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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1870
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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[209]

No. 14. 1870.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Vierteljährlich 15 Ngr. – In Heften à 5 Ngr.



Aus eigener Kraft.
Von W. v. Hillern geb. Birch.
(Fortsetzung.)

Adelheid stand am Fenster und schaute hinaus. Der Graf lehnte nachlässig am Pfeiler. Kein menschliches Auge konnte ihm die leiseste Verlegenheit anmerken. „Nun, mein kleiner Hitzkopf,“ lächelte er Alfred gütig zu, „wollen wir uns wieder versöhnen?“

„Ich bitte Dich um Entschuldigung, lieber Onkel,“ sagte Alfred, dessen Augen verweint waren, „und auch Dich, beste Mutter, – ich war sehr ungezogen – verzeiht mir.“

„Nun, das ist schön, daß Du wieder zur Vernunft gekommen bist,“ erwiderte Egon und reichte Alfred die Hand.

„Ach, Onkel,“ sagte Alfred verwundert, aber völlig arglos, „sieh einmal, in Deinen Ringen hängt ja ein Büschel von Mama’s Haaren.“

Jetzt verließ selbst den geübten Weltmann die Fassung und er starrte in tödtlicher Verlegenheit auf die verrätherischen Fäden nieder. „Es werden meine eigenen Haare sein,“ sagte er unbedacht.

„O bewahre, so rothe Haare hat ja Niemand im ganzen Hause als die Mutter,“ beharrte Alfred und suchte sie aus den Ringen wegzuziehen.

„Laß doch!“ wehrte Egon unwillig, streifte die Ringe ganz ab und steckte sie in die Tasche.

Adelheid schaute verstohlen nach dem Candidaten hinüber. Der stand da, starr und bleich wie eine Leiche. Seine tiefliegenden verschleierten Augen waren weit aufgerissen und hafteten versteinernd auf den Beiden, kein Athemzug hob seine Brust, kein Zucken bewegte seine Glieder. Adelheid schauderte; Egon fühlte das Unheimliche in diesem Schweigen, er wagte nicht, den Candidaten anzusehen. Da trat der Freiherr ein und mit ihm die Schwestern. Feldheim griff wie in einem Taumel nach Alfred und raunte ihm noch gebieterisch zu: „Schweig’ von den Haaren!“ Seine Hände und Stirn bedeckte kalter Schweiß und er verließ das Zimmer. Adelheid winkte Egon, er verstand sie – es mußte sein, er mußte Feldheim folgen, „dieser Mensch war ja in seinen Entschlüssen unberechenbar“. Es gelang ihm kaum, das innere Beben zu verbergen, mit dem er der dahinschreitenden hohen Gestalt nachschlich. Jetzt ließ sich Feldheim wie zusammenbrechend auf eine Steinbank sinken. Egon trat zu ihm. Die Lippen zitterten ihm, als er ihn fragte, ob er sich unwohl fühle, da er so plötzlich und so bleich das Zimmer verlassen.

Der Candidat sprang bei Egon’s Anblick auf, als sei eine Schlange an ihm emporgekrochen. Lange stand er vor ihm und fand keine Worte. Um seinen stummen Mund lag eine furchtbare Beredtsamkeit. Endlich sagte er mit schneidender Schärfe: „Herr Graf, machen wir keine unnützen Worte. Ich weiß, was Sie von mir wollen und fürchten. Sie fürchten, daß ich Sie verrathe, und wollen mich davon abzuhalten suchen. Sparen Sie Ihre Mühe, ich schone – nicht Sie – sondern das greise Haupt, das mir theuer ist und dem ich jeden harten Schlag ersparen möchte. Wenn in ein Haus ein Dieb einbricht, so wird ein treuer Diener nicht gleich seinen alten gebrechlichen Herrn wecken, er wird ihn ruhig schlafen lassen und ihn erst dann zu Hülfe rufen, wenn es ihm nicht gelingt, den Dieb allein zu verjagen. Ich bin der Diener, Herr Graf, der keinen Eingriff in seines Herrn Besitz duldet. Ich frage nicht, wie groß oder klein dieser Eingriff sei, ich weiß nur, daß das Haar vom Haupte seiner Gemahlin in Ihrer Hand ein Diebstahl an Herrn von Salten ist,“ – es schüttelte ihn bei diesen Worten – „mögen Sie dazu gekommen sein, wie Sie wollen – Ihre Verlegenheit war Bürge Ihres Schuldbewußtseins. Und ich sage Ihnen, Herr Graf, Sie werden binnen drei Tagen ein Haus verlassen, in das Sie mit solch’ diebischer Absicht eingedrungen sind – oder wir kämpfen auf Leben und Tod. Wenn ich siege, dann kostet es Sie Ihr Leben; wenn ich falle, wird Herr von Salten den verschlossenen Brief erbrechen, den ich ihm zuvor übergebe, und den Grund unseres Duells daraus erfahren. Er wird die Ehre seiner Frau und sein Hausrecht besser zu wahren wissen, als ich es für ihn thun konnte.“

Egon wollte sprechen. Er schnitt ihm das Wort ab. „Genug – alles Weitere ist überflüssig. Sie haben drei Tage Bedenkzeit, wählen Sie!“

Er ging, ohne sich aufhalten zu lassen. Egon hätte ebenso gut den Glärnisch anrufen können, der soeben hinter Wolken verschwand, als diesen unerbittlichen Mann. Egon warf sich auf die Steinbank und überließ sich seinem Zorn. Was war zu thun? Nichts! Er konnte es nicht auf ein Duell ankommen lassen – es hätte ihn unter diesen Verhältnissen entweder sein Leben oder Stellung und Ehre vor der Welt gekostet, denn der Freiherr hätte den Candidaten, wenn er fiel, um jeden Preis gerächt – sollte er auch ihn tödten, sollte er zwiefachen Mord auf seine Seele laden? War die Genugthuung, die Beleidigung eines „frechen Untergebenen“ zu rächen, mit einem hoffnungsvollen jungen Leben nicht zu theuer bezahlt? Das Alles stürmte mit Für und Wider in leidenschaftlicher Erwägung durch Egon’s Gehirn. Er erkannte immer mehr die Nothwendigkeit sich in aller Stille dem Willen des furchtbaren Wächters zu fügen. Und das Alles um ein Haar! Es war zur [210] Schlinge geworden, mit der ihn der kluge Nebenbuhler geknebelt und welche er nicht mehr lösen konnte.

„Ja, meine Existenz hängt jetzt an einem Haare,“ murmelte er vor sich hin. „Aber welch’ ein Haar ist es auch!“ Und er holte die versteckten Ringe hervor und küßte die goldenen Fäden, die seine Fesseln geworden waren.




16. La Belle et la Bête.

Drüben bei Hösli’s war Alles wieder im alten Geleise. Man frühstückte, speiste, vesperte zur bestimmten Stunde, Jedes lag seinen Geschäften ob und mit der äußeren Disciplin stellte sich auch die innere wieder ein. Sobald wir einmal dahin gelangt sind, die Zeit einzutheilen, in der wir uns dem Schmerz überlassen, haben wir auch eine sichere Herrschaft über denselben erlangt. Niemand sah Frau Hösli weinen, Niemand hörte sie klagen; was sie durchgemacht und durchgekämpft hatte, das verrieth nur ihr plötzlich ergrautes Haar, und wer das einst so stattliche Paar jetzt sah, der erkannte es fast nicht mehr, die Hösli’s waren in wenig Tagen alte Leute geworden. Dazu kam für Frau Hösli eine neue Prüfung. Sie konnte noch immer nicht gehen, es stellte sich heraus, daß eine wirkliche Lähmung eingetreten war, und bei den Schrecken, die sie durchgemacht, war das kein Wunder. Aber auch das trug sie standhaft und geduldig. Bei einem jähen plötzlichen Unglücksschlag bricht der Mensch zusammen, aber es giebt eine stille Art von Unglück, die sich einschleicht wie ein ungebetener lästiger Gast, von dem man täglich hofft, er werde sich wieder entfernen, und bis man sich überzeugt, daß er nicht mehr zu vertreiben ist, ist man bereits an ihn gewöhnt. So war es mit Frau Hösli’s Uebel. Von Tag zu Tag hoffte sie, es werde wieder gut, und ohne daß sie es wußte, gewöhnte sie sich an ihre Unbehülflichkeit. So schleppte sie sich entweder am Stock oder am Arm eines der Ihren durch das Haus und Keiner sah sie, der ihre stille Geduld und den hohen festen Willen auf ihrer klaren Stirn nicht bewundert hätte. Ihre Kinder wurden fast schüchtern ihr gegenüber, so ehrfurchtgebietend erschien ihnen die Mutter plötzlich.

Aenny war wieder bei Besinnung, mußte aber noch liegen, und Frau Hösli, Frank und Ida Körner theilten sich in ihre Pflege. Frank besonders durfte nie von ihrem Bette, und er war es wohl zufrieden – auch Fräulein Körner!

Eine Woche nach Heiri’s Begräbniß, um dieselbe Stunde, wo sich der Conflict im Hause der Salten entwickelte, wurde Frank zu Herrn Hösli gerufen. Auch Fräulein Körner mußte mitkommen, Frau Hösli wollte so lange bei Aenny bleiben. Als Frank eintrat, fand er sämmtliche Dienstboten versammelt. Er wußte gar nicht, was das bedeuten sollte. Da richtete Herr Hösli der Großvater das Wort an ihn: „Lieber Frank,“ sagte er, „indem wir Schweizer der Meinung sind, daß das höchste Gut des Menschen die persönliche Freiheit innerhalb der Grenzen und des Schutzes der Gesetze sei, so haben wir – mein Sohn und ich – beschlossen, Ihnen, lieber Frank, zum Dank für das Leben unserer Aenny dieses kostbare Gut zu verschaffen. Sie waren zeither zwar wohl frei im Gegensatz zur Sclaverei Ihres Landes, aber nicht in dem höheren Sinne, wie wir es verstehen, denn Sie waren eben doch bei all’ Ihren Fähigkeiten ein Diener und Ihre Zeit gehörte uns für geringen Lohn. Das soll nun anders werden,“ – er überreichte Frank ein großes Schriftstück. „Hier, lieber Frank, ist die Urkunde, daß Sie Bürger von Zürich geworden sind. In Anerkennung Ihrer großen Aufopferung für unser Kind hat der Rath Ihnen mit dem Bürgerrecht ein Ehrengeschenk gemacht. Da nun aber jeder Bürger ein bestimmtes Vermögen und eine Erwerbsquelle nachweisen muß, so haben wir Drei, meine Tochter, mein Sohn und ich zusammen Ihnen ein Vermögen von sechsunddreißigtausend Franken verschrieben, womit Ihnen mein Sohn ein kleines Geschäft begründen helfen wird. Sie sind also von nun an Ihr eigener Herr, und der liebe Gott gebe dem Haus, das Sie sich errichten werden, seinen Segen!“

Frank hatte unter steigender Bewegung zugehört, anfangs war seine Freude grenzenlos; als aber der Großvater von dem eigenen Hause sprach, das er sich errichten werde, da begriff er plötzlich, daß nun seine Stellung zur Familie eine andere werden, daß er das Haus Hösli’s verlassen sollte. – Eine lange Pause entstand, Frank athmete laut und schwer, auf einmal stürzte er seinem Herrn zu Füßen und überschwemmte dessen Hände mit Thränen. „Sennor,“ schluchzte er in seiner Muttersprache, Herr Hösli verstand Spanisch und sprach es meistens mit Frank, „Sennor, schickt mich nicht fort. Ich habe Aenny nicht da oben heruntergeholt, um frei und reich zu werden, ich that’s, weil ich nichts auf der Welt so lieb hatte wie das Kind, und eher will ich verhungern, als unser Kind verlassen! Ihr habt mich doch bis jetzt brauchen können, ich habe ja alles gethan, was Ihr verlangtet, ich will noch viel, viel mehr thun. Ich will Euch dienen, umsonst, für das tägliche Brod, wenn ich nur bei Euch bleiben darf!“

Herr Hösli übersetzte gerührt seinem Vater Frank’s Worte und Ida Körner sagte leise: „Das hab’ ich von Frank nicht anders erwartet!“

„Wirklich? Mir scheint, Sie haben eine sehr hohe Meinung von ihm,“ sagte Herr Hösli gütig. „Nun wahrlich, er verdient sie auch! Steh’ auf, Frank,“ befahl er dem Mohren, „sei kein Kind. Wenn Du nicht fort von uns willst, so wird auch hierfür Rath geschafft. Wir wollen ja nichts als Dein Glück, und wenn Du’s nur bei uns finden kannst, desto besser, wir hätten Dich ohnehin schwer entbehrt.“

Jetzt kam die echte Freude über Frank und ihr Ausbruch war so leidenschaftlich, daß man sich hätte davor entsetzen können, aber die Anwesenden kannten ihn und waren’s schon gewöhnt.

„Geht wieder an die Arbeit, Kinder,“ sagte Herr Hösli endlich; „Ihr wißt nun, wie Ihr Herrn Frank künftig zu behandeln habt. Ihr könnt ihn auch immerhin Herr Inspector nennen, denn so etwas werden wir doch wohl aus ihm machen müssen.“ Herr Hösli lächelte – seit seines Sohnes Tod zum ersten Male!

Fräulein Körner kehrte bewegt zu Aenny zurück, während Frank noch bei den Herren Hösli blieb. Aenny schlief.

„Nun, wie war’s?“ fragte Frau Hösli freundlich.

„Ach, zu hübsch – ich wollte nur, Sie hätten diese Freude gesehen – beschreiben kann man das nicht!“

„Ich kann mir es schon denken – ich bin ja mit Frank aufgewachsen,“ sagte Frau Hösli, „ich gönnte es Ihnen, liebe Ida, daß Sie es mit erlebten.“ Frau Hösli’s Augen, die in letzter Zeit von Thränen getrübt waren, wie ein klarer Wasserspiegel von unterirdischen Quellen getrübt wird, ruhten trotzdem noch mit einem so hellen durchdringenden Blick auf Ida, daß das junge Mädchen verlegen und verwirrt zu Boden sah.

„Wenn ich nur eine Frau für unsern Frank wüßte,“ hub Frau Hösli an, „aber die wird schwer zu finden sein. Er ist zwar groß und schlank gewachsen und hat durchaus nicht das Carrikirte der gewöhnlichen Negerphysiognomie. Aber, ich weiß wohl, es gehört doch Muth und Aufopferungsfähigkeit für ein Mädchen dazu, sich an solch’ einen schwarzen Menschen zu ketten und die eigenen Kinder von einem Anhauch der fremden Race gefärbt zu sehen. Ich fürchte, mein armer Milchbruder wird in unserem kalten Lande einsam durch’s Leben gehen.“

Fräulein Körner schwieg eine Weile, aber sie brachte den Faden durchaus nicht in die Nadel, die sie einfädeln wollte, sie hatte heute keine sichere Hand!

Frau Hösli sah es und betrachtete liebevoll das blonde sinnige Mädchen mit den kräftigen Brauen über den schwimmenden blauen Augen.

Da trat Frank ein. Ida schrak so heftig zusammen, daß ihr die Nadel entfiel.

„Mistreß, Dank – o, viel tausend Dank!“ rief der Mohr und Aenny wachte über seine lauten Worte auf und fragte: „was hat Frank?“

„Ich will es Dir erzählen, wenn Du den armen Frank eine halbe Stunde in den Garten gehen und Luft schöpfen läßt. Seit zwölf Tagen ist er nicht von Deinem Bette gekommen, er sieht schon ganz schlecht aus.“

„Aber Mama, woran siehst Du denn das? Frank ist ja immer gleich schwarz,“ lachte Aenny.

„Ja, aber wenn ihm nicht wohl ist oder er Kummer hat, dann verliert sein Gesicht den dunkeln Glanz und er wird falb. Geh’, mein guter Frank, Ida soll Dich begleiten, sie braucht auch eine Erholung, geht mit einander, Ihr lieben treuen Wärter.“

Frank sah verlegen Fräulein Körner an.

„So kommen Sie, Herr Inspector,“ sagte Ida, und Frank lachte vergnügt wie ein Kind bei diesem Titel, der selbst auf das Gemüth des Mohren seinen Reiz nicht verfehlte.

[211] „Wo wollen wir gehen?“ fragte Frank schüchtern.

„Wo es ist, vielleicht ein wenig an’s Wasser.“

„Ich will rudern Sie hinaus in Schiff,“ sagte Frank und eilte, das Boot loszumachen.

Sie stiegen ein, Fräulein Körner setzte sich, Frank ruderte stehend. Er warf den Rock ab, um sich freier zu bewegen. Die weißen Hemdärmel, durch die seine schwarze Haut hindurch schimmerte, kleideten ihn gut. So hatte er ausgesehen, als er Aennchen rettete. Ida verfolgte bewundernd die Bewegungen der riesigen Gestalt, wie er den Griff der Ruderstange gegen Brust und Schulter stemmte, das Ende auf den Strand stieß und so mit einem Ruck das Schiffchen hinaustrieb in das hohe Wasser. Und wie er dann schnell das Ruder wieder anzog mit seinen langen weit ausgreifenden Armen und die Wellen zertheilte, die sich aufschäumend um das Fahrzeug drängten, und so sicher und groß auf den schwankenden Brettern stand, da mußte sie ihn wieder und wieder anschauen in seiner männlichen Herrlichkeit, in seiner dunkeln Pracht!

