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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1895
Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[501]

Nr. 30.   1895.
Die Gartenlaube.

Illustriertes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.
Abonnements-Preis: In Wochennummern vierteljährlich 1 M. 75 Pf. In Halbheften, jährlich 28 Halbhefte, je 25 Pf. In Heften, jährlich 14 Hefte, je 50 Pf.



Vater und Sohn.

Wahrheit und Dichtung.
Von Adolf Wilbrandt.

     (3. Fortsetzung.)


6.

Das Wetter schlug um; die sonnige Heiterkeit dieser kalten Tage versteckte sich hinter Schneegewölk, das ein weicherer und wärmerer Luftstrom von Süden her heranführte. Als Rudolf am nächsten Mittag aus dem Gymnasium herauskam, um einen großen Schicksalsgang anzutreten, warf sich ihm der kleinkörnige Schnee wie eine Wolke von feinen Nadeln ins Gesicht; der Wind brach mit wildem Pfeifen aus den geschüttelten Bäumen der städtischen Anlagen hervor und schleuderte ihn fast in die Thür zurück. Von den hohen Dächern riß er den alten und neuen Schnee mit solcher Wut in die Luft, daß es sich ausnahm, als dampften die Häuser von unsichtbarem Feuer. In erbärmlicher Willenlosigkeit irrte das kleine Geflock, das vom Himmel herabfiel, umher, durch plötzliche Windstöße zu dichten Geschwadern zusammengejagt, die wagerecht


In süßem Schlummer.
Gemälde von Jan Verhas.

[502] dahinfuhren. Die wenigen Menschen, die sich auf der Straße fanden, hatten Mühe, sich gegen diese Kobolde der Luft zu behaupten; Rudolf sah, wie sie kämpften, und lachte.

Was konnte ihn heute anfechten? Nichts. Sein Weg ging zu Thea …. Gestern, beim Abschied auf dem Eise – nach der dritten „Bogenlehrstunde“ – hatte sie ihm mit entzückendem Lächeln gesagt: „Besuchen Sie mich doch, Herr Meister. Kommen Sie morgen mittag, wenn wir beiden Sklaven freigelassen werden: Sie aus der Schule, ich von der Probe. Komm’ ich etwas später, nun, dann warten Sie!“ – Ja, ich werde warten, dachte er, indem er, sich gegen die Winde wie gegen bellende und schnappende Hunde wehrend, auf den festen Beinen dahinschritt. O du lustige, du göttliche Thea, ja, ich werde warten … Er pfiff, er sang vor sich hin; auch der wirbelnde, dichte Schnee gefiel ihm, es war, als wenn er ihn und sein süßes Geheimnis vor der Welt versteckte. Nein, so hatte er noch nie gefühlt; noch nie … Von der Seligkeit der Freude, der Liebe, der Erwartung feuchteten sich seine Augen. Noch nicht neunzehn Jahre, und eine geniale, gefeierte, angebetete Künstlerin hatte zu ihm gesagt: „Besuchen Sie mich doch, Herr Meister!“ – Er stand still und lachte.

Endlich hatte er ihre Straße und ihr Haus erkämpft; es war nur wenige Schritte vom Theater entfernt, vor dem alten Thor. Ein kleines, unbedeutendes Haus; auf einer etwas engen, hölzernen Treppe stieg er zu ihrem ersten Stock hinauf und sah – wie wunderlich ward ihm zu Mut! – die Worte „Thea Schüler“ auf der kleinen Messingtafel vor ihrer Thür. Auf sein Klingeln öffnete ihm eine junge Magd, mit schlotteriger Frisur, aber freundlichem, vergnügtem Lächeln. Der noch nie gesehene junge Herr schien ihr nicht zu mißfallen. Sie werden wohl erwartet, sagte sie, noch ehe er seinen Namen hatte nennen können.

Ja; Rudolf Volkmar! antwortete er fast tonlos, weil er viel zu wenig Atem hatte.

Sie lächelte wieder und nickte. Dann möchten Sie nur gefälligst eintreten; das Fräulein kommt gleich. Im letzten Akt, sagt sie, hat sie nichts zu thun. Hier dauern ja auch die Proben nicht lange. Nur ein bißchen Geduld!

O, ich habe Geduld, sagte Rudolf herzlich, zutraulich, wie zu einer Freundin. Wie kindisch! dachte er dann und errötete; nahm sich aber zusammen und trat möglichst vornehm ungezwungen ein. In einem kleinen, halbdunklen Vorzimmer legte er seinen schneebedeckten Mantel ab; dann ging er durch eine zweite Thür. Das ist Theas Wohnzimmer! sagte er sich, sehr enttäuscht. Es war eine echte Mietstubc, kleinbürgerlich, mit wohlerhaltenen, aber geschmacklosen Möbeln; kein Teppich auf dem Fußboden, die gewöhnlichen, weißen, gewaschenen Vorhänge an den kleinen Fenstern. Nur die Blumen von der Benefizvorstellung, nun erbärmlich welk, und allerlei aufgehängte Lorbeerkränze mit ihren langen Atlasschleifen schmückten das Gemach. Auch einige Theabilder, große und kleine, grüßten ihn von der Wand. Auf dem Schreibtisch standen eingerahmte Photographien, lauter bärtige; die meisten nur mit Schnurrbärten; darunter Herrn von Fellenbergs schöngekrauster Vollbart. Rudolf fühlte einen Ruck in der Brust …

Das lächelnde Dienstmädchen hatte ihn verlassen; er sah etwas ruhiger um sich her und erkannte nun an der linken Wand seinen Lorbeerkranz: die prahlerische Größe verriet ihn, deren er sich heute schämte. Wie ward ihm aber gerührt zu Mut, als er auf dieses grüne „Wagenrad“ mit liebevoller Hand, rund umher, die sechs Sträußchen der Backfische gesteckt oder gebunden sah. Wie lieb das ist! dachte er. Ja, die echte Thea … Und wie klein und wie dumm von mir, daß ich es hier zu ärmlich finde. Das spricht ja wie ein Buch für sie. „Leichtfertig!“ sagen unsre elenden Spießbürger. Wär’ sie leichtfertig – sie mit ihrem Liebreiz – so könnt’ sie in einem Palast wohnen, zwischen lauter Marmor und Gold. Aber da lebt sie mit ihrer großen Kunst, ihrer kleinen Gage, und dem fidelen Struwwelpeter … O ihr erbärmlichen Philister. O Thea! Thea!

Jetzt hörte er draußen ihre weiche, klangvolle Stimme; er fuhr fast zusammen. Er hörte, wie sie den Schnee von ihrem Mantel schüttelte, mit den Füßchen stampfte, um ihn abzutreten. Dann öffnete sie die Thür und in ihrem schlichten Probenkleid, die braunen „Ponies“ auf der Stirn vom Wind zerzaust, das süße Gesicht etwas verfroren, entfärbt, aber doch noch reizend, kam sie auf ihn zu. Sie lächelte flüchtig und gab ihm die Hand. „Pfui!“ sagte sie dann und stieß einen tiefen, zornigen Seufzer aus, wie ein bestraftes Kind.

Ja, dieses abscheuliche Wetter, Sie Arme –

Ach, was geht mich das Wetter an! fiel sie ihm ins Wort. Ein Hundeleben! – Ja, ja, ’s ist ’n Hundeleben. Ein wahres Hundeleben! Dieser Schuft. Dieser Regisseur. „Lernen Sie nur Ihre Rollen besser … Verklagen Sie mich nur beim Direktor; der wird’s Ihnen sagen … Ja, ja, mein Fräulein, hier wird gearrrbeitet und nicht geschnäbelt“ … O Du Lausbub. Wie gern hätt’ ich dem gesagt, was der Münchener Schusterbub zu dem bellenden Köter sagte: „Du Malefizviech, elendig’s, miserablig’s!“

Rudolf starrte sie fassungslos an. Ich – verstehe nicht, stammelte er, als er Worte fand. Ich dachte, im Theater trägt man Sie auf Händen – vergöttert Sie –

Vergöttert mich! lachte sie auf. Na ja – manchmal schon – wenn ich ihnen ein Bombenhaus gemacht, oder ein verlorenes, quatsches Stück gerettet habe – dann bin ich die herrliche Thea … Aber wer kann denn immer volle Häuser machen; wenn ein Esel von Direktor und ein Heuochs von Regisseur die blödsinnigsten Schmarren geben – und mit was für Leuten! So ein Affentheater war ja noch nicht da! – Und dann heißen sie mich ’ne Schuldenmacherin, ’ne Verschwenderin; die immer Vorschüsse und Zulagen will … Wovon soll man denn leben. Von Hafergrütze leb’ ich nicht. Von Lorbeerblättern auch nicht. Auch von Dem seinen Grobheiten nicht … „Ja, ja, hier wird gearrrbeitet, gearrrbeitet“ … O du Hundeseele!

Sie nahm ein Kissen vom Sofa, da sie eben daran vorbeiging, und warf es gegen die Wand, als schleudre sie es dem Regisseur an den Kopf. Dann stampfte sie mit den Füßen, daß die bärtigen Photographien auf dem Schreibtisch – auch der schöngescheitelte Fellenberg – erzitterten und zusammenstießen. Könnt’ ich ihn derschlagen! rief sie aus; ihre Augen blitzten.

Temperament hat sie genug! dachte Rudolf, dem aber doch beklommen und weh ums Herz war. Da sie sich nun aufs Sofa und dort in die Ecke warf, wagte er langsam, zögernd, vor sie hinzutreten. Liebes, gutes Fräulein! brachte er heraus, in Mitleid vergehend.

Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Was für ’ne weiche Stimme Sie haben, sagte sie sanft, aber vor Aufregung zitterte ihr Atem. Und so gute Augen … Ach Du lieber Gott, er war auch ganz blaß geworden, als ich das von den „Lorbeerblättern“ gesagt hatte; daß ich nicht davon leben kann. Ja doch, Sie wurden blaß! Es war rührend. Und ich freu’ mich ja doch noch heut über Ihren Lorbeerkranz; da hängt er; mit den sechs kleinen Mädels. Aber ich hab’ dies Leben satt! Dieses Hundeleben! Ich will mich nicht mehr anschreien lassen! Ich will nicht mehr um Vorschüsse betteln bei dem Sklavenhändler! Ich will Freiheit! Freiheit!

Sie fand noch ein Kissen auf der Sofalehne und warf es dem ersten nach.

Wie anders – – wie anders hatt’ ich mir das alles gedacht, stieß der von Kummer betäubte Rudolf nach einer Weile hervor. Ihre Kunst, dacht’ ich … Und so gefeiert – und noch so jung. Ach, Sie werden bald beim ersten Theater ganz, ganz oben sein und über dieses „Affentheater“ lachen!

Ich weiß nicht, seufzte sie. – Ach, ich mag nicht mehr.

Ob Hofbühne oder Schmiere – ’s ist ein Sklavenleben. Bringen Sie mich nach Capri und lassen Sie mich mit beiden Füßen im Mittelländischen Meer baumeln, frei wie ein Fisch – und ich schenk’ Ihnen die ganze Kunst!

Um Gotteswillen! rief Rudolf aus. Er machte ein so erschrockenes, geistverlassenes Gesicht, daß Thea plötzlich laut und von Herzen lachte.

Ja, ja, wiederholte sie, ich schenk Ihnen die ganze Kunst! – – Aber nun lassen wir die dumme Geschicht’. Wir können’s ja nicht ändern. Verachten Sie mich geschwind a bissel, weil ich so wenig Herz hab’ für meine „heilige“ Kunst – und dann lassen Sie uns von ’was anderm reden. Wahrhaftig, ich sitz’ hier und er steht noch immer. Gelt, das ist ’ne feine Dame! die hat Lebensart! – Setzen Sie sich auf den Stuhl; bitt’ schön. Armer Herr Rudolf: da erschüttr’ ich Ihr gutes Herz mit meinem Theaterelend. Und Sie sind noch so jung – und so ideal. Wie lieb schau’n Sie einen an. Unser Bogenlaufen – das war schön … Werd’ ich’s lernen, Meister?

[503] Ach, Sie können’s ja schon! erwiderte Rudolf, dem noch ein harter, enger Reif um die Brust lag. Sie lernen so wunderbar geschwind!

Ja, die brotlosen Künste, die – – Aber es klingt so lieb, wenn Sie so ’was sagen. Ihnen muß man alles glauben; so ein märchenhaft unverdorbenes Gesicht! – Wissen Sie, Ihr Vater – den hab’ ich gestern wieder gesehen; der ist doch ganz anders als Sie. Kleiner, und dunkel, und so gar nicht Ihr Geschau –

Und doch lieben wir uns sehr, sagte Rudolf lächelnd.

Sie beugte sich vor: O, das weiß ich schon! Das ist ja ’ne bekannte Geschicht; wie man sagt: „stadtbekannt“! – Eigentlich ist’s beleidigend für unser Geschlecht: Sie sollen gar niemand so lieb haben wie den Herrn Papa. Ist das ganz gewiß wahr?

Sie blickte ihn forschend an; die lichtbraunen, glänzenden Augen beengten ihn sehr, sie zogen ihm förmlich das Blut in die heißen Wangen. Vor drei Tagen war es noch wahr! stieß er mit einem raschen Entschluß heraus.

Ah! sagte sie; ihre starken, kurzen Brauen gingen in die Höhe. Ein Lächeln überflog sie. Dann bewegte sie auch die rundlichen Lippen, als wollte sie sprechen; es ward aber nichts. Statt dessen erhob sie sich, und in ihrer gemütlich-trägen, anmutigen Weichheit ging sie an ihm vorbei, ins Zimmer hinein; legte aber unterwegs eine Hand auf seine Schulter und ließ sie eine Weile so. Die warme, herzhafte Berührung fuhr ihm durch die Glieder. Als sie zum Schreibtisch kam, lehnte sie sich rückwärts an ihn, so daß sie die bärtigen Photographien verdeckte, und blickte den Jüngling zutraulich mit fast kindlichem Lächeln an. Also Ihr Vater ist Ihnen so gut? – Er hat auch Recht, wissen Sie.

