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Autor: Verschiedene
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Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
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Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum: 1867
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: commons
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[577] No. 37.
1867.
Die Gartenlaube.
Illustrirtes Familienblatt. – Herausgeber Ernst Keil.


Wöchentlich 1 1/2 bis 2 Bogen.     Vierteljährlich 15 Ngr.     Monatshefte à 5 Ngr.


Der Habermeister.
Ein Volksbild aus den bairischen Bergen.
Von Herman Schmid.
1.

„Kruzitürken, was ist denn das für ein Wirthshaus, wo man die Leut’ verdursten laßt? Eingeschenkt oder die Kellnerin aufgehängt!“ so schrie, ungeduldig mit dem Zinndeckel eines Steinkruges klappernd, ein dickleibiger Mann in halber Bauerntracht, der eben vor dem Wirthshause an der Kreuzstraße angekommen war und neben den zum Eingange hinaufführenden Stufen Platz genommen hatte. Das Gasthaus mit den blanken, weißgetünchten Wänden, den vielen hellen Fenstern und den grünen Läden dran, mit dem stattlich verzierten hohen Giebel stand recht einladend in Mitte einer großen Waldblöße, gerade da, wo zwei bedeutende Straßen senkrecht einander kreuzten. Der Wald war nach allen Seiten ziemlich weit zurück gelichtet, bis an seine Ränder hin wechselten grüne Wiesenstreifen mit braunen Ackerbreiten und leeren Saatfeldern, auf denen die Stoppeln mit weißen, lang hin wehenden Spinnenfäden wie mit geschwenkten Fahnen verkündeten, daß der Herbst bereits ernstlich seinen Einzug gehalten. Es war hohe Mittagszeit, der Sonnenschein legte sich hell und heiß auf Wald und Blöße und wenn manchmal ein leiser Lufthauch vorüberstrich, brachte er den Harzduft der Tannen mit, den die Schwüle ausgebrütet unter dem dunklen, grünen Gezweig.

Nirgends war Schatten zu erspähen; nicht einmal an den schmalen Sitzreihen und den noch schmäleren Tischen vor dem Wirthshause, nur über den Heckenzaun des grasigen Baumgartens sahen die Kronen einiger Obstbäume herüber – der Bauer verschmäht es, für die Bequemlichkeit eines schattigen Sitzes zu sorgen, und wenn er zur Schenke geht, hockt er am liebsten enggedrängt in niedriger Stube, fast als wollte er sich flüchten und abschließen vor der freien Natur, der er sonst tagüber angehören muß.

Der Stufenvorsprung des Eingangs mit seinem Dachgebälke und dem schräg davon abfallenden Schatten bildete das einzige kühle Plätzchen und war deshalb gleich den andern Tischen und Bänken bereits vollauf mit Gästen besetzt; dennoch war der ankommende dicke Mann in Hemdärmeln, den Rock über die Achsel geworfen, einen derben Stock in der Hand und einen noch derberen Fanghund hinter sich, unbekümmert und fest geradezu auf den kühlen Winkel losgesteuert, gleich als verstände es sich von selbst, daß da und nirgends anderswo ein Platz für ihn vorhanden sein müsse. Er täuschte sich auch nicht in dieser Erwartung, denn die bereits seßhaft gewordenen Bauern hatten bei seinem Erscheinen nichts Eiligeres zu thun, als recht nahe aneinander zu rücken, damit er ja in der innersten Ecke, wo es am bequemsten und kühlsten war, seine Stelle finde: unverkennbar, weil er sich selbst das Ansehen gab und weil er reich war; das verrieth nicht nur die schwere Reihe von Silbermünzen, welche als Knöpfe über den stattlichen Bauch spannten, sondern noch mehr der breite, wohlgefüllte lederne Geldgürtel um seine Hüften. Während er sich mit aller Wucht auf den Brettersitz niedergleiten ließ, löste er den Gurt und warf ihn wie achtlos neben sich, trocknete sich mit dem Hemdärmel den Schweiß von dem fetten, rothen Gesicht und erwiderte mit gnädigem Nicken die Grüße der Anwesenden, welche ihn willkommen hießen.

Zur andern Seite des Stufenaufgangs, in der gegenüberliegenden Ecke, fast unmittelbar neben der Thür des Pferdestalls, war ebenfalls eine Bank mit einem gebrechlichen Tische davor angebracht; an diesem saß, völlig abgeschieden von den übrigen Anwesenden, ein einzelner Gast, ein Bauer von hagerer Gestalt und mit magerem, verkümmertem Angesicht, das durch die graugemischten Stoppeln des nicht abgenommenen Bartes einen Ausdruck von Verwilderung und Verkommenheit erhielt, welcher durch den schadhaften und unsaubern Anzug nur erhöht wurde. Ein schmieriger, großer Sack, der neben ihm unterm Tische lag und durch dessen Löcher allerlei bunte Lappen hervorsahen, ließ erkennen, daß es das Wandergewerbe des Lumpensammlers war, was er betrieb. Niemand kümmerte sich um den Abgesonderten, er aber schien wohl wahrzunehmen und zu hören, was an den andern Tischen geschah, denn auch er versäumte nicht, dem Angekommenen seinen Gruß zuzurufen.

Dieser wendete sich halb nach der Richtung, von welcher der Ruf kam, und blickte den Mann, als wollte er sich überzeugen, daß er recht gesehen und gehört, mit einem kurzen Blicke höhnischer Verwunderung an, dann wandte er sich, ohne einen Laut zu erwidern, geringschätzig ab und rief den Uebrigen mit lauter Stimme zu: „Wie kommt denn der Lump daher? Darf der sich noch in einem Wirthshaus blicken lassen unter ehrlichen Leuten?“

Ueber die Wangen des Ausgestoßenen flog eine rasche Röthe, er drehte sich ab und stützte Kopf und Gesicht, wie um sie zu verbergen, in die aufgestemmten Hände, dann erhob er sich halb, es war, als kämpfte er mit sich selbst, ob er schweigend sich entfernen und der Unbill weichen, oder ob er derselben zur Abwehr entgegentreten solle.

Die Bauern hatten vorher auch nicht mit einem Blicke auf [578] ihn geachtet, und wenn sie ihn gewahr geworden, so waren sie mit seiner stillschweigenden Ausschließung ganz einverstanden, daß aber der reiche Metzger ihm das so laut und rauh zu hören gab, brachte die gutmüthigen Leute dennoch in Verlegenheit und der dem neuen Gaste zunächst Sitzende, ein alter Bauer mit freundlichem, rothem Gesicht und stattlichem, weißem Schnauzbart, brachte es nicht über’s Herz, demselben anders zu antworten, als mit halb unterdrückter Stimme: „Es ist der Nußbichler Alis – er wird wohl auf seiner Wanderschaft da sein und Hadern suchen…“

„Da in der Einöd’? An der Kreuzstraßen?“

„Oder er hat davon gehört, daß wir heut’ Alle vom Bezirksamt daher bestellt sind. Ihr müßt wissen, daß wir Osterbrunner Bauern einen Streit haben mit den Hungerleidern von der Westerbrunner Gemein’ wegen der Vermarkung an unsern Gemeindewald, da soll heute die Grenz’ begangen werden: vielleicht will er auch dabei sein.“

„Aber ist er denn nicht längst von Haus und Hof?“

„Freilich, das Gütl ist ihm längst verkauft worden, vom Gericht aus, aber er glaubt, es wär’ ihm Unrecht geschehen und er müßt’ es einmal wieder bekommen, und da stellt er sich überall ein, wo die Gemeind’ zusammenkommt; er meint, er thät sich was vergeben, wenn er wegblieb’, und so schaut man nit auf ihn, laßt ihn halt geh’n!“

„Aber das soll man nicht!“ rief der Metzger wieder, herausfordernd und laut wie zuvor. „Einen solchen Menschen sollt’ man gar nicht mehr leiden in der Gemeinde, und ehe drei Wochen in’s Land gingen, müßt’ er mir draußen sein aus dem Dorf, als wenn er nie drinnen gewesen wär’! Ist denn nit im vorigen Herbst bei ihm Haberfeld getrieben worden? Das ist ja schlimmer, als wenn er im Zuchthaus gewesen oder am Pranger gestanden wär … mit einem Solchen thät ich nicht viel Federlesen machen, aber das versteht Ihr halt nicht, Ihr seid und bleibt halt Bauern!“

Der Betroffene saß unbeweglich, als hätt’ ihn ein Krampf ergriffen und erstarrt, die Bauern hörten zu und nickten mit verlegenem Lächeln. „Wir haben erst gar nit gesehen, wer drüben gesessen ist an dem Katzentischel,“ sagte der Weißbart wieder, „wir sind gar zu verwundert gewesen, wie wir Enk (Euch) gesehen haben, Herr Staudinger … daß Ihr so zu Fuß daher kommen seid und völlig allein! Geht’s Oes (Ihr) denn jetzt selber in’s Gäu?“

„Muß ich denn nicht?“ erwiderte der Dicke in neuem, steigendem Aerger. „Hab’ meinen Knecht, den Steffel, nach Unterwies bestellt mit dem Schweizerwagerl – aber er ist nicht ’kommen und wird sich gewiß irgendwo in einem Wirthshaus festgesoffen haben, der Hallunk’! So hab’ ich wohl auf Schusters Rappen weiter gemußt; thut auch schon Noth, daß man sich selbst rührt, wenn noch etwas herausschauen soll bei der Handelschaft – auf die Knecht’ darf man sich nicht mehr verlassen und mit Euch Bauern kann man gar nicht genug auf der Hut sein, denn Ihr seid Spitzbuben Alle mit einander!“

Die Bauern lachten wieder; sie nahmen es hin, daß der Allen bekannte reiche Viehhändler sich herabließ, mit ihnen seine gnädigen groben Späße zu treiben. „Und dazu eine solche Hitz’!“ fuhr er fort. „Als wenn’s auf die Hundstäg’ losging und net auf den October! Und weil ich grad so nah’ dran vorbei ’kommen bin, hab’ ich auch noch einen Umweg gemacht und bin auf den Steinberg hinauf in den Grundnerhof und hab’ gedacht, ich werd’ ein paar ordentliche Kalbeln erwischen, und hab’ richtig einen wirklichen Metzgergang gemacht…“

„Ja warum denn? Seid’s nit handeleins ’worden?“ fragte Einer.

