Textdaten
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Autor: Carl Falkenhorst
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Titel: Die silbernen Wolken
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aus: Die Gartenlaube, Heft 24, S. 394–397
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die silbernen Wolken.

Ein Rückblick auf die Krakatoaforschung. Von C. Falkenhorst.

Wer an den Juni- und Juliabenden der letzten Jahre einige Zeit nach dem Sonnenuntergang seinen Blick auf den westlichen Himmel richtete, der konnte, wenn ihm das Glück hold war, jene seltsame Erscheinung beobachten, welche unter dem Namen der „silbernen Wolken“ oder „leuchtenden Nachtwolken“ als eine besondere Gruppe der leichten luftigen Gebilde in die meteorologische Wissenschaft eingeführt wurde. Der ungeübte Beobachter wird sie leicht mit jenen feinen Wolken verwechselt haben, die Cirrus- oder Federwolken genannt werden. Anders der Naturforscher. Er weiß, daß die Cirruswolken, wenn sie am Dämmerungshimmel erscheinen, höchstens in der ersten Viertelstunde nach dem Sonnenuntergang glänzen, dann aber dunkler aussehen als der Dämmerungskreis, in dem sie sich befinden. Wird auch dieser dunkler, so verschwinden sie im allgemeinen nicht, sie verändern nur ihr Aussehen, indem sie nun heller erscheinen als der ihnen zunächst liegende Theil des Nachthimmels. Die leuchtenden Nachtwolken strahlen aber im Augenblicke ihrer höchsten Entwickelung in einem silbernen Glanze, welcher dem Lichte des über dem Osthorizonte stehenden Mondes gleich ist, wenn die Sonne gerade untergeht. Dabei sind sie nur am Dämmerungshimmel und in dessen nächster Umgebung zu sehen; sinkt die Sonne tiefer unter den Horizont und weicht auch die Dämmerung dem dunklen Fittig der Nacht so verschwinden sie, löschen aus, bis auch ihre letzten Spuren am Horizonte erblassen.

Magisch, räthselhaft unheimlich ist das Erscheinen dieser Gebilde. Seit wann kennen wir diese silbernen Wolken, wer zaubert sie hervor, wie hoch schweben sie über unsern Häuptern? Das sind Fragen, die sich dem Forscher aufdrängen und die zum Theil auch beantwortet worden sind.

Was dort glänzt am nächtlichen Himmel in den lauen Sommernächten, das ist ein Widerschein der Sonnenstrahlen, die, für uns unsichtbar, noch die hohen Regionen 50 bis 75 Kilometer über unsern Häuptern treffen; denn so hoch schweben die silbernen Wolken und sie sind nicht immer dagewesen, sie sind eine junge Erscheinung am Himmel und eine flüchtige zugleich, denn sie leuchten schwächer und schwächer und bald werden wir sie nicht mehr sehen.

Sie werden verschwinden wie jenes „Nebelglühen“, das vor Jahren mit purpurnen Tinten unseren Himmel färbte; denn die Gelehrten behaupten, daß auch diese Wolken auf dieselbe Ursache zurückzuführen sind wie jene majestätischen Dämmerungserscheinungen, daß sie die letzten in der Atmosphäre sichtbaren Folgen des gewaltigen vulkanischen Ausbruchs auf Krakatoa[1] bilden.

Tausende werden in diesem Jahre nach den silbernen Wolken am Himmel spähen; denn man hat sogar die Amateurphotographen aufgefordert, Aufnahmen dieser Erscheinung zu veranstalten. So dürfte es auch zeitgemäß sein, einen Rückblick auf jene denkwürdige Katastrophe zu werfen, der um so lehrreicher ausfallen muß, als die Erforschung derselben nunmehr zu einem gewissen Abschluß gelangt ist.