Ob er Recht hat, weiß ich nicht, antwortete Rudolf, dem wieder das Blut in die Wangen schoß; aber er ist mir furchtbar gut; – wenn auch wohl nicht so, wie ich ihm.

Ah! Sie ihm noch mehr?

Ich glaub’s! – Ich konnt’ noch nicht lesen, da hatt’ ich leider schon keine Mutter mehr. Die Tante – die war keine Mutter und die ward auch keine. So war er mir alles! Und wenn man so ganz mit Liebe erzogen wird … Ohne einen Schlag. Nur immer mein Ehrgefühl geweckt und mein Pflichtgefühl; auf mein Herz gewirkt und auf meinen Verstand –

So war mein Vater nicht! unterbrach sie ihn. Der hat mich geschlagen – und wie. So lang’, wie er konnte. Furcht sollt’ ich haben; Furcht! – Ja, mein lieber Herr Rudolf, mir ist’s anders gangen. Ja, hätt’ ich einen Vater gehabt wie Sie – „nur mit Liebe“ … O, das muß göttlich sein!

Ihre Augen gingen zur Decke. Sie waren feucht geworden und hatten einen so rührenden Glanz, daß er’s kaum ertrug. Selbst als Marianne in den „Geschwistern“ hatte sie ihn nicht so gerührt, war sie nicht so lieblich. Er seufzte auf, ohne es zu wissen.

Das muß göttlich sein, wiederholte sie leiser. – Ihr Vater thut also alles, was Sie wünschen?

O nein! antwortete er, in aller Bewegung doch ein wenig lächelnd. Wie können Sie nur denken … Er hat ja immer gewußt, was er mit mir will; und was er gewollt hat, dabei ist er geblieben. Zuletzt hat er aber erreicht, daß ich’s selber wollte. Denn das war ja seine Absicht: mich zu überzeugen

Ja, ja, fiel sie ihm ins Wort; diese Auseinandersetzung ward ihr langweilig, wie es schien. Also ein Mustervater; und ein Mustersohn … Was wollen Sie nun werden? Student?

O ja; aber –

Was wollen Sie studieren?

Das ist eben das Tragikomische: ich weiß es noch nicht. Ich taumle noch so hin und her.

Taumeln! Das ist drollig!

Ich meine: mich zieht dies und das. Kein bestimmter, angeborner Beruf … Sie gingen zum Theater, Sie hatten das Talent; das war selbstverständlich. Mein Vater ging zur Litteratur; das war selbstverständlich. Aber ich – ich hab’ nichts als Träume. Weltverbesserung. Einen reineren Gottesglauben verbreiten (er errötete, daß er davon zu dem Mädchen sprach). Meinen Brüdern, den Menschen, Gutes thun; womöglich etwas Großes … Das alles studiert man aber nicht. Das sind keine „Fächer“. So werd’ ich denn wohl zunächst unter die sogenannten „Philosophen“ gehn und von allerlei etwas –

Da brauchen Sie aber Geld, unterbrach sie ihn wieder. Haben Sie so viel Geld?

Reich ist mein Vater nicht, antwortete Rudolf; aber er hat Geld. Er erwirbt ja auch. Und für seinen einzigen Sohn giebt er alles. Fehlen wird mir nichts.

Thea hatte die Hände auf dem Tisch, sie saß halb auf ihm. Jetzt richtete sie sich auf; ich bin arm! sagte sie lachend. Schulden wie Haare auf dem Kopf! – Sie griff in ihre üppige braune „Perücke“.

Ihr Lachen ging ihm fast mehr ans Herz, als wenn sie über ihre Armut geweint hätte; vor Mitleid stand er ganz verlegen da. Wie dürfen Sie – Sie – arm sein, stotterte er hervor. Ein Wesen wie Sie; ein so geniales –

Ach, hören Sie auf, sagte sie und hielt sich die Ohren zu; gar nicht genial. Nur ein armes Lumperl – das auch seine „Träume“ hat – o ja, mein Herr, so gut wie Sie – es wird aber nichts draus. O ja, hab’ auch meine Träume …

Sie ging zum Fenster und sah in das wilde Schneetreiben hinaus. Wie weiße Wolken stiebte es vorüber; dann war’s wieder, als werde oben ein Mehlsack ausgeschüttelt. Der Wind schlug zuweilen ans Fenster, als ziele er nach Theas Gesicht. Darüber lachte sie wieder auf; es klang aber schrill, ohne Lustigkeit.

Fräulein Thea! fragte er etwas zaghaft, neben sie getreten.

Was sind das für Träume? – Wollen Sie mir’s sagen?

Sie schüttelte den Kopf. Sie blickte ihn aber jetzt wie forschend von der Seite an; als denke sie über ihn nach; als gehe ihr etwas durch den Sinn. Was für ein feines Profil dieser Jüngling hat! sagte sie in ihrer gemütlichen Aufrichtigkeit. Hm! – Also so ein Vater! „Für seinen einzigen Sohn giebt er alles“. Das that meiner nicht! Durchgehn hab’ ich müssen, als ich zum Theater wollte; und ohne einen Kreuzer von ihm. Ja, ja, lieber Herr; – beim Theater heißen sie mich die Durchgängerin; zweimal bin ich auch ausgekniffen. Die Leute sagen: noch öfter; aber das ist nicht wahr! – Das erste Mal lief ich meinem Alten fort, zur Bühne, als blutjunges Ding; allein. Das zweite Mal ein paar Jahre später – als mein Direktor mich knechten, ausbeuten, schinden wollte – und noch sonst allerlei – da ging ich mit einem Andern durch, der mir beistand; vom Theater war er nicht … Na ja. So, nun wissen Sie’s. Das war die einzige große Dummheit meines Lebens … Verachten Sie mich darum?

Wie könnt’ ich Sie je verachten, gab Rudolf zur Antwort, so geschwind er die Worte fand; obwohl ihm ein schmerzhaft eifersüchtiges Gefühl Brust und Kehle drückte. Ueberhaupt – eine Künstlerin! Die lebt ja doch ein andres Leben als die jungen Mädchen. Die soll alles verstehen, nicht wahr. All die Leidenschaften, die die Dichter schildern – und die sie darstellen soll – wie kann sie das, wenn sie nichts erlebt!

Den Kopf auf die Seite legend, sah Thea ihn verwundert an. Schau, schau! sagte sie. So jung und schon so gescheit! – Mein lieber Herr Rudolf, so reden die Andern, die Philister nicht –

Aber ich! warf er mit einem treuherzig stolzen Lächeln hin.

Wie kommen Sie denn zu solcher Einsicht –

Durch meinen Vater, fiel er ihr ins Wort. Wenn er vom Theater sprach … Der denkt sich so hinein, in alles. – Von dem lern’ ich so viel!

Hm! murmelte sie, immer nachdenklicher. Also solch ein Vater … So sieht er aber auch aus; wie ein Künstler und wie ein Professor; sehr interessant. – Der wundert sich also auch nicht, wenn so ein armes Mädel beim Theater – –

Sie sprach’s nicht zu Ende, sie ging ins Zimmer zurück. Er sah ihr mit sonderbar trunkenen, verschleierten Augen nach; ihr lieblich träg wiegender Gang entzückte ihn mehr als das edle Dahinschreiten einer Königin. Ach könnt’ ich ihr helfen, dachte er. Könnt’ ich ihr etwas zuliebe thun. „So ein armes Mädel beim Theater“, sagt sie. O könnt’ ich sie glücklich machen!

Er nahm all seinen Mut zusammen; Fräulein Thea! sagte er, als sie sich wieder in die Sofaccke hingeworfen hatte. Sie nennen mich „gescheit“ – und haben doch kein Vertrauen zu mir. Das ist niederdrückend. – Er lächelte, so gut er konnte. Wenn ich Sie nach Ihren „Träumen“ frage, so schütteln Sie nur den Kopf. Ich möcht’ Ihnen aber trotz meiner Jugend so gern – so gern –

Was? fragte sie, da er stockte. Helfen?

Er nickte. Er zuckte dann die Achseln, wie im Gefühl seiner Schwäche. – Alles! stieß er heraus. Alles, was ich kann!

Ein Blick fuhr ihr aus den Augen, ein verwunderter, der ihm durch und durch ging. Ihre Stirn bewegte sich, als dächte

[504]

Auf dem Pilatus: Rundblick vom „Esel.“
Nach dem Leben gezeichnet von P. Bauer.

[505] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [506] die ihren Gedanken mit; – dann ward aber ihr rundliches Gesicht wieder still, als hätte es weder geblickt noch gedacht. Sie sind ein „lieber Schneck“, wie man bei uns sagt, fing sie harmlos drollig an, recht tief in die Ecke gelehnt. Also Sie wollen durchaus meine „Träume“ wissen … Ja, mein neugieriger Herr, so ideal, so menschenliebend wie Ihre, das sind sie nicht. Erstens will ich also nach Capri – oder irgendwo da herum. Am Mittelländischen Meer muß es sein! Da will ich mich auf den Felsen räkeln – und zwölf- oder zwanzigmal zu mir sagen: Thea, du bist frei! Thea, du hast keinen Direktor! keinen Regisseur! Thea, du bist glücklich!

Ganz allein wollen Sie das –?

Sie schüttelte den Kopf. Sie machte ein so heiter süßes Gesicht, daß er für sein armes Herz keinen Platz mehr hatte. Wie kann man so fragen, sagte sie. Allein – das wär’ ja der Tod! Nein – mit noch einem Menschen. Der es ebenso meint wie ich!

Muß es eine Frau sein? fragte er, ein leichtes Lächeln erzwingend.

Es darf auch ein Mann sein, antwortete sie; ihre Rehaugen lachten. Meinetwegen auch jung; das thut nichts. Aber ein Herz muß er haben; und zwar grad’ für mich. Und er muß denken wie ich: jetzt sind nur wir zwei auf der Welt! Freiheit, Freiheit, Freiheit!

Sie warf ihre Arme seitwärts in die Luft, als spannte sie Flügel aus.

O wie Sie sich nach Freiheit sehnen! sagte Rudolf, der in Mitleid und Liebe zerschmolz. Gewiß ein schöner Traum … Ich möcht’ ihn mitträumen; ich – – Aber was wird dann? – Verzeihn Sie mir die dumme Frage. – Sie können doch nicht jahrelang so auf dem Felsen sitzen –

O nein, fiel sie ihm ins Wort, ganz ernst. So bin ich ja nicht. Ich bin ja eigentlich ein sehr solides Geschöpf! Wenn ich das Gefühl der Freiheit ausgenossen hab’ – wenn ich meinen Sklavenhändlern aus der Ferne geflucht und lange Nasen gemacht und verziehen hab’ – aber das alles muß ich erst, gelt? – Ja, das sieht er ein. Also wenn wir uns an der Freiheit satt gegessen haben – dann gehn wir nach „Europa“, das heißt: zur Pflicht, zum Beruf, zurück. Und weil wir noch Geld haben – denn ohne das geht’s nicht, ohne Geld kein „Traum“! – so lassen wir die junge Künstlerin Thea Schüler noch zwei Jahre ganz, ganz still bei den großen Meistern studieren, damit auch aus ihr eine Meisterin wird; denn jetzt wird sie nichts. Sie ist halt einfach vom Vater weg zur Bühne gelaufen – wissen Sie – und hat zu viel Unsinn im Kopf gehabt; war halt ein dummes Ding. Sie muß erst ordentlich arbeiten lernen; arrrbeiten, wie Der sagt. Und den großen Stil lernen – oder die große Natur – ach, das ist dasselbe. Und wenn sie das alles gelernt hat, dann in Gottes Namen zur „heiligen“ Kunst zurück!

Gelt, das ist kein dummer Traum? setzte sie nach einer Weile hinzu, da Rudolf nichts sagte.

Der gute Junge atmete tief. Es ward ihm so schwer, wieder zu sprechen. – Und der – und das – – o Fräulein Thea! Das sollte nicht Wirklichkeit werden?

Nie! seufzte sie. Wie sollt’ er das? Ohne einen zweiten Menschen nicht; und wo findet man den? – Die wollen ja alle nur ein bissel lustig sein mit der „fidelen Thea“. Ein paar Flaschen Sekt, o ja – oder Schlittenfahren – auch Bouquets werfen – Bogenlaufen – etcetera etcetera. Damit ist’s aus!

Ich bin nicht so, Fräulein, sagte Rudolf so leise, daß sie ihn kaum verstand. Er war blaß, seine Augen hatten aber etwas Glühendes. Glauben Sie mir, ich – –

Seine Stimme begann plötzlich und heftig zu beben; er kämpfte aber solange, bis wenigstens Kehle und Lippen wieder Ruhe hatten. Ich möchte für meine Mitmenschen – wie ich Ihnen sagte – – Ach, wenn ich nur für einen, aber einen herrlichen, himmlischen, etwas Großes thäte, das wär’ ja genug! – Verzeihen Sie – „etwas Großes“ sag’ ich. Wie prahlerisch. Welcher Unsinn. Ich wollte nur sagen: Fräulein Thea, für Sie könnt’ ich jedes, jedes Opfer bringen. Damit Ihr Traum Wahrheit wird. Wollen Sie? Wenn nun ich –?

Wenn Sie was?

Wenn ich dieser „zweite Mensch“ wäre – nähmen Sie ihn an?

Ach Sie! warf sie hin, als wär’s nur ein Scherz von ihm. Sie sollen ja studieren –

Sollen – ein Sollen ist’s nicht. Für eine edle Sache leben – das soll ich. Wenn ich nun ganz für Sie leben wollte, nähmen Sie das an?

Lieber guter Mensch! sagte sie gerührt; es klang ihm wie Musik. Wie können Sie so reden. Sie sind neunzehn alt, nicht wahr –

Noch nicht ganz.

