Die geschichtlichen Wandlungen der deutschen Frauenmoden

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Autor: Friedrich Helbig
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Titel: Die geschichtlichen Wandlungen der deutschen Frauenmoden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 49, 50, S. 803–806, 819–821
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[803]
Die geschichtlichen Wandlungen der deutschen Frauenmoden.
Von Fr. Helbig.
I.
Die Mode als Spiegel der Zeit. – Das erste Kleid der Germanin. – Römische, dann byzantinische Einflüsse. – Das Princip der Erstarrung. – Das Idealgewand der Ritter- und Minnezeit. – Schnabelschuh und Gugelhaube. – Zuckerhutförmiger Aufbau. – Die Zottel- und Schleppentracht. – Kleiderordnungen. – Die Periode der Renaissance. – Rückkehr zur Natur. – Die Gretchen und Klärchen. – Gürtel und Mieder. – Die Periode der Barockrenaissance. – Spanischer Einfluß. – Schneppentaille. – Mühlsteinkrause. – Stuarthaube. – Reifrock mit Glocken- und Tonnensystem.

„Eine Geschichte der Frauenmode! Fruchtloses Beginnen. Die Mode ist ja bekanntlich launisch. Sie ist so unfaßbar, so unberechenbar, wie es eben Launen sind, und wäre es auch die Laune einer schönen Frau. Wie ist es möglich die Geschichte einer Laune zu schreiben?“ Sicher wird ein solches Räsonnement im Hinblick auf die Ueberschrift unseres Artikels laut werden! Nun läßt sich dem aber Folgendes entgegenstellen: Zwar in ihren Abzweigungen und Einzelbildungen launisch und regellos, hält die Mode doch in ihren Grundzügen zuerst ganze Jahrhunderte hindurch, später durch Drittel- und Vierteljahrhunderte und zuletzt mit dem beständig sich steigernden Tempo der Weltgeschichte noch Jahrzehnte hindurch vor dem Auge des Forschers Stand. Sie hängt dabei mit dem Wesen und Charakter der jeweiligen Geschichtsperiode auf’s Innigste zusammen. Sie bringt den Zeitcharakter gleichsam zu einer Art äußern Erscheinung, wie sie selbst auch wieder auf die Gefühls- und Handlungsweise ihrer Zeit bestimmend einwirkt. Eine Dame der Ritter- und Minnezeit im Corset würde mit dem historischen Charakter jener Zeit ebenso wenig in Einklang zu bringen sein, wie eine Dame der Neuzeit ohne jenen nun seit Langem eingebürgerten Regulator der weiblichen Aesthetik. Aehnlich knüpft sich an Perrücke, Zopf, Stelzschuh und Reifrock der feststehende Typus einer geistig starren Zeit. Unter diesen Gesichtswinkel gebracht, hängt die Entwickelungsgeschichte der Tracht zusammen mit der Geschichte der Menschen und Völker überhaupt. Da, wo die wogenden Plusschläge der Geschichte nicht hindrangen, in entlegenen Berg- und Walddistricten, in weitentfernten Dörfern, blieb daher auch die Tracht Jahrhunderte hindurch ein und dieselbe.

Wenn wir in Folgendem auch nur von der Frauentracht reden wollen, weil die Frau diesem Thema das größte stoffliche Interesse entgegenbringt, so können wir dabei doch nicht die Tracht der Männer unberücksichtigt lassen. Zwischen beiden, der Herren- und der Frauenmode, besteht eine gegenseitige Beeinflussung, und wie man überhaupt in der Geschichte männliche und frauenhafte Zeitperioden unterscheidet, so erscheint auch in der Geschichte der Mode einmal das weibliche und dann wieder das männliche Element als bestimmender Factor.

Die deutsche Frau in der ersten Zeit ihrer Geschichte trug ein langes leinenes Untergewand, das die Arme vollständig frei ließ. Trat sie aus der Umfriedigung des Hauses hinaus, so hing sie einen Mantel von Linnenstoff, im Winter von Fellen um, den eine einfache Fibel, oft nur ein Dorn über der rechten Schulter zusammenhielt. Vornehme Frauen säumten Kleid und Mantel mit einem Purpurstreifen. Bronzene Ohrringe und schmale Spangen waren der einzige Schmuck. Das Haar fiel in natürlichen Strähnen frei den Rücken hinab. Diesem einfachen natürlichen Gewande konnte die Mode, das Kind der Cultur, nichts anhaben. Da drängte sich mehr und mehr die römische Sitte in die deutschen Urwälder, und wie die Deutschen Jungfrauen den putzsüchtigen Römerinnen ihr langes goldblondes Haar als gesuchten Mode-Artikel lieferten, so vermachten ihnen diese dafür den modischen verfeinerten Schnitt ihrer Kleider. Bald gesellte sich zu dem einen Gewande ein zweites am Obergewand, in der Form einer römischen Tunika mit enganschließenden Aermeln. Das Oberkleid bestand aus besserem Stoffe, aus Wollen später aus Seide und Sammet. Jetzt trat nur auch als weiteres wichtiges Moment die Farbe hinzu und damit Wechsel und Mannigfaltigkeit, welche die Entstehung der Mode bedingen.

