Textdaten
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Autor: Karl Konrad
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Titel: Eine Fahrt nach Torcello
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aus: Die Gartenlaube, Heft 41, S. 699–702
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Die Fahrt nach Torcello.
Der Erinnerung eines Künstlers nacherzählt von Karl Konrad.

Der Frühling des Jahres 1841 zog so heiß wie nur irgend einer seiner Vorgänger über die italischen Gefilde hinweg, die, seinem sengenden Hauche widerstandslos offen, ihm erst an ihrer nördlichsten Schwelle den eisgepanzerten Schild der Alpenwelt vorhalten. Von dort bringt der Nachtwind erfrischende Lüfte in die märchenhafte Lagunenstadt, deren eigenthümlich poesievolles Wasserleben sich niemals heiterer und farbiger entfaltet als im Frühjahr, niemals zahlreichere Scharen fremder Gäste in ihren Zauberbann zieht als eben dann. Auch ich hatte mich mit Pinsel und Palette vor der römischen Hitze in ihre leise plätschernden Kanäle, ihre kühlen Marmorpaläste und geheimnißvoll dämmernden Kirchenhallen geflüchtet, die dem Architekturmaler eine nie zu erschöpfende Fundgrube der köstlichsten Motive darbieten.

Dort verrann der Tag in traulicher Abgeschlossenheit, während die sinkende Sonne mich auf dem kühlgewordenen, musikdurchrauschten Markusplatze mit den deutschen Landsleuten, welchen ich in der unter österreichischer Herrschaft stehenden Stadt zahlreicher als in jeder anderen Italiens begegnete, zusammenführte. Zwischen dem heiteren Völkchen junger Künstler und Litteraten machte ich manche anregende Bekanntschaft; keine unter allen aber gewährte mir ein höheres Interesse als die des Dichters Heinrich Stieglitz, dessen langjähriger Aufenthalt in meiner Vaterstadt Leipzig und seine verwandtschaftlichen Beziehungen daselbst zudem mancherlei Berührungspunkte zwischen uns ergaben. Der Name Stieglitz war damals ein viel genannter. Waren doch erst wenige Jahre entschwunden, seitdem der freiwillige Opfertod einer jungen, schönen, geistvollen und liebenswürdigen Frau, welche die vermeintlich nur schlummernde That- und Schaffenskraft ihres geliebten, in seiner dichterischen Bedeutung von ihr stark überschätzten Gatten durch einen großen, vertiefenden Schmerz aufrütteln wollte – eine That, von einigen als erhabenster Ausdruck reinster und selbstlosester Liebe gepriesen, von anderen als traurige Verirrung eines exaltirten, krankhaft überreizten Gemüthes bedauert – die Augen von ganz Deutschland auf sich und auf denjenigen gerichtet hatte, dem dieses Opfer – leider so nutzlos – gebracht worden war. Denn der Geist des Dichters war seit dem schrecklichen, so tief in sein Leben einschneidenden Ereigniß nur noch größerer Verdumpfung, sein Gemüth noch tieferer Verbitterung anheim gefallen. Eine quälende innere Unruhe trieb ihn fortan rastlos von Ort zu Ort und ließ ihn, der von Haus aus mit einer reichen Phantasie und echtem dichterischen Feuer begabt war, jede größere Aufgabe fliehen. Durch die Großmuth eines reichen Verwandten, des Petersburger Krösus Baron L. v. Stieglitz, jeder äußeren Sorge enthoben, lebte er nur noch seinen Neigungen, zur Zeit also in Venedig, hier vorzugsweise mit geschichtlichen Studien beschäftigt.

Die äußere Erscheinung des damals 38jährigen Mannes war eine angenehme, wenn sie auch nicht gerade den Dichter und Denker augenscheinlich verrieth. Seine Gestalt war untersetzt und ein wenig zur Korpulenz neigend, sein Antlitz blaß und nicht besonders ausdrucksvoll. Wohl konnte er im Kreise aufgeräumter Landsleute heiter und gesprächig sein, für gewöhnlich aber mahnten ein schweigsames Wesen und ein schwermüthiger Ausdruck in den Augen an das große Leid seines Lebens. Mir schloß er sich seit dem ersten Tage unserer Bekanntschaft enger an und oft durchstreiften wir selbander die alten, zerfallenden Dome und Paläste der Dogenstadt, in welchen er den Spuren der Geschichte nachging, ich nach Motiven für meinen Pinsel suchte. Dabei erzählte er mir mehrfach von der kleinen vergessenen Laguneninsel Torcello, auf welcher ehedem eine reiche und berühmte Stadt gestanden, deren Reste dem Maler möglicherweise noch reichere Ausbeute gewähren dürften, als dem Geschichtsforscher. Meine Wißbegierde ward schließlich rege und eines Abends, als wir in traulichem Gespräch den heiter belebten Canale grande hinabgondelten, schlug ich vor, am folgenden Tage einen gemeinsamen Ausflug nach dem geheimnißvollen Eiland zu unternehmen.