Ida Körner, ein stilles poetisches Gemüth, war in der schweren Noth des Broderwerbs nie dazu gelangt, ihre Gaben zu entwickeln, ja sich ihrer nur bewußt zu werden. Sie war die Waise eines Schullehrers und unterstützte die Mutter und vier jüngere Geschwister mit ihrem kleinen Erwerb. Sie machte keine Gedichte, aber die Poesie durchdrang ihr ganzes inneres Leben und ergoß sich über Alles, was ihr nahe kam.

„Miß!“ sagte Frank, „warum sind Sie so still?“

„Ich denke darüber nach, was Sie nun wohl für einen Beruf ergreifen werden,“ sagte sie fast verlegen, als seine Stimme sie aus ihren Träumen aufschreckte.

„Herr Hösli will, daß ich soll sein Verwalter bei diesem Gute. Aber ich muß lernen noch mehr Landwirthschaft, drüben auf die Schule. Dann ich kann wohnen in das kleine Haus von der Inspector, den Herr Hösli will schicken weg.“

„Sprechen Sie lieber Englisch, Herr Frank, das Deutsche wird Ihnen sauer. Seit wir so viel bei Aenny zusammen waren, verstehe ich Sie schon weit besser, und ich werde Ihnen Deutsch antworten.“

Frank ließ sich das nicht zweimal sagen und fuhr auf Englisch geläufiger fort: „Die Inspectors–Wohnung ist schön und groß – viel zu groß für mich, denn es könnte noch eine Frau darin wohnen – ich aber bekomme keine.“

„Und warum sollte ein braver edler Mann wie Sie keine Frau bekommen?“ fragte Ida erröthend.

„O ich bitte Sie – mit meinem schwarzen Gesicht – ein Neger!“ sagte Frank kopfschüttelnd.

„Nun, Sie haben ja schon so Vieles erfahren, was wohl keinem Ihrer Brüder zu Theil wurde, Sie machen in Allem eine Ausnahme, warum sollten Sie es nicht auch darin thun?“

„O ja, meine Brüder!“ sagte Frank, „es geht ihnen so schlecht und mir so gut. O mein armer Vater, was hat er gelitten!“

„Wer war Ihr Vater, wollen Sie mir das nicht erzählen?“ bat Ida theilnehmend.

„Es ist so traurig, ich muß immer weinen, wenn ich daran denke. – In Rio de Janeiro, der Vaterstadt unserer Frau, steht nahe am Hafen auf einer Anhöhe, von wo man den schönsten Blick über die Bay hat, eine Villa, so prächtig mit Säulen und Kuppeln geschmückt, als sei sie ein Palast des Meergottes, an den mein Volk glaubte, bevor wir Christen wurden. Alle Fremden bewundern dies Zauberschloß und neiden es dem, der es bewohnt. Dies Haus hat mein Vater erbaut. Er war ein so schöner und kluger Neger vom Stamme der Fulahs, daß man seinem Herrn oft ungeheure Summen für ihn bot; aber dieser gab ihn nicht her, er wußte wohl warum. Mein Vater hatte schon früh eine große Neigung und Begabung für das Baufach gezeigt, sein Herr hatte ihn darin ausbilden lassen und ihn zu seinem obersten Baumeister ernannt. Als nun mein Vater die Villa vollendet hatte, ganz Rio zusammenströmte, um diese Schöpfung eines Negers anzustaunen, und der Besitzer die lichten Marmorhallen, die hängenden Gärten, die weiten Gemächer durchschritt und von den hohen Balcons hinausschaute über die herrliche Bay, da glaubte mein Vater, der Augenblick sei gekommen, wo er seinen wohlverdienten Lohn fordern dürfe. Er bat den Herrn, ihm die Freiheit – nicht zu schenken – nur für die Ersparnisse seines Fleißes zu verkaufen. Ein Schlag in’s Gesicht war die Antwort. Meine Mutter, die in den Zimmern der Villa gearbeitet hatte, stand dabei. Sie trug mich damals unter ihrem Herzen; ich meine, ich müsse den Schlag, den mein Vater bekam, im Mutterleibe empfunden haben, denn ich spüre ihn heute noch, wenn ich daran denke.“

Frank hielt inne, so überwältigte ihn die Wuth. Er biß in das Holz der Ruderstange, daß es splitterte; die wilde Natur bäumte sich plötzlich in ihm auf bei der qualvollen Erinnerung, daß Ida fast erschrak. Aber ein einziges sanft vorwurfsvolles „Frank!“ brachte ihn wieder zur Besinnung, und er steuerte dem Ufer zu.

„Mein Vater wollte mit meiner Mutter auf einem englischen Dampfer entfliehen, ein Europäer wollte ihm dazu helfen, aber der grausame Herr entdeckte die Flucht und ließ ihn zur Strafe mit einem andern störrischen Neger zusammenkoppeln und Feldarbeit thun. Am folgenden Tage schnitt sich mein Vater den Hals ab!“

„Der arme unglückliche Mann!“ sagte Ida erschüttert.

„Er konnte es nicht ertragen, ein gemeiner Sclave zu bleiben.“ Frank hielt inne und kämpfte seine Aufregung hinunter, dann fuhr er fort: „Mister Pallender, der Vater unserer Frau, Gott segne ihn – er heißt in ganz Rio nur der ‚Sclavenvater‘, – hatte Mitleid mit meiner Muttter. Sie hatte in ihrem Jammer Verwünschungen gegen den unbarmherzigen Herrn ausgestoßen, und der ließ sie dafür peitschen, daß man sie straßenweit schreien hörte. – Da kaufte Herr Pallender sie dem niederträchtigen Schinder um den zehnfachen Preis ab. Ein paar Monate später kam ich zur Welt und gleich darauf Frau Hösli. O – bei Mister Pallender war der Himmel und unsere Frau war ein Engel darin. Ich und sie, wir waren immer bei einander. Ich hatte allen Unterricht mit dem kleinen Mädchen zusammen, und es saß mit mir auf meiner Mutter Schooß und hörte zu, wenn sie mir von meinem Vater erzählte. Und als meine Mutter starb, da war ich ein erwachsener Bursche und mußte ihr schwören, meine Milchschwester nie zu verlassen und ihr zu dienen und zu helfen, wo ich kann.“

Frank stieß an’s Land. Sie stiegen aus und schritten am Ufer hin.

„Sie haben den Schwur gehalten, bester Frank, und Ihre Mutter wird Sie dafür segnen noch aus dem Grabe,“ sprach Ida.

Er schaute sie traurig an. „Was ich bis jetzt gethan habe, das war leicht, Miß. Das Schwere kommt erst noch.“

„Wie so?“

„Bis jetzt habe ich Niemand so lieb gehabt als meine Herrschaft und Aenny; bei ihr zu sein, war mein einziges Glück! Aber jetzt habe ich noch Jemand lieb und möchte bei ihm sein immer – immer – noch lieber als bei der Herrschaft! Ach Miß, wenn Sie einmal fortgehen und ich muß hier bleiben, das wird viel schwerer für mich sein, als da ich zu Aenny hinaufgestiegen bin.“ Die breite Brust des Negers arbeitete heftig. Fräulein Körner überlief ein Schauer halb des Schreckens, halb der Freude. Vorurtheil und Liebe begannen den Entscheidungskampf in ihrem Herzen. Sie schwieg.

„O Miß, seien Sie nicht böse, daß ich so spreche; ich möchte ja nichts, als Ihnen dienen und für Sie arbeiten wie ein Sclave und nie wieder frei werden, nie!“

Ida ging gesenkten Hauptes neben ihm her. Er wartete auf eine Antwort von ihr.

„Sind Sie mir böse, Miß?“ fragte er ängstlich.

Sie blieb stehen und reichte ihm die Hand; er faßte sie leidenschaftlich. „Ich weiß nicht, Miß, woher ich den Muth nehme, Ihnen das Alles zu sagen. Erinnern Sie sich, wie Fräulein Duchèsne dem Kinde neulich das französische Märchen vorlas? ‚La Belle et la Bête‘ hieß es. Sie übersetzten mir’s. Es war eine schöne Königstochter, die einen Bären liebte und gar nicht mehr von ihm lassen konnte, und endlich zeigte es sich, daß das Unthier ein verzauberter Prinz war. Das – ach, liebe Miß! – das hat mich so wunderbar ergriffen, und ich dachte, wenn ich doch der Bär wäre und Sie die Königstochter und wenn Sie mich trotz der rauhen schwarzen Hülle lieb haben könnten – ich meine, das müßte den Zauber brechen, der mich so häßlich macht, und ich müßte unter Ihren Liebkosungen auch ein schöner Prinz werden, der Sie belohnen könnte für Ihre Güte. Aber das sind eben nur Märchen und Träume. Das ist Alles unmöglich. Ich – ich bin ein alberner einfältiger Mensch!“

„Das sind Sie nicht, Frank – o, ich verstehe Sie, Ihre Worte haben einen tiefen Sinn. Wohl, wohl haben Sie Recht, [212] der wahren Liebe wird auch das Häßliche schön und in der abschreckenden Hülle kann eine fürstliche Seele wohnen, die erst in der Liebe zu Tage kommt. Diese Seele, diese große Seele, ich habe sie in Ihnen erkannt und – ich will es Ihnen nur sagen, Frank, ich glaube, den Zauber, der aus einem Bären einen schönen Prinzen machen kann, den trag’ ich im Herzen!“

Frank faltete die Hände und starrte sie an, wie sie so vor ihm stand und ihn anschaute mit einem so lieblichen thränenfeuchten Lächeln. Da war es ihm auf einmal, als senke sich das ganze blaue Firmament auf ihn herab, und er warf sich zur Erde nieder, als erdrücke ihn die himmlische Last.

Eine Weile lag er so still tiefathmend, als sei er unter Wolken begraben. Endlich hob er den Kopf und wagte es aufzublicken. Das Firmament stand noch da oben fest, was war es denn, das ihn so plötzlich niedergeworfen? Eine Freude war’s, eine Freude, zu groß, um ihrem ersten Andrange nicht zu erliegen: Fräulein Körner hatte eine Bewegung gemacht, als wollte sie ihm an die Brust sinken! Das war zuviel auf einmal – mehr als das arme bescheidene Herz erfassen konnte! War’s denn möglich? Konnte es denn sein? Da kniete Fräulein Körner bei ihm am Boden und umfaßte mit ihren kleinen Händen seinen struppigen Kopf und sah ihn an, als fände sie ein ganz besonderes Wohlgefallen an ihm, und stützte ihn, als er sich mühsam erhob. „Frank, lieber Frank,“ sagte sie unter Weinen und Lachen, „hab’ ich Dich erschreckt? Frank, lieber Frank, wirst Du mir wieder umfallen, wenn ich mich an Dein gutes Herz legen will?“ Und sie schlang ihre Arme um den Neger und schmiegte ihr blondes Köpfchen an seine warme Brust. Hatte doch auch sie, die arme Kleine, seit der zartesten Jugend kein liebendes Umfangen mehr gekannt, unter Fremden herumgestoßen, nichts gehabt, was sie ihr eigen nennen durfte, und dieser Mann, dieser starke edle Mann gehörte ihr mit Leib und Seele! Das war ein nie geahntes Glück und die erkältende falsche Scham über die dunkle Hülle des Geliebten schmolz dahin an dem Feuer dieser ersten Umarmung.

„O,“ stammelte Frank, nach Athem ringend, „ich soll Dich haben, Du wunderschönes weißes Kind? Weißt Du auch, was Du thust? Willst Du den häßlichen Neger zum Manne nehmen, der Dir nichts bieten kann als seine große, große Liebe? und fürchtest Du nicht, daß Dich die Leute auslachen, wenn Du mit mir auf der Straße gehst?“

„Nein, Frank, das fürcht’ ich nicht, denn sie bewundern Dich Alle um Deiner Heldenthat von neulich willen. O Frank, nicht mit Worten kann ich schildern, was ich empfand, als ich Dich da oben hängen sah zwischen Himmel und Erde, als Du vor unseren Augen Deine fast übernatürliche Körper- und Seelenkraft entfaltetest. Ich hätte Dir zu Füßen sinken mögen wie Frau Hösli, aber dazu hatte nur sie ein Recht und ich beneidete sie darum. Und Frank, als Du dann die zwölf Tage und Nächte mit mir an Aenny’s Bettchen saßest, das Kind so geschickt und geduldig pflegtest und ebenso weich und milde warst wie damals bei seiner Rettung kühn und gewaltig – da riß mich die Bewunderung für Dich hin bis ... bis zur Liebe. Frank, wenn ich einen Augenblick klein genug war, mich dieser Liebe zu schämen, so vergieb mir, ich mußte erst allmählich zu Dir und Deiner Größe heranwachsen.“ Sie küßte seine Hände und streichelte ihm die Wange. „O Du liebes schwarzes Gesicht, Du sollst Dich nicht mehr häßlich schelten. Für mich bist Du schön wie für Alle, die Deine schöne Seele kennen, und ich weiß mir keinen Anblick auf der Welt, der mein Herz so erfreut, als Dich, Du liebes schwarzes Gesicht!“ Sie zog den dunkeln Kopf zu sich herab und – was that sie? Frank hatte keinen Schwindel empfunden, da er den tödtlichen Pfad an der Mauer hinklomm, aber jetzt schwindelte ihm – Ida drückte einen langen innigen Kuß auf seine breiten Lippen. Er fiel vor ihr nieder und umfaßte ihre Kniee, dann sprang er auf, jauchzte seine Freude in einem grellen echten Negerschrei in alle Lüfte hinaus und hob das Mädchen wie einen Federball auf seine Schulter.

„Du sollst nie mehr gehen – ich will Dich immer tragen!“ So trug er sie durch den Garten und sang und rief in einem fort: „Sie ist mein – sie ist mein!“

„Frank, was machst Du, bist Du toll?“ fragte Herr Hösli zum Fenster heraus.

„O Herr, Herr,“ jubelte Frank, „Sie werden’s nicht glauben - „la Belle et la Bête ist wahr geworden!“

(Fortsetzung folgt.)




Im Banne der Engelsburg.
III.
Schmidt und Nast. – Die Unfehlbarkeit und die Opposition der Bischöfe. – Gar nicht mehr sprechen. – Bischof Stroßmayer. – Dupanloup, der Heros der französischen Prälaten. – Die Lämmerweihe in St. Agnese. – Zwei Todtenfeste. – Die Säule zum Andenken des Concils.

Seit der Veröffentlichung zahlreicher Actenstücke des Concils in deutschen Zeitungen wartet das kleine Häuflein der gebildeten Fremden und Eingeborenen, das für den Gang der Verhandlungen in der Peterskirche einiges Interesse hegt, sehnsüchtig auf die Blätter von jenseits der Alpen her, um etwas Authentisches aus ihnen über die Dinge zu erfahren, die sich in unseren eigenen Mauern vollziehen. Da aber die Zeitungen, welche solche Actenstücke oder längere „römische Briefe“ veröffentlichen, gewöhnlich auf dem Censurbureau angehalten werden, und nur die wenigen Exemplare für die Gesandtschaften und Consulate frei passiren, so hat es seine Schwierigkeit, in den Besitz eines solchen gesuchten Blattes zu gelangen. Um so angenehmer ist das Gefühl, wenn man, im Comptoir des würtembergischen Consuls sitzend, in der Allgemeinen Zeitung oder der Kölnischen oder der Neuen Freien Presse mit behaglicher Sicherheit die Beurtheilung jener erlauchten Versammlung liest, während eine ganze Anzahl Mitglieder derselben daneben vor dem Schalter steht, um sich die Taschen mit Geld zu füllen. Denn die Herren „Schmidt und Nast“ sind zugleich die ersten Banquiers von Rom, und sehr viele der Kirchenfürsten bei ihnen accreditirt. Auch diese Herren Prälaten können dann manchmal nicht umhin, sich am Lesetisch niederzulassen, um in einem dieser bösen Blätter Nachrichten und Schilderungen von sich selber zu lesen; aber mehr als einen sah ich dann schon mit Indignation die Zeitung auf den Tisch werfen und dem Nachbar zugeneigt einige Ausdrücke der Entrüstung murmeln, nur wenige deutsche Bischöfe durchflogen mit feinem Lächeln die bekannten Briefe der Allgemeinen Zeitung, legten das Blatt dann mit einer gewissen Satisfaction nieder, schnupften aus silberner Dose, empfahlen sich artig und gingen mit heiteren Mienen die Treppen hinunter. Die meisten anderen dagegen halten sich in diesen Räumen nicht länger auf, als ihre Geldgeschäfte es erfordern, und sprechen absichtlich wenig, und vom Concil natürlich gar nicht, denn das Publicum, das sie sonst noch hier sehen, behagt ihnen nicht ganz. Diese Herren am Lesetisch mit Brillen auf den Nasen, zum Theil mit jüdelnden Gesichtszügen, die Spalte der Blätter eifrig durchfliegend, bald ein spöttisches Lächeln dabei ausstoßend, bald eine bissige Bemerkung sich gegenseitig zuraunend, wohl auch mit dem Lorgnon eine eben eingetretene bischöfliche Notabilität musternd, als wollten sie mit diesem durchdringenden Blicke eine ganze Biographie oder einen Leitartikel sich erobern, – diese Herren haben, wie gesagt, zu stark das Odeur der modernen Presse an sich, als daß es den Prälaten hier wohl werden könnte. Sie entfernen sich schnell und benutzen den Rest des Nachmittags bei gutem Wetter noch zu einem Pincio-Spaziergang, oder wohnen einer Versammlung ihrer „Nationalen“ bei, um sich dann Abends in Gesellschaft zu begeben, die ihnen mehr convenirt.

