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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum: 1888
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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[149]
Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.
Das Eulenhaus.
Hinterlassener Roman von E. Marlitt.       Vollendet von W. Heimburg.
(Fortsetzung.)


Ja, Claudine fuhr zu Hofe. Sie saß da in dem Wagen mit dem stillen stolzen Ausdruck, den ihre Züge für gewöhnlich zeigten. Sie hatte heute früh ihren Haushalt besorgt und war dann nach Tische aus ihrem Aschenbrödelgewand geschlüpft, um die eben so einfache wie elegante Toilette aus dunkelblauer weicher Seide anzulegen, die sie noch einige Tage, bevor sie um ihre Entlassung gebeten, von dem Schneider zugeschickt bekommen. Es war keine Eitelkeit von ihr; sie war gezwungen, diese Robe zu wählen; denn Ihre Hoheit hatte gestern gesprächsweise erwähnt, daß sie schwarze Kleider nicht liebe.

Als Claudine, um Abschied zu nehmen, zu ihrem Bruder in das Thurmzimmer trat, betrachtete er sie verwundert.

„Wie schön Du aussiehst!“ sagte er stolz und küßte sie auf die Stirn.

Und sie blickte ihn ängstlich und verwirrt an; „ich habe kein anderes Kleid, Joachim – und bei diesem trüben Wetter – ?“

„Ich mache Dir doch keinen Vorwurf,“ erwiderte er freundlich, „ich freue mich nur über die harmonische Wirkung Deiner blonden Haare mit dem tiefen Blau. Leb’ wohl, Schwesterchen, geh’ ohne Sorgen; Elisabeth ist gut aufgehoben bei Fräulein Lindenmeyer, und ich schreibe. Was zögerst Du denn noch, Liebling? Hast Du Kummer?“

Sie war wie schwankend ein paar Schritte zu ihm hinüber getreten, und ihre Lippen bewegten sich leise, als wollte sie sprechen. Dann wandte sie sich rasch, murmelte ein „Adieu!“ und ging. Ihm, dem Träumer mit dem weichen Gemüth, durfte sie ihre Sache nicht zur Entscheidung vorlegen. Selbst handeln, das ist der einzig richtige Weg. So war sie denn in den Wagen gestiegen mit dem Unbehagen, das edle Naturen erfaßt, wenn nicht alles klar und durchsichtig um sie her erscheint, und dennoch mit dem festen Vorsatz, durch eigene Kraft sich aus diesem Irrsal herauszufinden.

Aber was in aller Welt sollte sie zunächst thun? Die Herzogin rief – und sie mußte kommen. Wenn sie nicht krank lag, hatte sie keinen einzigen Grund abzulehnen; eine Lüge wollte sie nicht sagen und die Wahrheit durfte sie ihr gegenüber nicht aussprechen. Und war sie denn nicht am sichersten neben der fürstlichen Gemahlin? In dem Boudoir der Gattin durfte keiner der heißen flehenden Blicke sie streifen; in Gegenwart dieser liebenswürdigen Frau mußte jeder selbstsüchtige Wunsch verstummen. Sie drückte das Batisttuch an die pochende Schläfe, als könne sie den Schmerz dämpfen, der dort schon den ganzen Tag gewühlt.

Dort unten tauchten jetzt die hochgiebligen Dächer des Altensteiner Schlosses aus den Gipfeln der Bäume, und gerade in diesem Augenblick brach nach langen düstern Regentagen der erste Goldblitz der Sonne aus den lichter gewordenen Wolken und ließ den vergoldeten Knauf des Thurmes aufleuchten, als sende ihr die alte Heimath einen Willkommengruß.

„Ihre Hoheit haben schon mit Ungeduld gewartet,“ berichtete flüsternd die alte Frau von Katzenstein in dem Vorzimmer, „Hoheit wollen von Ihnen ein neues Lied von Brahms hören und haben diesen Morgen zwei Stunden an der Klavierbegleitung geübt. Sie sind schrecklich nervös und aufgeregt, liebste Gerold; es hat einen kleinen Disput mit Seiner Hoheit gegeben.“

Das junge Mädchen sah fragend in das Gesicht der Hofdame.


„An das Fräulein!“
Nach dem Oelgemälde von H. Kotschenreiter.

[150] „Entre nous, liebste Gerold,“ flüsterte diese; „Hoheit wünschten, daß der Herzog heute Nachmittag den Thee bei ihr nehme, und er lehnte es rundweg und mit einer Kürze ab, die fast unfreundlich genannt werden kann. – ‚Wir wollen musiciren,‘ sagte Ihre Hoheit schüchtern, ‚und ich glaubte, mein Freund, Du habest Dich gerade im letzten Winter sehr für Gesang interessirt? Ich meine, Du hast die kleinen musikalischen Abende bei Mama niemals versäumt?‘ – Seine Hoheit antwortete darauf: ‚Ja, ja, gewiß, meine Theure – aber – augenblicklich – ich habe Palmer zu einem Vortrag befohlen, und da das Wetter besser, so will ich mit Meerfeld auf den Anstand heute Abend; Du weißt, der Arzt hat mir dringend gerathen, so viel frische Luft wie möglich.‘“

Claudine drehte ihr Notenheft in den Händen; sie war roth geworden und unendlich peinlich berührt durch diesen Bericht. „Wollen Sie mich Ihrer Hoheit melden?“ fragte sie.

„Sogleich, liebstes Geroldchen; lassen Sie mich Ihnen nur noch erzählen: die Herzogin wandte ihm den Rücken und sagte ganz leise: ‚Du willst nicht, Adalbert!‘ Und dann ist er ohne Antwort fortgegangen, und sie ist zu tausend Thränen aufgelegt.“

Die fürstliche Frau saß an ihrem Schreibtisch, als Claudine eintrat, und streckte ihr die Hand entgegen. „Es ist, als ob der Sonnenstrahl, der eben da draußen aufleuchtet, in mein Zimmer geflogen käme mit Ihnen, beste Claudine,“ sprach sie liebenswürdig mit ihrer matten klanglosen Stimme. „Sie glauben nicht, wie einsam man sich bisweilen fühlen kann unter Menschen, selbst unter denjenigen, die uns alles sein sollen – ja sogar sind. – Ich habe vorhin in beängstigender Unruhe mein Tagebuch geholt und darin geblättert, da ist mir leichter geworden. Ich habe doch schon viel, sehr viel Glück erlebt; das tröstet mich und macht mich dankbar. Nehmen Sie Platz; sind das die Lieder, von denen ich sprach?“ Sie ergriff die Noten und blätterte darin. „Ah, richtig – Liebestreue! Sie sollen es mir nachher singen, liebstes Fräulein von Gerold; jetzt möchte ich bitten, eine kurze Spazierfahrt mit mir zu machen; ich sehne mich unaussprechlich nach frischer Luft und – Gott sei Dank! – der Himmel hat sich gelichtet.“

Als die Damen nach einer Stunde zurückkehrten, nahmen sie den Thee, und dann trat Claudine an den Flügel. Die Herzogin lag auf ihrer Chaiselongue und lauschte; die alte Hofdame saß am Fenster hinter der fürstlichen Frau und achtete auf die leiseste Bewegung ihrer Gebieterin.

Claudinens schöne weiche Altstimme schwebte durch den leicht dämmerigen Raum; sie hatte zwar die Noten da vor sich stehen, aber sie brauchte sie nicht. Und so reihte sich Lied an Lied. Sie sang mit einer traurigen Lust; der kostbare Flügel stand merkwürdigerweise in dem nämlichen Zimmer, an der nämlichen Stelle, wo einst ihr Instrument gestanden. Das volle süße Glück ihrer Jugend ward lebendig in dieser Umgebung; sie wußte nicht, wie es kam, daß Joachim’s Lieblingslied von ihren Lippen floß:

„Aus der Jugendzeit, aus der Jugendzeit
Klingt ein Lied mir immerdar –
O wie liegt so weit, o wie liegt so weit,
Was mein, was mein einst war –“

Sie sang die traurige einfache Weise mit innigem Gefühle, und dann brach sie inmitten der letzten Strophe mit einem Tone ab, der wie gebrochen klang, und nach ein paar falschen Accorden, welche die begleitende Hand noch mechanisch griff, ward es still.

Dafür scholl es aber weich und leise durch das Gemach: „Adalbert, ich wußte ja, Du würdest kommen!“

Claudine hatte sich erhoben und starrte zu der hohen Gestalt hinüber, die sich eben zu einem Kuß herabneigte auf die Hand der Gattin. Nun verbeugte sie sich und faßte nach der Lehne ihres Sessels, als müßte sie sich stützen.

„Singen Sie weiter, Fräulein von Gerold,“ bat der Herzog; „es ist lange her, seitdem ich die Freude hatte, Sie zu hören.“

Er saß im tiefen Schatten neben dem Lager seiner Gemahlin, den Rücken dem Fenster zugewandt. Claudine sah sein Gesicht nicht; sie wußte aber, daß der letzte rosige Schein der Abendsonne sie streifte. Das machte sie noch verwirrter. Sie suchte sich gewaltsam zu fassen; aber als sie einsetzte, klang die Stimme verschleiert und kraftlos; es war, als schnüre ein Krampf ihr die Kehle zu. Sie stammelte eine Entschuldigung und erhob sich.

„Wie eigenthümlich!“ sagte die Herzogin. „Haben Sie schon früher daran gelitten, liebste Claudine?“

„Niemals, Hoheit!“ stotterte sie der Wahrheit gemäß.

„Es giebt derartige nervöse Erscheinungen,“ bemerkte der Herzog ruhig; „vielleicht hast Du Fräulein von Gerold bereits zu sehr angestrengt?“

„O, das wäre möglich; verzeihen Sie, meine liebe Claudine, und ruhen Sie sich aus,“ rief sichtlich erschreckt die Herzogin. Und sie winkte das junge Mädchen zu sich auf das kleine Sesselchen, von dem soeben der Herzog aufgestanden war, um fast unhörbaren Schrittes im Zimmer auf- und abzugehen.

„Setzen Sie sich so, daß ich Ihr Gesicht erblicken kann,“ bat sie. „Wirklich, Sie sehen angegriffen aus; aber jetzt kommt Ihre Farbe wieder. Mein Gott, ich glaube fast, Sie haben sich vor dem plötzlichen Eintritt des Herzogs erschreckt! – Adalbert!“ lachte sie und bemühte sich, ihren Kopf zu wenden – er stand in diesem Augenblick hinter ihrem Sofa. „Du wirst schuld an diesem Verstummen sein – o Du böser Mann, was richtest Du für Sachen an!“

Unwillkürlich hatte Claudine die Augen zu dem Angeredeten erhoben, um sie im nächsten Moment tödlich erschreckt zu senken – da war er ja wieder, dieser heiße, flehende Blick! Ueber das Haupt der Gattin hinweg war er zu ihr geflogen, indeß seine Stimme so ruhig erklang: „Es sollte mir leid thun, gnädiges Fräulein; ich kann mir aber nicht denken, daß mein Erscheinen hier etwas Erschreckendes, Ungewöhnliches haben soll. Ich –“

„O gewiß nicht, Hoheit,“ erwiderte Claudine laut und richtete sich empor, „ich war in dem Augenblick ermüdet, ich hatte ein wenig Kopfschmerz – es ist mir jetzt viel besser.“

„Um so besser!“ lächelte die Herzogin, „und nun wollen wir plaudern. Du bist so stumm, Adalbert; wie kam es, daß Du Dein Jagdvergnügen aufgabst? Erzähle! War es wirklich nur, weil Du diesen Abend bei mir sein wolltest?“ – Und sie folgte ihm, wenn er wieder an ihr vorüberschritt, mit glückseligen Augen, und ohne eine Antwort abzuwarten, plauderte sie weiter: „Denke Dir, Adalbert, der Erbprinz hat ein Gedicht gemacht, seine ersten Verse; der Doktor ließ es mir heute zugehen; er hat es in seinem Lateinheft gefunden; willst Du es lesen? Liebste Claudine, dort, auf meinem Schreibtisch unter dem Briefbeschwerer – nein, dort unter dem mit der Statuette des Herzogs. Danke sehr; würden Sie es uns vorlesen? Es ist so kindlich geschrieben und so ernst empfunden.“

Claudine nahm das Blatt, trat zum Fenster und las beim sinkenden Tageslicht die großen kinderhaften Schriftzüge:

„Wenn ich ein Mann erst werde sein,
Hab’ ich ein Wörtlein mir erkoren –
Das schreibe ich ins Herz mir ein,
Daß niemals werde es verloren:
Treu will ich sein, das ist mein Wort,
Treu meinem Volk, treu meinem Gott,
Treu meinen Freunden immerfort;
Treu meiner Pflicht, mir selber treu,
Daß treu stets meine Treue sei!“

Claudine konnte das Gesicht der Herzogin nicht erblicken; aber sie sah, wie sie die Hand nach dem Gatten ausstreckte, und hörte, wie eine leisbebende Stimme flüsterte: „Dein Sohn, Adalbert!“ Und laut fragte sie: „Ist es nicht köstlich?“

Er hatte sein Umherwandern eingestellt. „Ja, es ist köstlich, Elise; möge der liebe Gott ihn so führen, daß es ihm niemals schwer falle, die Treue zu halten.“

„Das kann nicht schwer fallen, Adalbert, niemals!“

„Niemals?“ fragte er.

Sie schüttelte den Kopf.

„Niemals! – Was sagen Sie, Claudine?“

„Hoheit, es kann Fälle geben,“ begann das schöne Mädchen, „wo es einen schweren Kampf kostet, die Treue zu halten.“

„Aber dann ist’s keine Treue, die durch Liebe bedingt wurde,“ unterbrach die fürstliche Frau und ihre Wangen wurden heiß; „dann ist es eine künstliche Treue.“

„Ja,“ sagte der Herzog halblaut; sie klang eigenthümlich, diese einfache Bestätigung.

„Dann ist’s eben keine Treue, dann ist’s Pflichtgefühl,“ erklärte die Herzogin eifriger.

„Treue in der Pflicht – sie ist vielleicht der höchste Grad der Treue, Hoheit,“ sprach Claudine sanft.

[151] „Ach, das ist ja ein Streiten um des Kaisers Bart, bestes Kind,“ unterbrach abermals die Herzogin; „eine Treue, die erst mit sich kämpfen muß, hat überhaupt ihre Bedeutung verloren. Wenn zum Beispiel – sans comparaison – wenn der Herzog,“ sie stockte einen Augenblick und ein schalkhaftes Lächeln glitt über ihr Gesicht, „wenn – nun, wenn er mit seinen Gedanken zuweilen – sagen wir einmal – bei Ihnen, Claudine, wäre, dann würde doch seine Gattentreue keinen Werth mehr haben und wäre er thatsächlich der tadelloseste Ehemann. Hörst Du, Adalbert? Dann hättest Du, nach meiner Ansicht, überhaupt schon die Treue gebrochen.“

Der Herzog hatte sich umgewendet und schaute zum Fenster hinaus; Claudine saß mit fast entstellten Zügen da; die Herzogin bemerkte es nicht; sie lachte jetzt, es war eine so drollige Idee, die sie eben ausgesprochen. Und sie lachte weiter, so kindlich glücklich, wie nur der zu lachen versteht, der ein großes Glück sein eigen nennt und spielend von einem möglichen Verlust spricht, weil er so sicher weiß, daß dies niemals möglich sein kann.

