Textdaten
Autor: Alexander Solomonica
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Titel: Die vierte Schwester
Untertitel:
aus: Die Fackel Nr. 301–302, S. 33–35
Herausgeber: Karl Kraus
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 3. Mai 1910
Verlag: Die Fackel
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Erscheinungsort: Wien
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Originalherkunft:
Quelle: Internet Archive, Commons
Kurzbeschreibung:
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[33]
Die vierte Schwester
Von Alexander Solomonica

Ich habe drei kleine Schwestern. Vor längerer Zeit träumte mir, ich hätte bloß zwei. Dies muß indes richtig verstanden werden, in der Welt meines Traumes gab es bloß zwei, und von der Existenz der dritten wußte ich überhaupt nichts. Dort hatte sie vielleicht keine Berechtigung oder auch keine Möglichkeit, zu leben. Dort war sie nie vorhanden gewesen, nichts erinnerte an sie; sie ließ auch keine logische Lücke in der Entwicklung der Verhältnisse [34] zurück. Vielmehr entwickelten sich jene (im Traume) organisch weiter, nur daß der Faktor meiner dritten Schwester in ihnen von vornherein gestrichen war. Als ich dann erwachte, war es mir, als würde ich von einer ungeheuren Feder emporgeschnellt. Eine andere Ebene nahm mich auf, auf der sich nun auch die verloren gegangene Schwester befand. Nur schwer konnte ich mich an die Vorstellung ihrer Existenz gewöhnen. Nach und nach aber fiel mir die ganze Wirklichkeit wieder ein und ich wunderte mich dann fast gar nicht mehr, als ich sie in Person sah und sie mir zunickte.

Unlängst ging es mir umgekehrt. Ich lernte im Traume meine vierte (etwa vierzehnjährige) Schwester kennen. Auch dies ist wieder falsch ausgedrückt, denn ich lernte sie nicht kennen, sondern bewegte mich in einer Welt, in der wir beide seit jeher heimisch waren. Anfangs benahm ich mich jedoch, wie das begreiflich ist, verwirrt und ungeschickt. Ich bemerkte sie mit Befremden, sie kam aber rasch auf mich zu, denn ich war gerade von einem Spaziergange zurückgekehrt. Zutraulich legte sie den Arm um meinen Hals und küßte mich. Ich betrachtete aufmerksam ihre weiße Stirn, ihre blauen Augen, ihr – wie immer – sehr ernstes Gesicht. Es fiel mir auf, daß sie einen großen Hut trug. Eli … Eli … stotterte ich und dann fand ich den Namen: Elisabeth! Sie sprach freundlich mit mir und half, ohne es zu wissen, meinem verdunkelten Gedächtnisse nach, so daß es sich, wie es in solchen Fällen zu sein pflegt, rasch, ja blitzartig erhellte.

Nun übersah ich die Ereignisse ihres Lebens und bemerkte, wie sie sich lückenlos, was Gegenwart und Vergangenheit anbelangt, in die gegebenen Verhältnisse fügten. Ihr Faktor war in die Rechnung eingestellt. Da ich noch immer auf der Hut war, so erstaunte ich anfangs darüber sehr. Bald aber wurde dies für mich bedeutungslos. In demselben Maße, in dem ich das Bewußtsein und den Einwand des Traumes mit Verachtung von mir streifte, ermaß ich die Nebensächlichkeit jener logischen und doch zufälligen Beziehungen. Ihre Umschaltung war selbstverständlich, ein technischer Handgriff, weiter nichts. Alle Dignität beschränkte sich auf die Person, kam in ihrem Gefolge und lebte geradezu von ihrer Gnade.

So durch die Kraft des Willens, der seine Dimension verdoppelte, [35] zwischen zweien Welten schwebend, ja, die endlose Kluft zwischen beiden ständig durchmessend, gedachte ich der ungelösten Schauer, die im Wachen meines Zweifelns besseres Teil gewesen waren. Dort fehlte mir etwas, aber seine Synthese, die ich hier erlebte, versuchte ich nicht. Ich sammelte mich nicht, um das Wertvolle, aber Einzige und Unteilbare zu erfassen, ich entwertete es vielmehr, da ich es zersplitterte. Und je weiter ich mich von einem Ursprünglichen entfernte, je näher wähnte ich an seine Quelle gelangt zu sein. Doch hier bin ich meiner Qual enthoben. Ich finde meine Schwester vor und das ist keine Täuschung! Die Energie, die ihren Bewegungen entströmt, hat auch mich gefördert, den Schmerz, der ihre Lippen gepreßt und schmal macht, habe ich mitverschuldet. Aber ich verschwendete ihre Energie und entheiligte ihren Schmerz. Nun sehe ich die untrüglichen Umrisse ihrer Gestalt, ihres Antlitzes unverkennbaren Ausdruck, ihres Lächelns eigentümliche Melancholie. Auch sie ist ein Problem, aber es birgt die Lösung in sich. Nichts in der Welt ist ihr vergleichbar, ja, nichts in der Welt ist neben ihr vorhanden. Sie spottet des Gemeinsamen, das sie zu erniedrigen scheint, da sie es selbstschöpferisch in jedem Augenblicke neu erzeugt. Sie ist sich selbst die einzige Instanz und souveräner als ein Fürst, weil ihr die Untertanen fehlen. Wäre es nicht kleinlich, an ihrer Existenz zu zweifeln, da ihre Giltigkeit über jeden Zweifel erhaben ist? Und ist es umgekehrt nicht verstimmend, wenn zwei Menschen einander läppisch ähnlich sehen? Ist nicht gar der Gedanke, daß irgendwo mein Doppelgänger herumläuft, der entsetzlichste und verruchteste, da er doch dem Gesetze der Welt Hohn zu sprechen scheint?

Ihr unvergängliches Wesen aber mit Worten beschreiben oder auch nur festhalten, das kann ich nicht. Ich müßte denn das Chaos ausschalten, das an sie grenzt und so ihrer Form teilhaftig ist. Und fühlte ich auch die Kraft dazu in mir, was nützt es mir jetzt, da ich erwacht bin, da sie mir entschwebt und, wie ich weiß, mir für immer verloren ist.