Als das römische Reich untergegangen war wurde dessen östlicher Abzweig, das byzantinische Reich, maßgebend für den künstlerischen Geschmack des Westens, sowohl in Betreff des Baustils wie auch in Betreff der Gewandung. Das Charakteristische dieser byzantinischen Tracht, welche im zehnten und elften Jahrhundert an den deutschen und fränkischen Höfen verbreitet war, lag in der Enge und dem durch dieselbe bedingten Mangel eines freien Faltenwurfs der Kleider. Besonders fiel der Rock, den ein breiter Gürtel eng an das Untergewand anschloß, schmal und glatt, einem Sacke ähnlich, herab. Es hat fast achthundert Jahre gedauert, ehe dieses Motiv, und zwar im Anfang unseres Jahrhunderts und in der neuesten Gegenwart, wieder zur Herrschaft gelangte. Auch in Bezug auf die Kleiderstoffe brachte der Orient eine Erweiterung in den gemusterten Stoffen, aus denen besonders das Oberkleid bestand, indeß das Untergewand meist noch einfarbig blieb. Die Muster bildeten sich aus Punkten und Linien zu künstlich verschlungenen Ornamenten, zu Nachbildungen von Thieren und Pflanzen heraus. Besonders bedeutsam wurde die Einführung der Seide in die Arena der abendländischen Moden. Ihre malerische Wirkung wurde zu jener Zeit noch gehoben durch schwere und breite Goldborden, die sich am Saume der Aermel und an den Rändern der Röcke und Mäntel hinzogen, oft noch reich mit Edelsteinen und allerhand metallenem Zierrath überdeckt. Ihre Schwere trug noch besonders dazu bei, die Gewänder straff zu ziehen und ihnen jedes Gelüst einer faltigen Entwickelung zu nehmen. Es war nur eine Consequenz dieser Bekleidungsform, daß die deutsche Frau jetzt das einst freigetragene Haar in lange [804] Zöpfe flocht und diese wieder mit Bändern umschnürte und mit Metallplättchen beschwerte. Wenn ihr auch die Buntheit der Farben eine gewisse malerische Wirkung nicht versagte, so fehlte dieser Tracht umsomehr die plastische. So haben die uns besonders in Grabdenkmälern überlieferten Frauenbilder aus jener Zeit des zehnten bis zwölften Jahrhunderts etwas Erstarrtes, Mumienhaftes. Aber auch das Leben selbst war besonders an den Höfen ein starres, durch Bräuche und Gesetzesformen eng gebanntes. Von den Edlen bis hinab zu den Hörigen und Unfreien bestand eine strenge, kastenmäßige Standestheilung.

Da brach die Zeit des Minnesangs, des Ritterthums, des klassischen Mittelalters herauf. Sie war eine eminent frauenhafte. Die Frau war die Sonne, um welche sich fast das ganze Handeln und Empfinden der Zeit planetarisch drehte und in einen förmlichen Frauencultus sich verdichtete. Um sich dieser Verehrung Werth zu machen und den herrschenden Einfluß zu wahren, mußte die Frau darauf bedacht sein, die Gewalt ihrer Reize auch äußerlich in der Kleidung zur

Erste Periode.       Minnezeit.       Byzantinische Tracht.
Deutsche Frauentrachten.
Originalzeichnung von Adolf Neumann.

Geltung zu bringen, und zwar zu jener poetischen Geltung, welche der Cultus des Mannes ihr zugewiesen hatte. Da warf sie das bretterartige Oberkleid von sich und ließ in künstlerischer Freiheit, in freiem Gusse das Kleid vom Halse über die Brust und Hüfte zu den Füßen gleiten. Die übermäßige Last des Zierrathes schwand, bis auf den Schmuck des golddurchwirkten Gürtels. Das Untergewand endete in eine nicht zu lange Schleppe.

Das kürzere, meist ärmellose Obergewand wurde auf der linken Seite nach bestehender Sitte aufgerafft und durch die Hand oder im Gürtel festgehalten, so Gelegenheit bietend zu Entwickelung eines künstlerischen Faltenwurfes. Der Gürtel saß mehr auf der Hüfte, sodaß er den natürlichen Formenguß des Körpers nicht unterbrach; sein langes Ende fiel vorn auf dem Kleide herab. Der Mantel wurde nicht mehr auf der Schulter befestigt, sondern durch eine über die Brust herübergehende Borde oder Schnur, den sogenannten Fürgespann gehalten, den zwei am Rande der beiden Mantelhälften angebrachte Spangen oder Rosetten verknüpften. So legte er sich um das Bild des Leibes wie ein dessen Wirkung hebender Rahmen herum, während er denselben zum Theil sittsam wie ein Vorhang verdeckte. Das Haar, welches häufig ein Kranz schmückte, fiel wieder frei, aber nicht ungefesselt lose, sondern in langen Locken auf die Schultern.

Bei dieser Mode hatte sich zur malerischen noch die plastische Wirkung gesellt, und so wurde dieses mittelalterliche Costüm das eigentliche Idealcostüm der deutschen Frau. Zu ihm greift noch heute der Maler, wenn er in der weiblichen Erscheinung neben dem Erhabenen und Edlen das Nationale verkörpern will. Es ist die Tracht der Germania, welche die Zeit unserer großen nationalen Erhebung uns so vielfach bildlich verherrlichte.