Also zwei Jahre jünger als ich!

Was bedeutet das? Was liegt daran? Wenn die Herzen nur – –

Sie war aufgestanden; um Gotteswillen! rief sie jetzt, als wäre sie sehr erschrocken, und trat ein paar Schritte zurück. Reden Sie nit mehr! Ich halt’s nimmer aus. Wenn Ihr Vater das alles hörte – wofür hielt’ mich der. Nein, nein, nein … Gehn Sie, eh’ Sie sich um Hals und Kopf reden. Ich geb’ Ihnen keine Antwort mehr. Heut nicht. Guten Tag!

Ja, ja, sagte er mit blitzschnellem Entschluß; ja, ja, Thea, ich gehe. „Wenn mein Vater das alles hörte“ … Ja, er soll es hören! – Ich komm’ wieder, Thea. Sie sollen ihn erleben, Ihren Traum. Sie sollen in die Freiheit. Ach, und wenn Sie jetzt auch lächeln – wehmütig – es wird doch. Es muß. Es wird! Bis auf Wiedersehn!

Seine Worte überstürzten sich. Er grüßte nur noch mit der Hand, mit den Augen, dann war er aus der Thür.

(Fortsetzung folgt.)


Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.

Auf dem Pilatus.

Von J. C. Heer. Mit Bildern von P. Bauer.

Dreizackig, düster und einsam ragt im Süden von Luzern der Pilatus in den Aether. Keiner von all den Bergen, die ihre Gipfel im Vierwaldstättersee spiegeln, nimmt Auge und Sinn so gefangen wie er in der erhabenen Blöße seines schwarzen, wilden, zerklüfteten Gesteins. Ein düsterer Geselle ist er. Wenn die andern Berge sonnige Gesichter zeigen, dann liegt um seine Stirn häufig eine Wolke.

Da sitzen wir auf dem Dampfer nach Alpnachstad. Noch wälzen die Schiffsleute Kisten und Koffer herein. Die Zettel, die an den Truhen kleben, führen durch die Geographie der halben Welt – Monte Carlo, Biberach, Abbazia, Bar-le-Duc, Vitznau, Chicago, Ritzebüttel, Scheveningen, Luzern – eine fröhliche Musterkarte von Städten und Gestaden.

Die Leute, die das Verdeck mit roten und grünen, grauen und blauen Reiseschirmen, mit Bergstöcken aus Eschenholz, Bambus oder Weichsel, mit Feldstechern und Fernrohren, mit roten Führerbüchern, mit Plaids und Handkoffern belagern, muten noch bunter an als jene Namen.

„Sind Sie nicht Herr Tartarin von Tarascon?“ fragt man unwillkürlich beim Anblick jenes behäbigen Herrn im Touristenanzug, der mit lauter Stimme seiner Umgebung von seinen alpinen Heldenthaten erzählt, so sehr erinnert er an den Meisterrenommisten der Daudetschen Romane. Und diese da, das ist gewiß Familie Buchholz aus Berlin. So viel Köpfe, so viel Typen: der Assessor in Ferien, der am Vierwaldstättersee nach einem Goldfische angelt – der alte schwärmende Blaustrumpf im blau getupften Rock nach dem Schnitt, den die Damen der Benedix’schen Lustspiele trugen – der dicke blonde Herr mit der goldenen Brille, der sich immer den Schweiß von der Stirne trocknen muß – der weibliche Gardekürassier, der steif wie eine Statue sitzt – der Professor mit der großen Botanisierbüchse und dem grünen Schmetterlingsnetz, der es nicht sieht, daß er die Weste falsch eingeknöpft hat und ihm am Rocke drei Knöpfe fehlen – die strahlend in die Welt hinausschauenden Gymnasiasten, die von jodelnden Aelplerinnen träumen. Dazu Engländer und Amerikaner.

Ein junges Hochzeitspärchen schmollt. Die Frau ist erzürnt, daß der Gatte ihr die zierlichen Rauchtopasnippsachen im Luzerner Juwelierladen nicht gekauft hat. Und er? – Er starrt in das [507] „Fremdenblatt vom Vierwaldstättersee“, als wolle er die zwölfhundert Namen desselben auswendig lernen. Zuweilen wirft eines, wenn es sich unbemerkt glaubt, einen Blick nach dem andern. Gewiß, sie suchen den Frieden.

„Haben Sie gebeichtet?“

Ich starre die Dame an, die mich das fragt. Ich bin ja Protestant – und wäre ich Katholik, was fragt man mich auf dem Dampfboot nach der Beichte?

Da lacht die lebenslustige Fremde, irgend eine Gräfin Lewinsky oder Bilensky aus Krakau, die vor zwanzig Jahren hübsch gewesen sein mag. „Sie wollen doch auf den Pilatus? – Na, ich auch, ich bin verliebt in den sonderbaren Berg, aber ich fürchte mich. Da habe ich vorher gebeichtet und kommuniziert, im Gasthof ein rechtskräftiges Testament niedergelegt und meinen Freunden Abschiedsbriefe geschrieben, man kann nie wissen –“

Die Umstehenden, die ihre Aufmerksamkeit der auffallenden Fremden zugewendet haben, lächeln, und nun erzählt sie die Geschichte auch ihnen.

Das Dampfboot fährt. Alles blickt nach dem Pilatus. Wird die Wolke, in die sein Gipfel gehüllt ist, weggehen, bis wir ihn erreichen? Die Schiffsleute behaupten es; aber sagen sie nicht alles den Fremden zu Gefallen?

Das ist sicher, der Pilatus ist ein Brüter, ein Sonnenfeind. Rigi und Bürgenstock glänzen hell, nur er ist dunkel. Ich glaube, sein Schicksal ist dran schuld, seine Geschichte. Er hat gelitten wie ein Mensch, er wurde ein Sünder und dann ein Heiliger. In alten Zeiten hieß der Berg Frakmont und hoch zwischen den Felsen lag ein schöner, blauer See. Das war die Seele des Berges, die wie eine Kinderseele Sonne, Mond und Sterne suchte. Da kamen grobe Menschen und warfen Steine in den See, gerade wie sie manchmal Steine in eine Kinderseele werfen. Der Berg geriet wie ein ehrlicher Junge in Zorn, er warf Unwetter auf Unwetter in das Land der Menschen. Nun behaupteten die Leute, in seinen Felsen und Gründen wohnen böse Geister, ja der böseste der Bösen, der Kreuziger Pontius Pilatus. Die Luzerner zogen mit Weihrauchfässern, mit Kreuz und Fahnen empor, um ihn zu entzaubern, und als das nicht half, da nahmen sie ihm den ehrlichen Namen Frakmont und nannten ihn nach dem schlechten römischen Landpfleger, der den Herrn verurteilt hat; und seiner Nase, die nach einem gewaltigen Helden der Vorzeit Etzel hieß, gaben sie den Namen des grauen Tiers, auf welchem der Herr in Jerusalem einzog, als die Verurteilung ihm bevorstand. An den Weg, der auf den Berg führte, stellte die Stadt Luzern zwei Wächter, damit kein Mensch mehr zu jenem schönen, blauen See aufsteige, wo der Dämon wohnte, und zuletzt zerstörte man den See. Da fiel der Frakmont in ein tiefes Nachdenken wie ein armer mißhandelter Mensch, und als er nach vielen hundert Jahren wieder aufwachte, da merkte er, daß ihm etwas Großes, Schönes fehle, was er vorher besessen: der See, die Seele. Seither steht er da wie ein Mann, der sein Gedächtnis verloren hat, und grübelt, was wohl einst gewesen sein möge. Die Wolken, die seine Stirne umziehen, sind die Gedanken, mit denen er dunkel und tastend jenen See sucht, in dem er einst Sonne, Mond und Sterne flimmern sah. Selbst die Eisenbahn, die ihm über Rücken und Schultern krabbelt, rüttelt ihn nicht aus seinem Brüten auf.

Doch da fahren wir schon an Hergiswyl und seinem weißen Kirchlein vorüber. Das Dörfchen unter den wilden dunkeln Flühen des Pilatus gefällt mir. Oben in den Felsen die ewige Drohung, unten im Grün der Wiesen das kleine Glück des Tages!

Ein Kichern und Lachen geht über das Schiff. Ein paar mutwillige Mädchen machen sich mit einem Alpengigerl zu schaffen, der grüne großkarrierte Strümpfe, Kniehosen und Lodenrock trägt, um die Hüften ein Gletscherseil, um den Hut einen Gletscherschleier geschlungen hat und das schwere Eisbeil nicht aus der Hand läßt.

Die Mädchen lachen ihn aus, weil er mit der Eisenbahn auf den Pilatus fahren will.

„Treiben’s doch den Ulk nicht zu weit – ich geb’ mich mit Kleinigkeiten wie dem Pilatus da gar nicht ab oder nehm’ sie doch höchstens als Hors d’oeuvre vor dem Frühstück.“ Der Kraxler setzt umsonst die wichtigste Miene auf, die Mädchen machen sich lustig über seine Spatzenwaden.

„Alpnachstad“ – unser Gigerl atmet erleichtert auf und schießt in den bereitstehenden Zug der Pilatusbahn.

„Wissen Sie, wer das ist? – Der Bariton des Theaters in Klinghausen, ein närrischer Kerl, der mit seiner Großthuerei den Damen imponieren will.“

Wenn der kurze Zug der Pilatusbahn, der mit jedem Eingriff der Radzähne in die Lücken der Zahnstange erbebt, sich auf dem steilen Geleise in Bewegung setzt, so begreift man die polnische Gräfin, die vorher ihre Rechnung mit dem Himmel schloß – die Bahn ist ein außerordentlich keckes Stück technischer Leistung. In düsterm feierlichen Buchenwald steigen wir empor, durch die mattsilberweißen Stämme schimmert der See, da ein Stück, dort ein Stück, wie fallende Spiegelscherben. Alles ist in langsamem stetigen Fall, die Stämme und die grünen Kronen. Jetzt wiegt sich auf der Spiegelscherbe unten eine Nußschale – das nach Luzern zurückkehrende Dampfboot.

Wir sind über dem Wald, die Aussicht entfaltet sich, zwischen die Waldberge stellen sich Schneegipfel, die lebhafte Polin hat das Fürchten verlernt, sie kann nicht mehr still sitzen vor Vergnügen, nur das Alpengigerl zittert noch ein wenig.

„Wissen Sie, das hat mit meinen Bergbesteigungen nichts zu thun, das Fahren trägt die Schuld, es ist nur Nervosität, ich vertrage das Hinuntergleiten der Bäume nicht gut. Eine Jungfraubesteigung wird die Nerven schon wieder stärken. Ah – ah – ah –“ unterbricht er seine Rechtfertigung.

Hinter den Wettertannen der Aemsigenalp ist die blendend weiße Gruppe des Wetterhorns emporgestiegen, das wachsende Panorama hält alles in Atem, die junge Frau fällt dem jungen Gatten um den Hals: „George, wer wird schmollen in dieser Gotteswelt.“ – Nichts als Jubel. Aber seltsam. Während alle übrigen Gipfel wolkenfrei und sonnig sind, schwebt um den „Esel“ immer noch die Wolke, die wir schon von Luzern aus gesehen. Der Zug sticht durch die weißgrauen Felsenrippen der Eselwand, einen Augenblick noch trinkt das Auge die weite Welt – aber jetzt – – – –

Wir sind in der Wolke drin. Es ist finster geworden, der feuchte Nebel zieht qualmend durch die Wagen, alles greift nach den Plaids und Ueberziehern – der dicke blonde Herr hat einen Hustenanfall, nachher wettert er: „Da wär’s ja schon schöner in Hinterpommern. Na, was sagt man zu solch’ einem Reinfall.“

„Sehen Sie etwas?“ fragt die Polin verzagt.

„Keine Telephonstange!“

Der Zug hält, irgend eine Stimme ruft „Pilatuskulm“, die Reisenden tappen ins Freie und tasten sich wie wandernde Schatten nach dem Gasthof. Ein Glück, daß eben Table d’hote ist, daß man sich zur dampfenden Suppe setzen kann und daß der Saal behaglich geheizt ist. Gäste, die schon gestern abend oder am frühen Morgen gekommen sind, freuen sich, daß es eine Unterbrechung giebt in der trostlosen Langenweile, zu der sie hier oben verdammt sind. Sie mustern die Neuankommenden mit kritischem Blick. Seit acht Uhr ist die Wolke da und wankt nicht. Wie ein lähmender Schrecken wirkt der kalte Nebel, das Table d’hote-Gespräch bleibt matt, vereinzelte Anläufe, sich mit Humor über die fatale Lage hinwegzusetzen, werden verdrossen aufgenommen – nur einige Engländer behalten die gleichgültigen Mienen.

Eine Stunde sitzen wir schon. Da kommt der Schaffner der Bahn. „In fünf Minuten geht der Zug nach Stansstad.“ – Das Signal wirkt wunderbar. Die Hälfte der Gäste stürzt nach ihren Siebensachen, wickelt sich in Mäntel und Plaids und fort geht’s in wilder Flucht nach dem Zug. Einer steckt den andern an – im Augenblick weiß man nicht recht, ob das die Klugen sind, die ohne den Pilatus gesehen zu haben, wieder abfahren, oder diejenigen, die auf gut Glück bleiben.

