Ein Reisemärchen/Sechstes Kapitel

Textdaten
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Autor: Alfred de Musset / P.-J. Stahl
Illustrator: Tony Johannot
Titel: Ein Reisemärchen
Untertitel: Sechstes Capitel
aus: Illustrirte Zeitung, Nr. 5 vom 29. Juli 1843, S. 73–75
Herausgeber: Johann Jacob Weber
Auflage:
Entstehungsdatum: 1843
Erscheinungsdatum: 1843
Verlag: J. J. Weber
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: Oskar Ludwig Bernhard Wolff
Originaltitel: Le Voyage où il vous plaira
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: MDZ München, Commons
Kurzbeschreibung:
Fortsetzung: Ein Reisemärchen/Siebentes Kapitel
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[73]
Ein Reisemärchen.
Sechstes Capitel.
Eine von des Majors langen Geschichten.

Du denkst vielleicht auch, geliebter Leser, indem Du das vorhergehende Capitel schließest: „Wollen denn diese Herzensergießungen, die höchstens einen Verliebten interessieren können, gar kein Ende nehmen? Da wären mir denn doch des alten Majors alte Geschichten, die zwar Franz zum hundertsten Mal, ich aber wahrscheinlich noch gar nicht gehört habe, weit angenehmer.“

Mir scheint, Du hast Recht. Liebende zu sehen, ist allerdings ein Schauspiel für Götter, für Sterbliche aber auf die Dauer zuweilen etwas langweilig. So darf ich denn hoffen, es werde Dir nicht mißfallen, wenn ich Franzens Tagebuch auf eine Weile abbreche und Dir eine von des Majors besagten Geschichten mittheile, wie der gute alte Herr sie im traulichen Kreise am Theetische zu erzählen pflegt, besonders wenn ihn sein Liebling Maria dazu auffordert.

Folgende wahrhafte Historie nun erzählte der alte Herr von Horn an einem Winterabende.

Der Pezhutah Wechaschtah.

Ich war unserem Regimentsarzte auf Java besonders zugethan; er war ein Deutscher, wie ich, hatte als Student eines unglücklichen Duells wegen flüchten müssen und war nach Nordamerika gegangen, um als Arzt ein Unterkommen zu finden. Hier übten aber – nach der Freiheit, welche die amerikanischen Gesetze gewähren, die die medicinische Praxis wie jedes andere Geschäft ansehen, das in einem Freistaate Jeglicher das Recht habe, zu treiben, – so viele Unwissende die ärztliche Wissenschaft aus, daß ihm, dem wirklich Wissenden, nur eine kärgliche Aehrenlese blieb. Er brach daher die angeknüpften Verbindungen in New-York ab und begab sich, theils weil er dort nicht so viele Quacksalber zu finden glaubte, theils aber auch, weil er jung und thatenlustig war, nach jenen Regionen der Vereinigten Staaten, wo die letzten eingebornen Stämme noch ziemlich ungestört ihr Wesen trieben. An Gefahren und Begebenheiten fehlte es ihm nun freilich nicht, aber er wurde auch nicht reicher und kehrte endlich wieder nach New-York zurück, wo ihm durch ein befreundetes Handelshaus der Antrag ward, Arzt auf einem Kauffahrteischiffe zu werden. So kam er nach Batavia, blieb dort, ward bei unserem Regimente angestellt, leistete treffliche Dienste und erwarb sich bald Aller Liebe, denn er war nicht blos ein ausgezeichneter Arzt, sondern auch ein Meister im Erzählen, und daher den wachhabenden Offizieren stets ein sehr willkommener Gesellschafter.

Als wir ihn einst damit neckten, daß die Priester der Heilkunde in Amerika nicht eben in sonderlichem Ansehn stehen könnten, behauptete er dagegen, sie genössen in manchen Regionen der neuen Welt sogar göttliche Verehrung, und erzählte uns nun eine sehr sonderbare Historie, die er einem alten Trapper verdankte, der viel in Berührung mit den Urstämmen Nordamerika’s gekommen. Ich gebe sie Euch, meine Lieben, fast ganz mit seinen eignen Worten wieder. Denn er trug dieselbe so lebhaft und anschaulich vor, daß sie sich meinem Gedächtnisse unauslöschlich einprägte, auch habe ich sie wohl zwanzig Mal von ihm gehört, und jedesmal mit demselben Interesse.

Die Sonne – so begann er – sandte ihre mittäglichen Strahlen über die weite Prairie, auf der weder ein Baum, noch ein Strauch, ja nicht einmal ein Grashalm zu sehn war. Tiefer Schnee, nur hier und da durch einen dunklen Klumpen unterbrochen, in welchem das Auge vor dem blendenden Schein nicht zu erkennen vermochte, daß es ein Büffel sei, deckte die Ebene wie ein Ocean von Glanz. Weder Fels, noch Wald und Schlucht gewährten dem Blicke einen Ruhepunkt, und doch übte das Ganze durch seine schauerliche Oede einen mächtigen Eindruck. So öde die Gegend indessen war, sie hatte dennoch ihre Bewohner. Liebe und Haß, Neid und Ehrgeiz weilten selbst in dieser freudlosen Wüste. In dem dort aufgeschlagenen Lager von ledernen Zelten regte sich ein eben so kühnes Herz, ein eben so übermüthiger Stolz und ein nicht minder scharfer und feiner Verstand, wie sie bei Napoleon und Mahomet gefunden wurden und nöthig waren, um diesen die Herrschaft über Millionen zu verleihen.

