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Titel: Eine Posse zum – Weinen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 127
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Episode aus dem Leben von Ferdinand Raimund
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[127] Eine Posse zum – Weinen. Wie tragisch Ferdinand Raimund geendet hat, er, der einst nicht blos die Zierde der Leopoldstädter Volksbühne in Wien, sondern als echter Dichter anerkannt war überall, wo seine Zauber- und Singspiele mit ihrem naturwüchsigen, immer voll aus dem Volke geschöpften Humor, mit ihrer übersprudelnden Lust und ihrem ergreifenden Leid über die Breter gegangen sind, – das hat die Gartenlaube ihren Lesern schon früher einmal (1861, Nr. 6) erzählt. Schon länger einer immer steigenden Schwermuth zur Beute, wurde er von einem unbedeutenden Ritze, den ihm die Zähne seines spielenden Haushundes beigebracht hatten, vollends in seinem geistigen Gleichgewichte gestört; er wähnte sich von einem tollen Hunde gebissen und suchte sich in der gräßlichen Angst seines Herzens mit einem Terzerolschusse zu tödten, – um erst nach acht Tage langen unsäglichen Qualen, im September 1836, seiner Verwundung zu erliegen.

Die nachstehende Anekdote, welche der Einsender einem glaubwürdigen Zeitgenossen Raimund’s verdankt, knüpft an diesen schmerzlichen Ausgang eines reichen Dichter- und Künstlerlebens an und zeigt, daß die Angst, die den unglücklichen Hypochonder zur That der Verzweiflung trieb, nicht der plötzliche Ausbruch einer krankhaften Sucht, sondern eine schon lange gehegte fixe Idee war. Denn der Vorfall spielt schon vier oder fünf Jahre vor dem Tode des Künstlers. –

Der seiner Zeit bekannte und in komischen Episodenrollen nicht mit Unrecht beliebt gewesene Schauspieler Landner trat eines Tages in das Vorzimmer, das zu demjenigen führte, welches Raimund zur Miethe besaß. Ein kleiner alter bissiger Köter, der in der Durchgangsstube Siesta halten mochte, ward durch Landner’s Eintreten aufgeschreckt und fuhr ihm heiser kneifend entgegen. Landner fand es belustigend, das dumme Thier zu immer größerer Widerspenstigkeit zu reizen, und so kam es, daß die kleine alte Bestie dem lustigen Mann zwischen und an die Beine fuhr und sich in eines derselben mit den kleinen spitzigen Zähnen dermaßen einbiß, daß nach erfolgter Untersuchung am Fuße Landner’n deutlich die blutunterlaufenen Spuren des hündischen Attentats zu sehen waren.

Mürrisch hierüber trat Landner in Raimund’s Stube. Schweigend setzte er sich auf einen Stuhl, und rieb sich das Bein. Raimund, am Schreibtisch arbeitend, hatte mit einem flüchtigen Blick den Eintretenden bemerkt. Es verging eine stille Pause, während welcher man nur das Kratzen von Raimund’s eilender Feder hörte. Endlich brach Raimund das Stillschweigen.

„Seit wann tritt man denn bei Leuten ein, ohne zu grüßen?“ fuhr er gutmüthig aufgebracht in seinem schnarrenden Tone Landner an, schrieb aber dabei weiter.

„Versteht sich, guten Morgen wird man noch wünschen,“ erwiderte Landner murrend, „wenn man, ehe man eintritt, von wilden Bestien angefallen wird! Das ist ja eine Hyäne von einem Schooßhund!“

„Aha! hat Dich das Vieh angeknurrt? – Ist im Grund’ wirklich ein impertinentes Exemplar von einem boshaften Nickel!“

„Was angeknurrt! Da macht man sich den Teufel draus. Aber gebissen hat mich das L -!“

„Gebissen!!“ entfuhr es Raimund, und mit einem Ausdrucke des Entsetzens sah er nun direct auf Landner.

„Da, schau’ her,“ grollte dieser und streifte das Beinkleid auf, „da schau her, das Ding ist ganz blutig.“

Raimund war wie erstarrt. Endlich sprang er auf.

„Unverantwortlich!“ rief er. „Gebissen bist Du, und das sagst Du erst jetzt!!“

„Ja, aber es sind ja keine 10 Minuten …“

„O Du Ignorant! Es giebt Fälle, wo so eine Minute eine Ewigkeit ist! Weißt Du was das heißt, von einem tollen Hunde gebissen sein?“

„Ei laß mich in Ruhe! – Dieser Hund hat nicht einmal die rechte Courage dazu.“

„Nichts da! Keine Späße! Die Sache ist zu ernst.“

Dabei zog Raimund mit Heftigkeit die Klingel. Erschreckt stürzte die Magd herein.

