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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1888
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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[485]
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Die Alpenfee.
Roman von E. Werner.
 (Fortsetzung.)

Frau von Lasberg, die mit Alice eingetreten war, zeigte eine gewisse ergebungsvolle Miene; denn sie begrub an dem heutigen Tag einen Lieblingswunsch. Sie hatte fest darauf gerechnet, Alice, die sie ganz in ihrem Sinne erzogen hatte, dereinst in die Reihen der Aristokratie einzuführen, und einer der vornehmen Bewerber, der einem alten Grafenhause entstammte, erfreute sich ihrer ganz besonderen Begünstigung – und jetzt trug Wolfgang Elmhorst den Preis davon! Er war freilich der einzige Mensch, dem Frau von Lasberg das verzieh, denn er hatte es längst verstanden, auch sie zu gewinnen; aber es blieb nichts desto weniger eine schmerzliche Thatsache, daß dieser Mann, der so ganz zum Kavalier geschaffen war und an dessen Persönlichkeit selbst die gestrenge Frau Oberhofmeisterin nichts auszusetzen fand, einen einfach bürgerlichen Namen trug.

Alice, in einem Atlaskleide von zartblauer Farbe, mit überreichem Spitzenbesatz und langer Schleppe, sah nicht besonders vortheilhaft aus. Der schwere Faltenwurf des kostbaren Stoffes schien die zarte Gestalt förmlich zu erdrücken, und die Diamanten, welche an Hals und Armen funkelten, ein Geschenk des Vaters zu dem heutigen Festtage, vermochten es nicht, das Matte, Farblose der ganzen Erscheinung zu heben. Sie war nun einmal nicht geschaffen für einen solchen Rahmen; ein luftiges, blumengeschmücktes Ballkleid hätte ihr viel besser gestanden.

Wolfgang ging rasch seiner Braut entgegen und zog ihre Hand an seine Lippen. Er war voll zarter Aufmerksamkeit gegen sie, voll Artigkeit gegen die Baronin Lasberg, aber die Wolke auf seiner Stirn wich erst, als der Präsident zurückkam und gleichzeitig die ersten Gäste vorfuhren. Allmählich begannen sich die Säle zu füllen mit einer in jeder Hinsicht glänzenden Versammlung. Es waren in der That die ersten Persönlichkeiten der Hauptstadt, die sich hier zusammenfanden. Geburts- und Geistesadel, Finanzwelt und Kunst, Militär und höheres Beamtenthum waren mit ihren besten Namen vertreten. Neben den kostbarsten Toiletten, die an Pracht einander überboten, blitzten zahlreiche Uniformen, und das alles schimmerte, wogte und rauschte durch einander – die Gesellschaft entsprach vollkommen dem Glanze, den das Nordheimsche Haus bei dieser Gelegenheit entfaltete.

Den Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit bildete selbstverständlich das Brautpaar, oder vielmehr der Bräutigam, der den meisten noch gänzlich unbekannt war und eben deshalb ein verdoppeltes Interesse erregte. Er war ja ein schöner Mann, dieser Wolfgang Elmhorst, das ließ sich nicht leugnen, und man zweifelte auch nicht an seiner Begabung und seinem Talente; aber mit diesen Eigenschaften allein gewann man doch nicht die Hand einer der reichsten Erbinnen, die ganz andere Ansprüche erheben konnte. Und dabei schien der junge Mann sein unerhörtes Glück, das jeden andern berauscht hätte, durchaus selbstverständlich zu finden! Auch nicht die leiseste Unsicherheit oder Befangenheit verrieth, daß er sich zum ersten Male in diesem glänzenden Kreise bewegte. Seine Braut am Arme, stand er ruhig und stolz neben dem künftigen Schwiegervater, ließ sich vorstellen, empfing und beantwortete jeden Glückwunsch mit der gleichen Artigkeit und fand sich mit der Hauptrolle, die der heutige Tag ihm auferlegte, in bewundernswerther Weise ab. Er war so ganz der Sohn des Hauses, der


Die Kinderpflegeanstalt in Norderney.

[486] mit aller Entschiedenheit die ihm zukommende Stellung in Anspruch nahm, und bisweilen sah es aus, als nehme er die Vorstellung der gesammten Gesellschaft entgegen.

Unter den Gästen befand sich auch der Oberregierungsrath von Ernsthausen, ein vornehmer, steifer Bureaukrat, der heute ohne seine Gemahlin erschienen war, aber dafür sein Töchterlein am Arme führte. Die kleine Baroneß sah reizend aus in dem luftigen, rosigen Ballanzuge mit dem Kranz von Schneeglöckchen in den krausen schwarzen Locken, und sie strahlte förmlich vor Freude und Triumph darüber, daß sie nach heißen Kämpfen den Besuch des Festes doch durchgesetzt hatte. Die Eltern hatten sie anfangs davon ausschließen wollen, weil auch Doktor Gersdorf eingeladen war und sie erneute Annäherungsversuche von dieser Seite fürchteten. Jedenfalls war der Herr Papa gewappnet und gerüstet gegen die feindliche Macht; er ging wie eine Schutzwache neben seiner Tochter her und hielt ihren Arm so fest, als wolle er ihn während des ganzen Abends nicht wieder loslassen.

Der Doktor schien aber nicht gesonnen, sich einer erneuten Zurückweisung auszusetzen, und begnügte sich mit einem artigen Gruße aus der Ferne, den Baron Ernsthausen sehr steif erwiderte. Wally neigte das Köpfchen so ernsthaft und verständig, als sei sie ganz einverstanden mit der väterlichen Eskorte; natürlich hatte sie ihren Feldzugsplan längst entworfen und machte sich sofort an die Ausführung, mit einer Energie, die nichts zu wünschen übrig ließ.

Sie umarmte und beglückwünschte zunächst die Braut, wobei sie nothgedrungen den Arm des Vaters loslassen mußte, begrüßte dann Frau von Lasberg mit größter Liebenswürdigkeit, was die alte Dame ziemlich kühl aufnahm, und ward endlich von einer überströmenden Zärtlichkeit für Erna ergriffen, die sie denn auch glücklich bei Seite zog. Der Oberregierungsrath blickte ihnen etwas argwöhnisch nach; da aber Gersdorf ruhig am anderen Ende des Saales blieb, so beruhigte auch er sich wieder und glaubte seines Hüteramtes trefflich zu walten, wenn er den Feind unausgesetzt im Auge behielt. Er ahnte nicht, welcher arglistige Streich hinter seinem Rücken geplant und ausgeführt wurde.

Das Geflüster in der Fensternische dauerte nicht lange, dann verschwand Fräulein von Thurgau plötzlich aus dem Saale, während Wally ganz unbefangen zu dem Vater zurückkehrte und sich mit einigen Bekannten in eine angelegentliche Unterhaltung vertiefte. Sie sah es aber trotzdem recht gut, daß Erna nach Verlauf von einigen Minuten zurückkehrte, sich dem Doktor Gersdorf näherte und ihm einige leise Worte sagte. Er sah etwas überrascht auf, verneigte sich aber zustimmend und die kleine Baroneß breitete triumphirend ihren Fächer aus. Die Aktion war eingeleitet und der Herr Papa matt gesetzt für den größten Theil des Abends.

Der Präsident vermißte inzwischen seine Nichte und sah sich ungeduldig nach ihr um. Er sprach mit einem Herrn, der soeben erst in den Saal getreten war und jedenfalls nicht zu den gewöhnlichen Gästen des Hauses gehörte. Derselbe mußte aber wohl besondere Rücksichten beanspruchen können, denn Nordheim empfing und behandelte ihn mit einer Auszeichnung, die er nur sehr wenigen Persönlichkeiten zu theil werden ließ. Erna war kaum wieder sichtbar geworden und in seine Nähe gekommen, als er mit seinem Begleiter aus sie zutrat und diesen vorstellte.

„Herr Ernst Waltenberg, dessen Namen ich Dir bereits genannt habe – meine Nichte, Fräulein von Thurgau.“

„Ich hatte das Unglück, die Damen bei meinem gestrigen Besuche zu verfehlen, und bin daher dem gnädigen Fräulein noch ganz fremd,“ sagte Waltenberg, sich artig verneigend.

„Nicht doch, ich habe bei Tische viel von Ihnen erzählt,“ fiel Nordheim rasch ein. „Ein Weltfahrer wie Sie, der schon die ganze Erde umkreist hat und direkt aus Persien kommt, ist immer eine interessante Persönlichkeit für die Damen und in meiner Nichte kann ich Ihnen noch eine besonders aufmerksame Zuhörerin versprechen, wenn Sie von Ihren Erlebnissen erzählen. Das Seltsame und Ungewöhnliche ist ganz ihr Geschmack.“

„In der That, gnädiges Fräulein?“ fragte Waltenberg, dessen Augen mit unverhohlener Bewunderung an den Zügen des schönen Mädchens hingen. Nordheim bemerkte das und lächelte; ohne seiner Nichte Zeit zu einer Antwort zu lassen, fuhr er fort:

„Verlassen Sie sich darauf. Aber wir müssen vor allen Dingen versuchen, Sie wieder etwas heimischer in Europa zu machen, dem Sie gänzlich fremd geworden sind. Es wird mich freuen, wenn mein Haus etwas dazu beitragen kann; Sie wissen ja, daß es Ihnen immer offen steht.“

Er reichte seinem Gaste in der zuvorkommendsten Weise die Hand und trat dann zurück. Es lag eine gewisse Absichtlichkeit in der Art, wie er die beiden einander näherte und sie sich dann selbst überließ; aber Erna bemerkte das nicht. Sie hatte die Vorstellung gleichgültig hingenommen; überseeische Fremde waren keine Seltenheit im Nordheimschen Hause, welches überall Verbindungen hatte; doch der flüchtige Blick, mit dem sie den Gast musterte, blieb gefesselt haften an diesen eigenartigen Zügen.

Ernst Waltenberg war kein junger Mann mehr, er stand im Anfange der Vierzig und seiner nicht allzugroßen, aber sehnigen Gestalt sah man es an, daß er Anstrengungen und Gefahren gewachsen war. Das dunkle Antlitz mit seiner tiefbraunen Färbung verrieth den jahrelangen Aufenthalt in den Tropenländern; es war durchaus nicht schön, aber um so ausdrucksvoller und zeigte jene tiefen Linien, welche nicht die Jahre, sondern die Erfahrungen den Menschengesichtern einzuprägen pflegen. Das krause tiefschwarze Haar umgab eine breite Stirn mit dichten schwarzen Brauen, die stahlgrauen Augen hatten einen düsteren Blick und doch schienen sie aufflammen zu können in voller Leidenschaft: das sah man an ihrem gelegentlichen Aufblitzen. In der ganzen Erscheinung lag etwas Ungewöhnliches, Fremdartiges, das sich scharf und bedeutsam unterschied von all den glänzenden, aber meist sehr uninteressanten Gestalten, die hier durch die Säle flutheten. Auch die Stimme hatte einen eigenthümlichen Tonfall; sie klang tief, aber gleichfalls fremdartig, vielleicht infolge der langen Gewöhnung an andere Sprachen. Jedenfalls war Waltenberg vollkommen vertraut mit den gesellschaftlichen Formen; die Art, wie er neben Fräulein von Thurgau Platz nahm und die Unterhaltung führte, verrieth den Weltmann.

„Sie kommen aus Persien zurück?“ fragte Erna, an die Worte ihres Onkels anknüpfend.

„Ja, gnädiges Fräulein, dort war ich zuletzt wenigstens. Es sind mehr als zehn Jahre, daß ich den europäischen Boden nicht betreten habe.“

„Und doch sind Sie ein Deutscher? Vermutlich hielt Ihr Beruf Sie so lange fern?“

„Mein Beruf?“ wiederholte Waltenberg mit einem flüchtigen Lächeln. „Nein, ich folgte darin nur meiner eigenen Neigung. Ich gehöre nicht zu den seßhaften Naturen, die in Haus und Heimath festwurzeln; mich hat es von jeher hinausgezogen in die weite Welt und ich habe diesem Drange schrankenlos nachgegeben.“

„Und haben Sie in diesem ganzen Jahrzehnt niemals Heimweh empfunden?“

„Offen gestanden, nein! Man entwöhnt sich nachgerade von der Heimat und ihren Beziehungen und wird schließlich fremd darin. Ich bin auch jetzt nur zurückgekommen, um geschäftliche und persönliche Angelegenheiten zu ordnen, und glaube kaum, daß mein Aufenthalt von langer Dauer sein wird. Mich fesselt so auch hier keine Familie, ich stehe allein.“

„Aber das Vaterland selbst sollte Sie doch fesseln,“ warf Erna ein.

„Vielleicht, aber ich bin bescheiden genug, zu glauben, daß es mich nicht braucht. Es sind so viele Bessere da.“

„Und Sie brauchen Ihr Vaterland gleichfalls nicht?“

Die Bemerkung war etwas ungewöhnlich für eine junge Dame und Waltenberg sah in der That überrascht auf; aber der Blick, der dem seinigen begegnete, verschärfte noch den Tadel, der in jenen Worten lag.

„Sie sind darüber entrüstet, mein Fräulein, ich sehe es,“ sagte er ernster. „Trotzdem muß ich mich schuldig bekennen. Aber glauben Sie mir, ein Leben, wie ich es jahrelang geführt habe, frei von allen Schranken und Fesseln, inmitten einer Natur, die in verschwenderischer Fülle prangt, wo die unserige mit jeder Blüthe kargt, das wirkt wie ein berauschender Zaubertrank. Wer einmal davon gekostet hat, der kann ihn nicht wieder entbehren. Wenn ich wirklich dauernd zurückkehren müßte in dies Schein- und Formenwesen der sogenannten Gesellschaft, unter diesen grauen winterlichen Himmel, ich glaube – doch das sind ketzerische Ansichten in den Augen einer gefeierten jungen Dame, die im Mittelpunkte dieser Gesellschaft steht.“

[487] „Und die Sie doch vielleicht versteht,“ sagte Erna mit aufwallender Bitterkeit. „Ich bin in den Bergen aufgewachsen, in der mächtigen Einsamkeit des Hochgebirges, fern von der Welt und ihrem Treiben, und ich entbehre sie schwer, sehr schwer, die sonnige, goldige Freiheit meiner Kindertage!“

„Auch hier?“ fragte Waltenberg, indem er auf die lichtstrahlenden Säle deutete, wo die Gesellschaft plaudernd und lachend auf und nieder wogte.