„Claudine!“ rief sie dazwischen, „wie sehen Sie aus! Aengstigen Sie sich nicht, es ist kein Hochverrath; nicht wahr, Adalbert, Du weißt, wie ich oft necke? Mein Gott, und nun thut mir die Brust weh – o das Lachen. – Claudine! Claudine!“ Das Wort erstarb in einem heftigen Hustenanfall. „Wasser! Wasser!“ stieß sie hervor.

Das erschreckte Mädchen war aufgesprungen und zu dem Tischchen geeilt, das stets eine Wasserflasche trug. Frau von Katzenstein, die in das Zimmer gestürzt war, hielt die nach Athem Ringende in den Armen; der Herzog stand mit finsterer Miene neben der Chaiselongue; die Leidende hatte seine Hand wie im Krampf erfaßt.

Sie war wie geschüttelt von dem furchtbaren Husten und vermochte nicht zu trinken. Mit leisem Schritte kam der herbeigerufene Arzt durch das Zimmer; Claudine trat zur Seite und gab dem alten liebenswürdigen Herrn Raum.

„Lieber Doktor Westermann!“ stieß die Kranke hervor, „es wird schon besser, es geht vorüber – o mein Gott, ich athme wieder!“

Die allerletzte graue Dämmerung füllte das Zimmer. Claudine hatte sich in die Fensternische zurückgezogen; sie stand wie auf glühenden Kohlen und sah, fast abwesend, auf die Gruppe inmitten des Gemaches.

Jetzt trat der Herzog zurück, und die Leidende fragte mit matter Stimme: „Habe ich Dich sehr erschreckt, Adalbert? Vergieb mir!“

Er machte eine verneinende Bewegung, aber es lag viel heimliche Ungeduld darin.

„Hoheit müssen sich sogleich niederlegen,“ erklärte der Arzt.

Der Herzog, der sich bereits der Thür genähert hatte, kam plötzlich zurück. Frau von Katzenstein stützte die Kranke, die sich gehorsam erheben wollte. Sie winkte freundlich zu Claudine hinüber:

„Auf Wiedersehen! Ich werde Sie bald rufen lassen, Liebste! Gute Nacht, mein Freund,“ wendete sie sich dann zum Herzog; „morgen bin ich wieder ganz wohl.“

Der Arzt trat, nachdem die Kranke hinter dem Vorhang verschwunden war, zum Herzog.

„Hoheit, es ist nichts Aengstliches; nur muß die hohe Patientin sehr geschont werden – keine aufregenden Gespräche, keine geistreichen Debatten, wie Ihre Hoheit es lieben. Das Temperament Ihrer Hoheit spielt mir ohnehin schon böse Streiche; ebenmäßig langweilig soll die Kranke leben.“

„Bester Medicinalrath, Sie kennen ja die Herzogin – eben hat sie übrigens bloß ein wenig gelacht.“

„Ich erlaube mir nur, Ew. Hoheit nochmals darauf aufmerksam zu machen,“ erwiderte der alte Mann sich verbeugend.

Der Herzog winkte sichtlich zerstreut und ungeduldig mit der Hand. „Guten Abend, lieber Westermann.“

Claudine erschrak; sie preßte sich tiefer hinein in die Dämmerung der Fensternische und blickte dem sich entfernenden Arzte mit seltsam bangen Augen nach. Sie war allein – allein mit dem Herzog. Das, was sie stets klug zu vermeiden gewußt, was er unverkennbar gesucht, heiß gesucht, war geschehen. Aber – vielleicht hatte er ihre Gegenwart vergessen; er schritt so erregt auf und ab im Zimmer. O, er würde sie nicht bemerken; das einzige Licht des Armleuchters, das man vorhin so eilig angezündet hatte, genügte kaum, den nächsten Umkreis des Kamins zu erhellen, und sie stand geborgen hinter dem seidenen Vorhang der Fensternische.

In athemloser Angst verharrte sie, wie ein verfolgtes Reh, das dem Jäger nicht mehr zu entrinnen weiß. Sie hörte das Klopfen ihres Herzens so deutlich, wie seine gedämpften Schritte dort auf dem weichen Teppich. Dann zuckte sie empor – die Schritte näherten sich; eine hohe Gestalt war unter den Vorhang getreten und eine Stimme, welche von einer leidenschaftlichen Aufregung seltsam klanglos gemacht wurde, nannte ihren Namen: „Claudine!“

Sie trat furchtsam einen Schritt seitwärts, als wollte sie eine Gelegenheit erspähen, zu fliehen.

„Claudine,“ wiederholte er und bog sich herab zu ihr, daß sie trotz der tiefen Dämmerung den flehenden Ausdruck seiner Augen sehen mußte. „Die Scene that Ihnen weh? Sie war nicht meine Schuld – ich möchte Sie um Verzeihung bitten.“

Er wollte nach ihrer Hand fassen; sie barg sie in den Falten ihres Kleides. Kein Wort kam aus ihrem fest geschlossenen Munde; so stand sie in stummer Abwehr, mit den schönen zornigen Augen ihn anblickend.

„Wie soll ich das verstehen?“ fragte er.

„Hoheit, ich habe den Vorzug, die Freundin der Herzogin zu sein!“ sagte sie dann verzweiflungsvoll.

Ein trauriges Lächeln flog einen Moment über sein Gesicht. „Ich weiß es! Sie sind im Allgemeinen nicht dafür, von heut auf morgen Freundschaften zu schließen; indessen – Sie meinen, man müsse alles benutzen?“

„So scheinen Ew. Hoheit zu denken!“

„Ich? Auf Ehre nicht, Claudine! Aber Sie, Sie haben sich mit wahrer Sturmeseile hinter die Schranke geflüchtet, die diese Freundschaft zwischen Ihnen und mir errichtet.“

„Ja!“ sagte sie ehrlich, „und ich hoffe, daß Hoheit diese Schranke achten – oder –“

„Oder? – Ich ehre und erkenne Ihre Zurückhaltung an, Claudine,“ unterbrach er sie, in respektvoller Entfernung von ihr stehen bleibend. „Glauben Sie nicht, daß ich Ihnen wie ein verliebter Page nachschleichen werde. Nichts soll Sie daran erinnern, daß ich Sie liebe, so leidenschaftlich, wie je ein Mann ein Mädchen geliebt hat. Aber erlauben Sie mir, daß ich in Ihrer Nähe sein darf, ohne dieser eisigen Kälte begegnen zu müssen, die Sie mir gegenüber zur Schau tragen; lassen Sie mir die – Hoffnung auf eine Zukunft, in der die Sonne auch für mich scheinen wird, nur diese Hoffnung, Claudine!“

„Ich liebe Sie nicht, Hoheit!“ sagte sie stolz und kurz und richtete sich hoch auf; „gestatten Sie, daß ich mich zurückziehen darf.“

„Nein! Noch ein Wort, Claudine! Ich verlange kein Zugeständniß Ihrer Neigung; es ist weder die Zeit dafür noch der Ort; Sie haben Recht, mich daran zu erinnern! Daß ich die Herzogin nicht aus Liebe gewählt habe, daß meine erste innige Liebesleidenschaft Ihnen gehört – kann ich dafür? Ich meine, das geschieht Besseren als mir! Es kommt ohne unser Zuthun, ist da und wächst mit jeder Stunde; wächst, jemehr wir dagegen kämpfen. Ich weiß nicht, ob Sie so fühlen wie ich? Ich hoffe es nur und will ohne diese Hoffnung nicht leben.“ Er trat näher und bog sich zu ihr nieder. „Nur ein Wort, Claudine,“ bat er leise und demüthig, „darf ich hoffen? Ja, Claudine? – Sagen Sie ja! und kein Blick soll verrathen, wie es um Sie und mich steht.“

„Nein, Hoheit! Bei der Liebe zu meinem Bruder schwöre ich Ihnen, ich fühle nichts für Sie!“ preßte sie hervor und wich zurück bis an das Fenster.

„Für einen Andern, Claudine, für einen Andern? Wenn ich das sicher wüßte!“ tönte es leidenschaftlich.

Sie antwortete nicht.

Er wandte sich mit einer verzweiflungsvollen Bewegung und ging zu der gegenüberliegenden Thür; dann kam er noch einmal zurück.

„Glauben Sie denn, daß nicht allen Rücksichten der Ehre genügt werden würde? Glauben Sie, ich könnte Sie erniedrigen?“ fragte er, „glauben Sie –“

„Hoheit beginnen bereits damit,“ unterbrach sie ihn, „indem Sie mir in dem Zimmer Ihrer kranken Gemahlin von Liebe sprechen.“

„Wenn Sie die Sache so auffassen …“ sagte er schmerzlich.

„Ja, das thue ich, Hoheit, bei Gott, das thue ich!“ rief das schöne Mädchen fassungslos.

„Claudine, ich bitte Sie!“ flüsterte er, und wieder schritt er hastig im Zimmer auf und ab, daß die Flammen des Armleuchters [152] auf dem Kamin sich im Zuge seitwärts legten und dunkler brannten. Und abermals trat er vor sie. „Sie wissen, daß mein Bruder, der Erbprinz, plötzlich starb, kurz vor meines Vaters Tode, vor nunmehr zwölf Jahren?“ fragte er.

Sie neigte bejahend den Kopf.

„Nun, Sie wissen aber nicht, daß damals seitens unseres Hofes mit dem Kabinett zu X. Unterhandlungen stattgefunden hatten über das Projekt einer Heirath der Prinzessin Elise mit dem Erbprinzen, meinem Bruder. Man war fast zum Abschlusse gelangt, das heißt, mein Bruder sollte wie von ungefähr nach X. zur Brautschau kommen – da starb er und mit den Rechten, die ich übernahm, übernahm ich auch die Pflichten. Nach beendeter Trauerzeit reiste ich nach X. und freite die Braut.“

„Es ist freier Wille gewesen, Hoheit!“

„Mit nichten! Mir war diese Heirath eine schwere Bürde mehr zu der, die mir ohnehin die Krone brachte. Prinzeß Elise, die mich ahnungslos empfing und mich mit ihren großen Kinderaugen anstarrte, war von der Bewerbung meines Bruders so wenig unterrichtet, wie von der Absicht, mit der ich ihr entgegentrat. Sie läßt sich leicht begeistern, und mit wenig Mühe gewann ich ihr Herz; mir waren die Frauen höchst gleichgültig zu jener Zeit, ich kannte die Besten nicht, die Andern schienen mir langweilig. Prinzeß Elisabeth war mir unbequem im Anfang; ich vertrage es nicht, wenn Frauen beständig in höheren Regionen schweben. Ich hasse alles Exaltirte, dieses himmelhoch Jauchzende, zum Tode Betrübte; ich konnte anfänglich rasend werden bei ihren Thränenergüssen. Später wurde mir das, was mich anfangs abstieß, im höchsten Grade gleichgültig. Ich bin ihr stets ein aufmerksamer Gatte gewesen und von einer gewissen nachsichtigen Schwäche gegen ihre Kapricen, seitdem sie krank; ich ehre und achte sie als die Mutter meiner Kinder; aber mein Herz blieb ewig ruhig und ward immer ruhiger, je inniger ihre Neigung zu mir wurde. Ich kann nicht dafür; es wird auch nicht anders durch Reflexionen darüber. Da sah ich Sie. Ich weiß, ja ja ich weiß, Sie beurtheilen das vom herkömmlichen Standpunkte und flüchteten vor dieser Neigung in Ihr Waldidyll; aber mich trieb es nach mit dem alten heißen Sehnen und ich finde Sie unnahbarer als je, finde Sie als die Freundin der Herzogin.“

Es zuckte unsicher in seinem Gesicht. „Gut, Claudine, ich werde für jetzt mich bescheiden,“ fuhr er fort; „nur die eine Bitte noch, sagen Sie mir, lieben Sie einen Andern?“

Sie schwieg. Eine Purpurgluth floß über ihr Antlitz; die vollste schämige Mädchenhaftigkeit kam über sie. Stumm senkte sie das blonde Haupt.

„Sagen Sie ‚Nein‘!“ flüsterte der Herzog leidenschaftlich.

„Hoheit wünscht, Fräulein von Gerold möge mit den Aventiureliedern von Scheffel in das Schlafzimmer kommen, um Hoheit vorzulesen,“ sagte Frau von Katzenstein eintretend.

Claudine war erschreckt zusammengefahren und sah ihn an, wie um Erbarmen flehend.

„Ja – oder Nein, Claudine, ist Ihr Herz schon gebunden?“ flüsterte er befehlend.

Sie trat zurück und verbeugte sich tief. „Ja!“ sagte sie fest und schritt hochaufgerichtet an ihm vorüber, in der Hand das Buch, das sie mechanisch vom Tisch genommen. Vorlesen – jetzt? Sie war halb betäubt.

(Fortsetzung folgt.)




Nachdruck verboten.     
Alle Rechte vorbehalten.
Vom Nordpol bis zum Aequator.
Populäre Vorträge aus dem Nachlaß von Alfred Edmund Brehm.
Wanderungen der Säugethiere.
(Fortsetzung.)

In kleinem Maßstabe beobachten wir Wanderungen bei allen Gebirgsthieren. Die Gemse, der Steinbock, der Alpenhase, das Murmelthier wandern mit Beginn der Schneeschmelze, oder doch wenig später, über Halden und Gletscher hinwegziehend, zu den Höhen empor, deren jetzt frei gelegte Weidegründe reichliche und gedeihliche Nahrung versprechen, und kehren nach tieferen Lagen des Gebirges zurück, bevor noch der Winter herannaht. Der Bär, von Hause aus Allesfresser, durch Gewohnheit Räuber, tritt, wenigstens in den Gebirgen Sibiriens, zu derselben Zeit eine ähnliche Wanderung an und beendet sie eben so vor Eintritt des Winters; die verschiedenen Wildkatzen und Wildhunde, welche im Gebirge leben, verfahren nicht anders. Ortsveränderungen solcher Art finden auch in den Gebirgen südlicher Länder, selbst in solchen des heißen Gürtels statt. In Indien wie in Afrika steigen gewisse Affenarten zu bestimmten Zeiten und regelmäßig auf und nieder, suchen die Elefanten mit Eintritt des Sommers die Höhen, mit Eintritt des Winters die Tiefen auf; in den Andes Südamerikas flüchten die Guanakos vor dem Schnee in die Thäler, vor der sommerlichen Gluth auf die Rücken der Berge. Das Gebirge setzt allen diesen Wanderungen ziemlich eng bemessene Grenzen. Es handelt sich um Höhenunterschiede von ein- bis dreitausend Meter, um Entfernungen, welche im Verlaufe weniger Stunden, höchstens weniger Tage zurückgelegt werden können. Bezeichnend für die Wanderungen ist jedoch immer ihre Regelmäßigkeit, insbesondere das genaue Einhalten der Zeit, in welcher sie erfolgen, nicht minder bezeichnend die übereinstimmende Wahl der Straßen, auf denen sie geschehen.