*     *     *

An dem Eingang der Sundastraße zwischen Sumatra und Java liegen einige Inseln, von denen die größte Krakatoa war. Sie hatte einen Flächenraum von etwa 33 Quadratkilometern und war von drei Gebirgsgruppen gebildet. Die höchste Spitze derselben, der Krakatoa oder, wie die Eingeborenen ihn nennen, Pik Rakata, erhob sich als 800 Meter hohe Warte über die See und diente von jeher den Seefahrern als eine weithin sichtbare Marke. Die Insel hatte im geologischen Sinne eine gefährdete Lage. Die Verlängerungslinien der Vulkanreihen von Sumatra und Java, sowie der kleinen Eilande Poeloe Tiga, Seboekoe und Sebesi trafen alle in Krakatoa zusammen, sie stand somit auf dem Vereinigungspunkte dreier vulkanischer Spalten der Erdkruste. Verglichen mit den Vulkanriesen der Nachbarschaft, die z. B. auf Java selbst eine Höhe von 3000 bis 3700 Metern erreichen, war jedoch der Pik Rakata nur ein unbedeutender Hügel und stand still, unthätig da. Der letzte Ausbruch desselben hatte vor zwei Jahrhunderten im Jahre 1680 stattgefunden und nun deckten üppige Wälder die Höhenzüge der Insel, die nur von Zeit zu Zeit von eingeborenen Fischern besucht wurde. So herrschte auf dem Eiland tiefer stiller Friede und niemand ahnte, daß tief unter demselben dämonische Kräfte arbeiteten, um ihre Fesseln zu sprengen.

Da dampfte am 20. Mai 1883 das deutsche Kriegsschiff „Elisabeth“ an Krakatoa vorbei und von Bord desselben sah man eine ungeheure weiße Dampfsäule der Insel entsteigen, in die sich bald schwarze Rauchwolken mischten, aus denen Regen herabstürzte und Blitze niederzuckten, während Aschenstaub in weitem Umkreise [395] in die See fiel – Es war jene für vulkanische Ausbrüche so charakteristische Wolke, die schon Plinius bei der großen Eruption des Vesuvs im Jahre 79 n. Chr. beobachtet und beschrieben und mit dem Namen der Pinienwolke bezeichnet hat, da sie der Pinie ähnlich sieht. Man veranstaltete eine genaue Messung der Wolke und sie ergab die gewaltige Höhe von 11000 Metern. Es war ein großartiges Schauspiel. Man denke sich am Tage den Himmel verdunkelt und die Sonne zwischen den Dampf- und Staubmassen in blauem matten Glanze leuchtend; in der Nacht die Pinienwolke unaufhörlich von Blitzen durchzuckt; dabei ein fortwährendes Knattern und Prasseln, als ob hundert Mitrailleusen in nächster Nähe abgefeuert würden, und von Zeit zu Zeit die stärkeren Donnerlaute, die mitunter selbst in einer Entfernung von 350 Kilometern gehört wurden. Und doch war das alles nur das Vorspiel der großen Katastrophe.

Sechs Tage darauf landete eine kleine Expedition aus Batavia auf Krakatoa und einige kühne Männer suchten, bis an den Herd des Ausbruchs vorzudringen. Der Pik Rakata war unbetheiligt, am Fuße des niedrigeren Hügels Perboewatan hatte sich ein hufeisenförmiger Krater gebildet. Mit donnerndem Geräusch zischten aus ihm die Rauchmassen empor; glühender Bimsstein flog in die Höhe und fiel in der unmittelbaren Nähe des Kraters nieder, während der Aschenregen sich weiter ausbreitete und Krakatoa sowie das benachbarte „Verlaten Eiland“ bereits mit einer dicken Aschenschicht bedeckt hatte. An diesem Tage gelang es auch Jul. Hamburg aus Batavia, eine Photographie des Ausbruchs aufzunehmen.

Auch in der nächsten Zeit grollten unaufhörlich die unterirdischen Gewalten; Pausen gemäßigter Thätigkeit wechselten mit heftigen Paroxysmen ab, und Ende Juni öffnete sich an der Hügelkette Danan ein zweiter Krater. So dauerte dieser Kampf der Elemente monatelang, bis zum 26. August.