„Grade hier am meisten!“

Die Antwort klang leise, kaum hörbar und es war ein eigenthümlich müder und trauriger Blick, der durch das glänzende Gewühl streifte; aber schon im nächsten Augenblick schien die junge Dame zu bereuen, daß sie sich zu diesem halb unwillkürlichen Geständnisse hatte hinreißen lassen, denn sie brach plötzlich ab und sagte scherzend:

„Doch Sie haben recht, das sind ketzerische Ansichten, und mein Onkel würde sehr wenig damit einverstanden sein; er beabsichtigt ja im Gegentheil, Sie in unserer Gesellschaft wieder heimisch zu machen. – Darf ich Sie mit dem Herrn dort bekannt machen? Es ist eine unserer ersten Berühmtheiten, die Sie sicher interessiren wird.“

Ihre Absicht, eine Unterhaltung zu beenden, die eine so ungewöhnlich ernste Richtung genommen hatte, war deutlich genug. Waltenberg verneigte sich zustimmend, aber es lag ein unverkennbarer Ausdruck von Mißvergnügen auf seinem Gesichte, als er der Berühmtheit vorgestellt wurde, und sein Gespräch mit derselben dauerte kaum einige Minuten. Dann suchte er den Doktor Gersdorf auf, einen von den Wenigen, die er noch aus früherer Zeit kannte; sie waren alte Universitätsfreunde.

„Nun, Ernst, Du fängst wohl nachgrade an, Dich hier bei uns zu akklimatisiren?“ rief ihm der Rechtsanwalt entgegen. „Du hast Dich ja sehr eingehend mit Fräulein von Thurgau unterhalten! Ein schönes Mädchen, nicht wahr?“

„Ja, und es verlohnt sich sogar der Mühe, mit ihr zu reden,“ erwiderte Ernst, während er mit dem Freunde etwas abseits trat. Dieser lachte und sagte in gedämpftem Tone: „Ein artiges Kompliment für die anderen Damen! Mit denen zu sprechen lohnt es wohl der Mühe nicht?“

„Nein,“ erklärte Waltenberg kühl, aber gleichfalls in leiserem Tone. „Ich wenigstens gewinne es nicht über mich, den ganzen Abend lang inhaltlose Phrasen zu hören und zu beantworten. In der Nähe des Brautpaares ergeht man sich ganz besonders darin. Welch ein Schwall von nichtssagenden Redensarten! Uebrigens sieht die junge Braut recht unbedeutend aus und sie scheint auch etwas beschränkter Natur zu sein.“

Gersdorf zuckte die Achseln.

„Sie heißt aber Alice Nordheim und das fiel wohl allein ins Gewicht bei dem Bräutigam. Es giebt hier im Saale manchen, der mit ihm tauschen möchte; er war aber klug genug, sich die Gunst des Vaters zu sichern, und damit gewann er den Preis.“

„Eine Geldheirath also? Ein bloßer Streber?“

„Wenn Du willst – ja, aber jedenfalls einer von den energischen und begabten, die ihres Erfolges sicher sind. Er regiert bereits die sämmtlichen Beamten seiner Bahn ebenso absolut, wie sein künftiger Schwiegervater den Verwaltungsrath, und wenn Du sein Riesenwerk, die Wolkensteiner Brücke, siehst, so wirst Du zugestehen, daß sein Talent nicht zu den gewöhnlichen gehört.“

„Gleichviel, mir ist jedes Streberthum verhaßt in tiefster Seele,“ sagte Waltenberg verächtlich. „Dem Unbedeutenden mag es noch hingehen, er hat überhaupt keinen Anspruch auf Beachtung; aber dieser Elmhorst sieht aus wie ein Charakter und verkauft sich und seine Freiheit für Geld – erbärmlich!“

„Mein lieber Ernst, man hört es, daß Du aus der Wildniß kommst,“ versetzte Gersdorf trocken. „Dergleichen ‚Erbärmlichkeiten‘ kannst Du in unserer vielgepriesenen Gesellschaft täglich erleben und sogar bei sonst ganz ehrenwerthen Leuten. Bei Dir spielt das Geld allerdings keine Rolle; Du gebietest ja selbst über verschiedene Hunderttausende. Wirst Du denn nie Dein ruheloses Wanderleben aufgeben und versuchen, wie es sich am häuslichen Herde ruht?“

„Nein, Albert, dazu bin ich nicht geschaffen. Meine Braut ist die Freiheit und der bleibe ich treu.“

„Ja, das habe ich auch gesagt,“ lachte der Doktor, „aber mit der Zeit macht man doch die Erfahrung, daß diese Braut etwas kalter Natur ist, und wenn einem dann noch das Unglück passirt, sich zu verlieben, dann ist es aus mit der Freiheitslust und der angehende Hagestolz verwandelt sich ohne alle Gewissensbisse in einen rechtschaffenen Ehemann. Ich bin eben dabei, diesen Umwandlungsprozeß durchzumachen.“

„Ich kondolire,“ warf Ernst sarkastisch ein.

„Bitte, ich befinde mich ganz vortrefflich dabei. Uebrigens habe ich Dir meine Liebes- und Leidensgeschichte ja bereits anvertraut; wie findest Du die künftige Frau Doktor Gersdorf?“

„So reizend, daß sie Deine schmähliche Fahnenflucht einigermaßen entschuldigt. Es ist allerliebst, dies rosige, lachende Gesichtchen.“

„Ja, meine kleine Wally ist der verkörperte Sonnenschein!“ sagte Albert warm, während sein Auge das junge Mädchen suchte. „Bei den Eltern steht das Barometer freilich noch auf Sturm, aber wenn der Oberregierungsrath auch seine sämmtlichen Ahnen gegen mich ins Feld führt und den berühmten Großonkel dazu – der, nebenbei gesagt, viel schlimmer ist als all die Hochseligen – ich bin entschlossen, unter allen Umständen zu siegen.“

„Herr Waltenberg, darf ich Sie bitten, meine Nichte zu Tische zu führen?“ sagte der Präsident, der soeben vorüberging und auf einen Augenblick zu den beiden Herren trat.

„Mit Vergnügen,“ versicherte Waltenberg, und das Vergnügen über diese Anordnung prägte sich in der That so deutlich auf seinem Gesichte aus, daß Gersdorf ein spöttisches Lächeln nicht unterdrücken konnte.

„Sieh da! Am Ende bin ich nicht der einzige Fahnenflüchtige!“ murmelte er, als sein Freund ihn jetzt ohne weiteres im Stiche ließ und sich eiligst Fräulein von Thurgau näherte. Der Frauenverächter fing an galant zu werden.




Die Thüren des Speisesaales wurden jetzt geöffnet und die Gesellschaft begann sich paarweise zu ordnen. Baron Ernsthausen bot Frau von Lasberg, die ihm zur Tischnachbarin bestimmt war, den Arm; er hatte zu seiner großen Befriedigung von ihr erfahren, daß Lieutenant von Alven seine Tochter führen werde und daß Doktor Gersdorf seinen Platz am anderen Ende der Tafel habe. Das Paar schritt würdevoll davon und ihm nach fluteten die übrigen; aber merkwürdigerweise verneigte sich Lieutenant Alven vor einer anderen jungen Dame und Doktor Gersdorf trat auf Baroneß Ernsthausen zu.

„Was bedeutet das, Wally?“ fragte er leise. „Ich soll Dich zu Tisch führen, wie Fräulein von Thurgau mir sagte? Du hast doch nicht etwa Frau von Lasberg –?“

„O, die ist längst im Komplott mit meinen Eltern,“ flüsterte Wally, indem sie seinen Arm nahm. „Denke nur, die ganze Länge der Tafel wollten sie zwischen uns legen! Mama hat Migräne, aber sie hat dem Papa die strengste Weisung gegeben, mich nicht aus den Augen zu lassen, und Frau von Lasberg figurirt als Schutzwache Nummer zwei – aber sie sollen es einmal versuchen, mit mir etwas anzufangen! Ich habe ihnen allesammt eine Nase gedreht.“

„Was hast Du denn eigentlich gethan?“ fragte Gersdorf, etwas beunruhigt.

„Die Tischkarten habe ich vertauscht!“ triumphirte Wally. „Oder vielmehr Erna hat es thun müssen. Sie wollte anfangs nicht; aber ich fragte sie, ob sie es auf ihr Gewissen nehmen könne, uns beide in grenzenlose Verzweiflung zu stürzen. Das konnte sie nicht und da hat sie nachgegeben.“

Der kleinen Baroneß waren die Phrasen, mit denen sie die verschiedenen Schutzgeister ihrer Liebe vorführte, schon recht geläufig geworden; der Doktor schien aber nicht sehr erbaut zu sein von diesem Staatsstreiche, er schüttelte den Kopf und sagte vorwurfsvoll:

„Ich bitte Dich, Wally, das kann ja unmöglich verborgen bleiben, und wenn Dein Vater uns erblickt –“

„Dann wird er wüthend sein!“ ergänzte Wally mit vollster Seelenruhe. „Aber weißt Du, Albert, das ist er jetzt eigentlich immer und da kommt es auf etwas mehr oder weniger wirklich nicht an. Und nun sieh nicht so pedantisch ernsthaft aus; ich glaube wahrhaftig, Du willst mit mir zanken wegen meiner klugen Idee!“

[488]

Bilder von der deutsch-nationalen Kunstgewerbe-Ausstellung in München.
Originalzeichnung von H. Bartels.

[489] WS: Das Bild wurde auf der vorherigen Seite zusammengesetzt. [490] „Ich sollte es eigentlich thun,“ sagte Albert, wider Willen lächelnd; „aber wer kann mit Dir rechten, Du übermüthiger Puck!“

In dem allgemeinen Geplauder war das Geflüster der beiden unbemerkt geblieben; sie schlossen sich jetzt den anderen Paaren an und traten in den Speisesaal, wo der Oberregierungsrath bereits an der Seite seiner Dame Platz genommen hatte. Er liebte die Tafelfreuden außerordentlich und die Erwartung eines guten Diners stimmte ihn ganz menschenfreundlich. Auf einmal aber versteinerte sich sein Antlitz, als habe er das Medusenhaupt erblickt, und es war doch nur das höchst vergnügte Gesicht seines Töchterleins, das soeben am Arme des Doktor Gersdorf auftauchte.

„Gnädige Frau, um Gotteswillen!“ flüsterte der Baron ganz fassungslos. „Sie sagten mir doch, daß Lieutenant von Alven –“

„Er führt Wally zu Tische, gewiß, und ich habe auf Ihren ausdrücklichen Wunsch den Doktor Gersdorf –“

Frau von Lasberg verstummte mitten in der Rede und schien nun ihrerseits zu versteinern, denn jetzt erblickte auch sie das Paar, das sich soeben am anderen Ende der Tafel niederließ.

„An seiner Seite!“ knirschte der Oberregierungsrath und schleuderte über dreißig Couverts hinweg einen vernichtenden Blick auf den Doktor.

„Ich begreife nicht, wie das möglich ist, ich habe selbst die Tafelordnung festgestellt.“

„Vielleicht ein Irrthum der Diener –“

„Nein, es ist eine Intrigue der Baroneß,“ fiel Frau von Lasberg empört ein. „Aber ich bitte Sie, nur jetzt kein Aufsehen, keine Scene! Wenn die Tafel aufgehoben wird –“

„Dann fahre ich sofort mit Wally nach Hause!“ ergänzte Ernsthausen und packte seine Serviette mit einer Wuth, die der ungehorsamen Tochter das Schlimmste verhieß.

Die Tafel nahm ihren Anfang und Verlauf, mit all dem Glanze, den man von einem Festdiner im Nordheimschen Hause erwarten durfte. Die Tische waren fast überladen mit schwerem Silber und leuchtendem Krystall und dazwischen dufteten die seltensten Blumen; es folgte eine endlose Menge von Gerichten, mit den edelsten Weinsorten, die üblichen Toaste auf das Brautpaar wurden ausgebracht, die üblichen Reden gehalten und über dem Ganzen lag die übliche Langeweile, die von solchen Schaustellungen eines fürstlichen Reichthums unzertrennlich ist.

Das schloß jedoch nicht aus, daß einige von den jüngeren Herrschaften sich trefflich unterhielten, in erster Linie Baroneß Wally, die ganz unbekümmert um das ihrer harrende Strafgericht unaufhörlich mit ihrem Tischnachbar plauderte und lachte, und Gersdorf, der kein Liebender hätte sein müssen, wenn er nicht auch seinerseits alles Uebrige vergessen und mit vollen Zügen das unerwartete Glück dieses Beisammenseins genossen hätte.

Nicht minder lebhaft, wenn auch ernster und inhaltreicher war das Gespräch, das am oberen Ende der Tafel geführt wurde. Fräulein von Thurgau hatte als nächste Verwandte des Hauses ihren Platz dem Brautpaare gegenüber und Ernst Waltenberg war die gleiche Auszeichnung zu theil geworden. Er hatte sich vorhin der Gesellschaft gegenüber sehr kühl und schweigsam benommen, jetzt zeigte er, daß er mit seiner Unterhaltung fesseln konnte, wenn es ihm wirklich darauf ankam zu fesseln.

Er sprach freilich von Ländern und Menschen, die in weiter Ferne lagen, aber sie schienen lebendig zu erstehen vor den Augen seiner Zuhörerin. Er schilderte den Zauber der südlichen Meere, die Pracht der Tropenlandschaft; die ganze weite Welt that sich auf in diesen glühenden poesiedurchwobenen Schilderungen, und Erna, die mit leuchtenden Augen zuhörte, schien ganz hingerissen davon zu sein. Der Blick des Bräutigams streifte bisweilen mit einem eigentümlich forschenden Ausdrucke die beiden; sein Gespräch mit Alice zeichnete sich allerdings nicht durch besondere Lebhaftigkeit aus, und er war doch sonst ein Meister in der Unterhaltung.

(Fortsetzung folgt.)




Münchener Ausstellungsbilder.

Ein tiefblauer Julinachmittag! Schwül lastet die Hitze über der alten Isarstadt; die Frauenthürme ragen sonnendurchglüht zum wolkenlosen Himmel empor; die weiten Straßen und Plätze aber erscheinen wie staubweiße Flächen, und mancher Fremde, den die beiden großen Ausstellungen hergelockt, wischt sich jetzt im Heranschreiten zum Glaspalast seufzend die Stirn, nach Kühlung und Schatten lechzend. Aber auch dort ist beides nur bedingt zu finden. Wohl steigt in dem prachtvoll dekorirten Vestibül zwischen Statuen und Marmorsäulen ein Springbrunnen aus grünem Palmendickicht in die Höhe und fällt plätschernd in seine Schale zurück; wohl sind die einfallenden Sonnenstrahlen durch riesige Tücher gedämpft, aber trotzdem bleiben mehr Wärmegrade, als wünschenswerth ist, in den weiten Hallen.

Dies vergißt indessen rasch genug, wer in die bilder- und statuengeschmückten Säle eintritt, denn es ist viel, was sich hier von allen Seiten dem Auge darbietet – zu viel, um in den flüchtigen Zeilen, die nur vom Eindruck des Ganzen reden können, einzeln erwähnt zu werden. Hier heißt es, selbst kommen und sehen, allmählich das Auge bilden und vorschnelles Urtheil vermeiden. Wird es doch selbst den berufenen Kritikern nicht leicht sein, zu entscheiden, auf welcher Seite das Schwergewicht dieser großen und imposanten Ausstellung liegt, ob in der deutschen Abtheilung, wo der Kampf einer jungen, neuaufstrebenden Schule mit hergebrachten Anschauungen entbrannt ist, oder auf Seite der Fremden drüben, deren bunte Originalität den verschiedenen Sälen eine so große Anziehungskraft verleiht.

