Textdaten
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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Der Taube Noahs
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aus: Zerstreute Blätter (Dritte Sammlung) S. 237-238
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Erscheinungsdatum: 1787
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
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[237]
Die Taube Noahs.


Acht Tage hatte Noah auf die Wiederkunft des Raben gewartet, als er aufs neue seine gefiederten Schaaren um sich rief, aus ihnen einen Kundschafter der Welt zu wählen. Schüchtern flog die Taube auf seinen Arm und bot sich an zur Sendung. „Tochter der Treue, sprach er, du wärest freilich mir eine Dienerin guter Botschaft; wie aber willt du deine Reise thun und dein Geschäft vollenden? Wie, wenn dein Flügel ermattet und dich der Sturm ergreift und wirft dich in die trübe Welle des Todes? Auch scheuen deine Füsse des Ufers Schlamm und deiner Zunge widert unreine Speise.“ – „Wer, sprach die Taube, giebt dem Müden Kraft und Stärke gnug dem Unvermögenden? Laß mich, ich bin dir gewiß eine Dienerin guter Botschaft.“

Sie entflog und schwebete hin und her, und nirgend fand sie, wo ihr Fuß ruhen könnte; als [238] schnell der Berg des Paradieses sich vor ihr erhub mit seinem grünenden Wipfel. Ueber ihn hatten nichts vermocht die Wasser der Sündfluth und der reinen Taube war die Zuflucht zu ihm unverboten. Freudig eilete sie und ließ sich am Fuß des Berges nieder. Ein schöner Oelbaum blühete da: sie brach ein Blatt des friedlichen Baums und eilte gestärkt zurück und legete den Zweig auf des schlummernden Noah Brust. Er erwachte und roch daran den Geruch des Paradieses: da erquickte sich sein Herz: er erquickte die Seinigen, bis ihm sein Retter selbst erschien, und bekräftigte bald der Taube gute Botschaft.

Immer ist seitdem die treue Taube eine Dienerin der Liebe und des Friedens. Wie Gold und Silber glänzen ihre Flügel, sagt das Lied; ein Schimmer noch vom Glanz des Paradieses, das sie auf ihrer treuen Wanderschaft erquickte.