Textdaten
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Autor: Waldemar Sonntag
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Titel: Eine zweischneidige Tugend
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 330–332
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Eine zweischneidige Tugend.

Von W. Sonntag.

Was ist Höflichkeit? Vielleicht sagt es uns der Wiener Hauswirth, von dem einmal die Zeitungen erzählten. Er war mit einem seiner Miether in Streit gerathen und hatte sich in der Aufregung einige unfeine Ausdrücke entschlüpfen lassen.

„Hören S’,“ ruft ihm der Miether zu, „Sie könnten a bissel höflicher mit mir reden!“

„Was?“ erwidert der Wirth, „höflich? Ich mit Ihnen? Mit Ihnen brauch’ ich gar nicht höflich zu sein. Wenn ich mit Ihnen höflich bin, so ist das überhaupt a bloße Artigkeit von mir!“ – Nein, der biedere Wiener kann uns nicht sagen, was Höflichkeit ist.

Das Wort verweist uns an die Sitte und den Anstand eines fürstlichen Hofes. Allein ohne Zweifel gab es eine Höflichkeit, ehe es einen fürstlichen Hof gab: die Höflichkeit ist älter als die Höflichkeit, die Sache älter als das Wort. Immerhin aber bringt uns der Anklang an Hof, höfisches Wesen, höfische Sitte auf die richtige Fährte. Weil die Fürstenhöfe vorzugsweise die Stätten gewählter Umgangsformen waren, übertrug man die Bezeichnung „Höflichkeit“ auf alles, was mit dem Anstande und der Förmlichkeit des gesellschaftlichen Verkehrs zusammenhing. Alle Völker und Zeiten haben die Höflichkeit gekannt, alle Sprachen haben Namen dafür. Dieser Allgemeinheit gemäß hat die Höflichkeit ihre Geschichte, ihre Ueberlieferungen, ihre Moden, ihre Gesetze. Sie ist ein wesentliches Stück der menschlichen Kultur und der Geschichte dieser Kultur.

An erster Stelle gehören in das Kapitel von der Höflichkeit die Grußformen. Auf diesem Gebiete herrscht eine unabsehbare Mannigfaltigkeit. Wir wünschen uns einen „guten Morgen“ und „guten Tag“, die Rheinländer zum Ueberfluß noch einen „guten Nachmittag“. Männer berühren die Kopfbedeckung oder ziehen den Hut, kleine Mädchen knixen, Damen verneigen sich. Im Vorbeigehen rufen wir einander zu. „Wie geht’s?“ Wir bleiben bei einem Bekannten einen Augenblick stehen und wechseln kurze Rede und Gegenrede. „Haben Sie Ihren Reis gegessen?“ erkundigt sich der Chinese bei seinem bezopften Bruder. Je nach den Verhältnissen, in denen wir uns befinden, sagen wir: „Ich habe die Ehre“, „ergebenster Diener“, „ich empfehle mich Ihnen“. Viele dieser Formen und Formeln haben durch die tägliche Uebung etwas Mechanisches, Gedankenloses, um nicht zu sagen Automatenhaftes angenommen. Studenten und jüngere Offiziere haben das Vorrecht, den abgekürzten Gruß „guten Morgen“ noch zu verkürzen und zu allen Tages- und Nachtzeiten einander ihr „Moi’n! Moi’n!“ zuzurufen.

Die Anreden und Zeichen des Grußes drücken Ehrfurcht, Vertraulichkeit, Theilnahme aus. Am elegantesten sind in diesen Aeußerungen die Franzosen, am possirlichsten die Chinesen, am umständlichsten die Morgenländer. Wie unsere Bildung überhaupt aus dem Osten gekommen ist, so sind ohne Zweifel auch die meisten unserer Begrüßungsformen aus dem Orient zu uns gelangt, nur daß wir ihnen das Unterwürfige, Kriechende, Knechtische, das ihnen dort eigen ist, zum Theil abgestreift haben. Siebenmal verneigt sich Jakob vor seinem Bruder Esau, wobei nicht zu vergessen ist, daß einige dieser sieben Verbeugungen auf Rechnung seines bösen Gewissens kommen, da er kurz zuvor den Esau um sein [331] Erstgeburtsrecht betrogen hatte. Augenscheinlich hängen diese orientalischen Höflichkeitsgebräuche theilweise mit religiösen Gebräuchen zusammen, insofern die Ehrfurcht vor Königen und Vornehmen das Abbild der Ehrfurcht vor Gott ist.