Aber ehe wir die Herren dorthin begleiten, um mit ihnen von der Arbeit der Verhandlungen auszuruhen, werfen wir noch einen Blick auf diese selbst, um zu sehen, wie weit sie seit unserm letzten Berichte vorgeschritten sind. Daß die Unfehlbarkeit, deren Schema jüngst zur Verbreitung kam, mit großer Majorität durchgehen wird, darüber herrscht hier kaum ein Zweifel, die Jesuiten rühmen sich sogar schon, daß dieselbe am Sonntag Laetare in öffentlicher Sitzung feierlich verkündet werden würde. Sehen wir uns jedoch einmal die Leute, welche dafür und dagegen sind, näher an. Die deutschen und österreichisch-ungarischen Bischöfe

[213]

Das Fest der Lämmerweihe in Rom.
Nach der Natur aufgenommen von Julius Jury in Rom.

[214] bilden den Kern der Opposition, und sie werden darin von ihren Diöcesanen, von den Laien, wie von den Geistlichen und den theologischen Facultäten der Universitäten, kräftig unterstützt. Sie haben vielleicht von allen Bischöfen allein eine Nation hinter sich, wo die große Masse der Gebildeten an den in Rom behandelten Fragen mit einigem Verständniß Antheil nimmt, wo sich inneres Interesse am Gegenstande regt. Sie vertreten das Volk, das seit dem Mittelalter in kirchlichen Angelegenheiten die Hauptrolle in Europa gespielt hat, das Land, in dem fast allein noch die katholische Theologie eine Wissenschaft genannt zu werden verdient, und sie repräsentiren, siebenundsechszig an der Zahl, nicht weniger als sechsundvierzig Millionen Katholiken. Und diese siebenundsechszig deutschen Bischöfe sollen nicht mehr Stimmrecht haben, kein größeres Gewicht in die Wagschale werfen, als z. B. ein italienischer Bischof oder einer derer in partibus Infidelium, der eine zerstreute, oft ganz uncivilisirte, halbwilde Bevölkerung in seiner Diöcese hat und eine in jeder Beziehung von Rom abhängige Person ist. Die siebenundzwanzig Millionen Italiener aber sind nach officiellem Katalog vertreten durch zweihundertsechsundsiebenzig Concilsmitglieder, und der Erzbischöfe und Bischöfe in partibus sind hier hundertzwanzig. Nächst Deutschland ist Frankreich dasjenige Land, wo Katholicismus und Bildung im höchsten Grade vereinigt sind, und ganz übereinstimmend damit stellt es auch das zweitgrößte Contingent zur Opposition.

Es ist demnach auch in öffentlichen Blättern wie von den betreffenden Bischöfen selbst geltend gemacht worden, daß eine reine Abstimmung nach Köpfen im höchsten Grade ungerecht sei, daß man vielmehr das Uebergewicht der Bevölkerung und der Bildung in den einzelnen Diöcesen berücksichtigen müsse. Natürlich ganz umsonst. Die „Civiltà cattolica“, das maßgebende Jesuitenblatt in Rom, antwortet darauf in ihrer neuesten Nummer: „es sei unerhört, diese moderne Zahlentheorie in die Kirche hineinzutragen; nur durch das göttliche Mysterium der Weihe seien die Bischöfe befugt, ihre Stimme abzugeben, und da diese Weihe überall dieselbe sei, so wiege auch die Stimme Aller gleich, es habe also der Bischof von Frosinone mit seinen siebenzigtausend Diöcesanen geradeso viel Bedeutung wie der Erzbischof von Köln mit nahe zwei Millionen.“ –

Immer und immer wieder machen sich die Mängel der vom päpstlichen Architecten Ritter Vespignani erbauten Aula des Concils in der Peterskirche geltend. Man kann für die Rednertribüne trotz aller Versuche, trotz aller Ueberspannungen mit Tüchern und Tapeten keinen Platz finden, von dem aus sich der Sprechende nach allen Seiten hin verständlich machen könnte. Natürlich verschleppt und verzögert dieser Umstand die so wie so schon allzu sehr in’s Breite verlaufenden Unterhandlungen nur noch mehr. Die Opposition hat mehrere Male darauf gedrungen, einen andern Raum für die Debatten zu bestimmen. Umsonst! Pius der Neunte wünscht die Väter in seiner unmittelbaren Nähe zu haben und hat alle anderen Vorschläge zurückgewiesen. Das Cardinalspräsidium ist nun in der Generalcongregation mit folgendem naiven Antrage aufgetreten: „Die Väter studiren vorher die ihnen überlieferten Vorlagen nebst ihren Begründungen; diejenigen, welche mit einzelnen Punkten derselben nicht übereinstimmen, schreiben ihre Bedenken auf und übergeben diese Schriftstücke dem Secretariat, woselbst sie zur Einsicht für die übrigen Mitglieder des Concils offen liegen. In der Aula selbst wird gar nicht mehr gesprochen, sondern blos abgestimmt.“ Diese summarische Verhandlungsweise, mit der man alle unbequemen Redner beseitigt und die Versammlung dem Eindrucke des gesprochenen Wortes eines Stroßmayer, Dupanloup u. A. entzieht, schien den Herren der Curie einen günstigeren Erfolg zu versprechen, als sie bisher gehabt haben. Indessen ist diese arge Demüthigung durch die Thätigkeit der Liberalen, besonders Stroßmayer’s, vom Concil noch in letzter Stunde abgewendet worden. Man hatte einige Tage vorher Kunde davon erhalten, und der erwähnte Bischof setzte Alles daran, die Opposition zur Verwerfung dieser Maßregel zu bestimmen. Er war den ganzen Tag unterwegs, um die einzelnen Mitglieder aufzusuchen und ihnen das Gefährliche dieses neuesten Jesuitenreceptes vorzustellen, ja er wußte im Verein mit anderen hervorragenden Häuptern des Concils selbst einige von der Rechten für seine Ansicht zu gewinnen. So kam es denn zu einer stürmischen Sitzung, deren Ergebniß die Ablehnung des Antrags der Cardinäle und somit ein bedeutungsvoller Sieg der Oppositionspartei war. Dagegen wird man fortfahren, in der Aula zu verhandeln.

Stroßmayer, der Bischof von Bosnien, Syrmien und Croatien, ist eine in Oesterreich wohlbekannte Persönlichkeit und hat hier in Rom, wo sein Name anfangs gegen die vielgenannten von Dupanloup und Maret zurücktrat, sich in kurzer Zeit den höchsten Haß der herrschenden Partei und die begeisterte Bewunderung der freisinnigeren Elemente des Concils wie der Stadt erworben. Er ist ebenso geschickt als Parteiführer wie als Redner bedeutend. Wo es gilt, die widerstrebenden Richtungen zwischen den verschiedenen Nationen der Liberalen auszusöhnen, die gesammte Opposition für eine wichtige Frage zu einigen, da ist es die unermüdliche Arbeitskraft und die feine diplomatische Kunst, die gewinnende Persönlichkeit und das tactvolle Benehmen des Croatenbischofs, dem diese Herculesarbeit gelingt. Als Redner erhält er selbst von den Franzosen trotz Dupanloup die Palme. Er soll die lateinische Sprache mit einer Gewandtheit und Kraft handhaben, wie nur ein Redner sich in seiner eigenen Muttersprache auszudrücken vermag. Uebrigens ist er wohl der Einzige in der Versammlung, welcher für die Sache, die er vertritt, seine ganze Stellung in die Schanze schlägt. Wie er mit den maßgebenden römischen kirchlichen Kreisen auf das Tiefste verfeindet ist, so steht er nicht minder als ein gehaßter Gegner der österreichischen Regierung da. Denn der Bischof ist zu Hause eifriger Verfechter des Panslavismus, und obwohl von deutschem Namen, vertheidigt er die „Rechte“ der croatischen Nation, die er so unabhängig von Oesterreich wie die ungarische wissen will, mit gleicher Hartnäckigkeit wie etwa Rieger in Prag diejenige der Böhmen. Von seiner kirchlichen wie weltlichen Regierung gleich gefürchtet und gehaßt, stützt er sich lediglich auf die Anhänglichkeit und Liebe seiner Nation, deren Cultur und Gesittung zu heben sein Lieblingsgedanke ist. Für die Volksschulen in Croatien ist er in außerordentlicher Weise thätig gewesen, und nicht minder ist er bemüht, seinem noch etwas wilden Volke durch die Kunst Gesittung zu geben. Er ließ schon vor Jahren von dem jetzt verstorbenen Overbeck die Cartons zur Ausschmückung der Wände einer neuerbauten Kirche in Slavonien zeichnen, und er beabsichtigt, ein croatisches Nationalmuseum zu stiften, für welches er augenblicklich in Rom bei Antiquaren und Bilderhändlern trotz aller sonstigen Arbeiten noch bedeutende Ankäufe zu machen weiß. Noch in den letzten Wochen hat er für zwanzigtausend Gulden alte Bilder italienischer Meister erworben.

Wie Stroßmayer unstreitig die bedeutendste Persönlichkeit unter den deutsch-österreichischen Bischöfen, so ist Felix Antoine Philibert Dupanloup der Heros der französischen Prälaten. Auf kirchlichem wie social-politischem Gebiet hatte er sich schon vor dem Concil einen bekannteren Namen erworben als Stroßmayer. Als achtjähriger Knabe schon kam er nach Paris, wo er nicht blos seine Schulbildung genoß, sondern auch später die Universität besuchte und 1825 die Priesterweihe empfing. Der junge Geistliche verkehrte in feinen Kreisen und war wegen seines eleganten Witzes und chevaleresken Benehmens in der vornehmen legitimistischen Pariser Gesellschaft bald eine bekannte Persönlichkeit. Der Herzog von Bordeaux, der ihn kennen lernte, bestimmte ihn zu seinem Beichtvater und zum Lehrer und Erzieher des jungen Prinzen von Orleans. Als Ludwig Philipp den Thron von Frankreich bestieg, machte Dupanloup schnelle Carrière; er wurde 1837 Vorsteher des kleinen Priesterseminars und 1841 Professor der geistlichen Beredsamkeit an der Sorbonne. Hier geschah es jedoch, daß der junge Lehrer während einer Vorlesung Aeußerungen über Voltaire und seine Zeit fallen ließ, die ihm den Unwillen und die Erbitterung der Zuhörer wie der meisten seiner Collegen in so hohem Grade zuzogen, daß Ludwig Philipp selbst ihn nicht mehr zu halten wagte. Er trat von seinem Posten zurück und lebte eine Zeit lang fast lediglich seinen Studien, die er hauptsächlich im Fache der Pädagogik anstellte.

Im Jahre 1849 sehen wir ihn plötzlich zum Bischof von Orleans ernannt, in welcher Diöcese er sofort mit rastloser Thätigkeit in seinem Sinne wirkte. Er gründete eine Musterschule für die Heranbildung von Lehrern, griff in die socialen Verhältnisse seiner Diöcese energisch ein und vermehrte sein Ansehen unter den katholisch-legitimistischen Kreisen in Frankreich derart, daß selbst Napoleon der Dritte ihn bald als eine Persönlichkeit anzuerkennen sich gezwungen sah, die man nicht einfach beseitigen könne, sondern mit der man zu rechnen habe. 1865 schrieb er: „La convention du 15 sept.“ und „l’Encyclique du 8 déc.“, Werke, welche ihm in Rom hohes Lob eintrugen, ihn als Vertheidiger des berühmten [215] päpstlichen Syllabus erscheinen ließen und ihn zu einem der „geliebtesten Brüder“ Pius des Neunten machten.

Aber so sehr Dupanloup auch dem päpstlichen Stuhle ergeben war, er blieb zugleich immer ein auf sein Vaterland, dessen Geschichte und Vorrechte stolzer Franzose, und gerade sein conservativ-legitimistischer Sinn mußte ihn zu einem Anhänger der Rechte der gallicanischen Kirche machen und zu einem Gegner der radicalen Jesuitenpartei, welche die Centralisation der Kirche mit Mißachtung aller verbrieften Privilegien bis zur denkbar schärfsten Consequenz durchzuführen beabsichtigt. So schrieb er denn kurz vor der Eröffnung des Concils seinen bekannten Brief gegen die Infallibilität des Papstes, und wir erlebten das Wunder, daß wie auf eine ausgetheilte Parole hin sämmtliche ultramontanen Jesuitenblätter, die den Bischof von Orleans vordem als einen der edelsten Paladine der Kirche gepriesen hatten, in ihrem Tone umschlugen und den früheren Helden als ein verlorenes Schaf zu beklagen anfingen. Es ist Dupanloup nachzurühmen, daß er hier in Rom allen Verführungskünsten der allmächtigen Partei – was anfangs nicht Alle von ihm erwarteten – widerstanden hat. Selbst persönliche Audienzen beim Papst haben ihn in seinen Ansichten nicht wankend gemacht, und während er selbst im Beginn des Concils die erste Größe desselben zu werden versprach, erkannte er augenblicklich neidlos die Superiorität Stroßmayer’s, den er als Redner wie Thiers bewundert, in der Führung der Opposition an. In der römischen Gesellschaft ist Dupanloup eine ebenso gern gesehene und berühmte Größe wie einst in Paris unter den Orleans; er besucht die vornehmen Cirkel der römischen Fürsten, der Principi Massimi della Colonna, Borghese, Doria, der auswärtigen Gesandten oft und gern, und Jedermann drängt sich dort hinzu, um mit dem Bischof von Orleans ein Wort gewechselt zu haben. Ja er gehört unter die wenigen Prälaten, die auch außerhalb der Salons auf der Straße und auf dem Pincio unter Fremden und Römern bekannt sind. –

Unter den großen katholischen Festlichkeiten, welche in die vergangenen Wochen fielen und die in diesem Jahre durch den Aufenthalt der vielen Prälaten in Rom an Glanz außerordentlich gewinnen, haben wir neulich das Fest der „Lämmerweihe“ in der alten Basilica St. Agnese vor Porta Pia gefeiert. Die Nonnen des Klosters in der Via Torre de’ specchi am Capitol genießen das Vorrecht, die beiden Lämmer aufzuziehen, zu waschen und mit Gold und rothseidenen Schleifen reichlich zu schmücken, welche an jenem Tage in der Kirche der bekanntlich immer mit dem Lamm abgebildeten, in Rom ganz besonders hochverehrten heiligen Agnes von einem Cardinale geweiht werden. Da schönes Frühlingswetter war, hatte sich eine große Menge Volkes vor das Thor begeben, um dem kirchlichen Acte beizuwohnen und dann gleich in einer der vielen hier zerstreut liegenden Vignen in heiterer Gesellschaft einen frischen Trunk im Freien zu thun. Die kleine Kirche füllte sich mit Menschen. Auf dem schönen Altar, wo das Bild der Heiligen steht (dies ist zur Hälfte ein antiker Torso aus Alabaster von schöner Arbeit, Kopf und Hals hat man von Goldbronze angesetzt), wurden auf reich verziertem Kissen die beiden Lämmer niedergelegt. Da den kleinen, in ihrem weißgewaschenen und rothbebänderten Vließ sich sehr niedlich ausnehmenden Thieren die vier Beine gebunden waren, so lagen sie mit Engelsgeduld still und ließen alle Weihsprüche, Bekreuzigungen, Besprengungen und Salbungen über ihr junges Schafsgemüth ergehen. Das Volk drängte sich bis auf die Stufen des Altars hinauf, um dem seltenen Acte zuzusehen. Die Nonnen des oben genannten Klosters nehmen alsdann die Lämmer wieder in Empfang und fahren mit ihnen nach der Stadt zurück. Im Klosterhof werden die seidenen Schleifen abgenommen, und die jungen Vierfüßler erhalten wieder den freien Gebrauch ihrer Beine und einen eigens dazu hergerichteten reinlichen Stall. Hier werden sie gut gefüttert und genießen die beste Behandlung bis Ostern, wo das scharfe Schlachtmesser ihrer harrt, denn sie sind für die Tafel des Papstes bestimmt. Junger Lammsbraten (bacchio) gilt in Rom als etwas sehr Feines. Der Papst zieht einige Cardinäle zur Tafel und verspeist mit ihnen die beiden Osterlämmer. Aus den schönen weißen Fellen aber werden die Pallien für die Cardinäle gewebt.

In den vergangenen Wochen haben auch die Todten den Römern Feste gegeben. Leichenzüge hoher Personen werden hier mit großem Glanze begangen. Sie finden immer Abends mit Kerzenbeleuchtung statt; die Capuzinermönche mit ihren braunen Kutten, meistens alte charakteristische Gesichter mit schneeweißen langen Bärten, geleiten den Sarg nach der Kirche. Musikbanden fehlen nicht, und unter dem unheimlich eintönigen Gemurmel von Litaneien bewegt sich der lange Zug in greller Fackelbeleuchtung durch die Hauptstraßen der Stadt, welche voll von Neugierigen sind. Bei hohen Personen kommen mehr oder weniger militärische Abtheilungen dazu. So sahen wir jüngst das besonders reich ausgestattete Leichenbegängniß des Großherzogs von Toscana und des Obersten von Argy, eines verdienten päpstlichen Officiers. Ersterer wurde in der Apostelkirche, letzterer in der französischen Nationalkirche St. Luigi de’ Francesi beerdigt. Am Morgen nach dem Leichenzuge findet dann gewöhnlich die Trauermesse statt, für die schaulustigen Römer ein neues Fest. Die Musik spielt manchmal Weisen auf, die für unser Ohr mehr auf die Parade oder in öffentliche Concerte gehören würden, als für so ernste Gelegenheiten passend erscheinen. Indeß der Römer, überhaupt der Italiener, ist daran gewöhnt; in dieser Tonart bewegt sich seine ganze jetzige Kirchenmusik. Auch überläßt sich die Menge dabei vollständig unbefangen allen gelegentlichen Freudenäußerungen, Scherzen und Witzen, wie sie sich bei andern Festlichkeiten, beim Zusammenströmen großer Massen immer von selbst ergeben. Das Ganze soll eben nichts als ein Fest sein, das die Hinterbliebenen des Verstorbnen der Menge zu geben gewissermaßen verpflichtet sind.

