Die Zoologische Station des Berliner Aquariums in Rovigno

Textdaten
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Autor: Franz Ith
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Titel: Die Zoologische Station des Berliner Aquariums in Rovigno
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 284, 286–288
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Besuch in einer Fischfang- und Forschungsstation im heutigen Kroatien
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Die Zoologische Station des Berliner Aquariums in Rovigno.
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Das Gebäude der Zoologischen Station.

Einige Jahrzehnte sind verflossen, seitdem das Hauptinteresse der Zoologen der Erforschung der Tierwelt des Meeres sich zugewandt hat, und die Mühe der Forscher wurde inzwischen in herrlichster Weise belohnt. Das Meer ist ja der Mutterschoß alles organischen Lebens; in seinen weiten Fluten haben einfachere Lebensbedingungen oft eine Ursprünglichkeit der Organisation bestehen lassen, welche bei Bewohnern des festen Landes und der Binnengewässer längst durch Anpassung an besondere Verhältnisse verwischt ist. Daher haben ein Johannes Müller, Ernst Häckel und ihre Schüler und viele andere Zoologen in aller Herren Ländern beim vorübergehenden Aufenthalt an den Gestaden des Meeres ihre Beobachtungen an lebenden Wesen gemacht und das Material zu ihren grundlegenden Arbeiten gesammelt. Als aber mit den höheren und umfassenderen Zielen der Wissenschaft die Untersuchungen schwieriger und die Arbeiten verwickelter wurden, erschien die Anlage fester Stationen an der Meeresküste ein unbedingtes Erfordernis.

Um der Wissenschaft einen solchen Dienst zu leisten, gründete Anton Dohrn seine Station in Neapel (vgl. „Gartenlaube“, Jahrg. 1880, S. 340), die jetzt zur großen internationalen Station herangewachsen ist. Gerade in diesem Monat, am 14. April, sind fünfundzwanzig Jahre seit ihrer Begründung verflossen. In den Kreisen der Naturforscher, die diesem Institut so viel zu verdanken haben, wird dieses Jubiläum festlich begangen. Der Nutzen der von Dohrn geschaffenen Anstalt erwies sich so groß, daß bald in allen Kulturstaaten, wo Zoologie wissenschaftlich getrieben wurde, Stationen an der Meeresküste auftauchten. England besitzt deren eine ganze Reihe, ebenso Frankreich, die Vereinigten Staaten und in neuester Zeit auch Schweden und Norwegen.

Deutschland, welches sich an der durch unsern Landsmann Dohrn gegründeten Neapeler Station erheblich beteiligt hatte, blieb in dieser Beziehung zurück. Endlich, im Jahre 1893, wurde die königliche Biologische Station auf Helgoland eröffnet.

Aber schon im Jahre vorher war den deutschen Zoologen durch deutsche Privathilfe am Meeresstrande ein Heim geboten worden. An dem Ufer des tierreichen Adriatischen Meeres, zu Rovigno in Istrien, auf österreichischem Boden hatte das Berliner Aquarium eine Fangstation gegründet, welche zunächst bestimmt war, dem Aquarium stets lebendes Material aus der reichen, prächtigen Tierwelt des Mittelländischen Meeres zur Schaustellung nach Berlin zu besorgen. In geeigneter Weise, wie ich es weiter unten noch schildern werde, an das Leben in der Gefangenschaft gewöhnt, werden die Tiere auf dem direktesten Wege nach Berlin geschafft, um dort in den schönen großen Becken des Aquariums dem wißbegierigen Publikum einen Begriff vom Leben des südlichen Meeres zu geben.

In dem Gebäude dieser Station hat nun die Leitung des Berliner Aquariums eine Anzahl von Arbeitsplätzen für Gelehrte nach dem Muster der Neapeler Station ausgerüstet und damit eine Anzahl von Einrichtungen verbunden, welche geeignet sind, dem Forscher den Aufenthalt in der Station ebenso angenehm wie gewinnbringend zu gestalten. Das Deutsche Reich und Preußen haben das Unternehmen durch eine erhebliche Subvention unterstützt.

