Ein Blick in Deutschlands Vorzeit

Textdaten
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Autor: Kurt Lampert
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Titel: Ein Blick in Deutschlands Vorzeit
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aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 730–731
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Ein Blick in Deutschlands Vorzeit.

Je fester der Blick sich rückwärts kehrt ins Leben der Völker, desto verschwommener und unklarer wird alles. Personen und Begebenheiten verschwinden immer mehr im Nebel der Sagen wie einsame Inseln im weiten Meer ragen nur wenige Gestalten schärfer erkennbar aus dem grauen Chaos hervor und schließlich fällt kein Licht der Geschichtswissenschaft mehr in das Dunkel der Vorzeit. Die Historie schließt, die Prähistorie beginnt.

Für Deutschland liegt die Periode der Vorgeschichte nicht allzuweit hinter uns. Während am Euphrat oder am Nil mächtige Kulturreiche herrschten, ja selbst noch zur Zeit hellenischer Blüte und römischer Größe, von welcher wir aufs genaueste unterrichtet sind, war Deutschland ein geschichtsloses

Urnenfriedhof.   Steingrab.  

Land. Keine Aufzeichnungen melden uns aus diesen Zeiten vom Leben und Thun der Bewohner unseres Vaterlandes, kein Geschichtsschreiber hat die Thaten früherer Heerführer, die Verschiebungen der Völkerstämme der Nachwelt aufbewahrt.

Aber auf anderem Wege vermögen wir dennoch uns ein Bild zu machen von der Kulturhöhe der vorgeschichtlichen Bewohner Deutschlands – ein Bild, welches in den letzten Jahrzehnten immer mehr an Schärfe gewonnen hat, und das Material, auf welchem wir fußen, ist das denkbar beste, es sind Ueberreste aus jener Zeit selbst, die mit beredten Worten zu uns sprechen im treuen Schoß hat die Erde uns diese Zeugen einer längst vergangenen Zeit bewahrt.

Was dem Höhlenbewohner im täglichen Leben verloren ging, um dann im schützenden Grunde der Höhle durch Jahrtausende bewahrt zu bleiben, was beim Brand der Pfahlbaudörfer in den Schlamm am Grund des Sees versank, was pietätvoller Sinn den Verstorbenen mit ins Grab gab, die Waffen des Mannes, den Schmuck der Frau, das Spielzeug des Kindes: die Wißbegierde unserer Zeit zieht es ans Tageslicht und vor unserem geistigen Auge entsteht ein längstvergangenes Geschlecht; wir kennen seine Hantierung und Lebensweise, seine Kleidung und seine Waffen, ja selbst über seine Handelsbeziehungen giebt uns der eine oder andere Fund Aufschluß.

Freilich, nur der Kundige vermag zu erkennen, welch hohe Bedeutung ein Knochenstück, ein

Skelettgrab und Hügelgrab.

Thonscherben, ein Bronzekrug oder eine Eisenperle vielleicht besitzt, und mit Schmerz fragt sich der Forscher, wie oft ein wertvoller Fund der Wissenschaft verloren gehen mag. Achtlos wird beiseite geworfen, was die Pflugschar des Landmanns oder die Picke des Eisenbahnarbeiters zu Tage fördert, und nur zu oft öffnet müßige Neugierde ein sogenanntes ’Hünengrab’ und von den Funden wird nur die glänzende Bronze genommen, das andere verschleudert.

Um in weitere Kreise, besonders der Bewohner des flachen Landes, welche am ehesten Gelegenheit zu prähistorischen Funden haben, Interesse und Verständnis für diese meist so unscheinbaren Dinge zu tragen, sind mehrfach schon sehr praktische Wandtafeln publiziert worden, die im Bilde die wichtigsten Funde vor Augen führen. Nachdem vor Jahren von dem bekannten Major v. Tröltsch eine prächtige Fundkarte für württembergische Altertümer herausgegeben worden ist, liegt eine weitere ähnliche Karte für die Provinz Hannover im Verlag von Theodor Schulze’s Buchhandlung in Hannover vor.