„Nein,“. sagte der Metzger und lachte schon voraus über den Spaß, den er wieder auszusprechen im Begriff war; „ich hab’ den Grundner gar nimmer angetroffen, er ist selber schon verhandelt gewesen mit Haut und Haar – grad’ am Abend zuvor hat er’s gar gemacht und ist gestorben…“

„Was? Gestorben? Der alte Grundner?“ rief es aus dem Munde der Zunächstsitzenden wie mit Einem Laut und wie der Funken am Zündfaden durchrannte die Nachricht die ganze ländliche Versammlung; Worte des Bedauerns, Ausdrücke der Verwunderung antworteten von allen Seiten und zeigten, daß der Geschiedene nicht blos ein vielbekannter, sondern auch ein biederer Mann gewesen sein mußte, dem die Achtung und Liebe Aller gehörte, die ihn kannten. Ein paar ältere Männer warfen sich bedeutsame verstohlene Blicke zu, als wollten sie sagen: wir wissen es am besten, was für ein deutscher Mann er war und was die ganze Gegend an ihm verloren hat und wie so bald Keiner zu finden sein wird, der ihn ersetzen kann. Das Gespräch summte eifriger; man wollte wissen, wie das geschehen und was so in der Geschwindigkeit über den noch so rüstigen Mann gekommen sei, dem man trotz des fast erreichten Siebzigers weder das Alter angesehen, noch ein Abnehmen der Kraft. Andere aber meinten, er sei in der letzten Zeit doch nicht mehr so recht der alte baumfeste und gemüthliche Grundner gewesen, wie vor einem Jahre; schon im letzten Auswärts sei eine Schwäche über ihn gekommen, von der er sich nicht mehr zu erholen vermocht – er habe sich eben niemals Ruhe gegönnt und habe geschafft und gearbeitet früh und spät, und wenn Jemand auf ihn angestanden und auf seine Hülfe, so sei er bereit gewesen jede Stunde in der Nacht.

Und wieder blickten die Alten sich bedeutsam an und nickten, als wollten sie sagen: wenn wir reden dürften, wir wüßten es wohl am besten, was er Alles gethan.

„Aber wie ist denn das,“ rief Meister Staudinger, das ihn nicht anziehende Gespräch unterbrechend, und schlug mit seinem Stecken über den Tisch, daß die Krüge hüpften und die Teller klangen; „bekomm’ ich gar kein Bier in dem Haus? Kruzitürken, die Kellnerin überstaucht sich die Füß’ nicht auf der Kellerstiegen. Wenn ich der Wirth an der Kreuzstraßen wär, der wollt’ ich das Springen lernen…“

„Noch ist Keiner verdurst’t an der Kreuzstraßen,“ erwiderte ruhig die Gerufene, welche eben, einen einzelnen Krug in der Hand, die Eingangsstufen herabkam und die letzten Worte vernommen hatte, „und was das Lernen angeht, dazu gehören allemal Zwei…“

Das Mädchen war eine eigenthümlich schöne, in dieser Umgebung und der bäurischen Tracht fast überraschende Erscheinung; der kräftigen und doch feinen Gestalt entsprachen vollkommen die füllreichen und doch zierlichen Formen. Die Farbe des von reich geflochtenen lichtbraunen Zöpfen umrahmten Gesichts war beinahe bleich, aber ein Hauch der Frische, der darüber hinging, zeigte, daß das nicht Kränklichkeit war, sondern nur ungewöhnliche Feinheit und Zartheit. Um den kleinen, zum Lächeln bereiten Mund schwebte etwas wie anmuthige Schalkheit, aber darüber in den braunen Augen wohnte als Hüter ein so entschiedener Ernst, daß sie nicht auskam und der Gesammtausdruck zwar auf den ersten Blick freundlich gewinnend anzog und dennoch gleichzeitig mit strenger Unnahbarkeit wieder von sich stieß. Es war beinahe, als ob ein an feinere Verhältnisse gewöhntes Wesen nothgedrängt sich in die rauhere Hülle und Umgebung geflüchtet und nun, ganz in sich zurückgezogen, mit scheuer Vorsicht darüber wache, daß kein Störer entweihend eindringe in das Heiligthum ihres Geheimnisses.

Sie wandte sich mit dem Kruge der Stelle zu, wo der Ausgestoßene saß.

„He da!“ schrie der Metzger, der sie verblüfft betrachtete und anhörte, „hat die Person keine Augen im Kopf? Auf meinen Tisch, da zu mir her gehört das Bier…“

„Der Mann da hat früher bestellt,“ erwiderte ruhig das Mädchen, indem es dem Einzelnen neben dem Pferdestall mit dem üblichen ‚Gesegn’ es Gott’ den Krug hinstellte.

„Na, der hätt’ wohl warten können!“ knurrte der Meister; „ich mein’, wenn Unsereins da ist …“

Er vollendete nicht, denn das Mädchen hielt jetzt, den Fuß auf die erste Stufe setzend, unmittelbar vor ihm an und blickte ihn mit den großen dunklen Augen so fest und ernst in’s Gesicht, daß er darüber den Faden seiner Rede verlor.

„Warten?“ sagte sie. „Warum etwa? Der Sechser von dem armen Menschen ist accurat so viel werth, als der von jedem Andern und wenn’s der reichste Viehhändler und Kornkipperer wär’ – und bei mir daheim heißt’s allemal, wer zuerst kommt, der mahlt zuerst!“

Damit verschwand sie im Hause und überließ den Metzger, der mit offnem Munde und aufgesperrten Augen da saß, seiner Verwunderung. „Kruzitürken!“ stieß er endlich beinahe stammelnd hervor, „das ist ja wieder was ganz Neues! Die Person hat der Kreuzwirth wohl eigens eingestellt als Zuwider-Wurzen, damit sie den Leuten über’s Maul fährt und den Gästen Grobheiten macht? Wie heißt denn das Schatzerl, das nette? Wo ist sie denn her, damit man doch weiß, wo die Sorten wachst?“

[579] Die Kellnerin kam zurück und brachte den lang ersehnten Krug mit Zubehör; freundlich, als ob nichts vorgefallen, schenkte sie das Glas aus dem schäumenden Kruge voll und sprach dazu ihr offenes „Gesegn’ es Gott“. Der Metzger aber that, als gewahre er sie nicht, er saß abgewendet und unterließ es auch, den Gruß durch die übliche Aufforderung zu erwidern, sie solle durch Antrinken Bescheid thun und so den Gast nach altem Brauche willkommen heißen.

„Die Franzel,“ sagte der schnauzbärtige Alte, nachdem sie sich gleichmüthig entfernt hatte, „ist eine gute Person und eine brave dazu – es kann Niemand nichts Unrechtes von ihr sagen, aber dasselbe ist wohl wahr, daß sie ein bissel von der wilden Seiten ist… Es wird sich bald jahr’n, daß sie da als Kellnerin eingestanden ist an der Kreuzstraßen – aber wo sie eigentlich her ist, das darf ich nit verrathen…“

„Warum nicht?“ rief der Metzger neugierig; der Bauer aber, vergnügt ihm auch etwas hinausgeben zu können, erwiderte zu großem Gelächter der Bauern: „Weil ich’s selber nit weiß!“

„Mir ist alleweil,“ fiel ein Anderer ein, „als hätt’ ich einmal ’was läuten hören von dem Madel … ist sie nit ein ledig’s Kind, das niemals keine Eltern g’habt hat? … Auf dem Aichhof ist sie aufgezogen worden? … Nit?“

„Wir wollen den Schullehrer fragen,“ sagte der Erste, „er legt eben die Karten hin und stopft sich seine Tabakspfeifen – bis zu einem neuen Labet ausgegeben ist, könnt’ er wohl erzählen, der muß Alles wissen aus dem Kirchenbuch, denn der Aichhof gehört in seine Gemeind’ und die Franzel muß bei ihm in die Schul gegangen sein… Fragen wir einmal.“

Dem Lehrer, einem rüstigen Fünfziger, dem man die Mühen und Entbehrungen seines Standes nicht ansah, schien es nicht unangenehm, in dem Zwickspiele, das harmlos genug um Bohnen gespielt wurde, eine kleine Pause zu machen und durch eine Erzählung auszufüllen, bei welcher er seine Vertrautheit mit Allem glänzen lassen konnte, was die Angehörigen seines Schulsprengels und Alle betraf, die einmal vor ihm auf der Schulbank gesessen. „Ihr habt ganz recht,“ sagte er auf die Anrede des Bauers, indem er näher trat, mit langem Papierstreifen seine Pfeife anbrannte und einige starke Rauchwolken von sich blies, „daß Ihr gleich vor die rechte Schmiede kommt und mich fragt. Mir sind die Kinder in meiner Schule, wie die Obstbäumchen, die ich im Schulgarten ziehe und pfropfe und oculire – wenn die Stämmchen auch herangewachsen sind und werden herausgenommen und in einen andern Garten versetzt, der oft Stunden weit entfernt ist, so werden sie mir doch darum nicht fremd; ich beobachte, wann und wo ich kann, wie sie gedeihen und wie sie sich auswachsen, und wenn es auch nur über den Zaun hinein geschah, hab’ ich doch schon manchem auch in dem neuen Garten die Wasserschößlinge ausgeschnitten, damit die Fruchtkrone nicht verkümmern soll, oder ich habe ihm einen Pfahl beigebunden, daß er fein hübsch gerade geblieben ist… So mach’ ich’s mit den Kindern auch, ich geh’ ihnen nach und behalte sie im Auge, wenn sie auch schon groß gewachsene Leute und Dienstboten oder gar selber schon Väter und Mütter sind: ich hab’ es auch schon hier und da versucht, mit dem Gartenmesser nachzuhelfen und nachzuputzen – aber leider sind die Menschen nicht so geduldig und willig wie meine Bäumchen…“

Meister Staudinger hatte eben einen tüchtigen Zug aus dem Kruge gethan, jetzt klappte er den Deckel zu und rief mit ärgerlichem Lachen: „Ja, um uns noch einmal Schul’ halten zu lassen, dazu sind wir zu alt…“