Auch diese klassische Zeit verfiel nach dem Gesetze alles Irdischen. Schon mit dem vierzehnten Jahrhundert beginnt ihre Entartung. Mit dem sechszehnten Jahrhundert aber brach eine neue Zeit an; sie erwuchs aus einer Periode der Gährung, des Uebergangs, in der sich Altes und Neues theilweise in den wildesten Gegensätzen begegnete und bekämpfte. Neben dem ersterbenden Ritterthum der Burgen erhob sich das Bürgerthum der Städte mit ganz anderer Arbeit, ganz anderen Zielen als jenes. Da saß wilde Ausgelassenheit dicht neben frommer Askese und schwärmerischer Mystik. Die bisher in die Klöster gebannte Gelehrsamkeit trat auf den offenen Markt, errang sich in Schulen und Universitäten eine freie Stätte des Wirkens, aber steckte auch wieder tief in den Formen pedantischer Scholastik. Auch hier ist die Tracht ein Spiegel der Zeit; auch diesmal zeigt sich in den Costümen die charakterlose Zeitstimmung; die Tracht verfiel der Manier, der Uebertreibung, während sie auf der andern Seite auch wieder eine gewisse Würde bewahrte. Am grellsten tritt die Wandlung zunächst hervor im Costüm des Mannes, während die Frau wohl im Bewußtsein, daß sie damit nur gewinne, noch eine Zeitlang an der schönen und idealen Tracht der Minnezeit festhielt. Der Mann verkürzte den langen Rock, der sich von dem Frauenrocke nur durch die größere Länge unterschieden hatte, bis zur Jacke. Er huldigte dabei so in extravaganter Weise dem Grundsatze faltenloser Verengung, daß er sich zuletzt außer Stande sah, ohne fremde Hülfe in seine Kleider zu kommen. Da diese ihm nun nicht immer zu Gebote stand, so fing er an die Aermel und den Rock der Länge nach zu zerschneiden und den Schlitz dann wieder durch Knöpfe oder Schnuren zu verbinden – gewiß ein sehr charakteristisches Bild der ganzen zerfahrenen Zeit!

Weiter verlieh er dem Körper nach beiden Seiten hin, sowohl nach oben wie nach unten, durch Gugel- und Schnabelschuh eine drastisch komische Fortsetzung. Die Gugel war eine enganliegende Kapuze, welche in einen Schwanz auslief, der oft bis zu den Füßen hinabreichte. Sie wurde später die specifische Kopfbedeckung der Narren, ein Schicksal, das sie gründlich verdiente. Die Schnabelschuhe dagegen bildeten, in der Farbe des Beinkleides gehalten, gewissermaßen dessen Verlängerung, indem sie noch eine gute Länge, mitunter ein paar Ellen über den Fuß hinausgingen und beim Gehen, wenn sie nicht am Knie festgebunden waren, hin und her schlenkerten. Mit der Zeit konnte sich auch die Frau dem Reize dieser Mode und der Macht des Männlichen nicht entziehen. Auch sie verzerrte die sonst gerühmte Kleinheit des Fußes durch den diesen verlängernden Schnabelschuh. Auch sie stülpte eine unschöne Gugelhaube auf das sonst nur mit einem Kranze oder Goldreif gezierte Haar. Von diesen Gugeln sagt eine Chronik vom Jahre 1380 spöttelnd: „sie stunden vorn uff zu Berg über’m Haupte, als wenn man die Heiligen malt“.

Andererseits wuchs die weibliche Kopfbedeckung durch Tücher und Drahtgestelle zu einem zuckerhutförmigen Aufputze empor, dem Hennin oder Cornet, von dessen Spitze dann ein Schleiertuch herabwallte. Dieser Hennin erreichte oft eine Höhe bis zu sechszig Centimetern und hatte damit wenigstens das Eine für sich, daß er die Frauen Demuth lehrte; denn er nöthigte seine Trägerin unter den niedrigen Thüreingängen sich immer tief zu bücken. Damit er eine innere Stütze erhielt, wurde das Haar unter demselben figurenartig aufgebunden, und es galt damals wider alle ästhetische [805] Ueberlieferung eine hohe haarfreie Stirn als ein Merkmal der Schönheit. Auch der von der Männerwelt zur Geltung gebrachten Tendenz der Verengerung huldigte die Frau in dem oberen Theile ihrer Gewandung; um nun aber Schneider und Tuchmacher wieder zu entschädigen, oder um nur doch auch Etwas vor den Männern voraus zu haben, fügten die Frauen jener Tage an die Schultern oder die Ellbogen, außer den gewöhnlichen Aermeln noch, nach dem gang und gäben Ausdruck der Zeit, lange „Lappen“ oder „Zotteln“, die oft bis zum Boden herabfielen und sie wie flatternde Segeltücher umwallten.

Als folgerichtiges Seitenstück dazu liefen nun auch Mantel und Oberrock in langen Schleppen aus, ja es legte sich um die Füße herum eine solche Masse, von Stoff, daß die Frauen zur Vorwärtsbewegung außer den Füßen auch noch die Hände nöthig hatten, sei’s die eigenen oder die von Pagen. Das, was unsere lieben Frauen in der Entfaltung dieser „Zottel- oder Schleppentracht“ leisteten, war so weitgehend, daß sich sogar eine wohllöbliche Polizei in’s Mittel legte. So

XIV. und XV. Jahrhundert.       Spanische Tracht.       Renaissance.
Deutsche Frauentrachten.
Originalzeichnung von Adolf Neumann.

entstanden jene bekannten Kleiderordnungen, wahre Cabinetstücke für den Culturhistoriker. In einer solchen des Frankfurter Magistrats vom Jahre 1350 wird verordnet: „Die Lappen an den Ermeln der Kleider sollen nicht über eine Elle lang sein. Die Weiber sollen keine Kogeln tragen, die sein streifrecht, geteilet oder gestückelt, auch Kruseln und Hüllen größer denn von sechsfachem Zeug.“ Eine Polizeiordnung Kurfürst Ernst’s und Herzog Albert’s von Sachsen aus dem Jahre 1482 verbietet, Kleider zu tragen, die über zwei Ellen lang auf der Erde nachschleppen; andernfalls, hieß es in dieser wie in andern Verordnungen, daß man solche „bis auf den Fußboden schwelgende Schweife uff des Rathhaus antwurten, allda absneiden und zum rechten Maase kürzen“ werde. Da sich im Punkte der Mode Frauen nun einmal nichts beschreiben lassen, auch nicht von der Polizei, so hatten die Stadtknechte damals vollauf zu thun.

