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Titel: Ein unbekannter Todter
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 590
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[590] Ein unbekannter Todter. Am 14. Januar 1870 fand man in einem Canal unweit Perleberg, der Kreisstadt von Westpriegnitz in Brandenburg, die Leiche eines jungen Mannes, der offenbar dort verunglückt war. Die Behörde beeilte sich, den Todten begraben zu lassen, und erst vierzehn Tage später veröffentlichte sie den Vorfall und das Signalement des Verunglückten. Für dieselbe Zeit hatte eine Perleberger Familie die Heimkehr eines Sohnes und Bruders erwartet, der vor elf Jahren nach Amerika ausgewandert war. Eltern und Geschwister wollten in den geschilderten Zügen eine Aehnlichkeit mit ihrem erwarteten Lieben entdecken; es ließ ihnen Tag und Nacht keine Ruhe, sie mußten sich Gewißheit verschaffen und bewirkten endlich die Ausgrabung der Leiche. Und nicht blos die Eltern, die jüngeren Brüder, die Schwester, auch einige Schulfreunde erkannten in den schon stark angegriffenen Resten der Leiche ihren heimgekehrten Amerikaner. Alles stimmte mit dem Bilde, welches den Seinen noch in der Erinnerung vorschwebte, überein: die junge, kräftige Gestalt, das rothbraune, halblang gewachsene Haar, die vollen Zähne, die blauen Augen und sogar an der rechten Hand eine Narbe am Zeigefinger. Der Todte ward nun bitterlich beweint, wieder bestattet, und trotz der Winterzeit schmückten Mutter und Schwester das Grab mit den schönsten Blumen und nahmen den theuren Rasenhügel fortan in ihre sorglichste Pflege. Mutter und Schwester weinten dem Unglücklichen noch manche Thräne nach, und so vergingen volle anderthalb Jahre.

Anfangs August 1871 kommt ein Brief aus Amerika an; es ist des Todten, Begrabenen und Beweinten eigene Handschrift; der angeblich Verunglückte lebt noch frisch und gesund – die Familie hat das Grab eines Fremden gepflegt! Aber sie unterläßt diese Pflege nicht, der Angehörigen des Begrabenen gedenkend, welche vielleicht keine Ahnung davon haben, daß sie einen wer weiß wie Lieben verloren und mit wie vielen Thränen der Arme schon von den Pflegern des Grabes betrauert worden ist.

Wir haben den Brief, welcher uns dies erzählte, schon mehreren Familien mitgetheilt, welche auf deutschem Boden spurlos verschwundene Söhne vermissen, aber immer vergeblich. Vielleicht erkennen die Verwandten den Verunglückten an seinen Kleidern und sonstigen Sachen wieder: er trug einen Pelz, zwei kurze Röcke, lederne Beinkleider, hohe Stiefeln, Tuchweste, ein schwarzseidenes Halstuch, einen dunkelgrünen Calabreser mit Feder, graulederne Fingerhandschuhe mit zwei Knöpfen. Außerdem fand man bei ihm eine silberne Ankeruhr, daran eine kurze dreisträhnige silberne Kette mit goldenen Schiebern, ein gelbes und ein braunes Kattuntaschentuch, einen Spazierstock mit Bleikugel als Knopf, ein Portemonnaie, jedoch ohne Geld. – Alle diese Gegenstände hat die Behörde verkauft; nur weniges davon hat jene Perleberger Familie zum Andenken erworben.

Wird dieser Todte für immer unbekannt bleiben?