Der zweistöckige Stationsbau zeichnet sich durch seine Sauberkeit und Nettigkeit höchst vorteilhaft vor den Häusern des übrigen Rovigno aus. Er liegt unmittelbar an der Straße, welche sich längs des Nordhafens von Rovigno am Meere entlang zieht, und ist nur durch eben diese Straße und die breite Riva, die Hafenmauer, vom Wasser getrennt. Unsere Illustration zeigt uns die Station von Nordosten gesehen, das Bild ist unmittelbar vom Meeresufer, von der Hafenmauer aus aufgenommen. Vor dem Gebäude befindet sich ein wenige Meter breiter Vorgarten mit Rasenplätzen und sauberen Kieswegen, der nach der linken Seite hin mit dem Hofe in Verbindung steht. Durch eine stattliche Hausthüre betreten wir den Flur. Gerade vor uns sehen wir die Treppe in die oberen Stockwerke emporsteigen. Aus einem Raume zur Linken tönt uns das Rauschen des Wassers entgegen.

Aussicht auf die Kirche Santa Eufemia.

Wir treten in den Aquarienraum, einen großen Souterrainsaal, in welchem zwei Wände von einer fortlaufenden Reihe tiefer Cementbecken eingefaßt sind. Quer durch den Raum steigt von der Höhe herab eine treppenartige Folge kleinerer Becken; von dem höchsten derselben fließt das frische Wasser in das nächste, und so durchströmt es der Reihe nach sämtliche Abteilungen. Jedes Becken kann aber auch einzeln mit frischem Wasser versorgt werden.

In diesen kleinen Behältern sehen wir Krabben und Würmer, Schnecken und Seesterne, Polypen und Moostierchen in buntem Durcheinander. Kleine Fische in schimmernden Farben huschen zwischen Schwämmen und Korallen umher, während die abenteuerlichen Gestalten der Schlangensterne in bizarren Verrenkungen auf den Steinen umherklettern. Im Winkel liegt eine große Muschel still und träg, niemand beachtet sie; denn die Schale ist ganz mit Schlamm überzogen und nichts verrät Leben. Da! – plötzlich öffnen sich die Klappen ein wenig, eine Reihe grünlicher Tentakel (Fühlfäden) flattert hervor, und unter ihnen sehen wir in regelmäßigen Abständen große dunkle Punkte, die in den wunderbarsten Farben schillern. Das ist die seltsame Jakobsmuschel (Pecten Jacobaeus), und diese schimmernden Flecke sind die vielen Augen des wunderbaren Geschöpfes.

In den großen Cementbecken werden größere Tiere gehalten. Hier sehen wir vor allem die prächtigen Fische der Adria vertreten. [286] Einige Arten von kleinen Haifischen balgen sich um ihr Futter, während im hintersten Winkel des Bassins ein mächtiger Zitterrochen (Torpedo) bereit ist, seine elektrischen Schläge auszuteilen. Nebenan sehen wir eine wohlschmeckende Gesellschaft versammelt, den kostbaren Branzin (Labrax lupus, Seebarsch), die Dorade, und mit ihnen die buntesten Prachtfische der umgebenden Meere, den Pfauenfisch und viele andere. Vor allem aber pflegen sich die Besucher der Station vor dem folgenden Becken zu versammeln, in welchem wir ein dichtes Gewimmel von Seepferdchen und Seenadeln erblicken. Diese Lieblinge des Publikums verdienen diese Bevorzugung wohl durch ihre phantastischen und doch so zierlichen Formen, ihre geringe Intelligenz und Trägheit läßt sie aber mit der Zeit höchst uninteressant erscheinen. Gerade von diesen Geschöpfen werden große Mengen gefangen und in den Cementbecken an das Leben in der Gefangenschaft gewöhnt. Viele Exemplare gehen natürlich in kurzer Zeit zu Grunde, aber die Ueberlebenden berechtigen zur Annahme, daß sie recht lange in Berlin das großstädtische Publikum durch die Eleganz ihrer Formen und Bewegungen erfreuen werden.

Wir treten zu dem nächsten Becken; aber erschreckt fahren wir zurück bei dem Aufruhr, den unser Anblick dort hervorruft. Unter lautem Rauschen des Wassers flieht etwa ein Dutzend großer, hellfarbiger Geschöpfe in den hintersten Winkel des Aquariums. Wenn wir uns ruhig verhalten, nähern sich die erschreckten Tiere langsam, und wir erkennen Tintenfische, welche uns mit ihren großen Augen seltsam anstarren; dabei bewegen sie die langen Arme mit den Saugnäpfen langsam hin und her, kurz es sind ganz unheimliche Gestalten. Die Arten der Gattungen Sepia, Sepiola, Loligo, Elydone und Octopus gehören aber zu den interessantesten Bewohnern der Aquarien, soweit sie in denselben fortkommen.

