Ein Capitel vom Fürstendanke

Textdaten
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Autor: H. v. C.
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Titel: Ein Capitel vom Fürstendanke
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 763–765
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Die Mitkämpfer Garibaldi’s
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Ein Capitel vom Fürstendanke.


„Italien ist ruhig!“ – So verkündet – in Folge der Blutthat der Päpstlichen und Franzosen gegen die Garibaldianer bei Mentana am dritten November – der „Moniteur“, die Stimme des kaiserlichen Orakels von Frankreich, von welcher die Weltgeschichte schon so manche unsterbliche Lüge aufgezeichnet hat.

„Italien ist ruhig“ – denn: Garibaldi liegt im Kerker! – So lautet die Logik des Wahns, der das Feuer für erloschen erklärt, wenn die höchsten Flammen erstickt sind. Und doch zittern „die Sieger“ auf dem Boden, der unter ihren Füßen fortglüht.

Es giebt kein traurigeres Zeitbild, als das einer herabgewürdigten Nation: als eine solche steht heute die italienische vor der Welt da, und das Bild dieser Entwürdigung ist um so empörender, je beneideter seit den letzten zehn Jahren durch den plötzlichen Einheitssieg Italien, wenigstens in den Augen der nach gleichem Ziele vergebens ringenden Völker und namentlich der Deutschen, zu sein verdiente.

Wie viele Aehnlichkeiten die Vergleichung der italienischen und der deutschen politischen Zustände auch vor zehn Jahren noch bot, so schien damals doch der italienische Einheitssieg in noch viel weiterer Ferne zu liegen, als der deutsche. Piemont, das Schwert Italiens, war niedergeschmettert, in ganz Oberitalien herrschte das mächtige Oesterreich, in Rom der Papst und Frankreich, in Neapel der eiserne Bourbon. Besaß nun auch Italien an Cavour, Garibaldi und Mazzini drei Männer, welche drei Heere werth waren und von denen wir den letztern mit nennen, weil, trotz der Erfolglosigkeit seiner republikanischen Bestrebungen, seine erstaunliche Wühlerarbeit zur Erweckung und Wacherhaltung des italienischen Volksgeistes wesentlich beitrug, so war doch nicht daran zu denken, daß die Italiener durch ihre eigene Kraft das Joch ihrer (den Papst ausgenommen) sämmtlich fremden Fürsten abschütteln könnten. Cavour’s außerordentlich kluge Benutzung des Krimkriegs zu einem Bunde mit den Westmächten änderte plötzlich die ganze Sachlage um so leichter, je weiter Oesterreich sich von den Westmächten entfernt hatte. Der Erfolg ist bekannt. Napoleon der

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Die Mitkämpfer Garibaldi’s.

Ricciotti Garibaldi.          Nicotera.     Menotti Garibaldi.
                              Oberst Acerbi.

Dritte sprach sein „Frei bis zur Adria!“ aus und hielt sein Wort zur Hälfte. Aber die kleinen Fürstenthümer verschwanden von der italienischen Karte und selbst der Papst verlor seine adriatischen Küstenländer.

Garibaldi war damals sardinischer General geworden und hatte als solcher an der Spitze der Freischaaren siegreich mitgekämpft. Seinen Haß gegen den französischen Kaiser, der noch als Präsident der französischen Republik die römische Republik Garibaldi’s vernichtet hatte, mochte er um Italiens willen eine Zeit lang zurückdrängen; die ungeheuerlichste Nahrung war demselben jedoch vorbehalten durch die Napoleonischen Annectirungen, durch welche sogar die Vaterstadt des großen Vokshelden an Frankreich hingegeben wurde. Eine entschiedenere Todfeindschaft, als zwischen Beiden, trägt die Erde nicht, und sie ist vollkommen gerechtfertigt, denn dieselbe Erde trägt auch nicht noch zwei so schroffe Gegensätze in Wesen und Leben. Garibaldi: der Mann voll Herzensreinheit und großartigster Uneigennützigkeit, der nur im höchsten Glück seines Volks sein höchstes Glück erkennt, der für dieses Ziel Alles wagt und für sich nichts in Anspruch nimmt, als so viel Erde, wie ihn nothdürftig nähren kann unter einem italienischen [765] Himmel; – Napoleon der Dritte: von Alledem das Gegentheil. Da kann von keinem Compromiß die Rede sein, der Kampf zwischen Beiden endet erst mit dem Tode des Gegners.