Das zweite Gebiet, auf welchem die Höflichkeit zu Hause ist, ist das des geselligen Verkehrs. Wem, wann, wie und wo wir Besuche zu machen haben, von wem und in welcher Weise diese Besuche erwidert werden, welche Einladungen wir ergehen lassen, welche wir annehmen, welche ausschlagen, welche Gründe der Ablehnung wir angeben, in welchen Räumen und in welcher Toilette wir unsere Gäste empfangen, womit wir sie bewirthen und unterhalten, wann wir uns empfehlen – alles das sind Dinge, welche den Regeln der Höflichkeit unterliegen. Gratulationsbesuche stehen so gut unter dem Herkommen wie Beileidsbesuche. Besondere Pflichten hat der Wirth, besondere Aufgaben die Wirthin, besondere Obliegenheiten haben die nächsten Freunde des Hauses. In dem Anbahnen der Unterhaltung, in der Auswahl der Gesprächsgegenstände, in den Wendungen der persönlichen Bemerkungen steckt eine Fülle von Anforderungen der Höflichkeit. Der eine handhabt diese Formen leicht, der andere schwerfällig, die eine zum Entzücken, die andere zum Lachen.

Dem geselligen Umgang nahe verwandt, zum Theil in denselben eingeschlossen ist der schriftliche Verkehr. Bekanntlich ist das Briefschreiben älter als Papier und Tinte, und die in Pompeji gefundenen Wachstäfelchen mit altrömischen Korrespondenzen lassen die damals üblichen Höflichkeitsfloskeln keineswegs vermissen. Die Briefe der Apostel schließen meist mit Grüßen, welche die Schreiber und ihre Freunde mit Gemeindegliedern wechseln. Seine üppigsten Blüthen hat der schriftliche Verkehr in dem sogenannten Kurial- und Kanzleistil des 17. und 18. Jahrhunderts getrieben. Man muß sich hindurchgegessen haben durch dieses Schlaraffenland appetitlicher Perioden, leckerer Wendungen, deliciöser Wortsaucen, um jenes Geschlecht zu beneiden um die Zeit, die ihm zu Gebot stand, und um das Vergnügen, welches ihm dergleichen Allotria bereiteten. Das sind geschriebene Allongeperücken, schriftstellerische Reifröcke, poetische Frisuren. Wie später Zopf und Haarbeutel diese thurmhohen Toilettenkünste ablösten, so trat an die Stelle der phantastischen Komplimentirerei der strammere Gamaschenstil der Behörden. Noch spätere Zeiten haben auch den Zopf abgeschnitten von den Köpfen und Briefen. Doch halten noch heute die Behörden, so weit es angeht, auf Ehrerbietung und Reverenz, weil sie die Würde und Hoheit des Staats vertreten. Im Privatverkehr befleißigt man sich gegenwärtig im allgemeinen einer angenehmen Einfachheit. Anrede, Unterschrift und schmückende Beiwörter sind heutzutage fast ganz in das Belieben der einzelnen gestellt.

Auch Büchertitel, Vorreden und Widmungen stehen unter dem Ceremoniell der Höflichkeit. Manche Schriftsteller haben das Bedürfniß, nicht nur in den Vorworten, sondern auch im Texte sich in persönliche Beziehungen zu ihren „geneigten“ oder „günstigen“ Lesern und „schönen“ Leserinnen zu setzen.

Dabei ist die Höflichkeit keineswegs ein Vorrecht der sogenannten gebildeten Stände. Wenn wir Handwerker, Bauern, Dienstboten und andere kleine Leute miteinander verkehren sehen, empfangen wir leicht den Eindruck, als entbehre dieser Verkehr gänzlich oder bis zu einem hohen Grade der Zieraten der Artigkeit, Rücksicht und guten Sitte. Allein diese Leute haben so gut ihre Grußformen, ihre Manieren, ihre Ueberlieferungen der Höflichkeit wie die höheren Stände, sie kennen so gut wie diese ihre Grobiane und Flegel. Ueberhaupt hat beinahe jeder Stand seine besondere Art der Höflichkeit, die Fürsten ihr Ceremoniell, die Vornehmen ihre Etikette, die Studenten ihren Comment, die Kinder ihre Spielregeln. Wer gegen diese Ordnungen verstößt, setzt sich der Gefahr aus, von seinen Standesgenossen verleugnet, aus ihrer Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden.