Weiter können wir in einem Becken die großen Krabben oder Seespinnen bewundern; diese Granzi oder Granzevoli, wie sie die Bevölkerung nennt (Maja squinado ist der wissenschaftliche Name), bilden einen wichtigen Bestandteil der Volksnahrung dieser Küsten. Ja, man kann sie die Nationalfastenspeise der Istrianer nennen. Arme wie Reiche genießen mit gleicher Vorliebe diese Geschöpfe in der verschiedenartigsten Zubereitung, am liebsten auf glühenden Kohlen in der Schale geröstet. Das Fleisch besitzt einen ähnlichen Geschmack wie das des Hummers, ist aber zäher und trockener.

Im Inneren des Aquariums.

Wenn wir uns nun weiter im Raume umsehen, so erblicken wir in zahlreichen Glasgefäßen und kleineren Aquarien die zierlichsten und zartesten Geschöpfe des Meeres. Hier sehen wir hauptsächlich das Material vereinigt, welches die in der Station anwesenden Forscher bearbeiten. Zarte Quallen schweben im klaren Wasser, Seerosen und Seeanemonen breiten ihre feinen Tentakelkränze aus, in den unglaublichsten Formen und Farben prangen Ringel- und Schnurwürmer. In anderen Gefäßen harren in buntem Gewimmel die durchsichtigen, formenreichen Bewohner der Oberfläche, das frischgefangene „Plankton“, des Beobachters. Der Leser wird schon ermüden, und noch habe ich nichts gesagt von Seescheiden, Schwämmen, Seeigeln, Holothurien und vielem anderen; alle diese Herrlichkeiten entzücken den Besucher, besonders den Laien und Anfänger. Eines von diesen Rovigneser Meeresprodukten verdient jedoch besondere Hervorhebung hier: die zusammengesetzten Ascidien (Seescheiden). Diese eigenartigen Tiere bilden den auffallendsten Bestandteil der Grundfauna der Bucht von Rovigno. Sie haben als solche auch schon eine besondere Bearbeitung erfahren. In Form von Krusten überziehen dieselben gewöhnlich Steine, Pfähle, Panzer und Schalen toter oder selbst lebender Organismen und bieten dabei die überraschendsten Formen und die strahlendsten Farben, unter welch letzteren Grellrot und Orange die Hauptrolle spielen.

Einen Blick in diesen Aquarienraum gewährt uns die untenstehende Illustration. Im Vordergrunde sehen wir die Gestelle mit den Glasaquarien, dahinter nach rechts zu die Treppe der kleinen Becken. Hinter diesen wiederum ziehen sich die großen Cementbassins an der Wand entlang. Ueberall sehen wir die Röhren der Meerwasserleitung mit ihren zahlreichen Hähnen den Raum durchziehen.

Wenden wir uns jetzt wieder zur Besichtigung des Gebäudes der Station! Herr Kossel, der eifrige Kustos und der Vertreter des Direktors des Berliner Aquariums, des Herrn Dr. Hermes, der uns schon in dem Aquarienraum mit vielen Erklärungen über das Vorkommen und das Leben der Tiere erfreut hat, führt uns jetzt in den zweiten Raum des Erdgeschosses, in sein eigenes Laboratorium. Dies ist der Raum, in welchem er Tiere für zoologische Institute und Sammlungen konservieren kann; hier werden die Chemikalien, welche er und die anwesenden Gelehrten brauchen, aufbewahrt. Hier ist auch eine kleine Sammlung der Rovigneser Fauna aufgestellt, welche zu einer brauchbaren Bestimmungssammlung erweitert werden soll. Hier finden wir den einzigen Amphioxus (Lanzettfischchen), der bisher in dieser Gegend erbeutet wurde – jenes niedrigst organisierte, aber für den Zoologen so interessante Wirbeltier.

Auf einer steinernen Treppe gelangen wir in das erste Stockwerk. In ihm befinden sich die Arbeitsräume für Gelehrte. Die Tische sind nach dem Muster der Neapeler Station ausgestattet. Es sind Plätze für sechs Forscher vorhanden, welche Zahl sich leicht noch erhöhen läßt. Eine gute Ausrüstung an Instrumenten und Chemikalien, sowie eine kleine Dunkelkammer machen die Anstalt zu wissenschaftlichen Arbeiten vorzüglich brauchbar. Die Bibliothek ist noch nicht sehr reichhaltig, wird aber beständig vermehrt.