„Werden Sie nicht ungeduldig, Herr,“ sagte der Lehrer und maß den Dicken mit dem Kennerauge des Gärtners, der einen aus der Art gerathenen knorrigen Baumstamm betrachtet, „es ist nichts so Besonderes an der Geschichte, daß Sie so sehr darauf gespannt sein dürften – so etwas kommt überall und alle Tage vor und ich rede auch nur, um übler Meinung und falscher Nachrede vorzubeugen, die aus halbem Wissen entstehen und dem Mädchen Schaden thun könnte, denn die Franzi ist ein braves, rechtschaffenes Mädchen, wie sie in der Schule ein gutes, fleißiges Kind gewesen, an dem man seine Freude haben konnte. Aufgewachsen aber ist sie auf dem Aichbauernhof – Sie kennen ja wohl das schöne, reiche Einödgut, das im Seewinkel so stattlich von der Anhöhe herunter sieht, wie ein kleines Schloß… Der Aichbäurin, Gott habe sie selig, war es gar nicht nach dem Sinn, daß sie nur zwei Söhne hatte und keine Tochter, und je mehr die Buben heranwuchsen und tüchtig wurden und anstellig, je mehr that es ihr leid, daß sie nicht auch ein Mädchen um sich hatte, das ihr an die Hand gehen und sie unterstützen und bei ihr bleiben sollte, wenn die Söhne einmal aus dem Hause oder verheirathet sein würden… Sie ließ nicht nach und brachte es beim Aichbauer dahin, daß sie beschlossen, sie wollten fremder Leute Kind in’s Haus nehmen, und wenn es von guter Art sei und bleibe, wollten sie es halten wie ihre eigenen. So fuhren sie in die Stadt und gingen in’s Waisenhaus und besahen sich die armen Kinder alle, die da auf Kosten der Gemeine ernährt und erzogen werden und an denen gerade damals kein Mangel war, denn den Winter zuvor hatte die Cholera in der Stadt übel gehaust und hatte der Waisen gar viele zurückgelassen. Da sahen sie die kleine Franzi und sie gefiel der Bäuerin, weil sie ihr so gerade und offen in’s Gesicht sah und sich auf die Frage, ob sie mit ihr gehen wolle, gleich zutraulich an ihre Schürze hing, und so nahmen sie das Mädchen, das so ein fünf Jahre alt sein mochte, mit sich, und die Herrn von der Gemeinde und die barmherzigen Schwestern, die den Dienst und die Kinderpflege versehen im Waisenhaus, waren alle froh über das Glück, das dem Kinde zu Theil geworden – von seinen rechten Eltern aber war nicht viel mehr zu erfahren, als daß sie arme, aber ehrliche Leute gewesen – wenn ich nicht irre, ist der Mann ein Handwerksgeselle gewesen, ein Kunsttischler oder Kunstdrechsler: die beiden Leutchen sind in einer Nacht an der Cholera gestorben, und da keine Verwandten sich meldeten und zu erfragen waren, mußte sich der Magistrat um das verlassene Kind annehmen und that es in’s Waisenhaus…“

„Wenn Sie nichts Gescheideres zu erzählen wissen,“ rief unmuthig der Metzger, „so lassen Sie es lieber ganz bleiben! Waisenhaus, Cholera – ist das ein Discurs, wenn man im Wirthshaus ist – da schmeckt Einem zuletzt das Bier nicht mehr!“ Er hob lachend den Krug und setzte an, wie zu einem starken Trunke, aber das Lachen klang nicht mehr so übermüthig laut und nachdem er nur genippt, stellte er den Krug wieder zurück – es war wirklich, als ob das Bier zu munden aufgehört. „Das ist der Mühe werth,“ fuhr er fort, „daß man so viel Aufhebens macht wegen einer solchen Person! Wenn Sie auch noch so sehr sie loben und herausstreichen, es kommt zuletzt doch auf das heraus, was ich mir gedacht hab’, daß sie nicht weit her ist und daß sie den Aichbauernleuten, die sie zu sich genommen und aufgezogen haben, mit Undank und weiß Gott was, vergolten hat, sonst wär’ sie gewiß noch auf dem Aichhof und müßt’ nit herumfahren unter den Leuten als Kellnerin.“

„Sie thun ihr auch hierin Unrecht,“ sagte kopfschüttelnd der Schullehrer, „man muß nie ein Bäumchen so kurzweg ausreißen – manches, das dürr scheint auf den ersten Anblick, kann um Johanni noch ausschlagen, wenn der zweite Trieb kommt! Die Franzi ist immer fleißig gewesen und brav und hat wacker ausgehalten bei den Aichbauernleuten; und die haben sie auch lieb gehabt und gehalten wie ihr eigenes Kind, wenn es auch ein bischen anders gegangen ist, als sie sich’s eingebildet hatten. Es war, als ob der Himmel sie auf die Probe setzen wollte, denn nach einer Weile kehrte ganz unverhoffter Weise der Storch noch einmal auf dem Aichhof ein und ein Spätling von Mädchen in der Wiege erfüllte den einzigen Herzenswunsch der Bäuerin – sie ließ es aber das angenommene Waisenkind nicht fühlen, daß es nun eigentlich überflüssig geworden war, und so blieben sie friedlich und einträchtig beisammen, die zwei Brüder und die zwei Mädchen, die es fast nicht anders wußten, als daß sie Schwestern seien, bis eben die Zeit kam, wo die beiden Alten rasch hinter einander das Zeitliche segneten, noch dazu, ohne daß sie Ordnung gemacht hatten, wie es einmal mit Haus und Hof gehalten sein sollte, wenn sie nicht mehr da sein würden… Da mag’s zu Streit und Unfrieden gekommen sein und gewiß ist nur, daß das Band, das die vier Menschen bisher zusammen gehalten, gelöst war und daß sie auseinander stoben, wie die Körner einer aufplatzenden Samenkapsel, nach allen vier Himmelsgegenden. Der jüngere Bruder, der Waldhauser, der ein paar Jährchen studirt hatte, ließ sich seinen Antheil herauszahlen und zog in die Stadt, wo er einen Holzhandel angefangen; die Tochter war eine Zeitlang bei einer Schwester der Mutter, die kinderlos ist und auch einen schönen Hof besitzt, da, wo es zum Müller am [580] Baum hinüber geht; später hat sie sich verlocken lassen und ist zum Bruder Holzhändler in die Stadt gezogen. Die Franzi hat den Aichbauern-Leuten im Grab gedankt dafür, daß sie ihr die Lieb’ gethan und sie auferzogen haben in Zucht und Arbeit, und hat den Bündel geschnürt, um sich in Dienst zu verdingen; der ältere Bruder aber, der Sixt, hat den Hof behalten und haust und wirthschaftet darauf, daß es nur eine Freude ist, es zu sehen. … Das ist eines von den Stämmchen aus meiner Baumschule, an dem ich mein ganzes Vergnügen habe, und wenn es auch ein tüchtiger Marsch ist, kann ich mir’s doch nicht versagen, sondern wandere alle paar Wochen einmal hinauf auf den Aichhof und ergötze mich daran, wie Alles auf dem ganzen Gut aussieht, als wär’s aus dem Ei geschält, und wie da Alles in einander greift und ein Sinn und Schick ist in Allem, daß man wohl sagen kann, es ist eine wirkliche Musterwirthschaft …“

„Hoho,“ lachte der Metzger, der in seiner Gereiztheit es nicht vertragen konnte, Jemand gelobt zu hören, „Sie sind freigebig mit Ihrem Lob, Herr Schullehrer – Sie streichen ihn ja heraus über den Schellenkönig!“

„Jaja,“ sagte nickend der weißbärtige Alte, „das ist auch nit anders, Herr. … Der Sixt, der junge Aichbauer, das ist Einer, wie sie nit dick gesät sind im Land; ein ganzer Bauer, wie sein Vater einer gewesen ist, und ein kernfester Mann dazu, der einen richtigen Kopf hat unterm Hut und unterm Brustfleck ein richtiges Gemüth – Alles, wer ihn nur kennt, hat ihn gern und hat Respect vor ihm – Keiner im Dorf thut was Wichtig’s, wo er nit zuerst den Sixt um die Meinung fragt, und wenn wieder die Wahl ist in der Gemeind’, wird kein Anderer Vorsteher als wie er, das ist so gewiß, als wenn er’s schon unterschrieben im Sack hätt’! Und wenn’s ihm einfallt, eine Bäurin auf den Aichhof zu führen, denn jetzt lebt er alleweil noch einschichtig und allein, da wird dem Hochzeitlader gewiß überall die Thür sperrangelweit aufgemacht, denn wenn er auch nicht trutzig dareinschauen kann, ist er doch ein so sauberer Bursch, als nur Einer zu finden ist von der Leizach bis hinüber an die Mangfall!“

„Meinetwegen laßt ihn gleich in Gold fassen,“ grollte der Metzger, „Euer Wunderthier, den Aichbauern, und das Schatzerl von einer Kellnerin dazu! Wird sich ein bischen was abhandeln lassen von der Glorie, und wird bei ihm seinen Haken haben, wie bei ihr! Ich bleib’ dabei, sie ist nicht weit her, und jetzt, nachdem ich Alles weiß, sag’ ich’s erst recht – wenn sie eine richtige Person wär’, so wäre sie auf dem Aichhof geblieben, als ein ordentlicher Dienstbot, aber wie sie die Freiheit erlitzt (ergattert) hat, ist sie halt fort – das gespür’ ich, als wenn ich dabei gewesen wär’! – da ist sie davon, weg von der Arbeit, zu dem Herumschwenzen und zu der Lustbarkeit!“

Der Lehrer hatte seine Pfeife ausgeraucht und klopfte die kaltgewordene Asche auf den Boden; er schwieg einen Augenblick, indem er wieder den dicken Meister wie prüfend und mißbilligend ansah. „Sie sind offenbar gegen das Mädchen erbittert,“ sagte er dann, „und sollten deshalb nicht so hart urtheilen, auf den ersten Anblick hin, und auf den Schein … ich weiß aus Erfahrung von meinen Bäumen her und von den Früchten, die sie tragen: Diejenigen Aepfel, die eine matte Farbe haben und eine rauhe Schale, sind meist die reichsten an Saft und Duft – in den großen glänzenden aber, in den schönen vollbackigen sitzt meistens mitten im Kerngehäuse der Wurm …“

„Damit wandte er sich und ging seinem Platze zu, das Spiel um Bohnen fortzusetzen; der Metzger erwiderte nichts und starrte, die Hände auf den Stock stützend, in die blaue Luft empor, als habe er etwas Hochwichtiges zu bedenken; auch die Andern schwiegen, Niemand wußte recht, wie er die eingetretene Pause allgemeiner Befangenheit am besten unterbrechen könne.

„Die Geschichte mit den Leuten vom Aichhof,“ sagte endlich Einer, „ist aber damit noch lange nicht aus. Der jüngere Bruder, der Waldhauser, ist ja wieder da. …“

„Hab’ auch davon gehört,“ erwiderte der Weißbart, „er soll im Sinn haben, sich irgendwo einen Hof zu kaufen, und will wieder ein Bauer werden – ich glaub’ aber kaum, daß er’s zuwege bringt. Bin neulich in die Stadt hineingefahren, weil ich was zu verhandeln gehabt hab’ wegen der Holzabfuhr auf dem Salinenforst – da ist er mir begegnet mit sammt seiner Schwester, der Susi; sie sind alle Zwei schier ganze Stadtleut’ worden und werden wohl nimmer gut thun bei uns Bauern auf dem Land! Aber grausam reich soll er ’worden sein in der kurzen Zeit, das hab’ ich erzählen hören, – er hat mit Häusern gehandelt und hat sich auf’s Geldausleihen verlegt und dabei soll Einem in der Stadt das Geld nur so zum Fenster hereinfliegen. …“

„Und wie ist’s mit der Susi? Die bleibt wohl in der Stadt?“ fragte ein junger Bauer.

