lieber W., ich hatte leicht eine gute Kritik schreiben, ich werde die Oper heute zum ersten Male hören.“

Und so war es auch, Heine hatte sich aus den vorhandenen Urtheilen über das Meyerbeer’sche Werk sein eigenes geschaffen, und dieses mit allem Aufwand der nur ihm zu Gebote stehenden geistreichen Schilderungskraft veröffentlicht. Auf dem Wege nach dem Theater erzählte der Schalk, daß er Spontini heute recht ärgern wolle, weil er mit Meyerbeer viel zu sprechen gedenke.

Im Jahre 1846 traf ich ihn wieder, aber schon leidend, verstimmt und ängstlich, obgleich noch lange keine Aussicht zu ernstlicher Befürchtung da war. Ich hatte ihm und einer Baronin von Santenwel Briefe von Freiligrath mitgebracht, und an letzterer eine eben so liebenswürdige, als geistreiche Dame kennen gelernt, die sich ungemein warm für den verbannten, damals in Brüssel lebenden Freiligrath interessirte. Ihren Wunsch, einen Abend in der Gesellschaft, in welcher sie jeden Mittwoch die bedeutendsten Menschen bei sich versammelte, zuzubringen, lehnte ich dankend ab, da ich Paris als Fachstudium besucht hatte und keinen Abend versäumen wollte, ohne in irgend ein, manchmal auch in zwei oder drei Theater zu gehen. „Da die Theater hier monatelang dieselben Stücke geben,“ meinte meine gefällige Gönnerin, „so wird sich schon während Ihres Hierseins noch ein Abend finden, wo Ihnen sämmtliche Bühnen nichts besonders Interessantes bieten, dann lassen Sie es mich 24 Stunden vorher wissen, und Sie sollen Abends bei mir etwas finden, was Sie in ganz Paris vergebens suchen würden.“ Die Neugierde, was dies wohl sein könne, bestimmte mich, von der freundlichen Einladung Gebrauch zu machen und der Dame einen Abend zu nennen, an welchem ich bei ihr erscheinen würde. Bei meinem Eintritt in den eleganten Salon, in dem bereits eine zahlreiche Gesellschaft versammelt war, trat sie mir, der ich mich selbst immer über meine Gespanntheit mit Meidinger lustig machte, mit den scherzhaften Worten entgegen: „Heute können Sie sich einmal ungenirt gehen lassen; reden Sie, wie Ihnen der Schnabel wuchs; Sie finden heute in meinem Hause nur Deutsche, keinen einzigen Franzosen.“ Welch’ eine Menge damals im Exil lebender Landsleute: Heine, Ruge, Herwegh, Börnstein etc.! Letzterer gab damals ein, später unterdrücktes, Journal „Vorwärts“ heraus, in welchem unter dem Namen H. Heine eben ein kleines Gedicht erschienen war, von dem er die Vaterschaft aber entschieden ableugnete; und in der That scheinen die beiden Verse „Pein“ und „Bein“ sich schlecht mit der eleganten Schreibweise des berühmten Verfassers des „Buchs der Lieder“ vereinigen zu wollen. Das Gedichtchen machte damals viel Glück, ich weiß nicht, ob es später bekannt und nachgedruckt wurde. Es hieß Selbst-Ironie:

Den Gärtner ernährt sein Spaten,
Den Bettler sein lahmes Bein,
Den Wechsler seine Ducaten,
Mich meine Liebespein! –

Drum bin ich Dir verbunden,
Du Mädchen, für Dein treulos Herz,
Viel Geld hab’ ich gefunden
In meinem Liebesschmerz.

Ich schrieb bei nächtlicher Lampe
Den Jammer, der mich traf,
Er ist bei Hoffmann und Campe
Erschienen in klein Octav.