Die Hauptsache für eine marine Station sind nun aber die Vorrichtungen für den Fang der Seetiere; diese sind hier geradezu vollkommen zu nennen. Daß Schleppnetze, Kratzer, Oberflächennetze vorhanden sind, versteht sich wohl ebensogut von selbst wie der Besitz eines Ruder- und Segelbootes. Ein Kleinod, dessen Wert nicht hoch genug angeschlagen werden kann, ist der kleine Dampfer der Station, der „Rudolf Virchow“. Dieses Schiff ermöglicht nämlich weite Exkursionen; es stellt der Station die ganze Tierwelt von Venedig und Triest im Norden bis tief ins südliche Dalmatien zur Verfügung. Auf der Abbildung (S. 287) können wir am Hinterteil des Schiffes den Krahnenarm wahrnehmen, an welchem die Dredge, das Tiefseeschleppnetz, emporgezogen wird.

Eine sehr schätzbare Einrichtung für alle Forscher, welche die Station benutzen, besteht darin, daß sie im Gebäude selbst wohnen können; denn in einer kleinen Stadt von italienischem Typus sind die Wohnungsverhältnisse, besonders für einen Deutschen, der sich und sein Haus zu reinigen pflegt, geradezu schaurig primitiv. Die Schlafzimmer befinden sich im ersten Stock und im Dachgeschoß. Der zweite Stock ist von der Wohnung des Direktors eingenommen, in welcher derselbe alljährlich mehrere Wochen zuzubringen pflegt.

Dieser zweite Stock besitzt, ebenso wie der erste, Anteil an einer schönen Veranda und damit an einer wunderbar reizvollen Aussicht. Nach Süden blickt man in den Garten der Station, in welchem die südliche Vegetation der Gegend durch einige Oelbäume, Lorbeersträucher und Myrtaceen vertreten und durch einige weitere Gewächse von noch südlicherem Charakter ergänzt ist. Der [287] Ausläufer des Stadthügels, an dessen Fuß die Station gelegen ist, trägt auf seinem Kamm ein malerisches Kloster; seine Abhänge sind bedeckt mit üppigen Gärten, welche im Frühling, schon im Februar und Anfang März, in dem bestrickenden Schmuck blühender Mandel- und Pfirsischbäume prangen. Ich habe schon oben erwähnt, daß die Station dicht am Meeresufer gelegen ist. Daher bildet das Meer einen sehr hohen Horizont, der mit seinem ganz unglaublich dunklen, strahlenden Blau sich scharf vom lichtblauen Himmel abhebt. Was ist da blauer von den beiden? Und weit draußen in diesem – fast hätte ich gesagt „Meer von Blau“ schwimmt eine kleine Felseninsel, über welcher der schäumende Gischt der Brandung hinfegt. Kann man sich nun einen reizenderen Gegensatz denken als das Silberlaub der Oelbäume, die dunklen Cypressen und die duftig mit weißen und rosenroten Blüten überhauchten Obstbäume auf diesem Hintergrunde? Auf diesem höchst eigenartigen Gegensatze beruht hauptsächlich die malerische Wirkung der istrianischen Frühlingslandschaft, und er findet sich in hundert Abstufungen in der Umgebung von Rovigno.

Der Dampfer „Rudolf Virchow“.

Das Städtchen selbst liegt sehr malerisch auf mehreren Hügeln und an deren Fuße, den Buchten folgend, welche hier das Meer ins Land schneidet. Die Station befindet sich am Nordhafen, dem Val di Bora, ebenso wie der Bahnhof, während Handel und Wandel des Ortes sich am Südhafen zusammendrängt. Damit ist zugleich ausgesprochen, daß der Seeverkehr den Landverkehr überwiegt; der Bahnhof liegt ziemlich still und öd da, und in Ermangelung einer guten Straße benutzt man oft den Bahndamm zum Abendspaziergang.