In dieser Periode fing man auch an die Taille von ihrem Sitzpunkte weg und zwar mehr nach oben zu verlegen. Dieses Hinauf- und Herabrücken der Kleidertaille bildet dann ein wesentliches Moment in der Entwickelungsgeschichte der Frauentracht.

Der Eintritt der Reformation, der zugleich auch den Eintritt einer ganz neuen Zeit markirt, übte natürlich auch einen regenerirenden Einfluß auf die Tracht. Mit der ernsteren Zeitstimmung schwanden auch die Extravaganzen und Thorheiten in der Kleidung. Die Zotteln und Schleppen fielen ab; die Taille rückte wieder auf ihren natürlichen Sitz. An die Stelle der unförmlichen Gugeln und Zuckerhüte traten zierliche Netze aus Goldfäden (Calotten) oder auch helmartig geformte weiße Häubchen, unter denen das Haar in gewundenen Zöpfen oder natürlichen Löckchen wieder hervorsah. Vornehme Frauen trugen außer dem Hause oder bei feierlichen Gelegenheiten über den Calotten noch Sammetbarette mit einem Kranze wehender Straußfedern.

Weiter tritt als die folgenreichste Wandlung jetzt zum ersten Male das Mieder auf, das in seiner Trennung von dem andersfarbigen Rocke eine Zweitheilung der ganzen Gestalt hervorruft, und als die Ahnmutter der Wespentaille, des Schnürleibs, der männlichen Weste und der weiter in dieses Fach einschlagenden Mode-Artikel zu gelten hat. Das Leibchen erscheint viereckig ausgeschnitten über einem weißleinenen Chemiset, das die Volkssprache als das eigentliche Mieder bezeichnet. An den engen glatt anliegenden Aermeln bilden weiße Ausbauschungen, unterbunden mit Sammetbändern oder Goldborden, eine malerische Unterbrechung. Ein Gürtel von Leder oder Metall fällt seitwärts auf die Hüfte nieder, und an ihm befestigt hängt eine Tasche zur Aufnahme von Scheere, Nadeln und Messer. Es ist die Zeit der Gretchen und Klärchen, die Zeit der Renaissance, die sich der besondern Gunst unserer Historienmaler erfreut. Die Tracht enthält – nicht zu ihrem Schaden – viele Reminiscenzen an die Tracht des ritterlichen Mittelalters, so in dem Aufraffen des Oberkleids zu einem anmuthigen Faltenwurfe unter gleicher Benutzung des Gürtels.

Da macht in der Mitte des sechszehnten Jahrhunderts, hervorgerufen durch den überall, besonders aber in Deutschland, breitmachenden spanischen Einfluß – die Tracht auf einmal wieder einen Sprung in’s Barocke. Die Herrschaft des freien Faltenwurfs geht dabei ganz wieder unter; das Costüm beginnt von Kopf bis zu den Füßen zu erstarren. Denn schon der Hals wird eingezwängt und verdeckt durch eine in die steifsten Falten gelegte mühlsteinförmige und schließlich auch mühlsteingroße Krause. Ein Kunst-Schriftsteller, Jacob von Falke, vergleicht sie ganz treffend mit der Schüssel der Herodias, auf welcher das Haupt Johannis des Täufers ruht. Die Taille sank wieder tiefer hinab und erhielt zum ersten Male eine Schneppe. Ja, sie verengte sich durch eine aus Stahlpanzer bestehende Maschine bis zur modernen Wespentaille. Oben schließt das Kleid eng an die Krause an, jeder Entblößung ängstlich wehrend. In’s ärgste Extrem gerieth aber dieses spanische Erstarrungsmotiv, das mit der steifen Etiquette des spanischen Hofes Hand in Hand ging, in dem an die Panzertaille sich anschließenden Rock. Anfangs wurde die Steifheit desselben durch Filz hergestellt. Das genügte jedoch nicht, und man erfand ein förmliches Gestell von eisernen Reifen, über das man das Kleiderzeug spannte. Hatte dieses Gestell im Anfang die barocke, aber immerhin noch nicht ganz unschöne Form einer Glocke, so fing es später an sich unten zu verengen und oben zu erweitern, sodaß die Dame unterhalb der Taille einer wandelnden Tonne oder Birne glich. Allem ästhetischen Gefühle Hohn sprechend und nicht einmal den Anforderungen gemeiner Zweckmäßigkeit genügend, bot diese Kleidertonne wenigstens den einen Vortheil, daß die Damen ihre Arme bequem darauf ruhen lassen konnten. Und dieses Motiv taucht jetzt wieder am Horizonte der Mode auf.

Dem Charakter der Tracht entsprechend, wurde nun auch das Haar wieder in die Höhe gekämmt und von einer Schneppenhaube umspannt, welcher die schöne unglückliche Königin von Schottland, Maria Stuart, den Namen und zugleich mit jenem Brauche, wie die Gegenwart lehrt, eine gewisse Unsterblichkeit lieh. Andererseits [806] wurde auch das Haar in die seitherigen Goldnetze aufgenommen, und diese wurden mit einem ganz winzigen Hütchen oder kokett zur Seite getragenen Käppchen bedeckt. Auch wider diese „mit Eisen oder sonst weit ausgesperrten Röcke“ kämpfte die Polizei lange vergeblich an; denn wir finden sie noch im Jahre 1619 in einer braunschweigischen Klosterordnung erwähnt. Selbst als am Ende dieser auch in der Kunstgeschichte als Barockrenaissance bezeichneten Periode Halskragen und Rock wieder auf ein ästhetisch erträgliches Maß zurückgegangen waren, zeigt sich das Barocke immer noch in den hohen Achselbauschen der Aermel, in den kurzen weit abstehenden Jacken und den tapetenartig gemusterten Streifen, die vorn an den Kleidern wie Schürzen herabliefen.