Hügelland und Ebene, Meer und Luft gewähren weiteren Spielraum als das Gebirge, und deshalb lassen sich die dort lebenden oder zeitweilig sich bewegenden Thiere leichter als die im Gebirge hausenden auf ihren Wanderungen verfolgen, beziehentlich als Wanderthiere erkennen.

In den Tundren Rußlands und Sibiriens tritt das Ren, welches in Skandinavien das Gebirge nicht verläßt, allherbstlich weite Wanderungen an und kehrt erst im folgenden Frühjahre nach seinen sommerlichen Wohnsitzen zurück; annähernd um dieselbe Zeit verläßt es Grönland und zieht, das Eis als Brücke über das Meer benutzend, nach dem Festlande von Amerika hinüber, verweilt hier während des ganzen Winters und sucht erst im April die Fjelds seiner heimathlichen Halbinsel wieder auf. Hier wie dort scheint die Sorge des kommenden Winters nicht die einzige Ursache der Wanderung zu sein, vielmehr gleichzeitig eine im hohen Norden sehr fühlbar werdende Plage einen weiteren Beweggrund zu bilden; denn der kurze Sommer erweckt in jenen Breiten eine zwar an Arten arme, an Einzelwesen aber unendlich reiche Kerbthierwelt, vor allen anderen eine unbeschreibliche Menge von Stechmücken und Dasselfliegen, welche nicht allein dem Menschen, sondern auch einem Ren das Leben verbittern. Ihnen zu entgehen, verläßt das Thier die morastige Tundra, über welcher während des kurzen Sommers ununterbrochen Wolken von Mücken schweben, und flüchtet auf die von der Plage minder hart heimgesuchten Alpenhöhen der Gebirge seiner Heimath, welche dann in aller ihnen möglichen Fülle würzige Weide bieten. Vererbte Gewohnheit bewirkt, daß es nicht allein zu derselben Zeit, sondern auch auf denselben Wegen wandert, ja förmliche Pfade oder Straßen austritt, welche deutlich erkennbar meilenweit durch die Tundra verlaufen und an bestimmten Stellen Flüsse und Ströme übersetzen. Mit Beginn der Wanderung scharen sich die Renkühe mit ihren Kälbern in Rudel von zehn bis hundert Stück und ziehen den Spießhirschen und Schmalthieren voraus, denen wiederum die alten Hirsche sich anschließen. Ein Trupp folgt unmittelbar hinter dem andern, so daß der Beobachter Tausende zählen kann, welche an ihm vorübergehen. Alle eilen unaufhaltsam vorwärts, schrecken weder vor Quergebirgen noch vor breiten Strömen zurück und gelangen erst, nachdem sie die Winterherberge erreicht, allmählich zur Ruhe. Meuten von Wölfen, Bären und Vielfraßen heften sich an ihre Sohlen und legen so ebenfalls einen nicht geringen Theil des Weges zurück. Im Frühjahre auf dem Rückzug wandern die Thiere zwar ungefähr in derselben Ordnung, aber in viel kleineren Trupps, auch weit gemächlicher und langsamer und eben so nicht genau auf denselben Pfaden, auf denen sie gekommen waren.

Noch weitere Strecken, als die Renthiere, legen die amerikanischen Wisente oder Bisons, die „Büffel“ der Prairien, zurück. Wie weit diese Thiere wandern, konnte allerdings noch nicht festgestellt werden, aber man ist ihren auf der Wanderschaft

[153]


Abendlandschaft.


Der Hirt bläst seine Weise,
Von fern ein Schuß noch fällt,
Die Wälder rauschen leise
Und Ströme tief im Feld.

Nur hinter jenem Hügel
Noch spielt der Abendschein –
O hätt’ ich, hätt’ ich Flügel,
Zu fliegen da hinein!

J. v. Eichendorff.

[154] begriffenen Herden von Kanada an bis Mexiko, von Missouri bis zum Felsengebirge begegnet und darf wohl annehmen, daß eine und dieselbe Herde sehr bedeutende Strecken des zwischen den angegebenen Grenzen liegenden Landes durchzieht.

Man hat diese Wisente im Sommer zerstreut auf den unendlichen Ebenen der Prairien und im Winter ebenda, aber zu vielen Tausenden vereinigt, angetroffen; man hat gesehen, wie sie wanderten: denn man hat sie auf den von ihnen ausgetretenen Straßen, den sogenannten „Büffelpfaden“, Hunderte von Meilen weit in mehr oder weniger gerade fortlaufender Richtung durch Ebenen wie über Gebirge verfolgt, indem man ihnen nachzog; man hat sich durch den Augenschein überzeugt, daß meilenbreite Ströme kein Hinderniß, kaum ein Hemmniß für sie bildeten, sie im Gegentheile, einer unaufhaltbaren Lawine gleich, sich in solche Gewässer stürzten und sie mit ihrem dunklen Gewimmel förmlich erfüllten; man hat beobachtet, daß die Herden sich vergrößern und verringern, die Thiere sich vereinigen und trennen, daß alte, mürrische, herrschsüchtige und böswillige Bullen die Gemeinschaft der übrigen Bisons meiden, vielleicht von den Herden ausgestoßen und so, wahrscheinlich erst nach langwierigen Kämpfen, gezwungen wurden, bis zum nächsten Sommer einsiedlerisch leben zu müssen; man hat erkundet, daß sie im Winter bei reichlichem Schneefalle in Waldungen oder an Abhängen von Gebirgen Schutz suchten gegen die Unbill der Witterung. Schon vom Juli an beginnen sie vom Norden aus nach dem Süden zu wandern. Schwache Gesellschaften, welche bis dahin ein behagliches Sammelleben führten, schließen sich anderen an und treten mit ihnen gemeinschaftlich die Reise an; andere Trupps gesellen sich der sich bildenden Herde, und diese wächst und mehrt sich, je weiter sie vordringt, bis endlich jene außerordentlichen Massen entstanden sind, welche nunmehr, wie von einem Geiste beseelt, wirken und handeln und bis gegen das Frühjahr hin vereinigt bleiben. Nachdem der Winter glücklich überstanden ist, lösen sich die Heere allmählich wiederum in Herden auf; auch diese vertheilen sich mehr und mehr und schließlich bleiben nur noch Gesellschaften übrig. Diese Auflösung geschieht während der Rückwanderung, wahrscheinlich genau in umgekehrter Weise, in welcher die Sammlung erfolgte. Auf der Hin- wie auf der Rückreise zieht in einer gewissen Entfernung, aber mehr oder weniger auf denselben Pfaden eine Herde hinter der andern dahin; besonders günstige Oertlichkeiten, mit saftigem Grase bestandene Niederungen z. B. verursachen jedoch zuweilen Anstauungen des lebendigen Stromes. Unter solchen Umständen vereinigen sich geradezu unschätzbare Scharen von Bisons, verweilen tagelang auf einer und derselben Stelle und brechen erst dann wiederum auf, wenn alles Gras abgeweidet worden ist und der Hunger zur Weiterreise zwingt. Auch ihren Zügen folgen Wölfe und Bären nach, und über ihnen kreisen, unheilkündend, Adler und Geier.

Eben so wie Nahrungssorge kann auch Mangel an Trinkwasser zu regelmäßigen Wanderungen veranlassen. Wenn im Südosten von Sibirien, insbesondere in der hohen Gobisteppe, der Winter herannaht, werden alle Säugethiere, welche nicht Winterschläfer sind, durch die eigenthümlichen Verhältnisse des gedachten Hochlandes gezwungen, in tiefer gelegenen Gegenden Unterhalt zu suchen. Der Winter tritt in diesem Hochlande Mittelasiens nicht strenger auf als in den nördlich oder nordöstlich davon gelegenen Gegenden, ist aber meist schneelos und belegt alle Gewässer, welche der ohnehin äußerst geringe Niederschlag hervorrief und unterhält, mit einer dicken Eisdecke. Sobald nun letztere so stark wird, daß die in der Gobi hausenden Thiere sie nicht zerschlagen können, sehen sie sich zur Auswanderung gezwungen und ziehen dann nicht allein nach südlichen, sondern nach nördlichen Geländen, welche letztere nur den einen Vorzug haben, reich an Schnee zu sein; denn dieser erquickt die lechzende Zunge der Wanderthiere leichter und bietet den schwachen Hilfen weniger Widerstand als das schwerschmelzende und schwer zu zertrümmernde Eis.

So nur erklärt es sich, daß die Kropfantilope, welche die hohe Gobi in zahlreicher Menge bevölkert, ein Land verläßt, welches, mit alleiniger Ausnahme des Schnees, beziehentlich also des verwendbaren Wassers, dasselbe bietet wie die Winterherberge. Nicht der Hunger, sondern der Durst treibt sie in die Fremde. Mit Eintritt des Winters drängt sich die ohnehin gesellig lebende Antilope in Herden zusammen, welche viele Tausende zählen, erfüllt alles tiefer liegende Land rings um ihre heimathliche Hochebene und schweift, in einer einzigen Nacht nicht selten zehn bis zwölf geographische Meilen zurücklegend, oft Hunderte von Meilen über die Grenzen ihres eigentlichen Heimgebietes hinaus. Der Beobachter, welcher ihr folgt, bemerkt dann ihre Spuren allüberall und in solcher Menge, daß es den Anschein gewinnen will, als ob kurz vorher alles gewohnte Maß, jede übliche Anzahl bei weitem übersteigende Schafherden vorübergezogen sein müßten.

Noch ehe die Wanderzeit der Kropfantilope beginnt, hat sich der Kulan oder Dschiggetai, mutmaßlich der Stammvater unseres Pferdes und jedenfalls das schönste, stolzeste Wildpferd der Erde, aufgemacht, um in denselben Gegenden, welche er mit dem Zweihufer theilt, dem herannahenden Winter zu entfliehen. Die Füllen vom letzten Sommer sind bis zum Herbst hin soweit erstarkt, daß sie eine weite, länger währende Reise zu ertragen, schnelle Märsche auszuhalten und allen Widerwärtigkeiten und Gefahren einer unsteten Lebensweise Trotz zu bieten vermögen. Auch die jungen Hengste, welche das vierte Lebensjahr vollendet haben, befinden sich in ihrer Vollkraft, verlassen, thatenlustig, bereits zu Ende des September ihre Mutterherden und drängen vorwärts. In den alten Hengsten und Stuten endlich regt sich der Paarungstrieb und damit Unruhe und Wanderlust. So beginnt das flüchtig, unternehmende Thier seine alljährlichen Wanderungen bereits viel früher, als der Winter einzieht, ja ehe er sich noch bemerklich macht; seine Reisen entbehren daher anfänglich auch aller Stetigkeit und Regelmäßigkeit und nehmen das Gepräge abenteuernder Züge an. In der Absicht, das bisher auf ihnen lastende Joch abzuschütteln, welches der Leithengst und unbeschränkte Gebieter einer Herde ihnen auferlegte, sich selbständig zu machen und ihrerseits sich zum Alleinherrscher aufzuwerfen, verließen die Junghengste ihre Mutterherden und durchstreifen nunmehr einzeln die sandigen Steppen. Alle jüngeren, mannbar gewordenen und ebenso manche der älteren Stuten scheinen von denselben Gefühlen beseelt zu sein wie der thatendurstige Junghengst und versuchen, der Herrschaft ihres bisherigen Tyrannen sich zu entziehen und jenem sich zu gesellen, um dann sofort der Botmäßigkeit des jungen Strebers zu verfallen. Aber nicht ohne Kampf erwirbt sich letzterer einen Stutentrupp, giebt der alte Herrscher seine Rechte auf. Stundenlang steht der werbende Junghengst auf der Spitze eines Hügels oder Bergrückens und blickt suchend über das Gefilde. Sein Auge durchirrt die Oede; seine gegen den Wind gerichteten Nüstern sind weit geöffnet, seine Ohren gespitzt. Kampfbegierig, in gestrecktem Galopp, sprengt er jeder Herde, welche naht, jedem Gegner, welcher sich zeigt, entgegen, und ein wüthendes Ringen entbrennt um die Stuten, welche nur dem Sieger sich gesellen. Solches Kämpfen und Streiten aber bringt Bewegung in die Herden, löst sie von dem Gebiete, auf welchem sie den Sommer verbrachten, und leitet nunmehr die allmählich sich regelnden, weiten, fördernden und kaum unterbrochenen Wanderungen ein. Im Verlaufe derselben, wenn auch nicht vor Beendigung der eben geschilderten Kämpfe, sammeln sich die Kulantrupps ebenfalls zu immer zahlreicher werdenden Herden, bis endlich solche, welche mehr als tausend Stück zählen, gemeinschaftlich nahrungversprechenden Gefilden zuwandern. Auch auf den Winterständen trennen sich die Wildpferde nicht, sind daher genöthigt, genügender Weide halber, fortwährend umherzustreifen. Dröhnend schallt der Hufschlag ihrer vereinigten, in gewohnter Weise eilfertig dahinspringenden Heere, und mehr als einmal schon hat derselbe innerhalb des russischen Reiches die Kosaken der Grenzwachten unter die Waffen gerufen. Kein Wolf wagt es, solche Herden anzugreifen: denn die muthigen Hengste wissen ihre Hufe ihm gegenüber so gut zu gebrauchen, daß er bald von jedem Angriffe absteht; höchstens kranke und ermattete Wildpferde fallen ihm, welcher auch diesen Wanderzügen folgt, dann und wann zum Opfer. Auch der Mensch, welcher den Wildpferden eifrig nachjagt, richtet unter ihren Beständen nicht eben erheblichen Schaden an, weil ihre Vorsicht und Scheu die Annäherung des Jägers erschwert. Trotzdem verhängt der Winter, wenn er besonders schneereich ist, schwere Leiden über sie. Die ohnehin kärgliche Weide wird um so schneller verbraucht, je zahlreicher die Herden sind, welche sie beanspruchen. Wahllos äsen die Thiere dann von allen Pflanzenstoffen, welche sie finden. Monatelang müssen sie mit entblätterten Schößlingen ihr Leben fristen. Feiste und Rundung des Leibes schwinden; zuletzt gleichen sie wandelnden Gerippen. Selbst darbend, ist die Mutterstute nicht mehr im Stande, das Füllen zu ernähren; denn [155]

das milchspendende Euter versiegt in der Zeit solcher Noth. Manch eines, welches in so zarter Jugend die harte Kost noch nicht zu vertragen im Stande ist, erliegt dem Mangel. Auch die alten Wildpferde leiden unter der Armuth und Tücke des Winters. Tagelang anhaltende Schneestürme verwehen die Weide, lähmen jenen sonst so freudigen Muth und steigern die Dreistigkeit der Wölfe, welche, wenn sie nicht bereits entkräftete Kulans niederreißen, selbst die noch nicht ermatteten aufs äußerste belästigen und quälen. Sobald aber die Umstände sich wieder zum Besseren wenden, kehrt den wettergestählten, zähen, ausdauernden Geschöpfen die alte Lebensfreudigkeit wieder, und sobald der Schnee zu schmelzen beginnt, treten sie ihre Rückwanderung an, erreichen nach etwa Monatsfrist die Sommerstände, trennen sich hier in die Tabunen oder einzelnen Herden, erholen sich bei der jetzt üppig emporschießenden würzigen Weide in überraschend kurzer Zeit, runden und feisten sich und haben binnen Kurzem alle Noth des Winters vergessen.

