Textdaten
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Autor: Ferd. Groß
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Titel: Eduard Bauernfeld
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aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 581, 607–608
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1890
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Eduard Bauernfeld.
Nach einer Photographie von Krziwanek in Wien.

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Eduard Bauernfeld.

Nachdem er fast neunzig Jahre gelebt und fast siebzig Jahre litterarisch geschaffen, ist Eduard Bauernfeld am 9. August d. J. dahingegangen. Er hatte bis über die Schwelle des Patriarchenalters hinaus sich die geistige und körperliche Rüstigkeit in so hohem Maße bewahrt, daß man kaum daran dachte, auch er werde der Natur den unvermeidlichen Zoll entrichten müssen. Das Selbstverständliche hat sich nun vollzogen, und es mutet uns merkwürdigerweise wie etwas Verwunderliches an - uns Wiener nämlich , die wir uns gewöhnt hatten, den aufrechten Greis wie ein ewiges Wahrzeichen deutsch-österreichischen Schriftthums leiblich unter uns wandeln zu sehen.

Bauernfeld, geboren in der österreichischen Hauptstadt am 13. Januar 1802, hat dem Theater mehr als hundert dramatische Werke geschenkt: [608] jede erdenkliche Gattung, von der Tragödie in Versen auf dem Umwege über die aristophanische Satire bis zu dem leichtest beschwingten Lustspiele moderner Gattung. Daneben lieferte er Erinnerungen, Epigramme, dramaturgische Abhandlungen, Romane, und als Uebersetzer drang er in Shakespeare ein und schulte an Boz-Dickens seinen Humor. Nicht alles, was er hervorbrachte, ist gleichwerthig; wer so viel schafft, thut oft einen Fehlgriff. So kommt es, daß auf seiner Rechnung Erfolge und Niederlagen einander an Zahl schier die Wage halten. Aber ein großer Theil seiner Schriften weist bleibenden Werth auf, nicht nur als dichterische Bethätigung an und für sich, sondern auch als Beitrag zur geistigen Entwicklungsgeschichte seines Vaterlandes. Ganz und gar kann er nur verstanden werden aus der Kultur und Politik Oesterreichs heraus. Er fühlte sich stets als Deutscher und betonte dieses Bewußtsein, wo sich ihm Gelegenheit bot, oder richtiger, wo er sie herbeiziehen konnte. Dabei hing er an der Scholle, auf welcher er geboren und emporgewachsen war, und so eindringlich er das Metternichsche „System“ bekämpfte, das in seiner Jugend schwer auf ihm lastete, und so beredt er die Fehler, Verletzungen und Sünden der Heimath geißelte – sie war ihm allezeit theuer, er konnte sich nicht von ihr losreißen, er brachte es nicht über sich, das Beispiel mancher österreichischen Schriftsteller des Vormärz zu befolgen: den österreichischen Staub von seinen Schuhen zu schütteln und auszuwandern. Es waren keine persönlich selbstsüchtigen Gründe, welche ihn zum Ausharren veranlaßten, denn sein Staatsbeamtenthum – er war damals bei der Lotteriedirektion angestellt – nahm er nie sehr ernst, und Weib und Kind, welche andere festhielten, hat er, der als alter Junggeselle gestorben ist, nicht besessen.