„Beileibe nit,“ antwortete der Alte, „sie ist auch wieder da und sie muß wohl! Ihre Basen, ihre Mutterschwester, bei der sie schon früher gewesen war, die ist jetzt steinalt und wird’s nimmer lang machen, heißt’s; die hat nach ihr verlangt und wenn die Susi auch nit viel Freud’ hat dabei, so kann sie doch nit anders, ein solches Erbtheil läßt man nicht gern hinten und da muß man schon ein bissel was über Macht thun!“

Das Geräusch von heran rollendem Fuhrwerk unterbrach das Gespräch; der Alte hob die Hand über die Augen und sah scharf darnach hin. „Da kommt auch ’was Städtisches gefahren,“ sagte er, „das wird wohl der Herr Bezirksamtmann sein, der kommt wegen der Waldvermessung und Grenzbegehung.“

„Nein,“ sagte ein Anderer, „das ist nichts von einem gestickten Kragen – der Herr sieht eher wie geistlich aus und ein Weiberleut ist auch dabei …“

„Da haben wir’s!“ sagte der Alte wieder. „Jetzt erkenn’ ich sie: wenn man den Wolf nennt, kommt er gerennt! Das ist der Waldhauser vom Aichhof und seine Schwester, die Susi … wie kommen denn die daher?“

„Sie werden wohl mit dem Bruder, dem Sixt, zusammentreffen wollen!“ rief der Lehrer, dessen Aufmerksamkeit ebenfalls rege geworden, vom Spieltisch herüber, indeß er die Karten mischte. „Der ist ja Einer von den Größt-Begüterten und kommt sicher auch her wegen der Grenzvermarkung.“

„Das ist wahr und so wird’s auch sein,“ entgegnete der Alte, „und weil dem Herrn Staudinger doch einmal so viel daran gelegen ist, kann er die ganze Freundschaft vom Aichbauernhof gleich auf einem Fleckel beieinander sehen!“

(Fortsetzung folgt.)




Die Schule auf dem Wald.
Ein Friedenswerk aus den Befreiungskriegen.


Wie ich in jungen Jahren oft gethan, so lenkte ich auch heuer, als das schöne Pfingstfest vor der Thür stand, meine Schritte nach dem Thüringer Walde. Ich fand, wie sonst, ja, da das Jahr schon weit vorgerückt war, mehr als sonst, die Hauptzugänge, welche ich berührt, bunt und fröhlich belebt. Aber ich folgte nicht, wie sonst, dem großen Troß fröhlicher Pfingstwanderer; es zog mich nicht nach dem schönsten, duftigsten Waldthale, nicht nach dem freiesten und genußreichsten Aussichtspunkte; ich wollte und sollte dieses Mal im Thüringer Walde ein Pfingsten ganz anderer Art als sonst wohl feiern, ich wandte mich nach einem der stillsten und heimlichsten Thäler, das von dem gewöhnlichen Touristen nur selten betreten wird. Aber in dem Thale, welches ich betrat, ging es doch dieses Mal so laut und fröhlich, ja fröhlicher her, als in den andern, und ich fand ein Haus, welches vielen Hunderten schon Heimath und Herberge gewesen ist, besser als irgend eines in ganz Thüringen.

Diese traute Herberge, es ist die Schule auf dem Walde, die von Männern gegründet wurde, um Männer zu erziehen, jene Erziehungsanstalt zu Keilhau, und darum ein Name, der viele Herzen erhebt, so oft er genannt wird. Zu dieser hohen Dorfschule wandern wir, um heute das Fest ihres fünfzigjährigen Bestehens mitzufeiern.

An einem heißen Junitage des Jahres 1817 betrat nämlich dieses Thal zum ersten Male eine kleine Schaar von müden Wanderern, aber mit ganz anderen Empfindungen, als die uns heute bewegen. Voran der damals fünfunddreißigjährige, nachmals auf [581] dem Gebiete der Pädagogik berühmte Friedrich Fröbel, dann dessen Freund vom Hörsäle Schleiermacher’s und vom Lützower Freicorps her, der dreiundzwanzigjährige Wilhelm Middendorf, ihnen folgend ihre drei Zöglinge, zwei Neffen Fröbel’s aus Osterode und der jüngere Bruder eines Freundes der beiden Erzieher, Chr. Ed. Langethal aus Erfurt. Sie kamen von Griesheim bei Stadtilm, wo Fröbel im Hause seines verstorbenen Bruders, der dort Pfarrer gewesen, eine Erziehungsanstalt zu begründen gedachte, und wohin ihm Middendorf, zugleich als Gehülfe und als Schüler, gefolgt war. Griesheim war für nicht in jeder Beziehung passend befunden worden, und, als die Schwägerin Fröbel’s ein in Keilhau, dem hintersten Dorfe des Schaalthales bei Rudolstadt, zum Verkaufe gekommenes Bauerngut käuflich erwarb, um dahin ihren Wittwensitz zu verlegen, ward beschlossen, das in Griesheim begonnene Unternehmen in Keilhau fortzusetzen. Die neuen Ankömmlinge übernahmen das gedachte Gut und es wurde nun zuerst mit der nothdürftigsten baulichen Einrichtung der theils in Verfall gerathenen, theils nicht ausgebauten Gutsgebäude begonnen. Im Herbst kam dann die Schwägerin Fröbel’s von Griesheim nach und führte der jungen Anstalt ihre drei Söhne als Zöglinge zu. Etwas später traf auch der gemeinschaftliche Freund Fröbel’s und Middendorf’s, der fünfundzwanzigjährige Langethal aus Berlin, in Keilhau ein, um, mächtig ergriffen von den pädagogischen Ideen und Bestrebungen Fröbel’s und freudig Verzicht leistend auf glänzendere Aussichten, die sich ihm darboten, seine ausgezeichneten Kräfte den Freunden und dem von ihnen begonnenen Werke zu widmen.

Die Erziehungsanstalt Keilhau auf dem Thüringer Walde.

So ward also vor fünfzig Jahren in dem Dörflein Keilhau diese deutsche Erziehungsanstalt begründet. Die Geschichte der ersten fünf Jahre derselben hat uns der schon erwähnte Chr. Ed. Langethal, jetzt Professor an der Universität Jena, der berühmte Botaniker und Agriculturhistoriker, in einer dem derzeitigen Director der Anstalt gewidmeten kleinen Schrift[1] so treu und plastisch geschildert, daß es nicht möglich sein würde, selbst mit Hülfe der sämmtlichen etwa vorhandenen Urkunden und zugänglichen sonstigen Hülfsmittel ein klareres Bild dieser Anfangsperiode zu entwerfen. Und die Schrift gehört zur Classe derer, deren Inhalt man auszugsweise nicht wohl wiedergeben kann, jede Zeile ist wie der Pinselstrich an einem Meisterwerke der Kunst, dem Ganzen unerläßlich.

Wir sehen die Anstalt als eine Schöpfung der durch die große Zeit, in der sie entstand, geweckten Ideen. Die Gründer waren mitwirkende Zeugen des großen deutschen Krieges gewesen, in dem nicht die Ueberlegenheit der Zahl oder der Waffenführung, sondern der mächtig erregte Wille, ernste sittliche Kraft und Zucht, heilige Begeisterung nicht nur Deutschland, sondern Europa aus den Banden einer schmählichen Knechtschaft befreit hatten. Diese befreienden Kräfte zu Schutzengeln des deutschen Volksthums zu machen, die Güter, welche zur Befreiung verholfen hatten, auch dem befreiten Vaterlande zu erhalten und in ihm weiter zu pflegen, so der Wiederkehr neuer Versumpfung und Schmach zu steuern – dies waren die Strebeziele jener drei edlen Jünglinge, die, wie sie im Lützower Freicorps Seite an Seite gekämpft hatten, nun auch gemeinschaftlich an ein herrliches Friedenswerk herantraten. Der älteste unter ihnen, Friedrich Fröbel, hatte richtig erkannt, daß, wenn das deutsche Volk in der mit den Befreiungskriegen anhebenden Epoche seiner Geschichte seinem hohen [582] Culturberufe entsprechen solle, an die Jugenderziehung die bessernde Hand gelegt, an die Stelle des herrschenden scholastischen Schematismus eine die sämmtlichen Lebenskräfte des Menschen gleichmäßig, harmonisch entwickelnde und auf die Eigenthümlichkeiten des Individuums eingehende Erziehungsmethode gesetzt, daß die Jugend in der Schule nicht geschult, sondern erzogen werden müsse. In den wichtigsten Grundsätzen seiner Erziehungsmethode stimmte er mit Pestalozzi überein, dessen Schöpfungen er selbst während längeren Aufenthaltes in Yverdon aus eigener Anschauung kennen gelernt hatte und dessen Ideen er fortzubilden, mit dem Geist der Zeit in Einklang zu bringen, zu generalisiren bestrebt war. In Keilhau sollten diese geläuterten Ideen zur Anschauung gebracht, die hier errichtete Anstalt sollte eine Musteranstalt werden; erprobte sich hier die neue Methode der Erziehung – und mit der dem Reformator eigenen Zuversicht sah er im Voraus sie sich erproben – so mußte sie auch anderwärts, so mußte sie auch in der Elementar- und Gelehrtenschule sich geltend machen, jedenfalls konnten ihr in den Zöglingen selbst wirksame und beredte Apostel gewonnen werden. Daß diese Erwartungen sich erfüllt haben, dafür legte bei Gelegenheit des Festes, auf welches wir dann zu sprechen kommen, ein als Schulmann gefeierter Professor des Rudolstädter Gymnasiums Zeugniß ab, indem er offen bekannte, die deutschen Gymnasien, von denen aus diese „Familien-Erziehungsanstalten“ anfänglich mit Hochmuth und Mißtrauen betrachtet worden seien, seien dann bei ihnen in die Schule gegangen, und es bleibe den ersteren noch heute Vieles von den letzteren zu lernen übrig.

Fröbel nun – einen so unvergänglichen Namen er sich auch in der Geschichte der Pädagogik erworben hat – war nicht der Mann, die Fülle seiner Ideen zu einem gemeinverständlichen, philosophisch geordneten System zu verarbeiten und mit ruhiger Klarheit und praktischem Geschick ihnen die Werkstätte zu bereiten. Da kam ihm denn der gründlich gebildete, besonnene und praktische Freund, Langethal der Aeltere, trefflich zu Statten, und wenn diese Beiden ihre sich ergänzenden Kräfte der inneren und äußeren Grundlegung des neuen Werkes widmeten, so wirkte der dritte Genosse, Middendorf, ein Jüngling von seltener Reinheit und Tiefe des Gemüthes, von außergewöhnlicher Selbstständigkeit und Aufopferungsfähigkeit, in der jungen Anstalt mächtig durch das Beispiel seiner Persönlichkeit, mild gegen seine Umgebung, streng allein gegen sich selbst, lernend und lehrend zugleich, der hier sich bildenden Gemeinde von vornherein das Gepräge des familienhaften Friedens verleihend.