(Fortsetzung folgt.)




Vom Cirkus.
Plaudereien von Oskar Justinus. Frei nach Aufzeichnungen von L. Grey. Mit Originalzeichnungen von C. W. Allers.
(Schluß.)


Es giebt Leute, welche behaupten, eine Cirkusvorstellung gleiche der andern aufs Haar und habe man eine gesehen, so könne man Entree und Zeit für eine zweite sparen. Es giebt aber auch solche, die jeden Abend im Cirkus zubringen – die ihm, wenn er den Ort verläßt, am liebsten nachreisen möchten, die unglücklich sind, wenn sie eine hundert Mal gesehene Nummer versäumen müssen. Und wenn man nun die unbeschäftigten Künstler und Angestellten während einer Vorstellung beobachtet, mit welchem aufgeregten Interesse sie an jeder der tausendfach schon gesehenen Leistungen ihrer Kollegen theilnehmen: da kommt man wohl zu dem Schlusse, es müsse doch unter dieser scheinbaren Gleichartigkeit ein dauernder Wechsel vorhanden sein, oft nicht so leicht erkennbar für den ungeübten Sinn der nur aufs Ganze gehenden Menge, wie interessant für den Kenner und um so interessanter, je öfter man ihn beobachtet und studirt.

Im Aeußern also fast überall das nämliche Programm. Etwa sechzehn – bei Parforcevorstellungen bis zwanzig Einzelnleistungen, die meisten Reiterproduktionen. Die grand voltige à la Richard, das Apportirpferd Abdallah – das Springentrée der beliebten Klowns – der grand travail gracieux der Groteskreiterin – Lady Hamilton und Achilles (eine feine Familie), englische Vollbluthengste in ihren großartigen Konkurrenzsprüngen – das Auftreten der Königin des Wassers; der Königin der Luft (als ob man in der Luft auftreten könnte) – die sensationellen Leistungen der dressirten Elephanten, Gänse, Auerhühner, Nashörner – das non plus ultra eines auf dem Seil laufenden Pferdes – die komischen Intermezzos der Klowns – die Quadrille in Rokoko – zum Schluß große Pantomime mit Ballet und elektrischem Feuerzauber.

Ich gehöre nicht zu jenen Specialisten mit dem subtilen Pferde- und Specialitätenverstand, um das Dargebotene in allen seinen Details zu würdigen, einzelne Abweichungen der heutigen Leistung gegen die gestrige herauszufinden, das Schwierige vom Mittelschweren, das Mittelschwere vom Leichten zu unterscheiden: aber ich muß sagen, daß mir die Stunden im Cirkus noch jederzeit großes Vergnügen bereitet haben. Wie ein Abend im Theater auf Geist und Gemüth, so wirkt ein Abend im Cirkus auf die Sinne. Freilich kann ich nicht Rechenschaft geben, wie viel die rauschende Musik mit ihrem eigenartigen Rhythmus, das Knallen der langen Peitschen, die plötzlichen Pausen, die kurzen ermunternden Anrufe, das Jagen und Treiben im Kreise, das Schlagen des aufstiebenden Sandes, wie viel die sammetweiche glänzende Haut, das Feuer der schnaubenden schönen Thiere, der Muth, der Ehrgeiz, die Treffsicherheit, die Elasticität der Künstler, die kleidsamen, bald sportmäßigen, bald nationalen, bald phantastischen Kostüme, die Anmuth und Schönheit der Artistinnen – und eine gewisse Schönheit tragen sie alle in der kurzen Blüthe ihrer Produktionsnummer – an dieser eigenartigen mächtigen Wirkung theilhaben.

Wer vieles bringt, wird jedem etwas bringen. Man ist längst davon zurückgekommen, den Schwerpunkt der Aufführungen auf die Reitkunst zu legen; Akrobaten, Klowns, Specialitäten, Pantomimen stehen dieser ebenbürtig zur Seite. So kommt eben jeder Geschmack zur Befriedigung.

Wer da hinauszog, um das Gruseln zu lernen – und es sind nicht die Wenigsten, welche der Haut-gout einer recht halsbrecherischen Produktion anzieht – der findet ausreichend Gelegenheit an dem, was sich hoch über unseren Häuptern in der Rotunde vollzieht, zu welcher Leistung eifrige Diener in Livrée Mastbäume aufhissen, Taue verstauen und ein System von Netzen über die Manege ziehen, mit einer Eilfertigkeit, als gelte es die Vorbereitungen zu einem Auto da fé. Und wenn endlich die jungen Artistinnen in ihrem Feenkostüm hereintänzeln und sich in graziösen Stellungen, wie wir sie vielleicht im Märchen empfunden, auf alten Bildern geschaut, nie aber im Salon bemerkt haben, vor dem Publikum verneigen, wenn sie mit jugendlichem Elan nach den Masten eilen, wie die Kätzchen hinaufklettern, im Nu sich in schwindelnder Höhe umwirbeln, an einander hängen, sich verkürzen, wie die schwebenden Engel des Correggio und sich wieder strecken wie die Gestalten der Byzantiner, wie sie in diesem Augenblick niederzusausen scheinen als fallende Meteore, im nächsten im Fluge mit der Sicherheit eines Vogels ihren Halt gewinnen, wie sie, umwallt von Lockenfluth, vom luftigen Sitze des schwebenden Recks hinunterschauen und lächelnd Kußhände der athemlos folgenden Menge herabwerfen: dann muß auch der Grübler, welcher in der Theorie solche schwindelerregende Leistungen von sich weist, die Hände applaudirend regen, hingerissen von der unmittelbaren Wirkung des Geschauten.

Und wessen Herz solch lieblichen Eindrücken mit Grusel-Haut-gout verschlossen ist, wer aber leicht und gern lacht, für den ist in den komischen Intermezzos ein ausreichendes Material geboten.

Es giebt allerdings Menschen, die für den Humor der Klowns keine Organe besitzen – die nur lächeln können, nicht

[156] lachen: aber das ist eine verschwindende Minorität und ich bedaure dieselbe. Diese grotesken Gestalten in ihren absichtlich verpaßten Kostümen dem rothen Seidenfrack mit kurzer Taille und unendlichen Schößen, ihren Kinderanzügen aus einem Stück, mit Uhren, Ziffern und anderen Hieroglyphen barock bemalt, ihren zebraartig gestreiften oder auf jeder Seite verschieden gefärbten Trikotanzügen, mit ihrem mehlweißen Gesicht, verbreiterten Munde, verzogenen Augenbrauen und rothem Schopf – diese Erscheinungen mit ihrer bald

Ein „Kunstschüler“.

hüpfenden, bald schreitenden Bewegung, ihren unerwarteten Ueberkugelungen und Kopfsprüngen, die mit ihrer angenommenen Ungeschicklichkeit so lustig kontrastiren – ihrem Idiom, das aus allen Sprachen etwas aufgelesen hat – diese Typen drolliger Unverschämtheit, die sich in alles hineinmengen, alles verkehrt oder anders machen als gewöhnliche Menschen, mit aller Welt auf einem neckenden Kriegsfuß leben, maßlos sind in der Liebe und im Haß: ich sollte meinen, der komischen Wirkung dieser Figuren könnte sich gar niemand entziehen. Ihre lustigen Improvisationen, welche durch den Umstand nicht an Werth verlieren, daß sie sorgfältig einstudirt und auf ihre Wirksamkeit erprobt sind, ihre theilweise zur Specialität ausgebildeten gymnastischen, musikalischen, Jongleurleistungen, ihre Thierdressuren und ihre gelungenen Parodien erster Artisten wirken wie das antike Satyrspiel nach der Tragödie. Sind unsere Klowns auch nur die Urenkel jener Rüpel, deren tölpelhafte Sprünge wir im „Sommernachtstraum“ und „Wintermärchen“ belachen, Verwandte des spanischen Gracioso und deutschen Hanswurstes: mir scheint es, als müsse ein großer Theil ihrer Späße schon aus der Zeit des Mimus und der Atellanenspiele herrühren, und ich gebe mich mit dem Gefühl eines historischen Rechtes rückhaltlos der Freude über dieselben hin, über welche vielleicht einst graubärtige Peripatetiker


„Hoplá, cousin!“

und kahlköpfige Senatoren auf ihren mit Polster belegten Sitzen sich die Toga vor Lachen gehalten haben.

Wer aber auch an dem „Hoplá, cousin“ der Klowns nicht Interesse finden kann, der wird sich gern dem Eindruck der glitzernden und gleißenden Kostüme, der frischen Bewegung tummelfroher, prachtvoll geputzter Rosse, dem chromatropenartigen Wechsel der Figuren hingeben, der getanzten Fabel der Pantomime folgen, in der Roß und Reisige, wie Kreisel sich drehende Ballerinen und farbige Strahlen der elektrischen Sonnen, Trompetenstöße und Feuerzauber, Lachen und Beifallsjubel aus vielen tausend Kehlen sich zu einem gewaltigen Schlußaccord verschlingen.

Und wenn man alle diese zur Hauptsache werdenden Nebensächlichkeiten abstreift, bei einer Probe also, wo Licht, Schminke, Musik, Kostüm und Publikum fehlt, wo also nur die reine Leistung, ohne schönfärberischen, sinnberauschenden Apparat zur Geltung kommt: müßte das Ganze nicht da einen abschreckenden Eindruck machen? Ich habe das nicht gefunden. Zwar erscheinen die Artisten uns hier in der Tageshelle, im Alltagskostüm klein, nüchtern, unbedeutend. Einige sehen aus wie Oekonomen, andere wie Kommis, der lange, aus dem zurückgeschlagenen Stehkragen herausschimmernde Hals, das bartlose englische Gesicht zeigt den Klown. Die Herren, gewöhnlich im Jaquet oder langen Ueberzieher, das runde Hütchen auf dem Kopf, die Cigarre im Munde, einen Stock in der Hand; die Damen im Hauskleid unter dem langen braunen Regenmantel, das Haar provisorisch aufgesteckt, den schlichten Stoffhut auf dem Köpfchen: so steht oder sitzt das Künstlervölkchen in den Sperrsitzen, leise plaudernd und beobachtend während der Proben in der Tageshelle umher, mit kollegialem Interesse dem schwarzgelockten Italiener folgend, der, eine Cigarette zwischen den Lippen, gerade seine große Abendnummer durchübt. Man kann hier wohl beobachten, wie das hohe Schulpferd, welches Abends so leicht und gefällig nach der Musik zu tänzeln weiß, als sei es mit dem musikalischsten Ohre auf die Welt gekommen, diese Begabung durch Schenkeldruck und kurze Peitschen und ohne Orchester, der Reiter pfeift nur leise vor sich hin, beigebracht bekommt; wie es zu dem tiefen Komplimente vor dem verehrlichen Publikum, das so ganz aus innerster Ergebenheit und Hochachtung zu kommen scheint, durch unwiderstehlichen Terrorismus gezwungen wird: man sieht den Schweiß, den die Götter vor das Gelingen gesetzt haben, auf der Stirn des Reiters und auf dem glänzenden Leibe des Rosses perlen.

Ein kleiner schwarzbrauner Kunstjünger – ein russischer Ponyhengst wird mit fünf Kameraden zu Exercitien im Freien eingeschult. Man bemerkt, daß er zuerst keine Idee davon hat, was man eigentlich von ihm haben will – man sieht, wie ihm die akustische Lehre von den Schwingungen und den Knoten an zwei Peitschen von der Radiuslänge des Cirkus praktisch beigebracht wird; wie er endlich kapirt, worauf es seinem Dresseur ankommt, wie er über das Kommando mit sich ins Klare kommt, seine Ohren spitzt. und mit gespanntester Aufmerksamkeit an dem erwarteten Rufe hängt; wie er im Uebereifer sich sogar vor der Zeit um sich selbst dreht; wie er in den trostreichen Worten: „brav, sehr brav“ mit sichtlicher Genugthuung seine gute Konduite entgegennimmt; wie er endlich schweißgebadet und schäumend im Vollgefühle erfüllter Pflicht auf seinen Lehrer und Peiniger zueilt und seine Schnauze in die streichelnde Hand schiebt, um nach gethaner Arbeit von einem Stallknecht in Hemdsärmeln und blauer Schürze – man erkennt die Gentlemen vom Abend in ihnen nicht wieder – in das traute Dämmerlicht des Stalles zurückgeführt zu werden.

Für den Realisten ist die Probe vielleicht noch interessanter als die Vorstellung: für den Artisten ist sie ein notwendiges Uebel. Er haßt sie, wie er den Regisseur [157] nicht besonders in sein Herz zu schließen pflegt, der sie ansetzt, der sie mit militärischer Strenge überwacht. Sie sind ja auch in der That geplagt genug, diese Leutchen. Ein vielparagraphisches Hausreglement ordnet ihre Tagesstunden, und wenn man dem liebenswürdigen Völkchen gern etwas Leichtfertigkeit imputirt, so möchte ich wissen, wieviel Zeit ihnen dazu eigentlich bleibt. Der Morgen von acht, im Sommer von sieben Uhr an bis oft zur zweiten Stunde Nachmittags gehört den ermüdenden Proben; eine Stunde vor Anfang der Vorstellung muß sich das gesammte Personal im Cirkus wieder einfinden. Sie haben hier, außerhalb ihrer Programmnummer, in Uniform Manegedienst zu thun, Spalier zu bilden, die Pferde zu leiten, dem Springenden die Reifen und Bänder zu halten, eine Thätigkeit, die, wenn nicht mit großer Aufmerksamkeit und Sachkenntniß gehandhabt, große Unfälle nach sich ziehen kann.

Das rosige, lustige Leben des Artisten ist eine Kette unausgesetzter Arbeit. Er wird in der Regel schon als zartes Kind in den Prinzipien seiner Kunst unterrichtet. Bei seinen Eltern oder einem kinderlosen Ziehvater vollendet er seine Lehrjahre. Bei Talent und gutem Willen eignet er sich hier nach und nach die Elemente an, Tanzen, Springen, Balanciren, später Reiten. Wenige Hilfsmittel – richtiger Schutzvorrichtungen gegen Unfälle –

Hinter dem Vorhang.

stehen dem Lernenden zur Seite. Die Federmatratze, die Longe, ein am Rücken befestigter Gurtstrick, die Zugmaschine für das Stehendreiten, das große Netz und die Fallleine für die Luftgymnastik – das ist alles.

