Einträglicher Räthselhandel

Textdaten
<<< >>>
Autor: Johann Peter Hebel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Einträglicher Räthselhandel
Untertitel:
aus: Schatzkästlein des rheinischen Hausfreundes
S. 213-217
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1803-1811
Erscheinungsdatum: 1811
Verlag: Cotta
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Tübingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Djvu auf Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[213]
Einträglicher Räthselhandel.

Von Basel fuhren eilf Personen in einem Schiffe den Rhein hinab. Ein Jude, der nach Schalampi wollte, bekam die Erlaubniß, sich in einen Winkel zu setzen, und auch mitzufahren, wenn er sich gut aufführen, und dem Schiffer achtzehn Kreutzer Trinkgeld geben wolle. Nun klingelte es zwar, wenn der Jude an die Tasche schlug, allein es war doch nur noch ein Zwölfkreuzerstück darin; denn das andere war ein messingener Knopf. Dessen ungeachtet nahm er die Erlaubniß dankbar an. Denn er dachte: „Auf dem Wasser wird sich auch noch etwas erwerben lassen. Es ist ja schon mancher auf dem Rhein reich worden.“ Im Anfang und von dem Wirthshaus zum Kopf weg war man sehr gesprächig und lustig, und der Jude in seinem Winkel, und mit seinem Zwerchsack an der Achsel, den er ja nicht ablegte, mußte viel leiden, wie mans manchmal diesen Leuten macht und versündigt sich daran. Als sie aber schon weit an Hüningen und an der Schuster-Insel vorbey waren, und an Märkt und an den Isteiner Klotz und St. Veit vorbey, wurde einer nach dem andern stille und gähnten und schauten den langen Rhein hinunter, bis wieder einer anfieng: Mausche, fieng er an, weißt du nichts, daß uns die Zeit vergeht. Deine Väter müssen doch auch auf allerley gedacht haben in [214] der langen Wüste.“ – Jezt, dachte der Jude, ist es Zeit das Schäflein zu scheren, und schlug vor, man sollte sich in der Reihe herum allerley kuriose Fragen vorlegen, und er wolle mit Erlaubniß auch mit halten. Wer sie nicht beantworten kann, soll dem Aufgeber ein Zwölfkreuzerstück bezahlen, wer sie gut beantwortet, soll einen Zwölfer bekommen. Das war der ganzen Gesellschaft recht, und weil sie sich an der Dummheit oder an dem Witz des Juden zu belustigen hofften, fragte jeder in den Tag hinein, was ihm einfiel. So fragte z. B. der Erste: Wie viel weichgesottene Eyer konnte der Riese Goliath nüchtern essen? – Alle sagten, das sey nicht zu erraten und bezahlten ihre Zwölfer. Aber der Jud sagte: „Eins, denn wer Ein Ey gegessen hat, ißt das Zweite nimmer nüchtern. Der Zwölfer war gewonnen.

Der Andere dachte: Wart Jude, ich will dich aus dem Neuen Testament fragen, so soll mir dein Zwölfer nicht entgehen. „Warum hat der Apostel Paulus den zweiten Brief an die Corinther geschrieben? Der Jud sagte: „Er wird nicht bey ihnen gewesen seyn, sonst hätt’ ers ihnen mündlich sagen können.“ Wieder ein Zwölfer.

Als der Dritte sah, daß der Jude in der Bibel so gut beschlagen sey, fieng ers auf eine andere Art an: Wer zieht sein Geschäft in die Länge, und wird doch zu rechter Zeit fertig? Der Jud sagte: Der Seiler, wenn er fleißig ist.