Die Sonne des 10. Juni schoß glühende Pfeile vom wolkenlosen Himmel herab, die Lagunenwellen schlichen in träger Ruhe zu den Füßen des Dogenpalastes und die Inseln jenseit der Giudecca schwammen in heißem, blaugrauem Dunst. Schon frühzeitig entführte uns eine vierruderige, schwarz ausgeschlagene Gondola unserem Kaffeehause an der Riva del Schiavoni, an Venedigs Uferpalästen vorbei, hinaus in die blaublitzende Wasserweite. Unter dem melodischen Gesang unserer trotz der Hitze behende rudernden Gondolieri schwanden San Michele, der fluthumrauschte Friedhof der Lagunenstadt, und die städtisch bebauten Inseln Murano und Burano an uns vorüber, tauchten die hohen Glockentürme Venedigs hinter uns in den blauen Duft der Mittagsgluth, rückte die Küste des Festlandes mit seiner stolzen, den Horizont begrenzenden Alpenmauer scheinbar immer näher heran.

Endlich, nach fast dreistündiger Fahrt, landeten wir am ersehnten Ziele. Das also war Torcello! Wie von einem Märchentraum fühlten wir uns umsponnen, noch ehe wir den Fuß auf die sonnendurchglühten Steinfliesen des Ufers gesetzt hatten. Die Ruhe der Siesta lagerte über dem kleinen, wie ausgestorben erscheinenden Eilande; die warme, stille, von blauen Fliegen leise durchsurrte Mittagsluft trug nur den Schall der Kirchenglocken von Burano undeutlich zu uns herüber und aus den Dächern ärmlicher Uferhütten nisteten einige buntschillernde Tauben. Sonst war weit und breit nichts Lebendes zu sehen, noch zu hören. Wenige Boote standen unbenutzt auf den heißen sandigen Strand [700] geschoben, auf dem oft geflickte Fischernetze zum Trocknen ausgebreitet lagen.

In den verwahrlosten Gassen des kleinen, nur von einigen verarmten Fischern und Winzern bewohnten Oertchens brütete die Sonne – man meinte das Gras wachsen zu hören zwischen den zerbröckelnden Fugen des klaffenden Steinpflasters. Eine wahre Dornröschenstimmung überkam uns, die noch wuchs, als wir vergeblich an den Thüren des alten Domes, dessen graue Mauern sich düster und kolossal über niedriges Häusergewirr erhoben, rüttelten – die meisten italienischen Kirchen pflegen in den Mittagsstunden geschlossen zu sein – und uns ebenso vergeblich nach einem menschlichen Wesen umschauten, dem das Amt der Schlüsselbewahrung etwa anvertraut sein mochte. Nachdem wir in verschiedene leere und finstere Haushaltungen geblickt, fuhren wir aus der folgenden entsetzt zurück vor einer zahnlosen, hexenartigen Alten, die im unsagbarsten Negligé hinter dem Dunkel eines Kochherdes auftauchte und ob des ungewohnten Anblicks fremder Eindringlinge sprachlos einen Rührlöffel von unglaublichen Dimensionen sinken ließ.

Wir machten uns schon darauf gefaßt, wie Faust und Mephisto bei ihrem Besuche in der Hexenküche bekomplimentirt zu werden, hatten uns jedoch glücklicherweise getäuscht. Die Unholdin begnügte sich, uns mürrisch und mißtrauisch nach unserem Begehr zu fragen. Nachdem wir ihr dieses klar gemacht, drehte sie sich mit merkwürdiger Elasticität auf dem malerisch durchlöcherten Absatz eines anscheinend noch aus den Zeiten des Langobardeneinfalls stammenden Pantoffels um und rief mit schriller Stimme zur Hausthür heraus: „Giuseppina!“ Es dauerte auch nicht lange, so trat uns aus einer der Nachbarhütten die Gestalt einer kaum erblühte Jungfrau entgegen, die uns mittelst Schwingung eines mächtigen Schlüssels zu folgen winkte. So betraten wir denn die ehrwürdige Kathedrale, eine dreischiffige, flachgedeckte Basilika, die in ihren Grundzügen bis zum siebenten Jahrhundert, also in die ersten Kindheitstage Torcellos zurückreicht.