Im Uebrigen heißt es: Hic Rhodus, hic salta! Springe, probire, riskire – von früh bis Abend, unermüdlich, und wenn dir ein Tric zehnmal mißräth – ein elftes, ein zwölftes, ein zwanzigstes Mal, so lange, bis er gelingt. Uebung – und eiserne Ausdauer macht den Meister, und wenn unser luftiger Streber nun endlich ausgebildet, und gewöhnlich auch etwas eingebildet, sich dem etwa 40.000 Köpfe starken Heere der Artisten beigesellt sieht, entscheidet er sich, ob er ein Reitkünstler höherer Observanz werden oder der Ausübung einer Spezialität zustreben soll, welche, wenn sie etwas non plus ultra bietet, einen Goldregen auf ihren Meister heranzuziehen vermag. Die Gagen im Cirkus sind überhaupt – die Meister vom hohen Cis vielleicht ausgenommen – die höchsten, welche in der Welt gezahlt werden. Sie werden nicht nur dem ausübenden Artisten, sondern auch für die schwierige und jahrelange Arbeit der Dressur bewilligt und drücken sich in den enormen Preisen aus, welche für ein Pferd höherer Schule angelegt werden. Ein mittelmäßiger Reiter, Gymnastiker, Klown erhält mindestens seine 300 Mark, und dieses Monatsgehalt steigt nach der Leistungsfähigkeit auf das Zehnfache. Ein einfach dressirtes Manegepferd kostet 3- bis 4000 Mark. Die 12 Trakehner Rapphengste, der Stolz des niederländischen Cirkus Carré, repräsentiren eine halbe Million, und der Vollblutaraber „Caid“ des Schulreiters von Laszewski aus dem Marstall der deutschen Kaiserin, die Wulff’schen Percheronhengste, die Dressurpferde des berühmten Schumann’schen Marstalles, sowie die des weltberühmten Dresseurs Corradini sind nicht für hohe Schätze feil. Einzelne Specialitäten machen in der Glanzzeit ihrer Kraft oder Beliebtheit Jahresengagements zu 50- bis 100.000 Mark. Aber es sind in der Regel nur wenige Jahre dem Artisten vergönnt, so ungemessene Ernte einzuheimsen, und die Gefahr an Leib und Leben ist in diesen Gagenverhältnissen in der Regel einbegriffen. Das Straucheln oder Schießen eines Pferdes, ein Flimmern vor dem Auge, ein Zittern der Hand, die Unachtsamkeit des assistirenden Dieners, und lange Krankheit, dauernde Verstümmelung endet oft den allzu kurzen Traum von Glanz, Goldregen und berauschendem Beifall. Auch das gefeierte Roß sinkt in immer niedrigere soziale Stellungen. Wenn ein verträumter Droschkengaul seinen melancholische Trab plötzlich mit eitlem unerwarteten Sprung unterbricht, so ist das vielleicht die Reminiscenz einer glanzvollen Jugendepoche.

Hinter der Portière – wenige Schritte von der Arena – entfaltet sich in dem von den Garderoben und Stallungen begrenzten Zwischenraum ein malerisches Treiben. Bänder, Barrieren, Reifen, Ballons, bunt gestrichene Requisiten, wiehernde gesattelte Pferde, ein Löwenkäfig mit seinen Insassen, rothe Stallburschen, schneidige Stallmeister mit gewichsten Schnurrbärten, phantastisch kostümirte Künstler, hübsche Tänzerinnen in Mullröckchen und fleischfarbigem Trikot, grell bemalte Klowns, Kavallerieoffiziere, Cirkushabitués, Sportsmen: alles steht und lustwandelt durch einander. Das Interesse der Letzteren theilt sich zwischen die edlen Thiere und das Leben à la Bohémienne, welches nach anderen Gesetzen sich zu regeln scheint, als das Alltagsdasein. Hier plaudert im blauseidenen Jockeikostüme, die Reitpeitsche in der Rechten, ein hochgeschätzter Saltomortalereiter mit dem von Billetsdour und wagenradgroßen Bouquetten umworbenen Cirkusdirektortöchterchen, der ersten Schulreiterin und Trägerin eines Namens, dessen Klang ihrem Auserkorenen, wenn er selbständig werden will, das vollste Prestige in der pferdeliebenden Welt sichert. Dort füttert eine etwas vorgeschrittene Prima Ballerina ihr feistes Möpschen, das einzige Wesen, welches ihr nach vielen Enttäuschungen im Leben Treue bewahrt hat. Nebenan sitzt auf einem Kasten die à la Scheherezade gekleidete Löwenzwingerin: das Princenez auf dem hübschen Näschen, verfolgt sie – unbeirrt von dem Murren ihrer ungeduldigen Zöglinge und von dem lauten Treiben ringsum – mit Spannung einen dickleibigen Roman, dessen Lektüre sie dem Roman ihres Lebens zu entrücken scheint. Hinter ihr suchen sich ein Knabe und ein knabenhaft gekleidetes Mädchen in gymnastischen Drehungen – Flicflac nennt es die Cirkussprache – zu überbieten, und dicht an die Portière drängt sich jetzt eine elastische Gestalt im schimmernden Feenkostüm, einen schweren übergeworfenen Pelz fröstelnd zusammenfassend, um durch eine Lücke nach dem Publikum auszuspähen. Oder es bildet, wie aus unserer Vignette, eine Reiterin den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, die jedoch bald durch des Klowns witzige Einfälle abgelenkt wird.

Die gefeierte Königin der Luft erklärt dem sie besorgt um den Grund ihrer Melancholie fragenden Cirkusgrafen, daß heut ihr Unglückstag, ein Freitag, sei. Die tollkühne Künstlerin, die sich nirgends glücklicher und selbstbewußter fühlt, als hoch über dem kleinen Publikum, kann sich dem allgemeinen Artistenaberglauben nicht entziehen. Und dieser Glaube wird ihr zum Verhängniß. Gerade vor Schluß ihres bejubelten Potpourri aérien springt sie zu kurz, schlägt nieder auf den Rand des Netzes und wird herausgetragen wie ein in den Reihen der Brüder gefallener Soldat.

„Gestern noch auf stolzen Rossen,
Heute durch die Brust geschossen,
Morgen in das kühle Grab.“

Oder sollte der Klown Recht behalten, der dem Direktor soeben versichert, er habe die Künstlerin bereits dreimal an verschiedenen Cirkussen herabfallen sehen, allemal aber habe sie den [158] nächsten Tag wieder ihre Arbeit verrichtet? Wir wollen hoffen, daß er sich nicht täuscht. Das Künstlervölkchen verwirklicht den Traum des Kosmopoliten. Geburtsland, Rasse, Religion, früherer Stand sind aufgehoben. Eine Kameraderie verbindet sie alle. Deutsch, englisch, holländisch, französisch, italienisch, russisch schwirrt es durch einander. Ein neues Idiom – von jeder Sprache etwas – ist

Gestürzt.

entstanden. Auch der mitarbeitende Japaner, Araber, Neger unterliegen dem Nivellement. Eine wahre Musterkarte von Physiognomien tritt uns entgegen: allen gemeinsam „der Schneid des Cirkuslebens“, das stetige Kämpfen und Spielen mit Gefahren, das Reisen durch aller Herren Länder, oft ein müder verlebter Ausdruck. Ein hohes Durchschnittsalter ist ihnen nicht gewährt. Einige glückliche Ausnahmen, wie der erste Thurmseilläufer Kolter, der das sechsundneunzigste Jahr erreichte, Blondin, der mit 65 Jahren den Niagarafall überschreitet, der siebzigjährige, noch in voller Thätigkeit sich dem Publikum zeigende Altmeister Renz, stehen vereinzelt da.

Und dabei geht es ihnen, wie den Kriegern in „Wallenstein’s Lager“ :

„Wer merkt es ihnen an,
Daß sie aus Süden und aus Norden
Zusammengeschneit und geblasen worden?
Sehn sie nicht aus wie aus einem Span?
Greifen sie nicht wie ein Mühlwerk flink
In einander auf Wort und Wink?“

Jeder hat ein anderes Vorleben. Die meisten Jünger der circensischen Kunst sind von zartester Kindheit an herangebildet, aber Begabung und Neigung haben oft auch im vorgerückten Alter die unüberwindlichen Schwierigkeiten überwinden lassen. Dieser beliebte Klown in weitem buntscheckigen Kostüm ist ein Aristokrat und gab seine militärische Laufbahn einer Kunstreiterin zu Liebe auf. Damen des englischen High-Life, lebenslustige Studenten, Kaufleute, die vielleicht ihr Soll und Haben nicht recht in Einklang zu bringen wußten, folgen einer Laune, einem Trotz, lassen sich von dem verführerischen Reize dieses Lebens der Bohémiens blenden und produciren sich nach wenigen Jahren als brave Künstler. Freilich unter ihnen mancher „Saltimbanque“ oder Viertelskünstler, „Schulzini“ oder „Don Lehmann“ genannt, das achte Weltwunder, das den Artistenstand kompromittirt. Barone, Sportleute, Gutsbesitzer – Spätlinge, deren Knochen zu ungelenk geworden sind, um erfolgreich mit den jungen Kräften in die Schranken zu treten – verwerthen ihr theoretisches Können, werden Regisseure, Geschäftsführer, Direktoren. Auch sind nicht alle Gelehrte, die sich als Specialitätenkünstler Unsummen verdienen. Das Abiturientenexamen wird nicht verlangt. Man erzählt von einzelnen, die nicht lesen und nicht schreiben können, so wie man es von alten Generälen behauptete, die ihrem Vaterlande die größten Dienste geleistet haben. Das schmälert ihr Verdienst nicht; die Exemplare werden auch immer seltener. Giebt es doch heute viele unter ihnen, die neben Trense und Kandare auch die Feder gewandt zu handhaben wissen. Besitzen doch die Künstler ihre eigenen Zeitungen: die in London dreisprachig erscheinende „Era“, den englischen „Klipper“ in New-York, die „Union internationale des artistes" in Paris und den deutschen „Artisten“ in Düsseldorf. Der Zug nach Verbesserung der Stellungen spielt, wie in allen Ständen, auch hier in den Leitartikeln eine Rolle. Die Engagementsgesuche und Anerbietungen machen die Lektüre auch für den Laien interessant. Hier offerirt sich ein Klown mit urkomischen Entrées nebst seinem dressirten Esel; dort sucht ein weltberühmter Seilläufer einen schwindelfreien jungen Mann, den er über das Thurmseil tragen will und der neben dieser tragischen Rolle noch die eines Kassirers zu handhaben hat, etc. In neuester Zeit strebt alles hin auf die Bildung einer Artistengenossenschaft – eines weitverzweigten Verbandes, wie er längst in der segensreichen deutschen Bühnengenossenschaft besteht zu gegenseitiger Unterstützung in Noth, Krankheit und Alter. Sie müßte aber nicht zur Vereinsmeierei, sondern ernst genommen weit umfangreicher werden und alle Länder umschließen; denn dieses Völkchen gleicht den Zigeunern. Sie haben kein Vaterland und sind doch überall zu Hause, wo man sie gern hat.

Sonst aber gleichen sie ihren südlichen Brüdern nicht so sehr, wie es manche wünschen möchten. Ihre Lebensformen weichen vielleicht in einigen Stücken von den bürgerlichen ab, nicht ihre Anschauungen. Wer sich in diese Kreise drängt, um unter dem Schutze leichterer Auffassungen von Liebe und Ehe vergnüglich zu tändeln, giebt sich einer Täuschung hin. „In diesem Falle denken sie höchst bürgerlich.“ Wer glaubt, daß sie nicht ernster hingebender Liebe fähig sind, unterschätzt sie. Das ewig lächelnde Antlitz vor dem tausendköpfigen Ungeheuer hindert nicht, daß sich in ihrem Herzen ein Parc reservé befindet, welchen nur betreten darf, wen sie ihrer Liebe würdig achten. Eine Künstlermutter, ein strenger Vater, ein Lehrherr, ein väterlicher Freund bewacht mit Argusaugen die Tugend der ihnen anvertrauten Novize. Die jugendliche ungebrochene Kraft ist die erste Bedingung für eine gute Leistungsfähigkeit, und schon aus diesem Grunde werden sie bewahrt wie Vestalinnen. Das Problem der selbständigen Erwerbsfähigkeit des weiblichen Geschlechtes fand im Cirkus längst seine praktische Lösung: Frauen ohne Beruf und Gage giebt es nicht. Sie sind nicht auf die Ehe angewiesen, um zu existiren, und wenn sie heirathen, ist die Liebe in der Regel das ausschlaggebende Motiv. Es giebt Ausnahmen wie in jedem Stande, aber den besseren lebt ein Kunstideal im Herzen, und wo sie dies zu Gunsten einer glänzenden Heirath außerhalb ihres Standes preisgeben, da büßen sie den Verrath an ihrem Berufe gewöhnlich in einem freudeleeren Dasein, das ihnen keine Befriedigung zu bieten vermag.

Die Liebe ist ein Pflänzchen, welches nicht wählerisch ist mit seinem Standorte. Sie blüht nicht nur in der Idylle des Dorfes, im traulichen Mansardenstübchen, im glänzenden Salon, sondern

sie schwingt sich auch auf das galoppirende Roß des Kunstreiters und springt im Salto Mortale von Trapez zu Trapez. Wie die Liebe und die Tugend, so gedeihen auch der Haß, der Neid, die Intrigne zwischen den Bändern und papierbespannten Reifen. Es ist eben der Cirkus – man gestatte mir die etwas freie Uebersetzung – in gewissem Sinne ein Circulus vitiosus, ein Erdkreis im Kleinen mit Freuden und Leiden, mit Ehre und Misère. [159]

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Josias.
Eine Geschichte aus alter Zeit von Fanny Lewald
(Fortsetzung.)

Wir sahen einen großen Kerl vor uns, dem ein Affe auf der Schulter saß, während er einen Bären an doppelter Kette neben sich hatte. Hinter ihm hielt ein starker noch junger Mensch ein altes kraushaariges Pferd, einen rechten struppigen Pollaken, das schwer und hoch mit allerlei Stangenwerk und sonstigem Kram beladen war. Ein kleines, verhutzeltes Weib trug einen zweiten, kleinen Affen in einem Korbe auf dem Rücken, und sie und ein schönes, etwa siebzehnjähriges Mädchen mit rabenschwarzem Haar und großen schwarzen Augen, aus denen sie finster vor sich hinstierte, hatten jede einen Pudel an der Leine.

Es war fahrendes Volk, wie es bald nach dem Kriege sich oft im Lande herumgetrieben hatte. Jetzt in den Friedenszeiten sah man es selten, und der Schulze und der herbeigerufene Gendarm wiesen mit lauter Abwehr die Bitte des Mannes zurück, der in Dambow nächtigen und am andern Tage dort vor allem Volke seine Künste machen wollte. Das Hin- und Herreden, das Hinzukommen von immer mehr Leuten hatte die Hunde unruhig gemacht, die laut bellend gegen die Menschen ansprangen. Der Bär brummte dazwischen, der fremde Ton und das zischende Quieken der Affen regte die Kinder auf, und des Schulzen beide Jungen wendeten sich vorbittend für die Truppe an den Vater.

