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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1893
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[581]

Nr. 35.   1893.
Die Gartenlaube.

Illustriertes Familienblatt. – Begründet von Ernst Keil 1853.

In Wochen-Nummern vierteljährlich 1 Mark 60 Pf. In Halbheften: jährlich 28 Halbhefte à 25 Pf. In Heften: jährlich 14 Hefte à 50 Pf.



„Um meinetwillen!“

Novelle von Marie Bernhard.
 (2. Fortsetzung.)

Professor Gregory blieb ein Weilchen an der Schwelle stehen, verneigte sich vor Annaliese und sah sich mit Interesse im Zimmer um. Das war nicht nur ein vornehm, sondern auch ein charakteristisch ausgestatteter Raum, den er da vor sich hatte: schöne alte Gobelins verdeckten die Wände, die Teppiche und Portieren stimmten gut zusammen mit den Bezügen der Sessel und Diwans und bildeten ein schön abgetöntes farbiges Ganzes[.] Die Möbel schienen bequem und geschmackvoll, sie standen nicht jedermann im Wege, waren aber auch nicht steif wie die Soldaten an den Wänden aufgereiht wie drüben in den Zimmern der Generalin. In einer Ecke befand sich eine mannshohe Stehlampe, mit einem viereckigen rosenrothen Spitzenschirm verhangen; in der

Seerosen.
Nach einer Originalzeichnung von R. Püttner.

[582] zweiten grüßte von schwarzem Sockel herab eine reizende Psyche. Eine schöne alte Uhr tickte langsam auf dem Kaminsims, an den Fenstern standen große Gruppen köstlicher hoher Palmen.

Annaliese, die sich jetzt erhob, paßte in ihrem weichfließenden dunkelrothen Hauskleide vortrefflich in das hübsche Bild hinein. Beifällig waren des Professors Augen rundum gegangen, beifällig blieben sie jetzt auf dem jungen Mädchen haften.

„Gefällt es Ihnen bei mir?“ fragte sie erfreut.

„Sehr! Guten Abend!“ Er schüttelte ihr freundschaftlich die Hand. „Was haben Sie hier für ein schönes Bild? Darf ich mir’s ansehen?“

„Natürlich dürfen Sie! Ich will nur den Lampenschleier abnehmen, das rosa Licht wirkt ja ganz dumm auf dem Bilde.“

Es war eine ziemlich große Landschaft, „Vorfrühling“ betitelt. Nur hohe Bäume, ein klarer Wasserspiegel, und gerade hinaus ein Blick in die Ferne – aber wie war dies Bild gemalt! Welch eigenartig kristallene Luft, welch zartes, schüchtern hervorbrechendes Laub, wie silbern der zitternde Wasserspiegel, in dem das Abbild der Bäume schwamm! Ein einsamer Vogel schwebte mit weit gespannten Schwingen darüber, und in mattblauen Duft gebadet verdämmerte im Hintergrund die verlockende Ferne.

Gregory stand lange, in stilles Bewundern versunken. „Das haben Sie selbst ausgesucht? Oder bekamen Sie es zum Geschenk?“

Annaliese lachte. „Welcher Mensch wird mir denn ein solches Bild schenken! Nein, ich hab’ es gekauft, nach einem harten Kampf mit Großmama, die zuerst überhaupt nicht wollte, daß ich mir ein Gemälde anschaffe – sie fand es ganz überflüssig – und wenn es denn schon sein mußte, sollte es etwas ganz anderes sein; sie sagte, an diesem Bilde könne sie nichts finden. Aber diesmal setzte ich mein Stück durch.“

„Thun Sie das nicht meistens?“

„Ach nein! Mir widersteht es, mich immer und immer mit Großmama herumzustreiten, sie ist doch eine alte Dame, die Rücksichten beanspruchen kann, und auf ihre Art hat sie mich auch lieb und ist gut zu mir. Manches freilich muß ich haben, das fühle ich, und das setz’ ich dann mit Gewalt durch, aber angenehm ist die Aufregung dabei nicht.“

„Sie haben nur dies eine Gemälde im Zimmer, Ihre Großmutter betonte aber immer mit Stolz, Sie malten selbst sehr hübsch. Ich wundere mich, daß Sie nichts von Ihren Sachen hier haben.“

Das junge Mädchen sah etwas verlegen aus. „Es waren ein paar da bis vor kurzer Zeit,“ sagte sie zögernd. „Ich habe selbst bis vor einigen Wochen geglaubt, ich malte sehr hübsch – aber wer weiß, ob nicht meine Lehrer und die anderen alle mir auch das bloß vorerzählt haben, weil – weil – – ja, das gehört nun aber schon zu dem, was ich Ihnen heute erzählen wollte – kann es jetzt sein? Wollen Sie sich setzen?“

Ihr Gast gehorchte mit einer Verbeugung; sie deckte den rothen Spitzenschirm wieder über die Lampe und nahm dem Professor gegenüber in einem niebrigen Sessel Platz. Ein paar große Palmenwedel bildeten über ihrem Haupt ein natürliches Schirmdach.

„Hier habe ich Cigaretten und Portwein für Sie – so, bitte! Nein, nein, Sie müssen unter jeder Bedingung rauchen und trinken, ich will Sie ganz gemüthlich stimmen!“

„Und wenn ich das schon wäre?“

„Dann wird es eben noch gemüthlicher!“ rief sie fröhlich, goß sich selbst ein zierliches Weingläschen voll und stieß mit ihm an: „Auf gutes Zutrauen, auf treue Kameradschaft! Da haben Sie auch ein brennendes Zündholz!“

„Zu liebenswürdig!“ Gregory that ein paar kräftige Züge, blaue. Wölkchen schwebten empor. „Ich bin nun in der allergemüthlichsten Verfassung und bereit, milde und gerecht zu sein wie Nathan der Weise in Person!“

„Sehen Sie, jetzt spotten Sie schon!“

„Keineswegs! Aber Sie müssen mir einiges zugut halten, verehrte Gevatterin. Sehen Sie, ich bin ganz und gar nicht an den Umgangston mit jungen Damen gewöhnt. Als junger Mensch war ich meiner Sprachstudien halber viel auf Reisen, und da war es um weibliche Bekanntschaften schlimm bestellt – ich muß Ihnen das barbarische Bekenntniß machen, daß ich sie damals auch nicht schwer entbehrte; ich wollte studieren und that das wirklich mit Hingebung. Die erste Universitätsstadt, in der ich lebte, war klein, ich blieb dort nur kurze Zeit und hatte überdies Trauer, die mir die Geselligkeit verbot. Hier nun in B. habe ich außer mit ein paar unverheiratheten Kollegen und meinen Studenten auch in einigen Familien Verkehr, ich werde dort zuweilen freundlich eingeladen, spreche auch gelegentlich ohne Aufforderung vor – es sind vier Ehepaare: das eine ist kinderlos, das zweite hat nur Söhne, das dritte besteht aus zwei alten prächtigen Leuten, die nur noch eine einzige Tochter in recht reifen Jahren im Hause haben, das vierte Ehepaar ist jung und hat ein siebenjähriges Zwillingspaar ... Sie sehen, es blüht mir keine einzige junge Dame auf meinem gesellschaftlichen Lebensweg! Allerdings laden diese meine guten Bekannten mich auch zuweilen zu kleineren geselligen Vergnügungen ein – die zu den großen schlage ich grundsätzlich aus – und da bin ich denn auch gelegentlich Tischnachbar eines jungen Mädchens und finde mich so leidlich mit der Unterhaltung ab; aber das alles ist ungeheuer vereinzelt, ist kein Verkehr zu nennen – daher verzeihen Sie es mir nur, wenn ich recht oft etwas sage, was Ihnen in Form und Ton mißfällt –“

„Abgemacht!“ fiel sie ihm heiter ins Wort. „Ich werde Sie also auf Ihren Inhalt prüfen, Form und Ton soll möglichst nebensächlich sein! Nun weiß ich doch auch, warum Sie nie auf unsere Gesellschaften kamen – da Sie sogar bei Ihren Kollegen keine großen Feste besuchen, so ist es klar, daß Sie ein Feind davon sind.“

„Offen gesagt, ich glaube meine Zeit nützlicher anwenden zu können als mit Tanzen und Konversationmachen!“

„Ist man nur auf der Welt, um nützlich zu sein?“

„,Man‘ ist entschieden noch zu vielen anderen Dingen da – ein Professor der alten Sprachen aber, ein Mann von gesetzten Jahren, hat vorwiegend dies Ziel ins Auge zu fassen, und wenn er fühlt, daß er nützlich ist, so ist er auch glücklich.“

„Hm!“ Annaliese schüttelte zweifelnd den Kopf. „Das Glück, das aus der Nützlichkeit hervorgeht, scheint mir eine bedenklich duft- und farblose Blüthe zu sein. Aber darüber wollen wir nicht rechten. Wir zwei müssen grundverschiedene Ansichten haben, das liegt ja auf der Hand. Also zur Sache! Zunächst Ehrenwort und Handschlag auf volle Verschwiegenheit und volle Wahrheit!“

„Was für mich Wahrheit ist, will ich gern sagen; ob das auch für Sie das Wahre enthält –“

„Sie sollen mich ganz beiseite lassen und bei der Sache bleiben! Habe ich Ihr Wort?“

„Sie haben es!“

„Dann kann ich anFangen – aber womit so recht? Es ist nicht hübsch, immer von sich selbst zu sprechen, und doch muß ich das thun. Ich war bis vor kurzem ungeheuer vergnügt, immer, immer, trotz aller Reibereien mit Großmama. Meine ewige Lustigkeit müssen doch sogar Sie bemerkt haben!“

„Ich sogar – ganz recht!“

„Ich meine, weil Sie mich so selten sahen. Schauen Sie, Herr Gevatter, man verwöhnte mich sehr; überall, wohin ich kam, spielte ich die erste Rolle, man fand alles gut und schön, was ich sagte und that, und war ich recht übermüthig und ausgelassen, so hieß es, das sei lauter Geist und Originalität. Mir gefiel das sehr gut, ich war ganz damit einverstanden und dachte, so müsse es sein. Wenn darin eine große Anmaßung lag, so war ich mir dessen nicht bewußt. Warum sollte ich mir diese Verwöhnung und Schmeichelei nicht gefallen lassen? Ich kannte es ja gar nicht anders, und über die Quelle, den Ursprung dieser Thatsachen nachzudenken, das fiel mir nicht ein. So viele Menschen hatten mir gesagt, ich sei schön – ich fand mich eigentlich bloß hübsch, aber als es immer wieder hieß: ,die schöne Annaliese von Guttenberg!‘ da fing ich allmählich an, es auch zu denken. Finden Sie mich schön?“

„Nun, das ist doch eine sehr bedenkliche Frage! Meine persönliche Meinung –“

„Ja oder nein!“

„Ich finde, Sie haben ein außerordentlich –“

„Keine Nebenwege, keine Seitensprünge! Schön?“

„Nein!“

Der Professor wollte, aus seiner ehrlichen Ueberzeugung heraus, den angenehmen Nachsatz folgen lassen, er finde eigentlich, Annaliese sei etwas Besseres als bloß eine Schönheit, sie sei reizend, graziös und vornehm, Eigenschaften, die bei ihm und vielen anderen mehr ins Gewicht fielen als die tadellose Regelmäßigkeit [583] der Züge – aber das junge Mädchen ließ ihn nicht weitersprechen. Ob sie ihm sein entschiedenes „Nein“ übelgenommen haben mochte oder nicht, soviel stand fest, sie zeigte nichts von Empfindlichkeit.

„Nun also!“ fuhr sie lebhaft fort, „Damit ist es nichts, denn über eine wirkliche Schönheit pflegen sämtliche Urtheile zusammenzutreffen, der persönliche Geschmack hat in solchem Fall nichts mitzureden. Weiter erzählte mir alle Welt von meinem Geist vor – nein, nein, rücken Sie nicht so unruhig auf Ihrem Stuhl hin und her, ich werde Sie nicht fragen, ob Sie mich geistreich finden, Sie dürften mir mit Recht erwidern, daß Sie mich dazu nicht gut genug kennten. Ich habe eine etwas tiefere Bildung bekommen als meine Freundinnen, die meistens die höheren Töchterschulen besuchten, Großmama hielt mir die besten Privatlehrer, weil sie das vornehmer fand, als mich in die Schule zu schicken; auch hatte ich lange Zeit Ausländerinnen im Hause – so kommt es, daß ich in manchen Punkten etwas mehr weiß als meine Gefährtinnen. Sie überschätzten das aber sehr, überließen mir bei Lesekränzchen und Theaterspielen die Auswahl der Stücke, die besten Rollen und trugen die Kunde von meinem großen Wissen und Können in ihre Familien. Mir behagte auch das sehr gut – warum sollte ich nicht gern geistreich sein? Und wenn auf Bällen und Gesellschaften meine Tanzkarte zuerst gefüllt war und die Cotillonsträuße mich beinahe erdrückten, dann fand ich das sehr amüsant und im ganzen selbstverständlich – Herr Gevatter, Sie lassen die Cigarette ausgehen, hier ist frisches Feuer! Schmeckt Ihnen der Portwein nicht?“

„Ausgezeichnet! Aber über Ihrer interessanten Erzählung vergesse ich diese Genüsse gänzlich.“

„Keine Ironie?“

„Nicht die Spur!“

„Gut! – Also hat es mich auch nicht zu sehr verwundert, daß gerade der hübscheste, begabteste und gefeiertste Offizier aus unserem ganzen Kreise mich vor allen anderen auszeichnete. Ich möchte seinen Namen nicht nennen –“

