Textdaten
Autor: Ludwig Thoma
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Sau
Untertitel:
aus: Zeitschrift Simplicissimus
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 3. April 1900
Verlag: Albert Langen
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: München
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: „Simplicissimus“
Jg. 5, 1900, H. 2 (PDF), S. 14–15
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]

S. 15 Korrektur lesen
[14]
Die Sau
Eine Dorfgeschichte von
Ludwig Thoma


Eines Tages begab es sich, daß die Sau des Gütlers Peter Salvermoser auf die Wanderschaft ging und durch den Zaun in das benachbarte Anwesen des hochwürdigen Herrn Pfarrers gelangte.

Sie nahm ihren Weg über die Blumenbeete, wobei sie achtlos Hyazinthen und Krokus in die Erde trat und auch mehrere Centifolien knickte.

Nicht weniger roh benahm sie sich auf den Gemüsebeeten. Sie zog so lange Salatstauden aus dem Boden, bis sie den Geschmack derselben als unzulänglich erkannte; hierauf fraß sie verschiedene Sorten Monatrettige und wollte eben untersuchen, ob in der tiefer gelegenen Erdschichte noch etwas Genießbares gedeihe, als sie von Fräulein Kordelia Furtwengler bemerkt wurde.

Diese war Köchin und Vorsteherin der pfarrlichen Haushaltung. Eine robuste Person mit gut entwickelten Formen und von resolutem Gebaren.

Sie griff ohne langes Besinnen nach einem handlichen Stecken und eilte zornig hinaus, um den frechen Eindringling zu treffen.

Da sie aber, wie alle Frauenzimmer, in den eigentlichen Kriegslisten wenig bewandert war, hub sie zu früh das Feldgeschrei an, so daß der Feind ihr Nahen von weitem bemerkte und rechtzeitig die Flucht ergreifen konnte.

Auf derselben richtete die Sau erhebliche Verwüstungen an, da sie das Loch im Zaune nicht allsogleich fand, sondern erst in mehrerem Hin- und Herlaufen suchen mußte.

Während sie ärgerlich grunzend heimkehrte, besah Fräulein Kordelia den Schaden und jammerte in so lauten Tönen, daß der hochwürdige Herr seine Morgenandacht unterbrach, und sich nach der Ursache der frühen Störung erkundigte.

Beim Anblick des Geschädigten wurde die Köchin von Rührung übermannt und sie konnte nur mühsam unter verhaltenem Schluchzen das Geschehnis berichten.

Der Pfarrer vernahm es mit ersichtlichem Mißvergnügen. Zunächst, weil er selbst ein Freund der eßbaren Gartenfrüchte war, dann aber, weil die Missethäterin gerade dem Peter Salvermoser gehörte. Mit diesem hatte es seine eigene Bewandtnis.

Er war im Pfarrhofe übel angeschrieben als Freigeist und lauer Christ, der im Wirtshause nicht selten über kirchliche Einrichtungen böse Reden führte; ja, es war ruchbar geworden, daß er über die Korpulenz des hochwürdigen Herrn einige unflätige Witze gemacht hatte.

Auch als Nachbar benahm er sich gröblich und drohte in geringfügigen Dingen mit Gericht und Advokaten.

Darum beschloß der Pfarrer, in diesem Falle von der christlichen Langmut abzusehen und auf vollen Ersatz des Schadens zu dringen.

In dieser Absicht ließ er vom Bürgermeister einen Sühneversuch anstellen und erschien selbst, um seine Beschwerde vorzutragen. Er that es mit vielem Nachdruck und hätte wohl auch die meisten Pfarrkinder überzeugt, allein auf Salvermoser machten seine Worte keinen Eindruck. Peter war ein Mann von rauhen Sitten, dem der Kampf des Lebens wenig Respekt vor der Obrigkeit belassen hatte; überdies las er täglich die Zeitung und wußte deshalb mehr als mancher andere.