Wie gesagt, es kam nur selten vor, daß solche Bande sich bei uns blicken ließ, und seit ich ein paar Mal mit den Eltern in Berlin gewesen war, wo man mich in die Komödie und in die Vorstellung einer Seiltänzergesellschaft mitgenommen, machten die Bärenführer mit ihrem Gefolge mir nicht mehr den früheren Eindruck. Aber in dem Stillleben auf dem Lande war doch jede Abwechselung etwas Willkommenes, und ich bat Herrn Hartusius, er möge sich ins Mittel legen, damit man die Leute in Dambow nächtigen lasse, wonach wir dann versuchen wollten, ihnen für den nächsten Abend eine Erlaubniß zum Nächtigen in Schönfelde von meinem Vater zu erwirken, der diesen Abend nicht zu Hause, sondern zu einem Erntefeste in der Nachbarschaft geladen war.

Der Führer der Truppe, den sein Gewerbe und sein Wanderleben zu schärfster Achtsamkeit gewöhnt, sah nach mir hinüber, errieth an meinen Mienen, daß er einen Bundesgenossen an mir habe, und sich schnell zu mir wendend, sagte er: „Ah! jung Graf! Pudel klug! Bär marschirt! Aff reitet wie Husar und zieht Säbel! und da! da! die da! Franull tanzt! Tanzt oben! hoch! schön hoch wie Dach!“

In dem Augenblick kam der Graf zum hinteren Gartenthore hinaus, übersah mit raschem Blick was vorging, und Hartusius, den die Schönheit und der finstere Blick in den Augen des Mädchens überrascht hatten, machte den Grafen auf dasselbe aufmerksam.“

„Das war Franull?“ fragte ich voll Erstaunen.

„Unterbrich mich nicht!“ mahnte Josias, der im Fortgang seiner Erzählung lebhafter geworden war.

„Der Graf, ebenso von dem Mädchen angezogen wie Hartusius und selbst ich, trat an das schöne Kind mit der Frage heran, ob der Führer ihr Vater sei. Das Mädchen schüttelte verneinend den Kopf; die Alte aber versuchte dem Grafen, der es ihr wehrte, den Rock zu küssen, und sagte in einem verständlichen Deutsch, dem man den Dialekt von Oberschlesien anhörte: ,S’ ist meiner Tochter Kind, allergnädigster Herr! Der Vater war auch Kroat wie der hier. Der Vater ist im Krieg geblieben. Der da, der Jablonski, lag bei mir verwundet im Quartier. Da sind die Preußen gekommen! Die haben uns das Dach über dem Kopf angesteckt, daß wir uns hingeschleppt bis in den Wald. Und wie er dann wieder gehen und ich das arme Wurm fortschleppen gekonnt, da ist’s denn so geworden. Erst sind wir herumgezogen mit einem Anderen, der die Franull auf die Beine gebracht! Ich hab’ gekocht für alle. Dann hat sich gut angelassen die Franull, und er hat sich selber zum Hauptmann machen können; aber sie parirt nicht! – und sie muß doch, wie der Bär und alles! Sie muß! Küß’ die Hand, Franull!‛

Das Mädchen gehorchte stumm und ohne aufzusehen. Der Graf, der kein Auge von der jungen Schönheit verwendet, hatte damit der Alten Zeit gelassen, ihre Geschichte abzuhaspeln. Mir war sie wie ein Märchen zu Herzen gegangen, um des Mädchens willen. Ich gab ihr das Geld, das ich bei mir hatte; sie nahm’s ohne Dank und reichte es dem Führer.

Dem Grafen war das nicht entgangen. ,Er will hier bleiben und seine Künste machen?‛ sagte er zu dem Kroaten.

,Allergnädigster Herr! sind wir doch geworden Preußen in Schlesien. Wollen allergnädigster Herr lassen ehrliche Preußen ihr ehrlich Gewerb haben hier und sich lassen verdienen ihr elend Brot hier! – Machen schöne Kunst, junger Herr!‛ versicherte er mich dann wieder.

Es war nicht die Beredtsamkeit der Alten, noch des Kroaten Betheuerungen seiner Ehrlichkeit, sondern Franull’s finstere Schönheit, die auf den Grafen wirkte.

,Verstehst Du Deutsch?‛ fragte er.

Sie nickte, ohne zu antworten, mit dem Kopfe.

,Wo kommt Ihr her?‛

,Vom andern Dorf!‛ erwiderte sie, aber sie hob die Augen nicht zu ihm empor.

,Wie lang seid Ihr unterwegs?‛

‚Immer!‛

,Wo seid Ihr zu Hause?‛

,Nirgends!‛

Ihre Wortkargheit, ihre zusammengepreßten Lippen, ihre Blässe, die Erschöpfung, die man ihr ansah, hatten etwa Erschütterndes; und eben wollte ich eine Fürbitte bei meinem gräflichen Herrn Pathen für sie einlegen, als dieser einen seiner Leute heranwinkte.

,Bringt sie in den Schafstall!‛ – er stand leer, weil die Schafe noch draußen in der Hürde blieben. ,Bringt sie in den Schafstall! Gebt ihnen zu essen, auch Milch dem Mädchen! Sie mögen morgen, da es Sonntag ist, hinten auf der Koppel ihre Künste machen; aber Montag mit Tagesanbruch fort! ‛ herrschte er den Kroaten an.

,Fort!‛ sprach Franull dem Grafen nach, der sich auf das Wort noch einmal zu ihr zurückwendete, während Jablonski und die Alte in überschwenglichen lobpreisenden Ausrufen des Dankes kein Ende finden konnten.

Der Graf, dem ich für mein Theil dankend die Hand zu küssen hatte, trug mir einen Gruß an meinen Herrn Vater und meine Mutter auf und machte gegen Doktor Hartusius die Bemerkung: ,Schade um das schöne Geschöpf!‛

,Es wird unter die Füße getreten werden!‛ warf der Doktor ein.

,Wie anders!‛ entgegnete der Graf mit Achselzucken und ging davon, während wir unseren Heimweg antraten.

Zu Hause war von dem Vorgang nicht eben viel die Rede; denn es war ja kein außergewöhnlicher, aber ich konnte das sonderbare Mädchen nicht vergessen. Die großen finstern Augen sahen mich immer noch an, und auch der Doktor erwähnte der jungen eigenartigen Schönheit so lebhaft, daß mein Vater lächelnd sagte, wir hätten ihn neugierig gemacht, und wenn grade nichts dazwischen käme, so könne man sich ja das Wunder morgen einmal ansehen, falls das Wetter sich halte, das mit Regen drohte.

Indeß am Morgen hatten die Wolken sich vertheilt, die Sonne strahlte hell hernieder, als wir nach Benwitz zur Kirche fuhren, die der Graf, wie wir, mit strengster Regelmäßigkeit besuchte; und als wir nach dem Gottesdienste vor dem Kirchhof bei unsern beiderseitigen Wagen zusammentrafen, sagte der Graf scherzend zu mir: ,Nun, Monsieur Josias, Er wird wohl Lust haben, heute die famose Gesellschaft in Dambow ihre Künste machen zu sehen! Der Kerl hat mit merkwürdiger Geschicklichkeit und Schnelle das Gerüst aufgeschlagen und das Seil gespannt, auf dem das Frauenzimmer tanzen soll; und wenn es den werthen Nachbarn gefallen sollte, mit dem Josias und seinem Gouverneur den Kaffee bei mir zu nehmen, so würde ich erfreut sein, sie in Dambow zu empfangen.‛

Solche Einladungen kamen im Laufe des Jahres ab und zu einmal vor, wurden stets eben so dankbar angenommen als erwidert; und es war um die vierte Nachmittagsstunde, als wir in den Schloßhof einfuhren.

[160] Der Kroat war, nachdem er seine Vorbereitungen am Morgen getroffen, mit seiner Truppe durch die drei Dörfer gezogen, so weit es möglich gewesen, hatte trommelnd oder trompetend die Leute zusammengerufen, ihnen die Herrlichkeiten anzukündigen, deren sie theilhaftig werden könnten, wenn sie sich pünktlich um fünf Uhr auf der Koppel hinter Schloß Dambow einfinden wollten. Er hatte auch ein paar von den Musikanten geworben, die in den Schenken der Dörfer zum Tanz aufspielten, und es sah dann bunt genug auf dem umzäunten Weideplatze aus, als ich eine Stunde später, nach dem eingenommenen Kaffee die Erlaubniß erbat und erhielt, dem Schauspiel beizuwohnen.

Meine Mutter zeigte Lust, sich mir und Doktor Hartusius anzuschließen, da die beiden Männer sich in ihre Unterhaltung über die Zweckmäßigkeit der immer weiter durchgeführten Domänenverpachtung vertieft hatten; und der Graf, der trotz der völligen Einsamkeit, in welcher er sich nach wie vor gefiel, die feine Sitte der guten Gesellschaft doch niemals außer Acht ließ, brach darauf sofort das Gespräch mit meinem Vater ab, um meiner Mutter den Arm zu bieten, als sie sich auf seinem Grund und Boden zu ergehen wünschte.

Schon im Park klang von der Wiese zwischen dem lustigen Dreitritt, den wir sonntäglich aus dem „Kruge“ zu hören gewohnt waren, der laute Jubel und das Hurrahrufen herüber, mit dem die zahlreich zusammengeströmte Menge ihren Beifall kundgab; und wie wir dann den freien Blick auf die Koppel gewannen, sahen wir – die Thiere hatten ihre Künste bereits alle zum Besten gegeben – wie Franull sich auf dem Seile in gemessenem Schritte hin und her bewegte, sich neigend, sich erhebend, sich wendend und sich wieder neigend; und was immer sie that, es stand ihr gut, und sie sah schön aus in dem elenden rothen Röckchen, das ihr nicht weit über das Knie hinabreichte und ihre Glieder, ihre feinen Schultern, ihre schönen Arme, dem Blicke überließ. Sie trug einen Kranz von Ebereschen in dem schwarzen Gelock und die mit Schellen besetzte Balancirstange in den Händen. Mir kam sie womöglich noch schöner als am verwichenen Abende vor; aber der Ausruf meiner Mutter: ,Herr Gott! das Mädchen ist ja zum Erbarmen schön!‛ bezeichnete den Eindruck, den sie machte, auf das Richtigste.

Unverwandt sah sie auf ihre Stange und auf das Seil hernieder. Sie schien weder die Musik, noch die Freudenrufe der Leute, weder das Janitscharengeklingel des Kroaten zu hören, noch seinen immer wiederholten Zuruf: .He! he! lustik! he! hoch! schön Franull! lach’, schön Franull!‛

Es machte offenbar keine Wirkung auf sie. Man sah, ihr Thun war ihr eine Qual, und eben wollte der Graf, da wir nahe herangekommen waren, gleich meiner Mutter von Mitleid mit dem armen Geschöpf ergriffen, den Befehl geben, der Vorstellung ein Ende zu machen, als Jablonski’s Ruf: ,Hoch! hoch! oder –‛ Das fremde Wort mußte eine Drohung enthalten, die er mit der Bewegung seines erhobenen Armes noch zu verstärken suchte und deren Ausführung das Mädchen zu fürchten gelernt hatte.

Franull sprang in die Höhe – ein allgemeiner Schrei des Entsetzens erfüllte die Luft! Die Musik verstummte in grellem Mißton! Die Tänzerin hatte das Seil verfehlt; die Balancierstange fiel klirrend zu Boden – Franull lag leblos auf dem grünen Rasen.

Der Kroat hob sie empor. Von allen Seiten liefen namentlich die Weiber zum Helfen herbei. Man sah, wie das rechte Bein des Mädchens schlaff zur Seite hing, wie das Blut aus einer Kopfwunde das blasse Antlitz und die nackte Schulter der Bewußtlosen überströmte. Aber ehe noch Jablonski sich mit ihr durch die Herandrängenden hatte fortmachen können, war der Graf, dem man natürlich sogleich Raum gegeben, raschen Schrittes dazwischen getreten, hatte die Bewußtlose in seine Arme genommen, ihren Oberkörper an seine breite Brust gelehnt, dem Doktor Hartusius, der ihm auf dem Fuße gefolgt war, zugerufen: ,Stützen Sie den Unterkörper! Das Bein ist gebrochen!‛ und hatte dann mit seiner leichten Last den Weg nach dem Schlosse eingeschlagen.

Das Alles war schneller vor sich gegangen, als ich es habe erzählen können. Der Kroat stand machtlos fluchend auf dem Plan; die Alte schlich händeringend dem Grafen und Hartusius nach. Die Einen schrieen, daß man den Schäfer kommen lassen müsse, der Hand anzulegen verstehe, wenn Noth am Mann sei; der Inspektor befahl, den Doktorwagen anzuspannen und sogleich nach der Stadt zu fahren, um den Doktor oder den Chirurgus herauszuholen, und ich ging, in all dem Hin und Her meinen Eltern in das Schloß, da die Mutter, als eine erfahrene Hausfrau, zunächst darauf bedacht war, des Mädchens Kopfwunde vorläufig zu verbinden, um womöglich das heftige Bluten derselben zu stillen.

Auf der Koppel und im Dorfe wurde es danach still, im Schlosse war’s noch stiller. Man hatte Franull auf ein Bett in der Mägdestube gelegt; meine Mutter hatte sie verbunden; die Haushälterin hatte eine Magd an das Krankenbett gesetzt und die Alte hinausgeschickt, die mit ihren lauten Wehklagen und mit dem Verlangen, das Bein zu untersuchen, zur Last fiel; und unser Wagen war dann vorgefahren, uns nach Hause zu bringen, da man trotz des Mitleids, das man hegte, unmöglich im Schlosse bleiben konnte, bis der Arzt, auch wenn man ihn zu Hause antraf, aus der anderthalb Meilen entfernten Kreisstadt nach Dambow gekommen sein konnte.

Es blieb aber während der Fahrt und auch noch zu Hause bei dem Abendessen immer die Rede von dem Vorfall, von Franull, von ihrer eigenartigen Schönheit; und meine Mutter hegte den Glauben, daß dies Mädchen nicht die Enkelin der Alten, sondern ein geraubtes Kind sei; denn Rosen wachsen nicht am Dornstrauch. Sie band es deshalb dem Doktor Hartusius auf die Seele, daß er dem Grafen von diesem ihrem Gedanken sprechen solle, wenn er am nächsten Tage, wie es verabredet worden, nach Dambow hinüberreiten würde, sich zu erkundigen, wie es mit der Verunglückten stehe; und es erging derselben denn so, wie es zu erwarten gewesen war.