Welcher sittliche Werth kommt der Höflichkeit zu? Die einen schätzen sie sehr hoch, die anderen stellen sie außerordentlich tief. Einige erklären geradezu, die Höflichkeit sei die höchste Blüthe eines gesitteten Lebens; andere behaupten, sie sei nichts als Firlesanz und Humbug. Nicht alle ziehen die Folgerungen dieser Grundanschauung, aber es fehlt auch an solchen nicht, die dies thun. Einige würden es sich schlechterdings nicht verzeihen können, durch ein Wort, eine Miene, eine Gebärde, ein Schriftstück, eine That gegen die Regeln der Höflichkeit zu verstoßen, denn diese Tugend gilt ihnen als die höchste von allen. Sie würden eher unehrlich sein als unhöflich, eher ein Verbrechen begehen als eine Unart. Andere setzen sich mit Leichtigkeit über die Grenzen und Zäune hinweg, welche das Herkommen gezogen hat, sagen sich in ihrem Aeußern, ihren Gewohnheiten, ihren Reden los von allem, was sonst als wohlanständig gilt, gefallen sich geradezu in der Rolle der Sonderlinge, der Einspänner, wenn nicht gar der Klötze und Rüpel.

Welche von beiden haben recht?

Zunächst ist klar, daß ohne die Höflichkeit unser Leben schlechterdings nicht bestehen kann. Streichen wir die Höflichkeit aus unseren Lebensordnungen aus, so versinken wir in vollendete Barbarei. Lassen wir der Unhöflichkeit freien Lauf auf den Gassen, in den Häusern, zwischen jung und alt, vornehm und gering, ja selbst zwischen gleich und gleich, so tritt ein unerträglicher Zustand der Verwirrung, der Zuchtlosigkeit, der Auflösung ein. Höflichkeit und gute Sitte sind die mittlere Entfernung, bei welcher ein Beisammensein der Menschen einzig bestehen kann.

Ein sittlicher Werth also kommt der Höflichkeit unstreitig zu, aber wo steckt er? wie viel gilt er? wie weit reicht er? Auffallenderweise bedienen sich zwei unserer schärfsten Denker, welche hierüber urtheilen, einer und derselben Vergleichung, nämlich des Bildes von verschiedenen Geldmünzen. Kant sagt: „Alle menschliche Tugend im Verkehr ist Scheidemünze; ein Kind ist der, welcher sie für echtes Gold nimmt. Es ist aber doch besser, Scheidemünze, als gar kein solches Mittel im Umlauf zu haben, und endlich kann es doch, wenngleich mit ansehnlichem Verlust, in bares Gold umgesetzt werden.“ Und Schopenhauer führt aus: „Höflichkeit ist, wie die Rechenpfennige, eine offenkundig falsche Münze; mit einer solchen sparsam zu sein, beweist Unverstand; hingegen Freigebigkeit mit ihr Verstand. Wer hingegen die Höflichkeit bis zum Opfern realer Interessen treibt, gleicht dem, der echte Goldstücke statt Rechenpfennige gäbe.“ Das Bild ist sehr glücklich gewählt. Wer die Höflichkeit richtig beurtheilen will, muß vor allen Dingen den Irrthum aufgeben, als sei hier alles bare Münze. Wer wird so thöricht sein, zu glauben, daß die Männer, welche vor einander ihre Hüte so tief ziehen, einen entsprechenden Grad der Hochachtung vor einander empfinden? Wer ist so einfältig, die Unterschrift eines Briefes „Ihr ganz gehorsamer Diener“ so buchstäblich zu nehmen, daß er von dem Schreiber verlangt, er solle ihm die Stiefel putzen? Wie wir von anderen dergleichen kleine Täuschungen um der Höflichkeit willen uns gern gefallen lassen, so machen auch wir uns kein Gewissen daraus, um mit unserem Philosophen zu reden, Rechenpfennige statt Goldmünzen auszugeben, weil wir im voraus wissen, daß kein Verständiger sie für echtes Gold annehmen oder gar uns als Falschmünzer verklagen werde.