An der Hand charakteristischer, kolorierter Abbildungen werden wir durch die ganze Kulturentwicklung der Bewohner Deutschlands hindurchgeführt, von der grauesten Vorzeit bis in die neugeschichtliche Periode. Kleinere Abbildungen zeigen uns ferner die charakteristischen Begräbnisformen der Vorzeit (vergl. unsere Abbildungen), die uns in ihren Beigaben die wichtigsten Anhaltspunkte für prähistorische Forschung liefern; da sehen wir ein altes Steingrab, dann die Beisetzung des Leichnams in Flachgräbern, ein einzelnes Hügelgrab, in dessen Mittelpunkt die Urne mit den Brandresten des Abgeschiedenen steht, Denkmäler pietätvoller Beerdigung, die durch ihre oft ganz enorme Größe heute noch die abergläubische Phantasie der Umwohner wach halten, leider aber auch stets die Habsucht der Menschen erregte, und endlich ist auf der Tafel ein Urnenfriedhof dargestellt, wohl der Bestattungsplatz der gewöhnlichen Bevölkerung, der nicht ein eigenes Denkmal in Form eines künstlichen Hügels geschichtet wurde.

Steine, Knochen und das Horn der Geweihe erlegter Jagdtiere bildeten das erste Material für Geräte und Waffen der prähistorischen Menschen. Mit scharfem Schlag wurden vom Feuerstein, Kiesel und ähnlichen Gesteinsarten Späne abgesplittert; sie dienten als primitive Messer und Schaber zur Verarbeitung der Felle, auch Pfeil- und Lanzenspitzen wurden aus Feuerstein geschlagen, und durch kleine Unterbrechungen in der unteren Kante des Messers entstand die Säge. Das war die Zeit des gehauenen Steines, die ältere Steinzeit, die paläolithische Zeit; mit ihr tritt überall der Mensch in die erste Kulturperiode ein. In Deutschland streifte damals unter anderem verschwundenem Getier noch das Ren umher und seine Geweihe bildeten für den Steinzeitmenschen willkommenes Material; mit Mühe und Geduld wurden lange Pfriemen und spitze Nadeln aus dem Geweih herausgeschnitten.

Aehnlich wurde das Geweih des Hirsches in den Gegenden verarbeitet, wo statt des Rens dieser stolze Waldbewohner gejagt wurde. Daß auch auf dieser niedrigen Kulturstufe der Mensch bereits Sinn hatte für Schmuck, beweisen die durchbohrten Tierzähne, z. B. vom Höhlenbären, Hund, Fuchs usw. welche sicher als Halsband getragen wurden, wie wir dies noch heute bei den Eingeborenen der Südsee sehen.

Viele, viele Generationen mögen mit dem roh behauenen Stein sich beholfen haben, bis allmählich die Kenntnis Boden gewann, den Stein zu schleifen und zu glätten. Axt, Hammer und Beil wurden die Typen für Waffen und Werkzeuge dieser Periode. Manche Funde zeigen uns, wie der Mensch es verstand, den Stein geschickt in die Krone eines mächtigen Hirschgeweihes zu fassen, und solch ein Stück, welches noch heute unsere Freude erregt, war sicher der Stolz seines Besitzers. In der neuen Technik wurde zum Teil neues Material verwendet, welches sich nach seinen physikalischen Eigenschaften besonders eignete, und die Menschen besaßen augenscheinlich große Kenntnis in der Auswahl der Gesteinsart. Vielleicht herrschten schon zu dieser Zeit weithin Handelsbeziehungen, und bekannt ist die lange erörterte Streitfrage, woher die prähistorischen Bewohner des mittleren Europas das Material zu den prächtigen Nephritwerkzeugen nahmen, die man z. B. in einigen größere Seen der Alpen gefunden, ob sie es auf Handelswegen von China, der Heimat dieses schönen Steines, erhalten, etwa selbst von da mitgebracht, ober ob sie, was die heute herrschende Ansicht ist, in der Nähe ihrer Wohnorte etwa doch das Gestein selbst gefunden. Auf unseren [731] Abbildungen sehen wir, daß manche dieser schöngeglätteten Steinbeile auch ein Loch zum Einfügen eines Stieles hatten. Neben Stein-, Knochen- und Horngeräten zählen zu den Funden aus jener weit zurückliegenden Zeit auch Thongeräte. Wir finden bereits Urnen, mannigfach verziert mit eingestochenen oder eingedrückten Ornamenten, in der untenstehenden Abbildung sehen wir einen Thongegenstand, der wahrscheinlich als Netzbeschwerer zu deuten ist, wissen wir doch, daß zu der Zeit der neolithischen Periode (in dem jüngeren Steinzeitalter) die europäischen Bewohner vielfach auf Pfahlbauten wohnten und wohl erfahren waren im Stricken von Netzen. Während in der paläolithischen Zeit wohl jeder sich seine bescheidenen Geräte und Waffen selbst verfertigte, mag es in der neolithischen Zeit schon zu einer Arbeitsteilung gekommen sein und die hübschen geglätteten Steinwaffen mögen von bestimmten Künstlern hergestellt worden sein, wofür die gelegentlichen häufigen Funde an einem und demselben Orte sprechen.