Beide Häfen sind durch eine schmale Landzunge getrennt, auf welcher der älteste Teil der Stadt liegt; ihre höchste Erhebung krönt die Kirche Santa Eufemia, deren schlanker Glockenturm nach dem Muster des Venezianer Campanile von San Marco gebaut ist. Dem letzteren sind überhaupt fast sämtliche Kirchtürme der istrianischen Küste nachgebildet, wie sich denn hier auch sonst eine Fülle von Spuren der Venezianerzeit findet. In Rovigno selbst sind diese Venezianer Altertümer vor allem durch eine Reihe von Balkonen und Thorbogen mit reicher, schöner Skulptur vertreten; außerdem ist noch ein recht hübscher kleiner Triumphbogen aus dem sechzehnten Jahrhundert fast unbeschädigt erhalten. Die Kirche Santa Eufemia mit ihrem Glockenturm, als Wahrzeichen der Stadt weithin vom Meere sichtbar, zeigt uns die Illustration S. 284.

Am Südhafen erstreckt sich der Corso, der hier, wie in jeder italienischen Stadt, für das Leben der Bevölkerung von hervorragender Bedeutung ist. Wenn abends Geschäfte und Fabriken geschlossen werden, strömt das ganze Volk, alt und jung, hier am Strande zusammen; hier treffen sich die Bekannten, die Liebespaare – hier werden Geschäfte abgeschlossen, Streitigkeiten begonnen und geschlichtet – kurz, es ist eben der „Corso“! Hier bummelt man auf und nieder bis zur Dunkelheit, und wohl auch noch ein wenig länger.

Und in täglich wechselnder Pracht sieht man vom Molo aus die Sonne im Meer versinken; während die weite Flut in blendendem Glanze strahlt, wird die Silhouette der Klosterruine gegenüber auf der Insel Santa Catarina immer schärfer und schärfer, bis schließlich der Mond die Beleuchtung übernimmt und womöglich mit seinem Silberglanz noch magischere Effekte über die stille Landschaft zaubert.

Wenn der Naturforscher auf Tafelgenüsse verzichtet und sich beim feurigen Istrianerwein über den zähen Braten zu trösten vermag, so kann er in diesem idyllischen Erdenwinkel herrliche Wochen verleben. Wenn er müde ist von der Arbeit am Mikroskop, bieten ihm schöne Ausflüge nach Norden und Süden, zum wunderbaren Canal di Leme, einem Fjord des Südens, oder nach Pola, dem österreichischen Kriegshafen mit seinen imposanten Bauten aus Römerzeiten, und viele andere eine reizvolle Erholung und neue Genüsse.

Ich will nicht weiter erzählen von den Fahrten mit Dampfer oder Segelboot, dem Fischen mit dem Oberflächennetz oder dem Dredgen in der Tiefe. Jeder Zoologe, der am Meer gearbeitet hat, weiß den Genuß und die Anregung zu schätzen, welche die Beobachtung der Tiere in ihren heimatlichen Gründen bereitet.

Zwei eigenartige Fangmethoden lernt man hier noch kennen, welche in diesen Meeren allgemein gebräuchlich sind und in hohem Grade unser Interesse verdienen. Das Fischen mit der Schwammharpune und die nächtliche Jagd mit Pechpfannen und einer kleinen Harpune bieten beide Gelegenheit, das Volksleben dieser Gegend in seiner malerischsten Entfaltung zu belauschen.

Ueber die Schwammfischerei ist schon so oft und viel geschrieben worden, daß ich hier nur eine Methode erwähnen will, wie man bei bewegter See sich die Objekte auf dem Meeresgrunde sichtbar macht. Das Wasser ist wunderbar klar, aber ein leichter Wind kräuselt die Oberfläche; unzählige kleine spiegelnde Wellen machen den Meeresboden für das Auge unkenntlich. Da wird nun ganz einfach ein Kasten mit Glasboden neben dem Boot ins Wasser gehalten: man hat nun eine ruhige Fläche, das klare Wasser läßt alle Gegenstände auf dem Grunde erkennen, und man kann mit der Schwammgabel die Badeschwämme, oder was man sonst wünscht, mit Leichtigkeit heraufholen.