Neulich besuchte ich den Janiculus jenseit der Tiber in Trastevere. Auf diesem kleinen Hügel steht die Kirche St. Pietro in montorio und auf dem Platze vor derselben wird das Monument errichtet, dessen Grundstein sonderbarer Weise schon vor der Eröffnung des Concils „zum Andenken an dasselbe“ gelegt wurde. Bekanntlich bildet eine kolossale Säule aus grünem feingeäderten afrikanischen Marmor, welche bei den Ausgrabungen im alten Emporium (dem Marmorlandungsplatze der Römer) zum Vorschein kam, den Hauptschmuck dieses Denkmals. Dieselbe hat einen Durchmesser von mehr als vier Fuß und eine entsprechende Länge. Sie wurde aber ohne Capitäl gefunden, und auch der Schaft war noch nicht vollendet. In einer großen an die Kirche sich anlehnenden Holzhütte ist nun der Steinmetz beschäftigt, diese Riesensäule ihrer Vollendung entgegenzuführen. Der Marmor ist von ausgezeichneter Beschaffenheit. Das Capitäl für die Säule soll aus weißem carrarischen Marmor und zwar in ionischer Form aufgesetzt werden. Es wird in der Werkstatt eines römischen, übrigens ziemlich unbekannten Bildhauers modellirt, welcher auch die Statue des Apostels Petrus anfertigt, die das Monument krönen soll. Petrus wird in der einen Hand die Schlüssel tragen, die andere segnend über die Stadt Rom ausstrecken, auf die man mit ihren sieben Hügeln mit ihren Kuppeln und Palästen von dem Platze des Monumentes aus einen der schönsten Ueberblicke genießt. An dem aus breiten Travertinquadern zu errichtenden Unterbau der Säule werden große, auf die Geschichte der Päpste und der Kirche bezügliche Bronzereliefs eingelassen werden. Die Arbeiten werden auf Geheiß und Betreiben Pius des Neunten sehr beschleunigt, da es sein Wunsch ist, daß die Bischöfe selbst noch Zeugen der Einweihung des glorreichen Denkmals sein sollen.

Im Uebrigen beschäftigt die künstlerische Welt Roms augenblicklich in hohem Grade die „Ausstellung in den Thermen des Diocletian“, die ja auch eine der Veranstaltungen ist, welche die „Tage des Concils“ verherrlichen sollen. Sie wurde am 18. vorigen Monats in dem Klosterhofe von St. Maria degli Angeli (dies Kloster ist eben in die Ruinen der alten Thermen hineingebaut) eröffnet und enthält nur Gegenstände der kirchlichen Kunst, nicht der profanen. In Italien, wo so ziemlich alles in den Bereich der Kirche zur Verherrlichung ihres Cultus hineingezogen wird, will dies nicht so viel bedeuten, wie etwa im protestantischen England oder in Norddeutschland. Durch Einfluß der Cleriker aller Welt sind aus den entferntesten Gegenden der Erde Kunstwerke aller Zeiten, wie sie in den „Schätzen“, Capellen, Archiven und Bibliotheken der katholischen Kirche zum großen Theil verborgen liegen, hierher gesendet worden und man sieht auf diese Weise manche werthvolle Bilder, besonders aber Kleinodien, Gefäße, kunstvolle Webereien etc., übersichtlich geordnet, bequem an einem Platze, die oft nicht einmal an Ort und Stelle, auch wenn man dort gegenwärtig wäre, vorgezeigt werden dürfen. Ich gedenke in meinem nächsten Briefe Ihnen Näheres über die Bedeutung dieser Ausstellung zu berichten.

Rom, Anfang März 1870.
nn. 




[216]
Ein Sennhirte.

Ich bin ein armer, alter, müder, abgespannter Musikant! Ich habe so viel und so lange in den Tönen geschwelgt, daß ich, nun übersatt, nicht selten an gänzlicher Musik-Appetitlosigkeit leide.

Ach! der Enthusiasmus für meine schöne Kunst ist dahin, – wenigstens für die neueren Wunder-Componisten und Wunder-Virtuosen. An dessen Stelle hat sich die eckligste, minutiöseste Kritik eingenistet, diese grämliche Canaille, die neidisch alle naiven Kunstfreuden zerstört. Es ist erschrecklich, wie tief ich dadurch heruntergekommen bin. Mir kann in Sachen der Kunst nichts mehr ganz recht gemacht werden; überall finde ich auszusetzen, zu mäkeln, denn immer muß ich vergleichen – alle Componisten mit Beethoven, alle Cellospieler mit Bernhard Romberg, alle Violinspieler mit Paganini, alle Clavierspieler mit Liszt, alle Concertsängerinnen mit der Catalani, alle dramatischen mit der Schröder-Devrient! – Denn alle diese höchsten Genien im Reiche der Tonkunst habe ich gehört und gesehen, und alle noch im Frühling und Sommer meines Lebens, da mein Blut durch die Kunstflammen noch leicht in’s Kochen zu bringen war. Sie leben, tönen, klingen, spielen in meiner Erinnerung fort, und da kann ich nun mit dem besten Willen bei den neueren Kunstproductionen nicht mehr in Erstaunen, Bewunderung und Entzückungskrämpfe gerathen.

Ach ja – das ist der Jammer des Alters! Man ist Alles gewohnt worden! Was daher die jüngere Generation als etwas ganz Neues, Unerhörtes, noch niemals Dagewesenes in wahre Wuthflammen des Enthusiasmus versetzt, sie zu hundertfachem Herausrufen, Dacaposchreien, Pferdeausspannen etc. treibt, das alles streicht an Unsereinem als schon längst und besser Dagewesenes wirkungslos vorüber. Das Schlimmste ist, daß ich das alte Lied „Zu meiner Zeit war’s besser!“ sehr wohl kenne und an Anderen oft genug verlacht habe, wie uns jetzt die frohe Jugend mit ihren frischeren, helleren Sinnen und wärmeren Herzen verlachen mag. Was hilft es aber, seine Schwächen zu erkennen, wenn man sie nicht besiegen kann?!

Solche miserabele trübselige Stimmungen suchen mich von Jahr zu Jahr immer öfter heim, und gerade zu einer derartigen melancholischsten Stunde tritt das Dienstmädchen in meine Arbeitsklause und meldet: „Ein fremder Virtuose wünscht Sie zu sprechen.“

„Kreuz und Schwert!“ zürn’ ich ihr entgegen, „wie oft soll ich Dir noch sagen, daß ich die Vormittage nicht zu Hause bin!“ – Nun hat sie’s aber schon verrathen, und ich muß den ungebetenen Gast annehmen.

Ich habe in meinem ganzen Leben keine Ader diplomatischer Verstellungskunst in mir verspürt, und mein von Natur grämliches Faltengesicht nicht freundlich glätten können, wenn sich eine ärgerliche Empfindung in mir regte. Ich fürchtete daher für mich und für den Fremden, suchte mich aber, gutmüthig, wie ich doch eigentlich bin, zusammenzunehmen.

„Laß ihn kommen!“

Ein junger, hübscher, blühender Mann, von gedrungenem Bau, ein Dreißiger wohl schon, tritt ein, und seine unbefangene treuherzige Ansprache macht einen guten Eindruck. Aber der Teufel traue einem Virtuosenbesuche!

Er heiße Diem, sei Cellovirtuos, im Begriff zum ersten Mal eine größere Kunstreise anzutreten, und wolle Leipzig nicht vorübergehen, ohne etc.

Ach ja, das ist die alte, abgedroschene Melodie, die sie jeder Feder vorsingen, von der sie einen Liebesdienst verlangen. Der Kern folgte denn auch gleich: Wenn ich in einer größeren Zeitung einige freundlich empfehlende Worte über ihn schreiben wolle, würde seine Laufbahn dadurch sicher bedeutend geebnet werden, die, „wie Sie ja am besten wissen, in unserer virtuosenreichen Zeit immer precärer und dornenvoller wird.“

In einer größeren Zeitung! Mein Gott, dachte ich, aus welchem fernen Winkel der Erde kommt denn der gute Mann her? Der führt ja noch alle Taschen voll unschuldigen Vertrauens auf die Menschen, und sogar auf die Recensenten mit sich!

Ich brauchte einige allgemeine Redensarten; da fing aber mein Besuch davon zu erzählen an, wie er vor zehn Jahren noch mit dem blauen Schurz als Knecht eines Allgäuer Bauern das Feld gepflügt, Kühe und Ochsen in benachbarte Städte zum Verkauf getrieben, und vor drei Jahren den ersten Strich auf dem Violoncell gethan habe. Ich machte gewiß ein etwas ungläubiges Gesicht; trotzdem aber konnte ich nun nicht mehr widerstehen und rief: „Nun denn, mit Vergnügen, wollen Sie heut’ Abend mit einem Butterbrot bei mir fürlieb nehmen, so sollen Sie willkommen sein.“

‚Mit Vergnügen!‘ ‚Willkommen sein!‘ So muß auch der ehrlichste Kerl zuweilen heucheln, wenn er bescheidenen Menschen nicht weh thun will. Ich seufzte ja bei diesem ‚willkommem sein‘ innerlich recht schwer über das zu erwartende – Vergnügen, denn was – um Gotteswillen, kann Einer nach erst dreijährigem Studium auf dem Cello leisten, dem schwersten aller Instrumente! Auf den zwei oberen Saiten, die, weich gesponnen, leicht und willig ihre Töne hergeben, geht’s wohl, da hört man sonore Klänge. Geräth aber die Composition in Leidenschaft, ich meine in die Passagenwühlereien, dann geht auf den borstigeren, tieferen Saiten ein Rumpeln, Grunzen, Glucksen los, als würde ein Schwein abgestochen, und schießen sie hinauf in die hohen und höchsten Regionen, so pfeift’s, fischelt’s, kratzt’s und schrillt’s, daß es Einem in die Zähne fährt, als würde mit Löschpapier über eine Glasscheibe gestrichen! Man hört eben bei den Streichkünstlern viel kunstreiche Töne, aber wenig schöne Klänge!

Dachte ich nun an die nur dreijährige Uebung meines Mannes, und sah ich dazu sein natürlich einfaches Benehmen, das so gar nichts Virtuosenhaftes zeigte, – manch vierteljähriger Conservatorist hat sich wahrlich schon ein genialeres Ansehen anzuschaffen gewußt, – so kann man sich denken, was ich von dem heutigen Abend erwartete! Nichts mehr und nichts weniger als die schrecklichste Pein für’s Ohr, und Langeweile für den Geist.

Herr Diem ließ Abends nicht auf sich warten. Er langte aus seinem Kasten, was mich einigermaßen wunderte, einen echten Guarneri heraus und begann zu spielen, natürlich, wie’s kein Virtuose jetzt anders mehr darf, auswendig, und, was mir auffiel, aber sehr gefiel, ohne alles äußerlich carrikirte Mitspiel des Körpers, womit jetzt so mancher Virtuose seine Genialität und innerlich tiefe Gefühlserregung anschaulich zu machen beliebt.

Ja, was soll ich sagen? Kaum hatte er begonnen, – das „Ave Maria“ war’s von Fr. Schubert, – so fühlte ich, daß meine Augen sich feuchteten. Warum soll ich mich schämen, zu sagen, was wahr ist? Erzählte mir doch Mendelssohn einstmals auch ohne die geringste Scham, daß ihm die Thränen jedesmal in die Augen träten, wenn er das Papagenolied in der Zauberflöte höre!

Sicher wirkte hier auf mich mit, daß ich, den gegebenen Umständen nach, doch nur etwas sehr Gewöhnliches erwarten zu dürfen glaubte. Und nun hörte ich einen Virtuosen allererster und allerbester Art! Ein Ton, voll und männlich in den kräftigen, weich und zart in den sanften Stellen, aber immer rein und edel; – eine Fertigkeit, die mit spielender Sicherheit die schwierigsten Stellen überwand, Läufer von rapider Schnelligkeit über das ganze Griffbrett hinweg bis in die höchste Flageoletregion, Terzen-Duodecimen-Doppelgriffe, ein seltenes Staccato, in den Cantilenen ein tief in’s Herz tönender Gesang. Und was am Cellospieler vorzüglich zu schätzen, war das geschickte Maßhalten mit dem Bogen in den Passagen und Kraftstellen, wodurch er das schreckliche Kratzen und Fischeln zu vermeiden wußte.

Er fing an, wie schon bemerkt, das „Ave Maria“ von Fr. Schubert auf den Tenorsaiten zu singen, so tief empfunden, so rührend, mit so wohllautendem Klang! Dann entfaltete er in dem Concert von Goltermann, darauf in der „Schweizermelodie“ von Goßmann die eminenteste Fertigkeit und Kürze, es war eine Virtuosenerscheinung, wie sie natürlicher, schöner, Herz, Seele und Geist befriedigender nicht gedacht werden kann.

Nun aber – als wir bei der Tasse Thee und einfachem Imbiß saßen, brach ich hervor: „Jetzt, Meister Diem, gestehen Sie vorerst gefälligst, daß Sie mit Ihrer Erzählung, Sie seien ‚vor zehn Jahren noch Bauerknecht gewesen‘ und ‚hätten vor drei Jahren den ersten Strich auf dem Cello gethan,‘ einen Scherz gemacht haben.“

[217] „Keinesweges,“ erwiderte er, „es ist genau so, wie ich sagte.“

„Nun, denn, so erzählen Sie mir Ihren Lebensgang, der absonderlich genug gewesen sein muß, wenn er einen zwanzigjährigen Bauernknecht zu einem dreißigjährigen Virtuosen ersten Ranges umzumodeln vermochte.“

Ich fasse seine Mittheilungen hier kurz zusammen. Joseph Diem ist der Sohn armer Bauerleute, geboren zu Kellmünz bei Memmingen in Baiern. Die Musik war ihm allerdings angeboren, denn schon als Kind in der Schule lernte er bei seinem Schulmeister Violine spielen, wobei sich, was seine spätere Ausbildung allein erklärlich macht, eine schnelle geistige Fassungskraft und mechanische, gelenke Ausübungsfähigkeit zeigte. Nach einem halbjährigen Unterricht, in seinem neunten bis zehnten Jahre, spielte er bereits Ouvertüren, so fertig wenigstens, als es sein Meister selbst vermochte.

Talent, Lust, Fleiß – aber ringsum kein Auge und Ohr und Herz dafür! Mit dem zehnten Jahre mußte er hinaus auf die einsame Weide, um Kühe und Ochsen zu hüten. Aber die Musik verließ ihn nicht, sie folgte ihm auch dahin. Sie hatte sich schon fest eingenistet in seine Seele, und alle Gedanken des armen Hirtenjungen richteten sich entschieden und entschlossen nur auf das eine Ziel, ein berühmter Tonkünstler zu werden.

Der ganze Jahreslohn des jungen Hirten bestand in einigen Gulden, einem Paar Stiefeln und einem Hemde. Dennoch ersparte er sich davon fünf Gulden, kaufte sich in Memmingen eine Flöte und Scala dazu, und lernte damit, umgeben von seinen vierbeinigen Genossen auf den sonnigen Höhen der Alm sitzend, fern von den Wohnungen und dem Getriebe der Menschen, dieses Instrument spielen. Auf eben solche Art ging’s nach und nach weiter mit Clarinette, Horn, Trompete etc. Während dreier Jahre, die er später in Kellershausen als Senne verlebte, zog er nun schon alle Musikanten ringsherum an sich, und bildete daraus eine kleine Capelle. Aber unter welchen Umständen! Die Uebungen und Proben mit seinen Schülern mußte er lange Zeit – im Kuhstalle abhalten. Endlich erhielt er die Erlaubniß, das Schulzimmer als Uebungslocal benutzen zu dürfen. Er brachte es dahin, daß er mit seinen Leuten zum Tanzaufspielen, bei Kirchweihen und Kirchenmusiken verlangt wurde. Unbegreiflich fast ist die Energie, die physische Kraft, die Ausdauer, die er dabei zeigte. Wenn Diem von Nachmittag an bis Morgens zwei bis drei Uhr ununterbrochen zum Tanze aufgespielt hatte und ganz erschöpft nach Hause kam, mußte er sofort fünfundzwanzig bis dreißig Kühe melken, und er konnte den Melkkübel gewandt handhaben. Er war als „guter Senn“ bekannt, denn was er war, war er ganz. Seine Käse wären immer sauber und gut gerathen. Auch hatte er die Natur, Krankheiten und Heilarten seiner Thiere fleißig beobachtet, und so wurde der junge Senn oft stundenweit gerufen bei Gebresten und Nöthen der Kühe, was ihm neben Geld auch einmal drei Tage Einsperrung zuzog und zwar auf Klage des Thierarztes wegen unbefugter Ausübung der Thierheilkunde.