Man könnte, unbeschadet des treffenden Bildes, dessen Kant und Schopenhauer sich bedienen, einen andern Vergleich anziehen. Unser Höflichkeitsverkehr hat eine gewisse Aehnlichkeit mit einem Maskenballe. Da trägt jeder seine Vermummung, der eine stellt einen Prinzen dar, der andere einen Chinesen, die eine eine Schäferin, die andere eine Preziosa. Der Scherz und das Vergnügen aber bestehen darin, daß jeder die anderen so lange wie möglich in Ungewißheit hält, wer er denn nun eigentlich sei. Wer wird so ungezogen sein, einem andern die Maske zu lüften, um sich zu überzeugen, wer darunter stecke? Nun hat zwar auch die Demaskirung ihre spaßhaften Ueberraschungen, allein sie verläuft auch bedeutend harmloser als das Fallenlassen der Maske auf dem Boden des wirklichen Lebens. Denn bei dem Maskenfeste kommen doch unter diesen Larven und Garderobestücken schließlich unsere guten Freunde, unsere lieben Nachbarn, unsere eigenen Frauen zum Vorschein. Ganz anders würde die Wirkung sein, wenn alle, die gesellig miteinander verkehren, mit einem Schlage die Vermummungen fallen lassen und sich in ihrer wahren Gestalt, das heißt in ihrer wahren Gesinnung zeigen wollten. Wir würden erstaunen über diese Enthüllungen, entrüstet sein über diese Verstellungen, aufs tiefste verletzt werden durch verblüffende Entdeckungen.

Das wäre nun ein rechter Fund für den strengen Sittenprediger. Seht ihr, könnte er sagen, da habt ihr den thatsächlichen Beweis, wohin unsere sogenannte Bildung, wohin „Europas übertünchte Höflichkeit“ uns gebracht hat! Alles ist Lüge, Schwindel, Falschheit, Heuchelei! Der verständige Mensch glaubt kein Wort von diesen Bezeigungen der Theilnahme, diesen Versicherungen der Freundschaft, diesen Ausrufen der Bewunderung und des Entzückens! Die Unnatur hat die Natur verdrängt, der Schein ist an die Stelle der Wahrheit getreten, hohles Wesen macht sich am Platze der [332] aufrichtigen Empfindung breit! Darum laßt uns brechen mit diesen Alfanzereien der sogenannten Höflichkeit, laßt uns ein Ende machen dem gespreizten, geschminkten, aufgeputzten Schattenspiel des gesellschaftlichen Verkehrs, laßt uns zurückkehren zu den einfachen, ehrenfesten Sitten unserer Väter!

Nur schade, daß diese einfachen, ehrenfesten Sitten der guten alten Zeit in so idealer Reinheit, wie der also Redende sie sich vielleicht denkt, niemals vorhanden gewesen sind. Auch sie weisen ihre sehr erheblichen Schattenseiten auf. Und ist denn überhaupt die Höflichkeit schlechthin unsittlich? Ist es nicht wahrscheinlich, ja thatsächlich, daß ein Mensch, der sich an Höflichkeit gewöhnt hat, sich damit zugleich Milde des Urtheils, Schonung fremder Schwächen, Beherrschung seiner Leidenschaften aneignet? Ein scharfes Auge entdeckt auch in der seltsamen Mischung, die wir Höflichkeit nennen, Bestandtheile des Moralischen.

Ein Beispiel mag das Gesagte erläutern. Beinahe in jedem größeren Gesellschaftskreise befindet sich einer oder der andere, der mit einem körperlichen Gebrechen behaftet ist. Mancher weiß kaum, daß es gegen die Forderung der Nächstenliebe verstößt, derartige Gebrechen zum Gegenstande lauter Bemerkungen oder heimlicher Gespräche zu machen, darüber zu spötteln oder zu witzeln. Aber er weiß, daß der gute Ton der Gesellschaft verbietet, unter Blinden von Blindheit, unter Krüppeln von Verkrüppelungen zu reden, er nimmt sich wohl in acht, gegen diese Regel zu sündigen und siehe, er erfüllt ein sittliches Gebot nicht aus Frömmigkeit, aus Mitleiden, sondern, wenn man so will, aus Höflichkeit.