Wir zählen zu diesen. Aus lauter Verzweiflung steigen wir die hundert Schritte zum Plateau des „Esels“ empor. Da oben steht einsam das Gigerl, fröstelnd auf sein Eisbeil gestützt. „Sagen Sie ’mal, das ist schändlich. Warum macht die Eisenbahngesellschaft nicht rechtzeitig darauf aufmerksam, daß man nichts sehen wird? Warum nimmt sie uns das Geld ab? Das ist Betrug. In die Zeitungen soll man’s rücken.“

Der Eindruck ist wirklich trostlos. Nebel, dichter Nebel, und sonst nichts, wie zu jener Zeit, da die Erde noch nicht erschaffen war. Und so bleibt es. Doch nein! Dann und wann glitzert’s im Grau, wie wenn man scherzeshalber die Jalousien eines dunklen Zimmers ein wenig auf- und wieder zumacht. Ein unbestimmtes schwaches Leuchten geht oft minutenlang durch das [508] Chaos. Dann freilich ist’s wieder dunkel. Da erscheint der Teleskopmann und stellt sein Instrument auf. „Mensch, sind Sie wahnsinnig!“ ruft das Gigerl pathetisch, setzt aber doch das Eisbeil beiseite. Der Mann lächelt pfiffig. „In einer halben Stunde werden Sie durch mein Glas Gemsen sehen können.“ – „Unmöglich!“ – Aber der Mann versteht sich aufs Wetter.

Ein reizendes Schauspiel entfaltet sich. Wie ein loses Blatt flattert ein Stück Landschaft im Nebel, ein paar Häuser, Bäume, ein Stück See. Das Bild verschwindet, ebenso lose schwimmen andere vorbei, Stücke vom Rigi, Alpweiden, jetzt ein Dorf, jetzt Luzern. Halb sind die Bilder Wirklichkeit, halb sind sie Schemen, ein wunderliches Mosaik wie die ersten abgerissenen Gedanken, die durch eine Poetenseele laufen, wenn eine Novelle entsteht.

Wenn man die im Nebel gaukelnden flatternden Bänder zusammennähen würde, so gäben sie eine Welt. Jetzt flackert er auf, wird flockig, zerrinnt in der Luft, das Licht strömt herein, die Sonne leuchtet warm auf den Pilatusgipfel. – Und diejenigen, die so eilig wieder in den Zug gestiegen sind, sind die Genarrten. Wie werden sie zu dem nun sonnigen Berg emporstaunen!

„Sehen Sie die sechs Gemsen dort am Hochstollen,“ fragt jetzt der Mann mit dem Teleskop das Gigerl. Der schaut begierig durch das Instrument. „Großartig, hochinteressant, wie die Tiere auf das Grasband zwischen den Felsen gelangen können. Meine Herrschaften, da sehen Sie grasende Gemsen,“ ruft er begeistert. Alle, die müd’ und mürrisch im Hotel gesessen sind, haben sich jetzt auf dem Gipfel gesammelt, alle wollen einmal Gemsen sehen.

Auf dem Tomlishorn.

„Aber die Gemsen tragen ja Glöckchen am Hals,“ bemerkt ein junger Mann, „das sind wohl gar zahme Gemsen?“ „Ziegen sind es,“ ruft der dicke blonde Herr, „Sie Schwindler von Teleskopmann!“ Und der alte Blaustrumpf deklamiert: „Was sind Träume, was sind Illusionen?“ – Lächelnd erklärt der Teleskopmann, er habe das Instrument schon eingestellt, als des Nebels wegen die Tiere noch nicht ganz zu erkennen gewesen seien, und er hat dabei eine so leichte liebenswürdige Art, daß ihm niemand ganz böse sein kann. Er sucht mit dem Rohr an den Bergen. „So, meine Herrschaften, ich entschädige Sie, drei Bergsteigerpartien sind sichtbar – die eine Gruppe sehen Sie auf der Spitze des Wetterhorns – eine andere geht straff am Seil über das Mönchjoch – die dritte kommt vom Titlis.“ – Diesmal spricht er die Wahrheit; ein paar Engländer halten das Rohr belagert. „Splendid, splendid, indeed!“

Nun, wir können das Rohr entbehren. Vom Jura zum Gotthard, von der Ostschweiz bis in die Waadt liegen die Pergamente der Schönheit aufgerollt. Das Kleinod in dem Bild ist der Vierwaldstättersee mit seinen Farbentönen und Lichtreflexen, die von Seekammer zu Seekammer, von Uferstelle zu Uferstelle wechseln. Die Bucht von Luzern ist lichtgrün, weiterhin metallisch glänzend wie die Flügel einer Libelle, die Mitte des Sees schimmert reinblau, die Seekammer von Gersau und die von Brunnen ist dunkelgrün. Und die Dörfer, die Berge, die Wälder spiegeln sich in der Flut. Tief im Thal von Obwalden, fern im Hügelland gegen die blauen Linien des Jura hin, staunen wie träumende Augen kleine Seen zu uns herauf und Myriaden weißer Punkte bezeichnen die Heimstätten der Menschen.

Und im Süden des grünen Landes schwellen die Berge an, höher und höher bis zum Alpenbogen, der sich vom Säntis zum Montblanc zieht. Haupt an Haupt leuchtet das Heer von Gipfeln in Reinheit und Erhabenheit, schön wie am ersten Tag.

[509]

Sonnenaufgang auf dem „Esel“.

„Das müssen wir der Mama unbedingt schreiben,“ ruft ein Backfisch dem andern zu, „und den Verwandten müssen wir schreiben, Aga, Postkarten mit Ansicht müssen wir haben. Wenn ich nur eine passende Strophe wüßte, man sagt dergleichen doch nicht in Prosa. Aber es ist entsetzlich! – Ich finde keinen Reim auf Gipfel – ‚Wipfel‘ geht nicht wegen Baummangel, und ‚Zipfel‘ – etwa ‚und der Buchten grüne Zipfel‘ – nein, das Wort ist abscheulich!“

Da kommt Alpengigerl zu Hilfe, er ist der Retter, das Gedicht entsteht. Es wird nicht besser, nicht schlechter sein als die Tausende, die Sommer um Sommer in die Welt fliegen. Amateurphotographen arbeiten im Schweiße ihres Angesichtes, um die ganze Gebirgsherrlichkeit in die Rocktasche stecken zu können, andere helfen sich etwas altväterisch mit Skizzenbüchern, und wer nicht zeichnen kann, der schlägt einen Stein los, klebt eine Etiquette „Pilatus“ darauf und schafft sich so ein Andenken.

Ein neuer Zug hat eine große Schar Gäste gebracht, Engländer, Amerikaner und Franzosen, darunter ein Paar reizende Pariserinnen, die mit ihrer Lebhaftigkeit und ihrem koketten Französisch Aufsehen erregen. Sie haben nur einen Schmerz: daß auf dem Pilatus auch deutsch gesprochen wird. Sie haben ein paar Bernern zugehört und sind nun überzeugt, daß bloß Preußen eine so schändliche Sprache sprechen.

Ankunft des Zuges in Alpnachstad.

Wir entwinden uns dem Gewühl, wir machen einen Spaziergang nach dem Tomlishorn, dem höchsten Gipfel des Berges. Ein in die Felsen gesprengter, fast ebener Weg führt am Oberhaupt, dem mittleren der drei Pilatusgipfel, die man von Luzern aus sieht, und am „Chriesiloch“, jener natürlichen Felshöhle, vorbei, durch die auf steiler Holztreppe der alte Pilatusweg nach dem Klimsenhorn und Hergiswyl hinunterführt. Das „Chriesiloch“, schriftdeutsch „Kirschenloch“, soll seinen Namen davon tragen, daß in alter Zeit die Alpendohlen soviel Steine von gestohlenen Kirschen hier angehäuft hätten, daß die Steine den Durchgang sperrten. Jetzt ist die Alpendohle am Pilatus nicht mehr so häufig, aber immer ist [510] er noch reich an Vogelleben, seine Felsen erklingen vom Gesang der Lerchen und Ammern und dem Gepiepse der verschiedenen Arten von Mauerläufern. Der halbstündige Weg auf das Tomlishorn ist ein Höhenboulevard durch Tunnel und Galerien, wie man ihn sich schöner nicht denken kann. Bald haftet der Blick an dem Turmkranz von Luzern, das wie eine silberne Krone in blauen Lufttiefen liegt, bald in einsamen Felsen- und Waldschluchten auf der Rückseite des Berges.

Da treffen wir das Hochzeitspärchen, das sich gründlich ausgesöhnt hat. Die junge Frau sitzt halbvergraben unter einer Last von goldgelben Felsenaurikeln, violetten Soldanellen und tiefdunklen Enzianen in einer Felsennische und der Gatte steckt ihr die schönsten der Blumen ins braune Haar.

Das kleine Plateau auf dem Tomlishorn ist herrlich geeignet, um einsam zu sinnen und zu träumen, denn es ist nie so von Gästen belebt wie der „Esel“. In der Oede zwischen Tomlishorn und Gnepfstein soll jener Pilatussee gelegen haben, den der Rat von Luzern am Ende des sechzehnten Jahrhunderts hat abgraben lassen, um den Geist des Pilatus vom Berge zu vertreiben.

Wer feine Ohren hat, hört wohl ein Sagenklingen in der Abendluft, wenn er weiß, daß „Gnepfstein“ im Schweizerdeutsch das bedeutet, was „pierre branlante“ im Französischen: einen Opferaltar der alten Kelten, die zur Sonne beteten. Pilatus, der Verbannte, der in dem See hauste, ist niemand anders als der große Tagesstern, den das Christentum vom Stuhle der Gottheit gestürzt hat.

Noch beten die Berge jeden Abend und Morgen zur Sonne. – Eben jetzt. – Der Titlis ist zu einem Altar der Verklärung geworden. Seine reine Firnkuppe glüht, durch die beiden dunklen südlichen Pilatusgipfel eingerahmt, als müßten aus ihm jene Flammen hervorbrechen, die dem alten Propheten auf der Höhe des Tabor erschienen sind; über dem Brünig liegt Glanz und Gloria und vor den hochherrlichen Bergen des Berneroberlandes treten hundert kleine Gipfel heraus, die der helle Tag übersieht, sie stellen sich auf die Zehen, um der Sonne noch einen Gutenachtkuß abzuschmeicheln.

Nun geht sie zur Rüste; eine rotglühende, riesenhafte Scheibe, rollt sie über den langgestreckten Rücken des Jura, sie wird dunkelrot, jetzt berührt sie den Horizont – – – jetzt ist ihr letzter Streifen dahin.

Aber noch glühen die Berge. – Vom Eigenthal herauf klingt die Avemariaglocke und auf den nahen und fernen Alpmatten sieht man die Sennen mit gezogenem Käppchen vor die Hausthüre treten. Den hölzernen Milchtrichter setzen sie an den Mund und rufen den Alpsegen über Weiden und Vieh, eine feierliche Symphonie geht durch die Berge.

„Na, ein bißchen anders ist’s doch als in Hinterpommern,“ meint der blonde dicke Herr, der das Abendschauspiel unter stetem Schweißvergießen genießt. Seit einer Weile steht ein ganzes Grüppchen von Gästen auf dem Tomlishorn.

In der Abenddämmerung wandern wir nach dem Gasthofe zurück. Die Tiefe hat ihre Farben ausgelöscht, tausend und aber tausend winzige rote Lichtpunkte schimmern im weiten Land, Luzern aber mit seinen elektrischen Lichtern glänzt wie das Geschmeide einer Märchenprinzessin. Die Nacht ist auf die Berge gestiegen, die Mondsichel schwebt über die Gipfel, wie große Ruinen stehen die Berge da, ein gespenstisches Schweigen liegt über der Welt, eine Ruhe, tiefer als die eines schlafenden Dorfes, eine Ruhe, wie sie eintreten wird nach dem Weltuntergang.

Doch horch – Gesang! Am Oberhaupt hat sich unsere Polin aufgestellt, sie singt. Groß und fromm, schlicht wie im Kirchenstil erklingt ihr fremdes Lied und weckt das Echo am gegenüberliegenden Matthorn. Dem ersten Wiederhall, der Wort für Wort deutlich wiederholt, folgt ein zweiter so fein, als fielen die Töne aus weiter Ferne herab aus der Luft, als stiegen sie aus den Tiefen des Gesteins.

Die Abendmahlzeit ist lebhaft, man ist angeregt von den Eindrücken des Tages. Und kaum ist der letzte Gang vorüber, so werden die Takte eines Walzers angeschlagen. Das junge Volk will tanzen. Ein Paar nach dem andern zieht es in den Strudel – die Pariserinnen rümpfen die Näschen, es sind doch meistens Deutsche, die tanzen. Aber eine Rundtour müssen sie doch auch mitmachen. Und nachdem jede Nation eine Viertelstunde lang für sich getanzt hat, geschieht das Wunder: Deutsche, Franzosen, Engländer, Amerikaner tanzen gemischt. Und das Gigerl ist hin vor Vergnügen, daß es den Arm um die Taille einer Französin legen darf.

Wie sich die Pariserinnen nur so vergessen konnten, mit Deutschen zu tanzen! Darüber verwundern sie sich später selbst. Die Bergluft – ja, die Bergluft! Sie ist entschieden dem Chauvinismus ahhold. – – – –

Etliche der Damen und Herren sehen blaß aus in der Frühe; die ungewohnte Stunde, um die man sich erheben muß, wenn man den Sonnenaufgang sehen will, bekommt ihnen nicht. „Kirsch“ – „Cognac“ – „Rum“. Nur langsam erholen sich die Lebensgeister.

Draußen flüstert der kühle Nachtwind im Gefelse, es dämmert schon und im fernen Osten liegt ein roter Streif. Wie Schattengestalten nehmen sich die Gäste aus, die auf den „Esel“ steigen. Fahlgrüne oder gelbe Töne gehen über das Gestein, in der Tiefe kriechen einzelne Nebel, der ferne rote Streifen, der in der Richtung des Bodensees liegt, wandert gegen Osten und wird breiter und breiter.

Erwartungsvoll, etwas fröstelnd steht das Häufchen der Sonnenaufgangsleute, in Mäntel und Decken gehüllt, den Rockkragen aufgestellt oder die Kapuze über die Ohren gezogen.