„Vorwärts“ wurde von der Pariser Polizei verboten, die Hauptmitarbeiter von derselben ausgemaßregelt und zerstreuten sich in alle Winde. Börnstein ging nach Amerika, wo er eine ganz seltsame Carrière durchmachte. In Paris konnte man sich keinen besseren Führer als ihn denken, er kannte Alles, wußte Alles, correspondirte mit allen deutschen Zeitungen, übersetzte alle französische Stücke, die in Paris irgend Glück machten, besorgte Hunderte von Commissionen und fand bei seiner rastlosen Thätigkeit doch noch immer Zeit, dem Fremden in seinem gastfreundlichen Hause, im Kreise seiner liebenswürdigen Familie einige heitere Stunden zu widmen. Was hat der Mann in Amerika Alles unternommen und mit Glück durchgeführt! Redacteur des großen in St. Louis erscheinenden Journals „Der Anzeiger des Westens“, Buchdruckerei- und Theater-Besitzer, Bierbrauer, Theaterdirector und Schauspieler war er zu gleicher Zeit, beim Ausbruche des Krieges trat er als Stabsofficier und Adjutant in die Armee ein, und jetzt bekleidet er den lohnenden und ehrenvollen Vertrauensposten eines amerikanischen Consuls in Bremen. Während der Zeit leitet der ältere tüchtige Sohn Börnstein’s die vielfachen Geschäfte seines Vaters jenseits des Oceans, während der zweite ihm als Viceconsul nach Europa gefolgt ist. –

Freiligrath fühlte sich damals in Brüssel nichts weniger als behaglich. Trotzdem, daß ihm seine liebenswürdige, prächtige Frau mit den Kindern in die Verbannung gefolgt war, lag ihm [203] doch die Sehnsucht nach Deutschland in jedem Pulsschlag, in jedem Zucken der Nerven. Außer seiner Familie hatte er fast keinen Umgang, als mit Karl Heintzen, dessen hervorstechendste Eigenschaft eben nicht in persönlicher Liebenswürdigkeit besteht. Einen Lichtpunkt in dem damaligen Leben Freiligrath’s bildete folgendes Ereigniß: Der Dichter, welcher schon im Jahre 1832 in einer Menge reizender Schöpfungen: „Amphitrite“, „Meerfabel“ etc. den Ocean und das Schiffstreiben so prächtig schilderte, hatte doch, außer im Elbhafen in Hamburg, weder Eines noch das Andere je gesehen. Ein Ausflug nach einer der nahen Seestädte, ich glaube nach Amsterdam, sollte ihm Gelegenheit geben, das, was er „mit seines Geistes Augen“ so oft gesehen, auch in Wirklichkeit kennen zu lernen. Der Adler, ein prachtvoller, nach Canton bestimmter, neuer Dreimaster, lag vor Anker, und gern wurde Freiligrath und dem ihn begleitenden Freunde die Erlaubniß ertheilt, das Schiff zu besehen. Der Oberbootsmann, ein wettergebräunter alter Seemann, machte den Führer. An der Capitains-Cajüte entschuldigte er sich, die fremden Herren nicht in diese Räume einführen zu können, da der Capitain eben Gäste bei sich bewirthe. Gesprächsweise wurde noch erwähnt, daß derselbe schon zwei Mal die Reise um die Welt gemacht habe. In dem Augenblick öffnet sich die Thüre, und man erblickt eine fröhliche Gesellschaft von eleganten Herren und Damen, die eben im Begriff ist, ein nichts weniger als frugales Diner zu beenden, wie eine reichliche Anzahl leerer Flaschen zur Genüge bekundet. Der blonde Dichter entschuldigt sich, seiner Neugierde, das prachtvolle Schiff zu bewundern, ohne Erlaubniß des Capitains gefolgt zu sein. Dieser, ein vollendeter Weltmann, nöthigt die Herren, in seine Gemächer einzutreten, zeigt ihnen seine elegante Waffenkammer, sein Arbeitszimmer, Alles auf’s Netteste und Comfortabelste eingerichtet. Letzteres ziert auch eine kleine, aber sehr gewählte Büchersammlung, in welcher die Prachtausgabe von Freiligrath’s Poesien obenan steht.

„Freut es Dich nicht, daß Deine Gedichte jetzt die Reise nach Canton mitmachen?“ frug der Begleiter Freiligrath’s seinen Freund.