Aber so sehr uns auch ihre vielen Sehenswürdigkeiten, ihre herrlichen Marmorsäulen und köstlichen Mosaiken, ihre alten steinernen Fensterläden und namentlich ihr hochmerkwürdiges Presbyterium – im Halbrund stufenweis ansteigende Priesterbänke mit der hochragenden bischöflichen Kathedra in der Mitte – fesseln mochten, noch mehr beinahe beschäftigte uns unsere jugendliche Führerin. Es war ein schlankes, blasses, scheues Mädchen von höchstes 15 Jahren, mit liebliche Gesichtszügen und schwermüthigen schwarzen Augen, in welche es wie eine Ahnung kommenden Unheils lag. Unsere Fragen beantwortete sie ernst und zurückhaltend; wir erfuhren nur, daß sie eine verwaiste Verwandte des Küsters und bereits mit einem jungen Torcellaner verlobt sei, der sich des reichlicheren Verdienstes wegen nach Venedig als Gondoliere verdungen habe. Mittheilsamer erwies sich die Kleine, wenn es galt, unsere Fragen betreffs der Alterthümer zu beantworten. Aus der Kathedrale führte sie uns in das benachbarte achteckige Baptisterium und schließlich durch malerische Kreuzgänge zur uralten Kirche Santa Fosca, einem seltsamen, byzantinische Einflüsse klar darlegenden Centralbau. Alle diese zu einer Baugruppe verbundenen Heiligthümer zeigen namentlich im Innern eine seltene, von der ewig ändernden Zeit fast unberührt gebliebene Ursprünglichkeit, alle sind sie erfüllt mit düsterem Schweigen und durchweht von den Schauern der Vergangenheit.

Unwillkürlich richtet sich der Blick rückwärts auf die Geschicke der alten, einst so reichen und mächtige Inselstadt. Schon im siebenten Jahrhundert von den katholischen Bewohnern des Festlandes gegründet, welche sich vor dem vordringenden Schwert der glaubensfanatischen, arianischen Langobarden auf diese damals noch unbebaute Laguneninsel flüchteten, wuchs sie bald zu einem wichtigen Hafenplatze heran, dessen Name in byzantinischen Chroniken des zehnten Jahrhunderts mehrfach vorkommt.

Aber die Tage ihres Glanzes waren gezählt. Welche Stadt konnte sich damals an den Küsten der Adria neben dem immer stolzer emporstrebenden Venedig, der goldstrotzenden Königin der Meere, behaupten? Auch Torcello mußte seinen Reichthum in die unersättlichen Speicher der Nebenbuhlerin fließen lassen, sein Diadem demüthig am Saum ihres Purpurmantels niederlegen. Seitdem ist es verarmt, verfallen, vergessen, der üppigen Nachbarstadt schon seit Jahrhunderten ein warnendes Beispiel von der Vergänglichkeit irdischer Herrlichkeit vor Augen haltend. Die Weltgeschichte aber übt gerechte Vergeltung. Auch die übermütige Siegerin mußte sich seitdem manches ihrer schimmernden Prachtgewande entkleiden – möge ihr der zerfetzte Bettlermantel des von allem entblößten Torcello ewig erspart bleiben! –

Ein Gefühl tiefster Wehmuth beschleicht den Wanderer, wenn er sich auf dem alten Forum der Stadt, dem grasbewachsenen, nun ganz in Ruinen liegenden Marktplatze umschaut. Noch zeigt derselbe größtenteils die ursprüngliche Anlage, Reste einer Bogenhalle, in welcher die öffentlichen Angelegenheiten verhandelt, die Gesetze verkündigt wurden, den städtischen Glockenthurm, den alten Bischofsstuhl, vom Volk für den Sessel des Attila gehalten, und die Spuren des frühgothischen Rathspalastes. Vor letzterem erblickt man unter einem regellosen Chaos von Steintrümmern das früher in die Façade eingelassen gewesene Reliefbild des geflügelten Markuslöwen, des Symbols der venetianischen Machtfülle, welches auch die unterjochte Stadt annehmen mußte. Es war eine weihevolle Stunde, die wir bei dem altersgrauen Steinbilde verlebten, welches, einstmals auf blühendes, städtisches Handelstreiben herabblickend, heute entthront, verwittert und von Blumen und Schlingkraut überwuchert, nur noch gewaltige Erinnerungen heraufbeschwört. Während ich zeichnete, saß Stieglitz träumerisch und wortlos da, die Augen anscheinend ins Leere gerichtet. Als ich vollendet, bat er sich mein Skizzenbuch aus und schrieb auf eines der leeren Blätter das folgende – soviel mir bekannt, hier zum ersten Male zum Abdruck gebrachte – stimmungsvolle Sonett.