Der Vierte. Wer bekommt noch Geld dazu, und läßt sich dafür bezahlen, wenn er den Leuten etwas weiß macht? Der Jud sagte: Der Bleicher. [215] Unterdessen näherte man sich einem Dorf, und einer sagte: das ist Bamlach. Da fragte der Fünfte: In welchem Monat essen die Bamlacher am wenigsten? Der Jud sagte: „Im Hornung, denn der hat nur 28 Tage.“

Der Sechste sagt: „Es sind zwey leibliche Brüder, und doch ist nur einer davon mein Vetter.“ Der Jud sagte: Der Vetter ist eures Vaters Bruder. Euer Vater ist nicht euer Vetter.

Ein Fisch schnellte in die Höhe, so fragt der siebente: „Welche Fische haben die Augen am nächsten beysammen?“ Der Jud sagte: Die kleinsten.

Der Achte fragt: „Wie kann einer zur Sommerszeit im Schatten von Bern nach Basel reiten, wenn auch die Sonne noch so heiß scheint?“ Der Jud sagt: Wo kein Schatten ist, muß er absteigen und zu Fuße gehn.

Fragt der Neunte: „Wenn einer im Winter von Basel nach Bern reitet, und hat die Handschuhe vergessen, wie muß ers angreifen, daß es ihn nicht an die Hand friert?“ Der Jud sagt: Er muß aus der Hand eine Faust machen.

Fragt der Zehnte: „Warum schlüpfet der Küfer in die Fässer?“ Der Jud sagt: Wenn die Fässer Thüren hätten, könnte er aufrecht hineingehen.

Nun war noch der Eilfte übrig. Dieser fragte: „Wie können fünf Personen fünf Eyer theilen, also daß jeder eins bekomme, und doch eins in der Schüssel bleibe?“ Der Jude sagte: Der Letzte muß die Schüssel sammt dem Ey nehmen, dann kann er es darin liegen lassen, so lang er will.

Jetzt war die Reihe an ihm selber, und nun dachte [216] er erst einen guten Fang zu machen. Mit viel Complimenten und spitzbübischer Freundlichkeit fragte er: Wie kann man zwey Forellen in drey Pfannen backen, also daß in jeder Pfanne Eine Forelle liege. Das brachte abermal keiner heraus und einer nach dem andern gab dem Hebräer seinen Zwölfer.

Der Hausfreund hätte das Herz allen seinen Lesern, von Mayland bis nach Koppenhagen die nämliche Frage aufzugeben, und wollte ein hübsches Stück Geld daran verdienen, mehr als am Kalender, der ihm nicht viel einträgt. Denn als die Eilfe verlangten, er sollte ihnen für ihr Geld das Räthsel auch auflösen, wand er sich lange bedenklich hin und her, zuckte die Achsel, drehte die Augen. „Ich bin ein armer Jud“, sagte er endlich. Die Andern sagten: Was sollen diese Präambeln? Heraus mit dem Räthsel! – Nichts für ungut! – war die Antwort, – daß ich gar ein armer Jüd bin. – Endlich nach vielem Zureden, daß er die Auflösung nur heraus sagen sollte, sie wollten ihm nichts daran übelnehmen; griff er in die Tasche, nahm einen von seinen gewonnenen Zwölfern heraus, legte ihn auf das Tischlein, so im Schiffe war, und sagte: „Daß ichs auch nicht weiß. Hier ist mein Zwölfer!“

Als das die andern hörten, machten sie zwar große Augen, und meinten, so seys nicht gewettet. Weil sie aber doch das Lachen selber nicht verbeißen konnten, und waren reiche und gute Leute, und der hebräische Reisegefährte hatte ihnen von Kleinen Kems bis nach Schalampi die Zeit verkürzt, so ließen sie es gelten, und der Jud hat aus dem Schiff getragen – das soll mir ein fleißiger Schüler im Kopf ausrechnen: [217] Wie viel Gulden und Kreutzer hat der Jud aus dem Schiff getragen? Einen Zwölfer und einen meßingenen Knopf hatte er schon. Eilf Zwölfer hat er mit Errathen gewonnen, eilf mit seinem eigenen Räthsel, einen hat er zurück bezahlt, und dem Schiffer 18 Kreutzer Trinkgeld entrichtet.