Die blaßgewordene Mondsichel sinkt hinter die Zacken der Diablerets, eine weite Helle geht über den östlichen Himmel – der Herold der Sonne ist da, der wie Karfunkel leuchtende Morgenstern. Und jetzt röten sich die Firne, es geht ein Zittern und Wogen durch die Berge. Sie wachsen auf im jungen Licht. Die Spitze des Finsteraarhorns hat Feuer gefangen, sie flammt über dem Hochland – und jetzt hat die „Jungfrau“ ihr Rosendiadem aufgesetzt und die Blümlisalp. Gipfel um Gipfel entzündet sich, wie eitel Rosen liegt’s über dem Steinmeer der Berge und auf dem Spiegel des Vierwaldstättersees. Zwei einsame rote Wölklein spiegeln sich in seinen Tiefen.

Und nun rollt die Sonne hinter dem Säntis empor, mit warmem Licht übergießt sie das Pilatusgestein – bald füllt sich das weite Land mit der goldenen Flut, bald leuchtet sie den Mähdern, die in der Tiefe schon bei der Arbeit sind. In alle Fernen ist die Welt hell, majestätisch wandelt der junge Tag, die Schicksale ausstreuend über Thal und Gebirge.

Die Polin gähnt – die Gäste ziehen sich zurück – sie wollen noch ein paar Stunden schlafen – es schlummert sich gut nach Sonnenaufgang. Wir aber steigen hinab auf den Blumenteppich der Mattalp und pflücken uns einen Alpenrosenstrauß – zum Andenken, denn vom Pilatus heißt es scheiden.

Auf der Aemsigenalp, wo die großen Wettertannen stehen, ein Prachtblick auf das Obwaldnerländchen sich erschließt, holt uns der Frühzug ein. Seine Gäste, darunter das Hochzeitspärchen, das Alpengigerl und die Pariserinnen, sind alle beladen mit leuchtenden Blumen des Gebirgs.

Ueber die Felsen hinab rollt das niedliche Fahrzeug, der See schwebt uns entgegen mit seinem Dampfboot. Wir wollen dem Pilatus Abschied winken. Aber schon schwimmen die Wolken um seine Stirn, er brütet wieder über den alten Sagen.

Wenn heute Gäste kommen, so wird er sie vielleicht enttäuschen – vielleicht aber erbarmt er sich ihrer, wie er sich gestern unserer erbarmt hat, und zeigt ihnen eine strahlende Welt voll Licht und Poesie.


Nachdruck verboten.
Alle Rechte vorbehalten.

Unser Drückeberger.

Aus meinem Kriegstagebuch vom Jahre 1870.
Von Fred Vincent.

Die Compagnie ist nachgesehen, Herr Lieutenant, die Compagnie steht vollzählig und feldmarschmäßig zum Ausrücken bereit!“

Es war ein prachtvoller Sonntagnachmittag, der Nachmittag unseres neunten Mobilmachungstages, des 24. Juli 1870, und es mochte fünf Uhr sein, als mir unser Feldwebel Schmidt diese Meldung machte. Auf dem Hofe der Prinz Karl-Kaserne der Festung Mainz standen die zwölf Compagnien unseres Regimentes in Compagnie-Kolonnen zum letzten Appell in der Garnison und erwarteten den Befehl zum Ausrücken nach der französischen Grenze. Wohl waren vom XI. Armeecorps, dem wir bei der Mobilmachung zugeteilt worden, Dispositionen und Marschtableau eingetroffen, allein das VIII. Corps, welchem wir bis jetzt angehört, hatte das [511] Regiment noch nicht aus dem Festungsverband entlassen. Die Depesche mit diesen letzten Befehlen wurde indes jeden Augenblick erwartet, und unser Oberst hatte sämtliche Stabsoffiziere mit ihren Adjutanten, sowie die Hauptleute und Compagnieführer zu sich auf das Regimentsbureau zum Befehlsempfang berufen. Die Mannschaften sollten dann sofort zu ihren auf dem Kasernenhof und auf der breiten Straße davor in dichten Scharen harrenden Angehörigen und Freunden entlassen werden, um mit diesen die letzten Stunden in der Heimat zu verleben. Das Regiment war marschbereit, und der Ausmarsch sollte jedenfalls in der Frühe des 25. Juli stattfinden.

Ja, wir waren marschbereit. Fieberhaft war in den drei Tagen vorher gearbeitet worden, um das Ziel zu erreichen. Und mit welchem Enthusiasmus! An den Feind zu kommen, je früher desto besser, war unser aller heiße Sehnsucht. Doch so mächtig sich auch diese hegeisterte Stimmung in meiner jungen Lieutenantsbrust regte, ich atmete erleichtert auf, als ich mir sagen konnte, daß die nötigen Vorarbeiten alle beendet, daß wir wirklich „mobil“ waren. Die Meldung, die der Feldwebel mir in Abwesenheit des Compagnieführers überbrachte, gab mir die Gewißheit, daß wir dem ersehnten zweiten Abschnitt unserer kriegerischen Thätigkeit mit ruhigem Gewissen entgegengehen durften, und mit einem zufriedenen Blick in das fröhliche Gesicht des pflichteifrigen Mannes nickte ich ihm zu. „Schön, Feldwebel. Nun wären wir also so weit!“ …

„Zu Befehl, Herr Lieutenant! Aber …“

Also doch noch ein Aber! So wenig gelegen mir ein solches kam, so mußte ich es vorbringen lassen. „Was haben Sie denn jetzt noch zu erinnern, Feldwebel? Ich denke doch, wir sind endlich in Ordnung?“

„Zu Befehl, Herr Lieutenant! Aber der Gefreite Tilmanns …“

„Nun, was ist’s mit dem? Der gehört doch nicht zu den Neueingestellten?“

„Allerdings nicht, Herr Lieutenant. Er hat bei den Gardeschützen als Einjähriger gedient und hat die Qualifikation zum Reserve-Unteroffizier. Aber’s ist ein ganz feiner Herr, trägt eigene Hemden und Stiefel und – kann absolut keinen Wein vertragen.“

Ich mußte unwillkürlich lachen über die verächtliche, beinahe grimmige Betonung, welche unsere wackere Compagniemutter auf diese letzte bedenkliche Eigentümlichkeit des Gefreiten legte. Ihm selbst war allerdings eine solche Schwäche durchaus fremd, das bewies seine stattliche Leibesfülle und die rosige, gesunde Gesichtsfarbe, wie nicht minder seine Lieblingswendung: „Ein strammer Soldat kann auch ’nen strammen ,Schtiebel’ vertragen“, die auch mir schon bekannt geworden war. Aber auch der Persönlichkeit des Gefreiten erinnerte ich mich jetzt wieder; hatte ich ihm doch, da er in meinem Zuge stand, vom Compagnieführer die Erlaubnis ausgewirkt, seine eigenen Stiefel tragen zu dürfen, die zwar nach Maß, indes vollkommen vorschriftsmäßig gearbeitet waren. Bei dieser Gelegenheit hatte ich allerdings bemerkt, daß Tilmanns übermäßig schlank war und keineswegs den Eindruck besonderer körperlicher Kraft machte, dabei eine recht bleiche, fast krankhafte Gesichtsfarbe hatte. Im übrigen war mir jedoch nichts an ihm aufgefallen, woraus ich mir die Abneigung des Feldwebels hätte erklären können.

„Na, die Feinheit wird ihm draußen vor den Franzosen bald genug von selbst vergehen,“ meinte ich daher belustigt. „Und das Weintrinken kann er sich ja auch noch angewöhnen, wenn wir überhaupt Gelegenheit dazu bekommen, was mir aber, unter uns gesagt, Feldwebel, vorderhand noch keineswegs so sicher zu sein scheint. Wenn Sie also weiter nichts …“

„Weiter nichts, Herr Lieutenant!? Aber das sind doch gräßliche Kennzeichen von Schlappheit! Und der Tilmanns ist der schlappste Kerl, der mir je vorgekommen ist. Das ist so einer von die richtigen Drückeberger, von die Sorte nämlich, Herr Lieutenant, die beim ersten strammen Marsch die Chausseegräben mit ihren schlottrigen Knochen verzieren und die nur mitkommen können, wenn sie Achsen und Räder unter haben. Wenn’s aber ’mal erst wirklich knallt, dann werden sie krank, fallen um und bleiben liegen, natürlich immer ’mal so zufällig hinter ’ner guten Deckung. Und dann heißt’s: zurück zum ‚Schwamm‘! und zwar so fix als möglich –“

„Nun, das wollen wir doch erst abwarten!“ Ich hatte unseren altgedienten, überaus tüchtigen Feldwebel geduldig ausreden lassen und versuchte ihn nun zu beruhigen. „Dagegen giebt’s doch auch noch Mittel und außerdem, Feldwebel, der Schein trügt!“

„Jawohl, Herr Lieutenant. Aber so’n Gefreiter – und wer den Tilmanns dazu gemacht hat, der kann’s am jüngsten Tag nicht verantworten – der paßt nicht ins mobile Regiment, der gehört in den.Ersatz’. Und so wollte ich bitten, dem Herrn Premierlieutenant zu melden, daß ich den Gefreiten Tilmanns nicht für felddiensttauglich halte und glaube, wir sollten ihn vom Ersatzbataillon durch einen anderen Mann ablösen lassen.“

„Daß das jetzt nicht mehr geht, wissen Sie so gut wie ich, Feldwebel; denn das Ersatzbataillon hat nur einen sehr knappen Stamm ausgebildeter Mannschaften. Es ist nichts zu machen, wenn nicht der Gefreite Tilmanns sich selbst krank meldet und vom Stabsarzt auch für krank erklärt wird.“

„Das letztere, Herr Lieutenant, ließe sich aber doch vielleicht …“

„Schon gut, Feldwebel. Holen Sie mir einmal den Gefreiten herbei; ich will selbst sehen und hören.“ Ich war doch nachdenklich geworden, denn die Meldung des Feldwebels klang zu bestimmt und man rückt doch nicht gern gegen den Feind mit Elementen in der Compagnie, von denen nur Schwierigkeiten zu erwarten sind und von welchen man vorausweiß, daß man sich im entscheidenden Augenblick nicht auf sie verlassen kann. Dem Tilmanns aber als Gefreiten und ehemaligem Einjährigen hatte ich den Flügel meines zweiten Halbzuges gegeben.

Ich muß gestehen, der Eindruck, den ich von dem Mann jetzt empfing, als er mit dem Feldwebel herankam, war durchaus nicht geeignet, mir viel Vertrauen einzuflößen. Mit den schmalen, abfallenden Schultern und der flachen Brust füllte sein magerer Körper nur recht kümmerlich den Waffenrock aus, der ihm in der Länge wohl passen mochte, aber viel zu weit war, so daß er unter dem gerollten Mantel recht häßliche Falten bildete. Obgleich er sich offenbar zusammennahm, befand Tilmanns sich im Kampfe mit seiner langen Flinte, die er nur mühsam im „Gewehr aus“ balancierte. Ich kam ihm auch gleich zu Hilfe, indem ich ihn „Gewehr ab“ nehmen ließ, und ich mußte dem Feldwebel recht geben, der Griff war „schlapp“. Anders konnte man auch seine Haltung nicht nennen.

Aber aus dem hageren, blassen Gesichte mit dem kleinen, blonden Schnurrbärtchen leuchtete mir ein Paar großer tiefblauer Augen entgegen mit so eigentümlichem Ausdruck, halb träumerisch und doch so voll ruhiger Entschlossenheit, daß mich dies wieder irre an dem Urteil des Feldwebels werden ließ. Der Mann war kein Drückeberger.

„Der Feldwebel glaubt, daß Sie krank oder doch wenigstens nicht gesund genug sind, die Strapazen auszuhalten, die für uns unvermeidlich sein werden. Ich will Sie daher darauf aufmerksam machen, daß es für Sie und für uns besser ist, wenn Sie sich jetzt noch vor dem Ausrücken krank melden, falls Sie sich nicht ganz gesund fühlen. Wir könnten Sie dann noch zum Ersatzbataillon versetzen lassen, was jedenfalls günstiger wäre, als wenn Sie uns unterwegs liegen blieben.“

Ein schwaches Rot war bei dieser unerwarteten Anrede in die bleichen Züge des Gefreiten gestiegen, allein er antwortete ohne Besinnen, leise, aber bestimmt: „Ich bin vollständig gesund, Herr Lieutenant, und werde auch unterwegs nicht liegen bleiben.“

„Schön! Daß Sie tauglich sind, hat die ärztliche Untersuchung ergeben, krank fühlen Sie sich auch nicht, ich darf mir also ausbitten, daß Sie mir nicht bei irgend einer passenden oder unpassenden Gelegenheit einmal ausspannen. Darauf könnte ich dann keine Rücksicht nehmen. Was sind Sie eigentlich in Ihrem Civilverhältnis?“

„Gymnasiallehrer, Herr Lieutenant.“

„So, na, dann haben Sie also seit Ihrer Dienstzeit noch keine Uebung mitgemacht, sonst wären Sie wohl nicht mehr Gefreiter. Warum sind Sie aber nicht als Unteroffizier entlassen worden?“

„Ich war nicht sehr kräftig –“

„Schlapp!“ brummte der Feldwebel dazwischen.

„Und war deshalb in den letzten Monaten auf das Regimentsbureau abkommandiert.“

„Jawohl – Drückeberger!“ nickte die Compagniemutter in sich hinein.