„Wo vor dem Drang anstürmender Barbaren,
Verheerender, in blut’gen Schreckensstunden
Des Festlands Söhne ein Asyl gefunden,
Das Ruhmeswiege ward den Enkelscharen,

In jenem Eiland, das vor grauen Jahren
Vorleuchtend mit Venedig war verbunden,
Schau – wie die Säulen Schlingkraut jetzt umwunden,
Die einst glorreicher Banner Träger waren.

Sieh auf des Marktes schuttbedecktem Hügel
Hervor aus bunten Wiesenblumen ragen
Des Markuslöwen Marmorhaupt und Flügel –

Wer hat so lind zu Grabe dich getragen,
Gewalt’ger Wirklichkeit phantastisch Siegel,
Leichnam und Grabstein aus verscholl’nen Tagen?“

Dann machten wir uns auf, um in der dürftigen Trattoria des Ortes unser einfaches Mahl zu genießen. Es sollte einen gar traurigen Abschluß erhalten.

Die Zeit des Vesperläutens war gekommen und noch saßen wir beim vino da Conegliano und den ersten süßen Früchte des Sommers behaglich plaudernd vor der weinlaubüberschatteten Thür unserer Locanda, als vom nahen Campanile der erste Glockenschlag – seltsam dumpf, wie uns schien – ertönte. Allein kein zweiter folgte, alles blieb grabesstumm. Beunruhigt eilten wir sofort über den Platz nach der offen stehenden Thür des Glockenthurmes und schaute in das dämmerige Innere desselben. Welch ein Anblick! Am Boden lag ein junges Mädchen, leblos, aber anscheinend unversehrt, nur auf ihrem blassen, krankhaft geschlossenen Munde stand ein einziger dicker Blutstropfen. Es war Giuseppina, die Küstersnichte, die Verlobte des venetianischen Gondoliers, unsere Führerin durch die Heiligtümer.

Sie war todt. Indem sie ihr tägliches Amt des Vesperläutens verrichten wollte, hatte sie diesmal – flogen wohl ihre Gedanken durch die offenen Luken des Thurmes weit übers blaue Meer nach den Marmorstufen der Piazzetta? – die nötige Vorsicht außer Acht gelassen und war vom Seile der Glocke, die sie läuten sollte, über das schmale, einen nur unsicheren Standpunkt gewährende Podium hinausgerissen worden. Einen Augenblick hatte sie sich am Seile gehalten – der dadurch an die Glocke schlagende Klöppel hatte jenen einzigen, erschreckend dumpfen Ton hervorgebracht – und war dann, als ihre schwachen Kräfte sie verlassen, in die Tiefe des im Innern ganz hohle Thurmes – die steinernen Stufen zur Höhe winden sich äußerst schmal an

[701]

Der Markuslöwe von Torcello.
Nach dem Aquarell von Professor C. Werner.

[702] der Innenseite der Umfassungsmauer empor – hinabgestürzt. So sagte das weinende Kind aus, welches die Unglückliche auf dem verhängnißvollen Gange begleitet hatte und nun jammernd und verstört die steile Treppe herabkam.

Das Ausbleiben des gewohnten Vespergeläuts hatte ein wahres Wunder gewirkt und die Dornröschenstadt im Nu geweckt und mit Menschen gefüllt. Es waren wohl sämmtliche Bewohner des kleinen Ortes, die nun, dürftig gekleidet, aber größtenteils den Ausdruck tiefen Mitgefühls in den Zügen, den Campanile umstanden. Drinnen hatte sich ein schönes junges Mädchen – die ältere Schwester, wie wir erfuhren – laut schluchzend und ihr reiches dunkles Haar zerraufend, über die Todte geworfen. Es war ein herzzerreißendes Bild. Drängte es sich wohl in die Träume des jungen, schwarzlockigen Gondelführers, der jetzt vielleicht gerade, sein schmelzendes „Bella Venezia“ singend, schwatz- und schaubegierige Forestieri von Palazzo zu Palazzo ruderte? Flehte er wohl eben zur Santa Madonna della Salute, ihm reichlichen Verdienst zur Beschleunigung seines Glückes zuzuwenden? Malte er sich rosige Zukunftsbilder aus, die ihm sein dunkeläugiges Liebchen zeigten, den Brautkranz auf der klaren Stirn, wie sie an seiner Seite vor den Altarstufen des alten Domes zu Torcello kniete? Armer Bursche! Wie bald wird deine lichte Traumwelt zerrinnen, wie jäh ein rauher Frost den blühenden Liebesfrühling deines jungen Herzens vernichten!