Wieder und immer wieder muß kommen, wer auch nur eine mäßige Anzahl Bilder fest in Erinnerung behalten will; aber auch der flüchtigste Besucher wird eine gehobene Stimmung aus diesen kunstgeweihten Räumen mitnehmen, wo täglich viele Hunderte zu ernsthaftem Studium und freudigem Genuß zusammenkommen und ihre Alltagsexistenz gerne bei Seite legen, um eine Zeit lang in der reinen Atmosphäre der Kunst zu atmen.

Die Wirkung einer solchen Ausstellung ist, trotz allem was ihre Gegner sagen mögen, eine große, weithin zu spürende. Sie ist es doppelt in München, wo die Kunstfreude und das Kunstverständniß sozusagen in der Luft liegen und, verbunden mit einer seltenen Gabe des Arrangements, durch die selbstverständliche Art, wie sie in die Erscheinung treten, auf die Fremden entzückend wirken. München hat immer noch die künstlerische Führung in Deutschland; sein Glaspalast besitzt die rühmlichste Tradition und Tausende eilen herbei, sobald er wieder seine Pforten öffnet. Sie gehen leise unter den farbenstrahlenden Wänden her, die Kenner sitzen voll hoher Andacht in Lenbachs stimmungsvollem Saal vor der berühmten Galerie hervorragender Zeitgenossen, die große Menge drängt sich um die Sensationsbilder, und drüben in der historischen Ausstellung sehen die Alten mit stiller Rührung, die Jungen mit stillem Lächeln die Bilder aus der Biedermeierzeit, die bescheidenen Anfänge der Münchner Kunst, welche heute das hundertjährige Jubiläum ihrer ersten Ausstellung feiert.

Am schlimmsten ergeht es den überall in den Sälen vertheilten Skulpturen. Der Sinn für Plastik ist nicht stark entwickelt im deutschen Publikum; es sind nur sehr wenige, die vor den Marmor- und Bronzewerken in Betrachtung stehen; der große Strom rauscht vorüber, ohne mehr als einen flüchtigen Blick darauf zu werfen! Die Farbe sagt dem heutigen Geschlechte offenbar mehr als die Form!

Aber die Hitze steigt inzwischen, trotzdem die Sonne sinkt, denn ihre Strahlen durchglühen, von Westen einfallend, das riesige Glashaus und der Seufzer: hinaus! entringt sich allmählich auch dem begeistertsten Kunstenthusiasten; hinaus nach dem kühlen Isarstrand, wo über den rauschenden Wassern ein Prachtbau sich erhebt, dessen gleichen noch keine deutsche Ausstellung umschlossen hat. Unsere Abbildung rechts oben giebt die Gesammtansicht der Front wieder. Hier thront das Kunstgewerbe, welches früher, mit der hohen Kunst vereint, den Glaspalast füllte. Damals, 1876 und 1882, hoben sich Bilder und Statuen aus köstlich erdachten und zusammengestellten Phantasiezimmern heraus; Sammet, Holzwerk, [491] Metall und die Pracht orientalischer Teppiche wirkten zum stimmungsvollen Eindruck zusammen, und abends warf das neuentdeckte elektrische Glühlicht seinen Zauberglanz über das Ganze. Aber die Künstler waren doch über die Gleichstellung mit Tapezier und Möbelfabrikanten nicht sehr entzückt; auch reichte der Raum nur nothdürftig, der heute gar nicht mehr reichen würde. Statt also häßliche Annexe in den botanischen Garten hineinzubauen, entschloß man sich kurz zu einem Neubau, übertrug denselben dem genialen Architekten und Dekorateur E. Seidl und hatte damit einen wahren Glücksgriff gethan; denn sehr bald schon, nachdem in zauberhafter Geschwindigkeit auf dem öden steinigen Isarquai die langgedehnte Prachtfront des Ausstellungsgebäudes mit einer breiten herrlichen Terrasse sich erhob, merkten die Münchener, daß sie bis dahin ihre schönste Stadtgegend unbegreiflich vernachlässigt hatten. Vor wenig Jahren noch stand hier an der „Lände“, wo die Flöße aus dem Oberland anlegen, ein anspruchsloses Wirtshaus „Zum grünen Baum“. Floßknechte, Arbeiter, auch etliche Künstler saßen abends im Schatten an der rauschenden Isar und tranken vergnüglich ihr Bier im Anhauch der frischen Wasserlust. Den übrigen Münchnern aber galt diese für ungesund; somit brachten es der „grüne Baum“ und seine Gegend niemals über einen sehr bescheidenen Ruf hinaus.

Und heute!

Tausende strömen gegen Abend, wenn die Sonne den Himmel golden durchflammt, durch die Maximiliansstraße hinaus, der Isar zu. Lustig rollen die Pferdebahnwagen vom Glaspalast her, wahre Fremdenzüge ausladend, und nun ergießt sich der Strom durch den Eingangsthurm, den unser Bild links oben zeigt. In heiterem Zopfstil, wie die ganze Front, den Steinbau glücklich imitirend, steigt er glänzend weiß in den tiefblauen Himmel empor. Unmittelbar davor rauscht ein mächtiger Springbrunnen, dessen Becken vier holzgeschnitzte und buntbemalte Fruchtpyramiden umgeben. Der an ihnen Vorüberschreitende genießt dann gleich den Ausblick auf die ganze Terrasse, welchen der Künstler in dem unteren Bilde rechts giebt.

Hier wogt in den Nachmittagsstunden eine bunte, stets wechselnde Menge; elegante Damen, wie die im Vordergrunde, welche soeben ihren beiden spielenden Kleinen zueilt, Dachauer Bäuerinnen mit Regenschirm und Korb, vom städtischen „Herrn Vetter“ geleitet, töchterreiche Familien mit Bädeker und Fernglas, Studiosen und Künstler, ein Zug amerikanischer Touristen, die in geschlossener Kolonne marschiren, Hochzeitspärchen, die mit Vorliebe die entlegeneren Bänke aufsuchen, wo man unter den schattigen Bäumen hinübersieht auf das im Abendroth purpurn erglühende Maximilianeum, das stadtbeherrschend auf dem Steilrande der Isar liegt. Das untere Bild links giebt diesen stimmungsvollen Ausblick vorzüglich wieder. Kleine Rokokoamoretten gaukeln und schäkern auf der Terrassenbrüstung, aus deren Mitte eine breite Treppe zum Wasser hinabführt, welches hellgrün, in tausend Schaumkronen strudelnd, über die nahen Wehre hinabstürzt. Und aus der Mitte des reißenden Stromes schießen drei hohe Springbrunnen empor und werfen den glänzenden Wasserstaub weithin – ein wahrhaft überraschender Anblick für jeden, der zum ersten Male die Terrasse betritt.

An dieser Wassertreppe werden gegen Ende des Juli, von Tölz und Lenggries kommend, geschmückte Schiffe anlegen, Burschen und Mädchen in festlicher Gebirgstracht, graue Schützen in voller Wehr ihnen entsteigen, um dem Regenten, Prinzen Luitpold, den Gruß des Oberlandes zu bringen und dann einen großen Festabend, an dem ganz München sich betheiligt, unter seinen Augen auf der beleuchteten Terrasse zu verleben. Das Verhältniß zwischen Fürst und Volk ist in Bayern ein besonders herzliches und Prinz Luitpold mit seinem einfach gemüthlichen Wesen ist eine in den Bergen schon lange wohlbekannte und geliebte Persönlichkeit.

Am angenehmsten wäre es, gleich hier auf der Terrasse sitzen zu bleiben und in wohligem Ausruhen nach des Tages Last und Hitze die Blicke aus dem kühlen Schatten hinüber schweifen zu lassen auf die golden beleuchtete Uferlandschaft, die Stadtsilhouette stromaufwärts mit Brücken und Kirchen, den blauen Streifen Hochgebirg, der im Süden das reiche Bild abschließt. Aber hinter den Prachtportalen der Märchenburg steckt ja auch noch eine Ausstellung, die gesehen sein will! – Und welcher Reichthum empfängt den in die weitgestreckten Hallen Eintretenden alsobald! Die Industrie von ganz Deutschland und Oesterreich ist es, die hier auf den Plan tritt, zum „Wettkampf den Künste“, wie die Inschrift auf dem Thorbogen besagt. Wenn irgendwo ein materieller Ueberblick möglich ist über das großartige Emporkommen Deutschlands im Laufe der letzten Jahre, so ist es auf einer solchen Ausstellung, welche die Leistungen und Eigenthümlichkeiten aller deutschen Stämme neben einander klar vor Augen stellt. Das Resultat ist hoch erfreulich: was wir noch vor zwei Decennien dem Ausland ungeschickt kopirend absahen, das machen wir heute aus eigener Kraft, nach eigenem Geschmack, jedes einzelne Land nach seiner Besonderheit mehr oder weniger künstlerisch und gut, aber alle gestützt auf die Kenntniß der eigenen Vorzeit, welche die Quelle aller gesunden Fortentwicklung ist.

Es braucht eine lange Wanderung durch alle die endlosen Hallen, bis man alles gesehen hat, was sich hier an Prachtmöbeln, Instrumenten, Porzellan-, Glas- und Metallarbeiten, an Gold- und Silberherrlichkeiten aufbaut. Viel Schönes und Erlesenes giebt es dort, vieles, wovon der gebildetste Mensch vor 20 Jahren keine Vorstellung hatte und was heute zu den Unentbehrlichkeiten gerechnet wird. Ein Hauptanziehungspunkt ist der Mittelsaal, welcher die Prachtmöbel des unglücklichen Ludwig II. enthält, das blausammtene, goldstarrende Himmelbett, einen kolossalen Schrank voll goldener Schnörkelornamente und endlich den reichverzierten Schlitten mit langer Hermelindecke. Es muß ein seltsamer Anblick gewesen sein, wenn dieser feenhafte Goldschlitten mit der elektrisch leuchtenden Krone durch die einsamen Schneewüsten zwischen den Felswänden, die den Linderhof umgeben, dahinflog! Heute steht die Menge und betrachtet neugierig, was damals kein fremdes Auge sehen durfte!

Plötzlich durchtönt helles Glockenläuten alle Räume; es zeigt die siebente Stunde und damit den Schluß der Ausstellung an. Nun strömt es aus allen Portalen heraus; verlorene Familienangehörige werden wiedergefunden, Bekannte und Freunde begrüßen sich, neue Hunderte ziehen aus der Stadt heran, um den Abend hier am Isarstrande zuzubringen, denn es soll Feuerwerk und Konzert geben, historisches Konzert sogar, von badischen Militärkapellen aufgeführt, wo ein Marsch, von Friedrich dem Großen komponirt, zur Aufführung kommt nebst anderen, nie gehörten Dingen. Fröhliche Gesellschaften erfüllen den Restaurationsgarten mit den unzähligen Tischen und Bänken oder die reizende offene Halle, welche in der Art eines Lustschlosses aus dem vorigen Jahrhundert heiter architektonisch dekorirt ist. Uns zieht es für heute hinüber nach der kleinen, durch eine Brücke mit der Ausstellung verbundenen Insel, wo es sich so köstlich unter den Bäumen sitzt mit dem Blick auf die Wassergarben der großen Springbrunnen. Die Dämmerung sinkt allmählich nieder; da leuchten drüben Feuerschnüre und Raketen auf, elektrisches Licht dringt durch das Blätterdunkel, und plötzlich schimmern die großen Wassersäulen in feenhaftem Glanz. Er verstärkt sich immer mehr; die Schaumspitzen fangen an, rosa zu leuchten, wie Gletscher beim Sonnenaufgang, endlich brennen sie in tiefrother Gluth, ein wahrhaftiges „Feuer-Wasserwerk“. Dazu dringt die Musik von der Terrasse herüber, Ton, Licht und Dunkel verweben sich zu einem märchenhaften Ganzen, das die Seele mit magischer Gewalt gefangen nimmt und Bild auf Bild aus der Vergangenheit heraufzaubert. Eine Straßenlänge von hier steht das Museum mit den Steinbeilen der Wilden, denen einstmals die Isar gerade so rauschte wie heute uns, aber wie weit ist der Weg von dem Kienspan ihrer Höhlen bis zur elektrischen Sonne, die dort auf der Kuppel brennt! Welches Wunder ist diese Menschheit, der wir selber angehören, und wohin mag ihr Weg noch von unserer Stufe aus führen?!

Aus solchen Gedanken weckt den Träumer auf der Terrasse das Schlußfortissimo drüben und tausendstimmiges Bravorufen. Die schöne Nachtstunde will zu Ende gehen. Langsam erhebt er sich, überschreitet die Isarbrücke und wandelt durch die Gasteiganlagen heim, immer wieder die blasse, leuchtende Front durch die Zweige betrachtend. Allmählich verlischt ihr Schein, in der Seele aber bleibt die unverlöschliche Erinnerung an die schöne Zeit zurück, an die Künstler, die solche Herrlichkeiten hervorzuzaubern wußten, an die fröhliche alte Isarstadt, die niemand wieder vergißt, der einmal darinnen weilte!

[492]
Der Hypnotismus, sein Nutzen und seine Gefahren.
3. Der Hypnotismus in Pforzheim, ein Beitrag zur Geschichte des hypnotischen Unfugs in Deutschland.

Keine zweite Stadt in Deutschland mag wohl in Sachen des Hypnotismus so zahlreiche und so eigenartige Erfahrungen aufzuweisen haben als Pforzheim, die weltberühmte Stadt der Goldwaarenindustrie. Man muß diesen am Ausgangspunkt dreier reizender Thäler des nördlichen Schwarzwaldes gelegenen, ungefähr 28 000 Einwohner zählenden Ort mit seinem in mannigfacher Hinsicht originellen Getreibe kennen, um verschiedene Episoden zu verstehen, welche das hier zum Sport gewordene Hypnotisiren im Verlauf des Jahres 1886 zeitigte.

Schon dem flüchtig sich hier aufhaltenden Fremden fällt Verschiedenes auf. Pforzheim ist die erste Fabrikstadt Badens, und doch entbehrt sie fast ganz der rauchigen Schlote und des rußgeschwärzten kohligen Pflasters. Es bringt das der hier gepflegte Fabrikationszweig der Edelmetallwaaren mit sich, welcher die Stadt mit den unschönen Attributen anderer Fabrikorte verschonte. Von einem der umliegenden Höhenpunkte aus betrachtet, erscheint daher Pforzheim wie ein schmuckes, gutgepflegtes Landstädtchen mittleren Schlages. Wenn man dagegen an den Wochentagen den Marktplatz und einzelne Hauptstraßen während der mittäglichen Arbeitspause betritt, dann bringt einem das Gedränge des hier sich stauenden männlichen und weiblichen Arbeitervolkes, das der Hauptmasse nach unter der allgemeinen Gesammtbezeichnung „Bijoutiers“ und „Polisseusen“ begriffen wird, eine ungefähre Vorstellung bei von dem Arbeitsfleiß und der Betriebsamkeit Pforzheims und seiner Nachbarorte im zwei- bis dreimeiligen Umkreise. Alltäglich mit Ausnahme der Sonntage kommt früh mit dem Morgengrauen auf allen vom Lande hereinführenden Zufahrtsstraßen eine nach Hunderten zählende Schar von Arbeitern und Arbeiterinnen verschiedenen Alters der Stadt zugeschritten, von der Menge abgesehen, die in Pforzheim selbst wohnt oder mit verschiedenen Zügen von den Vororten hereinfährt. Diese Scharen sind es, die über Mittag auf Markt und Straßen unter lebhaftem Gedankenaustausch frische Luft schöpfen und abends wieder dem ländlichen Heim mit ebenso eiligen Schritten zupilgern, wie sie morgens ankamen.