„Wie so?“ wirft der Capitain dazwischen.

„Der Herr ist Freiligrath.“

„Freiligrath? Der Dichter Freiligrath?“ ruft der Seemann stürmisch aus.

Auf die Bejahung der Frage stürzt er zum Sprachrohr: „Flaggen auf! Alle Mann an Bord! Champagner herauf! – Gott segne Sie, Sie haben mir manchen heißen Tag auf dem weiten Ocean verkürzt, manche frohe, begeisterte Stunde geschaffen!“ Er drückte den erschütterten Dichter bewegt an die Brust, und die Gläser mit dem inzwischen angekommenen schäumenden Rebensaft füllend, spricht er mit weicher Stimme: „Meine Herren und Damen, Sie auf dem Festlande haben keine Ahnung, welch’ treuer Begleiter der wahre deutsche Dichter dem einsamen Seefahrer in fernen Welttheilen ist, was dieser ihm zu danken hat! Ein Zufall, den ich segne, bringt der besten einen an meinen Tisch! Meine Herren und Damen, ich nehme das als eine frohe Vorbedeutung für meine morgige Reise an! Erheben Sie die Gläser, der Dichter Freiligrath, er lebe hoch!“

Lautlos, nur durch eine mühsam zurückgedrängte Freudenthräne konnte der arme Dichter, der in diesem Augenblick mit keinem Fürsten der Erde getauscht hätte, den stürmischen Jubelruf der Anwesenden erwidern.

Bei seiner Entfernung standen ehrfurchtsvoll in zwei Reihen und in Festkleidern „Alle Mann an Bord“, alle Flaggen waren aufgezogen, das Schiff lag im festlichsten Schmucke da, als ob der König es mit seinem Besuche beehrt hätte.

Das war der schönste Tag im Leben eines deutschen Dichters! –

Eine ganz andere Natur, als der durch und durch poetische Freiligrath, war der vollständig materielle Saphir. Seine Hauptforce bestand darin, daß er irgend ein beliebiges Wort in allen Spielarten tanzen ließ, wie einen Kreisel. Deshalb haben sich verhältnißmäßig wenig seiner zahllosen Witze erhalten, weil sie der Augenblick, der sie gebar, auch schon verschlang. Ich unternahm einst mit ihm, aus Gefälligkeit, eine Reise von Lemberg nach Brody, um ihn in seinen dortigen Akademien zu unterstützen.

Brody ist eine sogenannte Freistadt, ein schmutziges Nest, an der russischen und zugleich äußersten Grenze deutscher Cultur, hat aber eine starke Bevölkerung, die lebhaften Handel treibt und besonders im Schmuggel starke Geschäfte macht. Unter den 22,000 Einwohnern befinden sich 20,000 Juden, alle gekleidet in ihre langen talarartigen Nationalcostüme, die Männer von den Weibern fast nur dadurch zu unterscheiden, daß letztere den Kopf mit zahlreichen Goldstücken verzieren, wodurch sie, nach Saphir’s Behauptung, schlechtem Spargel glichen, an welchem auch der Kopf das einzige Genießbare wäre. Die Brodyer Juden sind, im Gegensatz zu ihren Stammesgenossen, tapfer, brechen manchmal auf kleinen polnischen Pferden, die Schmuggelwaare auf beiden Seiten vor sich herabhängend, weshalb sie „Päckler“ heißen, in geschlossenen Colonnen über die Grenze, und liefern in den seltenen Fällen, wo Bestechung nicht ausreicht oder zu viel gefordert wird, den Grenzaufsehern vollständige kleine Bataillen.

Es macht auf den Fremden einen überaus komischen Eindruck, wenn er unter der Masse der mit langen schwarzen Locken verzierten und in dunkle Talars gehüllten Gestalten sich vergebens nach einem Menschen in deutscher Tracht umsieht. Am Morgen nach unserer Ankunft in Brody hörte ich unter meinem Fenster in den wohlbekannten Nasentönen Saphir’s meinen Namen rufen. Ich erblickte auf der Straße Saphir, umgeben von einem zahllosen Schwarm polnischer Juden, die seine dortige Leibgarde bildeten, auf jedes Wort des berühmtesten „von ihre Leut’“ lauerten, und den blühenden Unsinn, den er reichlich zum Besten gab, für baare Münze nahmen.