Man hatte inzwischen die Leiche in ein rasch herbeigeschafftes, mit zwei Rudern bemanntes Boot geladen, um sie zum Begräbniß nach dem nahen Burano zu bringen. Uns aber, die unser Rückweg gleichfalls an Burano vorüberführte, ersuchte man, auf dem dortigen Bezirksgericht die nöthigen Aussagen über den traurigen Vorfall, von welchem wir fast unmittelbar Augenzeugen gewesen, zu leisten.

Die halbstündige Fahrt nach Burano gehörte zu jenen Erlebnissen, deren Eindrücke niemals wieder aus unserer Erinnerung schwinden können. Selten fanden Jugend und Schönheit ein Grabgeleite von wehmütigerer Romantik. In der großen, uns voran rudernden Barke lag die Leiche; ein weißes Tuch bedeckte die Umrisse des jugendlichen Körpers, welchen die in trostloser Verzweiflung vor sich hinbrütende Schwester mit ihren Thränen netzte. Selbst die rauhen, bärtigen Ruderknechte schienen wehmüthig bewegt; ernst und stumm führten sie das Boot im raschesten Tempo über die stillen, glatten Wellen. In dem langen Silberstreifen, welchen es hinter sich ließ, folgte unsere Gondel mit ihren gleichfalls stillen und traurigen Insassen. Das weite Himmelsrund aber schwamm in Gold und Purpur. Dunkelblau zeichnete sich die Alpenkette vom westlichen Firmament ab, schon zur Hälfte das scheidende Tagesgestirn verdeckend, das mit seinen letzten glühenden Strahlen Meer und Inseln in Feuer tauchte und die leblose weiße Gestalt im Boote überfluthete, die all diesen Glanz nun nimmermehr schauen sollte.

Der traurigen Pflicht in Burano rasch entledigt, setzten wir später am Abend bei langsam aufsteigendem Vollmond unsere Fahrt nach Venedig fort. Noch lag der Bann des eben Erlebten mit schwerem Druck auf uns; wir hatten kaum ein Auge für die berauschende Pracht der Juninacht, die uns auf mondbeglänzter Meeresfläche umwob, für den leuchtend klaren Nachthimmel, der so hehr und feierlich auf uns herniederschaute. Unsere Gondolieri hatten ebenfalls Singen und Scherzen verlernt; eintönig plätscherte ihr Ruder durch die nächtliche Stille.

Endlich stieg Venedig wie ein lichtstrahlendes Feenmärchen vor uns auf. Von der Piazzetta schimmerten Hunderte von Lichtern weit ist die Lagunen hinaus, aus den Kanälen tönte der Ruf der Gondelführer und auf dem tageshell erleuchteten Markusplatze wogte bei den schmetternden Klängen der Militärmusik Kopf an Kopf – allüberall der Ausdruck des heitersten Lebensgenusses, der blühendsten Sinneslust. Und wir hatten eben erst dem Tode ist das unerbittlich strenge Auge geschaut, hatten seinen ernsten, mahnenden Hauch verspürt und – verstanden. Welche Kontraste bietet doch oft ein einziger Tag im menschlichen Dasein!

„Es singt und klingt mir im Gemüth
Vom Morgen bis zum Abendroth:
Das Leben ist ein süßes Lied,
Sein bitt’rer Kehrreim ist der Tod.“

Der schwermuthsvolle Klang dieser Verse von Paul Heyse – freilich waren sie damals noch nicht gedichtet – giebt am besten die Stimmung wieder, welche mich an jenem Abend beherrschte und lange nicht wieder in mir verblassen wollte. Mehr als ein Menschenalter ist seitdem über mich hinweggerauscht, aber noch schwebt mir das Bild des verfallenen Torcello, der unglücklichen Giuseppina und des schwergeprüften deutschen Dichters, in dessen Gesellschaft ich all das seltsame gesehen und erlebt, in merkwürdiger Klarheit vor der Seele.

Den letztgenannten sah ich, nachdem ich Venedig bald darauf verlassen, später nochmals in Rom, dann niemals wieder. Ihm ward die träumerische Lagunenstadt zur zweiten Heimath; er verließ sie auch dann nicht, als – acht Jahre nach dem Erzählten – in ihren Mauern, durch orientalische Schiffe hereingeschleppt, die Cholera ausbrach. Es war kein glückliches Leben, welches damals neben tausend und aber tausend anderen dem asiatischen Würgengel zum Opfer fiel.