Hundert kegelförmiger lederner Zelte hatten ihre Bewohner herausgelassen, denn die Luft war still und warm, obwohl der Januar noch nicht mehr als die Hälfte seiner Tage zählte. Aber die Zelte waren weder zusammengeschlagen, noch die Hunde aufgezäumt. Die Pferde scharrten ungestört im Schnee, um sich Futter zu suchen. Demungeachtet herrschte große Verwirrung. Kinder schrieen, Frauen schalten, Hunde heulten und Männer sprachen in Tönen, welche verkündeten, daß sie ein Unrecht erlitten hatten, und daß der Beleidiger außer ihrem Bereich sei. Aber der Ausdruck aller dieser kriegerischen Gesichter redete deutlich von nur verschobener Rache.

Binnen wenigen Minuten hatten die Weiber den Schnee von einer großen kreisförmigen Stelle weggeschafft, und ein kleines Feuer in der Mitte angezündet. Die Pfeife ging von Mund zu Mund, und die schwarzbraunen Krieger verhandelten über zwei wichtige Fragen: Wer die Hälfte der dem Lager gehörigen Pferde während der Nacht gestohlen habe, und was man hinsichtlich der Diebe thun wolle.

Die ausgesandten Späher erklärten, der Schnee sei während der Nacht so dicht gefallen, daß es ihnen unmöglich gewesen, auch nur die mindeste Spur aufzufinden. Schon war die Versammlung im Begriff auseinanderzugehen, ungewiß, ob sie die Pawnies, die Tschippewäer oder die Assinneboins des Raubes anklagen solle, aber entschlossen, jeden dieser Stämme auf blutige Weise zur Rechenschaft zu ziehen: da kam ein neuer Späher und bat um Gehör. Der Inhalt seines Berichtes erregte nicht geringes Erstaunen. Er war weiter geeilt, als die Uebrigen und bis zu einem Platze gekommen, wo die Diebe Halt gemacht. Unter den Bäumen hatte er einige von ihren Fußstapfen entdeckt und sich überzeugt, daß es weiße Männer gewesen seien. Als Bestätigung seiner Aussage zeigte er ein von ihnen dort zurückgelassenes Beil vor mit einem geschnitzten Stiel und von ganz anderer Form, als diejenigen, deren sich die Indianer zu bedienen pflegten. Seine Zuhörer waren vor Ueberraschung außer sich. Ein weißer Mann ein Pferd stehlen! Sie, die den Pferdediebstahl, dies lobenswerthe Geschäft, immer für eine Sünde ausgegeben hatten, waren nun endlich auch zur Erkenntniß gekommen, und es schien die höchste Zeit, etwas dagegen zu thun, sonst würden sie bald eben so weit sein, als die Dahcotahs – so hieß diese Horde – selbst. Und dann – daß die wenigen Einwohner des kleinen Dorfes Pembina, die sie eben so leicht vernichten konnten, wie ein Knabe ein Ei zerdrückt, es wagen sollten, Feindseligkeiten zu unternehmen, oder mit ihnen auf eine andere Weise Krieg zu führen, als durch Lug und Betrug! – Wer hatte je so etwas gehört?!

Ein wildblickender Krieger sprang augenblicklich auf und schlug vor, daß alle streitbaren Männer des Lagers sogleich nach Pembina ziehen, das Dorf verbrennen und dessen Bewohner tödten und skalpiren sollten. Obwohl er sehr ausführlich darthat, daß das höchst ehrenvoll und zu gleicher Zeit sehr einträglich sein würde, so erforderte es doch reifliche Ueberlegung. Der Schnee lag zu hoch, die Zufuhr von Büffelfleisch war außergewöhnlich ungewiß und außerdem der Angriff eines Forts mit Kanonen, obgleich dies Fort nur ein Pfahlwerk, nicht ohne Gefahr. Obendrein könnte es dem Handel schaden und vielleicht würden dann einige Hundert von den halbbürtigen Jägern auf die Seite der Weißen treten. Die Stimmen waren getheilt, und man machte daher den Vorschlag, zu dem Pezhutah Wechaschtah oder Arznei-Mann zu schicken.

Ich muß hier anführen – pflegte der Doctor bei dieser Stelle seiner Erzählung einzuschieben – daß unter den Indianern die Heilkunst und die Zauberkunst eng mit einander verbunden sind. Der Arzt macht und verordnet seine Medicin mit abergläubischen Gebräuchen und Beschwörungen. Gott ist nicht das einzige Wesen, das der Wilde in den Wolken sieht und im Rauschen des Windes hört. Seine Phantasie bevölkert Erde, Wasser, Luft und die meisten leblosen Gegenstände mit unsichtbaren und unfühlbaren Gestalten, vor denen er sich fürchtet und die daher nicht selten eine große Gewalt auf ihn ausüben. Jedes Ding, das bei einer Krankheit wirkt, alles Uebernatürliche, kurz Alles, was er nicht begreift, ist für ihn – eine Arzenei.

