Eine deutsche Naturdichterin

Textdaten
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Autor: Karl Schrattenthal
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Titel: Eine deutsche Naturdichterin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 481–482
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[481] Eine deutsche Naturdichterin. Auf Seite 648 des Jahrgangs 1872 hat die „Gartenlaube“ eine kurze Nachricht gebracht über das bescheidene Wirken der bayerischen Dichterin Katharina Koch, die in ihrem Heimathdorfe Ortenburg als „Jungfer Bas“ allgemein beliebt war. Das damals mitgetheilte Gedicht „Wer so viel ertragen und tragen kann“ zeugte nicht nur von tiefem [482] Gemüth, sondern auch von einer beachtenswerthen Darstellungsgabe, was um so mehr Anerkennung verdient, als ja der Bildungsgang der Dichterin sich auf den einfachen Unterricht in der Dorfschule beschränkte und sie schon in ihrem dreizehnten Lebensjahr gezwungen war, Magddienste zu leisten. Wenn ich in den nachfolgenden Zeilen in Kürze über Katharina Kochs Leben und Wirken berichte, so geschieht es, um der am 6. März 1892 im Alter von 82 Jahren aus dem Leben geschiedenen Dichterin ein einfaches Gedenkblatt zu widmen. Ein gütiges Geschick wollte es, daß ich im Leben der Heimgegangenen nicht ohne einflußreiche Rolle bleiben sollte.

Im Jahre 1882 schritt ich an die Zusammenstellung meines Buches „Unsere Frauen in einer Auswahl aus ihren Dichtungen“. Um ein möglichst umfassendes Bild von der dichterischen Thätigkeit der deutschen Frauenwelt zu geben, durchforschte ich alle litterarischen und belletristischen Blätter und fand in der „Gartenlaube“ die erwähnte Mittheilung. Nun wandte ich mich an Katharina Koch mit der Bitte um Zusendung einiger Gedichte und kurzer Angaben über ihr Leben. Die Antwort, welche ich unterm 18. September 1882 empfing, enthält folgende, auch für die Bewohner Ortenburgs bezeichnende Stelle:

„Den Notizen, welche die ‚Gartenlaube‘ über mich enthält, kann ich jetzt nur hinzufügen: daß ich nun im 72. Lebensjahr stehe, Gegenwärtiges noch ohne Brille schreibe und auch geistig noch so ziemlich regsam und kräftig bin, so daß ich bisher mein tägliches Brot mir meist mit Schreiben verdient habe und noch verdiene. Ich sammle Gedichte aus Zeitschriften, Liederbüchern etc., schreibe sie in Heften groß 4° à 20 Seiten, füge mitunter eigene Produkte bei und ein solches Heft wird mir dann mit 60 Pf. bezahlt. Hat jemand 12 bis 14 solcher Hefte, so werden sie zu einem Bande gebunden, und die Leute betrachten solche Bücher als Hausschatz und würden sie für gedruckte Bücher gar nicht vertauschen. Mitunter verfasse ich Hochzeitsgedichte; Mitgaben oder Nachrufe ins Grab schreibe ich auf weiße Atlasbänder, die als Schleifen an Kränze oder Bukette geheftet werden, verfasse auch Prologe und Deklamationsgedichte für Vereine, schreibe für die Schreibunkundigen oder Schreibträgen Briefe, kurz ich bin ein ‚Mädchen für alles‘ und für die weitesten Entfernungen, denn ich bin nicht eine Frau, sondern unverheirathet und nach dem gangbaren Ausdruck ‚eine alte Jungfer‘. Als solche nun suche ich diese Klasse soviel als möglich in Ehren zu erhalten und der Welt zu nützen, so gut ich’s kann und solange ich’s kann.“

Die dem Briefe beigeschlossenen Verse aber hatten meine Theilnahme in hohem Grade rege gemacht. Es entspann sich ein lebhafter Briefwechsel, und ich bewog die Greisin, ihre Gedichte zu sammeln, weil ich die stille Absicht hatte, ein Büchlein herauszugeben, um der kränkelnden Dichterin ein schönes Christkindangebinde zukommen zu lassen und auch fürderhin ihren Lebensabend zu erhellen. Es glückte und der Anfang war gemacht; ich bemühte mich mit Erfolg weiter, und sowohl der verstorbene König von Bayern, Ludwig II., als auch die Schiller- und Tiedgestiftung beantworteten meine Gesuche, die ich nun durch Einsendung eines Bändchens der gemüthsinnigen Schöpfungen der Naturdichterin unterstützen konnte, mit reichen Geldgeschenken. „Jungfer Bas“ konnte ohne bedeutende Sorge weiter leben. Von den Gedichten ist sogar eine zweite Auflage bei E. Greiner und Pfeiffer in Stuttgart unter dem Titel „Mein Leitstern“ erschienen, und es hat sich bewahrheitet, was die „Gartenlaube“ 1872 über die poetische Thätigkeit Katharina Kochs sagte: „Es ist schon werth, daß man in ganz Deutschland sich über ein solches Dichterwirken freue.“

Wir aber schließen hier mit den schönen Versen, in denen sie gleichsam ihr Testament machte; mehr als alles andere zeigen sie das tiefpoetische Gemüth und den bescheidenen Sinn der heimgegangenen Dichterin.

Karl Schrattenthal. 

  Letzte Bitte.
Wenn einstens mir mein Ende nah,
So bitt’ ich, laßt mich ruhig scheiden!
Laßt keine Gaffer stehen da,
Die sich an letzten Zügen weiden.
Ein Freundesherz wird sich wohl finden,
Das treu am Sterbebette steht
Und, wenn es gilt, zu überwinden,
Ein selig Ende mir erfleht.

Tragt ohn’ Gepränge mich zur Ruh;
Was soll ein Kranz am Sarg noch prangen?
Er bringt mir sanftern Schlaf nicht zu,
Er stillt auch sonst kein heiß’ Verlangen.
Ein kurz Gebet, ein kurzer Segen
Sei alles, was man mir beschert;
Mir nützt es nichts auf Jenseits-Wegen,
Ob man mich tadelt oder ehrt.

Auch keinen Stein setzt mir aufs Grab,
Kein Kreuz soll überm Hügel ragen,
Weil solches ich getragen hab’
Genug in meinen Lebenstagen.
Laßt leicht mir sein den heil’gen Boden,
Drin sprossen soll der ew’ge Keim,
Sprecht lieber: „Selig sind die Toten“,
Und geht zu euren Hütten heim.