Soviel für heute über die Geschichte der Frauenmoden! Unser zweiter und letzter Artikel wird die Entwickelung der Frauentrachten bis in die Zeiten unserer Mütter und über dieselben hinaus dem Leser vorführen.

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II.Die Befreiung aus der Estarrung. – Prinzip des Mannhaften. – Die Damen des Dreißigjährigen Krieges. – Die Herrschaft des Französischen. – Perrücke. – Stöckelschuhe. – Schleifen und Troddeln. – Schleppen und Bauschen. – Frisur à la Fontange. – Das Rococo: Puder und Schönpflästerchen. – Der Reifrock. – Frisuren à la hérisson, zodiaque etc. – Der väterliche Haarbeutel des Postillon d’Amour. – Die deutscher Werther-Tracht. – Die Extravaganzen der französischen Revolution. – Tracht der Antike. – Philiströse Barocktracht im Beginne des neunzehnten Jahrhunderts. – Die Zeit der Romantik.– Der Wiedereintritt der Schnürbrust. – Das Eldorado der Unterkleider. – Der Reifrock als Crinoline. – Hutwandlungen. – Alte Motive in neuer Façon.

Mit dem Eintritte in’s siebenzehnte Jahrhundert begegnen wir neuen Wandlungen. Der spanische Einfluß mit seiner starren Hofetikette und seiner fanatischen Bigotterie war durch den Abfall der Niederlande und durch das wachsende Umsichgreifen der neuen, einen wesentlich deutschen Charakter tragenden evangelischen Lehre gebrochen worden. Und wie sich in der Kunst besonders durch den großen Niederländer Maler Paul Rubens eine freiere Richtung zeigte, so trat sie auch in der Kleidung zu Tage. Dieselbe wurde wieder ungezwungener, malerischer, plastischer. Zunächst fiel die große Mühlsteinkrause weg, und an ihre Stelle trat ein vom Rande des Mieders aufsteigender breiter Kragen, der in der ersten Zeit nach hinten zu sich erhöhte und den Kopf wie ein Pfauenrad oder ausgebreiteter Fächer umrahmte. Das Haar wurde kurz getragen und à la Polkakopf in viele künstliche Löckchen geflochten, während es auf der Stirn eine sogenannte Rolle bildeten die noch kurz zuvor als das Abzeichen ritterlicher Herren galt, wie wir z. B. auf den Bildern Ulrich’s von Hutten und Götze’s von Berlichingen sehen. Auch ihr war es vorbehalten, in der Neuzeit ihre Auferstehung zu feiern. Man befand sich wieder in einer Zeitperiode, wo das männliche Element in der Mode dominirte. So trugen die Frauen auf dem hinten in ein Nest geflochtenen Haare hohe kegelartige Filzhüte mit wallender Feder oder kurzem Schleier. Auch das vorn geöffnete Oberkleid gewann Aehnlichkeit mit dem männlichen Rocke. Die Hüftenwülste und Stahlreifen waren gefallen und das Kleid konnte wieder der natürlichen Linie des Körpers folgen. In der Männlichen Tracht prägte sich der Charakter der Epoche besonders aus in dem ersten Erscheinen des – Stiefels!

In der Zeit des Dreißigjährigen Krieges legte sich der halb aufrecht stehende Frauenkragen ganz nieder und ging, mit Spitzen ausgezackt, in seiner Breite noch über die Schultern hinaus, auch hier ein treues Seitenstück zu dem Kragen der Männer bildend, wie wir ihn aus den Kriegergestalten eines Gustav Adolf und Wallenstein kennen. Bei würdigen Pastoren- und Professorenfrauen bedeckte er Schultern und Hals bis unter das Kinn, sodaß das lockige Haupt wie auf einer weiten Schneefläche lag, wogegen die Dame der Welt vor einer herzhaften Decolletirung nicht zurückschreckte, die jetzt überhaupt das Vorrecht höfischer Kreise zu werden beginnt. Dagegen hatten sich die Puffärmel noch aus der frühern in diese Periode hinübergerettet, ja sie fanden hier in einem noch größeren Maßstabe ihre Anwendung, indem die Aermel aus einer ganzen Reihe solcher ballonartigen Aufbauschungen bestanden, die von der Schulter nach der Hand zu sich immer mehr verjüngten. An der Seite aufgeschlitzt ließen sie die weißen Unterärmel zum Vorschein treten.

Hatte die Tracht der Männer des Dreißigjährigen Krieges selbst auch im Gelehrtenkleide, wo der pelzverbrämte Talar die Stelle des kürzen Soldatenrocks und der Schuh den Stiefel vertrat, etwas Resolutes und mannhaft Derbes, ja herausfordernd Kriegerisches, so verfiel sie nach dem Dreißigjährigen Kriege wieder dem Naturgesetze der Entartung, indem sie dabei in das entgegengesetzte Extrem gerieth. Sie wurde geziert, gekünstelt, fast geckenhaft. Es war der französische Einfluß, der ihr diesen Charakter aufprägte und der von jetzt ab wie in der Politik, so auch auf dem Gebiete der Mode der herrschende wurde. Die deutsche Mode hat sich ihm nie wieder ganz zu entziehen vermocht, nicht einmal dann, als die politische Ueberhebung des herrschsüchtigen Nachbarvolkes durch das gute deutsche Schwert wiederholte Züchtigung erlitt. Die Mode ist eben eine Großmacht für sich.