„Wenn er Ihr Kavalier bei der gestrigen Hochzeit war, so weiß ich ihn.“

„Ah! Waren Sie denn in der Kirche?“

„Ja!“

„Dann haben Sie ihn also gesehen. Er ist sehr unterhaltend, sehr liebenswürdig, schien mich unendlich zu verehren, eine glänzende Laufbahn soll ihm bevorstehen – er gefiel mir auch gut. Nicht daß ich ihn liebte – da ich mir aber auch keinen anderen wünschte, da er mir aus unserem ganzen Kreise am meisten zusagte, so war ich eigentlich entschlossen, mich mit ihm zu verloben, wenn er käme. Und das war nur eine Frage der Zeit und zwar der nächsten. Manchmal wunderte ich mich, daß er mir bei all seinen vielen Vorzügen nicht noch viel besser gefiel, als es wirklich der Fall war, zuweilen that es mir leid und schien mir auch nicht richtig, so ohne große echte Liebe einen Mann zu nehmen, bloß weil er mir gut zusagte – aber dann wieder fragte ich mich, worauf ich warten wolle, fand es zweifelhaft, ob die große echte Liebe überhaupt über mich kommen würde, und sagte mir, daß ich doch sobald als möglich von Großmama fort wolle – denn, je älter ich werde, desto mehr finde ich heraus, daß wir gar nicht füreinander passen. Im vergangenen Frühjahr nun machte ich mit Frau Oberst Heß und ihren beiden Töchtern eine Reise durch die Schweiz und Oberitalien, wir blieben acht Wochen fort, und in dieser Zeit hat sich hier einiges ereignet, worüber ich nur hier und da eine vorsichtige halbverständliche Andeutung zu hören bekam, was aber in der Gesellschaft sehr besprochen worden ist. Der Lieutenant von Steinhausen hatte einem sehr schönen aber armen Mädchen unseres Kreises, das eben dieser Armuth wegen nur selten in den Gesellschaften und Bällen auftauchte, große Aufmerksamkeiten erwiesen. Wie gesagt, ich bekam wenig genug davon zu hören, war auch viel zu sorglos, um mir Gedanken darüber zu machen. Ich ging dann noch mit Großmama auf viele Wochen ins Bad und war nur neugierig, wie sich mein bisheriger Verehrer beim Beginn der Saison mir gegenüber benehmen werde, weiter empfand ich nichts. Nun, die Saison begann, und der Lieutenant ließ alle Minen springen, um mich möglichst rasch und möglichst kühn zu erobern. Meine Freundinnen versicherten, wenn ich einmal fragte, einstimmig, die andere Geschichte sei längst vergessen, das sei nur so ganz vorübergehend bei Steinhausen gewesen, wie jeder Offizier doch ’mal ein hübsches Mädchen auszeichne, wenn er auch eine andere liebe – warum sei diese ‚andere‘ auch auf so lange Zeit verreist gewesen? Kurz, es war wie ein ausgegebenes Losungswort, das man mir überall zu hören gab – und ich dachte auch nicht lange darüber nach und nahm meinen feurigen Anbeter unbefangen wieder zu Gnaden an, woran ihm alles zu liegen schien. Ich hatte mich wohl auch erkundigt, wie die schöne Erna denn die Sache auffasse, ob man ihr, wie es so nahe lag , ein tieferes Interesse für Steinhausen nachsagen könne – aber auch darüber erfuhr ich so gut wie nichts. Sie kam, wie ich Ihnen schon sagte, selten in die Gesellschaft, von unseren gemüthlichen Kaffeekränzchen und den Leseabenden mit Herren schloß sie sich ganz aus, sie hatte kein Abonnement im Theater und keines in den Künstlerkonzerten – höchstens erschien sie ab und zu auf einem Ball in einem sehr einfachen billigen Kleide, was einige von uns taktlos genug besprachen: wer in unseren Kreisen nicht Geld genug zu Seide oder Atlas habe, der möge zu Hause bleiben! Das war natürlich Neid, sie war auch im schlichtesten Anzug immer die schönste von allen – aber was sie empfand und ob sie etwas empfand, das erfuhr ich von meinen Freundinnen nicht. Die eine hatte sie wochenlang nicht gesprochen, die zweite stand nicht ‚intim‘ genug mit ihr, die dritte sagte, es sei ja überhaupt nichts an der ganzen Geschichte . . . und so beruhigte ich mich, und es ist mir erst nachträglich eingefallen, daß meine guten Freundinnen mir wohl absichtlich ausgewichen sind, denn einige von ihnen werden recht gut gewußt haben, wie die Sachen eigentlich standen. Daß ich das auch zu wissen bekam, dafür sorgte ein ganz eigenthümlicher Zufall. Wir sollten zum Polterabend von Wilma Frankenheim die erste Kostümprobe haben, und diese sollte bei Oberst von Thielen sein – seine Tochter Meta ist meine beste Freundin, und hätte sie gewußt, wie alles gekommen war, sie würde mir’s offen gesagt haben, das weiß ich; sie war aber zu derselben Zeit, als ich in Italien herumreiste, mit ihrer kranken Mutter im Bade. Thielens hatten vor kurzem eine neue Wohnung bezogen, deren Eintheilung uns allen noch ganz unbekannt war. Ich fuhr dort als die erste mit meinem Garderobekorb vor, und da Meta wußte, daß ich es nicht liebte, wenn mir jemand beim Toilettemachen zusah, so steckte sie mich in ein ganz kleines Stübchen, das ziemlich abseits lag und nur durch eine dünne Tapetenwand gegen den Nebenraum abgeschlossen war. Meta hatte mir selbst die Thüre geöffnet, die Dienstleute hatten mich nicht kommen sehen. Ich war kaum zur Hälfte mit meiner Kostümierung fertig, da hörte ich Stimmen im Zimmer nebenan – Steinhausen mit seiner Schwester, die ihm ein wenig beim Auspacken und Drapieren helfen sollte; sie selbst wirkte nicht mit. Der Bursche nöthigte die Geschwister ins Zimmer, und ich hörte, wie Steinhausen fragte, ob schon jemand von den Mitwirkenden da sei. ‚Nein Herr Lieutenant,‘ hieß es, ‚bis jetzt ist noch niemand gekommen, die Herrschaften sind die ersten.‘ – Und kaum hatte die Thür sich hinter dem Menschen geschlossen, da fing auch schon Ina Steinhausen an: ,Ich habe bereits den ganzen Tag mit Dir sprechen wollen, Konstantin, aber Du warst ja nicht für eine Minute frei – sag’ um Gotteswillen, was hast Du mit der armen Erna von Torsten angefangen, es ist ja ein Jammer mit ihr!‘ –

Sehen Sie, Gevatter“ – Annaliese that einen tiefen Athemzug und warf sich so nachdrücklich in den Sessel zurück, daß die Palmenwedel über ihrem dunklen Köpfchen schwankten und zitterten – „nun wär’s Zeit für mich gewesen, hervorzukommen und zu zeigen, ich sei da, aber erstens hätte ich in dem Aufzug, in dem ich mich befand, gar nicht hervorkommen können, und zweitens machte mich dieser Anfang, der doch auch schließlich mich anging, so gespannt, daß ich alle Pflichten der Diskretion vergaß, blieb, wo ich war, und athemlos zuhörte. –

Steinhausen brauste gleich auf: ,Wie kannst Du sagen – was weißt Du? Was redest Du für Unsinn! Wo hast Du sie gesehen?‘ Seine Stimme klang ganz rauh, er muß innerlich furchtbar erregt gewesen sein. Seine Schwester antwortete ihm, sie sei gestern abend bei Erna gewesen – sie habe schon lange einen stillen Argwohn gehabt, da sie Erna so niedergeschlagen und gedrückt gesehen, habe sie aber nie geradezu fragen mögen. Gestern nun, als Erna ihr so schön und bleich, mit so trostlosen Augen gegenübergesessen, da habe sie sich ein Herz gefaßt, den Arm um die Unglückliche gelegt und sie gefragt, was es denn mit ihr sei und wie sie mit ihrem Bruder Konstantin stehe. Da habe das arme Mädchen ihre berühmte Selbstbeherrschung ganz und gar verloren, habe auch vielleicht geglaubt, [584] Ina sei eingeweiht – kurz, sie habe unter herzzerreißendem Schluchzen gesagt, sie sehe es ja ein. daß sie ihrer Liebe entsagen müsse, sie treffe nie mehr heimlich mit Konstantin zusammen, wechsle auch keine Briefe mehr mit ihm, und sie hatten einander das Wort gegeben, es solle alles aus sein, auch das Liebhaben und Treue halten. Das aber sei stärker als sie, als ihr guter Wille, sie habe Konstantin so über alle Maßen lieb und sei so grenzenlos unglücklich – und er sei das auch, denn er solle ja Annaliese von Guttenberg heirathen, und das sei ihr der schrecklichste Gedanke, denn nun dürfe sie ihn nicht einmal mehr im tiefsten Herzen lieb haben, nun sei auch das eine Sünde! – Zuerst sagte Steinhausen gar nichts auf diese Worte seiner Schwester und nachher sagte er auch nicht viel – er sprach ganz leise und gepreßt, als sei ihm der Hals zugeschnürt, ich hatte Mühe, ihn zu verstehen. Aber ich hörte doch ganz genug.

Ja, er hatte Erna leidenschaftlich geliebt, er liebte sie noch, er würde die Welt darum geben, sie die Seine zu nennen, aber es könne ja nicht sein, es sei unmöglich, undenkbar – es sei das größte Unglück seines Lebens, daß er sich damals im Frühjahr so weit habe hinreißen lassen, ihr seine Liebe zu gestehen und das Geständniß ihrer Gegenliebe zu empfangen. Wie elend er sich fühle, wie ihn das arme süße Geschöpf dauere, das könne er nicht sagen, aber es sei im Leben nicht daran zu denken, daß sie einander angehören könnten! Darum habe er ihr gesagt, es müsse alles aus sein und er müsse sich mit Annaliese von Guttenberg verloben, die sei eine reiche Erbin, sei die Enkeltochter der alten Excellenz und habe eine Menge von einflußreichen Verwandten, die ihm bei seinem Fortkommen sehr nützlich sein würden. Darum habe er jetzt der Annaliese auf Leben und Tod den Hof gemacht, darum wolle er sich mit ihr verloben, sobald wie irgend möglich; er müsse gewaltsam einen Strich ziehen unter die Vergangenheit. Als Ina bemerkte, eigentlich sei es doch auch ein Unrecht gegen Annaliese, mit der Liebe zu einer andern im Herzen um sie zu werben, entgegnete der Bruder, das werde sich schon machen, er habe ja nichts gegen das Mädchen, sie sei zwar sehr verwöhnt, alle Welt sage ihr Schmeicheleien und bewundere sie, weil sie doch nun einmal die Enkelin der berühmten alten Excellenz sei und mit ihrem vornehmen Namen ein schönes Vermögen verbinde – aber Annaliese sei ja sonst ein ganz hübsches pikantes Mädchen. er dürfe nur nicht daran denken, daß er anstatt Erna sie heirathen solle, denn dann könnte er sie hassen!

Das war es, was ich hörte!“

Annaliese lehnte sich ein wenig erschöpft gegen die Polster ihres Sessels und schwieg ein paar Augenblicke. Auch der Professor sagte kein Wort. –

„Wie ich endlich in meinen Zigeuneranzug hineingekommen bin, wie ich an dem Abend getanzt und deklamiert habe, das wissen die Götter – ich kann es nicht sagen! Unbändig lustig bin ich gewesen, es sollte doch um Gotteswillen keiner etwas merken! Das geschah auch nicht; es erfuhr keine Menschenseele, daß ich in dem kleinen Hinterzimmerchen gesteckt hatte, denn Meta flüsterte ich gleich zu, es nicht auszuplaudern, und außer ihr hatte mich niemand gesehen. Steinhausen behandelte ich so kordial, so kameradschaftlich, daß er etwas stutzig wurde und es nicht wagte, so ganz rasch die Verlobung in Scene zu setzen, wie er es sich wohl vorgenommen hatte – und auf diesem Standpuukt stehen wir noch heute, Mühe genug hat’s meinerseits gekostet. – Sie sehen unzufrieden aus, Herr Gevatter! Ihnen gefällt es nicht, daß ich horchte?“

„Nein,“ sagte Gregory ehrlich, „es gefällt mir wirklich nicht. Das Lauschen sollten Sie anderen überlassen! Und nachdem Sie es einmal gethan hatten, so mußten Sie wenigstens dem Lieutenant von Steinhausen offen bekennen, daß . . .“

„Sie kennen ihn nicht – er ist stolz wie Lucifer, er wäre außer sich, wüßte er, daß ich, gerade ich, sein Geheimniß kenne. Ich bereute es ja auch auf der Stelle, gelauscht zu haben – aber dann konnte ich es nicht mehr ungeschehen machen; was ich wußte, das wußte ich. Und als der erste Schreck, die erste Bestürzung überwunden war, da entdeckte ich eine Art von erleichtertem Aufathmen in meinem Innern. Ich sagte Ihnen schon, ich hatte für Steinhausen Wohlgefallen und Sympathie, aber keine Liebe, keine Leidenschaft, nicht einmal ein sehr starkes Interesse. Der Verstand hatte mir diktiert, seine Werbung anzunehmen. nicht aber mein Herz – im Gegentheil, dies Herz hatte mich zuweilen ganz ernstlich gewarnt. Nun konnte ich frei bleiben, und es wurde mir nicht schwer, diesen Entschluß zu fassen. Steinhausen und Erna thaten mir sehr leid – aber wie ihnen helfen? Abgesehen davon, daß ich meine geheime Mitwissenschaft nicht verrathen wollte ... ich konnte doch nicht plötzlich vor die arme Erna hintreten und sagen: ‚Hier sind sechzigtausend Mark, ich habe sie übrig und Du hast sie nicht – nun heirathe Deinen geliebten Konstantin!‘ – Die beiden würden das auch gar nicht annehmen! Da ich Ihnen aber alles ehrlich sagen will, so muß ich gleich gestehen, daß das Schicksal der beiden mich nur vorübergehend beschäftigte – ich selbst war mir die Hauptperson. Bis dahin hatte ich nicht gedacht, daß ich sehr viel Eigenliebe und Eitelkeit besaß, nun sah ich, es war doch eine ganz gehörige Portion davon vorhanden. Ich war ungeheuer betroffen, daß all die Liebenswürdigkeiten und Schmeicheleien, die ich genossen hatte, nicht meiner Person, sondern dem Stand und Rang meiner Großmutter, meinen hochstehenden militärischen Verwandten und meinem Vermögen galten. Steinhausen ist klug, ein guter Beobachter und in unseren Kreisen sehr bekannt – er muß das wissen! Von meinen etwaigen guten Eigenschaften, von meinem Charakter hatte er nichts gesagt, das zählt also nicht mit. Und ich habe ganz naiv bis dahin gedacht, daß man mich um meinetwillen gern habe und den anderen vorziehe! Meine Unbefangenheit, die, glaub’ ich, das Beste an mir war, meine harmlose Lebensfreude und Genußfähigkeit ist ganz dahin – ich habe sie bis heute noch nicht wiederfinden können, und was das Schlimmste ist, ich fürchte, sie wird sich überhaupt nie mehr zu mir zurückfinden. Daß ich auch jetzt oft ausgelassen lustig bin, ändert gar nichts, das ist eine Komödie, die ich mir selbst und den Leuten dann und wann vorführe – und hinterher ist mir doppelt elend zu Sinn! Früher, wenn ich in einem hübschen neuen Kleide auf einen Ball oder ins Theater kam, machte es mir Spaß, zu sehen, wie die Menschen mich wohlgefällig anschauten, wie die Offiziere mir entgegenstürmten, um einen Tanz zu erobern, wie ich immer einen kleinen Hofstaat um mich herum hatte. Jetzt muß ich denken: wärst Du nicht die Enkelin der alten Excellenz Guttenberg und eine Erbin, kein Mensch würde sich um Dich bekümmern, würde Dein Aussehen reizend, Deine Unterhaltung amüsant und Deinen Witz sprudelnd finden – Du säßest dort hinten in irgend einer verlorenen Ecke und wärst glücklich, wenn Dich der gutmüthige Lieutenant von Groß, der immer die armen Mauerblümchen auffordert, gelegentlich einmal zum Tanz holte! Alles ist in mir bitter, alles im Zwiespalt. Jede Freundlichkeit, die mir erwiesen wird – und ich will einräumen, daß manche echte darunter sein mag – bring’ ich sofort auf Rechnung meiner Großmama Excellenz, meines Onkels Divisionschef, meines Geldes – ich habe den Maßstab für die Menschen verloren, und so lange ich hier bin, finde ich auch keine Ruhe und keinen Frieden. Ich muß fort, ich muß Steinhausen aus dem Wege gehen, denn obgleich ich bis jetzt geschickt genug seinen Annäherungsversuchen, seinen Andeutungen und Aufmerksamkeiten ausgewichen bin, einmal wird er mich doch zu stellen wissen und mir seinen Heirathsantrag machen – und was soll dann werden? Wie soll ich ihm den Korb, den ich ihm geben muß, erklären? Deshalb will ich alles, alles hinter mir lassen, in eine Stadt gehen, wo mich keiner kennt, unter fremde Menschen, die nicht ahnen, wer meine Großmama und mein Onkel ist und daß ich Geld habe – und dann will ich sehen, ob ich Menschen finde, welche Annaliese Guttenberg schlechtweg gern haben und mich gelten lassen – um meinetwillen!

Gregory sah das aufgeregte junge Mädchen, das eine Pause eintreten lassen mußte, weil ihm der Athem ausgegangen war, theilnehmend, aber kopfschüttelnd an. „Und wohin wollten Sie?“ fragte er endlich.

„Das eben sollen Sie mir sagen!“

„Ich?“

„Sie! Wozu hätte ich denn Ihnen, und gerade nur Ihnen, die ganze Geschichte erzählt, als um Ihren Rath zu haben? Sie kennen doch ein gutes Stück von der Welt, Sie müssen doch Verbindungen haben, weit fort von hier, unter Leuten, die keine Ahnung von der Rang- und Quartierliste, von Kommißvermögen und sonstigen militärischen Dingen haben! Zu solchen Leuten möcht’ ich eine Zeitlang, bis Steinhausen von hier wegversetzt ist – es ist stark die Rede davon – und bis ich hoffentlich ein

[585]

Hat er Talent?
Nach einem Gemälde von H. Nigg.