Ergänzten sich so auch die Kräfte der ersten Gründer dieser Anstalt in vortheilhafter Weise und gelang es auch binnen wenigen Jahren den Freunden, in dem Maße ihren Bestrebungen zur Anerkennung zu verhelfen, daß die Anstalt schon zu Anfang der zwanziger Jahre gegen fünfzig Zöglinge zählte, so kann man doch nicht sagen, weder daß der Geist der letzteren bis dahin schon ein völlig bestimmtes Gepräge und ihre Wirksamkeit eine große Bedeutung erlangt, noch daß ihre ökonomische Lage sich so befestigt gehabt hätte, daß sie allen Wechselfällen zu trotzen fähig gewesen wäre. Es stellte sich die Anstalt in den ersten Jahren, ja vielleicht im ganzen ersten Jahrzehnt eben nicht als ein fertiges und geordnetes, sondern in jeder Beziehung als ein im Bau begriffenes Gebäude dar, und zwar als ein solches, an dessen Plan noch während des Baues Manches geändert, Manches nicht mit klarer Rechenschaft über die vorhandenen Mittel ausgeführt wird. Klar ausgeprägt war an dieser Schöpfung nur erst Eines, nämlich, daß es sich hier um etwas vollkommen Neues und Eigenartiges, um die Durchführung einer großen und einflußreichen, von ihren Trägern mit ganzer Hingabe und Widmung erfaßten Idee handelte. Unverkennbar waltete in der Anstalt ein frischer, kräftiger, selbstständiger Gemeingeist. Was hier zusammenwirkte und lebte, war keine Schule oder Pension im bisher landläufigen Sinne, sondern eine familienhafte Gemeinde, deren Gliedern nicht nur das äußere Leben, sondern das Streben nach harmonischer Entwickelung aller Kräfte gemeinsam war. Wenn wir jetzt mit dankbaren Gefühlen und mit inniger Verehrung auf die Keilhauer Erziehungsanstalt blicken, so müssen wir uns gestehen, daß, um sie zu dem zu machen, was sie geworden ist, sich zu der Begeisterung und dem Gestaltungsdrange der ersten Begründer noch eine ruhig gestaltende, die Ziele und Mittel gleich sicher beherrschende Kraft hinzugesellen mußte. Und diese Kraft ward den Freunden zum Glück für das Unternehmen schon frühzeitig in der Person des jetzigen Directors, Johannes Barop, zugeführt.

„Im Herbst des Jahres 1822“ – so erzählt Prof. Dr. Chr. Ed. Langethal in dem erwähnten Schriftchen – „kam ein Student aus Halle, Namens Barop, nach Keilhau, um seinen nahen Verwandten Middendorf zu besuchen und sich gelegentlich auch die Anstalt zu betrachten. Langethal (der Aeltere) war ihm ebenfalls nicht ganz unbekannt; denn er hatte ihn schon im Anfange des Jahres 1814 bei seinem Vater, dem Justizrathe Barop in Dortmund, gesehen, als er auf seinem Kriegszuge in Dortmund Rasttag machte und Grüße von Middendorf brachte, den eine Krankheit in Münster zurückhielt. Barop fand das Haus der Anstalt leer; er mußte Lehrer und Schüler auf der Spitze des höchsten Berges aufsuchen, denn da oben wurde gespielt. Der Schein eines lustigen Feuers zeigte ihm den Weg zu uns und im Abenddunkel kehrten wir mit ihm zurück.… Das war der jetzige Director Dr. Barop, der damals zum ersten Male Keilhau betrat. Er sah es in seiner ersten Blüthe und ihm erging’s wie vielen Anderen, welche das Keilhauer Leben mächtig ergriff.“

Wir sehen Barop in Keilhau sich niederlassen und wenige Jahre später die Leitung der Anstalt in seine Hand nehmen, während Fröbel nach und nach immer mehr seinen anderen bekannten pädagogischen Bestrebungen sich zuwandte und Langethal auf eine lange Reihe von Jahren Keilhau verließ, wohin er erst im späteren Alter dauernd zurückkehrte.

Was Keilhau auf dem von den drei ersten Begründern bereiteten Boden unter Barop’s Leitung geworden, darüber werden die Leser gern das Zeugniß des Verfassers dieser Zeilen, eines ehemaligen Zöglinges der Anstalt, vernehmen, welcher der letzteren zwar unendlich viel verdankt, aber sich ein unbefangenes Urtheil über dieselbe zutrauen darf und sich überzeugt hat, daß der zu seiner Zeit, in den vierziger Jahren, dort waltende Geist im Wesentlichen auch heute noch dort heimisch ist.

In der Erziehungsanstalt zu Keilhau sieht man Knaben aus den verschiedensten Ständen und aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands, vorzugsweise jedoch aus Mittel- und Norddeutschland. Das gleiche Gesetz gilt für alle, für das verwöhnte Muttersöhnchen aus hocharistokratischer Familie so gut wie für den derberen Bauernsohn. Es gilt kein Ansehen der Person; von den Erziehern werden Alle mit gleicher Liebe und Sorgfalt behandelt; im Kreise der Zöglinge selbst ist der Tüchtigste der Geachtetste.

Das verschiedene Lebensalter der Zöglinge – es sind oft gleichzeitig Knaben von acht und Jünglinge von siebzehn Jahren in der Anstalt – begründet ebenfalls keinen Rangunterschied; die älteren sind durch Herkommen verpflichtet, die Sorge für das physische und sittliche Gedeihen der jüngeren mit den Lehrern zu theilen.

Wenn überhaupt die Eigenart des Familienlebens auf eine solche zahlreiche und nicht durch natürliche Bande verknüpfte Genossenschaft übertragen werden kann, so ist es hier geschehen, wo beobachtende Dritte stets den Eindruck empfangen haben, als belebe das Ganze ein patriarchalisch familienhafter Geist. Unsere Lehrer standen nicht über uns, sondern wie unseres Gleichen mitten unter uns, nur ausgezeichnet durch Achtung und Liebe und durch das selbstverständlich ihnen zustehende Recht, Gehorsam zu fordern; wer der Achtung und Liebe nicht werth gewesen wäre, wer Gehorsam gefordert hätte, nur um von dem Rechte dazu Gebrauch zu machen, der hätte nicht als Lehrer nach Keilhau getaugt. Nicht wenig trug der Umstand, daß die weiblichen Haushaltsgeschäfte im Wesentlichen und mit bewunderungswürdiger Hingabe und Pflichttreue, statt von Fremden, von den Frauen und erwachsenen Töchtern der Erzieher besorgt wurden, dazu bei, unserem Leben das Gepräge des Familienhaften zu verleihen. Wie Mütter und Schwestern walteten die „Frauen“ unter uns.

Wir wurden erzogen, ohne daß wir’s merkten; es herrschte unter uns eine gute Disciplin; aber sie hielt sich von selbst aufrecht; wir hatten, wie es die örtlichen Verhältnisse wohl gestatteten, in unseren Freistunden viel Freiheit, doch ein Mißbrauch dieser Freiheit Seitens Einzelner gehörte zu den großen Seltenheiten; der forterbende gute Geist der Anstalt war eine bessere Schutzwehr gegen Ausschreitungen, als es eine streng dem Buchstaben nach gehandhabte Schulordnung jemals hätte sein können. Es versteht sich von selbst, daß hin und wieder trotzdem solche Ausschreitungen vorkamen. Waren dieselben derart, daß auf einen wirklichen sittlichen [583] Makel oder auf sittliche Rohheit geschlossen werden mußte, so war natürlich ernste Rüge, in schlimmeren Fällen strenge Züchtigung die Folge. Solche Züchtigung war ein feierlicher Act, durch den uns, da er vor versammelter Gemeinde vorgenommen wurde, stets klar vor Augen geführt ward, wie durch das Vergehen unsere sittliche Gemeinschaft gestört worden sei. Bei solchen Strafhandlungen trat uns die ganze sittliche Würde und der väterliche Ernst des Directors ehrfurchteinflößend entgegen; je seltener sie vollzogen wurden, einen desto tieferen Eindruck hinterließen sie. Hin und wieder schritten wir in Fällen, die uns Strafe zu verdienen schienen, obwohl nicht ein eigentliches Vergehen vorlag, auch selbst strafend ein. Vor versammelter Gemeinde ward der Fall vorgetragen und das Urtheil gesprochen. Andere Strafen, als mehrtägige Ausschließung aus unserer Gemeinschaft, verhängten wir nicht, aber das Urtheil ward in aller Form und Strenge vollzogen und die Strafe verfehlte nie ihre Wirkung.

Wir wurden körperlich hart gewöhnt, nicht mit künstlichen Zwangsmitteln, sondern ganz naturgemäß in Folge der großen Einfachheit, in der wir erzogen wurden, und da der Grundsatz Geltung hatte, daß wir uns von früh an selbst bedienen, selbst helfen lernen mußten. Auch half zu unserer physischen Kräftigung der Umstand wesentlich mit, daß wir völlig auf dem Lande und in einer sehr glücklich gewählten räumlichen Umgebung lebten. Nur wenige Schritte aus dem Hofe der Anstalt kostete es, so waren wir am Fuße unserer lieben Berge, an und auf denen wir, bauend und pflanzend, kletternd und spielend, Sommer und Winter den größten Theil unserer Freistunden verbrachten. Das Bildchen des Dorfes und der Erziehungsanstalt Keilhau und der nächsten Umgebung, welches die Leser auf Seite 581 dieser Nummer finden, bestätigt wohl zur Genüge den Ausspruch, daß eine glücklichere Lage für eine Erziehungsanstalt, als die unsere, kaum gewählt werden konnte. Wie hier an der Nord- und Westseite, so erheben sich auch südlich vom Dorfe herrliche Berge; nach Osten hin öffnet sich das Thal in das Saalgebiet. Alle Höhen bieten liebliche Nah- und Fernsichten, bald in das Saalthal, bald in die Kalkvorberge des Thüringer Waldes. Die schönsten Punkte der letzteren, Blankenburg, das Schwarzathal, Schwarzburg, Paulinzella, der Singerberg, sind alle in wenigen Stunden bequem zu erreichen und häufige Wanderungen dahin weckten unsere Wanderlust, bildeten unseren Sinn für Naturschönheiten, waren eine treffliche Vorbereitung für die größeren Fußreisen, welche alljährlich im Herbst, gewöhnlich in drei Abtheilungen, jede geführt von einigen unserer Lehrer, unternommen wurden.

Turnen und Spiel im Freien, in den Sommermonaten täglich kaltes Bad und Schwimmübungen in einem eigens dazu angelegten Bassin – dies zusammen mit einer durchaus geregelten und geordneten, einfachen und nüchternen Lebensweise, stählte die Kräfte auch des Schwächlichsten in kurzer Zeit, so daß ernstliche Krankheiten die Anstalt nur äußerst selten heimsuchten, überhaupt aber das Krankenzimmer in der Regel leer stand.