Hier neckten wir den Doctor gewöhnlich mit der Bemerkung, daß auch den Aerzten der weißen Männer viele Arzeneien Arzenei sein möchten im indianischen Sinne; denn sie wendeten dieselben sehr oft auf das Gerathewohl an und wären dann hinterher eben so über die unerwartete Wirkung erstaunt, wie ein Tschippewäer oder Dahcotah. Er ließ sich aber nie durch unsere Sarkasmen irre machen, sondern nahm ruhig den Faden seiner Geschichte wieder auf, ohne uns weiter etwas zu erwiedern.

Während diese Berathung vor sich ging, hatte der Pezhutah Wechaschtah mittlerweile mit seinen eigenen finsteren Gedanken Rath gepflogen in seinem Zelte, welches das geräumigste des ganzen Lagers war. Nur ihm allein war es gestattet, durch die Thür in den heiligen Raum zu treten. Alle Anderen, welche eine Veranlassung dahin führte, sogar seine Weiber, mußten zum Zeichen der Ehrfurcht unter dem Saume des Zeltes durchkriechen. Selbst der Häuptling des Stammes würde ohne ausdrückliche Erlaubniß nicht gewagt haben, sich auf eine andere Weise hinein zu begeben. Auf der Außenseite und inwendig war das Zelt mit seltsamen Gestalten, scheußlicher als die Löwen und Drachen auf den Wappenschilden, bemalt; vor der Thür wehte ein weißes Fähnlein mit einer rohen Nachbildung [74] eines menschlichen Gerippes. Hier, sich an seinen Arzneisack lehnend, ruhte der berühmte und gefürchtete Arznei-Mann der Dahcotahs, aus einer 4 Fuß langen Pfeife rauchend, deren Rohr mit einem Haarbüschel geziert war, der noch vor gar nicht langer Zeit das Haupt eines Tschippewäers geschmückt hatte.

Der Pezhutah Wechaschtah war keineswegs eine jener alten verwitterten Figuren, wie man sie sich bei dem Worte Zauberer vorzustellen pflegt. Von fast riesenhaftem Wuchse, zeigten sich seine Glieder doch im vollkommensten Ebenmaße, und seine Bewegungen und sein Ausdruck waren nicht ohne Anmuth, ja zu Zeiten selbst würdig und edel. Seine breite hohe Stirn verkündete Gedankenreichthum, und seine Adlernase Kühnheit der Gesinnung. Alle Indianer erfreuen sich guter Augen, die seinigen aber hätten den Basilisk blenden können. Der untere Theil seines Gesichtes zeigte sich mehr als gewöhnlich ausgebildet und gab dem Ganzen zugleich einen sinnlichen und verwegenen Charakter. Ein Europäer würde sein Alter auf dreißig Jahre geschätzt haben; ein Indianer oder Jemand, der viel Verkehr mit Indianern gehabt, hätte ihm zehn Jahre mehr gegeben.

Das Innere des Zeltes ließ eben nicht auf die Wohnung eines Priesters schließen. Es enthielt seine Flinte, seine Lanze und seinen Schild, sowie mehre Bogen, welche außer ihm nur sehr wenige Arme zu spannen vermochten, und eben so viele Köcher mit Pfeilen, die dem Schwarzfuß wie dem Büffel gewissen Tod brachten; denn der Arznei-Mann war, wenn ihn die Lust dazu anwandelte, ein eben so gewiegter Jäger und Krieger, wie ein furchtbarer Zauberer. Pferdegeschirr, reiche Felle und eine Menge von Küchenwerkzeugen bildeten das übrige Geräth des Zeltes. – Er ging nicht häufig auf die Jagd. Furcht und Verehrung versorgten ihn mit den ausgesuchtesten Bissen. Eben so wenig schwang er seine Waffen oft im Kriege; es machte ihm keine Freude, Nebenbuhler zu haben, die ihn vielleicht ausstechen konnten, und Andere übertreffen wollte er selbst nicht, um keinen Neid zu erregen. Um geringen Erfolg war ihm noch minder zu thun, und er verschmähte daher, einen arglosen Feind aus dem Hinterhalte zu tödten, oder ein hülfloses Weib mit seinem Säuglinge niederzumetzeln. Menschlichkeit machte ihn nicht so edel, sondern Stolz. Selten sprach er im versammelten Rathe, noch seltener in traulicher Unterhaltung. Er entzog sich so viel wie möglich allem Umgange und blieb allein in seinem Zelte, denn seine rohe Klugheit lehrte ihm, daß vertrauliche Berührung leicht Geringschätzung zur Folge hat. Der Name Häuptling, Krieger, Jäger war ihm etwas Gleichgültiges; zog er jedoch in das Feld, so ruhte das Verderben im Laufe seines Feuerrohrs oder auf der Spitze seiner Lanze, und die Andern Alle gehorchten ihm, wie nie wieder einem Führer, weder vor noch nach seiner Zeit.

Bei dieser Schilderung unterbrach der erste Lieutenant, der, wie er sich rühmte, in Leyden Humaniora studirt, aber wie wir behaupteten, nicht sonderlich viel profitirt haben möchte, unsern Freund und Arzt meist mit dem Ausrufe: „Superb, Doctor! Das ist ein echt historischer Styl. Tacitus selbst hätte Euern Helden nicht kürzer und prägnanter darstellen können.“ – Dann antwortete der Heilkundige ihm jedes Mal vornehm: „Wer wirklich viel erlebt hat, hat sich auch gewöhnt, mit Wenigem Viel zu sagen,“ und fuhr darauf, ohne sich irren zu lassen, fort wie folgt.