„Wallner, kommen Sie herab.“

„Was soll ich denn?“ entgegnete ich verdrießlich.

„Wir wollen spazieren gehen, die Stadt ansehen.“

„Was ist denn in dem schmutzigen Neste zu sehen?“

„Kommen Sie nur, ich habe noch eine prächtige Idee.“

„Welche?“

Wir wollen einen Christen suchen.“

Am Vorabend vor seinem ersten Auftreten hatten sich die Honoratioren der Stadt in unserem Hotel überaus zahlreich versammelt, vielleicht in der Hoffnung, einige unentgeltliche Witzbrocken des berühmten Mannes aufzuschnappen. Eine lange Tafel vereinigte Alles zum gemeinschaftlichen Abendessen, nach welchem starker Thee mit Rum servirt wurde. Als ich und Saphir ein zweites Glas dieses hitzigen Getränkes ablehnten, meinte einer der Anwesenden, der am Tische präsidirte, daß wir jetzt in Rußland wären und uns den Landesgebräuchen fügen müßten. Es gäbe in Rußland Männer, die zehn, zwölf Gläser Tschai tränken, und dann ganz ruhig darauf schliefen.

„Was mögen die für Nerven haben!“ erwiderte ich.

„Ah,“ sagte Saphir, „die Russen haben keine Nerven, die haben 20,000 kleine Knutchen im Leibe.“

Plötzlich erhob sich der Mann am Ende der Tafel und rief Saphir zu: „Ich danke Ihnen, Herr Doctor, im Namen meiner Landsleute, ich bin der hiesige russische Consul.“

„Da bedaure ich meine Aeußerung von ganzem Herzen,“ entgegnete Saphir mit dem größten Ernst, „wenn ich vorher gewußt hätte, daß Sie der russische Consul sind, so würde ich das, was ich eben gesagt, mir wahrscheinlich nur gedacht haben.“

Die Vorlesung Saphir’s in dem trotz der enormen Preise gedrängt vollen Saale gab ein Genrebild der sonderbarsten Art.

Bei jedem schlagenden Witzwort erscholl statt des erwarteten Beifalls ein einstimmiges Zischen, so daß der verwöhnte Saphir endlich bei einer ähnlichen Aeußerung, die genau die Form des in Deutschland üblichen Mißfallensvotums hatte, inne hielt und frug, womit er sich den Unwillen des Publicums zugezogen, er sei in dem Falle lieber bereit, die Vorlesung zu schließen und das Geld zurück zu stellen,[2] als sich mißhandeln zu lassen.

Wer stellt sich unser Erstaunen vor, als man ihn in Kenntniß setzt, daß diese Zischlaute der höchste Grad Brody’scher Ehrenbezeigungen seien und ungefähr so viel heißen sollen als:

„Scht – scht – welch’ ein Mann!“

„Scht – scht – welch’ ein Kopf!“

Der Beifallsausbruch des Klatschens war dort ganz unbekannt, und so begnügte sich Saphir mit der reichen Rubel- und Ducatenernte und mit wohlwollendem Zischen.

Bei der wahrhaft orientalischen Gastfreundschaft, mit der Saphir’s Haus zahllosen Tischgenossen stets geöffnet war, ist seine fortwährende peinliche Geldverlegenheit leicht begreiflich. So gefürchtet er sich mit seiner spitzigen Feder machen konnte, so gutmüthig und gefällig war er im Leben, die Bezeichnung „eine [204] offene Hand“ paßte auf Niemand besser, als auf ihn. Freilich war von Wiedergeben, wenn er borgte, fast nie die Rede, und seine Antwort an Baron Sina, von dem er tausend Gulden leihweise abholen sollte, und der ihn frug: „ob er um seine tausend Gulden komme?“ lautete charakteristisch genug: „Nein, lieber Herr Baron, Sie kommen darum.“

Der Theaterdirector Pokoroy sandte einst seinen Regisseur Peter nach Strelitz, um den Tenorist Hahn zu engagiren. Dieser kam an, sang aber so erbärmlich, daß sich die Direction nach seinem dritten Auftreten mit einer namhaften Summe über die Lösung seines Contractes abfinden mußte. Saphir schrieb im Humorist unter Anführung des betreffenden Capitels und Verses folgendes Bibelcitat:

     „Gastspiel des Tenoristen Hahn.