Wir bemerken an den Herren aus dem Zeitalter Ludwig’s des Vierzehnten einen seltsamen Luxus von Troddeln, Schleifen und Spitzen an den Armen, den Knieen und selbst auf den hohen Stöckelschuhe, die schon längst den Schnabelschuh verdrängt hatten. Die Tracht hatte etwas Weiches, Weibisches, tänzelnd Geziertes. An dem Minnehofe des großen Ludwig war ja dem Elemente des Weiblichen eine Macht verliehen, wie einst in dem Zeitalter der Troubadoure; nur trug diese zweite Auflage des weiland provençalischen Liebesreichs jetzt das Gewand der Farce. Aber auch in Deutschland waren aus den Helden des Dreißigjährigen Krieges, die sich wild und wacker befehdet hatten, altweiberliche Pedanten geworden, die sich auf dem Reichstage zu Regensburg darüber zankten, ob den kurfürstlichen Gesandten des Reichs allem oder auch den altfürstlichen rothbeschlagene oder beiden zusammen nur grünbeschlagene Stühle geziemten, und was dergleichen große Kleinigkeiten mehr waren; während andererseits am Hofe Königs August des Starken der französische Cultus des Ewigweiblichen in deutscher Auflage erschien.

So finden wir auch bei den Frauen eine zierlich-tändelnde Ausschmückung der Kleider mit Rosetten, Troddeln, Schleifen und Zacken auf den Schultern, am Busen, an den Aermelbauschen und zum seitlichen Aufraffen des im Schooße offenen Oberkleides. Die ganze Figur trägt den Charakter des Aufgeblähten und Gespreizten, und das Haar fällt wieder in langen Ringellocken auf die entblößten Schultern. Das eigentliche Leitmotiv der Tracht bildete aber auf männlicher Seite die Perrücke, auf weiblicher die Schnürbrust. Von der letzteren sagt bezeichnend Jacob von Falke: „Sie war ästhetisch gefährlich; sie schnitt allen Fluß der Körperlinien ab, setzte Hüfte und Taille außer allem Verhältniß, die eine vergrößernd, die andere verkleinernd, und verdarb auf Jahrhunderte hinaus das Verständniß für Schönheit.“

Die Perrücke entstammte der im Dreißigjährigen Kriege hervortretenden Vorliebe für das Tragen langen Haares, und sie trat zuerst als eine lange, lockige Allongeperrücke auf. Als weibliches Pendant hierzu erfanden die Hofdamen Ludwig’s des Vierzehnten, der sich anfangs kühl zur Perrücke verhielt, dann aber, als die Natur sein edles Haupt im Stiche ließ, ihr eifrigster Förderer wurde, ein wunderliches Gestell aus Draht, Spitzen und Bändern, das sie auf das aufgelockte Haar befestigten, die sogenannte Fontange, so benannt nach der Marquise von Fontange, welcher während der Jagd der Wind die Frisur zerstoßen und zerzaust hatte, was sie veranlaßte, dieselbe nun künstlich zu befestigen.

Während die Damen erst das bauschige Oberkleid unter der Taille auf beiden Seiten zurückschoben und am Unterkleide mit Schleifen befestigten, traten diese Seitenflügel mit der Zeit zurück, bauschten sich aus dem Rücken hoch auf und fielen zugleich als lange schmale Schleppen zu Boden, ein Motiv, das sich auch die jüngste Zeit wieder zurecht gelegt hat. Vornehme Damen ließen sich diese Schleppe auf der Promenade durch phantastisch gekleidete Zwerge oder Mohrenknaben nachtragen. Unsere Damen kennen [820] freilich solche Kleiderschonung nicht, und wie leicht würde sie ihnen gemacht durch das Institut unserer „Dienstmänner“!

Wir treten nunmehr in die Periode des Rococo ein, Hatten unter Ludwig dem Vierzehnten die Zeit und die Tracht den Charakter des Aufgeblähten, Aufgebauschten und Bombastischen angenommen, so fiel in der Regierungsepoche Ludwig’s des Fünfzehnten Alles in’s Kleinliche und Gedrechselte. Es sind reizende Nippfiguren, diese Damen à la rococo, aber sie sind unnatürlich im höchsten Grade. Puder und Schminke bewirkten, daß in einiger Entfernung die ganze Damenwelt wie von einem Alter erschien; denn auch das Haar von achtzehn Jahren erhielt die Bleiche des Alters und das Gesicht von fünfzig Jahren die Frische der Jugend. Der Geist war nichts, die Figur Alles. Die Schminke unterstützten noch die Schönheitspflästerchen, aus schwarzem Taffet geschnittene Fleckchen in Form von Sonne, Mond, Sternen und Thieren. Ursprünglich dienten sie dem Zwecke, kleine Fehler des Teints zu bedecken, aber bald

Dreißigjähriger Krieg.       Rococo.       Ludwig XIV.
Deutsche Frauentrachten.
Originalzeichnung von Adolf Neumann.

behaupteten sie ihre Stellung für sich und glichen in der That zudringlichen Fliegen (daher ihr Name: mouches!), die ein Bild verunzieren. Man nannte sie scherzweise Postillons d’Amour, und der darin ausgesprochene war vielleicht noch der vernünftigste Zweck, dem sie dienten. Man brachte sie dabei in ein förmliches System und nannte die auf der Stirn klebende Mouche die majestätische, die, welche auf den Wangen saß, die galante, die auf den Lippen die kokette. Andere dienten zur Markirung des Lächelns in der Lachfalte, dem Grübchen, des Schmollens im Mundwinkel, des Zwinkerns im Winkel des Auges. Da sie der öfteren Erneuerung bedurften, so trugen die Damen eine Anzahl derselben immer in kleinen Kapseln bei sich.