[586] wenig ruhiger denke und nicht hinter jedem Menschen einen Mitgiftjäger wittere. Ach, Sie sehen ganz bankerott aus – fällt Ihnen denn nichts ein für mich?“

„Abgesehen davon – was würde Ihre Großmama sagen – unter welchem Vorwand wollten Sie –“

O, wenn sich nur die Hauptsache findet, um den Vorwand ist mir nicht bange, ich finde zehn für einen! Gleich meine Malerei! Meine Lehrer preisen mein Talent, und Großmama ist tief davon durchdrungen; auch ich war es bis vor einiger Zeit, aber jetzt – Sie wissen – kann nicht auch das der ,gut zahlenden jungen Dame aus den besten Kreisen‘ gelten, deren Name so hübsch Reklame macht, die dem Lehrer schon ein halbes Dutzend adliger Freundinnen zugeführt hat? Früher wäre ich auf etwas Derartiges nicht gekommen – ich bin eben klüger, wenn auch nicht glücklicher geworden! Nun, ich sage dann Großmama einfach, da und da gebe man vortrefflichen Malunterricht, weit besseren als hier, ich würde mich gern vervollkommnen, einige Kurse nehmen – und so weiter! Sie wäre mich ohnehin gern für diesen Winter los, sie sagte noch vorgestern zu mir, sie hoffte sehr auf meine Verlobung und Verheirathung; denn diese aufreibende Geselligkeit sei zuviel für ihre Jahre. Ueberdies erwartet sie in nächster Zeit Besuch, ihre Kousine Kunigunde Freifräulein von Wettersbach – ein stolzer Name, wie? – die bis zum Frühjahr bei ihr bleiben will und ihr sehr lieb ist. Die beiden haben tausend Jugenderinnerungen miteinander aufzufrischen und tausend Partien Bézique miteinander zu spielen – dabei bin ich ihnen nur im Weg, und Großmama fragte mich schon, wenn ihr Lieblingswunsch nicht in Erfüllung geht, ob ich dann nicht eine verheirathete Freundin in Wien besuchen und einige Monate bei ihr bleiben wolle. Sie sehen, sie kann mich entbehren. Und wenn Sie wüßten, wie unbehaglich mir hier zu Muth ist, wie schrecklich mich der Gedanke quält, überall diesen Steinhausen zu treffen und mich beständig feiern lassen zu müssen, und das alles ist Lug und Trug –“

„Halt, halt!“ Der Professor legte beschwichtigend seine kraftvolle warme Hand auf die kalte des Mädchens. „Hier gehen Sie zu weit! Alles Lug und Trug! Aber um Gotteswillen, das ist ja eine sträfliche Uebertreibung! Eine Erscheinung, ein Wesen wie Sie braucht doch wahrhaftig nicht nur durch seine Großmutter, seinen Namen und seine Börse zu wirken! Sie müssen sich ernstlich zusammennehmen, um diesen Gedanken nicht in sich zur fixen Idee ausarten zu lassen – schließlich ist der Lieutenant von Steinhausen kein Orakel.“

„In unseren Kreisen, gesellschaftlich, ist er eines, und so lange ich hier bleibe, werde ich auch meine fixe Idee nicht los! Ich will in andere Verhältnisse, unter andere Menschen – um jeden Preis, und wenn Sie mir nicht helfen, so muß ich es eben selbst thun, obgleich ich nicht ahne, wie!“

„Daß Sie Steinhausen hier nicht auf Schritt und Tritt begegnen wollen, finde ich am begreiflichsten, es käme immer zu unangenehmen Scenen – so oder so.“

„Sehen Sie!“

„Aber warum wollen Sie nicht zu der verheiratheten Freundin nach Wien reisen?“

„Mein Gott, die hat einen Oberlieutenant geheirathet – da säße ich erst recht im Militär, würde erst recht als junge Erbin von auswärts gefeiert werden! Sie hörten es doch, ich will inkognito sein!“

„Das ist romanhaft und abenteuerlich!“

„Warum in aller Welt? Will ich denn jemand einen Fallstrick legen, will ich Menschen belügen oder betrügen? Ich will bloß nicht sagen, daß ich Geld habe und aus altadliger Familie bin; ich will thun, als ob ich mir später meinen Unterhalt selbst verdienen müßte, sagen wir einmal durch Malen, und will sehen, ob mich trotzdem die Leute gern haben und sich um mich kümmern. Es ist ein Experiment, ja, das ist es! Gelingt es, so komme ich nach ein paar Monaten mit frischem Lebensmuth und heiterer Seelenstimmung hierher zurück – gelingt es nicht, so habe ich mich zu resignieren . . . warum lachen Sie?“

„Verzeihen Sie, Fräulein Annaliese, aber, aber – Sie – und Resignation!“ Gregory lachte herzhaft und er sah jung und hübsch aus, wenn er lachte.

„Pfui, wie unrecht von Ihnen! Und ich hatte so fest auf Ihren Rath, Ihren Beistand gerechnet –“

Hier öffnete sich, nach leisem Anklopfen, die Thür; Martin stand stramm neben der Portiere und meldete: „Excellenz lassen Baroneß und Herrn Professor zum Thee bitten.“

„Schön, Martin, wir kommen! Nun passen Sie bloß auf, welch feierlicher militärischer Geist sogar bei diesem harmlosen Kartenkränzchen herrscht! Gott, hab’ ich die ewigen Rücksichten und Formen satt! Auch bei den Damenkaffees: hier die Frau Oberst, da die Frau Major – aber beileibe nicht da die Frau Oberst und hier die Frau Major! Und dort die Hauptmannsfrauen erster und zweiter Klasse – und so eine arme kleine Sekondelieutenantsfrau darf gar nicht mitreden, trotzdem sie oft im kleinen Finger mehr Verstand hat als die berühmte Frau Oberst und Major in ihrem Kopf! Meine Mutter, die muß auch so ketzerische Gedanken gehabt haben wie ich, Großmama läßt das oft durchblicken und findet es empörend – ich weiß leider nichts von ihr, ich war zwei Jahre alt, als sie starb. Auf meinen Vater besinne ich mich sehr gut, er war ein richtiger Militär, stramm und schneidig – und ich bin ihm so gar nicht nachgerathen! Jetzt kommen Sie, mein Herr Gevatter . . . aber glauben Sie nicht, daß ich Ihnen mein Vertrauen für nichts und wieder nichts geschenkt habe! Ihren Beistand muß ich haben – ja, ich muß, muß, muß! Ich hoffe auf Sie. Bei Tisch haben Sie angestrengt und erfolgreich darüber nachzudenken, wie mein Wunsch zu erfüllen sein wird. Capito, Signore? Verstanden, mein Herr?“

Capire non e udire! Verstehen ist noch nicht Befolgen!“ entgegnete Paul achselzuckend und bot seinem anmuthigen Gegenüber den Arm zum Gang nach den Wohnzimmern seiner gestrengen Tante.

(Fortsetzung folgt.)


Hut und Halsbinde.

Von Dr. J. Herm. Baas.

Zu den merkwürdigsten und hygieinisch bedeutungsvollsten Ergebnissen der neueren medizinischen Forschung gehört die Lehre von der Entstehung, Erhaltung und Regelung der Körperwärme. Eingeleitet wurden diese Untersuchungen durch den berühmten französischen Chemiker Lavoisier im denkwürdigen Jahre 1789, welches dadurch zum Revolutionsjahr auch für die Physiologie wurde. Lavoisier lieferte damals den Beweis, daß alle Verbrennungen durch Sauerstoff bewirkt werden, und lehrte zugleich, auch die thierische Wärme beruhe auf Verbrennungsvorgängen, welche im Körper, und zwar in der Lunge und nur in der Lunge, durch den eingeathmeten Sauerstoff der Luft stattfänden. Das letztere war jedoch ein Irrthum, welchen der große Schöpfer der neueren Chemie nicht mehr berichtigen konnte, weil der sogenannte Wohlfahrtsausschuß trotz aller Bitten Lavoisiers um Aufschub der Hinrichtung wenigstens bis zur Beendigung seiner erneuten Untersuchungen, ihn als einen Feind der Freiheit und des Fortschritts im Jahre 1794 guillotinieren ließ, eine der schmachvollsten Unthaten, welche der an Greueln überreichen Revolution zur Last fallen. Jene Berichtigung geschah dann in der Folge durch den Nachweis, daß nicht in der Lunge allein, sondern auch im ganzen übrigen Körper und in allen Geweben desselben diejenigen chemischen Vorgänge sich abspielen, deren Endergebniß die Körperwärme ist.

Die Kohlen, welche die unsichtbare wärmespendende Flamme im Körper zu unterhalten bestimmt sind, nennen sich Speise und Trank. Diese beiden sind dasselbe für den Körperofen, was die gewöhnlichen Kohlen für den Zimmerofen sind.

Der Körperofen ist ein Selbstregulierofen von zwar allerältester, aber doch allervollkommenster Art; denn er hat die wunderbare Eigenschaft, daß die von ihm erzeugte Wärme unter normalen, aber auch noch zu einem Theil unter abnormen Verhältnissen nahezu immer die gleiche bleibt. Sie hält sich auf der Durchschnittshöhe von 36,5° bis 37,5° C. bei allen Rassen, unter allen Klimaten und zu allen Jahreszeiten. Durch körperliche und [587] geistige Arbeit sowie durch die Verdauung wird sie um einige Zehntelsgrade gesteigert, während Fasten u. dgl. ein Sinken bewirkt.

Die Messungen mittels des Thermometers geben den Grad der Körpertemperatur an. Zur Messung der Menge erzeugter Wärme dagegen hat man einen anderen Maßstab gewählt, und zwar besteht dieser in derjenigen Wärmemenge, welche nothwendig ist, um einen Kubikcentimeter oder, was dasselbe ist, ein Gramm Wasser um 1° C. wärmer zu machen; man nennt sie eine Wärmeeinheit oder „Kalorie“. Mißt man mit diesem Maßstab nun die vom menschlichen Körper in einem Tage erzeugte Wärmemenge, so erhält man das erstaunliche Ergebniß, daß ein Mensch von 164 Pfund Gewicht in 24 Stunden 2700000 Wärmeeinheiten hervorbringt, ein Pfund vom Körpergewicht also 16 463. Mit der von einem mittelschweren Manne täglich gelieferten Wärmemenge könnte man sonach 2700 Liter Wasser von 0° C. auf 1° C. erwärmen oder 27 Liter vom Gefrier- auf den Siedpunkt erhitzen.

Mit dieser auf den ersten Blick recht groß erscheinenden Wärmemenge muß der menschliche Körper jedoch auch sehr bedeutende tägliche Aufgaben bestreiten, so daß bei näherer Betrachtung sich herausstellt, daß er sogar eine recht sparsame Haushaltung zu führen gezwungen ist. Bedarf er doch (nach Steiner) zur Erwärmung von Speise und Trank, bei mittlerem Verbrauch und einem Temperaturgrad beider von 12° C., täglich 70 157, zur Erwärmung der von ihm in 24 Stunden eingeathmeten 16 Kilogramm Luft (bei 0° C.) 140064 und zur Unterhaltung seiner Wasserverdunstung (Schweiß etc.) 397 536 Wärmeeinheiten. Den Rest, allerdings mehr als Dreiviertheile der Gesamtwärme, gebraucht er, um sich zu seiner Umgebung im richtigen Wärmeverhältniß zu halten, wozu neben der Lunge die äußere Haut das meiste beiträgt. Auf den alleinigen Verbrauch der letzteren entfallen demgemäß von der oben angegebenen Gesamtsumme 2092243 Wärmeeinheiten. Die Haut giebt sie nach außen auf drei Wegen ab: durch Leitung, Strahlung und Verdunstung, durch Leitung etwa den vierten Theil, durch Strahlung die Hälfte und durch Verdunstung den Rest.

Die Beziehungen des Körpers zur Außenwelt und deren Einwirkungen auf seine Wärmeerzeugung und Wärmeabgabe sind nun im Laufe des Tages und der Stunden einem außerordentlichen Wechsel unterworfen. Deshalb hat einestheils die Natur selbst Vorsorge getroffen und muß anderntheils der Mensch selbst dazu mithelfen, daß Erzeugung und Verlust untereinander im Gleichgewicht bleiben, mit anderen Worten, es giebt einerseits dem Körper eigenthümliche unwillkürliche Wärmeregulierungsvorrichtungen und andererseits muß der Mensch solche sich selbst schaffen. Zu den Mitteln der Selbsthilfe gehören Ernährung, Wohnung (Heizung) und Kleidung.

Wie die letztere im ganzen beschaffen sein muß, um ihren Zweck zu erfüllen, wollen wir hier nicht besprechen, sondern uns darauf beschränken, zu erörtern, wie sie für Kopf und Hals ausgewählt und was dabei beachtet werden muß, damit sie als eine physiologisch und hygieinisch richtige bezeichnet werden kann.

An die Kopfbekleidung muß vor allem die Anforderung gestellt werden, daß sie sehr leicht und luftdurchlässig sei; denn der Haarwuchs gewährt ja ohnehin schon in jungen Jahren und auch in späteren wenigstens so lange, als er noch nicht zu stark gelichtet ist, für sich allein einen im Grunde ausreichenden Schutz.

Bei kleinen Kindern ist der Blutandrang nach dem Kopfe und die Absonderung der Kopfhaut besonders lebhast, so daß das Häubchen, welches man ihnen selbst im wärmsten Bettchen vielfach heute noch aufsetzt, alter Gewohnheit und moderner Eitelkeit folgend, ganz unnöthig und oft sogar schädlich ist. Zum Ueberfluß wird es häufig gar noch unter dem Kinn zugebunden und hemmt dadurch den Blutabfluß vom Kopfe. Kein Wunder, daß sich die Kleinen schreiend dagegen wehren und erst ruhig werden. wenn man ihnen das „warme schöne Häubchen“ abnimmt! Man sollte den Kopf der kleinen Kinder bei warmem Wetter ganz frei lassen, selbst wenn sie ins Freie getragen werden; nur bei kühler und windiger Witterung mag man ihn draußen an der Luft leicht bedecken. Dasselbe gilt für die schon älteren Kinder, welche übrigens in der Regel aus angeborener hygieinischer Vernunft selbst dafür sorgen, daß ihnen der Kopf nicht zu heiß wird, indem sie die von der Putzsucht oder Aengstlichkeit der Eltern ihnen aufgenöthigte Bedeckung sobald wie möglich mit geradezu „unartiger“ Hartnäckigkeit herunterziehen.

Sind die Kinder in das schulpflichtige Alter eingetreten, so läßt man zwar die Mädchen vernünftigerweise sehr oft bloßköpfig oder doch nur sehr oberflächlich mit einem leichten Hut bedeckt ausgehen und giebt ihnen, wenn dies des Regens wegen nothwendig wird, lieber einen Schirm. Den Knaben dagegen zieht man selbst bei gutem Wetter über den dichthaarigen Kopf warme Tuchkappen oder schwere Tuch- und Filzhüte, deren Schilde oder Krempen noch dazu meist so klein und schmal sind, daß sie nicht einmal das Auge vor der Sonne schützen. Nur in den Hundstagen giebt man ihnen Strohhüte, deren Poren aber häufig mit Firniß zugestrichen sind. Fragt man, warum denn die Knaben nicht auch, wie die Mädchen, entweder mit ganz unbedecktem Kopf oder doch wenigstens nur mit breitrandigem leichten Hut statt mit schwerer Kappe sich bewegen dürfen, so wird als Grund entweder der kurze Haarschnitt angeführt oder es wird auf die angeborene größere Wildheit der Knaben hingewiesen, durch die nun einmal schwere und starke Stoffe selbst für die Kopfbekleidung nöthig würden. Ist nach alledem nur schwer gegen die herrschende Sitte anzukämpfen, so sollte wenigstens durch Luftöffnungen zu beiden Seiten und auf dem Deckel der Ueberhitzung des Kopfes und durch breite Schilde oder Krempen der Augenblendung vorgebeugt werden.

