Textdaten
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Autor: Woldemar Kaden
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Titel: Die Mithrasgrotte auf Capri
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aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 372
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1897
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Mithrashöhle auf Capri.
Nach einer Photographie von P. Espositos u. Sohn in Neapel.

Die Mithrasgrotte auf Capri. (Mit Abbildung.) Als großes herrliches Lichtbild hebt sich die Insel Capri gegen den dunkelblauen Himmel und das azurne Mittelländische Meer ab. Blitzende Sonne allüberall: auf den Felsenhängen, auf den silbernen Blättern der Oelbäume, auf den über die Insel hinrankenden Reben, in den Augen lebensfroher Mädchen und Knaben! Capri ist die Heimat des siegenden Sonnengottes, des altrömischen Sol invictus, dem noch heute jeder nordische Fremdling so gern sein Opfer bringt in dem goldfunkelnden Weine von Capri.

Dieselbe frohe Sonne leuchtete den römischen Bewohnern der Insel in der Kaiserzeit, auch sie verehrten diesen Sol invictus, aber nicht im Lichte, sondern in der Finsternis der Höhlen, nicht im freudespendenden Wein, sondern im unheimlichen Blute von Tieren und – Menschen. Der naive Sonnenkultus der Väter nahm unter dem Einfluß des aus Persien nach Rom verpflanzten Mithraskultus unheimliche Formen an, der Sol invictus erhielt den Beinamen „Mithras“.

Wir steigen in die Felseneinsamkeit der östlichen Steilküste hinein; wildes Geröll und Trümmergestein, umwuchert von würzigem Kraut- und Strauchwerk, füllt eine steil zum Meere etwa dreihundert Fuß abfallende Schlucht. Im Grunde dieser thut sich die so berühmte und berüchtigte Grotta di Mitromania auf.

Es ist eine der zahlreichen Höhlen, wie sie das Kalkgestein der Insel durchsetzen und in der Blauen Grotte höchste Berühmtheit erlangt haben. Die Gelehrten stritten lange Zeit über die Bedeutung, die dieser Höhle in alten Zeiten zukam. Die einen setzten ihren Namen in Bezug zu dem Mithraskultus, die andern aber erklärten das Wort für verdorben aus ara matris magnae (Altar der Großen Mutter) oder ara matris manium (Altar der Mutter der abgeschiedenen Seelen).

Ein Marmorrelief, das den jugendlichen Gott beim Stieropfer darstellt, heute im Museum Neapels zu sehen, gab endlich Aufschluß über die wahre Bestimmung der Höhle: sie war ein Heiligtum, ein Wallfahrtsort der im Niedergang begriffenen römischen Heidenwelt, die, im Kampf mit dem Christentum bereits unterliegend, noch heimlich in Höhlen, wie einst die ersten Christen in den Katakomben, dieses entarteten Gottesdienstes pflog ...

Ostwärts schauend über die schmale Meerenge hinweg, steigt beim Kap der Minerva die blühende Sorrentohalbinsel aus den Wellen, wo die Sirenen wohnten ... an der Sonne reifen die dunklen schweren Trauben Capris ... die Mädchen singen in den Weingärten, und von dem Kirchlein der Hilfreichen Gottesmutter, droben, dicht neben den Ruinen der Jupitervilla des jenem Mithrasdienste ergebenen Tiberius tönt ein christlich Glöcklein lustig und hell wie siegesfroh in den Sommertag hinein. Woldemar Kaden.