Eine zweite Absonderlichkeit bietet Pforzheim in seinen „Tigern“. Kommt man morgens ziemlich früh an den größeren Gasthäusern vorbei, dann wundert man sich über die Schar hier wartender Herren, die als Zeichen ihres „Tigerthums“ einen zierlichen Musterkoffer bei sich führen. Diese Herren sind dazu bestimmt, den aus aller Welt eintreffenden Großhändlern von Schmuckwaren in den Gasthäusern, wo dieselben ihr Absteigequartier genommen haben, den verlockenden, blinkenden Inhalt der Musterkoffer vorzulegen und möglichst umfangreiche Bestellungen für die Herrn Prinzipale entgegenzunehmen. Dieses im Grunde genommen wenig blutdürstige Geschäft hat den aus dem Hinterhalt auf Bestellungen Jagd machenden, meist jüngeren Herren die geradezu offiziell gewordene Bezeichnung der „Tiger“ eingebracht. Nicht selten liest man wenigstens im Anzeigetheil hiesiger Blätter, daß von dieser oder jener Firma „ein gewandter Tiger“ gesucht werde. Mitunter „tigert“ übrigens der Herr Prinzipal selbst, namentlich, wenn er noch jung und Anfänger ist.

Doch ich wollte ja vom Hypnotismus erzählen und von den Wundern, die derselbe vorvergangenes Jahr hier gewirkt. Als Hansen im Anfang der achtziger Jahre Deutschland bereiste, kam er auch nach Pforzheim und gab hier eine Vorstellung, die zwar wie überall Aufsehen erregte, aber ohne weitere Folgen blieb. Da kam am 28. April 1886 ein neuer Apostel vom blinkenden Glasknopf, und diesem gelang es, halb Pforzheim auf den Kopf zu stellen. Es war ein Stuttgarter Friseur, ein Herr Georg Schmidt, der da bei irgend einer Gelegenheit die Erfahrung gemacht hatte, daß ihm die gleiche Fähigkeit innewohne wie weiland Herrn Hansen. Herr Schmidt, der auch in der That nicht ohne Gewandtheit und Eleganz experimentierte, reiste im Lande umher und gab außerordentlich besuchte Vorstellungen. Er kürzte nach berühmten Mustern[1] seinen Vornamen in „Geo“ ab, und als Geo Schmidt kam er auch nach Pforzheim, wo er in ziemlich schneller Folge 5 bis 6 öffentliche „magnetische Soireen“ abhielt. Es ging da alles wie bei Hansen zu, nur ließ Herr Schmidt seinen Versuchen einen von seinem Geschaftsführer verlesenen, ziemlich monotonen Vortrag vorausgehen, in welchem von dem „geheimnisvollen Fluidum“ die Rede war, das den Händen und Augen des Meisters entströme und so wunderbar auf empfängliche Personen einwirke. Mit einem Wort, Geo Schmidt vertrat den längst überwundenen Standpunkt des „thierischen Magnetismus“ und wirkte auf viele Köpfe nicht aufklärend, sondern verwirrend. Anfangs gab er auf eigene Faust sehr besuchte Vorstellungen bei ziemlich hohen Eintrittspreisen; später wurde er von verschiedenen Vereinen angeworben. Das Ganze bewegte sich nämlich damals noch in ziemlich harmlosen Bahnen und etwaige schädliche Folgen vermochte noch niemand vorauszusehen.

Jedenfalls erregten Schmidts Versuche allseitig das höchste Interesse. Wie erstaunte man aber, als gegen Ende Mai die Nachricht durch die hiesigen Blätter ging, daß ein jüngerer Pforzheimer Fabrikant, Herr W., jene Versuche mit zweifellosem Erfolge nachzuahmen versucht und schließlich Meister Geo vollständig übertroffen habe! Herr W. war in eigenthümlicher Weise zur Kenntniß seiner Kunstfertigkeit gelangt. An demselben Abend, da Geo Schmidt in einem geselligen Vereine Pforzheims eine Abendunterhaltung gab, befand sich Herr W. im Kreise verschiedener Bekannten im Wirthshause. Das Gespräch drehte sich ausschließlich um den Hypnotismus und die Frage, ob diese Versuche wohl auch von andern angestellt werden könnten. Man beschloß, das alsbald festzustellen, und begab sich zu dem Zweck in das Nebenzimmer, wo einige junge Arbeiter als Versuchspersonen dienen sollten.

Noch bevor es so weit kam, drängte sich die Kellnerin trotz wiederholter Abweisung heran und verlangte immer dringender, hypnotisirt zu werden, worauf schließlich Herr W. unmuthig die Zudringliche Platz nehmen hieß und einige Striche über deren Haupt mit den Händen beschrieb, wie er es bei Hansen und Schmidt gesehen hatte. Der Erfolg war ein ganz überraschender; denn das Medium verfiel alsbald in tiefsten Schlaf und theilweise kataleptische Starre, einen Zustand, den keiner der Anwesenden zu heben vermochte. Der um Hilfe ersuchte Geo Schmidt schickte zunächst seinen Geschäftsführer. Dieser verordnete, als die gewöhnlichen Belebungsmittel nicht anschlugen, Champagner, von welchem der Bewußtlosen eingeflößt wurde. Da sie aber wegen gänzlicher Starre unfähig war zu schlucken, so mußte man das prickelnde Naß einstweilen selbst trinken und auf den Meister warten. Als dieser endlich angekommen war, gelang es ihm nach längerer Zeit, das Medium zu erwecken, welches indeß nunmehr in sechsunddreißigstündigen, ununterbrochenen Schlaf verfiel, dem es sich im städtischen Krankenhause in aller Muße hingeben durfte. Nunmehr zu ihrem Brotherrn zurückgelangt, erblickte die Kellnerin Abends Herrn W. und verfiel ohne dessen Zuthun wieder alsbald in Hypnose, welche auch mit längerem Schlaf endete, ein Vorgang, der sich noch ein zweites Mal wiederholt haben soll, was die Dame veranlaßte, sich ein anderweitiges Feld für ihre bierspendende Thätigkeit auszusuchen. Herr W. aber, der nunmehr auch die Methoden des kunstgerechten Erweckens bei schwierigeren Fällen erlernt hatte, machte bald darauf alle Versuche des Meisters und noch zahlreiche andere, die sogar Geo in Erstaunen gesetzt haben würden. Da nun Herr W. seine schönen Versuche in Vereinen und Privatkreisen mit unerschöpflicher Bereitwilligkeit ohne Entgelt zum Besten gab, so wäre für Herrn Schmidt die schöne hiesige Einnahmequelle versiegt, selbst wenn ihm nicht ohnehin das Pforzheimer Bezirksamt in Rücksicht auf verschiedene Vorkommnisse die Genehmigung zu weiteren öffentlichen Vorstellungen verweigert hätte, ein sehr berechtigtes Einschreiten, dem sich bald ein Generalverbot ähnlicher Produktionen für ganz Baden anschloß. Es durfte von da ab nur noch in geschlossenen Gesellschaften hypnotisirt werden, von welcher Freiheit in Pforzheim in ungeahnt ausgiebiger Weise Gebrauch gemacht wurde. Sehr bald zeigte sich nämlich, daß Herr W. nicht der einzige Ausübende in dieser Kunst war, den Pforzheims Mauern bargen. Mindestens ein halb Dutzend verschiedener Herren arbeiteten, wenn auch mit weit weniger Glück [493] und Geschick, in ganz gleicher Weise. Das machte in der Stadt begreifliches Aufsehen und reizte Groß und Klein zu Versuchen, für welche namentlich das jüngere Volk der Bijoutiers und Lehrlinge ein überaus leicht zugängliches Material darbot. So kam es denn, daß man hier noch nicht ein volles Vierteljahr nach Geo Schmidts Auftreten die Hypnotiseure zu Hunderten zählte.

Gleichzeitig damit trat die Sache noch nach einer anderen Seite hin in eine neue Phase. In Lokalberichten der hiesigen Blätter war bei Besprechung der Schmidtschen Vorstellungen zur Aufklärung des Publikums auf das Irrige der Mesmerischen Lehre vom „thierischen Magnetismus“ hingewiesen und die richtige, auf den Arbeiten von Braid, Weinhold, Heidenhain und anderen fußende physiologische Deutung der Hypnoseerscheinungen erörtert worden. Das ließ nun einige Heißsporne vom „magnetischen Fluidum“ nicht ruhen, und es erschienen in der Lokalpresse mehr oder weniger geharnischte Verwahrungen, in denen Lanzen für den Lebensmagnetismus und gegen die ungläubige Wissenschaft gebrochen wurden, die schon oft neue Wahrheiten anfangs aufs heftigste befehdet habe. Die Folge war, daß zunächst alle weiteren Versuche unter dem Feldgeschrei „hie Braid“, „hie Mesmer“ unternommen wurden. Herr W., eifriges Mitglied des naturwissenschaftlichen Vereins zu Pforzheim, hielt die Streitfrage mit Recht für wichtig genug, um im Schoße des genannten Vereins behandelt zu werden. Er demonstrirte dem Verein in mehreren Sitzungen, teilweise vor zahlreichen geladenen Gästen, solche Versuche, die speciell geeignet sein sollten, über die Frage des Mesmerismus Licht zu verbreiten. Die interessante, lebhafte Debatte führte zu einer ganzen Reihe von Kontrollversuchen, aus denen mit immer größerer Klarheit die Nichtigkeit aller lebensmagnetischen Behauptungen hervorging. Das reizte indeß weitere Anhänger des Mesmerismus zu neuen Einwürfen.

Ein anderer Herr, gleichfalls Bijouteriefabrikant, hatte sein neun- bis zehnjähriges Söhnchen hypnotisirt und wollte dabei wunderbare, ganz räthselhafte Beobachtungen gemacht haben, die eine Uebertragbarkeit der „magnetischen Kraft“ auf leblose Dinge nachzuweisen im Stande seien. Das Bürschchen war von einem älteren Arbeiter der Fabrik und vom Vater so oft in Hypnose versetzt worden, hatte namentlich wiederholt zugesehen, wie Stühle, Thürklinken, Fußbodendielen durch Bestreichen mit den Fingern der Experimentatoren „magnetisch“ gemacht wurden, damit es bei der Berührung dieser Gegenstände mit Händen oder Füßen starr werde und dieselben nicht mehr loslassen könne, – daß schließlich der Gesammterfolg ein wunderbarer werden mußte. Der Kleine, der in Erfahrung gebracht hatte, daß ihm auch in seiner Abwesenheit durch Bestreichen einzelner Gegenstände Fallen gelegt wurden, witterte nun überall solche und blieb bald an einer Klinke mit der Hand hängen, bald konnte er von einem Stuhle nicht mehr aufstehen, bald endlich eine Zimmerdiele, auf die er getreten war, nicht mehr verlassen. Dabei kam es denn begreiflicherweise vor, daß ihn bald bestrichene, bald unbestrichene Gegenstände fesselten. Wenn das aber bei letzteren eintrat, wurde eben keine Notiz davon genommen. Der Vater erbot sich nun, dem ungläubigen naturwissenschaftlichen Verein und dessen noch ungläubigerem Vorsitzenden unwiderlegliche Beweise von der Existenz einer biomagnetischen Kraft beizubringen. In der hierzu anberaumten Sitzung wurden in Abwesenheit des Söhnchens ein Stuhl, ein irdener Bierseideluntersatz und eine Zimmerdiele mit großer Inbrunst und vielem Kraftaufwand vom Vater und Herrn W. gestrichen, auf dessen minimale Einwirkungen der Knabe sonst auch mit außerordentlicher Leichtigkeit reagirte. Nachdem sich nun beide Experimentatoren entfernt hatten, damit jegliches unbeabsichtigte Verrathen der „Fallen“ ausgeschlossen sei, rief man das jugendliche Medium herein. Dasselbe blieb alsbald an der nicht bestrichenen Thürklinke mit starrem Arm hängen. Von dieser frei gemacht und vom Vorsitzenden sowie einem anwesenden Arzt, dem zweiten Präsidenten, freundlich angeredet und ins Gespräch gezogen, durchschritt es das Zimmer und passirte glücklich die bestrichene Diele. Auf dem „magnetisch gemachten“ Stuhl nahm es ohne Gefährden Platz, wurde dagegen, nachdem es später den Sitz gewechselt hatte, auf einem anderen nicht bestrichenen hypnotisch mit starren Untergliedmaßen.

Wieder vom Banne befreit, vermochte es jenen Bierseideluntersatz anzufassen und weiterzugeben, bekam aber eine starre Hand, als ihm der Vorsitzende seinen eben hervorgezogenen Hausschlüssel überreichte. Kurz, alle Versuche bewiesen aufs zweifelloseste, daß von „Magnetisirung“ lebloser Dinge nicht die Rede sein könne, daß vielmehr die bisher in solchem Sinne gedeuteten Beobachtungen aus Täuschung durch ungeschickte Anstellung der Experimente zurückzuführen seien. Dem Vater wurde überdies zu Gemüthe geführt, wie wenig zuträglich seinem blassen, schwächlichen Söhnchen die unausgesetzten Aufregungen solcher Experimente sein dürften; am wenigsten sei es für den zukünftigen, aufs Bijouteriefach gerichteten Beruf des Kleinen eine angenehme, förderliche Beigabe, wenn derselbe von jedem ersten Besten durch einen scharfen Blick in Willenlosigkeit und Starre versetzt werden könne. Der Vater war denn auch einsichtsvoll genug, die Richtigkeit dieser Bemerkungen einzusehen, und verschonte von da ab seinen Sprößling mit biomagnetischen Versuchen, so daß der letztere zur Zeit von seiner Hypnomanie völlig geheilt ist.



[494] In der Stadt nahm inzwischen das Magnetisiren seinen weiteren Verlauf in immer ausgedehnteren Kreisen. Jetzt hypnotisirten schon einzelne Bijouteriearbeiter diesen oder jenen ihrer Kameraden durch starre Blicke und Bestreichen mit den Händen, und verübten mit denselben den durch Geo Schmidt bekannt gewordenen Unfug, wo nur ein geeigneter Platz und ein paar freie Augenblicke aufzutreiben waren.

Natürlich wurden die Versuche auf solche Weise auch auf die umliegenden Dorfschaften verpflanzt. Doch es sollte noch weit besser und viel drastischer kommen!