Sie lag noch immer bewußtlos in vollem Fieber. Der Arzt hatte die Erschütterung des Kopfes für bedenklich erklärt; und nach seiner bestimmt ausgesprochenen Ansicht konnte selbst bei der glücklichsten Heilung des Beinbruchs nie wieder die Rede davon sein, Franull ihre Kunst ausüben zu lassen. Als dies festgestellt worden, hatte der Graf am Morgen den Kroaten und die Alte vor seinen Justitiarius kommen und in aller Form verhören lassen, nachdem er erklärt, daß er das Mädchen bis zu dessen vollständiger Heilung im Schlosse behalten werde.

Die Alte hatte unter heißen Thränen beschworen, daß alles sich verhalte, wie sie es zuerst ausgesagt, daß Franull ihrer Tochter Kind und auf den Namen des Kroaten Wizkowich in einer protestantischen Kirche, die sie angab, getauft sei. Wizkowich sei ein ehrlicher Soldat gewesen, der ihre Tochter gewiß geheirathet haben würde, und der Jablonski habe sich auch nichts zu schulden kommen lassen. Wenn er auch mit Pferd und Vieh besser umzugehen verstanden als mit dem Kinde, wenn er das Mädchen wohl auch einmal im Zorn seine Faust habe fühlen lassen: an ihr, an der Alten, habe er sich nie vergriffen, selbst nicht, wenn er einmal etwas im Kopfe gehabt. Hungern habe er sie auch niemals lassen, sondern habe seinen letzten Bissen Brot mit ihnen getheilt, und ein ehrlicher Kerl sei er, so wahr Gott lebe.

Der Kroat hatte, während die Alte redete, finster und mit geballten Fäusten vor dem Grafen und dessen Justitiar dagestanden. Daß er nicht in Dambow liegen bleiben könne, bis Franull geheilt sein würde, das verstand sich von selbst; und wenn künftig auf dem Seile mit ihr nichts mehr zu machen war, so war sie, und mehr noch die Alte, ihm nur eine Last. Er hatte also der Erklärung des Justitiars mit den Worten begegnet: ‚Ja! gleich fort! nix da Glück! fort allein! –Aber noch sehen! – Krank Kind sehen! und fort! fort!‛

Die Alte jedoch hatte natürlich himmelhoch gebeten, daß man sie nicht hinausstoßen, daß man sie bei ihrer Enkelin bleiben lassen solle, bis diese wieder würde mit ihr gehen können, wonach sie denn zusammen versuchen müßten, sich weiter durchzuschlagen in der Welt; und wollte der Graf, dessen gutes Herz bekannt war, nicht grausam sein, so hatte er kaum eine Wahl gehabt, als beiden zu willfahren.

Die Alte wurde sofort in eine der Kathen bei hörigen Leuten untergebracht, und die Wirthin hatte den Befehl erhalten, den Kroaten an das Bett Franull’s heranzulassen, nachdem der Graf ihm, wie die Leute erzählt, noch ein Geldstück als Wegzehrung in die Hand gedrückt.

[161]

Seegrasernte bei St. Malo.
Originalzeichnung von Arthur Calame.

[162] Die Wirthin war darauf mit dem Kroaten an das Bett des Mädchens gegangen; er war vor demselben lautlos stehen geblieben, hatte es angesehen und angesehen. Dann hatte er ein kleines Kreuz losgemacht, das er unter dem Kollett am Halse getragen, hatte es Franull auf die heiße Stirn gelegt und war mit einem kurz hervorgestoßenen ,Hm‛, ohne sich umzublicken, aus dem Zimmer fortgegangen.

Der Graf selber hatte das Doktor Hartusius mit dem Bemerken erzählt, der Kerl habe ihm leidgethan, und der Doktor hatte gegen meine Mutter geäußert: wie gütig der Herr Graf sich auch gegen ihn und gegen mich stets gezeigt, für so gefühlvoll, als er sich bei dem Anlaß erwiesen, hätte er ihn, wegen seiner strengen Außenseite, nie gehalten.

(Fortsetzung folgt.)


Ein neues Konversationslexikon.

Dame in französisch-burgundischer Hoftracht mit hoher Haube und Schleier auf Drahtgestell, um 1450. (Miniature in Paris.)

Unsere Leser werden sich vielleicht wundern, daß wir wiederum einen Artikel über ein Konversationslexikon bringen; denn in den letzten Jahren haben wir ihnen bereits zwei Konversationslexika: das Brockhaus’sche und das Meyer’sche, empfohlen. Beide Werke, jedes vortrefflich in seiner Art, erfreuen sich einer großen Beliebtheit, und da auch jedes von ihnen zahlreiche Auflagen erlebt hat, so könnte man meinen, daß durch diese zwei großen Unternehmen das Bedürfniß der deutschen Lesewelt nach dieser Litteratur vollauf befriedigt sei.

In der That hieße es Papier und Druckerschwärze verschwenden, wollte man heute ein neues Konversationslexikon herausgeben, welches weiter nichts wäre, als eine Kopie der altbewährten. Wirklich Neues und wirklich Nützliches auf diesem Gebiete müßte dagegen mit Freude begrüßt werden, sei es als ein neues Hilfsmittel für die Verbreitung der Bildung, sei es als eine beachtenswerthe Erleichterung des Nachschlagens, auf welches so viele, Gelehrte wie Laien, angewiesen sind.

Freilich ist es nicht so leicht, nach dieser Richtung hin etwas Neues zu schaffen; denn die encyklopädische Litteratur erscheint auf den ersten Blick völlig abgeschlossen, eine Erweiterung der einem Konversationslexikon gesteckten Ziele fast unmöglich.

Todtengräber.

Bilden nicht „Brockhaus“ und „Meyer“ eine wahre Bibliothek des Wissens? Finden wir in ihnen nicht alles berücksichtigt, was der Geist aller Zeiten und aller Völker geschaffen? Selbst den flüchtigen Tagesereignissen wird durch die bekannten „Supplementbände“ Rechnung getragen, und die Abbildungen und Landkarten der beiden Lexika sind so reich und mannigfaltig, daß auch in dieser Beziehung schwerlich mehr geboten werden kann. Und dennoch war auf diesem scheinbar völlig erschöpften Gebiete der Encyklopädie noch etwas Neues zu entdecken, eine neue Idee zu finden, die allerdings, wenn man sie kennt, sehr einfach erscheint wie das Ei des Kolumbus, durch die aber in der That ein Konversationslexikon für die weitesten Kreise einen neuen und höheren Nutzen erlangt und die zweifelsohne von vielen Tausenden willkommen geheißen wird.

Die Porta nigra in Trier.

Auf diese Neuerung unsere Leser aufmerksam zu machen, ist der Zweck dieser Zeilen. Vor uns liegt die erste Lieferung eines Konversationslexikons, welches alles Das enthält, was wir in anderen finden, Artikel, farbige Tafeln, Abbildungen, von denen wir beistehend einige Proben bringen, Landkarten etc., dabei aber noch etwas bietet, was wir sonst vergebens suchen würden: ein förmliches Universal-Sprachlexikon.

Sämmtliche Sprachen der Welt konnten in demselben natürlich nicht berücksichtigt werden, aber den für den täglichen Verkehr und für die Bedürfnisse des modernen Kulturlebens besonders wichtigen ist ein gebührender Platz gesichert worden, und so finden wir in dem neuen Konversationslexikon nicht weniger als zwölf Sprachlexika (böhmisch, dänisch, englisch, französisch, griechisch, holländisch, italienisch, lateinisch, norwegisch, russisch, schwedisch und spanisch) vereinigt – gewiß eine sehr werthvolle Bereicherung unserer Bibliothek, die uns in vielen unverhofften Fällen beim Lesen und Studiren, wo wir so oft über ein fremdes Wort stolpern, eine rasche und willkommene Hilfe bieten wird, um so mehr, als sich in den wenigsten Privatbibliotheken jene zwölf Sprachlexika wirklich vereinigt finden dürften. Schon diese Neuerung allein dürfte dem Unternehmen viele Freunde erwerben und sie stempelt das Werk gewiß zu „einem der originellsten Bücher der Welt“.

Durch Borkenkäfer zerstörter Stamm.

Wie neu und eigenartig aber dieses Konversationslexikon auch ist, vielen wird es als ein alter Bekannter erscheinen. Alt ist wenigstens an ihm der Titel; denn es wandert in die Welt hinaus als die siebente Auflage von „Pierer’s Konversationslexikon“, welches ehemals sehr beliebt war. Der Herausgeber Professor J. Kürschner und der Verleger W. Spemann in Stuttgart haben jedoch die neue Auflage einer so gründlichen Reform und geschickten Umarbeitung unterzogen und ihr eine so praktische Ausstattung gegeben, daß aus dem „alten Pierer“ ein durchaus neues Buch geworden ist. – Als besonderer Vortheil dürfte in weiteren Kreisen auch der Umstand begrüßt werden, daß das neue Konversationslexikon nur 12 Bände umfassen wird und durch die knappere Darstellung und übersichtlichere Anordnung des Stoffes eine leichtere Orientirung des Lesers zuläßt oder, wie der Herausgeber selbst sagt, „das Suchebedürfniß rascher befriedigt.“ So viel wir nach dem bis jetzt vorliegenden Material urtheilen können, wird die siebente Auflage von „Pierer’s Konversationslexikon“ in zweckmäßigster Weise die Lücke zwischen den großen und den kleinen, ein- oder zweibändigen, Konversationslexicis ausfüllen und wegen der oben erwähnten Vorzüge sich auch in den Familienbibliotheken einbürgern.

Tisch und Stuhl aus dem 17. Jahrhundert. (Im Oesterreichischen Museum in Wien.)

[163]
Blätter und Blüthen.

Anita Garibaldi. Der gefeierte italienische Freiheitsheld hatte nach 1834, nachdem er in Genua als republikanischer Verschwörer zum Tode verurtheilt worden, aber glücklich entkommen war, ein abenteuerliches Leben geführt. Eine Zeit lang stand er im Dienste des Bey von Tunis; dann hatte er sich nach Amerika begeben und den Republiken Rio Grande do Sul und Montevideo nach einander seine Dienste im Kriege gegen Brasilien gewidmet. Zu Land und Wasser ein kühner Freibeuter, that er den Brasilianern, besonders als Kommandant von Kapern, grossen Schaden. In seinen jetzt bei Barbéra in Florenz erscheinenden Memoiren, von denen der „Neuen Freien Presse“ die Aushängebogen mitgetheilt worden sind, schildert er diese Epoche seines Lebens mit der größten Ausführlichkeit. Eine interessante Episode darin bildete die Liebe zur Spanierin Anita, der Mutter seiner Söhne Menotti und Ricciotti und seiner Tochter Teresita.

Es ist dies eine Frauengestalt von romantischem Reiz; er selbst nennt sie „die Gefährtin seines Lebens in guten und bösen Tagen, die Frau, deren Muth er sich oft gewünscht“. Er schildert die erste Begegnung: „Wir betrachteten uns gegenseitig verzückt und schweigend wie zwei Menschen, die sich nicht zum ersten Male sehen, sondern einer in des Andern Zügen eine Stütze für sein Gedächtniß suchen. Endlich begrüßte ich sie und sagte: ‚Du mußt mein werden.‛ Ich sprach nur wenig portugiesisch und brachte die kecken Worte italienisch hervor; aber ich wirkte mit meiner Unverschämtheit magnetisch. Ich hatte einen Spruch gefällt, einen Knoten geschlungen, den nur der Tod lösen konnte; ich hatte einen verborgenen Schatz gehoben, aber einen Schatz von großem Werthe. War eine Schuld dabei, so fiel sie ganz auf mich.“ Dies bezieht sich darauf, daß Anita verheirathet war und ihre Ehe, nach katholischem Ritus geschlossen, nicht geschieden werden konnte.

Treulich begleitete sie Garibaldi auf allen seinen Kriegszügen, in seinen Kämpfen für Montevideo. Als seine Flotte, während er auf dem Lande verweilte, von feindlicher Uebermacht angegriffen wurde, übernahm Anita den Oberbefehl und feuerte selbst das erste Geschütz auf die Feinde ab. Während der langen Belagerung Montevideos durch die Brasilianer wich sie nicht von der Seite ihres Gatten. Auf dem schrecklichen Rückzuge durch den Urwald de las Antas, der im größten Sturm und unter tropischen Regengüssen ausgeführt wurde, gab ihr tröstlicher Zuspruch den verzagenden Soldaten neuen Muth: sie sahen ja, wie tapfer das Weib ihres Führers sich aufrecht hielt, während sie noch dazu ihr drei Monate altes Söhnchen im Arme trug.

Ein anderer Rückzug sollte ihr aber verhängnißvoll werden. Als Garibaldi, nach Europa zurückgekehrt, 1849 nach einer glänzenden Vertheidigung der ewigen Stadt den Franzosen weichen mußte, da begleitete ihn Anita auf seinen abenteuerlichen Hinundherzügen; doch diese Strapazen ertrug sie nicht; sie erlag bei Ravenna den Folgen einer Niederkunft. In rührender Weise beklagt Garibaldi in seinen „Memoiren“ Anita's frühen Tod: man muß in ihr eine Heldin sehen, ähnlich denjenigen, wie sie die Phantasie begabter Dichter geschaffen, die mit Unrecht überschwenglicher Erfindung angeklagt wurden: Anita Garibaldi hat die Romantik früherer Zeiten in der Gegenwart wieder auferweckt.


Austernbank. Illustrationsprobe aus „Pierer’s Konversationslexikon“ (siebente Auflage).


Seegrasernte bei St. Malo. (Mit Illustration S. 161.) Das Meer birgt in seinen Tiefen Gärten von bezaubernder Schönheit. Taucher berichteten uns von deren unbeschreiblicher Pracht, und Forscher stiegen, gelockt von diesen Märchenberichten, in die Tiefe hinab und brachten uns Kunde von der unterseeischen Welt. Sie sagten uns aber, daß die prachtvollen Gärten Werke der Korallenthierchen seien, und sie stellten fest, daß das Meer wohl Pflanzen beherberge, aber keine Blumen trage. Die anmuthige Flora meidet das düstere Reich des Poseidon. Nur Pflanzen niedrigster Gattung gedeihen in der Salzfluth; es sind die Algen, die „blatt- und blüthenlosen Aschenbrödel“ unter den Kindern des Lichtes. Von den höheren Arten haben sich nur etwa zwanzig mit dem rauhen Element zu vortragen gewußt; es sind harte und rauhe Gewächse, die man „Seegräser“ genannt, weil sie unsern Gräsern ähnlich sehen. Und wie unsere Gräser wuchern sie gesellig neben einander, bedecken an den Küsten weithin den Boden des Meeres und bilden Meereswiesen, welche für die Bewohner der Salzfluth willkommene Schlupfwinkel abgeben. – Sie locken aber auch den Menschen. Der Küstenbewohner weiß die Meereswiesen eben so gut auszunutzen wie der Landmann die blumengestickten Wiesen des Festlandes. Er erntet das gemeine Seegras (Zostera marina, Wasserriemen) und weiß es nützlich zu verwenden: er verschickt es landeinwärts, wo es als Matratzenpolster oder Packmaterial verbraucht wird, oder er baut mit dem „Wier", wie der Holländer es nennt, feste Deiche, die das Land vor dem feindlichen Meer schützen. Er erntet auch die Algen und verwendet sie bald als Nahrungs-, bald als Heilmittel, kocht aus ihnen schmackhafte Suppen oder bereitet das Carrageen oder Irländische Moos; ja diese Meerespflanzen bilden sogar die Grundlage nicht unbedeutender Industrien. Agar-Agar, jene leimartige Gelatine der Chinesen, wird aus verschiedenen Algenarten hergestellt, und aus Algen werden gleichfalls die heilkräftigen Jodsalze gewonnen.