Jetzt traten die Vorzeichen der Katastrophe ein. Klar und heiter brach dieser Tag an, nachmittags aber vernahm man in Batavia und ganz West-Java ein verstärktes Grollen des Vulkans; immer drohender wurde der Donner, unmittelbar nach Sonnenuntergang trat plötzlich eine völlige Finsterniß ein; der Donner nahm zu, als ob in der Nähe ein Artilleriekampf stattfände; die Luft zitterte unausgesetzt, und nicht allein die Barometer schwankten in kurzen Zuckungen auf und nieder, sondern auch das Hausgeräth klapperte in den Wohnungen hin und her, und selbst die Gleichgültigsten erhoben sich von ihrem Lager, um diese Schreckensnacht wachend zu verbringen.

Auf dem Ocean zogen indessen die Schiffe auf ihren altgewohnten Bahnen dahin, und die Kapitäne derselben brachten uns die wichtigsten Nachrichten über den Höhepunkt des Ausbruchs.

Nachmittags am 26. August wurde von der „Medea“ aus die Pinienwolke gemessen und die Höhe von 27 Kilometern verzeichnet. Um 5 Uhr nachmittags wurde das Schiff „Charles Val“ von einem Hagel glühender Bimssteinstücke überschüttet. Abends war dasselbe etwa 3 Meilen von Krakatoa entfernt und die Mannschaft sah Feuerstreifen, die Flugbahnen glühender Bimssteinblöcke, dem Vulkan entsteigen. Die Luft war heiß und stickend, mit Asche und Schwefeldämpfen erfüllt, und jetzt brach die finsterste Nacht ein, die nur von zuckenden Blitzen erhellt wurde. Die Atmosphäre war mit Elektricität überladen und man sah auf den Schiffen St. Elmsfeuer glimmen, überall im Takelwerk waren sie zu beobachten und wie feurige Schlangen schossen die Strahlen um die Masten hin. Der Matrose am Steuerruder der „Verbice“ war kaum imstande, seinen Platz zu halten wegen der unaushörlichen elektrischen Schläge, die er bei jeder Berührung der Metalltheile des Steuers erhielt. Dabei nahm der Aschenregen zu, und um 2 Uhr nachts war das Verdeck der „Verbice“ mit einer fast einen Meter hohen Schicht der Auswürflinge bedeckt. Auch das Meer war unruhig, Wogen durchschnitten es und richteten an den Küsten schon manchen Schaden an.

Der Morgen des 27. August kam heran; es schien, als ob die Sonne das düstere Dampfgewölk besiegen könnte, es wurde heller am Himmel. Aber gegen zehn Uhr morgens scheuchte plötzlich ein furchtbarer Knall alle Menschen in der näheren Umgebung auf; in Städten und Dörfern, die zwanzig Meilen von dem Vulkan entfernt lagen, sprangen die Fenster auf und fiel der Kalk von den Wänden. Nach und nach verstummte jetzt das Getöse, nach und nach aber nahm die Dunkelheit zu, bis eine Finsterniß eintrat, in die z. B. Batavia dreißig Stunden lang gehüllt blieb.

Die Katastrophe war geschehen, in den ausgehöhlten Schlund des Kraters war der größte Theil der Insel gestürzt, das Meer hatte sich in die feurige Tiefe ergossen, eine Explosion war erfolgt, und nun kam das furchtbare Nachspiel.

Der Riesenknall dieser Explosion war der stärkste, von dem die Geschichte zu berichten weiß – er wurde auf den Philippinen, auf Ceylon, in Saigon, in Cochinchina und in Perth im südwestlichen Australien gehört; er verbreitete sich somit auf einen Umkreis, der ein Fünfzehntel der ganzen Erdoberfläche beträgt und dessen Radius auf 3400 Kilometer berechnet wurde.