Ein Sekundaner hypnotisirte den einen und anderen seiner Mitschüler mit bestem Erfolge, brachte auch einmal ein solches Medium in seine Wohnung und zeigte der staunenden Mama seine Künste. Wie sich Fama erzählt, wollte er bei dieser Gelegenheit in jugendlichem Eifer auch die eigene Mutter hinter deren Rücken durch Striche in Hypnose versetzen, ein Beginnen, das sich die Mama, als sie es zu ihrem Schrecken wahrnahm, nicht gefallen ließ, vielmehr durch kräftig geführten Gegenstrich an geeigneter Stelle ein für alle Mal nachdrücklichst abwehrte.

Sehr bald fanden sich unter den Schülern der beiden höheren Lehranstalten Pforzheims Scharen von Hypnotiseuren und empfänglichen Medien, denen sich bald ungezählte Haufen von Zöglingen der Volksschule in gleichem erfolgreichen Beginnen anschlossen. Im Juli 1886 wurde dieser kindlichen Hypnotiseure in der Lokalpresse zuerst Erwähnung gethan und festgestellt, daß man auf Straßen und in Hausgängen vielfach kleine Buben schon von 11 Jahren beobachtet habe, die durch starres Ansehen und streichende Handbewegungen über Kopf, Gesicht und Körper jüngere und selbst um mehrere Jahre ältere Spielkameraden in Schlaf, Willenlosigkeit und vollständige Starre versetzten. Damit war der neue Sport quantitativ auf seinen denkbar höchsten Höhepunkt gelangt, denn nunmehr hypnotisirten außer Greisen und Männern auch Jünglinge und halbreife Knaben, so daß in der Gesammtreihe allein das zarte Kindesalter unvertreten blieb. Nur noch qualitativ konnte die Sache überboten werden. Zunächst wurde in mehrfacher Weise ein neuer Ansturm im Sinne des Mesmerismus versucht. Vor allem wies man nämlich auf verschiedene mehr oder weniger verbürgte Heilerfolge hin, welche da und dort das bloße Bestreichen Kranker seitens dieses oder jenes Hypnotiseurs erzielt habe. Man wollte darin das heilsame Walten einer den Händen des Experimentirenden entströmenden räthselhaften Kraft erblicken. Auch Herr W., den sehr bald an verschiedenen Uebeln Krankende in Anspruch nahmen, machte dahin zielende Versuche, welche durch die Einwirkung der Suggestion zum Theil auch gelungen waren.

Uebrigens sollte man in Pforzheim sehr bald auch noch in anderer Weise Gelegenheit haben, wunderbare Wirkungen der Eingebung auf empfängliche Personen in reichem Maße kennen zu lernen.

Zunächst gaben abermals biomagnetische Anwandlungen einzelner den äußeren Anstoß zu den ersten bezüglichen Versuchen. Ein Herr A., gleichfalls geschickter Experimentator auf dem Gebiete des Hypnotismus, wollte die Beobachtung gemacht haben, daß er auch ohne jegliche Willensäußerung, das heißt lediglich durch innere Willenskraft bei empfänglichen Personen jede beliebige Einzelwirkung z. B. selbst dann hervorbringen könne, wenn er diesen Personen den Rücken kehre und durch kein Wort, durch keine Gebärde verrathe, welcher Art die von ihm beabsichtigte Wirkung sein solle. In der Lokalpresse wurde berichtet, Herr A. habe seine erstaunliche Kunst in Privatkreisen mit unfehlbarem, nie versagendem Erfolg ausgeübt. Auch dem naturwissenschaftlichen Verein erbot sich nunmehr A. durch die Vermittelung des Herrn W., seine beweisenden Versuche vorführen zu wollen. Ablehnen ließ sich das nicht, und so erschienen denn in der nächsten Sitzung Herr A. und drei bis vier seiner Medien, denen Herr W. eine ungefähr gleiche Anzahl der seinigen hinzugesellte. Die jungen Leute nahmen in einer Reihe neben einander auf Stühlen Platz, ebenso die beiden Ausübenden, jener Reihe den Rücken zukehrend. Es war vereinbart worden, daß der Vorsitzende auf einem Blatt Papier eine beliebige Hypnosewirkung und diejenigen Medien namhaft mache, bei denen sie eintreten solle. Das Blatt wurde dem Ansteller des jeweiligen Versuches übergeben, der davon still Kenntniß zu nehmen und sodann seinen Willen in Thätigkeit zu setzen hatte. Wenn er, den Medien unausgesetzt den Rücken kehrend, das Zeichen gegeben haben werde, fertig zu sein, sollte die Versammlung den Eintritt oder Nichteintritt der gewünschten Fernwirkung feststellen.

Wie vorauszusehen war, ergaben in der That alle in dieser Art angestellten Versuche ein durchaus verneinendes Ergebniß. Der durch nichts geäußerte Wille des Ausübenden vermag eben keine Wirkung aus die empfänglichen Personen auszuüben. Herrn A. wurde z. B. schriftlich aufgegeben, er solle die von Herrn W. herbeigeführten Versuchspersonen in Schlaf sinken, die eigenen aber im wachen, völlig unhypnotisirten Zustand verharren lassen. Gerade das Umgekehrte trat ein, als Herr A. bei lautloser Stille der Versammlung, selbst unbeweglich dasitzend, seinen Willen anstrengte. Ein Kontrollversuch, den Herr W. anstellte, ergab das gleiche Ergebniß. Herr W. sollte ohne Vorwissen der Versuchspersonen, um welche Wirkung es sich handele, die eigenen unbeeinflußt lassen, diejenigen des Herrn A. einschläfern. Es wurden indeß trotz des energischen Willens des Herrn W. dessen eigene Medien hypnotisch, während die fremden im wachen Zustand verharrten.

Dabei muß noch betont werden, daß beide Herren, wie durch mehrere Versuche festgestellt war, auf alle Medien ohne Ausnahme mit Leichtigkeit hypnotisirend einzuwirken vermochten, wenn sie nur ihre bezügliche Absicht durch Worte, Blicke oder irgend welche Gebärden, beziehungsweise Zeichen kundbar machten. Ohne solche Kundbarmachung des Willens trat die vorgeschriebene Wirkung nie ein.

Daß durch ungeschickte Anstellung des Versuchs auch einmal ein die Willensfernwirkung scheinbar beweisendes Ergebniß erzielt werden kann, zeigte sich, als ein anderer der anwesenden Herren vorschrieb, der linke Vorderarm einer speciell hierzu ausgewählten Versuchsperson solle in Muskelstarre versetzt werden. Nachdem Herr A. erklärt hatte, den Willensakt gefaßt zu haben, griff unvorsichtigerweise der Herr, der den Versuch veranlaßt hatte, nicht zunächst nach anderen Gliedmaßen des Mediums, sondern gleich nach dem linken Vorderarm und verrieth auf diese Weise unbeabsichtigt, daß es sich um diesen handele. Natürlich wurden die betreffenden Muskeln nunmehr alsbald starr. Es hatte sich nämlich bei anderen Versuchen herausgestellt , daß fast immer derjenige Körperteil in kataleptische Starre verfiel, der nach Ausführung des Willensversuches in erster Linie auf seinen Zustand untersucht wurde, selbst wenn er nicht der für das Eintreten der Wirkung vorgeschriebene war.

Bei Gelegenheit dieser lehrreichen, experimentell ausgefochtenen Streitfrage wurde nun auf ein schon bei anderen Anlässen stets wahrgenommenes merkwürdiges Einzelsymptom hingewiesen. Unter den Medien des Herrn A. befand sich nämlich ein junger Mann Namens E., ein eifriger Turner, wie angegeben wurde. So oft E. auf irgend eine Weise in leichtere oder tiefere Hypnose versetzt oder aus derselben zum normalen wachen Zustand zurückgerufen wurde, trat bei ihm fast wie auf Kommando eine Reihe taktvoll in wuchtigster Weise ausgeführter Arm- und Beinbewegungen ein. E. sprang nämlich mit gleichen Füßen auf der Stelle zwei- bis dreimal in die Höhe, hierbei jedoch mit einer solchen wilden Energie den Boden stampfend, daß das Zimmer erdröhnte und man nicht wußte, ob man mehr die Kraft des Mediums oder die Widerstandsfähigkeit von dessen Stiefelabsätzen bewundern sollte. Gleichzeitig drückte er die Brust heraus, hob den Kopf und stemmte wiederholt beide Arme im heftigen Ruck abwärts. Niemals wurde E. ohne Eintreten dieser sonderbaren Uebungen hypnotisch; nie erwachte er aus der Hypnose, ohne daß sich dieselben, wenn auch in etwas gelinderer Weise, wiederholten.

Bei anderen Medien wurde dergleichen nie gesehen. Dagegen zeigte sich bei diesen in allmählich wachsendem Maße theilweise eine andere Erscheinung, die sich im höchsten Grade bedeutsam erwies und die letzten Akte des Pforzheimer Hypnosedramas einleitete.

(Schluß folgt.)
[495]
Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.
Am Leuchtthurm.
Novelle von Gerhard Walter.
(Fortsetzung.)

Ich saß in der Veranda. Alles, alles, was ich vergessen glaubte, lebte in mir auf. Die alten Tage zogen einer nach dem andern an mir vorbei; aber glanzlos, wie in Nebel gehüllt. Sie war es gewesen – ich hatte mich nicht geirrt; aber sie war für mich verloren. Und nicht nur, daß ein anderer sie erworben: wir waren innerlich getrennt, ganz getrennt. Ich barg das Gesicht in den Händen. Nun war alles vorbei! – Und in meinem Herzen war die alte Liebe mit ungestümer Gewalt wach geworden! Was für ein Leben lag vor mir! So saß ich noch, als Wiebke neben mich trat.

Sie sah gehalten und ernst auf mich. „Wollen wir segeln? Der Wind kann umschlagen!“

Ich stand auf und ging neben ihr her. Wir stiegen ins Boot; sie setzte sich ans Steuer und ich machte das Segel los. Auf dem Stege standen Badegäste, die uns nachsahen.

„Ei, da möcht’ ich auch mitfahren!“ näselte ein junger Herr in Perlgrau und das Monocle ins Auge geklemmt. Eine rothe Rose flog herab, traf Wiebke vor die Brust und fiel in ihren Schoß. Sie nahm sie und warf sie ins Wasser.

„Abgeblitzt!“ rief eine andere Stimme. Jetzt bekam das Boot Fahrt, das Segel stand voll, wir entfernten uns vom Steg. Aus Versehen rührte mein Fuß an ihren; hastig zog sie ihn zurück. So saßen wir schweigend bei einander.

„Wiebke!“ sagte ich endlich – was hatte das arme Kind mir denn gethan? – und legte meine Hand auf die ihre. Sie ließ es geschehen, aber sah mich nicht an. „Ich habe Ihnen weh gethan –“

„Holen Sie die Schot besser an und belegen Sie dieselbe!“ sagte sie mit kühlem Ton; „wir liegen Kurs an, und der Wind ist hier beständig.“

„Wollen wir nicht wieder gute Kameraden sein?“ Ich hatte jetzt beide Hände frei und faßte die ihre so. Sie versuchte sie loszumachen und sah von mir weg auf die See. „Nein, Wiebke, lassen Sie uns in Frieden scheiden, Sie können nicht wissen, was mich wegtreibt von hier und was heute in meinen Weg gefallen ist –“

Da fuhr sie herum. Dunkle Gluth lag auf ihrem Gesicht. „Ja, ich weiß es! Sie meinen, Sie haben den Spaß mit dem Mädel doch zu weit getrieben in lustigem Weinrausch, und sie ist zu leicht darauf eingegangen“ – sie hielt ein und verschluckte mühsam die Thränen – „und nun wollen Sie fort – damit –“

Sie brach in lautes Weinen aus. Ich saß rathlos. Was halfen hier Versicherungen? Sie trocknete ihre Thränen. So saß sie wieder eine Weile still. Endlich sah sie mich an.

„Ist es wahr, daß Sie nicht meinetwegen fort wollen?“

„Das weiß Gott, Wiebke!“

„Wollen Sie mir einen Beweis dafür geben?“

„Kann ich das?“

„Ja; bleiben Sie bei uns!“

„Warum wollen Sie das?“

„Weil ich nie wieder zur Ruhe kommen könnte, wenn Sie meinetwegen gingen, weil Sie mich schrecklich unglücklich zurücklassen würden; weil ich mir vor mir selbst zeitlebens entehrt vorkommen würde –“ Jetzt war wieder Leben in ihrem Auge.

„Gut, Wiebke, ich bleibe!“

Da zog das erste Lächeln wieder über ihr sonst so sonniges Gesicht. „Tausend Dank!“

Es klang fröhlich. Und ich, ich konnte es thun! Mir war sie nicht mehr gefährlich. Noch in dem Augenblick, in dem ich sie auf immer verlor, war Hildegard als mein guter Engel zum zweiten Male über meinen Weg gegangen.

Jetzt kam das Fischerdorf hinter den Dünen in Sicht und das Haus mit dem rothen Ziegeldach. Sie zeigte darauf hin.

„Den Leuten da habe ich vielleicht heute gute Miether verschafft,“ sagte sie mit einem Ton des alten harmlosen Wesens.

„Wieso?“

„Als ich aus der Hausthür der Tante trat, kam mir ein Herr entgegen – ich hab’ ihn auch bei Tisch gesehen, flüchtig – es ging alles im wechselnd bunten Strom an mir vorüber; ich glaube, er saß in unserer Nähe, ziemlich dick, mit flacher Nase – und fragte mich sehr höflich, ob ich hier nicht ortsangehörig sei und ihm ein Quartier für Vier nachweisen könne, das nicht so unerschwinglich theuer wäre, irgendwo in der Nähe; es sei alles überfüllt in Stagersand. Da sagte ich ihm, an unser Gespräch von gestern denkend, er solle nur ’mal nach Fischbeck fahren, da gäbe es Quartier genug. Er fragte noch, ob ich dort aus der Gegend wäre, und ich sagte ihm, vom Leuchtthurm. Da meinte er, dann hoffe er mich wieder zu sehen, zeichnete den Namen in sein Taschenbuch und ging ebenso höflich, wie er gekommen.“

Ich hörte mit halbem Ohr zu. Es war mir im Grunde sehr gleichgültig.

Als wir nach schneller Fahrt unten am Fuße des Leuchtthurms anlegten, wurden gerade die Lichter angesteckt. Die Ebbe hatte schon angefangen zu laufen. Die eisernen Stufen, die in die Untermauerung eingelassen waren, lagen zum Theil trocken. An beiden Seiten hingen Ketten als eine Art beweglichen Geländers herab zur Hilfe beim Aussteigen aus dem Boot.

Wir holten das Segel ein und beschlugen es.

„Sind Sie mir ganz gewiß nicht mehr böse?“ fragte Wiebke leise.

„Nein, ich bin es nie gewesen!“

„Sagen Sie mir dann einmal, was Sie heute so anders werden ließ? Bitte, später – nicht jetzt – nicht heute.“

„Ich will sehen, ob ich’s kann, Wiebke; es ist eine traurige Geschichte –“ Ich kletterte hinauf; sie folgte. Oben stand Vater Volkers und rauchte. Er nickte schweigend.