Auch die Kopfbedeckung der Jünglinge und Männer steht meist jener der Mädchen und Frauen in gesundheitlicher Beziehung nach. Die Damenhüte sind freilich nicht selten in der Form häßlich, ja ungeheuerlich, mit farbigen Bändern, Federn, künstlichen Blumen, Käfern, Schmetterlingen, selbst Eidechsen und leider auch mit toten Vögeln „verziert“ und überladen, aber sie bestehen doch im Gerüst meistens aus sehr porösen und leichten Stoffen und sitzen glücklicherweise nur so zum Scheine oben auf dem Wirbel der Venusköpfchen oder Junohäupter. Die Tuchhüte, Filzhüte, Arbeitskappen, Pelzkappen, Cylinder etc. der Jünglinge und Männer sind dagegen recht schwer oder sitzen doch zu tief und fest, führen auch entweder gar keine oder doch nur unzureichende Ventilationsöffnungen, so daß dem Herrn der Schöpfung schon bei einigermaßen warmer Witterung und geringen Anstrengungen der „Schweiß von der Stirne heiß“ herabrinnt. Etwas besser sind, das muß der Gerechtigkeit halber zugegeben werden, die Sommerkopfbedeckungen der Männer aus Stroh-, Haar- oder Bastgeflecht; doch könnten auch diese durch Beseitigung des sogenannten Schweißleders und Ersatz desselben durch Leinen- oder Seidenstoffe, dann durch Weglassen des steif appretierten und so für die Luft nicht mehr durchlässigen inneren Futters und des äußeren Glanzfirnißüberzuges verbessert werden.

Der Kopf soll möglichst kühl gehalten werden, das ist eine alte und bleibt eine gute Gesundheitsvorschrift. Leichte Hauskäppchen mögen unter Umständen für Kahlköpfige sich empfehlen, Perücken dagegen hemmen, wenn sie nicht mit vielen Ventilationslöchern versehen sind, ihres dichten Stoffmaterials (Leder) wegen zu sehr die Kopfausdünstung. Nachtmützen sind bei Männern überflüssig, weitmaschige Nachtnetze bei Frauen zur Schonung und Erhaltung des schönsten Kopfschmuckes, des Haares, unbedenklich, ja geboten; denn durch das Kämmen der verwirrten Strähnen werden stets viele Haare ab- und ausgerissen.

Ohrenklappen an den Kopfbedeckungen können gegen das Erfrieren der Ohren bei sehr starker Kälte nöthig sein, doch werden sie von ängstlichen Müttern besonders den Knaben häufiger, als geboten ist, angelegt, oft schon bei geringer Kälte, ja selbst bei bloß windigem Wetter, so daß sie infolge der daraus erwachsenden Verweichlichung nicht selten zu Gehörgangentzündungen, ja zu Erkrankungen des inneren Ohres Veranlassung werden.

Zuweilen sieht man auch, besonders auf dem Lande, wo die Erkältungsfurcht noch größer zu sein pflegt als in den Städten, bei Knaben den ganzen Kopf mit Ausnahme von Nase und Augen mit einer dicken gestrickten Haube überzogen, einer Art Kopfstrumpf, über der dann noch eine schwere Kappe, wenn nicht gar eine Pelzkappe thront. Ein solcher Kopfschutz führt zur Ueberhitzung und ist deshalb unter allen Umständen verwerflich. Zweckdienlicher sind die das Haupt lose umhüllenden und nach vorn ganz offenen Kapuzen (Baschliks), die man an Wintermänteln aus Wollstoff zum Schutz gegen Kälte und Regen angebracht findet; unbedingt zu vermeiden aber sind die aus Kautschuk [588] u. dergl. hergestellten wasser- und luftdichten Schutzhauben, selbst wenn sie vorn offen sind, weil der Stoff durch Abhaltung der Ventilation sehr schädlich wirkt.

Die enganliegenden und durch ohrenverschlleßende Bänder befestigten, oft dickgefütterten Stoffhauben der Mädchen und Frauen, wie sie jetzt noch in manchen ländlichen Bezirken als althergebrachte Volkstracht sich finden, sind vielleicht malerisch, aber natürlich zu heiß, wogegen die leichten duftigen Tüllhäubchen älterer Damen hygieinisch nicht beanstandet werden können, im Gegentheil empfohlen werden müssen. Pelzkäppchen, welche man als Wintertracht oft bei Mädchen sieht, wären unbedingt viel schlechter als der gewöhnliche Damenhut, wenn sie sich nicht infolge der weiblichen Haartracht nur unvollständig anlegten.

Der Soldatenhelm, die bekannte „Pickelhaube“, ist wegen seiner Schwere, seines steifen undurchlässigen Leder- und Metallmaterials und seiner schwarzen Farbe, welche die Sonnenstrahlen besonders gut aufsaugt, eine der heißesten und deshalb denkbar schlechtesten Kopfbedeckungen; doch ist er wenigstens, so gut dies möglich ist, zweckmäßig ventiliert. Die gewöhnliche Soldatenkappe ist zwar verhältnißmäßig leicht, aber da sie keinen Schild hat, so schützt sie das Auge nicht vor Blendung, was übrigens bei dem Helm mit seinem schmalen Schild auch nur ungenügend der Fall ist.

Die leichteste und zweckmäßigste, am besten ventilierte Kopfbedeckung, namentlich für den Sommer, bildet der hellfarbige oder weiße Tropenhut aus dünnem stoffüberzogenen Kork. Am nächsten kommen ihm die billigen Basthüte mit sehr breiter Krempe (Sombreroform), die sich insbesondere für Arbeiter empfehlen, welche sich der Sonnenhitze aussetzen müssen.

Vom hygieinischen Standpunkt aus für Männer am meisten zu empfehlen ist also ein dunkelfarbiger, breitkrempiger, möglichst leichter, ungefütterter, innen mit Leinenschweißtuch besetzter, an beiden Seiten und oben mit Ventilationsöffnungen versehener, steifer oder weicher Tuch- oder Filzhut oder eine Kappe aus leichtestem, wenig gefüttertem, luftdurchlässigem Seidenzeug mit großem Schild für den Winter und ein weitmaschiger, ungefirnißter, hellfarbener Stroh-, Bast- oder Roßhaarhut für den Sommer. Ueber die Kopfbedeckung der Frauen, welche zum Glück in der Regel nur sehr lose sitzt, kann man nur so viel sagen, daß sie aus dem durchlässigsten leichtesten Stoff hergestellt und mit allen schweren Verzierungen verschont werden sollte.

Insofern die Haare die natürlichste Kopfbedeckung sind, ist auch deren Pflege Gegenstand der Hygieine. Sie täglich zu kämmen, wird wohl nicht leicht jemand versäumen, um so häufiger aber wird aus Aberglauben ober Bequemlichkeit ein gründliches Waschen derselben unterlassen. Ist doch die Ansicht noch weit im Volke verbreitet, daß man z. B. kleinen Kindern den Kopf nicht mit Seife waschen dürfe. Deshalb sammelt sich denn auch oft genug die bei ihnen besonders starke Absonderung an und bildet, mit Staub vermischt, den sogenannten Gneis. Er wird als „gesund“ betrachtet, weil er als ausgeschiedene „Schärfe des Blutes“ gilt, während er in Wirklichkeit sehr oft die Ursache zu Kopfausschlägen wird, welche einfach als Schmutzkrankheiten zu bezeichnen und der schlechten Pflege zuzuschreiben sind. Erwachsene und zumal Frauen fürchten die Seifenwaschung deshalb, weil sie den Haarausfall begünstigen soll, während das gerade Gegentheil richtig ist. Regelmäßiges tüchtiges Waschen des Kopfes mit darauffolgender sorgfältiger Abtrocknung schadet den Haaren nie, sondern erhält sie und verhindert vor allem die Schuppenbildung und Pilzansteckung, die häufigsten Ursachen zu frühzeitiger, allgemeiner oder stellenweiser Kahlheit.

Andererseits herrscht merkwürdigerweise noch fast überall der Glaube, daß man durch häufiges und möglichst starkes Schneiden der Haare ihren Wuchs „kräftige“ und „erhalte“. Dieser Trugschluß hat wohl darin seinen Hauptgrund, daß lange Haare beim Kämmen eher abgerissen werden als kurze. Daß aber das Kurzscheren der Haare nicht gleichbedeutend ist mit Erhalten derselben, geht denn doch schlagend oder vielmehr „glänzend“ aus der alltäglichen Wahrnehmung hervor, daß die kurzhaarigen Männerköpfe viel häufiger und früher kahl werden als die langbehaarten der Frauen, auch daraus, daß bei Naturvölkern, welche ihre Haare niemals kürzen, Kahlköpfigkeit selten ist. Der Haarschnitt ist nichts anderes als eine Sache der Gewohnheit und der Mode und schadet auch wohl bei sparsamer Anwendung nicht sehr; bei zu häufigem und zu kurzem Schnitt dagegen wird zum Ersatz des Abgeschnittenen die Kraft des Haarbodens zu sehr in Anspruch genommen, so daß diese geradezu erschöpft wird und eine verfrühte Kahlköpfigkeit entsteht. Auch die Damen tragen neuerdings vielfach „Bubenköpfe“, um das Haar zu „kräftigen“, das ist aber nach dem soeben Gesagten nicht nützlich und auch meist nicht schön: ein langes schlichtes Haar ist und bleibt eine der reizendsten Zierden des weiblichen Kopfes. Auch die abgeschmackten sogenannten „Simpelfransen“, die meist noch mit dem Brenneisen mißhandelt werden, wodurch sie allen Glanz verlieren, schädigen die Erhaltung des Haarwuchses, ebenso wie das Lockenbrennen und Lockenwickeln. Endlich ist es nicht gut, die Haare beim Flechten allzu straff zu spannen, denn durch das fortgesetzte Zerren wird auf den Haarboden ein schädlicher Reiz ausgeübt.

Die Kämme müssen von Zeit zu Zeit durch Bürsten mit Seife und Einlegen in Sublimatlösung mit nachfolgender Abspülung gründlich desinfiziert werden. Das gilt natürlich ganz besonders für Friseurgeschäfte, weil in diesen gar leicht die Pilze ansteckender Haarkrankheiten übertragen werden können. Mancher „natürliche Hut“ ist schon als Opfer verunreinigter Kämme gefallen.

Ebenso wichtig wie eine richtige Kopfbedeckung ist für die Gesundheit eine zweckentsprechende Halsbekleidung; dennoch werden hier, und besonders wieder von Männern, noch größere Fehler gemacht als auf dem Gebiete der Mützen und Hüte.

Der Hals, als Verbindungsglied zwischen Kopf und Rumpf, muß beiden dienen. Er hat u. a. die Aufgabe, dem Gehirn Blut zuzuführen und aus diesem wieder zum Herzen zurückzuleiten, ersteres durch die starken Halsschlagadern, letzteres durch Blutadern, welche zum Theil in der Tiefe des Halses neben den Schlagadern, zum Theil dicht unter und in der Haut liegen; ferner enthält der Hals die Zufuhrwege der Luft zur Lunge und der Speisen und Getränke zum Verdauungssystem. Die Luftröhre mit Kehlkopf ist vorn sichtbar, die Speiseröhre liegt tief hinten in der Nähe der Wirbelsäule versteckt; ebenso liegen die Nerven in der Tiefe und das Rückenmark in der beweglichen Knochenhülse der Wirbelsäule.

Auf alles dies muß bei der Halsbekleidung Rücksicht genommen werden; es kommt aber noch anderes dazu.

Durch die Kleidung wird eine erwärmte Luftschicht um den ganzen Körper gebildet, eine Art Luftmantel. Diese Luftschicht muß natürlich gewechselt werden, darf nicht stagnieren, und daß dies nicht stattfindet, dazu dient neben den Poren der Kleidungsstoffe und den andern Oeffnungen der Kleidungsstücke hauptsächlich die Halslücke der letzteren, aus dem einfachen Grunde, weil die wärmere Luft vermöge ihrer größeren Leichtigkeit nach oben strebt. Die Halsöffnung ist demnach Austritts- und Ventilationsrohr für die Luft, welche den Körper umgiebt. Diesen Abzug zu erleichtern ist die Aufgabe der Kleidung; sie darf vor allem den Hals nicht dicht umschließen oder gar auf ihn drücken.

Verwerflich sind daher zu enge Hemdenkragen und Halsbinden. Sie hindern einestheils die Athmung, und dann pressen sie die Halsadern zusammen, stören den Blutzu- und Rückfluß, rufen Kopfweh, Schwindel etc., mit einem Wort: Strangulationserscheinungen hervor. Weiter aber verhindern sie den Austritt des nach oben gehenden Luftstroms, so daß die feuchtwarme Luft um den Körper stockt und ihn belästigt. Jedermann weiß aus Erfahrung, wie wohlthuend und kühlend es wirkt, wenn man bei starker Hitze den Hemdenknopf öffnet und die Halsbinde ablegt, selbst wenn beide nicht zu eng sind. Ebenso wie knappe Kragen und Binden hindern auch dicke, um den Hals gewundene Halstücher und Pelze, wie man sie oft im Winter sieht, durch Verschluß des Halsventilationsrohrs den Luftwechsel. Sie halten zwar bei kaltem Wetter die Wärme des Körpers fest, aber auch die Ausdünstungen zurück und stören die so sehr wichtige Hautathmung; sie verweichlichen den Hals und begünstigen mittelbar und unmittelbar die Entstehung von Erkältungen. Der Hals darf also nur lose mit Hemd und Binde umgeben sein, dicke Tücher müssen ganz vermieden werden. Die Wetterfestigkeit der Matrosen beruht nicht zum geringsten Theil auf der vernunftgemäßen Bekleidung oder vielmehr Nichtbekleidung des Halses.

Die alte Gesundheitsregel, daß man den Kopf kühl und die Füße warm halten soll, ist durch die Vorschrift zu vervollständigen, daß der Hals frei und offen sein muß.


[589]

Runen.

In den grünen Zweigen wiegen
Rauschend sich die Morgenwinde,
Neu erwachten Lebens Kunde
Schwingt sich durch den Wald geschwinde.

Einer Buche narbige Rinde
Weist – gar zierlich ausgeschnitten –
Eines Herzens flammend Zeichen
Und zwei Namen in der Mitten.

Ach! Der dieses eingeschnitten:
Seinen und des Liebchens Namen –
Ach! wie steht’s heut’ mit den beiden,
Die hier einst zusammenkamen?
 Richard Zoozmann.



„Wenn du noch eine Heimath hast …“

Eine Erinnerung von P. K. Rosegger.

Gelegentlich meines fünfzigsten Geburtstages hat die „Gartenlaube“ mich eingeladen, ein weniges aus meinem Leben zu plaudern. Das ist mir schon recht, all meiner Tage habe ich mit der Feder nichts anderes gethan, als aus meinem Leben geplaudert – war es nicht aus dem äußeren, so doch aus dem inneren. Und es müßte schlecht stehen, wenn der Poet seine Dichtungen nicht selber durchlebte. Die Lüge in der Dichtung hebt erst dort an, wo die Leier Dinge singt, von denen das Herz nichts weiß.