„Denken wir uns,“ schreibt Neumayer[WS 1], „den Mittelpunkt der Eruption nach Wien verlegt, so wäre der Donner nicht nur in ganz Europa vernehmbar gewesen, sondern im östlichsten Grönland, im südlichen Spitzbergen, im südlichen Theile von Nowaja Semlja, im ganzen Uralgebirge, am östlichen Ufer des Aralsees, an der südöstlichen Ecke des Kaspischen Meeres, an der Mündung des Euphrats in den Persischen Meerbusen, im nördlichen Drittel des Rothen Meeres, im größern Theile der Sahara und auf der Insel Madeira.“

Während die Finsterniß die Umgebung des Vulkans noch verhüllte, entstieg dem Meere eine Sturzwelle, die an der Krakatoa gegenüberliegenden Küste von Java eine Höhe von 36 Metern erreichte und mit fortschreitender Entfernung sich verflachte.

Diese Sturzwelle bildete für die Menschen den furchtbarsten Theil der Katastrophe. Sie wühlte den Meeresgrund auf und warf Korallenblöcke auf Land. Am Gestade der Sundainseln spülte sie Häuser und Wälder weg. Die Städte Merak, Anjer und Tjaringin auf Java wurden von ihr gänzlich zerstört – sie ging über die kleinen Inseln Sebesi und Seboekoe hinweg und begrub alle lebenden Wesen; kein Mensch hat hier die Katastrophe überstanden, um der Nachwelt von ihrem Schrecken zu berichten. Auch Sumatra umspülte sie verheerend – gegen 40000 Menschen (36417 soll die genaue Ziffer sein) wurden von ihr verschlungen, 165 Niederlassungen gänzlich, 132 theilweise zerstört. Einzelne Menschen entkamen dabei wie durch ein Wunder, indem sie durch diese Sturzwelle wie „Strohhalme“ landeinwärts geschwemmt und hier auf das Trockene gesetzt wurden, ohne während dieser furchtbaren Fahrt zerschmettert oder ertränkt zu werden.

Dieser ersten großen Welle folgten andere, aber sie waren niedriger und ließen ihre Wuth nur an dem Schauplatz der ersten Vernichtung aus.

Am 28. August wurde es heller. Der Tag schien auf die Sundainseln herab; aber sie waren kaum zu erkennen. Wo einst am Strande üppige Vegetation geblüht und gegrünt hatte, war der Boden kahl, mit Schlamm bedeckt. Von Krakatoa war nur der dritte Theil übrig geblieben, die südliche Hälfte des Pik Rakata, dessen nördliche Hälfte wie mit einem Riesenmesser abgeschnitten spurlos im Meere verschwunden war; denn an der klaffenden Wand des halben Berges brauste nunmehr die See in 100 bis 300 Metern Tiefe. Auch der Grund der Sundastraße und die kleineren Inseln wurden vielfach umgeändert; wo einst Tiefen waren, befanden sich jetzt seichte Stellen und umgekehrt. –

Nach und nach beruhigten sich die Nachwehen der Eruption, aber ihre Folgen durchzuckten den ganzen Erdball. In allen Zonen konnte man die Wirkungen des Ausbruchs an seltsamen Erscheinungen beobachten.

Die Woge, welche an den Sundainseln so verheerend aufgetreten war, pflanzte sich nach Osten und Westen im Stillen und Indischen Ocean fort; man hat sie an der Westküste von Amerika und der Ostküste von Afrika, selbstverständlich in verminderter Stärke, beobachtet. Ja, sie pflanzte sich in den Atlantischen Ocean fort, wurde an den französischen Küsten wahrgenommen, und ihr Wellenschlag, der zunächst Panama am Stillen Ocean berührt hatte, rauschte später zu Colon auf der atlantischen Seite des Isthmus auf. Die mittlere Geschwindigkeit derselbe wurde an tieferen Stellen des Meeres mit 180 Metern für die Sekunde bestimmt, an seichteren Stellen schritt sie entsprechend langsamer vor.