In dem zarten Alter von zwölf Jahren war der Arzenei-Mann von den Tschippewäern gefangen genommen worden, die ihn an einen Kaufmann in der Hudsons-Bai verkauft hatten, der ihn mit sich nach Montreal nahm und dort an einen katholischen Priester verhandelte. Dieser, der einer Mission angehörte, gab sich große Mühe, den jungen Wilden zu bekehren, und brachte ihn auch dahin, sich taufen zu lassen. Während der fünf Jahre seines Aufenthaltes in Montreal machte der Proselyt auch recht hübsche Fortschritte in anderen Wissenschaften, aber naturam expellas furca, wie schon Horaz sagt …

„Tamen usque“, unterbrach ihn ergänzend der Lieutenant.

Der Doctor hörte nicht darauf, sondern erzählte weiter: Eines Morgens fand man einen Mitschüler des Indianers steif und starr vor der Thürschwelle, wo er wahrscheinlich schon mehre Stunden so gelegen, mit einem Dolchstoß im Herzen und sein vermuthlicher Mörder war verschwunden. Vier Wochen später tauchte dieser Letztere plötzlich zweihundert Meilen davon, bei seinem Stamme wieder auf, alle Gewohnheiten der Civilisation von sich auf immer abstreifend. Nachdem er bald darauf einen Feind getödtet und skalpirt, und eine Sonnenfinsterniß vorhergesagt, erhielt er den Ruf eines eben so tapferen Mannes als bedeutenden Zauberers, und wurde ein Mitglied der großen Arzenei seines Stammes. Er prophezeite nun auch den Tod mehrer Leute, die ihm im Wege standen, und als dieser sich wirklich ereignete, so wurde es allgemein für gewiß angenommen, daß er in genauer Verbindung mit unsichtbaren Mächten stehe. Selbst die Zweifler wurden von ihrem Unglauben bekehrt durch folgendes merkwürdiges Ereigniß. Ein großer Haufe Indianer war bei dem Angriffe eines Forts, das von den Weißen sehr tapfer vertheidigt wurde. Unter den Dahcotahs befand sich auch der Pezhutah Wechaschtah, den eine kleine Kugel aus einer Büchse gerade vor der Stirn traf. Da er in demselben Augenblicke in die Höhe blickte, so glitt die Kugel unter dem Skalp rund herum und kam hinten an seinem Kopfe wieder heraus. –

– Hier unterbrachen wir den Doctor sehr ungläubig, worauf er sich dann jedesmal eine neue Pfeife von seinem Burschen bringen ließ, und uns an dessen Schädel nachwies, daß diesem gerade dasselbe widerfahren, und also die Sache, wie wir zu unserer Beschämung gestehen mußten, nicht so ganz unglaublich sei. Dann, nachdem er die Pfeife in Brand gesteckt und den Soldaten entlassen, nahm er den Faden seiner Geschichte wieder auf mit den Worten:

Das lange Haar des Wilden verbarg den Weg, den die Kugel genommen, und er rühmte sich seit dieser Zeit stets, er sei fest gegen Blei und Stahl, ohne daß ihm Jemand zu widersprechen wagte. Die Indianer hatten gesehen, wie ihn die Kugel getroffen, und doch war er stehen geblieben, als habe sie ihn nicht berührt. Einige glückliche Curen und einige Kunststücke, wie z. B. daß er die Hand in heißes Wasser steckte, ohne sie zu verbrennen, die stärksten Fesseln ohne fremde Hülfe von sich abstreifte und dergleichen mehr, verschafften ihm eine fast despotische Gewalt über seine Stammgenossen. Obendrein begünstigte ihn noch das Glück. So traf es sich unter Anderem, daß ein amerikanischer Kaufmann entsetzlich an einem Geschwür im Halse litt, seit drei Tagen nicht mehr hatte schlucken können und den gewissen Tod vor Augen sah. Da alle anderen Mittel nicht anschlugen, so wurde endlich der indianische Arznei-Mann geholt, obgleich der Kranke nicht das mindeste Vertrauen zu ihm hatte. Dieser kam, verrichtete erst einige magische Ceremonien und begann dann einen Zaubertanz, bei welchem er so seltsame Capriolen machte und so gräulich sein Gesicht verzerrte, daß der Patient, trotz dem daß er in den letzten Zügen lag, laut auflachen mußte. Durch diese Anstrengung barst das Geschwür und der Amerikaner war gerettet, stand auf und ging geheilt fort. Die Rothhäute waren natürlich nicht wenig entzückt von dem Siege, den ihr großer Pezhutah Wechaschtah über die weißen Aerzte davongetragen.

So war der Mann beschaffen, von dem ich erzählte, daß er allein in seinem Zelte saß, während die Uebrigen eine Rathsversammlung hielten. Das tiefe Nachdenken, in das er versunken war, wurde durch drei Schläge an die Außenwand seines Zeltes unterbrochen. Gleich darauf kroch eine junge, ziemlich hübsche Squaw herein und stellte sich dann gerade vor ihm hin mit gefalteten Händen und niedergeschlagenen Augen.