Heute aber will ich ein Stücklein erzählen, das nicht nur innerlich, sondern in der That auch äußerlich erlebt worden ist; an sich recht unwesentlich, jedoch für mich von großer Bedeutung. Es kommt auch die „Gartenlaube“ dabei vor, sie, die so manches Gute gestiftet hat in der Welt. Ein Engel, der mir an bedenklichen Lebenswenden stets so freundlich beigestanden, hat auch einmal nach der „Gartenlaube“ gegriffen und sie zu meinem Wegweiser gemacht – nach dorthin, wohin ich gehörte. Und das hat sich zugetragen wie folgt.

Im Winter des Jahres 1865 habe ich eines Tages in der Waldheimath meine sieben Sachen in ein Taschentuch gethan und bin damit in die weite Welt gegangen. „Behüt’ Euch Gott, allmiteinand!“ hatte ich lachend zu den Meinen gesagt. So fröhlich, so unbefangen und gedankenlos wanderte ich fort von daheim, als ob’s zu einer Dorfkirchweih’ des Nachbarortes ginge und nicht weiter. Der zweiundzwanzigjährige Mensch war ja so rührend einfältig und hatte noch keine Ahnung von den jungen Dämonen, die in seinem Herzen nisteten.

Auf dem Weltwege war mir schon vorgearbeitet worden. Ein mir bisher stockfremder Mann, Doktor A. Svoboda in Graz – doch das ist ja bekannt. Er hatte Einsicht genommen in meine ihm geschickten Schriften, die an Papiergewicht nicht weniger als fünfzehn Pfund betrugen, er hatte es durch seine Zeitung, die „Tagespost“. soweit gebracht, daß ein Laibacher Buchhändler, Herr Giontini, brieflich anfragte, ob der „Naturdichter“ aus dem Gebirge zu haben sei; er brauche ihn zwar nicht zum Dichten, denn gedichtet wären die Bücher schon, aber verkauft wären sie noch nicht, und wenn der junge Aelpler sich zu einem Buchhändlergehilfen ausbilden lassen wolle, so könne er in sein Geschäft treten. Im ersten Lehrjahre neben Verpflegung monatlich sechs Gulden, später mehr.

Sonst hatte sich niemand um mich gemeldet, daher ging von der Waldheimath aus meine Straße nach der Hauptstadt im Krainerlande. Unterwegs dahin kehrte ich in Graz bei Doktor Svoboda ein und bei dem von diesem mir erworbenen Gönner Peter Reininghaus, einem um Steiermark hochverdienten Mann.

Reininghaus war aus dem Westfalenlande gekommen und hatte auf dem Steinfelde bei Graz eine Bierbrauerei gegründet oder emporgebracht, die heute zu den größten Etablissements zählt. Eben in den Tagen, da diese Erinnerung aufgeschrieben wird, begeht die Brauerei auf dem Steinfelde das Jubelfest ihres vierzigjährigen Bestehens und ganz Graz feiert es mit, dankbar dem Manne, dessen große Bürgertugenden viel zur Entwicklung der steierischen Hauptstadt beigetragen haben. Diesen Mann, der seither vom Kaiser in den Adelsstand erhoben worden ist, habe ich also damals aufgesucht. Ein armer schmächtiger heimloser Junge aus dem Gebirge stand da und wußte selbst nicht, was er wollte. Reininghaus erkundigte sich freundlich nach meinen Verhältnissen, sprach mir Muth zu für den neubetretenen Lebensweg, ermahnte mich, vor allem ein braver Mann zu werden, ob dieser dann ein Dichter wäre oder etwas [590] anderes, das sei Nebensache – und gab mir fürs erste die Mittel zur Weiterreise nach Laibach in die Hand. Dabei schüttelte er aber den Kopf. Ob sich in der schönen weiten Steiermark denn nicht eine einzige Schule aufthun wolle, in der ein Lernbegieriger umsonst sitzen könne? Ob sich denn die Steirer das anthun lassen mögen, daß ein bildungsbeflissener junger Landsmann zu den Krainern gehen müsse, um sich weiter zu bringen? Derlei glaubte ich aus dem Kopfschütteln des Herrn Peter Reininghaus lesen zu können – oder kam es mir nur so vor? Ich ging gern in die weite Welt, je weiter fort, desto lieber; etwa nach dreißig oder vierzig Jahren gedachte ich einmal zurückzukehren, um zu sehen, ob die steirischen Berge noch alle dastünden.

In Graz war mir mein Taschentuch zu klein geworden. Ich hatte einen schwarzen Festtagsrock geschenkt bekommen und Beinkleider und feine Wäsche – als wohlhabender Mann bin ich in die Fremde gezogen.

Sieben Stunden währte die Fahrt durch den nebligen Wintertag, und als ich in Laibach einzog, brannten zu beiden Seiten der Straße schon die Laternen. Jetzt war ich in der Fremde, das Herz jubelte mir. Ein neues Lebe! Ein neues Leben!

Im Hause des Buchhändlers Giontini wurde ich freundlich aufgenommen und eingetheilt in die Wohnung und in das Geschäft. Die Leute sprachen mit mir eine sehr hochdeutsche Sprache, sie war ganz eckig vor lauter hochdeutsch. Das war schön. Untereinander redeten sie eine fremde Zunge, die ich mein Lebtag nicht gehört, krainerisch, slavisch – und das war noch schöner. Als erste Arbeit im Geschäft erhielt ich krainerische Gebetbücher zu falzen, die Giontini in Druck und Verlag hatte. Da kam mir das erste Mal der Gedanke, daß die Muttergottes und die Heiligen auch slavisch verstehen müßten. Etwas so Gescheites war mir daheim nie eingefallen.

Am andern Tag wurde ich in die Leihbibliothek gestellt die der Buchhändler betrieb. Daheim war ich oft stundenlang gelaufen über Berg und Thal, um ein einziges Buch aufzutreiben, hier war ich buchstäblich eingemauert in Bücher – wie empfand ich mein Glück! Es gab ja auch sehr viele deutsche Werke darunter, ja mehr deutsche als slavische; denn die Krainer hatten damals in ihrer Litteratur nur Gebet- und Traumbücher, die weltliche Unterhaltung mußten sie sich von den Deutschen und Franzosen entlehnen. Es gab stets viel zu thun, um die verlangten Bücher hervorzusuchen und die zurückgebrachten einzureihen. Kaum daß ich Zeit fand, ihre Titel zu lesen und die Nummern am Rücken. Ein oder der andere Band wurde abends mit ins Bett genommen, aber bald war ich müde. Wäre es nur auch weiter so gewesen, daß mir der süße Schlaf treu blieb! Allein es nahten die Nächte da ich wachend lag bis zum Morgen, und die Hausfrau fand, daß meine Augen den Bücherstaub nicht vertrügen, weil sie so geröthet wären.

Zu Mittag war allemal eine Stunde frei, da ging ich an die Lehne des Schloßbergs und schaute gegen Norden hin, wo das Felsengebirge stand; doch zumeist war dieses von Nebel bedeckt. Dann eilte ich nach dem Bahnhof und schaute die Eisenschienen an, und es that mir wohl, zu denken, diese Eisenbänder gehen ununterbrochen bis Obersteier, bis Krieglach, verbinden mich mit meiner Heimath.

Alle Essenslust war dahin; wenn ich slavisch sprechen hörte, ward mir so übel im Magen, als ob ich Speck gegessen und Wasser darauf getrunken hätte. Am liebsten war es mir in der Kirche bei der Messe, denn der Priester sprach nicht krainerisch, sondern lateinisch, genau wie unser Pfarrer daheim zu Krieglach.

Damals ist mir der Knopf aufgegangen, weshalb die Sprache der katholischen Kirche in der ganzen Welt lateinisch ist. Die lateinische Sprache ist nirgends daheim, also auch nirgends fremd; sie ist eine verbindende Kraft. So weit war’s gekommen, daß ich daheim zu sein glaubte, wenn an mein Ohr das „Dominus vobiscum!“ klang.

Im Geschäft gerieth alles, was ich anfaßte, verkehrt und ungeschickt. Mein Hausherr blickte mir manchmal ins Gesicht, das kam ihm bedenklich vor, und so sagte er einmal, ich solle nur spazieren gehen draußen in der frischen Luft, es würde schon besser werden. – Besser werden? Wie sollte es besser werden? Nur einschlafen können und in alle Ewigkeit fortschlafen, das zu denken war die einzige Labe, So oft ich eines meiner Kleidungsstücke betrachtete, das mir die Mutter genäht, die Schwester geglättet hatte, hub die Bestie an zu graben. In der freien Luft wurde es nur ein wenig milder, wenn ich lief und lief; aber immer kann man nicht laufen, und was hilft alles Laufen, wenn es doch nicht heimwärts geht. Wo alles ganz fremd war, da ging es fast eher noch; wo aber irgend etwas nur enfernt an heimathlich Trautes erinnerte, da war der leidige Satan los, da folterte mich die Sehnsucht nach Daheim wie höllisches Feuer.

Eines Tages schickte Giontini mich zum Buchbinder, um einen Armvoll Gebetbücher abzuholen. Der Meister war just allein in der Werkstatt; erst das zweite Mal sah ich ihn und schon sank ich jetzt an seine Brust und hub an so heftig zu weinen, daß er einen krainerischen Schrei that und dann in schlechtem Deutsch fragte, ob ich Zahnweh hätte! Als das verneint wurde, war all sein Mitleid verscherzt – wenn man nicht Zahnweh hat, wozu dann solche Sachen! Und ich hätte ihm meine Noth nicht einmal klagen können, weil kein Name dafür vorhanden, weil nur ein unbeschreibliches Beklemmen und Bangen in mir war, ohne daß ich wußte, was mir fehlte und was ich wollte. Ich konnte es ja nicht wahrhaben, daß ein grauses Heimweh mein Herz zermalmte, so herb, als läge dieses zwischen zwei Mühlsteinen. So namenlos weh! Was die Seekrankheit für den Leib, das ist das Heimweh für die Seele. Noch heute kann ich keinen Buchbinderleim riechen, ohne daß der Wiederschein jenes Seelenleides leise aufdämmert, denn dieser Leimgeruch erinnert mich an Laibach im Krainerlande.

Die Schlaflosigkeit der Nächte war aber nicht das Schrecklichste, noch schrecklicher war endlich der kurze Schlaf, der mir im Traum mein Vaterhaus zeigte und mich der Meinen traute Stimmen hören ließ. Das Erwachen darauf in der fremden frostigen Kammer spottet aller Pein, die ich je in diesem Jammerthal kennengelernt habe.

So litt ich eine Woche lang. Viele Jahre schon vermeinte ich in der Fremde zu sein – was war derweil daheim wohl alles geschehen! Und nur acht Tage vergangen, seit ich mit fast tanzenden Schritten das stille Haus in den Waldbergen verlassen! Die dreißig, vierzig Jahre, bis ich wieder einmal nach den steirischen Bergen sehen wollte, konnten schon etwas länglich ausfallen. Alles kam mir wie ein Gefängniß vor. Von meiner Kammer aus sah ich in einen engen Hof, auf eine Mauer mit Spinnweben und etlichen gelben Striemen. Vom Fenster meines Vaterhauses aus hatte ich meilenweit über die blauen Berge hingesehen – nie war mir beigekommen, das wäre schön; jetzt wußte ich’s aber.

Die Hausgenossen bei Giontini waren nicht unfreundlich, doch floh ich ihre Ansprachen, bis sie sich um mich weiter nicht kümmerten. Am leichtesten war mir noch, wenn’s in der Leihbibliothek recht viel Arbeit gab. Selten that ich in die Bücher einen Blick; als wären sie Holzscheite oder Steine, so legte ich sie hin und her, und nimmer glaubte ich, je einmal an einem Buche Gefallen gefunden zu haben.

Da geschah es am Samstag spät abends. Die Buchhandlung war schon geschlossen, nur in der Leihbibliothek gingen immer noch Leute ein und aus, um sich für den Sonntag Lesefutter auszutauschen. Ich stieg mit der Laterne die Leiter auf und ab an den Bücherwänden. Da kam noch ein Knabe, brachte einen breiten Band zurück und eilte wieder davon. Als ich den Band hoch oben in seine Spalte schieben wollte, entfiel er mir, kollerte die Leiter herab und blieb, die zwei Deckel auseinandergeschlagen, auf den Dielen liegen. Ich ging, das Buch aufzuheben; ein Band der „Gartenlaube“ war’s, und dort, wo einem Blatt im Falle die Ecke geknickt worden war, fiel mein Auge auf ein Gedicht: „Wenn Du noch eine Heimath hast …“

Was war das? Auf der untersten Stufe kauernd, las ich:

„Wenn Du noch eine Heimath hast,
So nimm den Ranzen und den Stecken
Und wandre, wandre ohne Rast,
Bis Du erreicht den theuren Flecken.“

Weiter las ich nicht mehr in dem Gedicht,[1] denn ich war schon erlöst. Heim! Heim! Kein Klagen mehr. Mein Herz war leicht, [591] mein Wille befreit. Unausgesprochen hatte ich die Nothwendigkeit der Umkehr tagelang in mir getragen wie eine Unmöglichkeit. Weltfern war mir die Heimath gewesen, und jetzt war sie nur einige Stunden weit, und es bedurfte nicht einmal des Ranzens und des Steckens. So mächtig ist oft ein einziges Wort – das Wort hat ja die Welt erlöst. –

Ganz gelassen, aber wieder gesund und frisch ging ich der Wohnung zu und theilte dem Herrn Giontini mit, daß ich nach Steiermark reisen würde. Er schaute mich ernsthaft an und sagte: „Gehen Sie mit Gott; ich sehe es ja, ich sehe es ja, Sie leiden!“

Auf herben Vorwurf war ich gefaßt gewesen, das gütige Wort erst hat mir den ganzen Himmel gegeben. Eine Stunde später war ich auf dem Eisenbahnzug, der gegen Steiermark ging.

Geradeswegs nach Krieglach wollte ich fahren, doch in Graz mußte ich aussteigen, um meinen Wohlthätern für die gute Absicht zu danken. Im übrigen wollte ich mich nicht mehr kümmern um die weite Welt, sondern daheim im Waldland still meine Tage verleben bis ans selige Ende.

Meine Angst vor den Grazer Wohlthätern wurde ebenfalls zu schanden. Doktor Svoboda sagte nur: „Gut, daß Sie wieder da sind!“ Peter Reininghaus erklärte mir kurz und schneidig, auch in Steiermark würde sich noch jemand finden, der einem Talente zur Ausbildung verhelfe, und mit der Rückfahrt in den Waldwinkel sei es nichts.

Also haben sie mich in Graz gehalten und gehoben. –

In meiner That- und Hoffnungslosigkeit wäre ich unter einem fremden Volke vergangen wie Alpenschnee auf dem Wüstenstaube. Albert Traegers schönes Gedicht in der „Gartenlaube“ hat mich aufgerüttelt, hat mir gezeigt, was zu thun war.

„Wenn du noch eine Heimath hast,
So nimm den Ranzen und den Stecken
Und wandre, wandre ohne Rast ….“

Nicht Steirer waren es, die meine Stütze und mein Hort gewesen; und doch hat dieses Land „eine eiserne Ketten an’s Herz mir angelegt“. –

Seit jener kritischen Zeit sind achtundzwanzig Jahre vergangen. Das Heimathland, welchem der Dichter mich damals zurückgegeben hat, habe ich seither nicht mehr aus den Augen gelassen, sondern habe mich mit beiden Händen an dasselbe geklammert, wie ein erschrecktes Kind sich festhält an den Rockfalten der Mutter. Dem Stamme und der Scholle treu in Lust und Leid, auch dir, mein lieber Leser, rathe ich es – wenn du noch eine Heimath hast!


Paolo Saviello.

Novellette von Wilhelm Berger.