„Das wäre auch jetzt die beste Verwendung für Sie gewesen, wenn Sie nicht beim Ersatzbataillon bleiben wollten,“ erwiderte ich, dem Feldwebel einen verweisenden Blick zuwerfend. „Dazu hätten Sie sich melden sollen.“

„Ich war zur mobilen Compagnie kommandiert und das entsprach durchaus meinen Wünschen!“

Tilmanns war ganz rot im Gesicht geworden, als er mir in fast heftigem Tone diese Antwort gab und in seinen Augen blitzte etwas wie Zorn, als wollte er sagen: „Glauben Sie denn, daß ich nicht mit ebensoviel Begeisterung und Mut in diesen [512] heiligen Kampf ziehe, wie Ihr anderen alle, wenn ich auch keinen so kräftigen und abgehärteten Körper besitze?“ Bei mir regte sich das Gewissen, daß ich mich durch die Vorstellungen des Feldwebels hatte verleiten lassen, den armen Menschen wohl gar zu schnöde zu behandeln, und ich nahm mir vor, es wieder gut zu machen. Augenblicklich aber gab ich ihm mit den Worten: „Schön, dann muß es also dabei bleiben. Ich danke Ihnen!“ das Zeichen, wieder einzutreten. Zögernd blieb er jedoch stehen und fragte mit leiser, bescheidener Stimme: „Sie werden wich also nicht zum Ersatzbataillon versetzen lassen, Herr Lieutenant?“

„Davon kann keine Rede mehr sein. Außerdem stünde das auch nicht in meiner Macht!“ gab ich lachend zur Antwort, worauf er mit einem „Ich danke Ihnen von Herzen, Herr Lieutenant!“ „Gewehr auf“ nahm und auf seinen Platz zurückging.

„Und s’ ist doch ein Drückeberger,“ brummte der Feldwebel auf meinen fragenden Blick unwirsch vor sich hin.

Damit war für jetzt die Sache erledigt, denn soeben kam der Befehl, die Compagnien zu entlassen. Die Leute sollten sich später am Abend auf der Kasernenwache erkundigen, wann morgen früh ausgerückt werde.

Und nun wurde der Kasernenhof zum Schauplatz einer patriotischen Kundgebung, wie er sie annähernd großartig noch nie erlebt und wohl auch so leicht nicht wieder erleben wird. Kaum war das Kommando „Weggetreten!“ gegeben, so hatten sich unsere Compagnien auch schon in dem hereinflutenden Menschenstrom aufgelöst und die Mannschaften tauchten in demselben unter. Einzeln, gruppenweise trieben sie in der jubelnden, erregten und begeisterten Menschenmenge, sich von ihr tragen und führen lassend. Das waren Scenen des edelsten, reinsten vaterländischen Enthusiasmus, die sich dort vor meinen Augen abspielten und einen so nachhaltigen Eindruck auf mein empfängliches Jünglingsgemüt machten, daß ich sie heute noch deutlich vor meinem geistigen Auge sehe. Zwar eilten noch manche unserer Soldaten auf die Stuben, um rasch ihr Gepäck abzulegen, doch die meisten schlossen sich wie sie gingen und standen, mit ihren Freunden an und unter dem tausendstimmigen Gesang der „Wacht am Rhein“ wogten die dichten Scharen unter der Terrasse des Offizierskasinos vorbei, den dort inmitten seiner Offiziere stehenden Oberst mit lautem Hurra begrüßend.

Kurz nach neun Uhr am Abend war dann endlich die lange erwartete Depesche eingetroffen und wie ein Lauffeuer durcheilte die Nachricht die ganze Stadt: heute nacht ein Uhr stehen die Compagnien auf dem Kasernenhof zum Ausrücken bereit!

In dieser Nacht blieb die ganze Bevölkerung der Stadt auf den Beinen. Auch die Bewohner der Ortschaften in weitem Umkreis waren am Sonntage hereingekommen und nur wenige mögen wieder nach Hause gegangen sein; wollte doch jeder, der es nur möglich machen konnte, beim Aufmarsch des ersten Regimentes nach der bedrohten Grenze zugegen sein. Alle Gassen und Gäßchen waren angefüllt von begeisterten Menschen und immer mehr drängten sich die Massen zusammen, je näher man dem Schillerplatz und der Kaserne kam und je mehr die Zeit des Abmarsches heranrückte. Die Folge war, daß die zum Sammelplatz eilenden Soldaten nur langsam hindurchzudringen vermochten. Auch der Kasernenhof war so dicht besetzt von den Angehörigen und Freunden der Ausrückenden, daß das Sammeln der Compagnien sich als ungemein schwierig erwies.

Noch war die kurze Sommernacht nicht in die Morgendämmerung übergegangen, doch flammten überall im Publikum Fackeln und Laternen auf, sämtliche Fenster waren erleuchtet und immer wieder erklang die Wacht am Rhein und übertönte die Kommandos. Wir waren bald zu der Ueberzeugung gelangt, daß ein Verlesen und Stellen der Compagnien unter diesen Umständen zu den direkten Unmöglichkeiten zählte, und beschränkten uns daher darauf, so gut wie möglich die Ordnung in den Zügen herzustellen.

Wenige Minuten vor zwei Uhr schlugen die Spielleute an, die Regimentsmusik intonierte wieder das Kampflied der damaligen Zeit, tausendstimmig fiel alles ein und – gekeilt in drangvoll fürchterlicher Enge wurde unsere Marschkolonne durch die schmale Gaugasse und den noch schmäleren Durchlaß des Gauthores zur Festung mehr hinausgeschoben und getragen, als daß wir hinausmarschiert wären. Draußen vermochten wir wieder aufzuatmen, denn die uns begleitenden Scharen lichteten sich immer mehr und blieben endlich ganz zurück; aber noch über eine Stunde setzten wir unseren Marsch fort, bis wir endlich, als es schon ganz heller Tag geworden und die Türme von Mainz längst unseren Blicken entschwunden waren, das erste „Rendezvous“ machten.

Der nun folgende lange Halt wurde dazu benutzt, alles das nachzuholen, was auf dem Kasernenhofe hatte unterbleiben müssen. Selbstverständlich hatten sich Leute aller Compagnien verlaufen, die zunächst ausgetauscht werden mußten. Doch als sodann verlesen wurde, stellte es sich heraus – wer beschreibt das Entsetzen unseres Feldwebels – daß bei uns fünf Mann fehlten. „Darunter natürlich der Gefreite Tilmanns!“ meldete der ganz Fassungslose unserem Premier. Zu seinem Trost erfuhr er aber, daß es den anderen Compagnien nicht besser ging, wenn auch wir die meisten Ausbleiber hatten.

„Die Leute werden sich schon sämtlich einstellen,“ hatte der Oberst gesagt, als ihm die Sache gemeldet worden war. „Wenn sie im Laufe des heutigen Tages nachkommen, so wollen wir für diesmal stillschweigend darüber hinwegsehen. Einstweilen können wir noch auf die Nachzügler warten, vielleicht trifft noch einer oder der andere ein. Ganz ausbleiben wird keiner, denk’ ich!“

Und er sollte schon bald recht bekommen. Die Sonne war inzwischen längst aufgegangen, aber so weit wir sehen konnten, war anf der Landstraße kein Soldat zu erblicken. Eben noch hatte der Feldwebel Schmidt seiner Entrüstung mit den ingrimmigen Worten Luft gemacht: „Es ist unerhört, wie die Kerls so sans façon vom Ausrücken wegbleiben können. Aber, wenn einer nicht mitkäme, daß das unser Drückeberger sein würde, das habe ich gestern schon gesagt!“ Als Antwort machte ich ihn auf eine Staubwolke aufmerksam, die sich uns rasch näherte, und bald konnten wir einen stattlichen Zug Wagen, Omnibusse und dergleichen erkennen, die in schärfster Fahrt herankamen. Richtig, es waren die Vermißten und auf dem Bock des vordersten Fuhrwerks saß Tilmanns.

„Ei ja, natürlich!“ brummte Schmidt bei diesem Anblick „Nachfahren, das kann dem feinen Herrn passen. Ist auch weit bequemer als marschieren. Ich hab’s ja gesagt, Achsen und Räder untermachen, dann kommt so’n Drückeberger mit!“

Unterdessen hatten uns die Wagen erreicht, die Leute sprangen eiligst herab, stellten sich auf und Tilmanns wollte dem Regimentskommandeur eben Meldung machen, als ihm dieser schon entgegen rief: „Es ist gut, Kinder! Nur rasch eintreten, wir warten schon lange genug auf Euch. Also fix, wir wollen abrücken!“

Dazu sollte es aber noch nicht kommen, denn mit den Nachzüglern waren einige Mainzer Herren herausgefahren, die mit dem Oberst persönlich bekannt waren und ein gutes Wort bei demselben für die „Versprengten“ einlegen wollten. Auch viele unserer älteren Offiziere kannten die Fürsprecher und so hatte sich bald eine dichte Gruppe um dieselben gebildet und eine lebhafte Unterhaltung entsponnen. Schmidt, der noch neben mir stand, schien mit der Milde des Regimentskommandeurs nicht recht einverstanden, und als nun Tilmanns in unserer Nähe sein Gewehr gegen eine Pyramide stellte, rief er ihm spöttisch zu: „Nun, Herr Tilmanns, Sie hatten sich wohl mit Ihren feinen Freunden beim Sekt festgekneipt? Da konnten Sie natürlich nicht loskommen und mußten uns allein abmarschieren lassen? Haben Sie Ihren Wagen gleich für den ganzen Feldzug genommen?“

„Nein, Herr Feldwebel. Ich war ins Hotel gegangen und habe mich da verspätet,“ antwortete der Gefreite ruhig, trat auf mich zu und meldete „Zur Stelle!“

„In Ihrem Hotel haben Sie sich verspätet?“ fragte ich nun.

„Jawohl, Herr Lieutenant. Ich war sehr müde, habe mich daher schlafen gelegt und habe verschlafen . . .“

„Natürlich! So ’n feiner Herr muß sich die ‚eigenen‘ Stiebel mit der Beißzange anziehen und da kann er nicht zur rechten Zeit fertig werden!“ warf der Feldwebel dazwischen.

„Die Leute im Hotel waren alle fortgelaufen, um das Regiment ausrücken zu sehen, und hatten mich vergessen,“ fuhr Tilmanns fort, „und als ich hinkam, war das Regiment eben durch das Gauthor hinaus und ich konnte nicht durch die vielen Menschen durch ...“

„Und da dachten Sie, anstatt wie ’n ordentlicher Musketier hinterdrein zu laufen, wär’s bequemer, sich eine Equipage zu kaufen und als feiner Herr nachzukutschieren!“ unterbrach ihn der Feldwebel abermals. Bevor indes der Gefreite entgegnen konnte, ertönte die Stimme unseres Premiers. „Gefreiter Tilmanns! Sofort zum Herrn Oberst kommen!“ Und das hatte folgende Bewandtnis:

Als Tilmanns in dem Menschenstrome der Gaugasse stecken blieb, war er mit zwei anderen Musketieren zusammengestoßen, denen es gerade so ging wie ihm. Er hatte daraus geschlossen, daß es vielleicht noch mehr Leidensgefährten geben werde, und sich nun sehr umsichtig benommen. Rasch hatte er sich mit den beiden andern verständigt, diesen eine bekannte Wirtschaft als Rendezvous

[513]

Photographie im Verlag von Franz Hanfstaengl in München.
Erwünschte Begegnung.
Gemälde von C. Rickelt.

[514] angegeben und sie als Posten auf dem Schillerplatz zurückgelassen. Nun war er zur Kasernenwache geeilt, hatte die Polizei benachrichtigt, sich nach Fuhrwerk umgethan und als er am Rendezvous-Platz angelangt war, da hatte sich dort schon mehr als ein Dutzend Nachzügler eingefunden und weitere wurden noch fortwährend dahin gewiesen, bevor die bestellten Wagen erschienen. Einige Herren vom Civil waren auf seine Thätigkeit aufmerksam geworden, hatten ihn beim Sammeln der Verspäteten unterstützt und schließlich hatte man gemeinschaftlich Kaffee getrunken und, da sich schon längere Zeit kein Versprengter mehr eingestellt hatte, waren alle zusammen dem Regiment nachgefahren. Es war auch wirklich die ganze noch fehlende Gesellschaft gewesen, die Tilmanns gesammelt und uns nachgebracht hatte, und darüber sprach ihm der Oberst jetzt seine volle Zufriedenheit aus. Das hatte der Feldwebel jedenfalls am wenigsten erwartet und als nun das Kommando „An die Gewehre!“ erfolgte, da hörte ich ihn murren: „Das erste Mal in meinem Leben, daß ich ’nen Drückeberger habe belobigen hören!“

Der jetzt beginnende viertägige Marsch durch Rheinhessen und die Pfalz zählt sicher zu meinen eigenartigsten und interessantesten Erinnerungen aus dem Feldzug, allein nicht etwa aus dem Grund, weil er als einfacher Reisemarsch uns keine Anstrengungen gebracht hätte. Das Gegenteil war der Fall, denn abgesehen von den Beschwerden, welche bei der herrschenden tropischen Hitze jeder Marschtag für eine so wenig marschgewohnte Truppe haben mußte, hatten wir fortwährend an der Festigung des inneren Gefüges derselben zu arbeiten. Unterwegs wurden die Zügel der Marschdisciplin stetig fester angezogen, und waren wir in die Quartiere eingerückt, so begann, kaum daß die Leute die notwendigste Ruhe gehabt, das Exerzieren. Thatsächlich wurde während der ganzen Zeit bis zum Abend des 2. August jeden Tag systematisch im Detail, in Zügen und in der Compagnie exerziert, auch gelegentlich im Bataillon eine Felddienstübung gemacht – wie in der Garnison, hätte man sagen können, wenn die Mannschaften dazu nicht feldmarschmäßig angetreten wären. Allein für die Mühen des Dienstes wurden wir reichlich entschädigt durch die ungemein herzliche Aufnahme, die, uns seitens der Bevölkerung überall zu teil wurde, und die uns gebotene Verpflegung in dem reichen und gastfreien Landstrich war einfach über jedes Lob erhaben. Waren wir doch das erste preußische Regiment, welches sich jetzt in diesem kerndeutschen Lande blicken ließ, das in früheren Zeiten so oft von französischen Heerscharen gebrandschatzt und verwüstet worden ist, und waren doch schon fast vierzehn Tage darüber vergangen, daß der Krieg zur furchtbaren Gewißheit geworden und die Pfälzer täglich davor zittern mußten, eine abermalige französische Invasion über sich hereinbrechen zu sehen. Aber mit dem Erscheinen der ersten blitzenden Helme war diese Furcht von ihnen gewichen und machte der freudigsten Zuversicht Platz, die sich darin äußerte, daß jeder einzelne sich verpflichtet fühlte, alles nur Erdenkbare für die Soldaten zu thun, die ihn, seine Familie, sein Eigentum vor dem drohenden Unheil zu schützen kamen, Dies Bestreben der Bevölkerung ging so weit, daß die mit Einquartierung belegten Ortschaften darum beneidet wurden, und daß andere, welchen diese Ehre nicht zu teil geworden, alles aufboten, sich uns während des Marsches nützlich und angenehm zu erweisen.