„Vater!“ sagte sie, „die Diebe sind entdeckt und mein Gatte ist zurückgekehrt.“

„Fürchte Nichts,“ entgegnete der Magier; „Du hast dem großen Geiste gehorcht, und brauchst weder Dich zu ängstigen, noch zu schämen. Du stehst unter seinem Schutz. Meinst Du, ich bedurfte der langsamen Kunde Deines Mannes, um ihnen zu sagen, wohin ihre Pferde gebracht wurde? Lange bevor ich Dich weckte, war es mir schon offenbart worden.“

„Warum ließest Du sie denn nicht ein und benachrichtigtest sie davon, Vater?“

„Still, Weib! Frage nicht nach Dingen, die Du nicht begreifen kannst. – Kannst Du wissen, ob es nicht Deinetwegen geschah?“

Die Squaw schwieg verlegen und zog dann nach einer Pause unter ihrem Kleide das Beil hervor, das die Diebe verloren hatten. Darauf sagte sie schüchtern: „Vater, die Diebe ließen dies zurück, und ein großer Theil des Stammes mit dem Häuptling an der Spitze will nach Pembina, um das erlittene Unrecht zu vergelten.“

„Das dürfen sie nicht,“ entgegnete er, „der große Geist verbietet es, denn die Hüte von Pembina haben die Pferde nicht. Wohl weiß ich, wessen das Beil ist. Aber warum weinst Du, thörichtes Weib?“

„Die Hüte von Pembina, wer ist denn das?“ unterbrach der Lieutenant hier boshaft den Erzähler. „Können denn Hüte Pferde stehlen?“

„Die Rothhäute nennen die Weißen Hüte, weil sie diese Kopfbedeckung tragen, an die sich die Wilden nie gewöhnen werden,“ entgegnete der Doctor verdrießlich, denn ihm war wohlbekannt, daß der Lieutenant recht gut wußte, was damit gemeint sei.

„Nun, was antwortete denn die Squaw?“ fragte ich gespannt.

Sie antwortete: „Ich bin deinetwillen in Angst.“

Der Arznei-Mann lachte, statt aller Erwiederung, laut.

„Lache nicht,“ sagte sie, „ich bin nur ein schwaches, unwissendes Weib, aber ich spreche nicht mit einer gespaltenen Zunge. Du weißt, daß mein Mann und seine beiden Brüder Dir stets sich feindlich entgegenstellten und Deine Weisheit verhöhnen. Ja, mein Gatte hat sogar gedroht, sowie Du ihm widersprächest im Rathe, wolle er einmal versuchen, ob Du wirklich unverwundbar seiest. Er hat sich für den Krieg erklärt und sagt, daß, wenn ihm Niemand nach Pembina folgen wolle, so gehe er allein hin und hole dort einen Skalp.“

„Geh!“ sagte der Pezhutah Wechaschtah verächtlich; „der Schnee ist tief und er wird sich kalte Füße holen. Ich will ihm Mokkassins zu seiner Reise geben.“ Er holte nun ein Paar Mokkassins und Socken aus einem Sacke hervor und reichte dieselben dem Weibe hin. „Wenn er sich rüstet, nach Pembina zu gehen, so gieb sie ihm, jedoch nicht früher. Auch gieb sie keinem Andern, so lieb Dir Dein Leben ist, und laß Niemand erfahren, daß Du sie von mir bekamst. Nun, fürchtest Du Dich noch immer und wähnst Du, daß die Geister, die mir unterthänig sind, ihm gestatten werden, mir ein Leid anzuthun?“

„Ich weiß, daß mein Vater weise und furchtbar ist,“ erwiederte die Squaw, „aber dennoch ängstige ich mich um seinetwillen. – Das ist es auch nicht – aber – sie sagen – sie sagen – mein Vater werde sich mit der Tochter des Häuptlings vermählen, obwohl diese mit dem Bruder meines Mannes verlobt ist.“

„Laß Dich das nicht kümmern,“ versetzte er, „ich muß viele Frauen haben, um meine Hände zu kräftigen, aber Du bist allein die, die ich liebe. Trockne Deine Thränen und gieb wohl Acht. Heute wird Dein Mann sein Gewehr auf mich abdrücken, vielleicht sogar zwei Mal. Nimm diese Kugel. Geh nach Deiner Wohnung, zieh die Kugel aus seinem Gewehr heraus und lade es mit dieser. Schießt er dann zum zweiten Male, so gieb ihm diese andere Kugel. Hüte Dich, sie zu verwechseln. Und nun geh! Du hast hier schon zu lange verweilt. Lispelst Du nur, was wir hier mit einander sprachen, so erstarrt Dir die Zunge im Munde. Geh!“

Die Squaw entfernte sich und er, von dem es mit Recht heißen konnte, daß er nie eines Mannes in seinem Zorn, noch eines Weibes in seiner Lust schonte, begab sich nach der Rathsversammlung. Er ging unterwegs an den zu ihm gesandten Boten vorüber, ohne sie anzuhören und trat mitten in den Kreis. Sein Gewand von den starken Schultern werfend, begann er also seine Rede:

„Der große Geist redet durch meinen Mund und die Geister der Luft, der Erde und des Wassers regen sich in mir. Geht nicht nach Pembina! Eine schwarze Wolke hängt über dem Wege, und die Erde thut sich auf am Ende desselben. In der Finsterniß der Nacht stand ein Geist neben mir und zeigte nach Norden. Ich schaute hin und unsere Pferde waren nicht bei unsern englischen Brüdern. Er zeigte nach Mittag und ich sah sie. Siehe, mehr denn zwanzig Lange-Messer trieben unser Vieh vor sich hin. Der Geist verschwand und meine Augen schlossen sich. Der mitternächtliche Fuß ist von Blei; der Adler des Krieges schreit, aber sein Hunger muß nicht gestillt werden. Hunger weilt im Lande – fernhin streift der Büffel – kein Pulver, keine Flinten, keine Decken! – Die bösen Geister knirschen mit den Zähnen – Männer fallen – Kanonen donnern – Weiber und Kinder jammern –“

So redete er eine Viertelstunde lang mit wahnsinnigen Geberden und der Schaum stand ihm vor dem Munde – jedes Wort war eine dunkle Anspielung auf die zu befürchtenden übeln Folgen eines Zuges nach Pembina. Zuletzt fiel er wie ohnmächtig hin.

„Er hat sein Zelt drei Tage lang nicht verlassen und mit Niemand gesprochen,“ bemerkte ein Indianer, „und doch weiß er das Geschehene und wer es gethan hat.“

„Seht!“ rief ein Anderer, „er hat das Beil, das der schwarze Falke mitbrachte. – Eben lag es noch bei dem Feuer der Rathsversammlung und Niemand hat es berührt.“

Der schwarze Falke stand auf und sagte seine Meinung klar und einfach: „So thöricht sie sonst auch sein mögen, so sind die Männer mit Hüten doch in einigen Dingen weiser, als wir. Sie lachen über Geister und das thu’ ich auch. Ich habe nie einen Geist gesehen. Nie that je ein Geist mir Böses, noch Gutes, und ich glaube auch nicht, daß sie es können, denn der große Geist selbst ist zu wohlwollend, um seine Geschöpfe zu quälen, die so schon genug leiden müssen. Unser Vater vermag sich selbst los zu machen, wenn er gebunden [75] ist, und seine Hand in kochend heißes Wasser zu stecken und unverletzt herauszuziehen; das kann ich aber auch, obgleich kein Geist mir beisteht. Der Geist, der aus ihm geredet hat, ist entweder ein Traumgebilde, oder ein Lügner. Er hat ihm verkündet, daß die Langen-Messer und nicht die Leute vom Pembina unsere Pferde gestohlen haben. Wer soll das glauben! Pembina ist nur eine Tagereise und die Langen-Messer sind vierzig Nächte von uns entfernt. Wir selbst gehen nie so weit, um Pferde zu stehlen. Aber unser Vater hat reiche Geschenke gern und das Volk aus Mitternacht verehrte ihm viele. Ohne Zweifel war es einer von ihren Geistern, der ihm zuflüsterte, diese große Schmach ungerächt zu lassen, und unsere Weiber und Kinder müssen verhungern, damit nur sein Bauch gefüllt und sein Rücken bedeckt werde. Das soll nicht sein. Ich will nach Pembina, und gehe ich allein und bekomme ich nicht einige Vergeltung für die drei mir gestohlenen Pferde, so will ich meinen Leib da lassen. Unser Vater ist weiser, als ich, und kann viele Dinge vorherschen eben so richtig, wie ich sagen kann, wann es regnen wird und wann trockenes Wetter eintritt. Er sagt, eine Kugel könne seinen Kopf nicht verletzen. Vielleicht laden die Langen-Messer ihre Gewehre nicht stark, aber wenn – “

Hier wurde der kühne Redner unterbrochen, und da seine Ansichten weit über die Begriffe der Mehrzahl seiner Hörer hinausgingen, so erregten seine Worte allgemeines Mißfallen. Langsam und schwerfällig hatte der Pezhutah Wechaschtah sich aufgerichtet, als er den schwarzen Falken unterbrach. „Warte,“ rief er, „die Wolke, die meinen Geist umnachtete, ist fortgezogen, aber der Blitz, der ihn erhellte, flammt noch. Der lügnerische Geist, der mir sagte, wohin die Pferde gebracht wurden, hat mir auch gesagt, was Du im Begriff standest, vorzubringen. Du wolltest mich auffordern, mich Deinem Schusse preiszugeben und dadurch beweisen, daß der große Geist nicht über mich wacht. Ich weiß, warum Du meinen Tod suchest, aber obwohl Dein Herz schwach ist und Du betrogen, fordere mich nicht zu dem Versuche auf.“

„Ich fordere Dich dazu auf,“ entgegnete der schwarze Falke hartnäckig.

„Es sei denn,“ erwiederte der Magier, und sich zu dem Weibe seines Gegners mit einem Blicke des Einverständnisses wendend, befahl er ihm, seines Gatten Gewehr zu holen.