Am Abend trank ich wohl wieder unten mein Bier und horchte auf das Sausen des Windes und das Klatschen der Seen und Wiebke sang ein Lied – aber mein Herz war weit, weit davon fern. – Ob an der polnischen Grenze oder am Meer – es ist alles eins: die Sorge reist mit dem Menschen, und das Leid fliegt ihn doch wieder an. Ich hätte auch zu Hause bleiben können. – Ich konnte auch hier bleiben!

Ich fischte und segelte und badete vom Boot aus im regelmäßigsten Leben, das sich denken läßt, und diese stille Regelmäßigkeit that mir wohl. Wenn ich draußen meine Angel auswarf und die großartige Einsamkeit des Meeres mich rings umgab, der sandige Strand einem Wolkenstreifen gleich am Horizont lag und nur der Leuchtthurm schlank aus der See aufragte, wenn die kleinen Wellen im leichten Seegang mein Boot wiegten und gegen seine Planken plätscherten, dann ward’s mir leichter, freier ums Herz. Ich war vielleicht auf dem Weg der Heilung.

Es war drei Tage nach der Fahrt mit Wiebke. Wir waren gute Freunde; aber unser Verkehr war harmloser, ungefährlicher geworden, als am Anfang.

Ich war vom Fischen zurückgekommen, hatte oben auf meiner Stube mir von Wiebke decken und auftragen lassen – alles zierlich und gut und freundlich – und unter dem Auflegen von Messer und Gabel erzählte sie mir, die vier Herrschaften von Stagersand seien richtig beim Krüger in Fischbeck eingezogen.

„Ach so, Ihr Verehrer!“ sagte ich, „der mit der platten Nase, nicht wahr?“

Sie lachte: „Ja; ich mag ihn nicht leiden; gestern begegnete er mir drüben am Strand und war wieder sehr freundlich und sagte, er würde mich nächstens besuchen; ich hab’ ihm gar nicht darauf geantwortet. Er wirft einem immer so wunderliche Augen zu und redet so komisches Zeug; das schickt sich doch nicht für einen verlobten Mann. Die junge Dame soll ja seine Braut sein.“ Damit ging sie.

Ich hatte meinen Mittagsschlummer gehalten und lehnte aus meinem Fensterlein. Die See lag regungslos wie ein großer Schild aus blankem Stahl vor mir. Kein Lufthauch rührte sich. „Heute sitzt es sich gut oben auf der Galerie, im Schatten der Laterne,“ sagte ich mir, nahm ein Buch und stieg, meinen Klappstuhl unter dem Arm, die paar Stufen hinauf bis an den Gang mit dem eisernen Gitter, der um die Laterne lief. Hier oben saß es sich wonnig. Ich schlug auf, da wo das rothe Seidenband lag – ich brauchte ja nie ein anderes Lesezeichen – und las und blickte hin über die See und las weiter, ganz in den Genuß der köstlichen Stunde vertieft. Da hörte ich unten am Fuß des Thurmes Stimmen und Ruderschlag.

[496] „Ach so – Wiebkes Besuch!“ dachte ich und las weiter. Nach einer Weile drang der Ton von Schritten, die auf der Wendeltreppe im Aufsteigen widerhallten, durch die große Stille an mein Ohr. Nun kommen sie nach oben. „Müssen einem die auch noch die schöne Stille des Nachmittags stören! Ich mag jetzt keine alltägliche Unterhaltung machen!“ sagte ich mir. Schnell legte ich mein Buch auf den Stuhl und schlüpfte in meine Kammer.

Kaum war ich eingetreten, da kamen die Schritte an meiner Thür vorbei. Ich hörte Wiebkes Stimme. „Hier wohnt jetzt ein Sommergast, ein Herr aus dem Binnenlande –“ da traten sie schon auf die Plattform hinaus. Verdrießlich lehnte ich am Fenster. Da rief Wiebke mit einem Male laut und eifrig. „Herr Amtsrichter, kommen Sie schnell; hier unterm Thurm spielt ein ganzer Schwarm von Tümmlern!“

„So, da haben wir’s!“ dachte ich – „nun muß es doch sein! Nun bin ich verrathen!“

Langsam öffnete ich die Thür und ging hinauf. Aber fast wäre ich wieder hinuntergetaumelt: vor mir, keinen Fuß von mir entfernt, stand – Hildegard am eisernen Geländer.

„Fräulein Starke!“ stammelte ich.

Sie war blutroth geworden.

„Sehen wir uns hier wieder?“ sagte sie. Ja, das war ihre Stimme.

Da wandte sie sich an den Herrn, der erstaunt auf uns schaute. „Ein alter Bekannter aus jungen Tagen,“ erklärte sie mit schwachem Lächeln „Herr Rüdiger, Jurist –“

„Mein Name ist Baumann!“ stellte man Nachbar von Stagersand sich vor; „ich glaube, ich habe schon das Vergnügen gehabt, Sie zu sehen in Begleitung unserer liebenswürdigen Führerin hier.“

Ich verbeugte mich, ohne etwas erwidern zu können.

„Sehen Sie dort, Herr Baumann!“ rief Wiebke und zeigte hinab– „nein, da schwimmen immer mehr! So viele sieht man hier selten!“

Schnell wandte er sich und trat zu ihr. Hildegard und ich standen allein und sahen einander stumm in die Augen. Ihr Athem ging schnell. Mich faßte etwas wie Schwindel. Ich ergriff die eiserne Stange des Geländers.

„Hildegard!“ flüsterte ich.

Sie schüttelte leicht das Haupt. Die beiden andern standen jenseit der Laterne. Ich that besinnungslos einen Schritt vor – sie zurück. Da stieß sie an den Feldstuhl, er fiel um und das Buch auf den Boden. Das kleine rothe Lesezeichen lag auf dem dunklen Asphalt. Sie erblickte es und zuckte zusammen. Ich nahm es auf.

„Kennst Du das, und weißt Du, was Du mir dazu schriebst?“ raunte ich.

Sie sagte nichts, aber farblose Blässe lag auf ihrem Gesicht. Da trat Baumann hinter der Laterne hervor. „Hildegard, was fehlt Dir?“ rief er; „Kind, bist Du krank?“

Ich riß den Stuhl auf und sie sank kraftlos darauf nieder. Mir fuhr ein Stich durchs Herz. „Hildegard“ und „Du!“ hatte der fremde Mann gesagt!

„Mir ist unwohl geworden vom Treppensteigen!“ sagte sie mit matter Stimme.

„Ich hole Dir ein Glas von dem guten Portwein unten!“ rief er eilig. „Nein, nein, Fräulein, lassen Sie mich!“ hielt er Wiebke am Arme zurück, „bleiben Sie hier!“ Und hinab polterte er mit schweren Stiefeln.

Ich warf Wiebke einen Blick zu: „Bringen Sie dem Fräulein schnell zuerst ein Glas Wasser aus Ihrer Stube!“

Sie verstand mich und ging.

Ich knieete vor Hildegard und faßte ihre Hände und sah zu ihr auf. Sie lächelte schmerzlich auf mich nieder. „Laß mich los!“ bat sie leise – „zu spät! Er ist mein Verlobter!“

„Und wenn er’s ist – das gilt nicht! Du bist mein gewesen und bleibst mein, und ob ich um Dich kämpfen sollte bis aufs Blut – Hildegard, ich kann Dich nicht wieder lassen!“

Sie machte schnell ihre Hände los und stand auf.

„Nein, ich bin sein!“ sagte sie mit tiefer Stimme.

„Hildegard, nimm das Wort zurück!“ rief ich und griff wieder nach ihren Händen.

Sie entzog sie mir. Wieder lag der kalte, todte Blick auf mir, der mich an der Tafel getroffen hatte, unerbittlich, streng.

„Du sollst, Du mußt mich hören um unserer süßen, selige, nie vergessenen Liebe willen! – Denke daran, daß ich Deine Lippen geküßt habe! Sag’ mir, wo und wann ich zu Dir kommen darf!“ flehte ich.

„Nirgends und nie!“ antwortete sie fest. „ich bin nicht mehr Herrin über meinen Willen.“

Ich sah sie starr an.

„Ist das Dein letztes Wort, Hildegard?“

„Mein letztes Wort!“ sagte sie fest.

„Nun, dann fahre hin!“ rief ich außer mir, „und los und ledig will ich sein, und wie Du mich vergessen, so will ich Dich vergessen, und kein Erinnern an Dich soll in mir aufwachen – auch dies hier soll im Wind verwehen und in den Wellen untergehen! Wenn Du mir’s wiederbringst, dann will ich Dich wieder in mein Herz fassen!“ Und ich knitterte das rothe Seidenband in der Hand zusammen und warf es hinaus über das Geländer, daß es in der stillen Luft langsam zum Wasser niederflatterte. Sie sah ihm nach, von mir abgewandt.

„Leb’ wohl!“ sagte sie leise und reichte mir die Hand.

Ich gab ihr die Hand nicht. Und ihr Gesicht konnte ich auch nicht sehen. Da nahten die Schritte von unten und laute Stimmen – Herr Baumann kam mit Wiebke langsam die Stiegen herauf. Ich hörte Wiebke lachen.

„Ach, Du siehst ja wieder ganz roth und wohl aus!“ rief er laut, als sie sich zu ihm wandte. „Da hätte ich mir ja die Chimborassoreise sparen können; willst Du trinken?“ Sie netzte die Lippen und gab ihm das Glas zurück.

„Nun, dann auf Ihre Gesundheit, Sie Nixe der See!“ sagte er und warf Wiebke einen langen Blick zu. Sie wandte sich erröthend ab. Hildegards Blick lag auf ihr.

„Nun wollen wir aber hinuntergehen!“ mahnte er; „dies Panorama mit Salzwasser auf allen Seiten ist auf die Dauer langweilig. Ich begreife nicht, verehrter Herr, wie Sie sich hier in dieser Wüste allein haben ansiedeln können. Indessen auch die Sahara hat Oasen, wie ich sehe!“ setzte er leise hinzu. „Nicht wahr?“ Er blinzelte mir zu. Ich muß ihn sehr zornig angesehen haben, denn schnell fuhr er in verbindlichem Tone fort. „Ich hoffe, daß wir gute Nachbarschaft halten werden; man ist hier so sehr auf einander angewiesen. Nicht wahr, Hildegard?“

„Gewiß!“ gab sie zurück; „meine Schwiegereltern werden sich freuen, Sie kennen zu lernen! Adieu!“

Sie wollte gehen – plötzlich reichte sie mir die Hand. Ich mußte ihr jetzt die meine wohl geben – da fühlte ich einen kräftigen Druck der kleinen Finger, daß es mich wie mit elektrischem Schlag durchzuckte – und dann war sie verschwunden. Ich ging wie ein Träumender in mein Zimmer und warf mich mit dem Gesicht aufs Bett. So lag ich im Kampf und Krampf meiner Seele, bis die Sterne am Himmel standen. War’s nun endlich vorbei? „Ja!“ sagte ich laut; „nein!“ rief die Stimme meines Herzens, „nie!“




Du fragst mich, warum ich jetzt nicht mein Bündel schnürte und auf und davon ging, und meinst, nun wär’s Zeit gewesen? Ja, ich dachte auch daran und das Versprechen, das ich Wiebke im Boot gegeben, hätte mich nicht am Reisen gehindert; aber etwas anderes that es: mein Stolz! Ich wollte nicht als Ausreißer in Hildegards Augen dastehen. War doch, trotz aller „Neins“, die ich dem Ja entgegensetzte, in meinem Herzen noch ein tief verborgen Kämmerlein, in dem ein Funken von Hoffnung glühte? War’s vielleicht jener Händedruck, der mich zurückhielt? Ich weiß es selbst nicht. Aber ich blieb und fuhr mit Wiebke zum Fischen weit hinaus in See – aber nie dem Lande zu.

Ich sagte, ich fuhr mit Wiebke. Sie trat zu mir, als ich am nächsten Nachmittag das Boot klar machte, und fragte mit ihrem lieblichsten Lächeln: „Darf ich mit Ihnen fahren? Es ist so schrecklich langweilig und einsam hier!“

Da stand sie auf dem Felsen über mir, und wie ich hinaufsah, mußte ich mir wieder eingestehen. „reizend!“ Aber auch: „nimm sie ruhig mit! Es ist kein Wagniß mehr; auch jetzt nicht, und jetzt gerade nicht! Wo Dir das in unnahbare Ferne gerückt ist, wonach Du sehnend die Arme ausstreckst, da hat das, was Du mit der Hand erreichen kannst, keinen Werth – gar keinen!“ Und Rücksichten zu nehmen hatte ich ja auch auf

[497]

Am Reichenbach.
Nach einem Oelgemälde von J. G. Steffan.

[498] niemand. So fuhren wir zu zweit hinaus. Es waren wunderliche Stunden, wie wir draußen den Bootsanker fallen ließen und die Buttangel auswarfen: ringsum die heilige Stille der See, über uns Sonnengold und Himmelsblau, unter uns das Glitzern und Funkeln und Rauschen im Wasser – da schien mir das ganze Leben mit all seinem Leid und all seinem Glück, mit all seiner Versuchung und seiner Ehre wie an großer, bunter Traum. Ich lag hinten im Boot; auf der ersten Ducht saß Wiebke und sah auf mich nieder. „Wiebke, bitte, singen Sie!“ Ich schloß die Augen und sie erhob die Stimme. Friesenlieder in Moll sang sie über mir; wie der Gesang der Meerfrauen klang es über dem Wasser – grenzenlose Wehmuth packte mich und meine Seele ging auf die Wanderschaft. Ich vergaß Angel und Meer und Mädchen, bis dieser Seelenschlaf und Traum in leiblichen Schlummer überging. Da fuhr ich auf: über mich gebeugt saß Wiebke und ihr Athem fuhr über mein Gesicht. Ich richtete mich auf; sie setzte sich ohne Verwirrung auf ihren Platz und fühlte nach der Angelschnur. „Wiebke, warum weckten Sie mich?“

„Sie wachten von selbst auf!“

„Wiebke, sag’ die Wahrheit!“

„Die wissen Sie!“ sagte sie ruhig und sah mich an.

„Und was sollte wohl daraus werden, Wiebke?“

„Gar nichts! Denken Sie, daß ich nicht weiß, wie’s in Ihnen aussieht? Soll ich’s Ihnen sagen?“ Sie beugte sich wieder gegen mich. „Sie lieben die Dame von drüben und Ihr ganzes Herz gehört ihr; aber sie kann Ihnen nicht gehören. Und Sie sind zu ehrlich, um mit einem Mädchen, wie ich bin, zu spielen – und deswegen, weil ich mich bei Ihnen so sicher weiß wie in meines Vaters Schoß, darum habe ich Sie so lieb, darum sage ich es Ihnen auch – und heucheln kann ich nicht! Werden Sie nun noch abends zu uns kommen und mich wieder ins Boot nehmen?“ bat sie weich.

„Abends komme ich zu Euch – aber ins Boot, Wiebke – Wiebke – nein!“ rief ich plötzlich. „Geben Sie mir die Hand, wir wollen die sechste Bitte nicht vergessen!“ Es kam wie eine liebe, unvergeßliche Stimme übers Meer von den Dünen her geflogen, die dort fern auftauchten: "Führe uns nicht in Versuchung!“

Sie reichte mir mit abgewandtem Gesicht die Hand.