Daß er ein Musiker in höherem Sinne werden wolle und müsse und könne, stand fest bei ihm; aber wie, das wußte er nicht. Nur Eins begriff er, daß vor Allem Geld dazu nöthig sei. Zu diesem Zwecke lebte er mit der Sparsamkeit eines Geizhalses, trieb die Entbehrungen bis auf’s Maximum und sah sich endlich dadurch und mit Hülfe der Einnahmen von dem Tanzaufspielen, von den Concerten etc. im Besitz eines Sümmchens von zweihundertfünfzig Gulden. Was und wo aber damit anfangen? Hier nun sandte ihm das Schicksal zum ersten Male seinen Beistand – durch einen Ochsen! Im Jahre 1857 nämlich trieb Diem einen solchen Vierfüßler nach Memmingen, um ihn für seinen Herrn zu verkaufen. Auf dem Heimwege kam er an der katholischen Kirche vorbei, gerade als drinnen Probe zur Kirchenmusik gehalten wurde. Diem ging auf die Orgel und ersuchte den Nächsten, ihm seine Violine zu überlassen, er wolle spielen. Der Angeredete schaute den Bauerburschen, mit der nicht ganz saubern Schürze verwundert an, gab ihm aber, wohl in Erwartung eines zu erlebenden Spaßes, die Geige. Chordirigent und Pfarrer staunten über den sichern Mitspieler und riethen ihm dringend, sich der Musik ausschließlich zu widmen und vor Allem ordentlichen Unterricht zu nehmen. Da bekam er denn endlich den nöthigen Muth. Entschlossen gab er seinen Dienst als Bauerknecht auf und ging mit seinen zweihundertfünfzig ersparten Gulden nach Augsburg, um Musik zu studiren. Er nahm Unterricht bei Fehlner.

Aber die paar Gulden schmolzen schneller, als die Fertigkeit kam, und der Geldmangel trieb ihn zu einer böhmischen Musikbande, wo ein Geiger fehlte; da machte der Schwabe, der Sechste im Bunde, als Pseudoböhmake die Reisen der fahrenden Künstler mit. Sie durchzogen die Schweiz und mehrere deutsche Länder, aber mit dem Verdienste stand’s schlecht. Diem mußte oft bitter Noth leiden. An ein Capitälchen sammeln, wie er gehofft, war nicht zu denken. Enttäuscht verließ er die Gesellschaft, um wieder heimwärts zu steuern.

Das war eine lange traurige Wanderung! Im Winter, acht Tage vor Weihnachten, trat er sie von Zürich aus an, mit einem einzigen Franc in der Tasche! Indessen hatte er bei sich, was ihm zur Noth durchhelfen konnte – seine Geige. Er kehrte Abends in einsamen Gehöften oder Dorfschenken ein, und es gelang ihm, für seinen Magen ein Nachtmahl und für seine müden Glieder ein Strohlager zu ergeigen. Wer, der ihn so durch Wind und Wetter, auf der öden menschenleeren Straße oft in die Nacht hinein, dahinwandern gesehen oder wie er in gemeinen Kneipen den Bauern aufspielte, wer hätte ihm prophezeien mögen, daß er einst in glänzenden Concertsälen vor dem feinsten Publicum als Virtuose ersten Ranges auftreten werde, und zwar auf einem Instrumente, an das er damals noch gar nicht dachte, auf dem Cello! Indessen muß er doch schon zu jener traurigen Wanderzeit eine nicht unbedeutende Fertigkeit auf der Violine gezeigt haben. Denn einmal, in St. Gallen, war ihm vergönnt, vor einer musikalischen Privatgesellschaft ein Violinsolo zu spielen, wofür ihm das für seine Lage honette Honorar von dreißig Francs gezahlt wurde; ein zweites Mal lächelte ihm ein ähnliches Glück in Lindau. Das waren aber doch nur einzelne Lichtblicke auf seiner dunklen Bahn. Das Ende dieses traurigen Wanderliedes war, daß er entblößt von allen Mitteln und in sehr defecter Kleidung nach Hause kam, wo es ihm nicht an Spott der plumpen unwissenden Bauern über den hochtrabenden Musikanten fehlte. Das entmuthigte ihn aber nicht, und um so weniger, als bald darauf eine Wendung in seinem Leben eintrat, die ihn für immer aus den niederen Kreisen herauszog und in die der feinen gebildeten Welt führte.

Ein wohlhabender Jude, der Gutsbesitzer Kaula, unterstützte den Katholiken Diem und gewann auch einige andere wackere Leute für ihn, wodurch er in den Stand gesetzt wurde, vier Jahre das Musikconservatorium in München zu frequentiren, immer noch in dem Glauben, für die Violine bestimmt zu sein, weshalb er sich in den Unterricht Lauterbach’s, des berühmten Geigenspielers, jetzigen Concertmeisters in Dresden, begab. Bald jedoch war es ihm, als warne ihn etwas, daß er dabei nicht bleiben solle. Das Cello war’s, das ihm zurief: wähle mich, gehe zu mir über, ich werde der beste Interpret deines reichen inneren Gefühlslebens werden! Mit dem fünfundzwanzigsten Jahre that er den ersten Griff und Strich darauf, und so bedeutend war die Kraft seines Talentes, so energisch sein Wille und so unermüdbar seine Ausdauer im Ueben Tag und Nacht, wobei ihn sein eiserner Körper willig unterstützte, daß er drei Jahre danach sein erstes Concert im Saale zur goldenen Traube in Augsburg gab. Immer unverrückbar auf sein Ziel blickend, hatte er sich nun auch wieder so viel gespart, daß er den berühmten Cellisten Coßmann, damals in Baden lebend, als Lehrer wählen, ihm auch später nach Weimar, wo derselbe als Kammermusicus angestellt war, folgen konnte.

Wie Diem als Cellovirtuos sich auf die Höhe der Ersten seines Fachs emporschwang, erwarb er sich auch durch unablässige Lecture und Umgang mit der feineren Gesellschaft eine Bildung, die immerhin merkwürdig ist, wenn man die niedere Sphäre kennt, in der er geboren und in der er einen großen Theil seiner Jugend festgehalten wurde. Auch für ein gutes Instrument sorgte der Himmel durch einen Gönner, den Fabrikbesitzer Zeltner in Nürnberg. Dieser edle Mann schenkte Diem das prachtvolle Instrument, das er jetzt besitzt, ein Werk des Jos. Guarneri, gut und gern seine siebenhundert Gulden werth.

Diem hat schon mehrere kleine Kunstreisen gemacht, hat in Stuttgart, Nürnberg, Hannover, Ulm etc. gespielt, immer mit außerordentlichem Erfolge. Jetzt will er weiter, in die große weite Welt hinaus, und eine nicht geringe Triebfeder dabei ist der Wunsch, seiner Mutter in ihren alten Tagen eine heitere Existenz [218] zu schaffen. So ziehe denn hin, treuer liebevoller Sohn, wackerer, echter, bescheidener Künstler; die Stürme sind überstanden, der Hafen ist erreicht.

Es wird aber vielleicht Mancher, der diese Schilderung liest, denken: „Na, da ist der alte Musikant wieder einmal in seinen Lobe-Paroxysmus verfallen, wie es ihm schon manchmal passirte.“

Darauf erwidere ich: „Das soll mir Einer sagen, nachdem er Diem gehört hat!“
J. C. Lobe.


Aus dem Schuldbuche Louis Bonaparte’s.
Die Teufelsinsel.

Bevor ich die Teufelsinsel schildere, einen der vielen Deportationsorte der französischen Republikaner während der letzten siebenzehn Jahre der bonapartistischen Gewaltregierung, muß ich erst noch mit einigen Worten auf das berüchtigte Sicherheitsdecret und auf die gemischten Commissionen zurückkommen. Eugen Tenot, ein sehr gemäßigter Schriftsteller der letzten siebenzehn Jahre, sagt darüber:

„Am 8. December 1851 war in Paris ein Decret unterzeichnet worden, das noch heute nicht zurückgenommen ist und der Regierung die Macht giebt, als Maßregel der öffentlichen Sicherheit, das heißt ohne Richterspruch nach Cayenne zu deportiren ‚die wegen Bruches von Stadtarrest oder Internirung Verurtheilten und alle Individuen, die für schuldig befunden wären, einer geheimen Gesellschaft angehört zu haben.‘ Gegen das Ende des December wurden durch ministerielle Umschreiben die berüchtigten gemischten Commissionen eingerichtet. Man hat sie zuweilen mit dem Prävotalgericht der Restauration verglichen. Diese Zusammenstellung scheint uns aber nicht zutreffend zu sein. Die Prävotalgerichte waren eine Art Kriegsgerichte, die summarisch richteten, aber doch richteten, eine widersprechende Verhandlung und eine Vertheidigung in öffentlicher Sitzung zuließen. Die gemischten Commissionen von 1852 haben ohne alle Procedur, ohne Zeugenverhör, ohne widersprechende Verhandlung, ohne Vertheidigung der Angeklagten, ohne öffentlichen Spruch über das Loos von Tausenden und Abertausenden von Republikanern entschieden. Die Abstufung der Strafen, welche diese Commissionen (im Geheimen) verhängten, stieg von der Ueberwachung durch die Hohe Polizei bis zur Deportation nach Cayenne.“

So Tenot. In Frankreich weiß heute Jedermann, daß diese gemischten Commissionen in zwei großen Perioden, nach dem Staatsstreich des Jahres 1851 und nach dem Orsini’schen Attentat im Jahre 1858, thätig gewesen sind. Die Ziffer der nach dem Jahre 1851 von ihnen Deportirten hat fünfzigtausend, die Ziffer der nach dem Jahre 1858 ungefähr fünfundzwanzigtausend betragen. Deportationen politisch Mißliebiger haben aber noch im verflossenen Jahre in Frankreich stattgefunden. Ledru Rollin hat ganz Recht, vor Aufhebung des Sicherheitsdecrets nicht nach Frankreich zurückzukehren.

Die zur Deportation bestimmten französischen Bürger sind während der letzten siebenzehn Jahre theils nach Algerien, theils nach Guyana, gebracht worden. In Algerien wurden sie je nach den Graden ihrer politischen Gefährlichkeit entweder in den kleinen Städten der Steppe – ich verstehe unter Steppe die Region, welche sich vom atlantischen Ocean bis zum indischen Meere zwischen der fruchtbaren Mittelmeerregion und zwischen der großen Wüste durch das ganze nördliche Afrika ausdehnt – internirt oder in den dortigen Gefängnissen und Forts, beispielsweise in Lambessa und in den Forts von Bab-Azoun, Mostaganem, Bugia, Saint-Grégoire, in der Casbah von Bona gefangen gehalten. Ich habe die drei Provinzen des französischen Afrika, Oran, Algier und Constantine vor einigen Jahren bereist und diese Forts und Gefängnisse gesehen. Die Steppe hat eine Breite von ungefähr zwei starken Tagereisen, an der schmaleren Stelle in der Provinz Constantine habe ich bei guter, trockener Jahreszeit, mit alle drei Stunden wechselnden, sehr kräftigen und schnellen Pferden, zwei Tagereisen gebraucht, um aus der Mittelmeerregion in die Wüste zu gelangen. Die tägliche Reise begann Morgens um drei Uhr und dauerte bis Abends um neun. Den Charakter der afrikanischen Steppe hat wohl niemals Jemand in treffenderen Farben geschildert, als Ferdinand Freiligrath; ich bediene mich deshalb zu ihrer Schilderung seiner Worte:

„Sie dehnt sich aus von Meer zu Meere;
Wer sie durchschritten hat, den graust.
Sie liegt vor Gott in ihrer Leere
Wie eine leere Bettlerfaust.
Die Ströme, die sie jäh durchrinnen,
Die ausgefahrnen Gleise, drinnen
Des Colonisten Rad sich wand,
Die Spur, in der die Büffel traben: –
Das sind, vom Himmel selbst gegraben,
Die Furchen dieser Riesenhand.“

Diese afrikanische Steppe oder die Forts und Gefängnisse in der Steppe waren der Aufenthalt der nach Algerien auf fünf oder zehn Jahr deportirten französischen Bürger. Welche Existenz!

Weit schrecklicher als das Schicksal der nach Algerien Deportirten war war das Schicksal der Unglücklichen, die nach Guyana deportirt worden sind. Sie sind vor ihrer Einschiffung nach Guyana in den Depôts der Bagnos von Toulon und Brest oder im Gefängnisse von Marseille, sowie auf der Fahrt über den Ocean wie Galeerensträflinge behandelt werden. Man hat ihnen Bart und Haare abgeschnitten, sie mit den Füßen an eine eiserne Barre geschmiedet und ihnen die Kleidung eines „Forçat“ angelegt. Manche von diesen nach Guyana deportirten Republikanern haben das dortige Klima und die dortige Misère überstanden und sind theils, weil die „fünf oder zehn Jahre Cayenne“, zu denen sie von der gemischten Commission verurtheilt wurden, abgelaufen sind, theils in Folge der Amnestie zurückgekehrt; der größte Theil dieser Unglücklichen ist aber dem Fieber, dem Klima und der Misère jenseits des Oceans erlegen. Mehrere von den Deportirten nach Cayenne habe ich bei meiner jetzigen Anwesenheit in Paris kennen gelernt und mir ihr Elend und ihre Leiden in Guyana schildern lassen. Zu ihnen gehört der jetzige Chefredacteur des Réveil, Charles Delescluge, der bekanntlich in diesen Tagen wieder zu einer Gefängnißstrafe von dreizehn Monaten wegen einer ganz unbedeutenden Notiz über einen auf dem Marsche übermäßig angestrengten Soldaten unter dem „liberalen Empire“ und unter dem Justizministerium des „anständigen Mannes“, wie sich Ollivier selbst bei jeder Gelegenheit zu nennen beliebt, verurtheilt ist. Delescluge war Präfect des Norddepartements während der ersten sechs Monate der Februarrepublik, ist ein Mann von classischer Bildung und von höchst ehrenwerthem Charakter. Eine gemischte Commission verurtheilte ihn zu zehn (!) Jahren Deportation nach Cayenne wegen Theilnahme an einer geheimen Gesellschaft. Er hat, bevor er nach Cayenne gebracht wurde, drei Wochen auf der Teufelsinsel, einem von den Verbannungsorten für politisch Deportirte in Guyana, zugebracht.

Ich werde nun seinen Aufenthalt auf der Teufelsinsel nach seinen mir gemachten mündlichen Mittheilungen und nach seinen eigenen Aufzeichnungen, welche das Feuilleton des Reveil vor Kurzem veröffentlicht hat, schildern. Delescluge gehörte noch zu den Glücklichen unter den Deportirten der Teufelsinsel. „Ich habe,“ erzählte er mir, „als einer der Letzten auf den Proscriptionstafeln Bonaparte’s, nicht mehr nöthig gehabt, mich mit dem Diensteifer von Kerkermeistern herumzuschlagen, welche sich Mühe gaben, durch ihr brutales Benehmen gegen die politischen Deportirten um den Beifall ihrer Vorgesetzten zu buhlen. Als ich am 16. October 1858 in Guyana landete, fand ich wenigstens Seitens der Regierungsbehörden geregelte Zustände vor.“

Geregelte Zustände! Man höre, wie diese geregelten Zustände auf der Teufelsinsel waren, und man kann sich selbst ein Bild machen, wie die Zustände auf der Teufelsinsel gewesen sein müssen, als die Deportirten ganz und gar der Willkür der Gensd’armerie preisgegeben waren. Ich werde den Deportirten der Teufelsinsel selbst sprechen lassen.