„Es war heute Morgen scharf geladen,“ sagte der Krieger, „und wenn die Kugel ihn nicht verwundet, so sind meine Hand und meine Augen nicht besser, als die einer alten Frau.“

Sein Weib reichte ihm das Gewehr, und nur zwanzig Schritte weit von dem Laufe desselben bot ihm der Zauberer seine breite Brust offen dar. Alle Ermahnungen der Anderen fruchteten Nichts; der Pezhutah Wechaschtah stand unbeweglich und der schwarze Falke prüfte sorgfältig das Schloß seiner Flinte. Langsam schlug er an und zielte; der Zauberer stand noch immer fest wie ein Fels. Nun drückte Jener ab, deutlich hörte man das Pfeifen der Kugel durch die Prairie, aber der Zauberer blieb aufrecht stehen, unberührt und ohne eine Miene zu verziehen. Ein allgemeiner Schrei des Erstaunens und der Bewunderung drang zum Himmel empor.

„Da ist irgend ein Kunstgriff im Spiel,“ sagte der schwarze Falke tief gedemüthigt. „Hat mein Auge seine Schärfe oder meine Hand ihre Sicherheit verloren? Wir werden sehn.“

Bei diesen Worten wandte er sich zu seinem Weibe, das neben ihm stand, sein Pulverhorn und seinen Beutel mit Kugeln haltend, und ließ sich eine andere Kugel geben, die er in seine Flinte lud. Dann scharrte er einen Haufen Schnee zusammen, gerade da, wo der Arznei-Mann gestanden, steckte die Schaufel hinein, schoß und traf das Ziel.

„Seht,“ sagte der Pezhutah Wechaschtah, „das todte Holz blutet über Deine Ruchlosigkeit.“

So war es wirklich. Die Kugel war abgeprallt und hatte einen dunklen rothen Flecken zurückgelassen. Alle Anwesenden verstummten vor Erstaunen. – „Giebst Du nun Deine Absicht auf, nach Pembina zu gehn?“ fragte der Magier.

„Ich habe es gesagt und ich werde gehn,“ erwiederte Jener.

„Der Fuß, der diese Straße wandelt, kehrt nicht wieder. Der Geist, der niemals lügt, hat es gesagt,“ versetzte der Zauberer.

„So wird er auch gesagt haben, daß ich bereit bin und entschlossen, mein Leben zu wagen,“ antwortete der Krieger, der nun sein Antlitz mit Ruß schwärzte, seine Waffen ordnete, andere Mokkassins anlegte und fortzog, seinen Todtengesang singend, denn er ahnte doch, daß er zum letzten Male den Pfad des Krieges wandle. Wenige Tage nachher fand man ihn in einem Walde. Seine Beine waren furchtbar geschwollen und sein ganzer Körper purporroth. Der Frost hatte sichtbar die gänzliche Zersetzung verhindert.

Der Frühling näherte sich und es war dem Pezhutah Wechaschtah noch nicht gelungen, sich mit der Tochter des Häuptlings zu vermählen, „denn,“ sagte der alte Vater, „sie ist mit Dahkinkiah verlobt und er erklärt, es würde mein Tod sein, wenn ich sie einem Anderen gäbe. Er ist das Ebenbild seines Bruders, des schwarzen Falken, und er hält sein Wort. Ich möchte Dir rathen, Dich vor ihm zu hüten; er betrachtet Dich als Ursache von seines Bruders Tode, und Du thust wohl, wenn Du ihn nicht reizest.“ So wich er der furchtbaren Verwandtschaft aus, obwohl des Pezhutah Wechaschtah Ansehen noch gestiegen war durch die Entdeckung, daß eine Gesellschaft Amerikaner die Pferde gestohlen hatte. Diese hatten Hornvieh durch die Prairies von Charenton am Missouri nach Pembina getrieben und auf ihrem Rückwege sich der Pferde als einer guten Beute bemächtigt. Wie der Arznei-Mann dahinter gekommen und auf welche Weise er durch die Mokkassins dem schwarzen Falken den Untergang bereitet, das mögen seine Geister wissen. Sein Stamm sah nur den Zauberer in ihm.

Auf seinen einsamen Streifzügen traf der Arznei-Mann einst einen dritten Bruder des schwarzen Falken, der den ganzen Winter bei den Sioux am Mississippi zugebracht hatte und nun zu den Seinigen zurückkehrte. Der Pezhutah Wechaschtah war der Erste, den er von seinem Stamme sprach. Nach einer kurzen, aber wichtigen Unterredung wandte sich der Jüngling, um seinen Weg fortzusetzen, als der Magier ihm verrätherisch einen Schuß nachsandte, der ihn auf der Stelle tödtete. Der Schiannefluß hatte seine Ufer damals überschwemmt und wälzte große Eisschollen mit sich, von denen die stärksten Bäume umgerissen und fortgetrieben wurden. Der Zauberer warf den Leichnam des Ermordeten in den wüthenden Strom, und dieser war bald zwischen dem Eise zermalmt.

Bald nachher hatte der Pezhutah Wechaschtah eine seiner regelmäßigen Visionen, in der er das gänzliche Erlöschen von des schwarzen Falken Geschlechte prophezeite und darauf hindeutete, daß dem Häuptling des Stammes mit den Seinen dasselbe Unglück drohe, wenn dem Willen des großen Geistes nicht augenblicklich Folge geleistet würde. Der alte Häuptling war dadurch sehr geängstigt und wußte sich nicht zu helfen. In der einen Schale der Wage lagen Dakinkiah’s Zorn, seiner Tochter Neigung und sein eigenes Versprechen – in der anderen abergläubische Furcht, Drohungen und Geschenke. – Endlich suchte er in seiner Noth den Magier auf.