Wohl ausgeruht in den vorzüglichen Quartieren eines großen Dorfes, in welchem unsere Compagnie allein gelegen, rückten wir frühzeitig am zweiten Marschtag aus und der „Herr Burremeeschter“ ließ es sich nicht nehmen, uns selbst den nächsten Weg nach dem Rendezvous-Platze zu zeigen, wo sich das ganze Regiment sammeln sollte. Wir waren bereits in der richtigen Weingegend und so führte dieser kürzeste Weg bald bergan zwischen Weinbergen hindurch, deren Höhe wir fast erstiegen hatten, als vor uns ein junger Mensch auftauchte, der, sobald er uns erblickt hatte, eifrigst Zeichen nach rückwärts machte, worauf ein alter Mann mit schneeweißem Haar erschien. Den Oberkörper weit vorgebeugt, die Augen mit beiden Händen gegen die Morgensonne geschützt, stand er da und schaute uns entgegen, bis wir ihn beinahe erreicht hätten. Dann riß er plötzlich seine Mütze vom Köpf, schleuderte sie hoch in die Luft und jubelte: „Hurra! Der Bub’ hat wahrhaftig recht, die Preuße sin da! Jetzt hawwe wer gute Ruh’ vor dene Franzose; die komme desmal net eriwwer!“ Und barhaupt eilte er den steinigen Weinbergpfad hinunter mit einer Geschwindigkeit, die ich seinen alten Beinen nimmermehr zugetraut hätte. Als wir aber drunten im Thal das Dorf erreichten, da erlebten wir unseren ersten feierlichen Empfang.

Um eine scharfe Ecke in die Dorfstraße einbiegend, sahen wir die ganze Einwohnerschaft längs der Häuser aufgestellt, während die Straße selbst durch uniformierte Feuerwehr abgeschlossen war, vor welcher sich einige ältere Männer aufgestellt hatten. Was mir am meisten auffiel, war, daß diese letzteren Männer alle mit eigenartigen hölzernen Henkelgefäßen, sogenannten „Stützen“ bewaffnet waren, die, mit Harz ausgegossen, den dortigen Weinbauern zum Abziehen ihrer Faßweine dienen. Diese Art der VerWendung war mir damals noch neu, obgleich ich die Gefäße selbst gut genug kannte, denn sie wurden auf unseren Wachtstuben in Mainz allgemein zur Aufnahme des Trinkwassers benutzt. Da es indes noch sehr früh am Tage war, so war meiner Ansicht nach kein Bedürfnis zum Trinken bei unseren Leuten vorhanden, und als nun der erste der uns Bewillkommnenden mit seiner Stütz’ an die Compagnie herantrat, glaubte ich ihn abwehren zu sollen und bemerkte ihm sehr höflich, mit der Hand am Helm: „Danke sehr, lieber Mann. Wir sind noch nicht lange marschiert, die Leute brauchen noch kein Wasser!“

Da kam ich aber schön an!

„Was!“ schnaubte mich der Hüne, der mich um ein Bedeutendes überragte, aufgebracht von oben herunter an, „Wasser? Ja, glauwe Se dann, mir hätte dene Soldate, die die Franzose Mores lehr’n wolle, nix Besseres anzubiete, als Wasser? ’s isch von unserm beschte Wein. Probiern Se’n nor selwer!“

Ein Versuch, mich dem Erzürnten gegenüber zu entschuldigen, mußte unverstanden bleiben, denn soeben intonierte die Feuerwehrmusik die „Wacht am Rhein“ und zwar mit hervorragender Wirkung in der engen Straße. Ich mußte also nachgeben und that einen tiefen Zug aus der Stütz’, die der Mann mir mundgerecht hinhielt, und ich mußte zugestehen, der Wein war gut, sogar sehr gut. Mein Gegenüber mochte mir dies Zugeständnis am Gesicht ablesen, denn er winkte mir auf einmal ganz freundlich zu, brüllte mir ein „Seh’n Se!“ in die Ohren und reichte die Stütz’ dem Feldwebel, der sofort dahinter verschwand?

So gut wie ich, hatte auch inzwischen der Compagnieführer nachgeben müssen; es war ihm diesen lieben derben Menschen gegenüber nichts anderes übrig geblieben. Wir mußten Halt machen, eine Rede anhören, den Wein gründlich probieren und erst dann wurden wir – in sehr gehobener Stimmung – von der Musik aus dem Ortsgebiet hinausgeblasen.

Auf dem Rendezvous-Platz erwartete uns schon wieder eine Ueberraschung merkwürdigster Art. Dieselbe bestand in einer großen Zahl von Leiterwagen, welche sich rings um den Sammelplatz aufgestellt hatten und die nichts mehr und nichts weniger bezweckten, als das ganze Regiment nach seinen nächsten Quartieren zu fahren. Die Unterhandlungen über diesen Fall waren, als wir ankamen, in vollem Gange, denn der Oberst stand in eifriger Unterhaltung bei einer dichten Gruppe älterer Leute, „lauter Burremeeschters“, wie mir einer der Wagenlenker verriet.

Natürlich mußte der Regimentskommandeur das Anerbieten, soweit es die Mannschaften betraf, ablehnen, wenn er auch bereits zu dem Zugeständnis bewogen worden war, daß das Gepäck, sogar die Mäntel und schließlich die ganze Regimentsmusik gefahren werden dürfe; letztere müsse aber unterwegs fleißig dafür spielen. Zu weiteren Konzessionen ließ er sich indes nicht verleiten, und ich hörte, wie er eben mit seiner ganzen gewinnenden Liebenswürdigkeit sagte: „Es thut mir unendlich leid, meine Herren, aber es geht wirklich nicht. Glauben Sie mir, es geht entschieden nicht!“

„Mer wolle’s Ihne glauwe, Herr Owerscht!“ erwiderte einer der Burremeeschters, offenbar durchaus nicht befriedigt von dem Ergebnis der Unterredung. „Mer hawwe alleweil gedenkt, je besser ausgeruht die Soldate sin, wenn se an die Franzose komme, desto besser wer’n se’n heimleuchte! Awer nix für ungut, Herr Owerscht; nix für ungut!“

Damit waren die Ueberraschungen noch immer nicht zu Ende, Wir erfuhren nun, daß eine Deputation mehrerer großer Ortschaften darum gebeten hatte, an einem geeigneten Punkte, den wir gegen zehn Uhr erreichen mußten, das Regiment mit einem „kleinen Frühstück“ bewirten zu dürfen. Auch hierin hatte unser Oberst nachgegeben, obgleich er den Aufenthalt nicht gern sah, durch den wir beim Weitermarsch in die heißeste Tageszeit geraten mußten. Desto weniger Zeit aber wollten wir jetzt verlieren und so wurde schleunigst angetreten, wobei uns noch eine Ueberraschung zu teil wurde, diesmal allerdings keine angenehme für uns Vorgesetzte. Ein Teil der nicht für das Gepäck etc. in Anspruch genommenen Wagen – und das war bei weitem die Mehrzahl der erschienenen – war durchaus nicht zu bewegen, unverrichteter Dinge wieder nach [515] Hause zurückzukehren, sondern sie fuhren einfach leer hinterdrein mit der Motivierung: „No, es wer’n unnerwegs schon noch Soldate müd’ wer’n und dann komme mir doch noch an die Reih’.“

Eine so verführerische Gelegenheit aber war förmlich dazu angethan, künstlich „Müde“ zu erzeugen und mir wurde gar nicht wohl zu Mut, als mir der Feldwebel die Geschichte mitteilte mit dem Zusatz: „Das ist das Richtige für den Gefreiten Tilmanns, den Drückeberger. Der versteht sich aufs bequeme Hinterdreinkutschieren. Wenn der nicht der erste ist, Herr Lieutenant …“

Allein auch der Oberst hatte die Gefahr erkannt und sofort seine Maßregeln dagegen ergriffen, denn die Stimme unseres Premiers unterbrach die Prophezeiungen des Feldwebels: „Regimentsbefehl! Wer auf einem Wagen betroffen wird, ohne vom Arzt krank erklärt zu sein, drei Tage Mittelarrest! Das heißt im mobilen Verhältnis: so und so viel Stunden an einen Baum gebunden! Merkt’s Euch, Kinder!“

Das wirkte! Der Strafe des Angebundenwerdens setzt sich kein Soldat so leicht aus, selbst wenn er sich vielleicht nicht viel aus drei Tagen „Kasten“ gemacht haben würde. Dazu kam heute noch die Ueberlegung, daß ein ärztlich krank Erklärter auch die Aussicht auf das Frühstück aufgeben mußte – und so waren die Leiterwagen noch leer, als wir die Gewehre an den Rändern der großen Gemeindewiese zusammensetzten, deren Mittelpunkt ein von Fahnen überragtes ansehnliches Zeltdach bildete.

Das „kleine Frühstück“, bei welchem die Honoratioren der ganzen Umgegend unsere Wirte machten, verdiente weder der Reichhaltigkeit noch der Güte des Gebotenen nach diese Bezeichnung. Dagegen unterschied es sich aufs vorteilhafteste von manchem großen, das ich vor- und nachher mitgemacht habe, durch die schöne Herzlichkeit, welche zwischen den Vertretern der verschiedensten Lebensstellungen herrschte, die voneinander meistens nicht einmal die Namen kannten. Und vor dieser „gemischten“ Gesellschaft hielt ein kleiner alter Herr von beneidenswerter Rundlichkeit, auf dessen jovialem Gesicht die Morgenröte des neuen Deutschen Reiches schon recht intensiv aufgegangen war, mit weit mehr Patriotismus als Stimme eine herrliche Rede. Wenn dabei sein Organ auch hier und da bei besonderen Kraftstellen umschlug und eigentümlich quiekende und glucksende Laute von sich gab, so beeinträchtigte das die Wirkung nicht im geringsten, denn diese war eine ehrliche, stürmische Begeisterung, und so tranken wir auf den Sieg der vereinigten deutschen Waffen und – zum erstenmal – auf die für alle Zukunft feststehende Einigkeit ihrer Träger. Da noch weitere Reden gehalten wurden, so steigerte sich die Begeisterung, und im direkten Verhältnis zu derselben stand die Zeitdauer des Frühstücks.

Gut war es aber jedenfalls, daß der auf dasselbe folgende letzte Teil unseres Tagemarsches nicht mehr gar zu weit war, denn die Begeisterung unserer Leute hatte schon sehr bedenklich sich zu verflüchtigen angefangen, als wir in unsere Quartiere einrückten. Das Exerzieren an diesem Abend fiel uns allen merkwürdig schwer.

Ganz ähnlich verlief der dritte Marschtag, denn auch am 27. Juli kamen wir nicht „ungegesse un ungetrunke“ durch. Insofern lag an diesem Tag der Fall ungünstiger für uns, als wir das Frühstück nach kaum beendigtem ersten Drittel unseres Tagesmarschs zu überwinden hatten. Und nach demselben erlebte auch unser Feldwebel seinen ersten Triumph über den Gefreiten Tilmanns, worauf er schon an den beiden vorhergegangenen Marschtagen sehnsüchtig gewartet hatte.

Wir waren schon fast zwei Stunden in glühendem Sonnenbrand auf der staubigen Landstraße marschiert, kein Lüftchen regte sich und wie mechanisch setzten die Leute einen Fuß vor den andern.

Aller Frohsinn, aller Humor schien erloschen, und ich blickte mit Besorgnis im Vorüberschreiten in die Sektionen hinein. Obgleich wir die Kragen, sowie die beiden obersten Rockknöpfe schon längst hatten öffnen lassen, bemerkte ich hin und wider, besonders bei dem Gefreiten Tilmanns, unter dem grauen Staubüberzug des Gesichtes jene bläulich-grüne Farbe, die, wie ich leider aus Erfahrung wußte, das Vorzeichen des Hitzschlages ist. Gegen diesen aber hilft bekanntlich nur das rechtzeitige Trinken einer möglichst großen Menge frischen Wassers. Bei den meisten Leuten war die Gefahr dadurch verursacht, daß sie zu viel von dem ungewohnten Wein zu sich genommen, während Tilmanns, wie ich später erfuhr, aus übergroßer Vorsicht, um nicht ausspannen zu müssen, keinen Tropfen davon getrunken hatte, und etwas anderes war nicht zu haben gewesen. Die beiden Extreme hatten also dasselbe Resultat gehabt. Aus meiner Besorgnis riß mich der Anblick eines Dorfes, das in geringer Entfernung vor uns auftauchte. Ein Dorf ohne Brunnen war undenkbar. Ich eilte von Sektion zu Sektion, aufmunternd und ermahnend, im nahen Dorfe recht viel Wasser zu trinken. Aber als wir die Ortschaft erreicht hatten, da lag zwar gar bald vor uns ein stattlicher Laufbrunnen – ob aber auch nur ein einziger von uns mit Wasser seinen Durst gelöscht hat, das habe ich nicht feststellen können, denn überall standen Männer mit „Stützen“ und – ich habe kein Wasser getrunken.

Als wir den Ort im Rücken hatten, waren die bedrohlichen Anzeichen verschwunden, Stimmung und Haltung der Leute war vortrefflich und munter ging es vorwärts. Auch Tilmanns, dem man tags vorher gegen Ende des Marsches die Anstrengung deutlich angemerkt, machte jetzt wieder einen frischen Eindruck, denn sein Gesicht zeigte eine leichte gesunde Röte und seine Augen glänzten vergnügt.