„Während meiner Ueberfahrt von der Königsinsel nach der Teufelsinsel hatte ich den Ort meines Exils vor Augen. Weit kleiner als die benachbarten Inseln, hinter denen sie sich discret [219] verbarg, bot die Teufelsinsel, von der Barke aus gesehen, die mich hinüberführte, ein ergreifendes Bild der Oede und des Elends. Kein Baum, um ihre Bewohner vor den Sonnenstrahlen zu schützen; nur hier und da verkrüppeltes Gesträuch; von Weg und Steg durch dies verkrüppelte Gesträuch nichts zu erblicken; nichts als kahle Felsen und einige Gebäude, welche Ställen und Casernen glichen. In dieser Oede sollte ich zehn Jahre meines Lebens zubringen, und in einem Alter, wo der Mann sonst gewohnt ist, das einzuernten, was er gesäet hat …“

„Nun, und als Sie landeten?“

„Die oberste Autorität auf der Insel war seit einigen Monaten ein einfacher Brigadier der Gensd’armerie. Zu diesem führte mich der Ruderknecht der Barke. Sein Empfang war passabel. Der Brigadier war ein noch junger Mann, der mir besser schien als sein trauriger Beruf. Er sagte mir, daß ich mich drei Mal täglich bei ihm einzufinden hätte, einmal Morgens um fünf Uhr, das zweite Mal um sechs Uhr, zum dritten Male zehn Uhr Abends. Abgesehen von diesem dreimaligen täglichen Appell und von der Verpflichtung, die Nächte in dem gemeinschaftlichen Schlafsaale zuzubringen, könne ich auf der Insel frei umhergehen und thun und lassen, was ich wolle. Als meine Vorstellung bei dem Brigadier beendigt war, ging ich gerade aus, mitten hinein in das Gestrüpp und in die Felsen, um zu untersuchen, wo ich mich eigentlich befand. In der Ferne hatte ich einige mit Stroh gedeckte Lehmhütten und in ihrer Umgebung Menschen bemerkt. In der Nähe derselben angekommen, konnte ich die Einzelnheiten des Bildes unterscheiden. Die Hütten bestanden aus Steinen und Lehm; die Bedachungen aus Maisstroh. Die Menschen gingen in Lumpen; ihre Gesichtszüge waren von der Sonne verbrannt; keine Schuhe an den Füßen; sie gingen barfuß. Es waren meine zukünftigen Leidensgefährten, die politischen Verbannten. Sie begrüßten mich in freundschaftlicher und herzlicher Weise; ich sagte ihnen, wer ich sei, und einer von ihnen bot mir seine Hütte als Wohnung an. Unter seiner Führung begab ich mich nach dem Innern der Insel, um mir mein zukünftiges Quartier anzusehen. Das ärmlichste und schlechteste Bauernhaus in Frankreich konnte, mit dieser Hütte verglichen, als Palast gelten. Einige größere und kleinere Löcher bildeten Fenster und Thüren. Das ganze Mobiliar bestand aus einem roh gearbeiteten hölzernen Tisch und aus einem ähnlichen Stuhl. Ich ließ mich auf den Stuhl nieder und war froh, den brennenden Sonnenstrahlen entflohen zu sein. Das war mein Empfang auf der Teufelsinsel.“

„Und wie viel Deportirte fanden Sie auf dieser abscheulichen Insel vor?“

„Fünfunddreißig. Sie stammten aus drei Kategorien. Die erste Kategorie gehörte in die Zahl der Bürger, welche nach dem Staatsstreich deportirt waren; die zweite bestand aus Juni-Insurgenten, welche im Jahre 1848 nach Afrika und später unter allerlei Vorwänden nach Guyana gebracht waren; die dritte aus einigen Schwarzen von den Ufern des Senegal, aus den Verurtheilten der Schieferbrüche von Angers, aus solchen, die wegen Theilnahme an geheimen Gesellschaften verurtheilt waren, und aus dem unglücklichen Tibaldi.“

„Tibaldi,“ unterbrach ich den ehemaligen Präfecten des Norddepartements, „schildern Sie mir Tibaldi. Er wurde wegen angeblichen Complots zugleich mit Ledru Rollin und Mazzini von bonapartistischen Richtern verurtheilt. Ledru Rollin und Mazzini haben dies Complot für Erfindung der bonapartistischen Polizei erklärt. Beide schützte ihr Aufenthalt in England; aber der unglückliche Tibaldi fiel als Opfer dieses Polizeicomplots und wurde nach Guyana deportirt. Keine Nachricht über ihn ist seitdem aus Guyana nach Europa gedrungen.“

„Von meinen Leidensgefährten auf der Teufelsinsel,“ sagte Delescluge, „habe ich die meiste Sympathie für Tibaldi empfunden und am meisten mit ihm verkehrt. Die Sanftmuth seines Charakters, sein feines Benehmen und die Würde, mit der er sein Unglück trug, erwarben ihm meine Hochachtung und meine volle Sympathie; aber nicht allein meine, sondern die Sympathie aller andern Bewohner der schrecklichen Insel. Er hatte unter ihnen keinen Feind; alle liebten ihn. Seine Gesichtszüge waren schön und edel; sein Auge blickte so kühn und doch so sanft; niemals habe ich eine Klage aus seinem Munde gehört. Seit seiner Ankunft auf der Teufelsinsel war er ohne jede Nachricht von seiner Familie und von seinen Freunden in Frankreich. Meine Trennung von Tibaldi war mein einziger Schmerz, als ich von der Teufelsinsel schied und nach Cayenne gebracht wurde.“

Die kleine Colonie der Deportirten der Teufelsinsel lebte ein rein vegetatives Leben, für dessen Erhaltung und Einrichtung tägliche Frohndienste zu sorgen hatten. Die Speisen, welche sie brauchten, hatten sie sich selbst zuzubereiten; das Wasser, welches sie tranken, hatten sie selbst herbeizuschaffen und in eine eiserne Cisterne zu schleppen; das Holz, um Kochfeuer anzuzünden, hatten sie selbst klein zu machen; ihre Wohnungen selbst auszubessern, ihre Kleider selbst zu flicken. Waren die Schuhe zerrissen, so konnten sie ohne Schuhe auf dem steinigen Boden umhergehen.

„Nach einiger Zeit,“ sagte Delescluge, „sah ich ganz aus wie die Andern; meine Kleider fingen an zu zerreißen, und wenn ich noch länger auf der Insel geblieben wäre, würde ich ebenfalls in bloßen Füßen umhergegangen sein; dem überflüssigen Luxus, Strümpfe zu tragen, mußte ich sehr bald entsagen. Ich bekam meinen Platz in der Schlafbaracke; ich erschien zur regelmäßigen Zeit beim Appell; ich stand auf und legte mich schlafen, wenn ich die Kanonenschüsse hörte, welche die Zeit des Aufstehens und des Schlafengehens anzeigten; mit einem Worte: ich lebte und existirte bald mit der Regelmäßigkeit eines Veterans der Inseln des Heils.“

Täglich landete eine von der Königsinsel kommende Barke an der Teufelsinsel und brachte für die Deportirten das tägliche Futter, natürlich in rohem Zustande. Dies Futter bestand für jeden Deportirten aus anderthalb Pfund Brod von mehr oder minder genießbarem Zustande, welches zuweilen durch verschimmelten Zwieback ersetzt wurde, aus Mehl von Brodfruchtstauden, aus Rindfleisch oder Schweinefleisch, aus Bohnen oder Reis und aus etwas Oel und Schmalz. Aber das frische Fleisch war selten genießbar, das gesalzene Fleisch fast niemals; die Bohnen trotzten dem stärksten Appetit durch ihre Härte, und im Reis krochen die Würmer umher. Diese Vorräthe konnten die Deportirten unter sich vertheilen und sie in rohem Zustande verzehren oder sie am Feuer zubereiten, wie sie Lust und Geschick hatten.

„Als ich am ersten Tage meiner Ankunft auf der Teufelsinsel meinen Antheil an Victualien empfing,“ sagte Delescluge, „wußte ich gar nicht, was ich damit anfangen sollte. Ich besaß keine Küche, keinen Feuerheerd, keinen Topf und keinen Teller, nicht Gabel noch Messer; von Kochkunst verstand ich nichts. In einem Bananblatte schleppte ich meine Vorräthe heim und konnte wie Hamlet sagen: ‚Sein oder Nichtsein, das ist die Frage!‘ Mein Gastfreund, der mich eingeladen hatte, seine Hütte zu theilen, und etwas von der edlen Kochkunst verstand, erbot sich glücklicherweise auch, mir meine Vorräthe zuzubereiten; sonst hätte ich sie roh verzehren oder verhungern müssen.“

Am Sonntag war es den Deportirten gestattet, sich für ihr eigenes Geld ein wenig Wein zu kaufen; mehr als fünfundzwanzig Centilitres wurden aber nicht verabreicht. Wer kein eigenes Geld hatte, mußte auf den Wein verzichten. Daß das heiße und zugleich feuchte Klima von Guyana die Kräfte erschöpft, indem es den menschlichen Körper in einem fortwährenden Zustande der Transpiration erhält, ging die mörderische bonapartistische Regierung natürlich nichts an. Um die Gesundheit der politischen Deportirten kümmerte sie sich nicht. Die Republikaner wurden ja gerade deshalb nach Guyana deportirt, um zu sterben. Die Deportation der Galeerensträflinge aus den Bagnos nach Guyana, welche Louis Bonaparte nicht lange nach dem Staatsstreich eingeführt hat, hatte denselben Zweck. Ein Seeofficier, der mich vor einigen Jahren im Bagno von Toulon umherführte, sagte mir, als ich mit ihm von den Deportationen nach Cayenne sprach: „Die Deportation nach Cayenne ist einem Todesurtheil ganz gleich zu achten. Cayenne ist der Tod.“ Als Delescluge von der Teufelsinsel nach Cayenne gebracht wurde, brachte er einige Stunden auf der Insel des heiligen Joseph zu. Er fand dort Deportirte, welche wegen Bruches des Stadtarrestes oder wegen Internirung an einem bestimmten Orte nach der Insel des heiligen Joseph gebracht waren. Sie waren zu derselben Zeit wie er in Toulon eingeschifft worden, und seit ihrer Ankunft auf der entsetzlichen Insel waren bereits von sechsunddreißig nicht weniger als elf dem mörderischen Klima erlegen. Diese Menschenhekatomben, welch’ ein schreckliches Blatt aus dem Schuldbuche Louis Bonaparte’s!

In dieser Weise vergingen den Deportirten der Teufelsinsel die Tage in fortlaufenden Frohndiensten und in ewigem Einerlei, während ihr Verkehr mit der Welt einer sorgfältigen Ueberwachung [220] unterlag. Alle Monate einmal ging der Courier nach Frankreich ab. Die Briefe der Deportirten, welche derselbe zugleich mit der Regierungspost beförderte, mußten dem Gensd’armerie-Brigadier offen und ohne Couvert übergeben werden. Nur ein Drittel jeder Seite des Briefbogens durfte beschrieben sein, und die erste Seite mußte an der Spitze den Namen des Deportirten tragen mit der Nummer seiner Kategorie und der Nummer seiner Section. Das war ein Robinsonleben, illustrirt durch die Quälereien eines Gefängnißreglements, ein Kerkerleben in der Wildniß ohne allen Comfort einer europäischen Existenz. Abends um acht Uhr verkündete ein Kanonenschuß auf der Königsinsel, daß die Einsperrung der unglücklichen Deportirten beginne. Nachdem der Brigadier ihre Namen verlesen hatte, wurden sie in ein stallähnliches Gebäude geführt, welches als gemeinschaftlicher Schlafsaal diente, wenn man einen Stall so nennen will.

Das Gebäude bildete ein rechtwinkliges Oblongum von ungefähr zwanzig Meter Länge und sechs Meter Breite. An beiden Längenseiten befand sich eine Thür, zu der von außen ein paar Stufen führten. Im Innern dieses Stalles waren an den Wänden einander gegenüber zwei Reihen hölzerner Bohlen, auf kurzen Pfählen ruhend, welche ein Gang trennte, angebracht. Diese hölzernen Bohlen bildeten das Lager der Deportirten. Jedes einzelne Lager war immer durch einen leeren Raum von zwei Meter von dem benachbarten Lager getrennt. Von Matratzen und Kopfkissen war keine Rede. Als Bedeckung erhielt Jeder eine wollene Decke, in welche er sich einwickeln und nach Belieben schlafen oder träumen konnte, wenn das Eine oder das Andere auf den harten Brettern möglich war und ihn nicht die Berührung durch Hand oder Fuß seines Nachbars aus Schlaf und Traum plötzlich aufschreckte. Der Bewohner der Teufelsinsel auf dem harten Bretterlager seines Stalles hatte wahrhaftig Grund genug, den Indier zu beneiden, der seine aus Bambus gefertigte Hängematte zwischen zwei Baumstämmen des Waldes aufhängt; denn die Hängematte des Indiers war ein weicheres und bequemeres Lager als das Bretterbett in dem von mir beschriebenen Holzstalle. Aber die Nächte in diesem Holzstalle wissen noch von anderen Qualen zu erzählen. Sie bilden einen unaufhörlichen Kampf mit den großen Mücken von Guyana. „Als ich mich fünf Monate lang, in die bunten Lumpen eines Galeerensträflings gekleidet, im Fort Lamalgue bei Toulon befand, um das nächste Transportschiff nach Guyana zu erwarten,“ sagte Delescluge, „bin ich viel von den großen Flöhen von Toulon gequält worden. Wenn ich heute an die Mücken von Guyana und an die Flöhe von Toulon denke, und zwischen beiden Thieren eine Parallele ziehen soll, so muß ich sagen, daß sie in ihrer Gefräßigkeit einander vollständig glichen und Keines dem Andern nachstand. Aber in dem Schmerz, den sie durch ihre Bisse und Stiche hervorbrachten, übertrafen die Mücken von Guyana die Flöhe von Toulon bei Weitem. In Guyana gab es zweierlei Arten von Mücken. Die erste bohrt stumm wie ein Karpfe den Stachel in das Fleisch ihres Opfers. Die andere naht mit Musik, bevor sie das Attentat begeht. Aber der Schmerz, den die erste verursacht, dauert nur eine Secunde und hinterläßt keine Spuren ihres Stiches, während der Stich der zweiten ein langdauerndes Jucken hervorbringt und einen buntfarbigen Fleck auf der Haut zurückläßt.“

Bevor ich die Schilderung der entsetzlichen Insel schließe, welche die Regierung Louis Bonaparte’s und seiner Helfershelfer beim Verbrechen des zweiten December als Deportationsort für die französischen Republikaner benutzt hat, bis der Tod sie von ihren Leiden erlöste, muß ich noch eine ganz besondere Grausamkeit erwähnen, deren sich die Kerkermeister von Guyana, wahrscheinlich auf einen speciellen Befehl des schändlichen Morny, des intellectuellen Urhebers der Deportationen, gegen die unglücklichen Gefangenen der Teufelsinsel schuldig gemacht haben. Als Delescluge nach der Insel gebracht wurde – er landete dort am 16. October 1858 – gab es auf der Insel keinen einzigen Baum. Unter den glühenden Sonnenstrahlen von Guyana ist der Baumesschatten eine nothwendige Bedingung des menschlichen Wohlbefindens. Die tropische Natur des Aequators hat deshalb Guyana mit einem Reichthum von mächtigen Bäumen mit Riesenästen und riesigen Blättern beschenkt. Auch die Teufelsinsel war im Jahre 1851 mit diesen tropischen Riesenbäumen bedeckt. Und wo waren diese Bäume geblieben? Weshalb hatte die Insel das Aussehen einer nackten, steinigen Wiese? Die Verwaltung von Guyana hatte im Jahre 1852 sämmtliche Bäume der Teufelsinsel niederschlagen lassen. Und was war das Motiv dieser barbarischen Verwüstung? Einige von den politischen Deportirten hatten sich aus Baumstämmen Canots angefertigt, und es war ihnen gelungen, mit Hülfe dieser Canots der Hölle zu entfliehen, in deren Miasmen zu sterben sie das Sicherheitsdecret des Staatsstreichmannes verdammt hatte.

G. Rasch. 




Ein Begräbniß im Walde.
Von Brehm.


Vor einigen Jahren bewohnte ich ein Haus vor der Stadt, welches wie die übrigen der Straße rings von einem Garten umgeben war. In dem letzteren hatten meine Vormiether allerlei Buschwerk gepflanzt, und da dasselbe in anderen Gärten ebenfalls geschehen, waren lauschige Plätze für einige unserer besten Singvögel geschaffen und von diesen selbstverständlich auch bald in Besitz genommen worden. Sie verschönerten mir die frühen Morgenstunden, damals die einzige Arbeitszeit, welche ich meiner Schriftstellerei widmen durfte, in hohem Grade. Ein Haus- und ein Gartenrothschwanz, ein Mönch und eine Gartengrasmücke, ein Gartensänger oder Sprachmeister und eine Nachtigall waren die hervorragenden Glieder der gefiederten Mitbewohnerschaft des leidlich hübschen Stückchens Erde, und namentlich die letztere gewährte mir viele Freude, weil sie zu den ausgezeichnetsten Schlägern zählte, welche ich jemals gehört habe.

Ich mag nicht unter die Schriftsteller gerechnet werden, welche es dem wahren Liebhaber zu verwehren suchen, sich Vögel für das Gebauer zu fangen und diesen das „harte Schicksal der Gefangenschaft“ zu bereiten; ich bin im Gegentheil ein ganz entschiedener Anwalt all’ Derer, welche gleich mir ohne einen Singvogel im Zimmer nicht leben können oder doch nicht leben wollen. Närrisch erscheinen sie mir, jene sogenannten „Vertheidiger der Singvögel“, weil sie, so überklug sie sich auch geberden, fast ausnahmslos Unverstand oder doch Unkenntniß mit seichter Gefühlsduselei verbinden und durch ihr fades Wortgeklingel höchstens urtheilslose Nichtkenner für sich einzunehmen vermögen, nicht aber kundige Liebhaber, welche, trotzdem sie einen und den anderen Singvogel seiner Freiheit berauben, weit wirksamer als Jene das „Schutz den Vögeln!“ predigen. Nicht die beregte Liebhaberei, welche kaum mehr als ein Hundertstel der freilebenden Vögel einer Art für sich beansprucht, entvölkert unsere Waldungen, sondern die neuzeitliche Ausnutzung der letzteren, welche den Vögeln ihre Wohnplätze nimmt, das geflügelte Raubzeug, von welchem jedes Mitglied mehr Singvögel raubt als zwanzig Liebhaber zusammengenommen und welchem trotzdem noch immer nicht eifrig genug nachgestellt wird. Und nicht einen Eingriff in „die ewigen Rechte der Natur“, oder wie sonst die Phrasen lauten, erlaubt sich der Liebhaber, welcher sich einen Vogel fängt, sondern das ihm der Thierwelt gegenüber ja sonst unverwehrte Recht des Stärkeren übt er aus, wenn er den „freigeborenen Singvogel“ an sich fesselt und Dasselbe thut, was man den hausthierzähmenden Erzvätern salbungsvoll zum Verdienst anrechnet. Demungeachtet stimme ich mit jedem Vernünftigen für Schutz der Vögel durch die Gesetzgebung und für strengste Beaufsichtigung aller Parks, Lustwäldchen, öffentlichen Gärten, Spaziergänge und dergleichen, denn der Liebhaber hat nicht das Recht, sich auf Kosten Anderer einen Genuß zu verschaffen, und mag sich seine Vögel da fangen, wo sie häufiger sind und leichter sich ersetzen: im großen weiten Walde.

Man verzeihe mir diese Abschweifung: es hat mich gedrängt, meine Ansicht einmal an dieser Stelle auszusprechen, weil gegenwärtig mehr als je namenlose und „berühmt gewordene“ Unberufene die veredelnde Liebhaberei zu verdächtigen suchen und mit ihren

[221]

Das Begräbniß im Walde.
Originalzeichnung von Emil Schmidt.