Am nächsten Tage fuhr ich allein. Ich hatte keine Freude am Fischen. Sollte ich umkehren? – Ich blieb draußen. Aber ich sah wenig nach der Angel; ich schaute mit meinem Kieker hinüber nach dem Land, da wo zwischen den gelben Sandhügeln ein rother Punkt erschien: das Ziegeldach ihres Hauses. Und ich sah, wie ein Boot vom Strande absetzte und auf den Leuchtthurm zusteuerte. Bis mir die Augen weh thaten, folgte ich ihm unablässig: wer saß darin? Es war keine Dame dabei; und das wäre ja auch unmöglich gewesen! Und doch seufzte ich auf, wie über eine versinkende Hoffnung. Aber den gelben Strohhut da, den kannte ich, der gehörte ihrem Verlobten. Ich hißte das Segel und fuhr hinaus, bis ich kaum noch den Leuchtthurm gewahren konnte; dann kehrte ich um; jetzt mußte er fort sein.

Wiebke kam mir, eine Karte in der Hand, entgegen; „Arthur Baumann, königlicher Domänenpächter“, stand darauf.

„Der Herr ließ bitten, ob Sie morgen vormittag nicht zu Hause bleiben wollten; er sehne sich gar zu sehr nach Umgang! Er wollte mit mir anbinden und machte so verliebte Augen, aber ich mag ihn nicht! Ein verlobter Mann, pfui!“

Sie warf den Kopf in den Nacken und ging hinaus. Die Aufforderung abzulehnen, wäre ungezogen gewesen und ich blieb. Allerdings nicht sehr gern. Ich haßte den Burschen von ganzer Seele. Mehr aber noch als die Furcht, gegen die Sitte der Menschen zu verstoßen, trieb mich eine Art unwiderstehlicher Neugierde, ihn kennen zu lernen, der da im Ueberfluß leben sollte, wo ich, ein Bettler, blutarm und hoffnungslos am Wege stand.

Um zehn Uhr meldete mir Wiebke, der fremde Herr komme. Ich nickte ihr über der Arbeit zu, bei der ich saß.

„Soll ich ihm sagen, daß Sie kommen?“ fragte sie.

„Ja!“

Wiebke huschte hinaus. Ich machte mich fertig und folgte ihr zu Herrn Baumann, der sehr erfreut that.

Wiebke brachte eine Flasche von dem guten Portwein. Ich folgte Baumanns Blick, als sie den edlen Trank vor uns hinstellte. Unablässig lag sein Auge mit geradezu begehrlichem Ausdruck auf ihr. Sie hielt die langen Wimpern gesenkt. Dann ging sie hinaus.

„Donnerwetter, Herr Amtsrichter,“ sagte er und hob sein Glas gegen meines, „Sie haben sich hier aber vorzüglich einquartiert.“ Draußen erklang gerade Wiebkes Stimme, die in der Küche sang. „Alles , was dazu gehört,“ sagte er aufhorchend; „recht so, Sie sind Junggesell und können das Leben genießen! ,Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang – der bleibt an Narr sein Leben lang!‘ Prosit!“

Ich hatte Lust, ihm meinen Wein ins Gesicht zu gießen; aber ich mußte mich wohl bezwingen und stieß leicht mit ihm an. „Sie irren sich!“ sagte ich bestimmt. „Lassen wir dies Thema!“

„Ja wohl, Sie kleiner Schäker Sie!“ drohte er mit dem Finger; „na, nur keine Sorge, mache Ihnen keine Konkurrenz, bin Witwer und verlobter Mann! Auf das Wohl denn meiner reizenden Braut! – Sie kennen sie ja auch und sogar schon von früher her! Pröstchen, der Wein ist vorzüglich!“ Wieder stieß ich mit ihm an, aber diesmal war’s, als ob eine andere Hand die meine führte, so klirrte mein Glas gegen seines, daß dieses zersplitternd brach und der Wein über den Tisch floß.

„Sie meinen’s aber ehrlich!“ rief er aufspringend; „da hilft Ihnen nun nichts, da gilt die nächste Flasche als Strafe!“

Wiebke trat ein. „Ja, sehen Sie ’mal, was Ihr Herr Amtsrichter hier gemacht hat. Machen Sie’s nur ’mal wieder ein bißchen rein, Sie reizendes Kind –“

Wiebke wurde roth und sah mich an; dann wischte sie schnell, beständig unter dem Feuer seiner Blicke, den Tisch ab und ging.

Vertraulich klopfte er mir aufs Bein. „Nun leugnen sie noch!“ lachte er; „der Blick eben, den Sie kriegten! Das sind ja ein Paar ganz famose Augen, welche die im Kopf hat –“

„Wollen wir nicht von diesem Thema absehen?“ fragte ich sehr bestimmt.

„Na, nun thun Sie mir den einzigen Gefallen und werden Sie nicht ungemüthlich! Meinetwegen; aber ich habe nun einmal trotz meiner Kurzsichtigkeit für Frauenschönheit ein Auge; daß ich einen guten Geschmack habe, das hat Ihnen doch auch meine eigene Wahl bewiesen. Sie ist doch reizend, nicht wahr? Und so tüchtig! Ich sage Ihnen, meine vier Kinderchen bekommen eine exemplarische Stiefmutter. Na, Sie trinken ja aber gar nicht! Prost! Ein junger Mann wie Sie darf nicht so traurig aussehn; was haben Sie denn?“

Ja, mir ging Stich auf Stich durchs Herz! Aber ich war jetzt d’rin – ich mußte durch. Nun trank ich mit ihm, um seine Zunge zu lösen.

„Wenn’s nicht aufdringlich ist, Herr Baumann, dann möchte ich Sie bitten, mir zu erzählen, wie Sie das junge Mädchen kennen gelernt haben, für das ich mich selbstverständlich interessire, weil ich sie als Student gekannt und verehrt habe.“

„Das kann ich mir wohl denken! Nun – sie war viele Jahre Gesellschafterin meiner alten Mama, oder vielmehr, sie stand dem ganzen Hauswesen mit wirklich rührender Treue vor. Das gefiel mir; das war etwas für mich und meinen großen Hausstand. Und dazu die liebreizende Erscheinung, das echt Weibliche in ihrem ganzen Sichgeben, das goldene Gemüth und die kräftige Entschiedenheit ihres Charakters; das zog mich an. Und so habe ich mich mit ihr verlobt und bin ein sehr, sehr glücklicher Bräutigam, und ich kann Ihnen sagen, die Aussicht, in wenigen Monaten solch ein Weibchen heimzuführen, die ist höchst angenehm! Ich bin wieder ganz jung im Herzen geworden, seit sie mir das Jawort gab – auf einer Landpartie, im Walde war’s, unter einer grünen Tanne – Herr, was haben Sie denn, was finden Sie Lächerliches daran?“ unterbrach er sich plötzlich in einiger Entrüstung.

Ich dachte an einen anderen Wald und eine andere Tanne, unter der an rother Fliegenpilz gestanden hatte! Hatte sie auch daran gedacht? Und doch „Ja“ gesagt?

„Sie wissen das so famos lebendig zu schildern,“ antwortete ich ihm, „das führt uns ganz notwendig zu der zweiten Flasche, die ich zu leisten habe; trinken Sie aus!“

Es kam wieder einmal etwas von der tollen Stimmung über mich, die auf der Germanenkneipe nach jenem Tage der ersten Trennung in mir auflohte. Ich hob mein Glas gegen ihn „Prost, was kann das schlechte Leben helfen!“ und während ich trank, zog mir ein Verslein durch den Sinn, ein böses:

„Da flucht’ ich den Weibern und reichen Halunken
Und mischte mir Teufelskraut in den Wein –!“

[499] Ich glaube, ich wurde ihm etwas unheimlich, und es war ihm eine nicht unliebe Ablenkung, als Wiebke wieder erschien, um die zweite Flasche auf den Tisch zu stellen. Der starke Wein fing an, ihm zu Kopf zu steigen, und mit einem zudringlichen Blick schaute er sie an. Aber meine Gegenwart behinderte ihn offenbar. Das Mädchen ging schnell davon.

Ich war in einer gräßlichen Stimmung, die in einer Art wilder Lustigkeit losbrach. Aber dennoch war es mir, als ob durch all das Dunkel des Jammers jener Hoffnungsfunken tief unten im Herzen heller aufleuchtete.

„Giebt’s denn keine Möglichkeit, Hildegard aus den Händen dieses Gesellen zu retten? Sie kann ihn doch nicht lieben, und er liebt sie ja auch nicht!“ sagte ich mir, und dabei schlug ich ihm vertraulich auf die Schulter und sah ihm forschend, lauernd in das geröthete Gesicht: „Sie scheinen mir auch kein Kostverächter zu sein! Ei, ei, so ein bißchen Türke? Was? Hat ’s die Kleine hier Ihnen angethan?“

„Hören Sie ’mal, die kann ja einen verständigen Mann irre machen; fällt mir natürlich nicht ein, ihr den Hof zu machen! Aber Sie wissen ja auch als Jurist und Mann von Welt: so ein Küßchen in Ehren –“ raunte er halbtrunken –

„Soll niemand wehren!“ rief ich – und ich malte mir mit lebhaftem Behagen das Bild, wie dieser Herr Rittergutspächter von einem Haifisch unter Wasser gezogen wurde.

„Wollen wir nicht einen regelmäßigen Frühschoppen gründen hier in diesem vorzüglichen Lokal?“ schlug er weinselig vor, als er sich erhob, um in sein Boot zu gehen. „Sie gefallen mir! Wir müssen überhaupt zusammenhalten; was meinen Sie z. B. zu einer gemeinsamen Wasserpartie, einer Fahrt in See – in Ihrem großen Boot da? Und dann nehmen Sie diese allerliebste kleine Leuchtthurmkrabbe wieder als Steuermann mit, wie damals; sah famos aus, als Sie abfuhren; meine Braut und ich standen auch auf dem Damm; aber wurden doch ein paar schlechte Witze über Sie gemacht.“

Mich überlief es wieder kalt trotz der erhitzenden Gluth des Weines.

„Nun ja, wollen sehen, wollen sehen!“ rief ich ihm nach; „besuchen Sie mich nur recht häufig. Am Vormittag bin ich aber meistens draußen zum Baden; am Nachmittag –“

„Schön, schön, also vormittags baden Sie! Freut mich, lassen Sie sich ’s gut bekommen,“ rief er mit etwas unsicherer Stimme aus dem Boot; „Donnerwetter, Ihr Wein ist zu stark zum Frühschoppen! – Komme bald wieder; riesig gemüthlich bei Ihnen – grüßen Sie –“ mehr hörte ich nicht; denn das Boot flog vor der Brise dem Lande zu.


Tage waren vergangen. Theils mit, theils ohne mein Zuthun hatte er mich mehrmals verfehlt.

„Nehmen Sie sich in Acht,“ sagte Brar Volkers, als ich an einem der folgenden Nachmittage ins Boot ging; „wir bekommen heut noch über kurz oder lang schlecht Wetter aus Nordwest. Die Stille seit gestern und die schwere Dünung gefällt mir nicht, der Himmel noch weniger. Darauf gebe ich mehr als auf die Sturmwarnungen der Seewarte. Sehen Sie nach oben; da hängt der Warnungsball schon seit heute vormittag! – Und jetzt läuft die Fluth schon; kann gut werden; vorgestern war Vollmond!“

„Ich will auch nicht weit,“ entgegnete ich; „aber ich muß hinaus. Komme zur rechten Zeit wieder!“

„Wenn die Fischer, die auf die hohe See gefahren sind, nur auch rechtzeitig ankommen!“ brummte er bekümmert. „Kommen sonst schwer an Land und können an der Riesenbrandung kentern und vollschlagen. Die volle See steht mit Nordwest hier auf die Dünen; und wir haben nicht umsonst eine Rettungsbootstation drüben in Fischbeck.“

Er ging und ich setzte Segel. Aber kaum, daß die flaue Brise mich vorwärts brachte. Ich griff nach den Riemen und pullte kräftig mit. Allmählich kam etwas mehr Wind auf, und ich ließ mich treiben, die Arbeit einstellend. – Da saß ich nun wieder, in meine schweren Gedanken versunken. Sollte ich Hildegard warnen? Sie wurde verrathen von ihm; ich brauchte ja nur Wiebkes Zeugniß beizubringen. Aber nein, und abermals nein. Sie hätte mir und ihr nicht geglaubt! Und in welchem traurigen Licht hätte ich als Kläger gegen ihn dagestanden! Hätte es nicht wie ein jämmerliches Manöver der Eifersucht ausgesehen? Nein, es ging nicht! Sie mußte ihr Geschick erfüllen – und ich auch. – So hatte ich wohl eine Stunde gesegelt. Plötzlich wurde ich aus meinem trüben Sinnen geweckt. Ein Windstoß fauchte über die See her, das stille Wasser schaumig vor sich her aufregend und mir in die Segel fallend, daß ich schnell bei der Hand sein mußte, damit mein Boot sich nicht zum Kentern legte. Dann ward ’s wieder still. Aber vom Lande her grollte und rollte die zunehmende Brandung. „Es ist die steigende Fluth!“ sagte ich mir und steckte sicherheitshalber ein Reff ein. Die Brise wurde stetiger, stärker. Dann und wann fuhr wieder eine sausende Bö einher. Das Wasser sah grau und trübe aus; die See ging hohl, weiße Wellenköpfe kamen auf und verliefen sich, waschend und spülend. Am Himmel zogen eilige Wolken dahin, mehr und mehr sich verdichtend zu bleifarbiger Decke.

„Es giebt am Ende doch etwas!“ dachte ich; „aber vor Nacht kann ’s nicht schlimm werden.“

Ich kannte die Nordsee nicht! – Als die Böen allmählich stärker und häufiger einsetzten, und als der Wind plötzlich wirklich nach Nordwest umsprang, gleichzeitig an Kraft zunehmend, da wurde mir die Geschichte aber doch bedenklich, und ich machte Anstalten zum Umkehren. Jetzt standen die Segel voll, und mit eiliger Fahrt flog ich dahin. Ich war durch mein Manöver näher an Land gekommen, und lauter donnernd rannten die Fluth- und Sturmseen schnell fortschreitend auf den Strand, daß ich die weiß aufrauschende lange Zeile auch mit dem Auge deutlich erkennen konnte. Wenn die Fluth erst mit ganzer Kraft einsetzte – jetzt war sie noch an Anfang – dann konnte das Schauspiel recht großartig werden – wenn die wüthende See erst alle Kräfte aufbot, um die Dünen zu stürmen: Dort, gerad voraus, lag ragend der große dunkle Granitblock, der seltsame, einsame, wogenumspritzte Findling, vor dem mich Wiebke einst gewarnt hatte – wo das Kind ertrunken sein sollte; es sollte ja noch da spuken, hatte sie gesagt. Ich blickte hinüber – und es lief mir trotz jeglichen Mangels an Gespensterglauben doch plötzlich kalt über den Rücken: wahrhaftig, da stand es ja in seinem Trauerkleid und winkte warnend von der Höhe des Steins zu mir herüber! Ich starrte und starrte hin – da bekam ich eine See über und das Segel fing an zu schlagen, eine bessere Warnung jedenfalls für unaufmerksame Schiffer, auf ihr Fahrzeug zu achten und alle Kraft zusammenzunehmen, als die wesenlosen Zeichen eines Schemens. Ich faßte die Ruderpinne sicherer und hielt ab; aber ich mußte doch wieder hinschauen: da stand das Gespenst ja aber noch immer und winkte! Ich war dem Stein näher gekommen. Jetzt sah ich mehr, es war eine Gestalt von Fleisch und Blut, mit im Winde wehendem losen Haar – eine Frauengestalt in schwarzem Kleid, ein flatterndes weißes Tuch in der Hand; eine, die um Hilfe winkte, und welche die plötzlich mit dem Sturm einbrechende, schnell steigende Fluth vom Rückweg zum Lande abgeschnitten hatte.