Was den Unterricht anbelangt so galt es stets auch hier als feststehende Regel, die individuellen Fähigkeiten des Einzelnen gewissenhaft zu berücksichtigen, die verschiedenen geistigen Kräfte möglichst gleichmäßig auszubilden, insbesondere das Schlußvermögen nicht über dem Gedächtniß zu vernachlässigen und im Betreff der Quantität des gleichzeitig Dargebotenen verständiges Maß zu halten. Daß die Classeneintheilung nicht in dem Maße durchgeführt war, daß jeder Schüler in allen Unterrichtsfächern ein und derselben Classe angehören mußte, mochte zwar hin und wieder beim Uebergang der Zöglinge in andere Bildungsanstalten hinderlich sein, kam aber jedenfalls der gründlichen Durchbildung der Zöglinge während ihres Aufenthaltes in Keilhau wesentlich zu Gute und war, wenn überhaupt, doch nur störend für die, welche die Anstalt nur kürzere Zeit besucht hatten; denn in den höheren Classen glichen sich die Unterschiede fast völlig wieder aus, die in den niederen gemacht werden mußten. Die Leistungen der Anstalt auf dem Gebiete des Unterrichts waren selbstverständlich zu verschiedenen Zeiten je nach der Befähigung und Zusammensetzung des Lehrerpersonals verschieden. Im Ganzen haben wir immer auch in dieser Beziehung nur Erfreuliches vernommen; namentlich ist stets den in Keilhau Gebildeten eine besondere Reife des Urtheils und geistige Gewandtheit nachgerühmt worden.

In Keilhau wurde eine lautere und gesunde Religiosität gepflegt. Die religiöse Bildung beschränkte sich nicht auf den eigentlichen Religionsunterricht, sondern das ganze Leben ward getragen und erhoben von einer gewissen religiösen Weihe, die frei war von jeder Scheinheiligkeit und Frömmelei, aber auch jede Spur von Frivolität vollständig ausschloß.

Besonders erbaulich wurden neben den eigentlichen Familienfesten die großen kirchlichen Feste begangen, vor allen das Weihnachtsfest, dessen Feier einen heiteren und gemüthlich tief anregenden Glanzpunkt in unserem Winterleben bildete – dergestalt, daß keiner von uns jemals das heimische Weihnachten vermißte, so viel reicher und glänzender da auch die Bescheerung ausgefallen sein mochte.

Ich könnte so noch Seiten lang von dem Leben, dem Geiste und der Eigenart der Anstalt, die mir mit vielen Hunderten eine so liebe Gedankenheimath geworden, erzählen, aber das Bild würde doch nicht so treu und klar werden, wie es in meiner Seele verzeichnet ist, und selbst nicht so treu und klar, wie es Dem vor die Seele treten wird, der etwa auf einer Reise durch den vielbereisten Thüringer Wald es nicht versäumt, von Rudolstadt oder Schwarzburg ab einen Abstecher in das liebliche, stille Keilhauer Thal zu machen und dort einen Tag in der Anstalt zu verleben, wo ich ihm gastfreundlichste Aufnahme versprechen kann und wo er, wenn sein Gemüth empfänglich ist für Genüsse solcher Art, unvergeßlich wohlthuende Eindrücke empfangen wird.

Das schönste Zeugniß für Keilhau scheint mir die unwandelbare Liebe und Anhänglichkeit Derer, welche einst dort ihre Jugendbildung genossen, und diese Liebe war es auch, welche jenes Fest so erbaulich machte, zu dessen Begehung wir am vorigen Pfingsttage, wie erwähnt, nach Keilhau wallfahrteten.

Von nah und fern waren die alten Keilhauer herbeigeeilt, – Männer jeden Lebensalters und aus den verschiedenartigsten Berufskreisen – Alle getrieben von dem Verlangen, bei diesem festlichen Anlaß die Stätte wieder zu begrüßen, an der sie so glückliche Jahre verlebt, den theueren, lieben Menschen wieder in’s treue Angesicht zu blicken, die einst ihres Leibes und ihrer Seele Hüter gewesen waren.

Für uns Aeltere war das Fest freilich ein Fest nicht nur dankbarer, sondern auch wehmüthiger Rückerinnerung. Denn es fehlte manches theure Haupt unter den Festgenossen. Fröbel war heimgegangen, der treffliche Middendorf und Barop’s herrliche Gattin; so ferner Fröbel’s Bruder aus Osterode, der lange Jahre hindurch die Oekonomie der Anstalt geleitet hatte, und dessen Gattin, die als liebenswürdige Matrone uns so treu vor Augen stand. Dafür hatten wir aber auch manche besondere Freude. Wir fanden den Dritten der Gründer der Anstalt, Langethal, noch in rüstigster Lebenskraft, zwar des Augenlichtes beraubt, aber noch heiter und klar und wohlgemuth wie sonst; wir fanden dessen jüngeren Bruder, den Prof. Langethal, den ersten Zögling der Anstalt; wir fanden Barop, fast noch so rüstig, wie er vor zwanzig Jahren war; wir fanden viele theure Glieder der Familien unserer Erzieher, wir fanden viele unserer Jugendfreunde, denen wir seit langen, langen Jahren nicht wieder begegnet und denen wir uns doch brüderlich nahe fühlten, als die meist rührenden, oft komischen Scenen des Wiedererkennens überwunden waren; unsere lieben Berge standen ja noch wie sonst, nur durch die fleißige Hand des Directors der Anstalt vielfach trefflich angebaut; wir konnten uns versenken in unsere glückliche Jugendzeit und jenen verjüngenden Traum träumen, von dem so mancher Sänger singt.

Unseren Rückblick auf dieses schöne Jubelfest einer im wahren und vollen Sinne deutschen Erziehungsanstalt wissen wir nicht besser zu schließen, als mit Langethal’s warmen Worten auf dieselbe: „Ein halbes Jahrhundert hindurch,“ so sagt er, „hat die Anstalt dem Wechsel der Dinge getrotzt, sie hat Glück und Unglück erfahren, gute und böse Tage gesehen, doch war kein Geschick im Stande, ihre Grundsätze zu beugen. Darum darf sie mit Freuden auf die Vergangenheit schauen und mit Zuversicht auf die Zukunft blicken… Der frische Geist, welcher die Anstalt zu Keilhau geboren und sie getragen hat ein halbes Jahrhundert hindurch, der wird auch niemals entweichen und sie ferner noch führen durch alle Wechsel der Zeiten hindurch. Wenn dann wiederum nach fünfzig Jahren ein anderes Geschlecht die große Feier des hundertjährigen Jubiläums begeht, dann sollen sich unsere Nachkommen sagen: daß das Irdische vergänglich, das Geistige aber göttlichen Ursprunges ist, welches auf Erden in Formen zwar wechselt, im Wesen aber ewig besteht.“
A. E.



[584]
Freiligrath und Hoffmann von Fallersleben.


Auf den Höhen des Harzes loderten die Feuer in den Oefen der Gaststuben. Durchnäßte Reisende drängten sich schauernd vor Kälte um die Wärmespender, während der kalte Nordwest an den Fenstern rüttelte und, sich nimmer erschöpfend, ein Heer grauer, regenschwerer Wolken vor sich hertrieb. Das war ein trauriger Aufenthalt in den herrlichen Thälern des Harzes im Juli 1867. Heute Kälte und Regen, morgen Regen und Kälte. Mein Entschluß war rasch gefaßt. Von Thale aus bis Ilsenburg hatte ich mich frierend und naß durch die schöne Gegend hindurchgearbeitet, in Ilsenburg wie überall in den Harzstädten machten schimpfende Berliner den Aufenthalt noch „jräulicher“, als er so schon war. Ich winkte dem Vater Brocken, der sein Haupt tief mit der nichts Gutes weissagenden Nebelkappe bedeckt hatte, ein Lebewohl zu, und nach drei Stunden trug mich der Eisenbahnzug von Harzburg aus der norddeutschen Ebene zu.

Mein Weg ging zur Weser. An dem nördlichen Vorberge des Harzes weg führte mich das Dampfroß. Ich passirte die Brücke, welche den Eisenbahnzug bei Kreiensen hoch über die hannoversche Südbahn hin in’s Braunschweiger Land führt, jene Brücke, welche als unrühmliches Denkmal von dem gegraften Welfenminister Borries dem Elende des kleinstaatlichen Particularismus gesetzt ist. Die Brücke weckte allerlei Gedanken in mir. Bilder aus der Geschichte Deutschlands während der letzten fünfundzwanzig Jahre, oft recht seltsam schauerliche Bilder, erfüllten meinen Geist. Ich gedachte des ungeheuren Umschwungs, welcher im Laufe des vorigen Jahres eingetreten war, ich gedachte der Männer, welche diesen Umschwung gemacht, und Derer, welche ihn angebahnt, frohere Bilder, der Zukunft entnommen, erhellten das verdüsterte Gemüth… Da hielt der Zug abermals. „Holzminden“ … tönte des Schaffners Stimme, und ein Blick durch das Fenster des Waggons streifte den weiten Spiegel des schönen deutschen Weserstroms. Ein Dampfboot zog eben vorüber, den Strom hinab. Da – wie es oft so seltsam kommt, in Verbindung noch mit den eben unterbrochenen Gedanken, tönte der Name Freiligrath’s in mir wieder. So – als Heizer verkleidet, vor dem glühenden Kessel des Dampfers stehend, zog auch Freiligrath einst den Rhein hinab, um den Schergen zu entgehen, welche ausgesandt waren, ihn zu fangen, ihn, der besten deutschen Männer einen, der mit brechendem Herzen in’s Exil zog. Freiligrath! Grade in diesen Tagen wurde der Name des herrlichen Mannes so oft genannt; Deutschlands Söhne wollen dem alternden Dichter die Leiden, welche das Exil über ihn verhing, mildern, sie wollen eine heilige Pflicht erfüllen gegen den deutschen Sänger, dessen klingende Lieder Antheil haben an den nationalen Erfolgen des Jahres 1867. Gott segne ihr Bemühen! –

Der Zug hatte sich wieder in Bewegung gesetzt. Zwischen den Abhängen des Sollinges und dem rechten Ufer der Weser zieht die Bahn eine Strecke dahin, um bald auf hochgespannten Bogen die Weser zu überschreiten, unmittelbar neben den Mauern eines großen stattlichen Gebäudes, dessen Thürme sich stolz in den Wogen der Weser wiederspiegeln. Es ist Schloß Corvey, prachtvoll gelegen zwischen den waldigen Kuppen des Sollinges und den linksufrigen interessant geformten Weserbergen. Zehn Minuten von Schloß Corvey an der berühmten Kastanienallee, welche vom Schlosse zu der alten Hansestadt Höxter führt, liegt der Bahnhof.