Und wer steht zwischen Beiden? Nicht mehr der kluge, muthige und entschlossene[WS 1] Cavour, der erst mit der Franzosen Hülfe das kleine Piemont an Oesterreich und dem Papstthum rächte und dann mit Garibaldi’s Hülfe das Königreich Italien aufrichtete, – sondern ein rathloser König, der das Schwert Italiens trug, so lange ihm von einem bessern Manne die Hand dazu geführt wurde, ein zu jeder Verantwortlichkeit unfähiger Mensch, zu schwach zum Dank wie zum Undank.

Ungleich glücklicher, als das ihm so schicksalsähnliche Spanien, stand Italien wie eine Großmacht geachtet da; seinem Königshause waren der Kronen eine um die andere in den Schooß gelegt worden: durch Frankreich die lombardische, durch Garibaldi die sicilische und neapolitanische, durch Preußen die venetianische. Das Königshaus hatte scheinbar Ursache zu vielerlei Dankbarkeit: eine kluge und ehrliche Politik würde ihm jedoch gesagt haben, daß weder Frankreich noch Preußen um Italiens willen zum Schwert gegriffen, sondern daß beide Italien nur als Bundesgenossen benutzt haben in ihren ganz eigene Zwecke verfolgenden Kriegen gegen Oesterreich; beide Mächte haben damit ihren Lohn dahin, abgesehen davon, daß überhaupt kein selbstständiger[WS 2] Staat einem andern durch Dankbarkeit zu besonderen Rücksichten verpflichtet sein darf. Ganz in der Ordnung, eine heilige Pflicht war dagegen die Dankbarkeit des Königshauses und ganz Italiens gegen den Bürger des Landes, der für die Einigung des Reichs das Höchste gewagt, seinem Könige zwei Kronen geschenkt und sich dann wieder an seinen Pflug zurückbegeben hatte, ohne jeden Anspruch auf Lohn, ein zweiter Cincinnatus: Joseph Garibaldi!

Das Königshaus konnte zu solcher Hochherzigkeit sich nicht erheben. Der bürgerliche Wohlthäter erschien den allerhöchsten Kreisen wie ein ewiger Vorwurf, die Dankbarkeit gegen ihn wie ein Flecken am Thron. Dazu drang der Mann auf ehrliches Vorwärtsgehen in der Vollendung des einheitlichen italienischen Königthums auch über den Kirchenstaat, nach dem einmüthigen Wunsch der Nation – und wurde dadurch so unbequem, wie seine einfachen Sitten ihn für Hofcirkel unmöglich machten. So zog sich denn der General in die Verborgenheit Caprera’s zurück, wie ein Löwe auf den Augenblick lauernd, wo ein kühner Sprung ihn mitten auf das Feld der That bringe, während ein Kaiser und ein König jeden seiner Athemzüge belauschen ließen, denn jener haßte, dieser scheute und Beide fürchteten ihn, den einzelnen Mann.

Wie weit diese Scheu und Furcht vor Garibaldi beim Könige und seiner Umgebung geht, davon erzählt man sich folgende Geschichte aus Florenz. Bekanntlich hat die italienische Regierung scheinbar Alles gethan, um Garibaldi vom letzten Freischaarenzug gegen Rom abzuhalten. Man hat ihn gewaltsam auf seine Ziegeninsel zurückgeschafft, man hat dieselbe sorgfältigst durch Kriegsschiffe bewachen lassen, Garibaldi’s Söhne allein leiteten die kriegerischen Operationen im Kirchenstaate. Da ist der alte Held plötzlich von Caprera verschwunden, er ist in Italien gelandet, ja er ist in der Hauptstadt selbst. Sobald dies dem Polizeichef gemeldet wird, eilt dieser zu Ratazzi, um Verhaltungsmaßregeln bittend. Allein dieser, der eben vom Posten des „Premier“ abgetreten ist, weigert sich, die Verantwortung eines Verhaftsbefehls gegen Garibaldi zu übernehmen. Der Polizeichef begiebt sich nun zu Cialdini, erfährt aber bei diesem dieselbe Abweisung und fährt nun am Palast Pitti, der Residenz des Königs, selbst vor, um an höchster Stelle sich Trost zu holen. Der König ertheilt ihm die gewünschte Audienz und nachdem er den Vortrag angehört, steckt er sich eine Cigarre in den Mund und lehnt sich zum Fenster hinaus. Der Polizeichef sieht gehorsam zu, wie die Rauchwölkchen dahinziehen, aber Antwort erhält er nicht. Endlich, etwa nach zehn Minuten geduldigen Harrens, wagt er, des Königs Befehle im vorliegenden Falle sich noch einmal zu erbitten, wird aber wieder nur mit tiefem Schweigen bedient. Was bleibt ihm übrig, als zu gehen und Garibaldi gehen zu lassen, wohin er will? So zog der kühne General unbehindert von Florenz ab, um in’s Römische einzubrechen.