Ich legte das Ruder und holte die Schoten; in schneller Fahrt schoß meine Jolle aus den Stein zu ins flache Wasser und in die erste Brandung hinein. Und wie ich noch näher und ganz nahe heran kam, da fing mein Herz an zu hämmern; was ich von Anfang geahnt hatte – jetzt war es Gewißheit: die Frau auf dem Stein war Hildegard!

(Schluß folgt.)




Blätter und Blüthen.


Die Kinderpflegeanstalt in Norderney. (Mit Illustration S. 485.) Längst hat man erkannt, wie heilsam ein längerer Aufenthalt an der See für skrophulöse Kinder ist. Es ist schon länger als ein Jahrzehnt, daß eine von dem Diakonissenmutterhause Henriettenstift in Hannover erbetene Schwester nach Norderney kam, um eine solche Pflegeanstalt zu übernehmen. Die Anfänge waren sehr bescheiden; in einem primitiven Häuslein wurden die ersten Pfleglinge untergebracht; doch trotz der Thätigkeit eines Komitees und vieler freiwilligen Spenden wollte die Sache nicht recht in Fluß kommen. Die Dorfbewohner fürchteten die Nachbarschaft eines Krankenhauses und außer dem erwähnten Häuslein konnte das Komitee kein anderes zur Miethe erhalten. Allmählich erst konnte es der Vorstand wagen, die ihm unter sehr günstigen Bedingungen angebotene bisher gräflich Knyphausensche Villa zu kaufen, die im Oktober 1876 bezogen wurde; sie steht im Dorfe, freundlich umgeben von einem eigenen und dem fiskalischen Georggarten, dem Strande ebenso nahe wie dem Warmbadehause. Die Räume wurden zweckentsprechend eingerichtet; die

[500] Säle um zwei große Baracken vermehrt; für die Warteschule wurde ein eigenes Zimmer hergerichtet. Die Bedeutung der Anstalt für die Gemeinde, der Kreis ihrer Beziehungen hat sich sehr vermehrt. Reichlich fließen die freiwilligen Spenden, denen die Anstalt ihre Begründung und ihre Existenz verdankt. Am 23. Januar 1878 schon hatte sie die Rechte einer juristischen Person erhalten. Knaben zwischen dem sechsten und elften und Mädchen zwischen dem sechsten und vierzehnten Lebensjahre werden ohne Unterschied der Konfession aufgenommen; der Satz für das Kostgeld ist sehr mäßig. Die Diakonissinnen verdienen für die aufopfernde Pflege der armen Kleinen warme Anerkennung; den höchsten Lohn werden sie gewiß selbst darin finden, wenn die mit bleichen Gesichtern Ankommenden frisch und fröhlich die Anstalt verlassen.
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Sprache ohne Worte. Ein sehr reichhaltiges Thema! Unsere Leser werden dabei an dieses oder jenes Zeichen und Symbol denken; aber sie werden kaum glauben, daß man eine umfangreiche Schrift über diese „Sprache ohne Worte“ schreiben kann. Und doch hat neuerdings Rudolf Kleinpaul unter diesem Titel ein solches Werk verfaßt. Da erfahren wir zuerst, daß es eine Sprache giebt, ohne Absicht der Mittheilung und Gedankenaustausch, eine Sprache der religiösen Symbole, der Ahnungen und Traume, eine Sprache der Mienen und Gebärden, denen sich dann erst eine solche mit Absicht der Mittheilung, ohne oder mit Gedankenaustausch anschließt.

Wir treten in ein Kuriositätenkabinet und ein ethnographisches Museum; der vielbelesene Autor bringt aus der ganzen Weltlitteratur seine Beispiele und Anekdoten herbei. Wir erfahren dabei manches Neue, auch aus der neuesten Zeit. Es wird sehr viele unserer Leserinnen gewiß interessiren und auch überraschen, wenn sie von einer „Briefmarkensprache“ hören, die besonders von den Damen der Reichshauptstadt gepflegt wird. Man sollte kaum glauben, daß ein so nüchternes Postwerthzeichen zum Ausdrucke der Empfindungen gewählt werden kann, und doch wetteifern die Fünf- und Zehnpfennigmarken hierin mit Rosen, Veilchen, Goldlack, Astern und Hollunderblüthen und dem ganzen östlichen und westlichen Selam der Blumensprache und ein Empfänger oder eine Empfängerin weiß schon, ehe sie den Brief eröffnet, was sie vor allem aus ihm erfahren will und was vielleicht nicht einmal darin steht, wenn die Vorsicht es verbietet. Wie aber ist das möglich? wird man fragen. Eigentlich soll die Freimarke auf dem Kouvert in die Ecke rechts oben geklebt werden; da aber diese Vorschrift nicht streng ist, so läßt sich die Marke auch an anderen Stellen des Kouverts aufkleben, und ebenso kann man sie aufrecht, quer und verkehrt anbringen. Daraus ergeben sich nun für den Kundigen allerlei Offenbarungen und Bedeutungen. Eine Briefmarke z. B. rechts oben und aufrechtstehend sagt: ich wünsche Deine Freundschaft; links oben und aufrecht sagt sie: ich liebe Dich! Rechts oben verkehrt meint sie: Schreibe nicht mehr! Links oben quer: Mein Herz gehört einem andern etc. Gewiß, von diesen postalischen Geständnissen mittelst Briefkouverts hat sich Excellenz Stephan auch bei seinen kühnsten Neuerungen, bei seinen die ganze Welt beherrschenden Reformen nichts träumen lassen.

Ueber Lachen und Weinen, über den Kuß, die Bildersprache finden sich allerlei sinnige und ergötzliche Mittheilungen. Wie man heutzutage das Lachen kauft und die Heiterkeit bestellt, um damit Reklame zu machen: das belegt der Verfasser mit der Anekdote von den Pariser Sandwichmännern. Ein Sandwichman ist ein armer Teufel, der mit je einer Anzeigetafel auf der Brust und auf dem Rücken durch die Straße zieht. Seine Heimath ist London. An einem schönen sonnigen Herbstsonntagnachmittag des vorigen Jahres bemerkte man nun einen Zug von etwa fünfzig solcher Sandwichmänner in Paris. Sie boten nicht den gewohnten Anblick trübselig hinschleichender, stumpfer Kopfhänger, sondern schienen allesammt von einer unbändigen Lustigkeit erfaßt zu sein. Jeder hielt ein Blatt in der Hand, in dem er las oder zu lesen vorgab, und drückte auf die mannigfaltigste Weise das größte Ergötzen aus. Der eine blieb alle paar Schritte stehen, warf den Kopf zurück und hielt sich die Seiten vor Lachen; der andere krümmte sich, von einem lautlosen Gelächter geschüttelt; der dritte machte Luftsprünge und hob beide Hände wie außer sich in die Höhe und so, mit beständiger Abwechslung, die ganze Reihe der Fünfzig entlang. Was bedeutete das? Waren die Leute plötzlich verrückt geworden? Hatten sie Lachgas geathmet? Nein. Die Sache war viel einfacher. Wie ein Blick auf ihre Anzeigetafel lehrte, waren sie dafür bezahlt, die Aufmerksamkeit des Publikums auf ein neues Witzblatt zu lenken, und ihre Auftraggeber hatten den Einfall gehabt, die großartig erheiternde Wirkung ihrer Zeitung durch Sandwichmänner mimisch darstellen zu lassen.
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Vogtländerin. (Mit Illustration S. 493.) Zu denjenigen mitteldeutschen Volkstrachten, die der alles gleichmachende Zug der Zeit immer mehr und mehr verschwinden läßt, gehört auch die des Vogtlandes, jenes Landstriches zwischen der Eger, Saale und Elster, der, so rauh er dem Fremden auch scheinen mag, doch schön genug ist, um unter den Landeskindern eine sprichwörtlich gewordene Heimathsliebe hervorzurufen. Bauer und Bauerdirne haben indeß längst gelernt, sich städtisch zu tragen; sie haben die alte Tracht meistens abgestreift, und nur die bejahrtere Bäuerin hat ihre Anhänglichkeit an dieselbe bewahrt, obschon diese Tracht auch für jugendliche Gestalten sehr kleidsam war. Das zeigt unser Bild: die kleine Dirne, die mit einer Schüssel voll „Grüngeniffter“ (rohe Kartoffelklöße, das Leibgericht der Vogtländer und Thüringer) zur Thür hereintritt, lacht ganz seelenvergnügt aus ihrer „Buckelhaube“ hervor, dem Prachtstück ihrer vogtländischen Toilette. In Form eines Kegels, dessen abgestumpftes Ende der mit allerlei goldglitzerndem Flitterwerk in oft ganz eigenartigen Verzierungen ausstaffirte „Haubenfleck“ krönt, sitzt sie auf dem Hinterhaupt und wird von einem buntschillernden Seidentuch, das über der Stirn zur Schleife geknüpft ist, umschlungen. Das Gesicht umrahmt ein schwarzer Spitzenbehang, während am hintern Ende breite schwarze Seidenbänder niederhängen. Das dicke, mit engen, an den Achseln aufgebauschten Aermeln versehene Mieder, auch „Spenzer“ genannt, der weite Rock mit der ihn fast ganz bedeckenden grünseidenen Schürze und das buntgeblümte Halstuch vervollständigen die hübsche Tracht, die leider! allmählich verschwindet.






Am Reichenbach. (Mit Illustration S. 497.) Der Reichenbach im Berner Oberlande, von dessen Wasserstürzen hier einer nach dem Oelbilde von J. G. Steffan als Stimmungsbild vorgeführt wird, bildet schon seit dem vorigen Jahrhundert für die Maler der verschiedensten Nationen einen Hauptanziehungspunkt. Der Künstler selbst schreibt: „Wenn man von Meyringen im Berner Oberlande die Aare überschreitend an den Reichenbach gelangt, führen längs desselben Fußwege nach den Höhen hinauf, vorüber an den verschiedenen köstlichen kleineren und größeren Wasserfällen, die den Lauf desselben aus dem Hochthal von Rosenlaui nach dem Haslithale hinab stufenweise begleiten; in diesem malerischen Terrain befindet sich auch einer dieser Wasserstürze, die dem Bilde als Motiv dienen.“

Großartiger sind die obern Fälle, besonders der oberste, der sich zwischen den Felsen des Schingel- und Burghornes hervordrängt, dessen Sturz etwa 60 Meter beträgt. Wer aber für die feineren malerischen Genüsse begeistert ist, wird die kleinen Wasserfälle vorziehen, wie derjenige, den Steffan dargestellt hat. Er führt uns die ergreifenden landschaftlichen Eigenthümlichkeiten der Schweiz im Kleinbilde vor. Hier sieht man den wildströmenden Bergstrom, der sich bald erweitert, bald durch gewaltige Steinblöcke eingeengt wird, dort mächtig geschichtete zerspaltene Felsen mit pittoresken Formen und Farben, auf den terrassenförmig ansteigenden Hügeln kräftig aufstrebenden Baumwuchs, der bald geheimnißvolles Dunkel, bald lichte Fernsichten bildet. Oben auf der grünen Wiese über dem wildbewegten Wasser erblickt man die behaglich gelagerte, weidende Herde – eine friedliche Idylle!






Menschenfresser in Ostindien. Während die Bevölkerung der Südseeinseln durch die Berührung mit den Europäern immer civilisirter wird und barbarische Unsitten, wie das Menschenfressen, dort im Aussterben begriffen sind, sprechen neuere Berichte, besonders diejenigen des Engländers John C. Nasfield, von Menschenfressern unter der Urbevölkerung Vorderindiens, wo natürlich religiöse Ceremonien damit im Zusammenhange stehen oder auch ein blinder Aberglauben. Im Bezirke Mirzapur sollen Männer und Frauen, welche einen Berg auf einem gewissen Pfade herauf stiegen, spurlos verschwunden sein. Ein Zauberer in einer Berghöhle soll sie getödtet und verzehrt haben, da er seine Zauberkraft nur solchem Mahle verdanke. Einige Stämme Mittelindiens sollen das Fleisch der Männer und Knaben, welche sie der Todesgöttin geopfert, bis in die neueste Zeit verzehrt haben. Die Musharas pflegten bis vor kurzem ihre todten Eltern aufzuessen; diejenigen, die dem Tode nahe waren, luden ihre Verwandten ein, daß sie nach ihrem Hinscheiden sie verspeisen möchten. In der Nähe von Buster wurde noch vor kurzem eine Menge Menschen zu Menschenopfern fortgeschleppt.

Hoffen wir, daß solche Greuel vor der immer mehr um sich greifenden Civilisation nicht mehr lange Stand halten!






Skat-Aufgabe Nr. 9.[2]
Von F. A. Falck in Leipzig.

Die Hinterhand spielt Grün (p.) Solo auf folgende Karte:

(tr. B.)
(c. B.)
(car. B.)
(p. Z.)
(p. K.)
(p. 9)
(tr. As)
(tr. 8)
(tr. 7)
(car. As)

Im ersten Stich wird ihr vorgespielt. Nimmt der Spieler den Stich mit, so verliert er und die Gegner erhalten 61 Augen; läßt er dagegen den Stich laufen, so gewinnt er und die Gegner bekommen höchstens 57 Augen. – Wie sitzen die Karten und wie ist in beiden Fällen der Gang des Spiels?

Auflösung der Skat-Aufgabe Nr. 8 auf S. 468:

Der Spieler sitzt in Hinterhand. : Skat gD, gK

Vorhand: eZ, e9, e8, gZ, gO, rK, rO, r9, r8, r7
Mittelhand: eD, eO, g9, g8, g7, sZ, sK, s9, s8, s7
1. rK, eD, rZ (– 25)
2. sK, sD, eZ (– 25)
3. rO, e0, rD (– 17)
4. sZ! SO, gZ (– 23)

Der Spieler, welcher Schneider angesagt hatte, ist selber Schneider geworden.


  1. Sein Hauptnebenbuhler war damals der Magnetiseur „Theo“ Böllert.
  2. Diese Aufgabe ist im Problemturnier des vorjährigen Skatkongresses durch einen Preis ausgezeichnet worden.