Als ich mich nach Sicilien einschiffte, um dort Skizzen für künftige Bilder zu sammeln, wurde mir von einem vielgereisten Kunstgenossen der „Albergo centrale“ der Donna Maria Chiavelli zu Girgenti empfohlen. Daß ich deshalb von der leiblichen Pflege, die mir Donna Maria angedeihen lassen würde, keine hohen Erwartungen hegen dürfe, war mir recht wohl bewußt; kannte ich doch die primitiven Zustände in den Herbergen kleiner italienischer Städte hinreichend. Wenn mir von Donna Maria versichert wurde, sie sei eine wackere Frau und lasse es sich angelegen sein, ihren Gästen, deren sie nicht allzu viele habe, den Aufenthalt in ihrem Hause so angenehm wie möglich zu machen, so bildete ich mir darum nicht ein, ich würde in der Matratze meines Bettes etwas anderes finden als Hobelspäne oder zum Mittagessen andere Speisen vorgesetzt erhalten als gebratene Ziegenrippchen und Maccaroni al burro. Das war eben Landesbrauch, seit unvordenklichen Zeiten so gewesen und von den Reisenden heroisch erduldet worden. Aber Reinlichkeit, Freundlichkeit und billige Preise glaubte ich mir von Donna Maria versprechen zu dürfen. Und das war immerhin nicht wenig, wie jeder wissen wird, der sich abseits der großen Heerstraße in Italien bewegt hat.

Mit dem Dampfboot in dem winzigen Hafen von Girgenti angekommen, kletterte ich wohlgemuth zu der hochgelegenen Stadt empor, die Trümmer des alten Agrigent durchschreitend. Es war ein beschwerlicher Weg, und ich war nicht wenig froh, als mir endlich das Schild des „Albergo centrale“ entgegenwinkte. Kaum war ich eingetreten, als Donna Maria aus der Tiefe ihres Hauses hervorstürzte. Hübsch war sie nicht, die Götter können es bezeugen. Freilich hatte sie auch schon die Vierzig überschritten und somit ein Alter erreicht, in dem die sicilianischen Frauen ihre ohnehin mäßigen Ansprüche auf Schönheit endgültig aufgegeben haben. Doch schien sie gutmüthig und trug ihr Herz auf der Zunge. Schon während sie mich, einige Minuten nach meiner Ankunft, auf der tief ausgetretenen Steintreppe nach meinem Zimmer führte, vertraute sie mir an, daß sie seit zehn Jahren Witwe sei. Und kaum hatte sie mich in die kahle Kammer eintreten lassen, als sie wieder hinablief, um mir das Bildniß des Seligen zu holen, eine kolorierte Photographie auf Glas. Der verblichene Giuseppe Chiavelli mußte, nach diesem Bilde, ein ziemlich wüster Gesell gewesen sein, den ich keinem Mädchen zum Gatten empfohlen haben würde. Donna Maria versicherte mir indessen, er sei ein „gutes Närrchen“ gewesen und sie hätten miteinander gelebt wie ein Paar Turteltauben. Nur Kinderchen – ach, die seien ihnen leider nicht geschenkt worden; der fremde Herr könne sich wohl vorstellen, wie einsam es ihr manchmal gewesen sei in ihrem Witwenstande! Aber wieder heiraten – sie hätte es oft genug gekonnt, da das Haus ihr eigen sei – dazu habe sie sich doch nicht entschließen können. Wenn man es einmal so gut gehabt habe – hier brach sie ab und seufzte.

Inzwischen war mein Blick auf ein Bild gefallen, das, als einziger Schmuck, die Wände zierte. Es war ein roher Holzschnitt, augenscheinlich irgend einem billigen illustrierten Blatte entnommen und dann auf ein Stück Pappe geklebt. Er zeigte das Gesicht eines Mannes von etwa dreißig Jahren – kein übles Gesicht; neben wildem Trotz, finsterer Entschlossenheit war ein Zug von Weichheit darin – von Gemüth, hätte ich behaupten mögen. „Welchen Heiligen habt Ihr denn dort aufgehangen?“ fragte ich mit einiger Neugier.

„Ach Herr, der ist nur ein armes sündiges Menschenkind gewesen,“ erwiderte Donna Maria mit schwankender Stimme. „Gewesen!“ wiederholte sie und schauderte zusammen. „Heute morgen haben sie ihm in Catania das Leben genommen. Der unglückliche Paolo Saviello!“

Ich sah zu meiner Verwunderung aus den Augen Donna Marias einige Thränen rinnen. Um einen Banditen! Denn ein solcher war er doch ohne Zweifel, nach ihrer eigenen Aeußerung. „War dieser Mann vielleicht ein Verwandter von Euch?“ forschte ich.

„Er trug meinen Familiennamen,“ antwortete sie. „Von einem Zweige der Saviellos stammt er, der vor langen Jahren in Favara Wurzel geschlagen hat – in Favara, einem elenden Neste, ein halbes Dutzend Miglien von hier. Als junger Bursche ist er oft bei uns gewesen. Ein solch lieber herziger Mensch! Daß er so enden würde – niemand hätte es gedacht, lieber Herr!“ Und aufs neue flossen ihre Thränen.

Angenehm war mir die Entdeckung gerade nicht, daß ein Verwandter meiner Wirthin die Landstraßen Siciliens unsicher gemacht hatte, namentlich da sie dem Verbrecher mit unverkennbarer Theilnahme nachtrauerte. Aber was wollte ich machen? Ich befand mich eben in Sicilien, wo die Weiber von jeher eine liebenswürdige Voreingenommenheit für tüchtige Briganti gezeigt haben. Also zuckte ich die Achseln und ließ die Sache auf sich beruhen.

Während ich nachmittags mit meinem Skizzenbuch in den Ruinen umherwanderte, mußte ich doch häufiger an jenen Paolo Saviello denken, als mir eigentlich lieb war. Sein Gesicht hatte es mir angethan, glaub’ ich. So ganz alltäglich mochte sein Schicksal doch nicht sein; es lohnte sich vielleicht der Mühe, Donna Maria zum Plaudern zu bringen. Abends, nach eingenommenem Mahle – Ziegenrippen und Maccaroni, wie ich erwartet hatte – machte ich [592] es mir neben dem Herde im Ehrensessel bequem und zündete meine Pfeife an. Donna Maria bereitete sich eben vor, mir Gesellschaft zu leisten, was sie jedenfalls für ihre Pflicht hielt, und ich hatte schon eine Frage nach Paolo Saviello auf der Zunge, als ein kleiner dürrer Pater eintrat, ein freundlich ernstes Männlein in höherem Lebensalter, der einen angenehmen Eindruck auf mich machte.

Kaum hatten wir uns begrüßt, als Donna Maria herbeieilte. „O Fra Bartolomeo!“ rief sie erregt „Wie dank’ ich Euch, daß Ihr zu mir kommt! Ist denn wirklich alles vorüber?“

„Ich stand bei ihm, als er seine Seele aushauchte,“ versetzte der Pater. „Auch Euch habe ich einen Gruß von ihm zu bringen.“

„Starb er standhaft?“

„Wie ein Mann und ein Christ.“

Es war die Rede von Paolo Saviello, wie ich nicht bezweifeln konnte. „Kommt Ihr von Catania, Hochwürden?“ fragte ich dazwischen.

Der Pater nickte langsam. „Jawohl, Herr. Ich hatte es dem Saviello zugesagt damals, ehe er sich den Behörden auslieferte, daß ich ihn auf seinem letzten Gange begleiten würde. Und ich habe mein Wort gehalten, so schwer mir’s wurde. Es war ein guter Kern in diesem Verirrten; es hat mir sehr leid gethan um ihn.“

„Man hätte ihm wohl das Leben schenken können, da er sich doch freiwillig gestellt hatte,“ eiferte Donna Maria.

„Damit wäre ihm kein Gefallen geschehen,“ sagte der Pater. „Ihn dürstete nach Gerechtigkeit und er litt den Tod mit Freuden.“

Durch alle diese Andeutungen war mein Interesse an Paolo Saviello noch gewachsen. „Erzählt mir die Geschichte dieses seltsamen Briganten,“ bat ich den Pater. Dazu schien der alte Herr jedoch keine Lust zu haben. Er that so, als wenn er mein Gesuch nicht gehört hätte, holte bedächtig den Becher süßen Landweins, den Donna Maria ihm vorgesetzt hatte, vom Tische und labte sich daran, mit der Miene eines Mannes, dem Stärkung noth thut. Ich wandte mich an die Wirthin um Auskunft.

„Daß Paolo aus Favara stammte, wißt Ihr bereits,“ ließ sie sich willig vernehmen. „Sein Vater arbeitete unten in den Schwefelgruben, und als Paolo die erforderliche Kraft besaß, mußte auch er dort eintreten und die gefüllten Säcke nach oben tragen, an die hundert Stufen hoch, und das für einen lumpigen Tagelohn. Diese Arbeit däuchte dem jungen Burschen zu niedrig; denn er hatte Verstand und gute Manieren, trotz seiner geringen Herkunft, und daß er höher hinaus wollte, war ihm am Ende nicht zu verdenken. Eines Tages also lief er davon, und dann blieb er eine Reihe von Jahren verschwunden. Es heißt, er sei drüben auf dem Festlande gewesen und dort in schlechte Gesellschaft gerathen. Wie dem auch sein möge, jedenfalls war aus dem Burschen, als er hier wieder auftauchte, ein arger Strick geworden. Denn das erste, womit er sich seinen Landsleuten in Erinnerung brachte, war, daß er dicht vor Canicatti die Post ausraubte, er ganz allein.“

„Eins habt Ihr zu erwähnen vergessen, Donna Maria,“ unterbrach sie der Pater, „der Vater Paolos hatte sich inzwischen in den Schwefelminen zu Tode gearbeitet.“ Er wandte sich zu mir: „Ihr müßt wissen, daß unsere Schwefelgruben Menschenopfer ohne Zahl verschlingen. Ob dies so sein muß, weiß ich nicht. Es soll Maschinen geben, welche die schlimmste Arbeit verrichten könnten. Aber kein Unternehmer schafft sie an, und wenn es einer thäte, so würden die Arbeiter sie ihm wahrscheinlich zerschlagen, aus Furcht, ein Theil möchte dadurch brotlos gemacht werden. Wie die Sache lag, hatte Paolo Saviello infolge des Todes seines Vaters einen grimmigen Haß zunächst auf die Minenpächter geworfen, und hernach, als er das System der Landverpachtung kennenlernte, wie es bei uns von altersher üblich ist, auch auf die größeren Landpächter, die ja allerdings, Gott sei’s geklagt, mit den kleinen Stücken Grund und Boden, deren der geringe Mann bedarf, einen schmählichen Wucher treiben.“

„Ich glaube zu verstehen,“ sagte ich, „Saviello hat der Vorsehung ein bißchen vorgegriffen und die bösen Leuteschinder schon auf Erden bestraft. Er war nicht der erste dieser Art; Eure großen Briganti sind von jeher eifrige Parteigänger des armen Mannes gewesen.“

Der gute Pater merkte den Spott in meinen Worten nicht. Er erwiderte, nicht ohne einen Anflug voll priesterlicher Würde: „Keiner, der Sünde thut, kann dafür eine triftige Entschuldigung geltend machen, mein lieber Herr.“ Damit verstummte er und gab Donna Maria die längst ersehnte Gelegenheit, den Faden ihrer Erzählung wieder aufzunehmen.

Sie fuhr fort: „Saviello fand bald Genossen, mit denen er dann an dieser Seite der Insel umherstreifte und Beute machte. Doch hat er nie ohne Noth getötet.“

„Sehr anerkennenswerth,“ bemerkte ich trocken. „Und wie verhielt sich die Behörde diesem Unfug gegenüber?“

„O, die Herren in Catania ließen sich durch ein paar Räuber nicht aus ihrer Ruhe bringen. Alles, was geschah, war, daß die Posten mit ausreichender Bedeckung versehen wurden. Wer sonst reiste, mochte, so gut er konnte, für seine Sicherheit sorgen. Wahrscheinlich hegten die Behörden die Hoffnung, Saviello werde einmal bei einem unvorsichtigen Angrif unschädlich gemacht werden. Das aber geschah nicht; es war, als ob die heilige Jungfrau ihn in ihren Schutz genommen hätte. Kein Unfall stieß ihm zu. Ein junges Mädchen wurde endlich, unbegreiflicherweise, die Ursache, daß er sich in die Gewalt der Polizei gab. Dies geschah vor etwa sechs Wochen hier in Girgenti.“

Hier hielt Donna Maria inne, langte die Weinkanne vom Boden und füllte erst den Becher des Geistlichen und dann den meinigen. Und nachdem sie sich wieder niedergesetzt und ihre bunte Schürze glattgestrichen hatte, nahm sie den Faden ihrer Erzählung von neuem auf. „In unserer Stadt lebt ein Engländer, der eine der größte Schwefelgruben der Gegend in Pacht hat. Er wohnt in einem der schönsten und geräumigsten Häuser des Ortes und heißt Clinton. Abgesehen von den geschäftlichen Verbindungen, die er zu pflegen genöthigt ist, sucht er keinen Verkehr. Und in seinem Hause geht es zu, als ob es mitten in England läge. Das Dienstpersonal besteht aus lauter Inglesi, mit einer einzigen Ausnahme. Das ist die Francesca, die Tochter einer guten Freundin von mir. Durch sie habe ich meine Kenntniß von der Familie Clinton. Da ist also zuerst der Signor Edoardo, ein gütiger Herr, der niemals um ein paar Soldi knausert und seine Leute behandelt wie ein Gentiluomo. Dann die Signora, eine große stolze Frau, die mit Francesca noch nie ein Wort gewechselt, ja sie kaum angesehen hat. Endlich die einzige Tochter Signorina Evelyn. Die ist die Sonne des Hauses und von allen vergöttert. Oft hat mir Francesca versichert, es käme manchmal über sie, als ob sie vor ihr niederknieen müßte und ihre Füße küssen. Und schön sei sie – so schön wie die heilige Jungfrau, mit ihrer rosigen Haut und ihrem hellen goldigen Haar. Seitdem sie die Signorina kenne, komme sie sich vor wie eine braune Hexe. Und die Francesca gilt doch für eins der hübschesten Mädchen in Girgenti. Vor einigen Monaten nun erschien bei der Familie Clinton ein Landsmann, ein lang aufgeschossener junger Mensch, der, seiner schwachen Augen wegen, beständig eine graue Brille trug. Er mußte sich wohl dort im Hause langweilen, denn er strolchte den ganzen Tag in der Stadt umher, die Hände in den Taschen, und gaffte in alle Gänge und Höfe hinein, ohne jemals ein Wort zu sprechen, da er unsere Sprache nicht verstand. Nachdem er die Ortsbewohner genügend besichtigt hatte, verfiel er darauf, ein Pferd zu miethen, und ritt dann täglich spazieren. Und eines Tages überredete er die Signorina, ihn, ebenfalls zu Pferde, nach der Maccaluba zu begleiten. Das ist ein Hügel, ein paar Stunden von hier, sehr abgelegen, und nur wenige von den Girgentinern wissen sich hinzufinden, was aber nicht verhindert, daß jeder sich als Führer anbietet, wenn je einmal ein Ausflng nach dem Berge in Frage steht.

Signor Ernesto hatte einen halbwüchsigen Buben gewonnen, der die Maccaluba so genau zu kennen vorgab wie seines Vaters Hofraum; in Wirklichkeit aber kannte der Schlingel den Schlammberg nur vom Hörensagen und erkundete die Richtung, in welcher derselbe liegt, erst dann, als die Reise losgehen sollte. Wie es unter solcher Führung den Reisenden erging, läßt sich denken. Quer durch das unbebaute felsige Land reitend, geriethen sie nach einer Stunde auf ein schwieriges Terrain mit zahlreichen tiefen Bodeneinschnitten, die ihnen das Weiterkommen zu einer sehr mühsamen Arbeit machten.

[593]

In der Garnfärberei.
Nach einem Gemälde von Paul Höniger.