Eine neue Aera der Kulturgeschichte begann mit der Einführung und Kenntnis der Metalle. In einigen Gegenden Europas scheint zuerst das reine Kupfer verwendet worden zu sein, aber jedenfalls handelt es sich hierbei um eine kurze und vielleicht gar nicht allgemein verbreitete Periode. Rasch folgte die Bronzezeit. Der prähistorische Mensch hatte nicht nur gelernt, die metallhaltigen Erze zu verhütten, sondern er machte auch die Entdeckung, durch Legierung von Kupfer und Zinn, welche beiden Metalle oft weither auf Handelswegen bezogen werden mußten,

1. Axt. 2. Hohlmeißel von Feuerstein. 3. und 4. Steinhammer. 5., 6., u. 7. Steinkern und abgehauene Späne. 8. Beil von Feuerstein. 9. Axt von Hirschhorn. 10., 11. u. 12. Perlen von Bernstein. 13. Durchbohrter Tierzahn. 14. Pfriemen aus Knochen. 15. Netzbeschwerer von Thon. 16. Lanzenspitze von Feuerstein. 17., 18. u. 19. Pfeilspitzen von Feuerstein. 20., 21. u. 22. Thongefäße.
Aus der Steinzeit.

die schöne goldglänzende Bronze zu erzeugen. Sie bildete nun das Material zur Herstellung von Waffen, Gerätschaften und Schmucksachen und bald entwickelte sich eine hohe Technik. Die zahlreichen Funde, die wir aus der Bronzezeit besitzen, deren Höhepunkt für Europa etwa in die Mitte des ersten Jahrtausends v. Chr. fällt, darunter auch Gußformen, in welchen die Bronzesachen. gegossen wurden, zeigen, daß die Herstellung der mannigfaltigen Gegenstände in den Händen professioneller Handwerker, ja wir dürfen sagen Künstler, ruhte. In den einzelnen Ländern machte sich bereits ein verschiedener Geschmack in der Ausführung geltend, so daß wir z. B. mit Recht von einem schwäbischen Stil der Bronzezeit reden können. Auf der Fundtafel. welche uns die Veranlagung zu dieser Skizze gab, ist eine Reihe charakteristischer Bronzegegenstände abgebildet, schöne Schwerter und Dolche, Messer und Sichel, eigentümliche Streckäxte, sogenannte Kelte, und verschiedene Schmucksachen in deren geschmackvoller Darstellung die Bronzezeit hervorragte. Da finden sich Arm- und Beinringe, oder lange, ebenfalls als Armschmuck getragene Spiralen, beide Sorten sehr an ähnlichen Schmuck bei den heutigen Eingeborenen Afrikas erinnernd, ferner schön verzierte Schildbuckel, künstlerisch ausgeführte Nadeln, und vor allem begegnen wir in allen nur denklichen Formen und Ausführungen einer Fülle von sogenannten Fibeln oder Gewandnadeln, den Vorläufern unserer heutigen Sicherheitsnadeln, welche jedoch von ihren Vorbildern aus der Bronzezeit an künstlerischem Geschmack und Eleganz der Form himmelweit übertroffen werden.