Die Fontange ist verschwunden; dafür sind die Haare in gepuderten Ringellocken hoch aufgebunden. Die Taille mit der noch erhaltenen Schneppe ist noch weit enger und dafür der Rock um so umfangreicher geworden; denn es hat jetzt der Reifrock zum zweiten Male seinen Einzug in die Arena der Moden gehalten. Wie um sich für seine langjährige Mißachtung zu entschädigen, blies er sich jetzt noch weit mehr auf als zur Zeit des Glocken- und Tonnensystems. Er machte es den Herren jener Zeit im höchsten Grade schwierig, den Damen über einen ihrer beiden Seitenflügel hinweg die Hand zu küssen – und sie liebten das Handküssen ganz besonders, die galanten Herren des Rococo, mit ihren kleinen, zierlich gedrechselten Schnurrbärten. Mindestens war die Dame zur Erreichung dieses löblichen Zweckes genöthigt, den Oberleib weit nach hinten zu biegen, um über die truthahnartigen seitlichen Ausspreizungen hinaus zu kommen. Eine solche Reifrock-Dame bot für zwei hinter ihr herschreitende Herren vollständige Deckung. Da eine Annäherung von der Seite nicht möglich und von vorn nicht recht schicklich war, so wurde die Unterhaltung auf den Bällen und Gesellschaften vom Rücken her gepflogen.

In allen Fragen der Seßhaftigkeit galt eine solche Reifrockträgerin für zwei Personen. Da sahen sich selbst ehrwürdige Pastoren als galante Ehemänner genöthigt, eine Supplik an das hohe Consistorium zu richten, daß ihren ehrbaren Ehehälften „unter sothanen Umständen statt des bisherigen einen jetzt zwei Kirchensitze zugebilligt würden“. Dabei war der Reifrock selbst ein höchst launischer Geselle, der den Wechsel und die Veränderung liebte. Anfänglich erschien er in der Form einer Halbkugel, welche auf dem Fußgestell der hohen Stöckelschuhe wie ein gasgefüllter Ballon hin- und herbalancirte. Um das gefährdete Gleichgewicht zu erhalten, bediente sich seine Trägerin meist eines Stockes. Später nahm der Rock die bereits angedeutete ovalere Form an, indem er sich mehr nach den Seiten ausbreitete, hinten und vorn sich schmälerte, auch zur besseren Sicherung bis auf den Boden reichte. Nun konnte seine Besitzerin wenigstens von der Seite her durch eine nicht zu schmale Thür gelangen. Der Reifrock verschwand gegen Ende des Jahrhunderts wieder ziemlich. Zugleich war jene und die ihr kurz voraufgehende Zeit die Epoche der Unterröcke. Die Damen des siebenzehnten und achtzehnten Jahrhunderts trugen ihrer zehn bis zwölf im Winter und sechs bis sieben im Sommer und noch dazu aus den schwersten Stoffen, aus Sammet, aus Gold- und Silberstoff oder aus Atlas.

Aus der verlotterten Regierungsepoche Ludwig’s des Fünfzehnten wollen wir nur einer Extravaganz gedenken, der wahrhaft kolossalen Haarfrisuren, die sich auf den Köpfen der Damen aufbauten. Sie bewegten sich in den verschiedenartigsten Formen und Structuren. Besonders beliebt waren die des Igels oder Stachelschweins (à la hérisson. Eine andere (à la mappe monde) stellte die ganze Erdkugel dar, auf welcher die Grenzen der Länder durch farbige Bänder markirt waren; eine dritte (à la zodiaque) enthielt den Mond und die zwölf Bilder des Thierkreises. Bei der Frisur à la Pomone trug die Dame eine aus Taffet gefaltete Fruchtschüssel auf dem Kopfe mit Weintrauben, Birnen, Aepfeln u. dergl. Auch ganze Schiffsmodelle, Blumenkörbe, ja sogar nachgemachte Denkmäler, letztere als Huldigung berühmter Männer, balancirten die Damen mit der Gewandtheit eines italienischen Gypsfigurenhändlers auf den Köpfen. Die Frauen führten auch jetzt wieder das Regiment. Die Männer bückten und beugten sich vor ihnen; höflich und galant, trugen sie stets den Hut in der Hand und französische Galanterien im Munde. Ihre Embleme waren der Zopf und der Haarbeutel. In diesen Haarbeuteln trugen die guten Väter oft tagelang das Briefchen bei sich herum, das der Galan des verliebten Töchterchens durch den Friseur am Morgen hatte hineinstecken lassen. Abends nach dem Schlafengehen holte es das unschuldige Kind heraus und legte dafür die Antwort hinein, die der frisirende Figaro am anderen Morgen richtig an seine Adresse brachte.