[594] Der Bube natürlich verharrte steif und fest dabei, daß sie auf dem geradesten Wege seien, und spähte umher wie ein Luchs, um eine Höhe zu entdecken, die er für die gesuchte Maccaluba ausgeben könnte. So ritten sie noch eine weitere Stunde landeinwärts, bis die Inglesi sich endlich der Einsicht nicht länger verschließen konnten, daß ihr Führer sie betrogen habe. – Ich muß hier einschalten, daß man im Hause der Inglesi sich wenig oder gar nicht um dasjenige bekümmerte, was ringsumher vorging. Die Leute dort lebten mit ihren Gedanken in England. Es ist möglich, daß sie von Paolo Saviello und seinen Thaten gehört hatten; doch selbst wenn dies der Fall war, ging ihre Ansicht ohne Zweifel dahin, daß die Sache sie nichts weiter angehe. Und der Signorina mit ihren sechzehn Jahren lag der Gedanke, daß sie von Menschen belästigt werden könnte, überhaupt ganz fern.

Es handelte sich für die Reisenden nun darum, den Rückweg nach Girgenti aufzusuchen. Vorher indessen verlangte die Signorina, eine Weile zu rasten, da sie sich von der ungewohnten Anstrengung erschöpft fühlte. Sie stiegen also ab und ließen sich auf einem alten Säulenschaft nieder, der in das Erdreich eingebettet lag. In einiger Entfernung streckte sich der Bube auf den Boden, die Zügel der Pferde in der Hand haltend, und schielte begehrlich nach den Eßwaren, welche die Signorina aus ihrer Satteltasche hervorgeholt hatte und nun mit ihrem Vetter verzehrte. Weiter hatte er für nichts Sinn, obwohl er hätte bemerken müssen, daß der Scirocco zu wehen anfing und vom Süden schwere Wolken heraufführte. Sogar eins der Pferde gab Zeichen von Unruhe und begann zu schnauben. Der Schlingel jedoch fuhr fort, mit den Augen zu betteln, und erst als die Signorina sich über ihn erbarmt und ihn mit guten Dingen vollgestopft hatte, gewahrte er das nahende Unwetter und wies mit ausdrucksvollen Gebärden auf die dunkle Bank am Himmel, hinter der die Sonne bereits verschwunden war. Zwar wurde nun eiligst der Rückweg angetreten, doch nahm die Dunkelheit rasch zu und drohte in kurzer Zeit jedes Fortkommen unmöglich zu machen. Der Bube freilich, der gesättigt war und deshalb wieder im Besitze seiner ganzen natürlichen Keckheit, heuchelte die größte Zuversicht; alle paar Minuten streckte er den Arm gerade aus wie ein Wegweiser und rief mit heller Stimme: ‚Girgenti!‘ Bei den beiden Inglesi aber hatte er allen Glauben verloren; sie vertrauten nur noch ihren eigenen Augen, denen nichts sichtbar war als eine pfadlose Steinwüste mit spärlichen Pflanzen, und merkten immer deutlicher, daß nur ein absonderlicher Glücksfall sie noch vor Anbruch eines neuen Tages Girgenti erreichen lassen würde. Sie hätten gar nicht gewagt, weiter zu reiten, wenn nicht das Pferd des Signor Ernesto, sich selbst überlassen, mit großer Behutsamkeit seinen Weg durch die Finsterniß fortgesetzt hätte. Das Thier folgte seinem Instinkt, und der Reiter war klug genug, es gewähren zu lassen. Anders das Pferd der Signorina. Es zauderte unentschlossen, blieb allmählich zurück und stand endlich still. Die Signorina versuchte, es durch Zureden und Liebkosungen zum Weitergehen zu bewegen, doch ohne Erfolg. Auch einige gelinde Hiebe mit der Gerte fruchteten nichts; das Thier fürchtete sich und wollte nicht von der Stelle. Evelyn rief ihren Gefährten, doch erfolgte keine Antwort; der starke Wind, der sich inzwischen erhoben hatte, verwehte den Laut ihrer Stimme.

Sie war allein, in finsterer Nacht, in unbekannter Gegend, fern von jeder menschlichen Behausung. Beherzt, wie sie war, verlor sie indessen ihre Ruhe nicht. Nachdem sie sich ihre Lage klar gemacht hatte, glitt sie aus dem Sattel herab, das Pferd seinem Schicksal überlassend, und suchte tastend ein Felsstück oder ein Trümmergestein, das ihr als Sitz dienen konnte. Ziemlich bald gerieth sie an einen behauenen Steinblock, auf dessen Fläche sie sich nun niederließ. Sie beschloß, hier die Nacht zu durchwachen, an keine weitere Gefahr denkend als diejenige, gründlich durchnäßt zu werden, falls die am Himmel aufgethürmten Wolken sich entlüden. Die arme Signorina!“

Bescheidentlich erinnerte ich Donna Maria daran, daß sie versprochen habe, mir von Paolo Saviello zu erzählen.

„Ihr sollt nicht lange mehr auf ihn zu warten haben,“ erwiderte die würdige Dame etwas verstimmt. „Hört nur zu! – Nach einer Weile entdeckte Evelyn in einiger Entfernung einen Lichtschein, der dicht über dem Boden aus einer schmalen senkrechten Spalte fiel. Ohne Zögern setzte sie sich dorthin in Bewegung. Nur langsam kam sie vorwärts, trotz aller Vorsicht oftmals stolpernd. Doch verzagte sie nicht; unablässig strebte sie weiter nach dem Obdach, das ihr das Licht verkündete. Der Wind, der ihr stark entgegenblies, führte ihren Hut hinweg und löste ihr goldenes Haar aus den Fesseln, daß es lang hinter ihr hinausflatterte. Geraume Zeit dauerte es, bis sie in die Nähe ihres Zieles gelangte. Nun erkannte sie, daß sie sich vor dem Ruinenstück eines alten Bauwerkes befand, das an der ihr zugekehrten offenen Seite verhangen war. Eine gewaltige Steinplatte, quer über die Mauerreste gelagert, bildete eine Art von Dach. Evelyn hörte Stimmen und beeilte sich, über die letzten Hindernisse zu klettern, die sich ihr in Gestalt wild übereinander gehäufter Trümmer darboten. Eine Minute noch und sie hatte den in der Mitte getheilten Vorhang nach beiden Seiten zurückgeschoben und war in die Oeffnung getreten, plötzlich grell beleuchtet von der lodernden Flamme eines harzreichen Holzspans, der ihr gegenüber in einer Mauerlücke stak.“

Bis hierher hatte der Pater der Erzählung unserer beredtsamen Wirthin ohne sonderliches Interesse zugehört. Jetzt auf einmal ermunterte er sich und hob die Hand empor, Donna Maria Schweigen gebietend. Zu mir sich wendend nahm er das Wort: „In diesem Schlupfwinkel, den die englische Signorina ahnungslos betrat, befand sich, wie Ihr errathen haben werdet, Paolo Saviello. Zwei Gefährten, von denen der eine, ein in Sünden ergrauter Bursche, schwer verwundet war, theilten den Raum mit ihm. Der Bande des Räubers war der erste Unfall zugestoßen. In der Frühe hatten sie, ihrer vier an der Zahl, in der Nähe eine Diligenza anzuhalten versucht, ohne Widerstand zu erwarten. Da fielen aus den Fenstern wohlgezielte Schüsse, die einen der Räuber sofort töteten und einem andern die Brust zerrissen. Der Wagen fuhr eilends davon; Paolo und der Vierte luden den Verletzten auf ihre Gewehre und bargen ihn und sich in jener Ruine, die ihnen schon häufiger als Versteck gedient hatte. Doch war der Verwundete ein verlorener Mann; schon begann seine zerschossene Lunge den Dienst zu versagen; er konnte die Nacht nicht überleben. Ich habe Ihnen schon angedeutet, Signore, daß Paolo Saviello kein gewöhnlicher Bandit war. Er hatte, allerdings in einem schweren Irrthum befangen, seine Laufbahn damit begonnen, daß er sich beikommen ließ, an einzelnen zu rächen, was doch nur die Folge der unseligen Verhältnisse war. Dieser Irrthum führte ihn dann auf die abschüssige Bahn des Verbrechens. Als er zum ersten Mal sein Gewehr aus einem Hinterhalt abfeuerte, war er noch kein verlorener Mensch, da legte der Teufel erst eine Hand auf ihn. Ganz in seine Gewalt aber bekam er ihn, als Paolo der Beute wegen raubte.“

Ich hielt es für weise, gegen diese feine Unterscheidung des Paters nichts einzuwenden.

„Doch blieb das Gewissen in seiner Seele thätig,“ fuhr er fort. „Je tiefer Paolo sank, je wilder er sich nach außen hin zeigte, desto stärker wühlte und arbeitete es in ihm. Er hat mir später gestanden, daß er oft eine wahre Marter ausgehalten hätte. Oft packte ihn ein Entsetzen, und mit heißer Angst suchte er nach einem Auswege, der ihn zum Frieden führen möchte. Ueber einer langen beschwerlichen Wallfahrt sann er; er dachte daran, in ein Kloster einzutreten. Aus der Tiefe seines Innern aber trat ihm dann immer wieder die Ueberzeugung entgegen, daß keins dieser Mittel vermögen würde, die Erinnerung an seine Frevelthaten in ihm auszulöschen. Und voll von Grimm gegen sich selbst und alle Welt setzte er sein verbrecherisches Treiben fort: Da traf also ihn und seine Spießgesellen das erste ernstliche Mißgeschick. Einer tot, ein anderer sterbend! Als er neben dem verwundeten Kameraden saß und dem leisen Röcheln in dessen Brust lauschte, durchbrauste ihn ein Zuruf: ‚Das nächste Mal kommt’s an dich! Und wenn du so weit bist, wie der da in einer Stunde sein wird, dann wird ein Frohlocken aller Gerechten anheben, so weit man deinen Namen kennt. Denn nichts anderes bist du als ein wildes Thier, das in Gottes Schöpfung wüthet!‘ Und düster, von kalten Schauern gerüttelt, starrte er vor sich hin, auf die bunten Decken, mit denen der unwirthliche Raum verhangen war. In diesem Augenblick glitten die Decken auseinander, von unsichtbaren Händen bewegt, und ein Engel des Lichts stand vor ihm. Ein Mädchen war es von fremdartiger seltener Schönheit, umglänzt von der Glorie jugendlicher Unschuld und Reinheit. Daß diese Erscheinung von Fleisch und Blut sein könnte – dieser Gedanke kam ihm gar nicht. Erschrocken warf er sich auf die Knie und stammelte verwirrt: ‚Heilige Madonna … gebenedeite Jungfrau …‘

[595] Die Signorina lächelte den wilden Mann an, der ihr, von seiner Einbildungskraft hingerissen, den höchsten Tribut der Verehrung zollte. ‚Ich bin ein verirrtes Menschenkind,‘ sagte sie in ihrem fremden Accent, ‚Gewährt mir einen Platz für die Nacht unter Eurem Schutze und geleitet mich zurück nach Girgenti, sobald der Tag zu grauen anfängt!‘

Paolo sprang auf und berührte, noch immer zaghaft, die weißen Fingerspitzen, die sie ihm willig reichte. ‚Wer Ihr auch sein mögt, Madonna, ich bin Euer Knecht!‘ sagte er mit überquellender Empfindung. ‚Gebietet über mich!‘

Die Signorina hatte sich in dem engen seltsamen Raume umgesehen, worin links und rechts ein schlafender Mann ausgestreckt lag. ‚Wer seid Ihr?‘ fragte sie neugierig, ‚Arme Hirten,‘ antwortete Paolo verlegen. ‚Wir haben uns hier vor dem Unwetter geborgen.‘

‚Und jener Graubart dort – er ist so blaß – was fehlt ihm?‘

‚Er hat das Fieber,‘ lautete Paolos vorsichtige Auskunft. Während er dies sagte, erschrak er über den Gedanken, daß des Todes häßliches Grinsen die klaren Himmelsaugen seines Gastes treffen möchte. – ‚Ich will Euch ein Zimmerchen bereiten, worin Ihr allein sein werdet,‘ sagte er mit ängstlicher Hast. Und heftig rief er den schlafenden Dritten an: ‚Pietro, ermuntere Dich! Mach’ Raum; wir haben einen Gast bekommen!‘

Schlaftrunken kroch Pietro von seinem Lager empor und warf begehrliche Blicke auf das Geschmeide, das die Signorina an sich trug. Mit einem Fluche wandte er sich an Paolo: ‚Wo hat der Teufel die hergeführt?‘ Paolo schämte sich der Roheit des Gefährten. ‚Schweig und hilf mir,‘ zischte er zwischen den Zähnen hervor. ‚Sie soll behandelt werden, als wenn sie die Madonna selber wäre!‘ Er löste den Strick, woran der Vorhang befestigt war, und spannte ihn so, daß der eingeschlossene Winkel von dem Sterbenden getrennt war. Pietro stand abseits, an die Mauer gelehnt, und beobachtete mit finsterem Blick und höhnischem Lächeln das ihm unverständliche Treiben des Hauptmanns. Paolo breitete seinen Mantel auf den Boden und trat zurück. ‚Dies sei Euer Schlafzimmer, Madonna,‘ sagte er. ‚Könnte ich diese Steine zu Daunen machen und diesen Mantel zu einer seidenen Decke, ich thät’ es.‘

‚Und wo bleibt Ihr?‘ fragte sie.

‚Ich wache über Euch,‘ war Paolos Antwort.

‚Wo wäre denn hier Gefahr?‘ erwiderte Evelyn lächelnd. ‚Aber ich danke Euch, Ihr seid ein braver Mann! Gute Nacht!‘

Die beiden Banditen zogen sich zurück. Draußen kauerten sie nieder; keiner sprach ein Wort. Auch der Verwundete hatte aufgehört, zu stöhnen. Der Holzspan erlosch. Einzelne Tropfen fielen draußen nieder; noch eine Viertelstunde und der Regen klatschte schwer auf die Steintrümmer und durchnäßte die ungeschützten Männer. Unruhig wand sich Pietro. Endlich zischte er leise: ,Wie lange soll die Komödie noch dauern? Laß uns ein Ende machen mit dem Bambino, damit wir ins Trockene kommen!‘ Paolo aber rief mit mühsam niedergedrückter Wuth: ‚Versuch’ auch nur, ihren Schlaf zu stören, und Du hast es mit mir zu thun!‘

Eine Weile verhielt sich der andere ruhig. Dann begann er, in der Richtung des Vorhangs davonzukriechen. Paolo hörte es; ingrimmig flüsterte er: ‚Rühre Dich nicht weiter, sonst schlägt Deine letzte Stunde!‘ ‚Du bist ein altes Weib geworden, Paolo!‘ Und Pietro setzte seinen Weg fort. Da stürzte Paolo sich stumm auf ihn, das rasch gezogene Messer in der Faust. Auf den Knien liegend, empfing ihn sein Gefährte und führte einen Stoß von unten gegen den Angreifer. Der Stahl traf eine Rippe und glitt ab. Im nächsten Augenblick war Pietro zu Boden geschleudert und das Messer des Hauptmanns saß in seinem Herzen. Paolo lauschte. Nichts regte sich hinter dem Vorhange. ‚Gebenedeit sei die heilige Jungfrau!‘ brach es wie ein Dankgebet aus ihm hervor. Dann entfernte er sich leise von der Leiche und kehrte an seinen Platz zurück.