Im Jahre 1844 wurde sein historisches Schauspiel „Ein deutscher Krieger“ zum ersten Male gegeben. Die österreichische Censur bewies daran die ganze Planlosigkeit ihres Thuns. Sie gestattete 1849 die Aufführung in einer Festvorstellung zu Ehren Radetzkys, dem der deutsche Einheitsgedanke wahrlich sehr ferne lag; einundzwanzig Jahre später, 1870, verbot sie es an mehreren Provinztheatern. Was Bauernfeld in seinen Lebenserinnerungen über die Erfahrungen berichtet, welche er mit der Censur gemacht hat, bildet überhaupt ein merkwürdiges Kapitel. Sein „Großjährig“, eine Art Prolog zur Revolution wurde 1846 zur Vorstellung am Burgtheater zugelassen. Mächtige Gönnerschaft war die Ursache. So durfte im Hause des Kaisers schärfste Kritik an der Bevormundung des Volkes, an Erzherzog Ludwig, dem damals allmächtigen Prinzen, und an dem Minister Grafen Kolowrat unter einem leichten, durchsichtigen Mäntelchen geübt werden. Auch der „Neue Mensch“, ein lustspielhafter Epilog zur Revolution, wurde am Burgtheater dargestellt. Solche Zulassung geschah keineswegs aus vorurtheilsloser Auffassung, sondern aus jenem Mangel an leitenden Grundsätzen, der sich leicht geltend macht, wo Gewalt und Willkür aus einer Uebertreibung in die entgegengesetzte verfallen. Damals mußte das Publikum verstehen, zwischen den Zeilen zu lesen und zu hören, der Dichter mußte, um eine nach „oben“ mißliebige Wahrheit zu verkünden, die Kunst der „Anspielungen“ handhaben, das Bedenkliche in den Schleier der Harmlosigkeit hüllen. Die Wiener jubelten im Jahre 1846, als der Komiker Beckmann als „Schmerl“ (lies: „Schmerling“) unter der Weste ein schwarz-roth-goldenes Band hervorzog und flüsternd fragte: „Was ist des Deutschen Vaterland?“ Und sie verriethen deutlich ihr Verständniß, als in diesem Stücke dem jungen Hermann – er bedeutete das österreichische Volk – gesagt wurde: „Sie sind im Mannesalter und lassen sich am Gängelbande leiten; Sie besitzen reiche und blühende Ländereien, die unter fremden Händen verwildern; Sie haben Unterthanen, die man verwahrlost und unterdrückt; Sie sind ein Diener, ein Knecht, wo Sie Herr und Gebieter sein könnten“ … Und deutsch wie der Jüngling und der Mann war auch Bauernfeld der Greis. Im Jahre 1870 veröffentlichte er eine satirische Dichtung, welche vom Drama nichts als die äußere Form angenommen hatte: „Die Vögel, oder: die Freiheit in der Luft, oder: der Ausgleich“. Darin spricht er die Aufgabe des Vaterlandes begeistert aus: „Ost-Reich werde, was dein letztes, schönstes Ziel! Deutsch-Oesterreich!“

Selbst in der flüchtigsten Skizze von Bauerfelds Wesen – wie sie in der ersten Stunde nach seinem Tode sich einem formen mag – muß betont werden, daß Bauernfeld eine doppeltes Antlitz besaß. Auf der einen Seite beschäftigte er sich – unter Anwendung des landesüblichen Lustspielarsenals – harmlos und guthmüthig mit dem kleinen Getriebe des Salons, des Kurortes des alltäglichen Lebens – auf der anderen Seite trat er als ausgesprochen politische Persönlichkeit auf. In sein Privatdasein wie in seine schrifstellerische Wirksamkeit griff die Politik allezeit bestimmend ein. In das Frankfurter Parlament gewählt, konnte er das ihm gewordene Mandat nicht ausüben, weil er plötzlich schwer erkrankte. Ein anderes Mal handelte er als Volksvertreter ohne jeden Auftrag, auf eigene Faust. Der Absolutismus, der es verstand, zuweilen recht patriarchalisch aufzutreten, ließ manches Geschehniß zu, das heutzutage undenkbar wäre. So konnte sich Bauernfeld, seines Zeichens Lottodirektionsadjunkt mit 400 Gulden Jahresgehalt, in den Tagen der Bewegung – er kennzeichnet die damaligen Zustände selbst als „gemüthliche Anarchie“ – in Begleitung des Dichters Anastasius Grün (Graf Auton Auersperg) in die Hofburg begeben, dort, ohne zur Audienz gemeldet zu sein, eine Unterredung mit Erzherzog Franz Karl, dem Vater Kaiser Franz Josefs, begehren und – erhalten. Der kleine Beamte durfte dem Erzherzog die Bitte vorlegen, Kaiser Ferdinand möge eine Verfassung verleihen, und mit dem Versprechen einer solchen verließ er das Haus des Kaisers …