Aus der sentimentalen Stimmung heraus, welche der Goethe’sche Roman „Werther’s Leiden“ und seine vielfachen Nachfolger in Deutschland verbreiteten, entstand die sogenannte Werther-Tracht: grüner Frack mit gelber Weste, Jabot und Hut mit hohem [821] Deckel; das lockige Haar hinter einem Haarbeutel, dazu Kniehosen, Strümpfe und ausgeschnittene Schuhe, das war die äußere Folie jener innerlich schmachtenden Jünglinge, zu denen sich dann die entsprechende Jungfrau gesellte in schmalem, hochgegürtetem Kleide, kurzen bauschigen Aermeln und desto längeren Hand- oder eigentlich Armschuhen, ein großes Busentuch züchtig um Schultern, Brust und Nacken, den Kopf bedeckt mit einer Schlafhaube oder einem Hut von Stroh oder Seide, den Strickbeutel am Arme, einen Rosmarinstengel in der Hand und einen Mops auf dem Schooße.

In Folge der Gegensätze, in welchen sich die Periode der letzten Jahrzehnte des vorigen Jahrhunderts bewegte, wo Pedanterie, Freigeisterei und schwärmerische Sentimentalität hart neben einander hergingen, mußte sich auch die Mode in verschiedenen Extremen bewegen. Und so finden wir im Gegensatze zu der oben geschilderten die Tracht à la sauvage aus den ersten Jahren der französischen Revolution, welche auf männlicher und weiblicher Seite das Unglaublichste leistete – dort als Incroyable, hier als Merveilleuse. Mit

Revolution.       Werther’s Zeit.       Wiener Congreß.
Deutsche Frauentrachten.

Originalzeichnung von Adolf Neumann.

der Einführung der Republik hielten es die französischen Damen für angezeigt, das antike Costüm einzuführen. Sie trugen ärmellose weite Tuniken dicht unter dem Busen gegürtet, trugen Ringe nicht blos an den Fingern, sondern auch an den Zehen ihrer blos mit Sandalen bekleideten Füße.

Auch unter dem Kaiserreiche wurde das antike Motiv noch beibehalten, aber in einer dem Klima und der Zeit entsprechenderen Weise verwerthet. In Deutschland finden wir im Beginn des neunzehnten Jahrhunderts das Damencostüm auf derselben Grundlage zu einer erschreckend philiströsen Composition gewandelt. Die Taille ist beinahe bis unter die Achsel hinaufgerathen; das kurze Kleid fällt in einer Linie und mit der engsten Spannung von da bis zum Saume herab und vertritt das alte Sackmotiv (elftes und zwölftes Jahrhundert) in ausgeprägtester Form. Es ist, als ob die Frauen jener unglücklichen Periode um das Elend des fremden Fesseln liegenden Vaterlandes auch äußerlich in Sack und Asche hätten trauern wollen. Um aber die ästhetische Carricatur zu vervollständigen, trat dazu noch ein großer Hut, der sich auf dem Hinterkopfe wie ein Thurm erhob und das Vorderhaupt mit einem riesigen Schirm umkleidete.

Schon Ende des ersten Jahrzehntes erhielt der enge Rock wieder eine Erweiterung, die auch ein Herabrücken der Taille zur naturgemäßen Folge hatte. Auch wurden bei den Damen breite Spitzenkragen und aufgebauschte Aermel wieder modern.

Die verlängerte Taille führte die Schnürbrust nun zum dritten Male in Scene. Sie begünstigte wieder eine größere Erweiterung des Rockes und eine Entwickelung der Falte. So finden wir das Costüm in den vierziger Jahren auf einem in gewisser Hinsicht ästhetischen Standpunkte angekommen, bis die in’s Maßlose wachsende Zahl der Unterkleider diese zuletzt unerträglich macht und zur Befreiung von dieser Last Anfangs der vierziger Jahre wieder der Reifrock zur Hülfe gerufen wird. Obwohl schon alt und verbraucht, wurde er jetzt erst und zwar mit dem Wasser der Seine getauft als Crinoline. Die Herrschaft dieser Crinoline, die an äußerem Umfang ihren alten Vorgängerinnen nichts nachgab, war bekanntlich eine ziemlich lange. Als sie aus den oberen Kreisen schon längst verbannt war, führte sie in den untern Regionen noch ein langes glückliches Dasein fort als bevorzugter Liebling der sonntägig geputzten Köchin und des die Stadt besuchenden Landmädchens.

Indessen hat auch der Hut eine wahre Proteusnatur entwickelt. Der hochaufragende Schirm senkte sich zunächst nach vorn, sodaß das holdselige Antlitz seiner Trägerin wie aus einer mit Seide und Gaze gefütterten Ofenröhre herausschaute. Diese Röhre verjüngt sich, das Gesicht wird wieder frei, die Peripherie des Hutes geräth in die mannigfachsten Schwankungen, bis sie in immer steigender Verjüngung mehr und mehr nach dem Hinterhaupte zu sich verliert, schließlich von ihm nichts mehr übrig bleibt als eine blasse Idee und er somit dem runden Hute den Platz ebnet.

Nach Beseitigung des Reifrockes griff die Mode wieder zu den kurzen und engen Kleidern. Der rasche Wechsel ihrer Motive, die indeß nur eine Erneuerung längst dagewesener bedeutet, macht sie zum Abbilde unserer raschlebigen Zeit. Sie hat aber auch die Fühlung mit dem historischen Untergrunde fast ganz verloren; an die Stelle ihrer natürlichen ist eine künstlich gemachte Entwickelung getreten, und damit hört eigentlich ihre Geschichte ganz auf.

In all diesem Chaos von Launen, Vorurtheilen und Capricen ist – der Welt zum Trost – doch Eines immer dasselbe geblieben, und zwar trotz alles Wechsels seiner Hülle, trotz des Bannes von Schnürbrust und Panzertaille. Und dieses Eine, groß in seinem Glauben, in seinem Hoffen, in seiner Treue, ist das Herz der deutschen Frau, welches die sinkende Welt rettet und verjüngt.