Textdaten
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Autor: Christian Fürchtegott Gellert
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Titel: Die Mißgeburt
Untertitel:
aus: Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Zweytes Buch. S. 153-155
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1769
Verlag: M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck 1746/48
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[153]
Die Mißgeburt.


Frau Orgon! rief die Frau Gevatterin,
Ach wüßten Sie, wo ich gewesen bin!
Ich will es Ihnen wohl entdecken;
Allein Sie müssen nicht erschrecken.

5
Ich komme gleich von einer Wöchnerinn.

Lucinde, daß ichs kurz erzähle,
Lucinde, die so stolze Seele,
Die uns durch ihren Staat so oft beschämt gemacht,
Erschrecken Sie nur nicht, hat in vergangner Nacht

10
Ein Kind, (verzeih mirs Gott!) mit langen Hasenohren,

Ein recht abscheulich Kind geboren.
Die stolze Frau! ich richte nicht:
Allein ich weis, daß nichts umsonst geschieht.
Lucinde wünscht, daß es verschwiegen bliebe!

15
Ich wünsch es selbst aus Menschenliebe;

Allein die Stadt erfährts, gedenken Sie an mich:
Indeß behalten Sie die Heimlichkeit für sich.

     Frau Orgon eilt von ihr erschrocken zu Dorinden,
Sie fragt nach ihrem Wohlbefinden,

20
Und schmäht mit ihr die Weiber, die gern schmähn.

Wie? sollte sie Dorinden nichts erzählen?
Nein, denn sie fängt schon an sich bestens zu empfehlen.
Warum muß der Besuch so bald zu Ende gehn?
Vielleicht, weil beide sich von nichts zu reden schämen.

25
Deswegen? Nein, das glaub ich nicht.

Wie sollten dieß sich Weiber übel nehmen?

[154]
Da mancher große Mann, gelehrt von Angesicht,

Oft Tage lang von nichts mit großen Männern spricht.

     So ist Frau Orgon schon gegangen?

30
Noch nicht. Nun aber geht sie fort.

Doch seht, sie kehrt sich um: Frau Schwester, noch ein Wort,
Ein Wort! Es soll mich sehr verlangen,
Ob Sie – –? Lucinde – – Wie? Sie hätten nichts gehört?
Nichts, Gott vergieb mir meine Sünde,

35
Nichts von der Mißgeburt der kostbaren Lucinde,

Mit welcher sie die Welt beschwert?
Hier sieht man recht die göttlichen Gerichte!
Ein Kind mit härichtem Gesichte,
Das einem Hasen gleicht, und einem Pferdefuß,

40
Bedenken Sie, wie das erschrecklich lassen muß!

Allein Lucinde wills verhehlen;
Drum sagen Sie nur weiter nichts davon.
Das arme Kind! Es ist ein Sohn.

     Dorinde sagts ihr zu. Und doch soll mirs nicht fehlen,

45
Sie wird die Neuigkeit, so bald sie kann, erzählen,

Weil jene sie, zu schweigen, bat.
Sie thut es so getreu, als es Frau Orgon that.
Erst hat das Kind nur Hasenohren,
Frau Orgon schenkt ihm drauf noch einen Pferdefuß;

50
Allein Dorinden ists noch viel zu schön gebohren.

Und weil sie was verbessern muß,

[155]
Thut sie dem Kinde den Gefallen,

Und macht ihm noch an beide Hände Krallen.

     Eh noch der Nachmittag verstrich,

55
Ließ das Geheimniß sich auf allen Gassen hören.

Die alten Mütter kreuzten sich,
Und suchten schon recht mütterlich
Durch dieses Zorngericht die Töchter zu bekehren.
Da war kein Mensch, der nicht mit einem Ach!

60
Von diesem Wechselbalge sprach.

Die Knaben stritten selbst mit blutigem Gesichte
Schon für die Wahrheit der Geschichte.

     So bald als dieß der Magistrat erfuhr,
Schickt er den Physicus nach dieser Creatur.

65
Er kam neugierig zu Lucinden;

Allein anstatt den Wechselbalg zu finden,
Fand er ein wohlgestaltes Kind,
An dem die Ohren größer waren,
Als sie bey andern Kindern sind.

70
Das war die Mißgeburt, der man so mit gefahren.





     Der Dörfer und der Städte Plage,
Verwünscht seyst du, gemeine Sage!
Die schnell mit dem, was sie zu wissen kriegt,
Geheimnißvoll in alle Häuser fliegt,

75
Und, wenn sies dreymal sagt, vom neuen dreymal lügt.

Ein giftig Weib, was kann die nicht erzählen;
Zumal, wenn es der armen Freundin gilt?
Ein giftig Weib – – Doch nein, ich mag nicht schmählen;
Mich schreckt die Redekunst, mit der sie andre schilt.