„Na, Tilmanns,“ rief ich ihn an, als ich wieder nach vorne ging, „Sie sehen ja merkwürdig mobil heute aus. Das Marschieren scheint Ihnen vorzüglich zu bekommen.“

„Jawohl, Herr Lieutenant!“ erhielt ich zur Antwort. „Ich habe mich rascher wieder eingewöhnt, als ich selbst geglaubt habe. Heute könnte ich noch stundenweit marschieren.“

Noch war aber keine halbe Stunde vergangen, da kam der Feldwebel eilig an mich heran und brachte mir die völlig unerwartete Meldung: „Soeben ist der Gefreite Tilmanns umgefallen, Herr Lieutenant. Das Verzieren der Chausseegräben geht los!“ Trotz des brummigen Tones der Meldung war eine gewisse Genugthuung in demselben nicht zu verkennen, war doch seine Voraussagung so rasch in Erfüllung gegangen.

„Was? Umgefallen? Der Gefreite? Alle Hagel, da muß etwas Ernsthaftes los sein. Kommen Sie mit, Feldwebel!“ und ich eilte zurück. Richtig, dort stand der Sektionsführer und daneben im Graben saß der Gefreite, doch schlimm sah die Geschichte nicht aus, wenigstens nach dessen blühender Gesichtsfarbe zu urteilen.

„Donnerwetter, Tilmanns! Was machen Sie denn auf einmal für Geschichten? Wo fehlt’s eigentlich?“

Das war nun allerdings leichter gefragt, als beantwortet, denn weder der Gefreite selbst noch der inzwischen herangekommene Lazarettgehilfe wußten eine befriedigende Auskunft zu geben; das Allgemeinbefinden ließ nichts zu wünschen übrig, nur die Beine versagten einfach den Dienst, sie waren „inkohärent“ geworden. So meinte wenigstens unser alter Stabsarzt mit seinem trockenen Humor, als er ohne abzusteigen, nach einem kurzen Blick auf den Maroden verordnete: „Auf den Wagen! Im Quartier ordentlich essen und schlafen, dann ist der Mann heute abend wieder auf dem Damm!“ Mit einem kurzen Wort der Aufklärung an mich ritt er weiter und auch ich suchte, vollständig beruhigt über den rätselhaften Vorfall, so rasch wie möglich meine Compagnie wieder einzuholen.

„So ’n Drückeberger!“ knurrte Schmidt, als wir auf unserem Platz angelangt und er wieder zu Atem gekommen war. „Hat’s doch durchgesetzt, daß er sich nachfahren lassen darf. Sieht aus wie’s blühende Leben und legt sich in den Graben! Wird’s jetzt wohl öfter probieren, wo’s ihm das erste Mal so gut geglückt ist. Können uns nur gleich ’nen Extrawagen für den Herrn Tilmanns zulegen.“

„I wo, Feldwebel,“ besänftigte ich. „Der hat bis heute abend längst ausgeschlafen.“

„Wie meinen der Herr Lieutenant?“ fragte der Gestrenge verständnislos.

„Ich meine, daß Sie recht hatten, – daß der Gefreite Tilmanns absolut keinen Wein vertragen kann, oder besser gesagt, daß in eine Pfälzer Stütz’ mehr Wein hineingeht, als der Gefreite Tilmanns zu vertragen vermag!“

Einen Augenblick sah mich Schmidt an, als sei er nicht sicher, ob ich im Ernste spräche, dann aber legte sich ein Ausdruck innigsten Begreifens über seine Züge und ohne mir in Worten eine Erwiderung zu geben, begann er leise den „Alten Dessauer“ vor sich hinzupfeifen. Unser ganzes Bataillon aber kam an diesem Tage in die vorzüglichsten Quartiere in Deidesheim und als am anderen Morgen der Feldwebel ausgeschlafen hatte – was ihm übrigens, ebenso wie manchem anderen von uns, recht not gethan, – da mochte er den gestrigen Zwischenfall doch in einem milderen Licht betrachten, denn ich hörte ihn dem Gefreiten zurufen: – „Na, Tilmanns, wieder in der Reih’? – Ja? – Schön! Bitte mir aber aus, daß sich Ihre Beine heute nicht wieder ’ne Insubordination vor versammeltem Kriegsvolk erlauben.“

(Schluß folgt.)
[516] 0


Blätter und Blüten.


Der Mitbegründer der „Gartenlaube“ Ferdinand Stolle, der vor 42 Jahren die erste Ankündigung des Blattes neben Ernst Keil unterzeichnete und dessen Erzählung „Ein Mutterherz“ die erste Nummer des ersten Jahrgangs eröffnete, hat kürzlich sein wohlverdientes Denkmal erhalten. Dasselbe erhebt sich in der anheimelnden Gestalt, die unsere Abbildung zeigt, an einem schönen Aussichtspunkte im Stadtwalde von Grimma, gegenüber dem Gartenhause, in welchem Stolle in der fruchtbarsten Zeit seines Lebens gewohnt hat. Die nach der Stadt gerichtete Seite des von Waldesgrün umschatteten Obelisken trägt die Inschrift: „Diesem Denkmal gegenüber wohnte und wirkte Dr. Ferdinand Stolle, Schriftsteller und Menschenfreund, geb. 1806, gest. 1872.“ Der menschenfreundliche Sinn und die innige Gemütstiefe dieses echt deutschen Mannes gaben allem was er schrieb eine Volkstümlichkeit, die auch das heutige Geschlecht in seinen Romanen und kleineren Erzählungen – wir nennen hier nur „Die deutschen Pickwickier“ – herzerfrischend anmutet, sie ließen ihn auch jene herzgewinnenden Töne finden, die seiner politisch-humoristischen Wochenschrift „Der Dorfbarbier“ in den gährenden Zeiten um die Mitte des Jahrhunderts und seinen Gedichten und Ansprachen in unserem Volksblatt einen so weiten Wiederhall im deutschen Volke verliehen. Wir begrüßen die Errichtung seines Denkmals unter Wiederholung der Worte, mit welchen nach seinem Tode die damals noch von seinem Freunde Ernst Keil geleitete „Gartenlaube“ den Heimgang Stolles beklagte, „daß selten ein besseres Herz und ein begabterer Kopf mit größerer Bescheidenheit zusammen gelebt und gewirkt haben: glänzendere Schriftsteller hat die Nation viele gehabt, aber keinen Mann von höherer Seelengüte!“ Das Denkmal ist dem aus Dresden gebürtigen Dichter vom „Verschönerungsverein zu Grimma“ errichtet worden; die gehaltvolle Weiherede bei der Enthüllungsfeier hielt Seminaroberlehrer F. A. Püschmann.

Das Ferdinand Stolle-Denkmal im Stadtwald zu Grimma.
Für die „Gartenlaube“ aufgenommen von Bernh. Gensel.

In süßem Schlummer. (Zu dem Bilde S. 501.) Den lieben langen Tag ist klein Elschen im Garten herumgesprungen: im hellen Sonnenschein der hellste Sonnenstrahl für das wachsame Mutterauge. Auch gleich nach Tisch ging’s wieder hinaus ins Freie. Nun aber zur Vesperzeit hat die Mutter ihr Nesthäkchen ins kühle Zimmer gerufen, damit es ausruhe und sich an den frischen Kirschen erlabe. Natürlich hat die Kleine ihre geliebte Puppe an dem Schmaus mit teilnehmen lassen wollen; sie hat ihr in einer Ecke des Sofas ein schönes Plätzchen angewiesen und den Korb mit den prächtigen schwarzen Kirschen davor gestellt. Dann ist sie selber hinaufgeklettert und hat nach echter Kinderart damit begonnen, die Zwillingspärchen unter den Kirschen herauszusuchen, um sie erst als „Ohrbommeln“ zu benutzen, ehe sie sie verspeist. Aber auf den weichen Polstern überkam sie plötzlich die lange verhaltene Müdigkeit so mächtig, daß sie mitten im Spiel zurücksank, um sogleich einzuschlafen. Nun liegt sie im süßen Schlummer, doppelt süß – denn von was anderm wird sie träumen als von den Kirschen, die vor ihr liegen und die sie nun wenigstens im Geiste verzehrt?

Erwünschte Begegnung. (Zu dem Bilde S. 513.) Wie mag der stille Erdenwinkel heißen, wo zur Zeit des furchtbaren Dreißigjährigen Krieges Bursch’ und Mädchen so harmlos glücklich in der Frühlingslandschaft plaudern konnten? Das Bächlein schleicht sachte zwischen seinen moosigen Ufern hin, am Himmel ziehen leichte Wolken, ringsum haben die Bäume und Sträucher das erste Grün angelegt, und die beiden jungen Menschen schauen sich an, als spürten auch sie den Frühling im Herzen und wüßten nichts von der großen Kriegsfurie, die draußen mit Elend und Verderben über die Lande fegt. Ist es ein entlegenes Stückchen Kurland, oder ein stilles schlesisches Thal, wo noch ein solcher blondhaariger Bursche unaufgespürt von Werbern und Pressern sich seines Mädchens und des goldenen Sonnenscheines freuen kann? Wir wissen es nicht, aber wir betrachten gern die friedliche Idylle, die trotz der gleichzeitigen Greuelschilderungen des Simplicissimus aus dem bäuerlichen Leben jener Zeit doch auch ihre Berechtigung hat. Denn überall hin im weiten Deutschen Reich kam die mordbrennerische Soldateska nicht, und wo sie nicht hin kam, da kann es in freundlicher Landschaft genau so ausgesehen haben, als es uns der Künstler in diesem liebenswürdigen Bild zeigt. Bn.     

Das Fußreisen der Damen. Bekanntlich giebt es kein beglückenderes Erholungsmittel für müde Stadtmenschen als das Wandern in freier Natur, mit dem Blick in die Herrlichkeiten der Berge. Auf den bequemen Alpenstraßen wie auf den steileren Fußwegen begegnet man denn auch einer reichlichen Zahl von Fußgängern, aber verhältnismäßig wenig wandernden Damen. Sie sind durch ihr Gepäck an die Eisenbahn gebunden und sehen von den Schönheiten des Weges zum Sommeraufenthalt nur so viel, als vor den Wagenfenstern vorüberhuscht. Und doch könnten sie so leicht die herrlichen Richtwege aus dem Isar- ins Inngebiet, die Pässe ins Salzkammergut und nach Südtirol zu Fuß zurücklegen, wenn sie den Tyrannen „Koffer“ nach der Endstation vorausschickten und sich mit kleinem Gepäck und frohem Mut auf die Wanderschaft machten. Für diejenigen, die hier einen Zweifel an der Möglichkeit, zwei oder drei Wochen mit dem Handkoffer allein auszukommen, nicht unterdrücken können, fügen wir gleich eine Anweisung bei, wie das mit aller Bequemlichkeit gemacht wird. Als Anzug ist zu wählen ein wasserdichtes Lodenkleid, fußfreier Rock, Blouse und Jacke. In dem Handkoffer gehen zwei Perkal-Blousen mit. Die Fußbekleidung besteht aus einem Paar ziemlich neuer, aber ausgetretener doppelsohliger Stiefeln mit niedrigen Absätzen. Sie halten drei Wochen sicherlich, ohne einer Ausbesserung zu bedürfen. Folglich braucht man außerdem nur noch ein Paar ganz leichter Pantoffeln. Einzupacken ist außerdem nur eine Garnitur Wäsche. In jedem Wirtshaus bekommt man von einem Tag zum andern gewaschen. Die Toilettengeräte sind natürlich aufs notwendige zu beschränken und als einzelne Päckchen zwischen die Wäsche zu verteilen; Reiselektüre braucht die Fußgängerin nicht viel, ein oder zwei Bändchen gehen indessen immer noch in den Koffer, ebenso eine kleine Schreibmappe oder ein Skizzenbuch. Vaseline, Karboltalg für die Fußpflege, Zinkpflaster sowie ein Fläschchen mit Salmiak gegen Insektenstich nehmen gleichfalls nicht viel Platz weg. Ein Shawl für den Fall plötzlich eintretender Kälte wird in den Riemen geschnallt, Geld, Notizbuch, Fahrkarte kommen ins Anhängetäschchen. Die größere Summe des Reisegeldes soll aber in einem Säckchen unter der Blouse getragen werden. So ist unsere Fußgängerin völlig genügend ausgerüstet; sie setzt zum Schluß einen leichten Filzhut mit Schleier auf, nimmt einen einzigen, für Regen wie für Sonnenschein gleich geeigneten Schirm mit starker Krücke und festem Stock und kann nun mit ihrem leichten Gepäck, das der Postwagen oder ein Träger von einem Nachtquartier zum andern mitnimmt, nach Herzenslust die wundervollen Pfade wandern, die sich, namentlich auch dank der Fürsorge des Deutsch-Oesterreichischen Alpenvereins, überall bis weit in die entlegenen Thäler ziehen. Also Glück auf die Reise! Danken wird uns die Anregung gewiß jede Leserin, die sich entschließt, ihr zu folgen. Bn.     



Inhalt:' Vater und Sohn. Wahrheit und Dichtung. Von Adolf Wilbrandt (3. Fortsetzung). S. 501. – In süßem Schlummer. Bild. S. 501. – Auf dem Pilatus. Von J. C. Heer. S. 506. Mit Abbildungen S. 504 und 505, 508 und 509. – Unser Drückeberger. Aus meinem Kriegstagebuch vom Jahre 1870. Von Fred Vincent. S. 510. – Erwünschte Begegnung. Bild. S. 513. – Blätter und Blüten: Das Ferdinand Stolle-Denkmal in Grimma. Mit Abbildung. S. 516. – In süßem Schlummer. S. 516. (Zu dem Bilde S. 501.) – Erwünschte Begegnung. S. 516. (Zu dem Bilde S. 513.) – Das Fußreisen der Damen. S. 516.


Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kröner. Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig. Druck von Julius Klinkhardt in Leipzig.