Das gewählte Beispiel führt auf einen anderen wichtigen Gedanken. Welch ein unerfreulicher und beleidigender Anblick würde es sein, wenn alle mit Mängeln und häßlichen Zuthaten der Glieder Behafteten diese Uebel frei und offen zur Schau trügen! Deshalb lassen wir uns die Hilfsmittel der ärztlichen Kunst und der geschickten Bekleidung und Verhüllung, welche diese Schäden gefällig zudecken, nicht nur gern gefallen, sondern wir fordern sie im Interesse des guten Geschmacks. Warum sollten wir weniger entgegenkommend sein, wenn es sich darum handelt, die sittlichen Unvollkommenheiten unter angenehmen Formen zu verbergen?

Nun aber besteht die Höflichkeit nicht in einem einmaligen Thun und Lassen, sondern in der Gewöhnung, die zur anderen Natur wird, und hieraus geht zugleich die Wichtigkeit der Erziehung zur Höflichkeit von Jugend auf hervor. Nicht ohne Grund nennt man einen Ungesitteten einen Menschen ohne Erziehung. Wer dieser Mitgift des Elternhauses entbehrt, findet sich in der Welt schwer zurecht und ist Verlegenheiten ausgesetzt, die der minder Begabte, minder Tüchtige, aber besser Erzogene nicht kennt oder leicht überwindet. Denn die Zeiten sind vorbei, wo man die Genialität eines Menschen danach beurtheilte, ob er sich dreist und keck über die Schranken des Herkommens hinwegsetze. Man war einmal geneigt, zu glauben, ein Genie sei ein Mensch, der nicht sei wie andere Menschen; esse und trinke, was ihm beliebe; rede, was ihm in den Mund komme; übernachte, wo es ihm behage; thue und lasse, was ihm gut dünke. Man ist davon zurückgekommen, diese Struwwelpeter mit zweifelhafter Wäsche und akademischer Redefreiheit als die Pioniere höherer Bildung zu verehren. Heutzutage sind auch die Vertreter von Kunst und Wissenschaft nicht mehr komische Figuren, linkische Gesellen, nothwendige Uebel der Gesellschaft, enfants terribles ihrer Umgebungen, sondern die Kultur, die alle Welt beleckt, hat auch den Gelehrten und Künstlern die scharfen Ecken abgeschliffen und den Ehrgeiz benommen, nicht nach dem Gesetze der guten Sitte beurtheilt zu werden. Und demgemäß ist es eine bemerkenswerthe Erscheinung, daß wahrhaft bedeutende Menschen sich häufig durch angenehme und liebenswürdige Formen auszeichnen.

Andererseits ist freilich „Höflichkeit um jeden Preis“ ein schlechter Grundsatz für denjenigen, der den Idealen des Lebens, der Wahrheit, der Freiheit, dem Vaterlande dienen will. Es ist sogar ein schlechter Grundsatz für den gewöhnlichen Sterblichen, und Schopenhauer hat recht: „Wer die Höflichkeit bis zum Opfern realer Interessen treibt, gleicht dem, der echte Goldstücke statt Rechenpfennige ausgiebt.“ Das wird niemand in Abrede stellen, daß in unseren Grußformen, in unserem geselligen und schriftlichen Verkehr Gedankenlosigkeiten, Ungereimtheiten, Unwahrheiten genug vorkommen. Hier trifft das Volkslied das Richtige: „A bissele Lieb’ und a bissele Treu’ und a bissele Falschheit ist allweil dabei.“ Auch von der Höflichkeit gilt vielfach der Rath des Mephistopheles: „Im ganzen haltet euch an Worte!“ Es ist mit der Höflichkeit ähnlich wie mit der Mode. Viele beklagen sich über die Geschmacklosigkeit, die Unvernunft, die Tollheiten, die Tyrannei gewisser Moden. Aber es ist nun einmal nicht jedermanns Sache, gegen den Strom zu schwimmen. Der Aesthetiker Vischer hat den sittlichen Muth gehabt, in seinen Schriften ernst und launig, witzig und spöttisch gegen die Verkehrtheiten und Uebertreibungen der Mode, insbesondere soweit sie die Toilette unserer Damen betreffen, zu Felde zu ziehen. Es wäre zu wünschen, daß einer nach ihm käme, der mit umfassender Kenntniß des ganzen Gebietes der Höflichkeit ausgerüstet es unternähme, die Lächerlichkeiten und Auswüchse einer sogenannten Tugend nachzuweisen und gebührend zu brandmarken, die uns zu Sklaven der Unvernunft und Heuchelei zu machen droht. Freilich wäre dem Tollkühnen, der das auf sich nähme, zu rathen, daß er zuvor seine Brust nicht mit dreifachem, sondern mit siebenfachem Erz zu panzern nicht vergäße.

