Die internationale Ausstellung für Volksernährung und Kochkunst zu Leipzig

Textdaten
<<< >>>
Autor:
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die internationale Ausstellung für Volksernährung und Kochkunst zu Leipzig
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 141–142
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1887
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[141]

Die internationale Ausstellung für Volksernährung und Kochkunst zu Leipzig.

Mit Illustrationen von Arthur Lewin.

Der Mensch ist, was er ißt.
Sachverständig. Zwiebel-Muster.
Maggi-Suppe. F. G. TAEN ARR-HEE.
„Fassen“ der Menage. Augustiner-Bräu. Neu-Bavaria. (Petersburg.) Militär-Speisung.
Arthur Lewin. 27.11.87
Kaeseberg & Oertel X.I.

Schon einmal, vor drei Jahren, haben wir unsere Leser in die Räume des Krystallpalastes zu Leipzig geführt, um sie das eigenartige Bild einer Kochkunstausstellung schauen zu lassen. Zu demselben Gange laden wir sie auch heute ein; denn wiederum war an demselben Platze in den Tagen vom 27. bis 31. Januar eine Ausstellung errichtet, auf welcher Koch und Köchin die erste Rolle spielten. Aber das Bild, welches sich jüngst unseren Augen darbot, war von dem früheren verschieden. Die höhere Kochkunst war nicht mehr allein auf dem friedlichen Kampfplatze erschienen; neben ihr rang um die Siegespalme ihre jüngere, vielverheißende Schwester, die Kunst der Volksernährung.

Die höhere Kochkunst bietet uns bei den oft wiederkehrenden Ausstellungen stets dasselbe stereotype Bild: schöngeputzte Braten, Aufsätze, bei denen Hummer und Austern hohe dekorative Rollen spielen, Pasteten, mit ausgestopften Vögeln verziert, Denkmäler und reizende Figurengruppen aus Marzipan, Froschkeulen, seltene Fische in durchsichtigen Aspik eingebettet, zahllose Konserven und unzählige Getränke, das sind die appetitlichen Ausstellungsobjekte, die naturgemäß immer und immer wiederkehren. Wie sie in den Sälen des Krystallpalastes in buntem Wirrwarr dastanden, zeigten sie deutlich, daß die heutigen Meister ihren Vorgängern keineswegs nachstehen, daß sie wahre Zauberkünstler sind und ein und dasselbe Nahrungsmittel, das einfache Ei oder den gewöhnlichen Reis, zu Dutzenden von schmackhaften und pikanten Gerichten zu verarbeiten wissen. Wenn unser Zeichner von all den Herrlichkeiten nur zwei herausgegriffen und sie im Bilde unseren Lesern vorgeführt hat (vergl. S. 142), so hat er damit nur andeuten wollen, in welcher kunstvollendeten Form fast jeder Aussteller sein Gericht zu liefern verstand. Die Ausstellungen sind gewissermaßen Turniere für die Industriellen und Gewerbetreibenden; wir können offen zugeben, daß die Köche und Köchinnen Deutschlands und der angrenzenden Länder das letzte Turnier in Leipzig mit hohen Ehren bestanden haben.

Die Ausstellung führte den Titel einer internationalen, und in der That bot das bunte Treiben auf derselben stellenweise den Anblick eines farbenreichen Völkergemisches. Es fehlten nicht Chinesen, welche den Thee brachten; eine Schwarzwälderin kredenzte die nahrhafte Suppe der bekannten Fabrik Julius Maggi in Singen (Baden); in einem Bierausschank waltete eine Hebe in russischem Nationalkostüm; dort wurde das Bier ausgeschenkt, welches in Petersburg gebraut wurde und die weite Reise im Winter bis nach Leipzig nicht scheute. Diese „slawische“ Brauerei steht unter deutscher Leitung und versendet das Getränk des Königs Gambrinus quer durch Sibirien bis nach Wladiwostok an dem Gestade des stillen Oceans. Ja, die Ausstellung brachte selbst eine neue Tracht zum Vorschein. An einem Tische, auf welchem Tisch- und Hôtelwäsche der Leipziger Firma Friedrich und Lincke ausgebreitet lag, stand ein Fräulein in sonderbarer Tracht: der Stoff ihres Kleides und ihres Häubchens war [142] mit Zwiebelmuster gezeichnet – eine originelle Erscheinung, welche Scharen wohlgefällig lächelnder Besucher herbeizog. Auch die Besucher selbst trugen dazu bei, dieses bunte Bild noch bunter zu gestalten; mitten unter den Damen in pelzverbrämten Mänteln schritt auch die Altenburgerin in ihrer bekannten Tracht, blieb hier und dort stehen und prüfte mit sachverständigen Blicken namentlich die Erzeugnisse der Molkereiwirthschaft.

Am ersten Tage dominirte jedoch das zweierlei Tuch. Zwei Bataillone der in Leipzig garnisonirenden Regimenter waren auf der Ausstellung erschienen, allerdings nicht als müßige Zuschauer, sondern als fleißige Esser. Die Fortschritte unserer Zeit in der Volksernährung sollten ja zum ersten Male auf einer Ausstellung dem Publikum vorgeführt werden, da waren auch Massenspeisungen am Platze, und die Soldaten eröffneten in dieser Beziehung den Reigen. Wie das blitzte und strahlte in dem großen unteren Saal, wo an langen Tischreihen die Kompagnien in Reih und Glied – saßen! Die Menage wurde regelrecht gefaßt und die Speisung ging in musterhafter Ordnung von Statten. Die Zeiten sind schwer, Kriegswolken verhängen den Himmel, und so freute man sich, daß die Massenspeisung in den letzten Jahren so große Fortschritte gemacht hat, daß die Dampf-Feldküchen solche Vollendung erreicht haben! Sie werden gewiß auch im Ernstfall ihre Pflicht thun.

Hummer en Belle-vue auf Sockel. (Max Strigel.)   Filet de boeuf à la jardinière. (Hugo Richter.)

Nach den Soldaten kamen an anderen Tagen die Armen und die Schulkinder an die Reihe. Die Maschinen rasselten, die Kessel brodelten, die unteren Säle boten den Anblick einer Riesenküche, welche namentlich die Sachverständigen fesselte. Um wichtige Fragen des Volkswohls handelte es sich dabei, Fragen, die sich in dem engen Ranm eines allgemeinen Berichtes nicht erörtern lassen. Hier mußte man prüfen und studiren, und wir werden nicht verfehlen, das Ergebniß unserer Studien in einer Reihe selbständiger Artikel den Lesern der „Gartenlaube“ mitzutheilen. Auch die Hausfrau mit ihren Bedürfnissen wird dabei nicht leer ausgehen, denn wie kurz auch diese Ausstellung dauerte, ihre Wirkung ist keineswegs zu unterschätzen, und Vieles, was sie bot, verdient zum Gemeingut weitester Kreise zu werden.