Der naiven Seite seines Wesens gab er in Stücken Ausdruck wie „Bürgerlich und Romantisch“, „Das Liebesprotokoll“, „Das Tagebuch“, „Helene“, „Das letzte Abenteuer“ etc. Für politische Glaubensbekenntnisse wählte er, wie schon hervorgehoben, zu wiederholten Malen das Drama als Gefäß. Nirgends aber hat er sich so kräftig Luft gemacht in seinem Ingrimm gegen das Metternichsche Oesterreich wie in der zweibändigen Schrift „Die Freigelassenen. Eine Bildungsgeschichte aus Oesterreich“. Das Motto lautet vielsagend: „Wir alle leben vom Vergangenen und gehen am Vergangenen zu Grunde.“ Nicht undeutlich läßt dieses Buch die Meinung des Verfassers errathen, daß ein Volk, geradeso wie der einzelne, an den Sünden der Väter schwer zu tragen habe.

Sollen wir kurzweg sagen, in welchem seiner Stücke die ganze Eigenart des Dramatikers Bauernfeld sich uns am schärfsten auszuprägen scheint, so müssen wir sein „Aus der Gesellschaft“ nennen. Da führt Bauernfeld die Vorzüge des Bürgerthums gegen die überkommenen Fehler des Geburtsadels ins Feld, ohne doch dabei zu vergessen, daß er für das Burgtheater schreibt, dessen Logen durchweg von der Aristokratie besetzt sind; und so wendet er sich nur gegen jene Adeligen, welche hinter der Zeit zurückbleiben und nicht einsehen, daß heute ihre Aufgabe eine andere sei als ehedem, und er führt den anderen, den richtig geschulten und entwickelten Abel in einem Prachtexemplar vor, in dem Fürsten Lübbenau der – über alle Schranken sich kühn hinwegsetzend – die bürgerliche Magda Werner heirathet und auf die ihm geäußerten Bedenken erwidert: „Ich denke, ich habe Adel genug für uns beide“ … Und selbst der alte Graf Feldern hat bei aller Kleinlichkeit, Beschränktheit und Schwatzhaftigkeit einen Zug von Ritterlichkeit, welcher den streitbaren Charakter des Stückes mildert.

In den letzten Jahren übte Bauernfeld Witz und Ironie in scharfen Stachelversen. Was er noch für die Bühne versuchte, hatte nichts mit Kampf, nichts mit Angriff zu thun. Auf dem Sterbebette beschäftigte er sich mit einem Lustspiele „Die Hitzköpfe“. Ob es gut ist oder nicht – jedenfalls darf man begierig sein, zu erfahren, was der Spätwinter dem Dichter gezeitigt hat. An Ueberraschungen hat Bauernfeld es nie fehlen lassen. Glaubte er selbst sich schon verloren, so schnellte er stets von neuem wieder empor. Im Januar 1888 veröffentlichte er ein Gelegenheitsgedicht, in welchem er unter anderem wehmüthig äußert:

„… seit gestern zähl’ ich volle Sechsundachtzig,
Und da hat man keine Schreibelust mehr.“

Acht Monate später trat er mit dem Trauerspiele „Alkibiades“ hervor. Im Alter von 26 Jahren hatte er zum ersten Male Alkibiades, den „unsteten Helden und Frauenliebling“, zur Hauptperson eines Dramas gemacht; dieses blieb Bruchstück, und fünfzig Jahre später führte er es aus; aber die Arbeit genügte ihm nicht, und so vollbrachte er zweiundsechzig Jahre nach der ersten Fassung die – wie er sich ausdrückt – hoffentlich letzte Bearbeitung nach einem neuen Plan … Jetzt allerdings ist’s vorbei. Das Schlußkapitel eines Lebens voll Bewegung und voll fruchtbarer Emsigkeit ist beendet. Bauernfelds Hand wird keine Feder mehr führen, aber das Erbe, welches er hinterläßt, wird noch kommenden Geschlechtern erzählen, wie reich dieser Mann gewesen ist. Ferd. Groß.