Auch eignet sich die Höflichkeit schon um deswillen nicht zum alleinigen Grundsatz des Lebens, weil sie in ihrem Gefolge einige Abarten hat, die uns vollends mißtrauisch gegen die einseitige Bevorzugung derselben machen müssen. Dazu gehört in erster Linie die sogenannte „Galanterie“. Zwar ist sie ursprünglich ein französisches Gewächs, allein ihre Stecklinge gedeihen munter auch auf deutschem Boden. Je höher wir weibliche Anmuth, Schönheit und Würde achten, desto mehr werden wir uns angewidert fühlen von dem unnatürlichen, erkünstelten, faden Wesen, welches den Grundzug dieser krankhaften Ueberspannung des Frauendienstes bildet. Noch widerwärtiger wirkt auf gesunde Nerven das Gebaren, welches mit dem Gesammtnamen der Schmeichelei bezeichnet werden kann. Dem Verdienste seine Krone, der Bedeutung ihre Anerkennung, der Schwäche ihre Nachsicht, aber alles, was recht ist! Den Narren einen Weisen nennen, den Feigling einen Helden, den Unwürdigen einen Vortrefflichen, eine miserable Leistung zur Vollkommenheit aufbauschen, der Eitelkeit und dem Ehrgeiz das Opfer der eigenen, wohlbegründeten Ueberzeugung bringen – das ist doch etwas anderes als die Höflichkeit, welche die Schwächen der Freunde entschuldigt und reuigen Sündern Gnade für Recht erweist. Zu den Abarten der Höflichkeit ist endlich der Servilismus zu zählen, dessen klassischer Vertreter noch immer der edle Polonius ist. „Seht ihr die Wolke dort, beinahe an Gestalt eines Kamels?“ fragt ihn Prinz Hamlet. „Beim Himmel, sie sieht wirklich aus wie ein Kamel.“ – „Mich dünkt, sie sieht aus wie ein Wiesel.“ „Sie hat einen Rücken wie ein Wiesel.“ – „Oder wie ein Walfisch?“ „Ganz wie ein Walfisch.“ – Das komische Gegenbild zu dieser Figur mag jener Dorfpastor bieten, dem die Nachricht zugegangen war, sein Patron, ein Edelmann, sei wegen hochverräterischer Umtriebe draußen irgendwo geköpft worden, und der am nächsten Sonntage der versammelten Gemeinde von diesem betrübenden Ereigniß Mittheilung machte mit den Worten, der gnädige Herr sei „an einer Halskrankheit gestorben“.

Wer das Wesen der Höflichkeit begreifen will, muß unterscheiden lernen zwischen falscher und wahrer Höflichkeit. Die falsche Höflichkeit ist nichts anderes als der Deckmantel der Selbstsucht, die Politur und der Firniß des äußeren Benehmens, oft kaum verschieden von Falschheit und Verstellung, freundlich ins Gesicht, unfreundlich in der Gesinnung, nach der Aufsassung, daß der Mensch einen Rücken nur dazu habe, daß ihn seine Freunde hinter demselben schonungslos beurtheilen, lästern und verleumden. Die wahre Höflichkeit ist etwas anderes: sie ist die bewußte und gewohnte Verleugnung der Selbstsucht, die Rücksichtnahme auf das Wohl und Wehe anderer, die Duldung fremder Meinungen und Ueberzeugungen, die Selbstbeherrschung in Anwandlungen von Schwäche und Leidenschaft, die sittliche Triebfeder des Edelmuthes. Nicht alle Künstler der äußerlichen Höflichkeit sind würdige Vertreter der innerlichen; nicht alle Meister der innerlichen sind Vorbilder der äußerlichen. Die wahre Höflichkeit ist die Schule des Bemühens, daß Uebereinstimmung hergestellt werde zwischen den Aeußerlichkeiten und Innerlichkeiten des Lebens, und je besser sie diesen Zweck erfüllt, desto größeren Anspruch hat sie, als sittliches Gut geachtet zu werden. Sie gehört zum sinnbildlichen Schmuck des Lebens, ja sie nimmt unter allen Sinnbildern, die wir kennen, die erste Stelle ein, und auch von ihr gilt das Wort: „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen!“