„Eine große Flasche Wasser!“ herrschte er ihr zu, „oder noch besser, ein ganzes „Schaffel“ voll, aber augenblicklich, – es ist keine Zeit zu verlieren …“

Die Magd vollzog den Befehl.

„Was soll denn jetzt das Wasser hier?“ fragte Landner etwas mißtrauisch, da er Raimund’s sonderbare Launenhaftigkeit schon oft kennen gelernt.

„Was das Wasser soll? Dumme Frage!“

Dabei ging Raimund nachgrübelnd und mit verschränkten Armen in der Stube auf und ab.

„Meinetwegen!“ sagte Landner, „gieb mir einen Leinwandlappen, damit ich mir kalte Ueberschläge mache, obwohl ich, auf Ehre, nur ein bischen gekratzt bin.“

„Umschläge? Das ist Nebensache. Die Hauptsache ist, daß Du das Wasser trinkst!“

„Ja, aber ich bin ja nicht durstig …“

„Das brauchst Du auch nicht zu sein. Man muß sich so früh als möglich überzeugen, ob Du nicht schon – wasserscheu bist! Ich habe von einem Fall gelesen, wo die Hundswuth bei einem Menschen fünfzehn Minuten nach dem unglückseligen Biß ausbrach …“

„Aber Raimund, Du bist ein Narr, laß mich in Ruh’ mit Deinen Mucken …“

„Keine Ausflucht, Landner! Hier muß ich unerbittlich sein! Entweder Du trinkst, oder ich habe gerechten Grund, zu glauben, Du seist wasserscheu! Dann bleibt mir nichts übrig, als Dich hier einzusperren, armer Kerl, und bei der Polizei die schreckliche Anzeige zu machen …!“

„Du machst Dich lächerlich, Raimund! Aber gieb her die Flasche; um Dich zu beruhigen, will ich Wasser trinken.“

„Da!“

„So. Jetzt bist Du zufrieden?“

„Du mußt mehr trinken, mehr, lieber Landner!“

„In Gottes Namen. Ich habe schon die ganze Flasche ausgetrunken.“

„So. Spürst Du gar nichts?“

„Nein, ich spüre gar nichts. Was soll ich denn auch spüren?“

„So ein gewissen Gefühl … so eine Neigung zum Beißen – einen leisen Hang – es wäre gräßlich! – zum Bellen …“

„Na, lieber Raimund, jetzt reißt mir die Geduld! Laß mich in Ruhe. Ich will in’s Kaffeehaus gehen …“

„Nicht von der Stelle!“

„Aber, Raimund …!“

„Du setzest Dich nieder und trinkst noch Wasser!“

„Um keinen Preis der Welt! Ich bin schon wie ein Wasserfaß!“

„Siehst Du, Du scheust das Wasser …!“

„Erlaube mir, ich werde doch nicht jetzt, nachdem ich so viel habe hinabschwemmen müssen, noch aus Passion Wasser trinken!“

„Das ist wahr, Landner. Das wäre jetzt wirklich ein zweifelhafter Maßstab zur Beurtheilung der Symptome …“

„Also darf ich gehen, Raimund?“

„Nein, noch nicht!“

Und wieder schritt er grübelnd auf und ab. Wieder zog er die Klingel.

„Ist Milch zu Hause?“ fuhr er die Magd an.

„Nein, Ew. Gnaden.“

„Geschwind, eine „Halbe Milch“ bei der Milchfrau drüben holen! Nur schnell. Ich bezahle das Dreifache.“

Die verlangte Quantität Milch wurde gebracht.

„Da, guter lieber Landner, trinke die Milch aus …“

„Aber zum Kuckuk, warum soll ich denn jetzt wieder auf einmal Milch trinken?“

„Das verstehst Du nicht! Milch ist ein bekanntes Gegengift gegen die meisten Gifte, vielleicht auch gegen das Gift einen tollen Hundes. Wer weiß es? Vielleicht ist’s gut, und schaden kann’s nicht.“

„Aber ich bitte Dich, jetzt Milch auf so viel Wasser –!“

„Landner, hier giebt’s keine Widersetzlichkeit! Also Du trinkst!“

„Die ganze Milch …?“

„Die ganze Milch!“

Landner trank die Milch aus, denn er wußte, daß mit Raimund, wenn er einmal excentrisch war, nicht zu spaßen sei. Nach und nach war Raimund über Landner beruhigt. Dieser aber mußte einige Tage die unausbleiblichen, zum Glück nicht gefährlichen Folgen der heroischen Cur leiden, welcher ihn die Besorgniß und übermäßige Vorsicht seines Freundes unterwarf!

Man kann sich kaum des Lachens enthalten über das Komische dieser Scene, – und doch, welche bittere Tragik spricht aus dem Ganzen!