     Und als der Hahn zum dritten Mal krähte, da ging Petrus hinaus und weinte bitterlich.“

Ein Herr Bodner vom Pesther Theater trat als Hamlet auf und fiel complet durch. Saphir brachte in seinem Blatt folgende Notiz: „Herr Bodner, der gestern den Hamlet spielte, wird darauf aufmerksam gemacht, daß in der Leopoldstadt, im Gasthof zur weißen Rose, eine billige Retourkutsche nach Pesth zu finden ist.“

Saphir war sehr eitel auf seine – Häßlichkeit, so z. B. besitzt Frau Doctor Laube in Wien ein Bild von ihm, worunter er die Worte schrieb: Zum Brechen ähnlich. Mir schrieb er unter sein Portrait: Das ist auch Gottes Ebenbild! Geschieht ihm schon recht.

Bekanntlich ist König Ludwig von Baiern bei allen seinen sonstigen vortrefflichen Eigenschaften etwas ökonomisch und schwerhörig. Bei der Stelle in Schiller’s Carlos: „Geben Sie Gedankenfreiheit!“ applaudirte einst das Publicum sehr lebhaft, worauf der König das Haus verließ. Als Saphir, damals Intendanturrath am Münchner Hoftheater, nach der Vorstellung zu Tambosi kam, fand er eine Anzahl Unzufriedener vor, die sich heftig dagegen Aussprachen, daß der König bei einer freisinnigen Aeußerung des Publicums das Haus verließe. „Wie so?“ frug Saphir. – „Haben Sie denn nicht gesehen, daß der König bei den Worten: „Geben Sie Gedankenfreiheit!“ fortging?“ – „Wie Sie dem Mann wieder Unrecht thun!“ antwortete Saphir, „Sie vergessen, daß er schwer hört, er hat also nur verstanden „geben Sie uns –“ da ging er; was er geben soll, hat er gar nicht gehört, das ist ganz gleichgültig.“

Seine spitze Zunge brachte es dahin, daß ihm der König den Befehl ertheilen ließ, in 24 Stunden die Stadt München, in 48 Stunden das baierische Land zu verlassen. Mit dem Bewußtsein, nichts mehr verlieren zu können, begab sich Saphir zum Minister, stellte diesem die traurige Lage vor, in die er durch die allerhöchste Ungnade gerathen, und schloß mit den Worten: „Meine Verhältnisse sind bekannt, ich habe viel Schulden, werde wohl Alles verkaufen und auf meinen zwei Füßen hinaus wandern müssen, um nach der königlichen Weisung in 48 Stunden aus dem Lande zu kommen. Das Land ist groß, 48 Stunden sind kurz, zwei Füße sind wenig. Es müßte denn sein, daß Se. Majestät die Gnade hat, mir die Füße zu schenken, die in Seinen Versen zu viel sind, dann verpflichte ich mich, in 48 Minuten draußen zu sein.“

Vier Wochen vor seinem Tode sprach ich ihn zum letzten Mal. Er war geistig und körperlich gebrochen, eine jüngere, kampfbereite und schlagfertige Generation war ihm aus dem Felde des Witzes entgegen getreten und hatte den Sieg davon getragen, Undank und Rücksichtslosigkeit hatte er dort geerntet, wo er Wohlthaten gesäet, der kranke Löwe lag knurrend, allein und fast verlassen auf dem Krankenlager, von dem er nicht wieder erstehen sollte. Friede seiner Asche!

  1. z. B. Iffland.
  2. Es würde ihm dies sehr schwer gefallen sein, der größte Theil der Einnahme befand sich bereits auf dem Wege nach Wien.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Bognar