Der Riesenknall der Explosion drang nicht bis zu unserem Ohr, aber durch die Lüfte gelangte zu uns ihre Botschaft, bevor der Telegraph uns die Katastrophe meldete. Es war allerdings eine leise geheime Botschaft, welche der großen Masse entging und nur von den Forschern wahrgenommen wurde, die auf den Wetterwarten stehen. Wie das Meer, so wurde auch der Luftocean von einer Welle erschüttert, und diese wurde von den Barometern verrathen. [396] In den letzten Tagen des Augusts und in den ersten Tagen des Septembers beobachtete man ein kurz andauerndes, von Zeit zu Zeit erfolgendes Steigen und Sinken der Barometer. Dies waren die Folgen der Explosion von Krakatoa.

Versetzen wir uns in die Reichshauptstadt Berlin. Zehn Stunden nach der Katastrophe traf hier die erste atmosphärische Welle ein, die zu uns auf dem kürzesten Wege über Ostindien gekommen war. Etwa 16 Stunden später trat eine neue Barometerschwankung ein; sie deutete die Luftwelle an, die uns jetzt auf dem weiteren Wege über Amerika erreichte. Damit war das Erzittern des Luftreichs nicht beendet; nach 36 Stunden stellte sich die erste Welle, nachdem sie den Erdball umkreist hatte, wieder in Berlin ein; ihr folgte nun die Wiederkehr der zweiten. Immer schwächer und schwächer wurde ihre Wirkung auf das Barometer, aber man konnte feststellen, daß sie vier- bis fünfmal die Erde umkreiste, und zwar mit einer mittleren Geschwindigkeit von 310 Metern in der Sekunde. –

Es sollten aber noch andere für aller Augen sichtbare Folgen des gewaltigen Ausbruchs zu uns gelangen.

Im November und Dezember 1883 traten jene wunderbaren Färbungen und Steigerungen der Abend- und Morgendämmerung in Europa ein, die man mit dem wenig zutreffenden Namen „Nebelglühen“ bezeichnet. Professor J. Kießling in Hamburg gebührt der Ruhm, die wahre Ursache dieser Erscheinung durch Versuche nachgewiesen zu haben. Indem er mit Rauch und Wasserdampf in Glasgefäßen Proben anstellte, konnte er die Dämmerungserscheinungen im Laboratorium willkürlich erzeugen, und wir wissen nunmehr, daß diese prächtigen Färbungen des Himmels durch Beugungen des Lichtes hervorgerufen werden, und zwar in Atmosphärenschichten, die wir von jetzt ab „Dustwolken“ nennen. Eine solche Wolke besteht aus überaus kleinen, gleichmäßig gestalteten festen Massentheilchen, welche zugleich die Kerne für die Bildung von Wassertröpfchen abgeben. Ueberaus klein ist ein dehnbarer Ausdruck, wir wollen darum gleich bemerken, daß der Durchmesser dieser Massentheilchen ein Tausendstel eines Millimeters und darunter betragen soll.

Wie waren nun jene Dustwollen entstanden? Das Ergebniß der Krakatoaforschung berichtet darüber.

Der Krakatoa hat während des Ausbruchs etwa 18 Kubikkilometer Bimsstein und Asche herausgeschleudert. Ein Theil der feinsten Massentheilchen wurde durch die Pinienwolke in hohe Luftschichten getragen und verbreitete sich hier in einer Höhenzone von 10 bis 40 Kilometern über der Erde. Er bildete hier eine riesige Dustwolke, die von einer Luftströmung erfaßt und mit Sturmesgeschwindigkeit zunächst zwei- bis dreimal von Ost nach West um den Aequätor gejagt wurde. Darum traten auch in den Tropengegenden jene Dämmerungserscheinungen zuerst auf und wiederholten sich zwei- bis dreimal in Perioden, die durch den Zeitabschnitt von zwölf Tagen voneinander getrennt waren. Die Dustwolke brauchte also zwölf Tage, um den Aequator zu umkreisen, und man berechnete daraus die Geschwindigkeit jener hohen Luftströmung auf durchschnittlich 40 Meter in der Sekunde.