Langsam rückte die Nacht vor. In Saviello aber arbeitete es mächtig. Plötzlich wurde ihm die Erleuchtung, die er suchte. ‚Dieser sei der letzte,‘ murmelte er vor sich hin. ,Von ihm braucht niemand zu wissen. Aber die anderen!‘ Ein unsäglicher Ekel vor sich selbst ergriff ihn. In dem Himmelslichte der Reinheit und Unschuld, das mit Evelyns Erscheinen in die verfinsterte Seele des Verlorenen gefallen war, erkannte er mit Grausen seine Nichtswürdigkeit und die entsetzliche Größe seiner Schuld. ‚Sühnen mußt du, was du verbrochen!‘ schrie es in ihm. Und stumm beugte er sein Haupt. ,Dein Leben ist verwirkt!‘ sagte die Stimme. ‚Gieb es hin, und die Gnade kann dich vor ewiger Verdammniß retten!‘ Auf die Knie warf er sich. ,Heilige Jungfrau, bitte für mich!‘

Unterdessen waren die Regenwolken vorübergezogen. Frischer ward die Luft, das Gekreisch des Nachtgevögels war verklungen; geheimnißvoll bereitete sich im Osten der Morgen vor, eine leichte graue Dämmerung vor sich hersendend. Paolo raffte sich empor und lud den Getöteten auf seine Schulter. Sie durfte ihn nicht sehen, wenn sie erwachte. Seitab in einer Lücke des Gesteins verbarg er ihn und bedeckte die Leiche mit Trümmerstücken. Dann kehrte er zurück und wartete, den Tag herbeisehnend, der ihm das Heil bringen sollte. – Immer noch blieb es still hinter dem Vorhang. Friedlich, als ob sie sich von Engelscharen bewacht wüßte, schlummerte das Mädchen in dem Schlupfwinkel der Banditen.

Hell wurde es und immer heller. Und endlich tauchte die Sonne aus dem Meere hervor und sandte ihre goldenen Strahlen empor zu Siciliens Bergen. Da, blendend schön wie der junge Tag, trat Evelyn hervor, mit großen verzückten Augen in die wiedergeborene Welt schauend. Paolo starrte die Fremde an wie ein neues Wunder. Erst als sie sich nach dem Kranken erkundigte, sprang er auf, ihr den Blick auf den Gestorbenen versperrend. ‚Er schlummert in Frieden, Madonna,‘ antwortete er mit gesenkten Augen. Dann raffte er sich auf. ‚Seid Ihr bereit? Man wird in Sorge um Euch sein in Girgenti!‘

In einiger Entfernung irrte das Pferd der Signorina umher, zwischen den Steinen das harte Gras suchend. Paolo fing es ein und half ihr hinauf. Rüstig schritt er nebenher, als wenn er einem Feste entgegenginge. Als die Stadt in Sicht kam, erklärte er, sein Führeramt sei zu Ende. Die Signorina forderte ihm das Versprechen ab, eine Belohnung zu holen, Er aber bat demüthig: ‚Schenkt mir einen Eurer Handschuhe, Madonna.‘ Und als er ihn empfangen, küßte er ihn und barg ihn auf seiner Brust. Dort hat er ihn getragen bis zu seinem Ende.

Am Abend jenes Tages stahl Paolo sich zu mir und beichtete. Ehe er von mir ging, segnete ich sein Vorhaben. Gleich darauf hat das Gefängniß ihn aufgenommen.“

Der Pater hatte geendet und sank wieder in sich zurück.

Donna Maria ergänzte: „Erst Wochen nachher hat die Signorina gehört, in welcher Gefahr sie geschwebt hat. Niemand mochte es ihr sagen, In einer englischen Zeitung fand sie die Geschichte ihrer Begegnung mit Paolo Saviello; sogar ihr Name war genannt. Da ist sie doch nachträglich gewaltig erschrocken und ihr Vater hat sie schleunigst nach England senden müssen, da sie selbst in ihrem wohlverwahrten Hause keinen Schlaf mehr zu finden vermochte.“

Nochmals erhob der Pater sein Haupt. „Ich habe Saviello den Schmerz nicht anthun mögen, ihm dies mitzutheilen,“ sagte er. „Die englische Signorina lebte in seinem Gedächtniß als ein höheres Wesen, zu dessen Verehrung sich alles Gute in ihm vereinigte. Das einzige gütige Wort, das der arme Bursche seit seiner Kindheit gehöt hatte, war von ihren Lippen gefallen. ‚Ihr seid ein braver Mann!‘ hatte sie ihm gesagt. Das klang ihm in den Ohren wie himmlisches Geläute. Ich konnte die Grausamkeit nicht begehen, ihm zu eröffnen: auch sie fürchtet Dich jetzt, auch ihr schaudert vor Dir. Nein, ich schwieg; ich ließ es sogar geschehen, daß er sie und die Himmelskönigin, unsere gebenedeite Jungfrau, durcheinander wirrte. Sollte ich ihm nehmen, was ihm Trost gab, was ihm den dunklen Pfad erhellte, den er gehen mußte? – Er hatte den Namen der Fremden von mir erfahren. Heute morgen auf dem Schafott, während ich ihm leise zusprach, zog er den Handschuh hervor und drückte ihn an die Lippen. Ehe ihm die Hände auf dem Rücken gefesselt wurden, gab er ihn mir. ‚Erzählt ihr von meinem Ende,‘ bat er, ‚wenn Ihr dies Geschenk zurückgebt.‘ Und ein wenig später, als die Binde schon über seinen Augen lag, hörte ich ihn flüstern: ‚Heilige Madonna, bitte für mich!‘ Es waren seine letzten Worte; eine Minute später hatte seine Seele die Erde verlassen.“


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Blätter und Blüthen.


In der Garnfärberei. (Zu dem Bilde S. 593.) Wir befinden uns in den vom Dampf der Farbenbrühe erfüllten Räumen einer Garnfärberei, durch deren Fenster die Sonne freundlich hereinscheint. Große, aus Holz gezimmerte Bütten dienen zur Aufnahme der heißen Farbstofflösungen oder Beizen, durch deren Einwirkung auf die Strähne deren Farben hervorgebracht werden. Die Strähne sind auf hölzerne Stangen geschoben, mittels deren sie, eine neben der andern, in die Bütten getaucht werden. Im Vordergrund des Bildes sind zwei Färber im Begriff, diese Arbeit zu vollziehen. Ist’s der Meister oder der Altgeselle, der mit seinem jüngeren Gegenüber hantiert? Denn daß wir eine Färberei alten Schlages vor uns haben, ist beim ersten Blicke ersichtlich – ein Bild aus der Zeit, wo Indigo, Galläpfel, Eisenvitriol, Brasilienholz, Krapp, Waid, Cochenille und Orseille die Hauptrolle spielten. Da war der Färbermeister noch auf des Urgroßvaters Rezeptbuch angewiesen, das mit geheimnißvollen runenartigen Zeichen und lateinischen Wörtern gespickt war, das von ihm als ein Heiligthum verehrt und vor jedem fremden Blicke ängstlich gehütet wurde. Und wenn’s zur Messe ging nach Frankfurt mit dem ganzen Warenlager, oder auf die Reise zu den Kunden, stolz zu Roß, mit den Pistolen in der Satteltasche, dann färbte sich der Meister vorher die Hände in der irischen Indigoküpe tiefblau, um bei seinen Kunden einen Vertrauen erweckenden „zünftigen“ Eindruck zu machen; denn ohne dergleichen wäre des Meisters Solidität von der Kundschaft bedenklich angezweifelt worden.

In unseren Tagen hat sich die Sache gewaltig geändert; die Großindustrie hat sowohl von der Herstellung der Farben als auch von der Ausfärbung selbst den Löwenantheil an sich gerissen. Nachdem die Chemie ihre Aufmerksamkeit auf die Färberei gerichtet hatte, wurden zunächst die bis dahin gebräuchlichen Färbeverfahren wissenschaftlich erklärt und von den unwesentlichen Zuthaten befreit. Dann folgten die großartigen Fortschritte, die sich auf die Verwendung der Metallsalze und insbesondere der Chromverbindungen gründeten, sowie die Färbungen mit Pikrin, Alizarin und andern Chemikalien. Aber eine vollständige Umwälzung in der Färberei wurde durch die in den fünfziger Jahren erfolgte Entdeckung des kürzlich verstorbenen A. W. Hofmann eingeleitet, nach welcher aus dem bisher unbeachteten und lästigen Nebenprodukte der Gasfabriken, dem Steinkohlentheer, die glänzendsten Farbstoffe hergestellt wurden; es sind dies die Anilinfarben.

Eine unabsehbare Reihe der zartesten Farben und Farbentöne in allen Abstufungen wurde der Färberei in den Anilinfarben zur Verfügung gestellt, die heute, dank den Anstregungen der Chemiker, nicht nur giftfrei (ohne Arsenik), sondern auch luft- und lichtecht dargestellt werden, so daß allgemach die früher mit Recht erhobenen Einwände gegen die Anilinfarben verstummen. Wohl keine Erfindung hat mit so raschem Siegeslauf die Welt erobert, als die Anilinfarben es vermochten; und wenn der Wollzüchter in den entlegensten Theilen Australiens seine Herden zur Weide treibt, so kann man sicher sein, daß die Schafe mit Anilinfarbe gezeichnet sind.

Auch alle Hilfsmittel der neueren Technik haben sich die riesengroßen Farbenfabriken und Färbereien dienstbar gemacht. Die alten Holzbütten sind durch Bottiche aus solchen Metallen ersetzt, die dem Farbstoff gegenüber keine schädliche Wirkung ausüben. Das Vorwaschen, Eintauchen, Beizen, Anwärmen, Auswaschen und Trocknen geschieht alles mit großen Maschinen, mit Dampf, mit Schleudermaschinen und dergleichen Hilfsmitteln. Nur noch in kleineren Betrieben von mehr örtlicher Bedeutung hat sich das alte Verfahren erhalten, allerdings stark beeinflußt von den Fortschritten der neueren Technik.

Es wird das Bestreben der Färber sein müssen, sich die Errungenschaften der Farbenchemie und der Färbereitechnik anzueignen, damit sie sich – die auch im kleinen vollkommen lelstungsfähig sind – ihr ferneres Bestehen sichern. Dann mag die Sonne fröhlich weiter in ihre regsame Werkstatt scheinen! H.     

Hat er Talent? (Zu dem Bilde S. 585.) Hat er Talent ... oder gehört er zu jenen Unglücklichen, welche durch falschen Trieb und allzu eifrige Familienbewunderung auf den Irrweg der Kunst verlockt werden, um dann statt der geträumten glänzenden Laufbahn Noth und Bitterkeit einer verfehlteu Existenz zu finden? Wir wollen das nicht hoffen. Zwar die Mutter im Trauerkleid, deren leidgewohnte Züge die Spuren früherer Schönheit zeigen sie wird nicht unparteiischer als andere Witwen über ihren „Einzigen“ urtheilen. Aber sie sieht aus wie eine verständige Frau, und deshalb hängen ihre Augen voll Spannung an dem Gesicht des Meisters, der mit gewissenhafter Sorgfalt die vorgelegten Blätter prüft. Sein bescheidenes Atelier vermöchte sie wohl zu belehren, wie es mit dem durch Kunst zu erwerbenden Reichthum oft genug aussieht, aber soweit denkt sie nicht, für sie handelt es sich jetzt einzig darum, ob ihr geliebter August seinen Herzenswunsch verwirklichen, ob sie sorgen und entbehren darf, um dies möglich zu machen? Sehr künstlerisch veranlagt sieht er allerdings nicht aus, der frische Junge mit den der Mutter so ähnlichen Zügen, wie er in bescheidenem Selbstgefühl die Wirkung seines jüngsten und besten Werkes, das die gesamte Hausgenossenschaft hoch bewundert hat, auf den Künstler erwartet. Es ist die Kopie nach einem Kupferstich, etwas Hervorragendes, wie August im stillen denkt – aber der sie in der Hand hält, bleibt lange, lange still. Endlich richtet er den Kopf in die Höhe und sagt: „Mein lieber Junge, das ist alles brav und ordentlich gemacht. Aber zur Kunst, zur wirklichen und echten, gehört noch weit mehr. Da darf einer nicht erst fragen: habe ich Talent? Da muß er gewiß wissen, daß er gar nicht anders könne, als fortwährend zeichnen, den ganzen Tag, und daß er steinunglücklich wäre, wenn er’s nicht dürfte. Und was er macht, muß anders aussehen als Dein zahmer Jüngling hier, selbst wenn es viel weniger geschickt aufgefaßt wäre. Du hast Talent, mein Junge – zum Sonntagsnachmittags-Zeichnen. Dabei bleibe, und im übrigen ergreife einen Beruf, der Dich ernährt und die Sorgen Deiner Mutter vermindert, statt sie ins Ungemessene zu vermehren! Viel besser ein einfacher Handwerker als ein mißrathener Künstler. Das sagt Dir einer, der schon viele am Talent-Wahn hinsiechen und zuletzt traurig untergehen sah.“ Ob wohl Mutter und Sohn diesen bitter klingenden, aber guten Rath beherzigen werden? Bn.     


Kleiner Briefkasten.

(Anfragen ohne vollständige Angabe von Namen und Wohnung werden nicht berücksichtigt.)

K. P. in Berlin. Das System Mayrhofer für Normaluhren besteht darin, daß verschiedene räumlich von einander getrennte Uhren mit selbständigen Gehwerken auf elektrischem Wege von einem Mittelpunkt aus in kurzen Zwischenräumen in ihrem Gange selbstthätig kontroliert und richtig gestellt werden, so daß dieselben stets die richtige Zeit mit Abweichungen von höchstens einer halben Minute angeben. Derartige Normaluhren sind in Berlin und anderen größeren Städten mit mehreren Bahnhöfen aufgestellt und, namentlich wenn die Bahnuhren mit einbezogen werden, von hervorragender Wichtigkeit.

E. S. in Trebbin. Wir bedauern, von Ihrem Manuskript keinen Gebrauch machen zu können.


Inhalt: „Um meinetwillen!“ Novelle von Marie Bernhard (2. Fortsetzung). S. 581. – Seerosen. Bild. S. 581. – Hat er Talent? Bild. S. 585. – Hut und Halsbinde. Von Dr. J. Herm. Baas. S. 586. – Runen. Gedicht von Richard Zoozmann. Mit Bild. S. 589. – „Wenn du noch eine Heimath hast ...“. Eine Erinnerung von P. K. Rosegger. S. 589. – Paolo Saviello. Novellette von Wilhelm Berger. S. 591. – In der Garnfärberei. Bild. S. 593. – Blätter und Blüthen: In der Garnfärberei. S. 596. (Zu dem Bilde S. 593.) – Hat er Talent? S. 596. (Zu dem Bilde S. 585.) – Kleiner Briefkasten. S. 596.



Soeben ist erschienen und durch die meisten Buchhandlungen zu beziehen:
Gartenlaube-Kalender.
für das Jahr 1894.
Neunter Jahrgang. Mit zahlreichen Illustrationen.
Preis in elegantem Ganzleinenband 1 Mark.

In neuem, dem modernen Geschmack Rechnung tragenden Gewande erscheint diesmal der „Gartenlaube-Kalender“ und weist wiederum eine Fülle vortrefflicher Beiträge in Wort und Bild auf. Derselbe bringt u. a. die neueste Erzählung von W. Heimburg: „Das Raupenhäuschen“ mit Illustrationen von W. Claudius, eine reizende illustrierte Humoreske von Hans Arnold: „Der Waschtag“, unterhaltende und belehrende Beiträge von Hermann Weger, H. Ferschke, Dr. A. Kühner u. a., ferner zahlreiche Illustrationen von hervorragenden Künstlern, Humoristisches in Wort und Bild und viele praktische und wertvolle Kalender-Notizen und Tabellen zum Nachschlagen bei Fragen des täglichen Lebens.

Bestellungen auf den Gartenlaube–Kalender 1894 nimmt die Buchhandlung entgegen, welche die „Gartenlaube“ liefert. Post-Abonnenten können den Kalender durch jede Buchhandlung beziehen oder gegen Einsendung von 1 Mark und 20 Pf. (für Porto) in Briefmarken direkt franko von der Verlagshandlung: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig. 



Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kröner.0 Verlag von Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig.0 Druck von A. Wiede in Leipzig.

  1. Es befindet sich im Jahrgang 1856 der „Gartenlaube“, S. 705
    D. Red.