Nirgends aber wird die Seegrasernte mit solchem Nachdruck betrieben wie in jenen Gegenden Frankreichs, in welche uns die stimmungsvolle Illustration Arthur Calame’s versetzt. In vielen Baien der Normandie und Bretagne sind nach Schleiden’s Angabe gegen 30 000 Menschen mit Einsammeln der Tange beschäftigt, und alte Bräuche, die sich in der Bretagne bis jetzt erhalten haben, regeln die Ausbeutung der Meereswiesen. Der erste Tag für das Schneiden des „Goëmon“ (Tang) im Herbst heißt „der Tag der Armen“; vom frühen Morgen an ist der Priester am Strande, und wenn etwa ein Reicher sich blicken läßt, so weist er ihn mit den Worten zurück: „Lasset die Armen ihr täglich Brot sammeln.“ – Düstere Herbststimmung liegt auf dem Strandbild von St. Malo, welches uns Calame vorführt; öde erscheint die Landschaft; aber die zerklüfteten Felsen am linken Rande des Bildes erinnern uns daran, daß die Bucht von St. Malo malerischer Reize nicht entbehrt. Ja, im Sommer pflegt an diesem Strande fröhliches Badeleben zu herrschen und man weilt gern in dem Städtchen, in dessen Mauern die Wiege Chateaubriand’s stand, und läßt sich mitten in die Bucht auf das Felseneiland Ile du Grand Bey hinausrudern, zu dem stillen Grabe des Sängers der Atala.

*      


Joseph Freiherr v. Eichendorff. (Mit Illustration S. 153.) Der 10. März ist der Gedenktag eines der liebenswürdigsten Dichter der romantischen Schule, der an diesem Tage 1788 auf dem Gute seines Vaters Lubowitz bei Ratibor in Schlesien geboren wurde. Er studirte die Rechte, machte die Befreiungskriege von 1813 bis 1815 mit, wurde dann Referendar bei der Regierung in Breslau und verfolgte diese Karrière, bis er als Geheimer Regierungsrath im preußischen Kultusministerium im Jahre 1844 seinen Abschied nahm. Er starb am 26. November 1857 in Neiße.

Bei der Säkularfeier litterarischer Größen hat das deutsche Volk das Recht, das Bleibende vom Vergänglichen zu sondern; auch Eichendorff hat vieles für den Papierkorb der Litteraturgeschichte geschrieben; wir rechnen dazu seine Dramen, einige seiner Romane, vor allem seine späteren von einseitiger Tendenz beherrschten kritischen Schriften. Von unvergänglichem Zauber aber sind seine Gedichte! Eichendorff ist einer unserer ersten Liederdichter; das schlichte, aus der Tiefe der Seele hervorquellende Wort steht ihm zu Gebote wie wenigen; seine Lieder sind gleichsam gesättigt mit der Magie der Empfindung. Welch köstliches Schlummerlied ist das Ständchen:

„Schlafe, Liebchen, weil’s auf Erden
Nun so still und seltsam wird.“

Wie schwunghaft klingt der Schlußvers des Soldatenliedes:

„Trompeten nur hör' ich werben
So hell durch die Frühlingsluft,
Zur Hochzeit oder zum Sterben
So übermächtig es ruft.
Das sind meine lieben Streiter,
Die rufen hinaus zur Schlacht:
Das sind meine lustigen Reiter;
Nun, Liebchen, gute Nacht!
Wie wird es davon so heiter,
Wie sprühet der Morgenwind!
In den Sieg, in den Tod und weiter,
Bis daß wir im Himmel sind!“

[164] Wie volksthümlich sind einzelne seiner Lieder geworden, z. B.:

„In einem kühlen Grunde,
Da geht ein Mühlenrad.“

In allen diesen Liedern ist bald etwas Anheimelndes, bald spricht sich in ihnen die Sehnsucht aus nach der duftigen Ferne! Wie gern verträumt der Dichter die Nacht im stillen Wald; dann lockt’s ihn wieder, vom Söller herabzulauschen in den Grund,

„Wo die vielen Bäche gehen
Wunderbar im Mondenschein.“

Doch wie die mondhelle Nacht feiert der Dichter auch den Abend, der rosige Flocken streut, und die früheste Morgenstunde, wo er auf hohem Berg nach dem ersten Strahle schaut, kühle Schauer in tiefster Brust. Dies innige Naturgefühl, dem er einen so weichen schwärmerischen Ausdruck zu geben weiß, das Leise, Hingehauchte des dichterischen Wortes giebt Eichendorff die eigenartige, hervorragende Stellung unter unseren lyrischen Dichtern.

Frische Wanderlust und verweilendes Behagen, auch in lyrische Stimmung getaucht, sind charakteristisch für seine reizende Idylle „Aus dem Leben eines Taugenichts“, deren Held, ein harmloser Müßiggänger von kindlicher Unschuld, in allerlei schalkhaft beleuchtete Verwickelungen geräth. In dem Roman „Dichter und ihre Gesellen“ versammelt Eichendorff eine Gemeinde künstlerischer Müßiggänger und führt sie in bunte Liebesabenteuer; doch sind die Gestalten in seinen Romanen, auch in „Ahnung und Gegenwart“, blaß und verträumt. Auch für seine großen Dichtungen „Julian“ und „Robert und Guiskard“ ist seine Beleuchtungsart träumerisch, sind seine Helden zu schattenhaft gezeichnet.

Eichendorff lebt in seinen Liedern fort; was er sonst gedacht und gewollt, ist zum Theil durch engherzige konfessionelle Anschauungen getrübt; wir aber feiern an seinem Ehrentage den Sänger, der uns einen Strauß unverwelklicher Liederblüthen geboten hat und der dabei von dem Berufe des Dichters eine so hohe Meinung hatte:

„Der Ehre sei er recht zum Horte,
Der Schande leucht’ er ins Gesicht!
Viel Wunderkraft liegt in dem Worte,
Das hell aus reinem Herzen bricht!“

†     

Das erste deutsche überseeische Unternehmen. Gebührt heute den beiden norddeutschen Städten Hamburg und Bremen naturgemäß die führende Rolle in den überseeischen Unternehmungen, so ist die erste überseeische Unternehmung Deutscher nachweislich von einer süddeutschen Reichsstadt, Augsburg, gemacht worden.

Den süddeutschen Handelsstädten warf der über Italien gehende Levantehandel schon lange nicht mehr genug ab. Ihre großen Handelshäuser verfolgten daher von Anfang an die überseeischen Unternehmungen der Spanier und Portugiesen mit gespanntester Aufmerksamkeit, und Anton Welser, der Chef der Welser-Kompagnie, sowie der berühmte Gelehrte Dr. Konrad Peutinger sammelten gewissenhaft alle Nachrichten über jene Fahrten, welche die Kommis der Kompagnie besonders im Süden erhalten konnten. Die Kompagnie errichtete darauf in Lissabon eine Faktorei, und in den entscheidenden Jahren stand einer ihrer thatkräftigsten und fähigsten Vertreter an deren Spitze in der Person des Lukas Rem.

Erst Ende 1502 nach der Hauptstadt Portugals geschickt, schloß derselbe bereits 1504 mit dem Könige von Portugal einen Vertrag ab, wonach die Welser-Kompagnie gegen die Verpflichtung, 40% vom Reingewinn abzugeben und in Indien die Spezereien nur vom Statthalter des Königs zu entnehmen, die Erlaubniß erhielt, gegen sofortige Barzahlung aus der königlichen Flotille drei Schiffe für 21 000 Cruzados (nach dem wirklichen, nicht dem Nennwerthe, etwa 120 000 Reichsmark) zu kaufen und sich mit diesen auf eigene Rechnung an der nächsten Indiafahrt zu betheiligen. Jene Erlaubniß wurde denn ausgenutzt und die Indiafahrt, an der auch die drei von der Kompagnie gecharterten Schiffe theilnehmen sollten, stand nahe bevor, als unter dem 5. Januar 1505 Peutinger triumphirend an den kaiserlichen Sekretarius Blasius Hölzl schrieb: „Meines Schwagers Brief wollt Ihr auch abfertigen, weil die Schiffe von Portugal bald nach Indien fahren werden und es für uns Augsburger ein groß Lob ist, als für die ersten Deutschen, die India besuchen. Und königlicher Majestät zu Ehren hab ich in die Briefe gesetzt, daß er als der erste römische König dies entsende, wie denn solches nie zuvor von einem römischen Könige geschehen ist. Ich möchte auch wohl leiden, daß in den Briefen stünde, daß der Anwalt des Königs von Portugal in Indien den indischen Königen im Auftrage Seiner königlichen Majestät anzeigte, die Deutschen seien königlicher Majestät zugehörig.“

Am 25. März 1505 gingen denn die drei Schiffe der Kompagnie mit der Flotille des ersten Vicekönigs von Indien, Francesco d’ Almeida, in See, und zwei davon kehrten bereits am 22. März, das dritte im November 1506 zurück; das Geschäft aber war trotz der bedeutenden Auslagen ein so glänzendes, daß sich das Anlagekapital mit 150% verzinste.

Wie die beiden an der Fahrt theilnehmenden Kommis der Kompagnie berichten, hatte die Flotille mehrere Städte erobert und dabei eine Beute von mindestens 22 000 Cruzados gemacht; den Antheil an dieser aber, den die Kompagnie für ihre drei am Kampfe betheiligten Schiffe erwartete, wollte man ihr vorenthalten und Rem sah sich gezwungen, in dieser Angelegenheit einen langen Prozeß gegen die Krone zu führen. Er erschien oft bei Hofe, und da er beim König selbst sehr beliebt war, wurde der Prozeß auch endlich zu Gunsten der Kompagnie entschieden

Welcher Unterschied zwischen damals und heut! Heute brauchen deutsche Kaufleute nicht persönlich fremde Höfe um Berechtigungen anzuliegen und Uebervortheilungen zu fürchten; heute schafft Ihnen eine überall geachtete und rastlos für ihre Unterthanen wirkende, starke kaiserlich deutsche Regierung Handelsberechtigungen und ihr gutes Recht; heute segeln von selbst Seiner Majestät Schiffe durch alle Meere und legen durch den Mund ihrer Kanonen ein von allen verstandenes Zeugniß ab von des jetzigen Reiches Machtfülle.


Eisenbahnbrücke über den Kanal zwischen Frankreich und England. Nachdem die Ausführung eines unterseeischen Tunnels zwischen Frankreich und England, besonders in Folge der militärischerseits erhobenen Bedenken in unabsehbare Ferne gerückt ist, hat der bereits vor mehreren Jahren aufgetauchte Plan einer Ueberbrückung des Kanals zwischen Frankreich und England neuerdings durch Bildung eines Ausführungsausschusses greifbarere Gestalt angenommen. Die Eisenbahnbrücke soll unweit vom Kap Gris-Nez beginnen und nach Folkestone führen; sie würde 35 Kilometer lang werden und auf 70 mit Leuchtthürmen versehenen Pfeilern ruhen. Vier Schienengeleise sollen in einer Höhe von 56 Metern über dem Meeresspiegel die direkte Eisenbahnverbindung zwischen England und dem Festlande herstellen, und die Kosten dieses Riesenwerks, an dessen Ausführbarkeit die damit vertrauten Techniker nicht zweifeln, sind auf eine Milliarde Franken veranschlagt worden.


Eine kostbare Perle. Die Kenntniß der Diamanten ist sehr alt; noch früher als diese aber kannte man die Perlen. Die größte und schönste Perle befindet sich im spanischen Kronschatz und ist unter dem Namen „der Pilgrim“ berühmt. Ein Kaufmann soll sie in Persien für die Summe von hunderttausend Kronen erworben haben, um sie dem Könige Philipp V. von Spanien zum Kauf anzubieten. Erstaunt über den geforderten ungeheuren Preis fragte der König, wie er das Wagniß habe auf sich nehmen können, ein ganzes Vermögen für einen so kleinen Gegenstand auszugeben, aber der Kaufmann erwiderte, er habe gewußt, daß es einen König von Spanien gebe. Dieser Ausspruch schmeichelte dem König und er ließ dem Besitzer der Perle den geforderten hohen Preis sofort auszahlen.


Schach-Aufgabe Nr. 4.
Von Dr. Fritz Hofmann in München.

WEISS

Weiß zieht an und setzt mit dem dritten Zuge matt.


Auflösung der Schach-Aufgabe Nr. 3 auf S. 100:
Weiß: Schwarz: Weiß: Schwarz:
1. S c 2 — e 3 K e 5 — d 4 1. . . . . d 6 — d 5
2. D g 6 — g 3 (K d 4 — c 3:) 2. S eg 4 † K e 5 — f 4 (d 4)
3. S e 3 — c 2 aufged. † matt. 3. S c 3 — e 2 matt.
Varianten. a) 1 . . . T c 2. S e 2 etc. — b) 1. . . . . T c 7 (K f 4), 2. S e d 5 (†) etc. — c)1. . . L e 7 2. D e 4 † etc. — d) 1. . . . . beliebig anders. 2. S e 2 oder 2. S e d 5 etc. — Einfach und leicht, interessiert das Problem durch die Mannigfaltigkeit der Wendungen — die gute Konstruktion läßt es reizvoll erscheinen.




Kleiner Briefkasten.
(Anonyme Anfragen werden nicht berücksichtigt.)



G. H. in Paris. Die gewünschten Angaben finden Sie in dem Artikel „Berühmte Weinfässer“ (Jahrg. 1885, S. 686 der „Gartenlaube“).

R. S. in Mainz. Ueber die Frau des französischen Präsidenten Sadi Carnot ist im Ganzen noch wenig berichtet worden: nur die eine Thatsache steht fest, daß sie eine der belesensten Frauen Frankreichs ist und große Kenntnisse in neueren Sprachen besitzt.

P. K. in Stralsund. Die skandinavische Geschichte kennt außer dem mit dem Prinzen Oskar von Schweden verlobte Fräulein Ebba von Munck noch ein Fräulein Christine von Munck, welches mit einem König von Dänemark, Christian IV., verehelicht war. Nach dem Tode der ersten Gemahlin wurde sie ihm am 31. Dezember 1615 morganatisch angetraut und erhielt den Titel einer Gräfin von Schleswig-Holstein; im Jahre 1630 wurde sie indeß von ihm wieder geschieden; ihr Geist und Charakter wird gerühmt.