Ja, es ist noch weit mehr geschehen: es wurde im Stillen geduldet, daß viele Officiere und Soldaten aus der königlichen Armee sich den Schaaren Garibaldi’s anschlossen; es wurde dadurch die Meinung verbreitet, daß der alte Kronenverschenker im geheimen Einverständnisse mit dem Könige handele. Wer konnte auch anders denken? Ohne die geringste feindliche Aeußerung marschirten beide italienische Truppenkörper, der königliche und der freiwillige, gleichzeitig im Kirchenstaat vor. Mußten sie nicht in den Päpstlichen und den Franzosen auch gemeinschaftliche Feinde vor sich sehen? Und die Königlichen hielten diesen Glauben aufrecht bis zum Augenblick der entsetzlichsten Entscheidung!

Ein wahrer, muthiger, gerechter und dankbarer König von Italien würde der Stimme der Nation, seines großen Volksgenerals und der Ehre Gehör geschenkt haben; das Gegentheil that der seit dem Tode Cavour’s meisterlos gewordene Victor Emanuel: er beugte sich dem Gebieter in Paris, dem keine höhere Idee vorschwebte, als die selbstische, sein Mexico und Sadowa mit einem zweiten Römerzug zuzudecken, die Heiligen und seine Gemahlin zu versöhnen und wo möglich den Todfeind zu vernichten. Mit den Schlüsselsoldaten fochten die kaiserlichen Rothhosen gegen die im Abzug begriffenen Garibaldianer; gegen die Rebellen exercirte man im Feuer mit den Chassepotgewehren, – und nachdem an den tapfersten und edelsten Söhnen Italiens sich die neue Waffe als trefflich bewährt hatte, besorgten die Soldaten des Königs die Gefangennahme des alten Generals und der Schlachtopfer treuloser Diplomatie. Den Hinterbliebenen aber bezahlt der König die Todten mit fünfzigtausend Francs! –

Eine allgemeinere Niederlage ist noch nicht da gewesen, als die bei Mentana: dort hat Alles verloren – Napoleon den Vormarsch an der Spitze der Civilisation und den letzten Rest italienischer Sympathie, Victor Emanuel den Kranz des Heldenthums und der italienischen Ehre, Italien den Rang einer selbstständigen Macht, das Papstthum den Heiligenschein der christlichen Liebe und Garibaldi den Glauben an sein Volk und seines Volkes Sieg.

Der letztere Verlust – das wünschen wir dem Greise mit der tiefen Herzenswunde – wird vielleicht am ersten ersetzt: alles Andere nie wieder. Denn der Triumphzug, mit welchem den gefangenen Helden die Bewohner von Spezzia ehrten, indem sie selbst seinen Wagen bis zu seinem Gefängniß in Varignano zogen, wird seine Wirkung auf Joseph Garibaldi nicht weniger lebhaft äußern, als auf den König Victor Emanuel die bittere Mahnung jener Bürger von Florenz, welche seiner ehernen Bildsäule, die ihn zu früh ehrte, das Schwert Italiens aus der Hand schlugen.

Von den Helden Garibaldi’s zeigen wir die gefeiertsten unsern Lesern in wohlgetroffenen Bildnissen: General Nicotera und Oberst Acerbi sowie die beiden Söhne Garibaldi’s, Menotti und Ricciotti.
H. v. C.



Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: enschlossene
  2. Vorlage: sebstständiger