Allmählich sanken jedoch die Dustwollen in tiefere Schichten der Atmosphäre, geriethen in Luftströmungen, welche den Polen zustrebten, und wurden durch diese über den Himmel der gemäßigten Zonen verbreitet. Nun traten die Dämmerungserscheinungen bei uns auf, während sie in den Tropen verschwunden waren.

Wie lange diese Dustwolken in den hohen Regionen von 10 bis 40 Kilometern sich erhielten, kann man ermessen an der Dauer des braunrothen Ringes, der um die Sonne zu sehen war und gleichfalls auf das Vorhandensein der Dustwolken zurückzuführen ist: er wurde zuerst im September 1883 von Bishop in Honolulu beobachtet und blieb bis zum Frühjahr 1886 in Europa sichtbar. Der äußere Durchmesser dieses Ringes betrug nach den Mittheilungen von Professor Förster in Berlin nahezu 45, der innere nahezu 20 Grad. Nach innen ging die braunrothe Färbung desselben ziemlich allmählich in einen matt weißlichen Schein über, der die Sonne unmittelbar umgab. In Verbindung mit der Erscheinung dieses Ringes stand es auch, daß während der ganzen Dauer seiner Sichtbarkeit, sobald die Sonne von Wollen verhüllt wurde, die aber in ihrer Umgebung freie Lücken ließen, die letzteren Himmelsflächen, besonders in der Nähe der Wolkensäume, eine purpurne Färbung zeigten.

Das lange Schweben dieser Dustwolken ist durchaus nicht räthselhaft, wenn man bedenkt, daß die winzigen Massentheilchen Jahre brauchen können, um beim Herabsinken aus höheren Luftschichten die Strecke von einigen Kilometern zurückzulegen.

Die Dämmerungserscheinüngen sind verblaßt, der braunrothe Ring um die Sonne ist verschwunden. Die Eruption von Krakatoa hat uns ungeahnte Aufschlüsse über die Zustände der Atmosphäre in einer Höhe gegeben, in die niemals ein kühner Luftschiffer [397] gelangen wird. Dürfen wir die Akten dieser Forschung, an der sich so viele Männer der Wissenschaft an allen Enden der Erde mit ruhmvollem Eifer betheiligt haben, nunmehr schließen? Oder regen sich noch anderswo in der Natur Spuren jener gewaltigen Explosion vom 27. August 1883? Man behauptet es. Die silbernen Wolken am nächtlichen Himmelszelt sollen den letzten Abglanz jenes heißen Ringens der einst im Schoß der Erde gefesselten Kräfte bilden.

Diese Wolken wurden zum ersten Male am 10. Juni 1885 von Laska in Prag beobachtet, dann am 23. und 24. Juni desselben Jahres von O. Jesse in Steglitz gesehen und von diesem zum Ausgangspunkt besonderer Studien gemacht, über deren Ergebnisse er vor kurzem in der Zeitschrift „Himmel und Erde“ berichtete.

Wie wir schon, eingangs erwähnt haben, sehen wir die leuchtenden Nachtwolken nur in der Zeit von Ende Mai bis Ende Juli, aber nicht in jeder von der gewöhnlichen Bewölkung freien Nacht. Die Erscheinung tritt in nicht ganz regelmäßigen Zwischenräumen von etwa 8 Tagen auf und dauert dann gewöhnlich mehrere Nächte hindurch. Die Angaben über die Höhe der Wolken schwanken noch, jedenfalls aber befinden sie sich in einer Höhe von über 50 Kilometern und dürften selbst die 70 bis 75 Kilometer von der Erdoberfläche entfernten Regionen erreichen, während z. B. die höchsten Cirruswolken die Höhe von 13 Kilometern nicht überschreiten.

Woraus bestehen nun diese silbernen Wolken und wie sind sie entstanden? Wir wollen einen Versuch der Beantwortung dieser Frage mittheilen.