Auf dem Bahnhofe schritt ein Mann auf und ab, die aussteigenden Fremden musternd. Es war eine hohe, kräftige Gestalt, deren elastische Bewegungen die Farbe der Locken Lügen straften, welche silbern über den Nacken herabrollten, sich mit dem ebenfalls weißschimmernden Kinnbarte vermischend. Unter dem Rande des grauen Filzhutes, der die breite Stirn deckte, blitzte in noch jugendlichem Feuer ein graublaues Augenpaar. Auch über mich hin flog der suchende Blick, haftete einen Moment an mir und plötzlich erhellten sich die Züge des edlen Gesichts. Der weltbekannte Ziegenhainer wanderte in die Linke und unsere rechten Hände fanden sich im herzlichsten Drucke. Längst hatte ich den Mann erkannt, an dessen Arme ich jetzt hing, mit heller Freude ein unverhofftes Wiedersehen genießend. Es war Hoffmann von Fallersleben.

Eben noch Freiligrath’s gedenkend, ging ich jetzt zur Seite des Mannes, der einen entscheidenden Einfluß auf die politische Gesinnung Freiligrath’s ausübte. Des Mannes, der lange vor 1848 seine Stimme in Deutschland für Freiheit und Recht erhob, der seine Kühnheit mit Verlust seines akademischen Amtes büßte, der aus fast allen großen und kleinen deutschen Vaterländern ausgewiesen, Jahre lang polizeilich aller Orten verfolgt und gemaßregelt, unerschrocken und ungebeugt seiner Braut die schönsten, feurigsten Lieder sang; seiner Braut, dem schönen Deutschland, jene Lieder, die in den Herzen des deutschen Volkes einen so kräftigen Wiederhall fanden und die so außerordentlich viel dazu beitrugen, patriotischen Sinn in Deutschland zu wecken und jenes Verlangen nach Freiheit und Einheit anzufachen, welches 1848 zu heller, mächtiger Flamme aufloderte. Wahrheit war geworden, was der nimmer ermüdende Dichter einst sang:

„Und bist du nur ein Glöcklein,
Frisch auf, frisch auf, mein Sang!
Es stürzt auch die Lawine
Von eines Glöckleins Klang!“

Wir traten durch das monumentale Thor in die weiten Räume des umfangreichen Schlosses Corvey. Auf den großen, stillen Höfen weckte unser Schritt das Echo, in einem den letzten Hof umschließenden Flügel des Schlosses führte eine breite, alte Holztreppe hinauf zu einem unendlich langen, steingepflasterten Corridor, von dessen Wänden die steifen Portraits der Aebte des einst so berühmten Klosters Corvey uns gespenstisch anstarrten. An dem Corridore liegt die Wohnung des Dichters.

Als das Jahr 1848 auch für Hoffmann von Fallersleben eine gewisse Rehabilitation gebracht, lebte er mehrere Jahre an den Ufern des Rheins, seines von ihm vielbesungenen Lieblingsstromes. Die Herausgabe des „Weimarschen Jahrbuches“ führte ihn nach Weimar, und als dies Unternehmen nach fünfjähriger Arbeit einging, übernahm es Hoffmann, einem Antrage des Fürsten von Ratibor, des jetzigen Besitzers von Corvey, folgend, die auf Corvey befindliche große und werthvolle Bibliothek, welche, seit Jahren eines fachgelehrten Bibliothekars entbehrend, in Gefahr gerieth, zu einem todten, unbrauchbaren Schatze zu werden, neu zu ordnen, zu katalogisiren und zu vervollständigen. Mit emsigem Fleiße geht der wackere Gelehrte dieser Aufgabe seit Jahren nach, und man muß erstaunen über die jetzt schon gewonnenen Resultate seiner Arbeit. Die Wanderungen durch diese herrliche Bibliothek an der Seite Hoffmann’s, des kundigsten Führers, werden mir unvergeßlich bleiben. Die werthvolle Büchersammlung (über hunderttausend Bände) birgt nicht allein ungeahnte Schätze von allen Gebieten der Wissenschaft und Kunst, sie zeichnet sich auch durch ihre Lage aus, welche wohl einzig ist. Aus den langen Fensterreihen derselben eröffnet sich nämlich dem staunenden Blicke eine überraschend schöne Aussicht über den großen Schloßpark hin in das reizende Weserthal.

Der Zauber der Gegend und diese Bibliothek machen es erklärlich, wie der trotz seines vorgeschrittenen Alters (Hoffmann ist 1798 geboren) noch so geistig rüstige und rührige, den Verkehr mit Menschen von höherer Bildung so sehr liebende Dichter in der Einsamkeit dieses stillen, großen Schlosses ausharrt. (Der Herzog residirt auf Ratibor in Schlesien.) Freudig hat er aber doch die erste Locomotive begrüßt, welche diesen hübschen, aber stillen Winkel der Erde mit den großen Städten der Nachbarschaft in Verbindung bringt.

Abends saßen wir dann zusammen in der Werkstatt seines schaffenden Geistes. Ueber Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hin schweifte das lebendige Gespräch, wir gedachten unserer gemeinschaftlichen Freunde, ihres Wirkens und ihrer Schicksale, und so kam es denn, daß abermals das Andenken an Freiligrath geweckt wurde. Ich erfuhr, daß Hoffmann beschäftigt ist, seine reichen Tagebücher für den Druck vorzubereiten. Dieselben werden unter dem Titel „Aus meinem Leben, von Hoffmann von Fallersleben“ im Verlage von Carl Rümpler in Hannover erscheinen. Gern theilte der Dichter mir Manches aus dem interessanten Inhalte derselben mit, auf meine Bitten auch die Stellen, welche sich auf seinen Verkehr mit Ferdinand Freiligrath bezogen, dem dieser in seinem „Glaubensbekenntniß“ ein Denkmal gesetzt hat.

Am 15. August 1843, erzählte Hoffmann, reiste ich nach Coblenz. Der Zweck dieser Reise war, eine Freundin nach langen Jahren wieder zu sehen und ihr meinen Dank abzustatten für die innige Theilnahme, [585] welche sie von Neuem mir bewiesen hatte. Nachdem ich den ganzen folgenden Morgen im Riesen von meinem Zimmer aus mir den Rhein und das Getümmel am Strande angesehen und vergebens zwei Freunde erwartet habe, gehe ich zu Karl Bädeker. Da heißt es dann: „Herr Bädeker ist ausgegangen, wird aber wohl bald wiederkommen.“ Ich lasse mir im Buchladen die Zeitung geben und warte. Endlich frage ich: „Wo ist denn Herr Bädeker?“ – Da erfahre ich denn: „Er ist mit dem Dichter Freiligrath spazieren gegangen.“

Nach einiger Zeit kommt Bädeker, sichtlich verlegen: „Willst Du Freiligrath kennen lernen?“

„Warum nicht? Bring’ ihn nur!“

Bädeker kehrt nochmals um und sagt zutraulich: „Du, sei gut!“

Ich muß laut auflachen. Freiligrath kommt, wir begrüßen uns und unterhalten uns ganz nett. Unterdessen ist es Mittagszeit. Wie Bädeker sieht, daß wir Beide ganz harmlos mit einander verkehren, so ladet er uns zu Mittag ein.

Wir sind sehr heiter. Ich erzähle viele Schnurren, so daß wir gar nicht aus dem Lachen herauskommen. Nach Tische frage ich Freiligrath, ob er mich etwas begleiten wolle, ich müßte noch auf die Laubbach gehen. Er ist bereit. Als wir auf dem Wege sind, meine ich, wir könnten ja erst noch eine Tasse Kaffee trinken. Wir gehen in ein Kaffeehaus und sitzen ganz allein. Wir kommen nun auf die Tagesereignisse zu sprechen. Ich mache keinen Hehl daraus, daß es allgemein sehr übel aufgenommen sei, daß Freiligrath gerade zur Zeit, als Herwegh ausgewiesen worden, ein Gedicht gegen ihn veröffentlicht habe, allerdings ein zufälliges Zusammentreffen. Freiligrath sprach sich darauf über seine Gesinnung aus, theilte mir einige seiner neuesten Gedichte mit und bemerkte, daß eins die Censur nicht passirt habe. Nun, fügte er hinzu, ich würde bald von seiner politischen Gesinnung eine bessere Meinung gewinnen. Er war zutraulich geworden und so glaubte ich denn, es auch sein zu können, und las ihm mein Lied vom Schweigethaler[2] vor. Wir schieden in der Hoffnung, uns den Abend wieder zu sehen, Bädeker hatte uns nämlich zu einem ländlichen Familienfeste eingeladen.

Ich ging wieder nach der Laubbach und kehrte erst nach Sonnenuntergang zurück. Bädeker hatte uns vergebens in seinem Hause erwartet. Einer seiner jungen Leute war beauftragt, uns nach einem Garten auf dem linken Moselufer hinzubringen. Ich ging beim Riesen vor und holte Freiligrath ab. Wir befanden uns in einer ziemlich zahlreichen Gesellschaft von lauter Bädeker’schen Verwandten: Oheime, Brüder, Schwestern, Bräute, Vettern. – Nachdem wir Alle uns wechselseitig vorgestellt waren, nahmen wir Platz an einer langen Tafel. Es ging mir gar zu still her und da mir das unerträglich wurde, so suchte ich etwas Leben hinein zu bringen: ich erzählte einige lustige Geschichten und Witze, stimmte ein Lied an und brachte einige Gesundheiten aus. Nach einiger Zeit war mein Zweck erreicht, die Stimmung war eine belebte, heitere. Um sie noch zu steigern, gerieth ich in’s Politische. Freiligrath saß neben mir und ich sang das Lied vom Schweigethaler.

Bädeker nahm es sehr übel, Freiligrath nicht. Auf dem Heimwege machte mir jener bittere Vorwürfe.

„Aber, lieber Bädeker, Du weißt nicht, daß Freiligrath das Lied ja schon kannte, ich habe es ihm am Nachmittage schon vorgelesen.“

Bädeker wollte sich nicht beruhigen. Als wir aber vor seinem Hause Abschied nahmen und seine beiden alten Oheime mir dankten für den frohen Abend, den ich ihnen bereitet hätte – da wendete ich mich an Bädeker: „Hast Du’s gehört? Nun gieb Dich zufrieden und leb’ wohl!“

Ich war mit Freiligrath in der Nähe des Riesen angelangt. Da meinte ich, es wäre hübsch, wenn wir noch etwas Kühlendes genössen. – (Das ist nun jene „Nacht im Riesen“, in Folge welcher Freiligrath im Mai des folgenden Jahres das bekannte Gedicht[3] an Hoffmann richtete, von dem wir, da die betreffende Sammlung jetzt eben wieder in viele Hände kommt, nur einige Strophen von besonderer Bedeutung hier mitzutheilen brauchen:

Jetzo, wo die Nachtigall<--! Keine Zeilennummerierung, weil nur auszugsweise zitiert -->
Schlägt mit mächt’gen Schlägen;
Wo der Rhein mit vollerm Schall
Braus’t auf seinen Wegen;
Wo die Dämpfer wieder zieh’n;
Wo die grünen Reben,
Wo die Blumen wieder blüh’n: –
Jetzt auf einmal eben
Denk’ ich wieder, wie im Traum,
Jener Nacht im Riesen etc.