„Ich möchte Dir meine Tochter geben,“ sagte er, „aber wahrlich, ich wage es nicht. Obwohl ich alt bin, ist mir doch das Leben lieb, und meine Tage würden gezählt sein, wenn ich das Geschlecht des schwarzen Falken absichtlich beleidigte. Du hast selbst ausgesprochen, es sei der Wille des großen Geistes, daß Du Dich mit meiner Tochter vermählest. Nun gieb mir einen solchen Beweis des göttlichen Willens, daß der ganze Stamm Wehe über den schreit, der ihm zuwiderhandelt.“

„Wenn ich das thue, wirst Du mir dann Folge leisten?“

Der Häuptling versicherte es auf das Bestimmteste.

Noch an demselben Abende versammelten sich die Aeltesten des Stammes in dem Zelte des Pezhutah Wechaschtah. Sein Nebenbuhler war auch gegenwärtig. Die Pfeife ging rund. Dann stand der Magier auf und sagte:

„Dieser alte Mann hat von mir einen offenbaren und sicheren Beweis gefordert, daß die Vermählung seiner Tochter mit mir des großen Geistes ausdrücklicher Wille sei. Wenn ich ihm einen solchen Beweis gebe, wollt Ihr dann sämmtlich einwilligen, daß sie mein Weib werde?“

Alle willigten unter dieser Bedingung ein.

„So hört. Ihr wißt, daß ich seit langen Jahren nicht in der unteren Gegend war, sowie, daß seit drei Vierteljahren Niemand von dort her zu uns kam. Wenn ich Euch sage, was sich dort an einer besondern Stelle findet, werdet Ihr mit solchem Beweise zufrieden sein?“

Alle stimmten bei und der Liebhaber fügte hinzu: „Ja, denn das ist unmöglich!“

„Wohl denn, so nennt die Stelle.“

Dies wurde abgelehnt, da Keiner von ihnen die Gegend hinlänglich kannte.

„So muß ich also den Ort selbst bezeichnen. Sechs Schritte nach Mitternacht von der Stele, wo der zweite Bach den Weg durchschneidet durch das freie Holz, wenn Ihr von der Prairie der Pfeile kommt, steht eine hohle Eiche. Sendet einen Boten hin; er wird in dem Stamme eine Decke, einige Pfeile, ein Pulverhorn und noch mehreres Andere finden.“ Er bezeichnete nun noch die einzelnen Stücke näher und Dahkinkiah selbst gestand, daß, wenn sich das Alles genau so verhalte, dies vollkommen genüge.

Ein Bote wurde dahin abgesandt und kehrte binnen vier Wochen mit den Sachen, die er sämmtlich an der bezeichneten Stelle gefunden, zurück. Jetzt stand der Hochzeit Nichts mehr im Wege. Die Gäste wurden eingeladen und die Jungfrau begab sich, nach der Sitte der Squaws, in den einsamen Wald, um zu weinen und auf immer von ihrem früheren Geliebten Abschied zu nehmen.

„Er muß einen Geist haben, der ihm dienstbar ist,“ sagte die trostlose Braut.

„Es muß ein böser Geist sein,“ entgegnete der Krieger; „denn nie hörte ich, daß er Jemandem Gutes gethan. Es würde ein großes Glück sein, wenn man ihn aus unserem Stamme vertriebe.“

„Wenn es ein böser Geist ist,“ erwiederte die Jungfrau, „so hat man ihn nur noch mehr zu fürchten.“

„Hätte sich mein Bruder vor bösen Menschen oder Geistern gefürchtet,“ versetzte Dahkinkiah, „so lebte er noch. Es giebt keine Feiglinge in meinem Geschlechte, Wenuna.“

Bei diesen Worten trennten sie sich.

Am nächsten Tage fand die Feier Statt. Das Mahl war bereitet und die Pfeife geraucht. Nichts blieb mehr übrig, als die Braut gewaltsam nach dem Zelte des Bräutigams zu bringen. Dies geschah und der Magier folgte alsbald nach.

Als er eintrat, fand er die Tochter des Häuptlings im Dunkeln, aber nicht in der Einsamkeit. Neben ihr stand ihr Geliebter mit gespanntem Bogen, auf dem ein spitzer Pfeil lag. Er erinnerte sich des Versuches, den sein Bruder gemacht und traute dem Schießgewehr nicht. So wie die Gestalt des Pezhutah Wechaschtah den Eingang verdunkelte, flog diesem der Pfeil bis an das Gefieder in die Brust.

In der Nähe stand ein Pferd an einen Baum gebunden. Dahkinkiah schwang sich hinauf, hob die Braut zu sich und war lange in Sicherheit, ehe man des Zauberers Schicksal entdeckte.

Der Verwundete überlebte seine Hochzeitsfeier nur drei Tage und beharrte bis zum letzten Augenblicke dabei, daß er von der Hand des bösen Geistes gefallen sei. Nach seiner eignen Angabe ward er auf ein lebendes Pferd gesetzt und mit diesem auf der Spitze eines Hügels, der weithin die Gegend übersieht, begraben. Noch jetzt wird diese Stelle dem Wanderer gezeigt als das Grab des Arzenei-Mannes.

(Fortsetzung folgt.)