Der grollende Krakatoa hat nicht allein Bimsstein und Asche gegen den Himmel geschleudert, sondern Dämpfe und Gase entstiegen zugleich seinem Schoße, und unter diesen befanden sich auch Dämpfe der schwefligen Säure. Ebenso wie die festen Massentheilchen können auch die erhitzten Gase in gewaltige Höhen emporgestiegen sein. Welchen Einflüssen wurden sie dort ausgesetzt? In den Regionen, in welchen die silbernen Wolken schweben, ist der Luftdruck gleich Null zu setzen, während die Temperatur eine grimmige Kälte aufweisen muß, eine Kälte, die vielleicht nicht mehr weit entfernt ist von der des Weltraumes, die – 130° C. betragen soll.

Wir wissen nun, daß die schweflige Säure unter dem Druck von einer Atmosphäre und bei 20° C. Kälte sich zu einer farblosen Flüssigkeit verdichtet. Dort oben, 70 Kilometer über unserm Haupte, ist der Druck gleich Null, aber die Kälte viel bedeutender.

Es ist also möglich oder denkbar, daß sich dort unter dem Einfluß der Kälte die schweflige Säure zu winzigen Tröpfchen verdichtet und Wolken bildet wie tiefer unten der gewöhnliche Wasserdampf. Nach und nach sinken diese sauren Tropfen nieder, gelangen in wärmere d. h. weniger kalte Schichten, verdampfen hier von neuem, um wieder zu erstarren und so ruckweise immer näher zur Erde zu fallen. Dann lösen sie sich auf in den Wolkenfluthen, aus denen der Regen quillt, und auch diese letzte Folge des Ausbruches von Krakatoa ist verschwunden, die große Störung der Atmosphäre ausgeglichen.

Freilich ist gerade diese letzte Erscheinung noch nicht genügend erforscht, und da sie im Schwinden begriffen ist, so werden sich in diesem Jahre die Forscher mit besonderem Eifer dem Studium derselben zuwenden.

Wer aber um St. Johanni, wenn die Rosen duften und die Nachtigall jauchzt, über den gestirnten und stets von der Dämmerung umsäumten Nachthimmel seine Blicke schweifen läßt und in der weiten Ferne vielleicht den magischen Glanz einer silbernen Wolke erblickt, der wird sich auch dieser ruhmreichen Akten der Krakatoaforschung erinnern und sein Geist wird in weitem Fluge die Erde umspannen. Das heiße monatelange Ringen des Vulkans, die erderschütternde Explosion, die riesige Luft- und Wasserwelle, die farbenglühenden Dämmerungserscheinungen, der braunrothe Ring um die Sonne, das alles wird beim Anblick des magischen Leuchtens der silbernen Wolken zu einem großartigen Ganzen zusammenfließen, zu einem Bild, in dem wir die Majestät der Natur schauen, und tief ergriffen wird er der Wissenschaft huldigen, welche an der Lösung der Welträthsel arbeitet und unaufhörlich unsern Blick erweitert. – Und die Insel Krakatoa? Lava und glühende Asche hatten auf ihr jedes organische Leben zerstört. Nicht ein einziger lebensfähiger Keim hatte sich auf ihr in der Feuergluth erhalten; sie war eine Insel des Todes im vollsten Sinne des Wortes. Und heute? Von Zeit zu Zeit landet auf ihr ein Naturforscher und schaut ein neues Wunder. Wind und Meereswellen und vorüberziehende Vögel tragen dem Eiland Pflanzensamen zu. Algen überzogen zunächst die verbrannten Felsen, ihnen folgten die Farnkräuter und bereiten den Boden für leuchtende Blumen, welche die summenden Insekten heranlocken. Das wieder grünende Eiland ladet auch die Vogelwelt ein. – Wir haben bis jetzt auf Krakatoa die Wuth der Zerstörung kennen gelernt, was wir nun lernen, ist noch großartiger, denn es ist ein Theil des Schöpfungsgeheimnisses der lebenden Natur.




  1. Die Holländer nennen die Insel Krakatau.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Georg von Neumayer, Vorlage: Neumayr