„I zahl durchaus gar nix,“ sagte er, „indem daß i meiner Sau des net ang’schafft hab’.“

„Auf diesen Einwurf war ich gefaßt,“ erwiderte der Pfarrer, „allein man haftet auch für den Schaden, den eines Haustier bethätiget. Also will es das Gesetz.“

„Wos?“ schrie Peter mit gehobener Stimme, „wo schteht dös? Des giebt’s gor it, daß so was g’schrieben is. Aba i kenn mi scho aus. Der Adel und die Geischtlichkeit ham ’s Gsetz allemol no so draht, wia s’ as braucht ham.“

„Du muaßt net so reden,“ mischte sich der Bürgermeister ein, „mir san net do zum Streiten, sondern zum Vergleicha.“

„I brauch koan Vergleich. I zahl durchaus gar nix. Wann der Herr Pfarrer was will, nacha soll er mei Sau verklag’n.“

„Salvermoser,“ fiel hier der Diener Gottes ein, „deine Worte sind roh und verraten ein böses Gemüt.“

„Soo? Do war mi schlecht, bal mi net zahlt, wos da Herr Pfarra gern möcht! Des glaab i gar net, daß Sie dös sagen derfa. I zahl meine Steuern so guat wia der Adel und die Geischtlichkeit! Des muaß i wissen, ob Sie des sagen derfa, Herrschaft Sternsakrament!“

Jetzt bedeckte der Geistliche sein Haupt und sprach im Gehen zu dem Bürgermeister: „Es sei ferne von mir, hier noch länger zu weilen! Ihr sehet selbst, daß gütige Worte an dem Frevler verschwendet wären.“

Dann begab er sich stehenden Fußes an die Bahn und fuhr nach München, woselbst er den Rechtsanwalt Samuel Rosenstock aufsuchte.

Derselbe war ein vortrefflicher Jurist und mit allen Geheimnissen der Streitkunst gar wohl vertraut. Er nahm sich des Prozesses mit Freuden an und begann ihn sofort durch eine spitzfindige Klage, worin er ausführlich darlegte, daß der beklagtische Gütler für das Benehmen seiner Sau voll und ganz einzustehen habe.

Allein auch Peter Salvermoser fand den Advokaten, welchen er suchte, und dieser sagte in allem das Gegenteil von dem, was Samuel Rosenstock behauptete.

So kam es, daß sich der Prozeß in die Länge zog, und die Gemüter der Streitenden sich immer mehr erhitzten.

Sie führten auch außerhalb der Gerichtsschranken einen erbitterten Krieg gegeneinander, und der Pfarrherr sah sich gezwungen, des öfteren von der Kanzel herunter seine Pfarrkinder eindringlich zur Tugend und Frömmigkeit anzuhalten, auf daß sie nicht würden, wie Peter Salvermoser.

Dieser hingegen that seinem Feinde Abbruch, wo er nur konnte. Er verminderte heimlich die Anzahl der pfarrlichen Hühner und Enten, er streute vergifteten Weizen in den Taubenkobel des hochwürdigen Herrn und sorgte [15] dafür, daß die Forellen in dem Fischkalter des Wassers entbehrten.

Auch die tugendsame Kordelia Furtwengler wurde in Mitleidenschaft gezogen. Ihre Lieblingskatze verschwand auf rätselhafte Weise und niemand im Dorfe glaubte an den natürlichen Tod des treuen Tieres. Sie selbst wurde gröblich beschimpft von Anna Maria Salvermoser, Ehefrau des mehrgenannten Gütlers, als sie mit derselben im Bäckerladen zusammentraf. Sie erfuhr hiebei, daß sie eine wampete Loas sei und noch mehreres andere aus dem Sprachschatze unseres Volkes.

So dauerte der Krieg in heftiger Weise fort, bis endlich das Gericht nach zwei Jahren genügendes Material gesammelt hatte, um zu einem Erkenntnisse zu gelangen. Es verkündete nunmehr, daß die Sau nicht in den Garten gekommen wäre, es hätte denn der Zaun nicht ein Loch gehabt. Hiefür träfe niemanden das Verschulden als den Eigentümer des Zaunes.

Und damit hatte der Pfarrherr den Prozeß verloren. Viele wunderten sich darüber, am meisten Samuel Rosenstock.

Als die Kunde von dem Geschehnisse in das Dorf gelangte, überkam ein tiefer Ingrimm den hochwürdigen Herrn. Er begab sich in die Küche zu Kordelia Furtwengler und erklärte der Erstaunten die ganze bodenlose Schlechtigkeit unseres Staatswesens.

Nicht so Peter Salvermoser. Dieser gewann Vertrauen in die Einsicht der von Gott gesetzten Obrigkeit und freute sich in seinem schlichten Gemüte.