[222] fabrikmäßig hergestellten Aufsätzen alle Blätter überschwemmen. Ich darf die Liebhaberei vertheidigen; denn ich spreche nicht wie ein Blinder von der Farbe und habe, unabhängig von Gloger, die Bitte um Vogelschutz viel eher und mit faßlicherer Begründung ausgesprochen als meine Nachtreter und Nachschreiber, denen ich so viele Verbesserungen nach Art Ballhorn’s verdanken soll.

Im Sinne und Geiste aller wahren Vogelwirthe war es gehandelt, bei meinen Nachbarn um Schutz für die Sängerschaft unserer ländlichen Straße zu bitten. Und ich erreichte auch meine Absicht; man unterstützte mich nach Kräften: der Eine durch Anpflanzung dichter Gehege, der Andere durch Anbringung von Brutkästen, der Dritte durch Pulver und Blei, zu welchem zudringliche Katzen begnadigt wurden. Wir wußten bald alle Nester unserer Schützlinge und unterhielten uns auf dem Wege „zum Geschäft“, von Eiern, jungen und alten Singvögeln.

Der Winter entführte unsere gefiederten Freunde, der Frühling brachte sie wieder. Es waren dieselben, welche uns verlassen hatten: sie bekundeten vom ersten Augenblicke ihres Einzuges an vollstes Vertrautsein mit der Heimath – das war unverkennbar. Unsere Nachtigall zumal hätte ich unter Tausenden wieder erkannt. So wie sie schlug keine zweite ringsum; sie gehörte eben zu den Meistern, welche sich einen mehr oder weniger ebenbürtigen Stamm von Jüngern und Nachfolgern erst heranziehen müssen. Sie jauchzte förmlich auf in ihren Liedern; sie schlug mit einem Feuer und einer Ausdauer wie wenige ihres Geschlechtes. Der Busch vor dem Erker meiner Wohnung war ihr Lieblingssitz und sollte voraussichtlich ihr Nistort werden. Er wurde es nicht.

Am Morgen eines Maitages brachte mir eine Hausgenossin mit feuchten Augen unsere Nachtigall – leblos, noch warm. Sie hatte vor wenigen Minuten geschlagen, hingebend, feurig, jauchzend wie je. Jetzt war sie todt; ihr Leichnam ließ schon den Beginn der Starre vermerken. Ich betrachtete sie von allen Seiten: sie war unversehrt, keine Feder beschädigt, die Mundhöhle trocken, nicht blutig. Der Tod hatte sie hingerafft, plötzlich, ungeahnt; ihr letzter Hauch war klangvoll gewesen! Die Zergliederung, welche ich später vornahm, erhob meine erste Vermuthung zur Gewißheit: ein Schlagfluß hatte ihrem Leben ein Ende gemacht. Die Beobachter, welche von ähnlichen Fällen berichtet, waren gerechtfertigt in meinen Augen.

Warum soll ich es verschweigen? Der Verlust ging mir nahe. Es war mir fast zu Muthe, als ob ein Mensch gestorben wäre. Gleichwohl beschäftigten mich auch andere Gedanken, welche ich solche der Forscherbegierde nennen möchte. Ich hatte eines der Beispiele vom „natürlichen“ Hingange der Vögel erlebt, diesem Hingange beinahe als Beobachter beigewohnt. Von den im Käfige gepflegten Vögeln hatte ich manch einen sterben sehen, von den freilebenden nur in Zeiten höchster Noth einige wenige.

Es ist das eine eigenthümliche, nicht immer leicht zu erklärende Thatsache. Man findet, von allgemeinen Nothständen abgesehen höchst selten eine Vogelleiche, am wenigsten eine, von welcher man mit Bestimmtheit sagen kann, daß der Vogel eines „natürlichen Todes“ gestorben.

Wenn unsere Zugvögel von einem strengen Nachwinter überrascht werden, ist es freilich anders. Sie können sich nicht so leicht zur Rückkehr entschließen, wie diejenigen Arten, welche zuerst bei uns eintreffen und gar nicht selten wieder auf geraume Zeit die bereits eingenommenen Wohnplätze verlassen, sondern zögern, harren, suchen ängstlich nach Nahrung umher, obgleich doch keine zu finden, hoffen noch immer, werden schwächer und matter und verderben.

Ein solcher Nachwinter, welcher vom 7. bis zum 17. April währte, ist mir aus der Kinderzeit noch wohl erinnerlich. Es war bereits der größte Theil unserer Zugvögel eingetroffen; einzelne von ihnen schickten sich schon zum Brüten an. Da wandte sich der Wind und brachte statt der Frühlingsregen tiefen Winterschnee. Und nunmehr räumten Kälte und Hunger entsetzlich auf unter den bedauerswerthen Vögeln. Man fand ihre Leichen zu Dutzenden auf den gebahnten Wegen, wohin sie sich in letzter Noth geflüchtet; wie viele in Busch und Wald zu Grunde gingen, ohne daß man davon ein klares Bild gewinnen konnte, lehrten erst die nächsten darauf folgenden Jahre. Tagtäglich zog der Vater aus mit uns Knaben, ließ uns in der Nähe von Gebüschen den Schnee wegfegen, und streute dann auf diese Plätze Mehlwürmer, Ameiseneier, Semmelkrumen, Käsequark, gemahlenen Hanf und allerhand Gesäme, und tagtäglich erneuerte und vermehrte er seine Klagen um seine Schützlinge, welche fortdauernd massenhaft erlagen. Das Elend ging endlich vorüber; die Dank dem Vorbilde des Vaters wohlgeschützten oder doch nicht von Bubenjägern behelligten Waldungen aber füllten sich erst im Laufe mehrerer Jahre allmählich wieder mit Bewohnern und Klängen.

Aehnliche Nothstände können überall eintreten, auf trockenem Lande wie in den Gewässern, das Meer nicht ausgeschlossen. Ein galizischer Forscher erzählt von Kiebitzen, welche den Folgen eines anderen Nachwinters erlagen; ich fand in einem Palmenwalde Arabiens Hunderte von Leichen unserer Saatkrähe, welche dort dem Menschen sicherlich nicht zum Opfer gefallen waren, ferner an dem reichen, während des Winters aber von den geflügelten Einwanderern übervölkerten Mensaleh-See in Unterägypten Dutzende von verkommenen Enten, und ebenso auf den Vogelbergen Lapplands, welche Millionen von Schwimmvögeln vereinigen, manch’ einen Alk, Lund, sowie Lummen, Teisten und Möven; Faber sah die Tölpel haufenweise todt am Strande Islands liegen und war mehrfach Zeuge, daß Meeresvögel im Vorgefühle des Todes dem Orte zustrebten, auf welchem ihre Wiege gestanden. Diese Beispiele ließen sich vermehren; sie sind jedoch glücklicher Weise selten.

Unter solchen Umständen also findet man Vogelleichen in allen Stufen der Verwesung, während man außerdem jahrelang den Wald durchstreifen kann, ohne eine einzige zu bemerken – Federn oft genug, nicht aber Fleisch und Knochen, Körper mit einem Worte. Die Federn zeigen in den meisten Fällen die Schlachtbank eines Raubvogels an, welcher hier die gefangene Beute zerstückelte und verzehrte, also in seinem Magen begrub und damit Alles erklärte. Aber es werden doch nicht alle Vögel vom Raubzeuge gefressen oder „von Liebhabern gefangen“, fallen doch nicht alle in die Netze der Italiener, Franzosen und Spanier, während sie deren Länder durchfliegen, um nach der Winterherberge oder von ihr in die Heimath zu gelangen, finden doch nicht alle in den Wogen des Meeres ihr Grab, sondern es sterben ihrer sicherlich mehr einzeln, an verschiedenen Krankheiten, der Last des Alters etc., als ihrer den eben erwähnten Gefahren und den geschilderten Nothständen erliegen. Wo kommen sie hin? Wie verschwinden sie? Wer schafft sie weg?

Die Antwort auf diese Fragen darf mit ziemlicher Bestimmtheit lauten: sie werden begraben.

Weit früher, als unter den Menschen üblich wurde, „der Erde zurückzugeben, was der Erde gehört“, verrichteten eine nicht unbedeutende Anzahl von Kerbthieren, insbesondere von Käfern, das Amt des Todtengräbers und thun dieß heute noch. Einzelne danken ihrer Beschäftigung den Namen: sie heißen auch „Todtengräber“, im Volksmunde wie in den Büchern der Wissenschaft. Mit ihnen im Verein, obschon jeder einzelne für sich, wirken noch viele andere Kerfe: die einen, indem sie ihre Eier in den Leichnam legen, so lange er noch nicht begraben wurde, die anderen, indem sie die Fäulnißerzeugnisse gierig auffangen, die dritten, indem sie Muskelfleisch fressen, Bänder und Knochen benagen etc.; nur die Todtengräber aber arbeiten planmäßig und gemeinschaftlich, und sie sind es, welche das Begräbniß ausführen.

Da ihre Thätigkeit schon unzählige Male geschildert worden ist und wohl ziemlich allgemein bekannt sein dürfte, kann ich mich auf wenige Worte beschränken.

Die Todtengräber, meist nächtlich lebende Käfer, erscheinen in der Regel ziemlich bald bei der kleinen Thierleiche, kurze Zeit nach den ersten Schmeißfliegen, welche gleichsam als die Verkündiger des Todes angesehen werden können. Ihr ungemein entwickelter Geruchssinn führt sie zur Stelle. Sie kommen herbeigesummt, untersuchen den Leichnam und den Boden, und beginnen nachdem sich eine gewisse Anzahl von ihnen zusammengefunden, mit ihrer Wirksamkeit. Größere Thierleichen vermögen die Käfer nicht bewältigen, und ebensowenig begraben sie auf harten Boden, welcher ihrer Kraft unüberwindliche Hindernisse bereitet: sie bedürfen eines verhältnißmäßig weichen Grundes für ihren Zweck. Planmäßig verfahren sie insofern, als jeder in einem gewissen Abstande von dem anderen wirkt. Sie kriechen unter den Leichnam, rücken ihn auch wohl ein wenig von der Stelle, werfen die durch Graben losgearbeitete Erde mit den Hinterbeinen auswärts weg, bilden so allmählich einen Hohlraum unter, einen Wall neben dem todten Körper und erreichen dadurch, daß dieser durch seine eigene Schwere in die gebildete Grube hinabsinkt. In dieser [223] Weise fortfahrend, begraben sie nach und nach den Leichnam fast oder thatsächlich fußtief, lassen ihn vollständig von der Oberfläche verschwinden, entziehen ihn anderen Leichenräubern und legen ihre eigenen Eier auf ihm ab, ihrer werdenden Nachkommenschaft die erforderliche Nahrung sichernd.

Solch’ ein Begräbniß ist es, welches unser Künstler in dichterischer Auffassung uns vorführt. Eine Nachtigall liegt todt im Walde, zur Zeit ihrer und seiner Blüthe. Waldröschen, Ehrenpreis und Vergißmeinnicht umgeben sie und das werdende Grab, in dessen Nähe, wie am Eichbaum ersichtlich, schon vormals ein Unglück geschehen; Glockenblumen neigen sich über sie; der Trauermantel wiegt sich über ihr; von der Rose fallen Tropfen wie Thränen auf sie hernieder. Die Grableute sind bereits erschienen. Von oben summt der Todtengräber (Necrophorus vespillo) herab, um sich zu seinen Verwandten (N. humator, mortuorum, sepultor, germamicus und vestigator) zu gesellen; von rechts kriecht ein ebenfalls mitwirkender Kurzflügler heran. Einer aus der Gesellschaft beginnt bereits seine Thätigkeit. Binnen wenigen Stunden werden sie ihr Amt geübt, ihre Arbeit vollendet haben, und von der Nachtigall, welche vielleicht an demselben Morgen in vollem Feuer schlug, wird nur ein kleiner Hügel zwischen und unter den Blumen dem Eingeweihten noch Kunde geben.

Die Auffassung des Künstlers ist dichterisch, aber naturgetreu, wie die Ausführung naturwahr bis zum geringsten Hälmchen, jene deshalb also wohl vollberechtigt.


Blätter und Blüthen.

Eine Volksküche in London. Unter die allerschmerzlichsten der Eindrücke, die der Fremde von einem Aufenthalt aus dem an Gegensätzen so reichen London mit nach Hause nimmt, zähle ich die, welche die sogenannten Sonnabendnachtmärkte auf mich machten. Es sind dies Märkte, die am späten Abend lediglich für die Arbeiter abgehalten werden, welche nach empfangenem Wochenlohne hier ihre armseligen Lebensbedürfnisse für die nächsten paar Tage, das heißt so weit ihre wenigen Schillinge reichen, zu decken suchen. Da war es mir denn immer die traurigste Scene, wenn ich sah, wie die ärmsten der hier verkehrenden armen Weiber um dürftige Stücke schlechten, halbverfaulten oder sonst verdorbenen Fleisches feilschten, während sie mit sehnsüchtigen Augen, mit Blicken, die tief in’s Herz hinein schnitten, die besseren, frischeren und reichlicheren Stücke betrachteten, welche für Leute mit volleren Börsen zum Kaufe auslagen. Jetzt ist Gott sei Dank diesen Jammerscenen einigermaßen ein Ende gemacht, seitdem von Australien aus Massen eingesalzenen und präservirten, aber völlig nahr- und schmackhaften Fleisches nach London kommen, das auch für den ärmsten Arbeiter kein unerreichbarer Leckerbissen ist. Hauptsächlich sind es zwei große Firmen, welche London mit diesen überseeischen Ochsen- und Schafziemern versorgen; die eine ist eine große Actiengesellschaft, die Australian Meat Company, die andere ein Privatunternehmen. Die letztere, die sich lediglich mit Schöpsenfleisch befaßt, hat nun den glücklichen Gedanken gehabt, mitten in einem von Armen bewohnten District am Ostende der Riesenstadt, in Norton Folgate, hinter einem umfänglichen Verkaufslocale zugleich eine Küche zu etabliren, wo die Kunden das in den Vorderräumen erhandelte Fleisch für eine geringfügige Extravergütung sich je nach ihren Wünschen zubereiten lassen und verspeisen können.

Die Umgebungen des Locals sind höchst trübseligen Anblicks, aber das Etablissement gleicht einer Oase in der Wüste, so einladend und schmuck stellt es sich dar. Und man muß sehen, wie das umwohnende Publicum herbeiströmt und die an den Schaufenstern auf das Appetitlichste ausgestellten Delicatessen bewundert: wie es die Kupferpence in seinen Taschen mustert und, wenn das Resultat der Revision günstig, die Schwelle des culinarischen Paradieses überschreitet, von den minder Glücklichen, welche sich nur an dem Anblick von außen laben können, beneidet und als Notabilitäten bestaunt! Das Gedränge um den Ladentisch, der eine passende Auswahl aller der gebotenen Genüsse in decorativer Anordnung enthält, ist immer lebensgefährlich; hier sucht sich das Publicum aus, was seinen Gelüsten und dem Stande seiner Casse entspricht, nimmt sich dann die auf einem Seitentische aufgestapelten Teller und Schüsseln und verfügt sich damit in das eigentliche Speisegemach, einen kolossalen Saal, den lange Reihen von Tafeln und Bänken von einer Ecke bis zur andern ausfüllen. Die Fluthzeit des Etablissements währt von zwölf bis zwei Uhr Nachmittags; während derselben pflegt jedes Räumchen des gewaltigen Locales besetzt zu sein, und zwar sieht man darin neben den Vertretern der ärmsten Classe der Londoner Bevölkerung, neben dem offenbaren Bettler in zerlumpter Kleidung (der eigentliche Strolch und Dieb vermeidet dergleichen auf Anstand und Ordnung haltende Localitäten) Leute von ganz respectablem Aeußern, meist Schreiber und Commis, welche, bei einem geringfügigen Jahresgehalte von fünfzig bis hundert Pfund Sterling, die Gelegenheit, um billigen Preis ein sättigendes Mittagsmahl zu erhalten, mit Freuden ergreifen. Der gewöhnliche Betrag eines jeden der verabreichten Gerichte ist ein Penny; wer sich den Luxus von zwei Pence gestatten kann, wofür er zu seiner Schüssel noch gedämpfte Kartoffeln erhält, der gilt nach den Begriffen von Norton Folgate schon für einen Lucullus.

Wie schon erwähnt, bietet das Etablissement ausschließlich Schöpsenfleisch feil, bereitet dies jedoch in einer Menge verschiedener Gestalten zu. Das Fleisch ist vor dem Transport leicht eingepökelt worden und hat durch die lange Reise nichts von seiner Frische und seinem Wohlgeschmack eingebüßt. Für etwas bemitteltere Kunden importirt man auch präservirtes Fleisch in hermetisch verschlossenen Zinnbüchsen; dies wird vorher bereits gekocht und kommt das Pfund ungefähr auf sechs Pence oder fünf Silbergroschen zu stehen. Im Durchschnitt zählt das Local, außer der großen Menge von Kunden, die sich das erkaufte Fleisch mit nach Hause nehmen, Tag aus Tag ein mehr als tausend Tischgäste – während der verflossenen Weihnachtszeit stieg die Ziffer auf nahezu das Doppelte – so daß die Firma, obwohl bei Weitem die meisten dieser Gäste nur je einen Penny anlegen können, dennoch prosperirt. So gereicht, ein treffendes Beispiel von der nationalökonomischen Bedeutung des Welthandels, der Ueberfluß eines viele Tausende von Meilen entfernten Erdtheils der europäischen Armuth zum Segen.