Als Hauptfundort aus der Bronzezeit ist das große Gräberfeld bei Hallstadt im Salzkammergut bekannt geworden, so daß man von einer Hallstadter Periode in der Kulturentwicklung der Menschheit spricht. Reichtum und Prunkliebe charakterisierten diese Bevölkerung, deren Erzeugnisse wir noch heute nach Jahrtausenden bewundern. Hoch war auch die Töpferei in Herstellung prächtig ornamentierter Urnen entwickelt. Als Schmuck fand der weither durch Handelsbeziehungen erhaltene Bernstein, aber auch Gold Verwendung, allmählich gesellt sich als weiteres Schmuckmetall – das Eisen hinzu. Nicht als Material zur Herstellung von Gebrauchsgegenständen, sondern als kostbare Verzierung findet es zuerst Verwendung. Aber sowie es einmal bekannt geworden ist, werden bald seine trefflichen Eigenschaften immer mehr gewürdigt, und nachdem man die Verarbeitung desselben erlernt hatte, wurde die Bronze immer mehr verdrängt. Die Menschheit tritt aus der Bronzezeit in die Eisenzeit. Auch diese Periode trägt nach einem an charakteristischen Erzeugnissen besonders reichen Fundort, der Pfahlbaustation von La Tène bei Marin am Neuchatellersee, einen besonderen Namen: La Tène-Zeit. Hier wurden prächtige Eisenschwerter gefunden, bis 95 cm lang und mit zweischneidiger bis nahe zur Spitze gleich breiter Klinge, die Scheide bestand aus zwei Blättern von Eisenblech; außerdem grub man Pfeile, Messer, Scheren, Kessel, Nadeln und allerlei andere praktisch gearbeitete Gebrauchsgegenstände aus; der Schmuck trat zurück in dieser Zeit, vielen Funden ist eine gewisse Nüchternheit eigen, wozu freilich beigetragen haben mag, daß beim Eisen technische Schwierigkeiten der Entfaltung des Formenreichtums, wie wir sie aus der Bronzezeit kennen, hindernd entgegentraten. Die La Tène-Zeit ist etwa von 500 v. Chr. bis 100 n. Chr. zu setzen. Bereits fällt für einen Teil Germaniens ein schwaches Licht geschichtlicher Forschung in das bisherige Dunkel. Die germanischen Stämme trafen im Grenzkrieg zusammen mit den Kohorten Roms, und bald herrschte der römische Adler über weite Gebiete. In Kastellen und Wällen, in Städtegründungen und Anlage von Heerstraßen, aber auch in Hunderten von kleineren Gegenständen, Figürchen, Glassachen und anderen zum täglichen Leben und zum Schmuck des Daseins gehörigen Dingen, die heute der Spaten des Altertumsforschers ausgräbt, haben die Römer Zeugen ihrer Anwesenheit auf deutschem Boden hinterlassen.

Allein das mächtige Römerreich zerfiel, über ganz Europa wälzten sich die erregten Fluten der Völkerwanderung hin und noch einmal sind wir für diese Zeit der Gärung fast ausschließlich auf die Funde, die der Boden uns liefert, angewiesen. Die Logik des Spatens tritt noch einmal an die Stelle der geschriebenen Geschichte. Im ganzen zeigen uns all diese Funde eine reiche Kultur und hohe Technik. Tauschierungen mit Silber und Bronze, reiche Verwendung von farbigem Glasfluß, aber auch von Gold und Edelsteinen, besonders an den großen Scheibenfibeln, die oft verschwenderisch reich besetzt und künstlerisch ausgeführt sind, ferner eine besondere Formenfülle der oft kostbar gravierten und gold- und steingeschmückten Waffen, die in dieser kampfesfrühen Zeit sicher den größten Stolz ihres Besitzers bildeten, sind die besonderen Merkmale der Gräberfunde aus der Völkerwanderungszeit in Deutschland. Allmählich klären sich die Zustände und von dem bunten namenlosen Gewirr heben sich einige Personen ab, zuerst noch schemenhaft und besser bekannt durch ihre Verherrlichung in Sage und Dichtung als durch die exakte Forschung, bis voll und scharf das mächtige Geschlecht der Karolinger uns vor Augen tritt und für unsere Heimat die Vorgeschichte endgültig abgelöst wird von der Geschichte.
Dr. K. Lampert.