Eine sehr originelle Angel wird nach den Tintenfischen ausgeworfen. Zu bestimmten Jahreszeiten wirft man die Nachbildung eines Tintenfisches, ein ganz rohes Holzbild, an einer Stelle aus, die man als Aufenthaltsort der betreffenden Art kennt. Die Sepia (oder wenn ich mich recht erinnere, so handelt es sich dabei hauptsächlich um Octopus) vermutet einen Artgenossen und saugt sich mit den Fangarmen an dem Holzklotz fest. Zieht man nun zurück, so sucht das Tier den fliehenden Gegner immer fester zu halten, immermehr Saugnäpfe haften an dem Köder und man kann schließlich das Opfer aus dem Wasser ziehen. Keine Angel hat das Tier beschädigt, „in eigener Fessel“ fing es sich. Die Methode hat sich vorzüglich bewährt, um unverletzte Tiere für die Zwecke des Aquariums zu fangen. Denn in Netzen gefangen, gebärden sich die Sepien und ihre Verwandten so wild und aufgeregt, daß sie an den Schnüren des Netzes sich vielfach verletzen. Solche Exemplare gehen meist in der Gefangenschaft sehr bald zu Grunde, während die auf die oben geschilderte Weise geangelten sich gewöhnlich sehr schön erhalten.

Zum Schluß will ich noch eine nächtliche Scene schildern, das Bild einer Nacht mir zurückzaubern, welche so viel von Naturpracht und überraschenden Bildern bot, wie ich selten in meinem Leben gesehen habe. Ich ging eines Abends, spät zur Station zurückkehrend, auf dem Hafendamm dem Nordhafen entlang. Die Wogen plätscherten gegen die Steine des Molo, und jeder Anprall war von einem geheimnisvollen Aufglimmen begleitet; bis weit in den Hafen hinein erstreckte sich das phosphorescierende Leuchten der Oberfläche: Meeresleuchten! Der Anblick dieser merkwürdigen Erscheinung, die von Millionen winziger Organismen erzeugt wird, ließ schon das Herz des Zoologen höher schlagen. Und nun gesellten sich noch einige Dinge hinzu, welche das Bild so wundersam malerisch und großartig gestalteten, daß es über den Zoologen hinaus das Herz des ganzen Menschen gefangen nahm. – Der Grund, warum das Meeresleuchten so schwach erschien, lag darin, daß hin und wieder der Mond aus den dünnen Wolken hervorlugte. Und als ich nun meinen Blick [288] zum Himmel emporhob, da sah ich auf der dunklen Wolkenwand im Westen klar und deutlich einen Mondregenbogen schweben. Diese wundersame Erscheinung schien das Bild in eine ganz andere Welt zu versetzen! In der Ferne sah man einige gelbrote qualmende Lichter auf den Wellen tanzen und – plötzlich! ein lautes Schreien und Singen! Um die Ecke schießt ein Kahn, gefüllt mit jungen Leuten. Vorn an der Spitze steht eine qualmende Feuerpfanne, die denselben Lichtschein auswirft wie die tanzenden Lichter draußen im Hafen. Hinter der Pfanne steht ein junger Mann mit einer langen Harpune in der Hand. Jetzt beugt er sich vor, ein Ruck! – und nun hebt er einen zappelnden Fisch aus den Fluten. Durch den Feuerschein angelockt, war ein großer prächtiger Branzin aus der Tiefe heraufgekommen und jetzt lag er auf dem Boden des Nachens und morgen – ja, morgen beim pranzo, da wird er wohl dem „Tedesco“ vorgesetzt werden und die „dottori dell’ aquario“ werden sich freuen, daß es einmal was anderes giebt als „agnello fritto“ (Lammbraten) mit Polenta! Und wie ich so mit meinen Gedanken wieder bei der plattesten Prosa angelangt bin, da ist der Nachen im Dunkel der Nacht verschwunden, der Mond hat sich verborgen und der Regenbogen ist erloschen. Meer und Wind fangen an, hohl zu brausen, die Oberfläche des Wassers leuchtet aber wie gleißendes Silber; und in der Ferne verklingen die Lieder der Fischer. –

Aus meiner Darstellung wird man wohl ersehen, daß der Aufenthalt auf der Station in Rovigno nach allen möglichen Richtungen anregend und gewinnbringend ist. Seit der Einrichtung der Arbeitsplätze hat denn auch alljährlich eine größere Anzahl Gelehrter während der Frühlings- und Herbstmonate dort geweilt, und manche interessante Publikation der letzten Jahre verdankt ihre Entstehung einem Rovigneser Aufenthalt. Jedenfalls darf man die Forscher zu dieser reizvollen Schöpfung deutschen Unternehmungsgeistes beglückwünschen. Franz Ith.