H. S.


Physiologische Wirkungen des Bergsteigens. Ein bekannter Alpentourist hat vor Kurzem die Resultate sehr interessanter Experimente veröffentlicht, die er, mit einem außerordentlich feinen Apparat zur Messung von Temperatur und Circulation des Blutes und der Intensität des Athmens versehen, während einer Besteigung des Montblanc anstellte. Bis zur Höhe von dreitausendfünfhundert Fuß spürte er in der erwähnten Beziehung überhaupt keine Einwirkung; von da an jedoch trat eine merkbare Veränderung dieser Erscheinungen des Organismus ein. Bis zu zehntausend Fuß war die Veränderung noch eine sehr geringe, namentlich bei Denen, welche wußten, wie man hohe Berge zu ersteigen hat, nämlich mit gesenktem Kopfe, um die Mündungen der Athmungscanäle zu vermindern, so daß man nur durch die Nase die Lust einströmen läßt, während man den Mund fest geschlossen hält und irgend einen kleinen Gegenstand, eine Nuß, ein Steinchen oder dergleichen, hinein nimmt, der die Speichelabsonderung vermehrt. Ueber zehntausend Fuß hinaus aber wuchs die Anzahl der Athmungsbewegungen, welche bis dahin etwa vierundzwanzig in der Minute betragen hatte, zu sechsunddreißig pro Minute an, und der Athem selbst wurde kurz und schwer.

Diese Versuche stellten heraus, daß das ein- und ausgeathmete Luftquantum weit geringer war als in der Ebene und immer mehr abnahm, je höher man stieg, während zugleich nur sehr wenig Sauerstoff mit dem Blute in Berührung zu kommen schien. Wenn auch langsam und allmählich, so beschleunigte sich die Blutcirculation doch mit jedem Schritte, den man höher hinauf that, so daß die Zahl der Pulsschläge, die tiefer unten sich höchstens auf vierundsechszig in der Minute belaufen hatte, in der Nähe des Gipfels bis zu hundertundsechszig und selbst mehr stieg. Das Blut schien mit außerordentlicher Geschwindigkeit durch die Lungen zu passiren, welche, im Verein mit dem immer sparsamer werdenden Sauerstoffe, eine unvollkommene Oxygenation zur Folge hatte. Auf der Spitze selbst waren die Adern an Kopf und Armen geschwollen, und Gesichtsblässe und eine peinliche Schläfrigkeit traten ein; selbst nach einer längern Zeit absoluter Ruhe blieben die Pulsschläge noch immer neunzig bis hundert in der Minute. Die innere Körperwärme schwankte sehr erheblich; von ihrem gewöhnlichen Niveau fiel die Temperatur bis auf dreiundzwanzig Grad Réaumur – eine sehr beträchtliche Abnahme. Nach einigen Minuten stieg die Körperwärme indeß wieder bis nahezu auf ihre normale Höhe. Während dieser Temperaturverminderung nahm der Verdauungsproceß keinen Fortgang, was beweist, wie praktisch die Maßregel der Schweizer Führer ist, alle zwei bis drei Stunden etwas zu essen. Diese Temperaturverminderung entsteht jedenfalls dadurch, daß sich die Wärme in mechanische Kraft verwandelt, die unter gewöhnlichen Umständen sich unablässig wieder ersetzt. Auf hohen Bergen aber und besonders auf steilen, schneebedeckten Graten ist eine größere Summe von Wärme zu dieser Verwandelung erforderlich, als der menschliche Organismus liefern kann, und hieraus entspringen die Abkühlung des Körpers und die Nothwendigkeit, öfters auszuruhen, um den gehörigen Wärmegrad wieder herzustellen. Die Schnelligkeit des Blutumlaufes ist wahrscheinlich auch eine der Ursachen dieser Temperaturerniedrigung, da das Blut nicht Zeit genug behält, sich in den Lungen mit dem Sauerstoff in der Luft zu verbinden.


Die Beethovenfeier, welche das deutsche Volk am 17. December dieses Jahres begeht, scheint eine des unsterblichen Meisters und der Nation, welche ihn ihren Sohn nennt, gleich würdige zu werden. Die Vorbereitungen mehren sich von Tag zu Tag und sie bekunden, daß alle Gauen unseres Vaterlandes in Beethoven einen der größten und erhabensten Geister verehren, welche die deutsche Erde gebar. Da auch die Bühnenvorstände nicht säumen werden, dem Schöpfer des „Fidelio“ den Tribut ihrer Dankbarkeit zu zollen, so halten wir es für unsere Pflicht, sie auf ein Schauspiel aufmerksam zu machen, welches durch das Lebensvolle, Dramatische seiner Composition, durch die aus warmem Herzen quellende Poesie seiner Ausführung und durch den das Ganze erfüllenden volksthümlichen Hauch vor Allem bestimmt scheint, an Beethoven’s Festtag das Volk in würdigster Weise zu erheben und zu begeistern.

Wir meinen Herman Schmid’s „Beethoven“, der, im vorigen Jahre geschrieben, bereits an mehreren Bühnen mit durchschlagendem Erfolg gegeben und namentlich am Josephstädtischen Theater in Wien, dann in Berlin und Petersburg mit Enthusiasmus aufgenommen wurde.

„Beethoven“ ist ein „Lebensbild“, welches, reich und, effectvoll mit Beethoven’scher Musik ausgeschmückt, das rührende Verhältniß des gewaltigen Mannes zur Gräfin Giulietta Guicciardi darstellt, ein erschütterndes Bild jener Zeit vorführt, da der Meister von dem größten Unglück, das auf sein Haupt fallen konnte, von der Taubheit getroffen durch das Leben [224] wandelte, und das mit der Apotheose des großen Tondichters schließt. In Berlin wie in Petersburg war die Hauptrolle in den Händen von H. Hendrichs, der am 23. Januar, unmittelbar nach der Aufführung des „Beethoven“ im Alexander-Theater zu Petersburg, an den Dichter schrieb: „Ihr ‚Beethoven‘ erregte Fanatismus! Ich wollte, Sie wären zugegen gewesen, um den Jubel mit anzuhören, den Ihr Werk in dem vollen Hause erregte! Ich bin außer mir vor Freude! Denken Sie, am Schlusse des Stückes rief mich die begeisterte Menge neunmal und während der übrigen Acte zehnmal hervor und das Alles verdanke ich Ihnen. … In Berlin hat Ihr ‚Beethoven‘ großen Erfolg gehabt, hier einen weit größeren. Im letzten Acte blieb kein Auge thränenleer.“

Wir glauben keine Indiscretion gegen den Dichter zu begehen, indem wir die vorstehenden Zeilen, welche durch Privatmittheilung in unsere Hände gekommen sind, ohne sein Wissen veröffentlichen; die deutschen Bühnen aber werden auf das Zeugniß einer Autorität wie Hendrichs gewiß nicht zögern, nach Schmid’s „Beethoven“ zu greifen und durch seine Darstellung auf ihren Bühnen die Säcularfeier des großem mit seinem ganzen Dichten und Trachten tief im Volke wurzelnden, unsterblichen Meisters würdig zu begehen.


Noch einmal der schwarze Herzog. Zu dem in Nr. 8 der Gartenlaube gebrachten Artikel „Der Zug des schwarzen Herzogs“ erlaube ich mir eine Episode hinzuzufügen, welche möglicherweise Aufschluß geben kann, wodurch der Herzog gezwungen wurde, den Kampf mit dem Obersten Wellingerode aufzunehmen, der nicht zufällig nach Halberstadt kam, sondern Ordre hatte, dem Herzog den Weg nach der Weser zu verlegen.

Es war im Juni des Jahres 1809, als einige Officiere und Mannschaften des in Stralsund zersprengten Schill’schen Corps im Gasthofe zum „grünen Röckchen“ im Dorfe Ritterode bei Hettstädt (damals dem Königreich Westphalen einverleibt) anhielten, um sich und ihren Pferden nach einem angestrengten Ritte einige Erholung zu gönnen. Unwahr ist die von Einigen behauptete Thatsache, daß die Officiere das von ihnen Geforderte nicht bezahlt hätten.

Die Anwesenheit dieser von Kassel aus als Räuber gebrandmarkten Patrioten wurde dem damaligen Maire, Amtmann Lieberkühn in Meisberg, angezeigt, der sich sofort auf’s Pferd setzte und, da ihm eine ausreichende bewaffnete Macht nicht zu Gebote stand, im Verein mit dem Advocaten Helm in Hettstädt, die dasige Bürgerschützen-Compagnie aufbot und mit dieser, die sich mit Waffen jeder Art versehen hatte, gegen Ritterode zog, um die „Räuber“ aufzuheben. Die Officiere waren indeß durch Patrioten gewarnt und kamen dem bewaffneten Haufen entgegengeritten. Der älteste Officier erklärte, daß sie keine kriegerischen Absichten, gegen deutsche Bürger hätten, sondern sich nur im Kriege mit Napoleonischen Truppen und deren Verbündeten befänden, er appellirte an den Patriotismus und bat, sie ungehindert ziehen zu lassen, und ihre Absicht, sich den in Böhmen zusammengezogenen Schaaren des Herzogs von Braunschweig anzuschließen, nicht zu durchkreuzen.

In diesem Augenblicke fiel ein Schuß aus dem Haufen, nach Einigen von einem Schützen, nach Anderen von einem mitanwesenden westphälischen Gensd’armen abgefeuert, und ein Mann, ein Wachtmeister, wurde dadurch sofort getödtet.

Der Officier beruhigte seine Waffengefährten, die die Säbel gezogen hatten, und rief den Führern noch zu, daß er, obwohl er mit seinen wenigen Mann unter den unorganisirten Haufen ein schreckliches Blutbad anrichten könne, doch darauf verzichte, die Verantwortung für diese That den Führern überlasse und die Strafe einer späteren Zeit vorbehalte. Er ritt, von seinen Gefährten und dem Geschrei des verblendeten Haufens gefolgt, im Galopp davon.

Die Strafe für diese That ließ nicht lange auf sich warten. Am 26. Juli Nachmittags zog ein kleines Heer, Infanterie, Cavallerie und einige Geschütze, von Helmsdorf auf Hettstädt zu, welches, sobald es die Hettstädter Flur betrat, die gebahnten Wege verließ und durch das in üppigster Fülle stehende Korn auf die sogenannte Trotzwiese zu marschirte, woselbst es Bivouac bezog. Gleichzeitig ritten einige Husaren in die Stadt ein und durchsuchten das Haus des Advocaten Helm, um ihn für die an den Schill’schen Officieren ausgeübte Verrätherei zu bestrafen.

Durch Zufall war derselbe nicht zu Hause und konnte sich, rechtzeitig gewarnt, nach dem Harze retten. Der Herzog ließ den Maire kommen und gab vierundzwanzig Stunden Frist zur Herbeischaffung der schon oben genannten Herren, während er im andern Falle mit Einäscherung der Stadt drohte. Als nach Ablauf dieser Frist die beiden Führer nicht zur Stelle waren, unternahmen es zwei junge Mädchen, Geschwister Schröder, den Herzog fußfällig um Zurücknahme des, wie es heißt, schon gegebenen Einäscherungsbefehls zu bitten. Der Herzog willfahrte dem Flehen und verließ nach zweitägigem Aufenthalt am 28. Juli Hettstädt, um sich über Quedlinburg nach Halberstadt zu begeben, welches leider schon vor ihm vom Wellingerode erreicht war, was den Herzog zwang, den Kampf aufzunehmen.

Die Stadt Hettstädt mußte zur Strafe die während der zwei Tage von den Truppen des Herzogs nicht allzu sparsam gebrauchte Fourage und Lebensmittel aller Art bezahlen und hat dadurch eine Schuldenlast von vierzehntausend Thaler bekommen, an welcher die sonst arme Stadt noch heute amortisirt. Noch sei erwähnt, daß bei den erwähnten Schill’schen Officieren ein Herr v. Münchhausen sich befand, der, nach dem Frieden und nachdem jene Gegend zu Preußen geschlagen war, Landrath des Mansfelder Gebirgskreises wurde und seinen Wohnsitz in Hettstädt hatte, der Stadt, deren Bewohner ihn als Räuber einfangen wollten.


Eine Dampfmaschine in Miniatur. Ein erfinderischer Mechaniker Nordamerikas, Trafton mit Namen, ist, wie uns von daher berichtet wird, soeben mit der Construction einer wahrhaft wunderbaren Dampfmaschine beschäftigt. Es wird eine Maschine in winziger Miniaturausgabe werden; das ganze Metall, aus welchem sie besteht, liefert ein halber Dollar in Silber, und wenn das Werk vollendet ist, wird es in einem Glaskasten von dreiviertel Zoll im Durchmesser Platz haben. Der Cylinder hält blos ein sechszehntel Zoll im Durchmesser, und im gleichen Verhältniß stehen alle anderen liliputanischen Dimensionen des Baus. Der Dampfkessel ist groß genug, um genau acht Tropfen Wasser zu umfassen, und die Hälfte dieses Quantums wird die Maschine mehrere Minuten lang in Gang setzen. Indeß sind schon früher in England noch viel kleinere Maschinen hergestellt worden. Ein geschickter Modellbauer in London hat mehrere der ungeheuren Maschinen, wie sie die großen Kriegsdampfer brauchen, in so kleinem Maßstabe nachgebildet, daß sie auf einem Kupfer-Fünfpfennigstücke stehen können; dabei sind alle Verhältnisse der Originale auf das Genaueste wiedergegeben, und das Ganze ist in allen seinen Theilen so correct und vollendet, daß das allerliebste Spielzeug wirklich arbeitete! Derselbe Künstler, ein Uhrmacher seines Zeichens, baute ein mit nöthigen Erfordernissen ausgestattetes Miniaturdampsschiff, welches durch die erwähnte kleine Maschine allen Ernstes in einem Wasserglase in Bewegung gesetzt wurde. Leider starb der merkwürdige Künstler sehr früh; sonst würde die Welt sicher mehr von ihm gehört haben.


Die Ausnützung der Transportmittel auf den Eisenbahnen. Wir erwähnten in unserem Artikel „Sicherheitsapparate auf der Eisenbahn“ in Nr. 13 der Gartenlaube die ungeheure Zahl von Personen- und Güterwagen aus aller Herren Länder, welche sich fortwährend auf den Eisenbahnlinien bewegen. Nun ist es aber irrig zu glauben, daß diese Wagen auch in ihrem ganzen Verhältniß fortwährend benutzt werden. Daß der vorhandene Wagenpark nützlich und zweckmäßig verwendet werde, ist allerdings eine der wesentlichsten Aufgaben einer jeden Bahn; wie schwierig das aber ist und wie viel daran fehlt, sehen wir am besten daraus, daß von den circa einhundertundzwanzigtausend Güterwagen der deutschen Vereinsbahnen die größere Hälfte immer leer läuft, denn der größte Theil der auf eine fremde Bahn gesendeten beladenen Wagen kommt leer, also nutzlos zurück: von der ganzen Tragfähigkeit eines Wagens werden jährlich durchschnittlich nur achtunddreißig Procent in Anspruch genommen. Noch ungünstiger ist dieses Verhältniß bei den Personenwagen. Die zwölftausend Personenwagen der deutschen Vereinsbahnen mit einer halben Million Sitzplätzen laufen manche liebe Meile leer herum, im Durchschnitt sind bei ihnen jährlich von sämmtlichen Plätzen nur dreißig Procent benutzt worden; die Ungleichheit des Verkehrs auf den einzelnen Linien der nur in der Nähe großer Städte seine entsprechende Höhe erreicht und hier bei einem Zuge alle Plätze verbraucht, die Reise- und Badesaison des Sommers, die alle Coupés vollpfropft, und dann wieder der lange Winter mit seinen wenigen vermummten Passagieren geben die Erklärung. Trotzdem reichen weder Personen- noch Güterwagen hin, um den in Folge immer neu eröffneter Bahnen sich täglich steigernden Verkehr zu bewältigen, es müssen deshalb jedes Jahr noch siebenhundert Personen- und zehntausend Güterwagen mehr gebaut werden.


Fr. Gerstäcker ist vor Kurzem das Unglück passirt, seinen Namen auf dem Titel eines Romans zu sehen, den er gar nicht geschrieben hat. Ein holländischer Buchhändler und zwar ein deutsch-holländischer hat sich die Freiheit genommen, flottweg auf eine Schauder-Erzählung, „New-York bei Tag und Nacht“, den Namen Gerstäcker als Autor zu setzen, obwohl Gerstäcker weder direct noch indirect als Uebersetzer dabei betheiligt ist. Selbstverständlich ist von Gerstäcker sofort eine energische Erklärung gegen diesen Unfug erlassen worden, die erfreulicherweise von allen größeren holländischen Zeitungen aufgenommen wurde.


In dieser Stunde.


In dieser Stunde denkt sie mein,
Ich weiß, in dieser Stunde!
Die Vögel schlafen groß und klein
Es schlafen die Blumen im Grunde.

5
An blauem Himmel hell und klar

Stehn tausend Sterne wunderbar,
Sie schaut hinauf und deutet mein,
Ich weiß, in dieser Stunde.

Sie sitzt wohl einsam und allein.

10
Ich weiß, in dieser Stunde,

Und flüstert wohl den Namen mein
Halbleise mit schüchternem Munde.
Sie schickt mir Grüße lieb und schön
und winkt mir zu, als könnt’ ichs sehn,

15
Sie weint um mich und denket mein,

Ich weiß, in dieser Stunde.

Gute Nacht und schließ’ die Aeugelein,
Gute Nacht in dieser Stunde!
Ich will im Traume bei dir sein

20
Mit fröhlicher, seliger Kunde:

Von einem Tag, o, träume du,
Wo ich in deinen Armen ruh’;
Ja, bis dahin gedenke mein,
Jetzt und in jeder Stunde!

Robert Prutz