Ich auch, der ich jene Nacht
Finster mit Dir zechte,
Ich auch, eben vor der Schlacht,
Biete Dir die Rechte!
Ja, auch ich steh’ kampfbereit,
Gleich sind unsre Zeichen: –
Mit Bewußtsein wag’ ich’s heut
Dir die Hand zu reichen!

Herz’ger noch, als dazumal,
Wag’ ich’s, einzuschlagen!
Schiefer Stellung volle Qual
Mußt’ ich damals tragen!
Noch nicht recht aus ganzem Holz
Schien auch Dir mein Leben;
Drum auch war ich noch zu stolz,
Mich Dir ganz zu geben!

Alles das ist nun vorbei!
Frei ward Lipp’ und Zunge,
Frei das Auge mir, und frei
Dehnt sich Herz und Lunge!
Vom Gedanken bis zur That
Schlug ich dreist die Brücke;
Hüben steh’ ich, und kein Pfad
Führt mich je zurücke!

Horch, o horch, die Nachtigall
Schlägt mit mächt’gen Schlägen,
Und der Rhein mit vollerm Schall
Braus’t auf seinen Wegen!
Alles keimt und Alles gährt,
Alles windet Kränze: –
Auch den herbsten Kelch geleert
Auf der Zukunft Lenze!)

Den andern Morgen, erzählte Hoffmann weiter, fuhr ich nach St. Goar, kehrte in die Lilie ein und besuchte Freiligrath, der daneben wohnte. Frau F. schien etwas verlegen. Als ich nach einigen Stunden wiederkehrte, war sie ganz freundlich und gesprächig. Geibel, den ich auch traf, blieb lange sehr ernst und zurückhaltend. Freiligrath schlug einen Spaziergang nach Oberwesel vor, Geibel betheiligte sich. In Oberwesel kehrten wir ein beim Wirth zum Pfropfenzieher. Wir aßen zu Nacht, tranken einen guten Wein und waren recht heiter. Ich sang viel, erzählte viele lustige Geschichten und suchte Alles zu vermeiden, was unangenehm hätte berühren können. Als ich anstimmte: „Deutschland, Deutschland über Alles!“ sagte Geibel: „Auf diesem Gebiete sind wir Eins!“ Um Mitternacht gingen wir heim, heiter und friedlich wie der schöne Sternenhimmel; über dem Loreleifelsen ging der Mond auf.

Den 3. Juli 1844 reiste ich nach Mannheim. Ich blieb einige Stunden in Mainz. Bei Victor von Zabern traf ich Freiligrath. Ich war nicht eben angenehm überrascht. Die Rhein- und Moselzeitung hatte auf eine mich sehr beleidigende Weise sich über unser Zusammentreffen in Coblenz ausgesprochen. Da von Freiligrath keine Widerlegung erschien, so nahmen meine Freunde an, daß er diesen Artikel verfaßt habe oder doch zu ihm in Beziehung stehe. Er erklärte mir nun, daß Beides nicht der Fall sei, und ich würde mich bald von seiner Gesinnung überzeugen.

Freiligrath wohnte mit seiner Frau in Kronthal, einer kleinen stillen Badeanstalt in einem waldigen Thale, die erst vor zehn Jahren in’s Leben trat. Wir besuchten uns wechselseitig, doch war ich öfter in Kronthal als er in Soden. Die letzten Tage vor meiner Abreise war unser Verkehr besonders lebhaft. Wir sahen uns täglich. Obschon es seinerseits keiner Erklärung mehr bedurfte, daß er ganz unserer Partei gehörte, so hielt ich es doch nicht für überflüssig, ihn als einen Gleichgesinnten zu begrüßen, zumal ich voreiliger Weise mein Mißtrauen früher in einem Liede ausgesprochen hatte. Den 2. August nahmen wir von einander Abschied ohne die tröstende Hoffnung, uns bald wieder zu sehen. Der Druck seiner neuesten Gedichte, („Ein Glaubensbekenntniß“ etc.) ward noch in diesem Monate vollendet, aber erst im folgenden (September) dem Buchhandel übergeben.

[586] Nach der rückhaltlosen Erklärung im Vorworte zu denselben durfte sich die Presse gar nicht erst den Kopf zerbrechen, warum und wie Freiligrath in den Freisinn hinein gerathen war. Das Ereigniß war aber zu bedeutend und mußte besprochen werden, und da dies nur in regierungsfreundlichem Sinne geschehen konnte, so waren die Stimmen natürlich mehr wider ihn als für ihn. Die Allgemeine Zeitung stellte am 10. October in ihrer 284. Nummer mehrere Urtheile zusammen. Man ging darin sehr weit: man traute Freiligrath so wenig Selbstständigkeit zu, daß man ihn als einen zu seiner neuen politischen Richtung von mir Verführten hinstellte, und diese Albernheiten gingen dann später in die Geschichten der neuesten deutschen Literatur über.

Das Unangenehmste dabei für Freiligrath und mich war unstreitig, daß seine Verwandten und viele seiner Freunde ihn als den Verführten und mich als den Verführer ansahen. Freiligrath ahnte das und sendet es einem Freunde schon den 18. August von Mainz aus sein „Glaubensbekenntniß“ mit einigen Zeilen. Es ist mir lieb, daß ich dieselben in der Urschrift besitze; ich theile die betreffende Stelle daraus mit, um das zu bestätigen, was Freiligrath wollte, und daß es ihm nie eingefallen ist, einem Andern die Verantwortlichkeit seiner Schritte zuzuschieben:

„– – Eine Bitte hab’ ich Ihnen aber noch vorzutragen. Die nämlich, daß Sie sich veranlaßt finden möchten, meiner guten Schwiegermutter, Frau Prof. Melos in Weimar, einige Worte der Erläuterung und des Trostes zu sagen, wenn sie sich, wie ich vermuthe, über diese meine jüngsten Gedichte mehr oder weniger entsetzen sollte. Suchen Sie ihr die Ueberzeugung mitzutheilen, daß das Volk mehr zu bedeuten hat, als die Fürsten; daß ‚das Glaubensbekenntniß‘ ein aus innerem Drange hervorgegangenes Werk, daß es eine Nothwendigkeit ist, der ich ohne Widerstreben folgen mußte. Ein klares, verständiges Wort eines Dritten wird hier mehr und besser wirken, als alle directe schriftliche Auseinandersetzung von meiner eigenen Hand. Ich verlasse mich drum vertrauensvoll auf Ihre Güte und danke Ihnen im Voraus herzlich für Alles!“[4]




Erinnerungen aus dem letzten deutschen Kriege.
Nr. 9. Gefunden und wieder verloren.


Nach der Schlacht bei Langensalza hatte ich in einem der größeren Lazarethe die Pflege der Verwundeten mit übernommen. In Folge dessen war mein Name auch nach außen bekannt geworden, ja sogar in die Zeitungen gedrungen, und so geschah es, daß ich schon nach wenigen Tagen zahlreiche schriftliche Anfragen aus der Ferne nach dem Verbleib und Befinden preußischer oder hannoverscher Krieger erhielt, welche dem Kampfe mit beigewohnt und den Ihrigen noch keine Nachricht gegeben hatten.

Unter meinen Verwundeten befand sich ein junger Dragoner vom hannoverschen Regiment Cambridge, der mich durch seine große Jugend und angenehme Persönlichkeit, mehr noch durch den festen Muth und die stille Resignation, mit welcher er eine schwere Verwundung des rechten Fußes ertrug, besonders interessirte. Um Wunde und Wundfieber nicht noch brennender und gefahrvoller werden zu lassen, bettete ich ihn in die Nähe eines Fensters, vor dem ein allerliebstes Blumengärtchen lag, dessen zahlreiche, in voller Blüthe stehende Rosen – es war zur Rosenzeit – ein köstliches Arom in den dumpfen, mit faulen Dünsten angefüllten Krankensaal einströmten. Und um die trüben Gedanken über sein herbes Mißgeschick zu vertreiben, brachte ich an der Decke des Saales zwei Lederriemen mit Griffen an, mittels deren er sich momentan erheben und einen Blick in’s Freie, in das Rosengärtchen, thun konnte, für ihn auf langem Schmerzenslager ein unschätzbares Glück.

An einem Morgen der ersten Woche, als das Wundfieber etwas abgenommen hatte und sein Befinden den Umständen nach sehr befriedigend war, lächelte er mir schon von Weitem entgegen. „Ich habe in vergangener Nacht einen recht angenehmen Traum gehabt,“ erzählte er bei meinem Nähertreten, „ich befand mich zu Hause bei der Tante. Sie müssen nämlich wissen, daß mich diese halb und halb erzogen hat. Meine Eltern waren immer so sehr betrübt, sie verloren fünf erwachsene Söhne und das machte besonders den Vater zeitweise ganz irre und tiefsinnig. Ich sollte durch ländlichen Aufenthalt und Beruf der Tücke des Familienübels entrissen werden und so geschah es, daß ich auf viele Jahre Stadt und Elternhaus verließ und zur Tante auf das Land zog, welche daselbst ein Gütchen bewirthschaftete. Der Seelsorger des Ortes unterrichtete mich, und bei der Tante und dem befreundeten Gutsbesitzer erlernte ich später die Landwirthschaft. Auf diese Weise bin ich gesund und stark geworden, um,“ sprach er bitter und mit feuchtem Blicke, „aus einem brudermörderischen, ganz unnützen Kampfe als Krüppel und Verstümmelter zurückzukehren. Aber lassen wir die trüben Gedanken. Ich hatte also einen recht angenehmen Traum von der Tante und … und …“ Hier schwieg er mit einem leichten Erröthen, ich aber machte neckisch die Fortsetzung und rief: „und einen noch schönern Traum von meinem lieben Mädchen.“ Er lächelte, drohte aber scherzend mit dem Finger und sprach: „Nicht zu laut, lieber Herr, es weiß es ja noch Niemand, selbst die gute Tante nicht!“

„Aber, junger Freund,“ erwiderte ich, „Sie sind heut so wohl und gutgelaunt, wollen Sie nicht der Tante und so weiter – nun, Sie verstehen mich – ein paar Wörtchen schreiben? Die Ihrigen wissen nicht einmal, ob Sie überhaupt noch leben!“

„Kann ich denn schreiben?“ rief er schmerzlich, „ich bin ja in dieser Lage ganz hülflos, auch vibriren immer noch alle Pulse und die Feder würde meiner Hand entsinken. Wenn ich freilich dictiren dürfte und Sie für mich schreiben wollten, ja; dann wäre ich mit Freuden bereit.“

Ohne Zögern holte ich das nöthige Schreibmaterial und schrieb sein Dictat, seinen Namen aber unterzeichnete er selbst.

„Weiter nichts, auch gar nichts?“ frug ich ihn scherzend. „Auch nicht ein kleines Postscriptchen, von wegen des …“

„Sie sind ein wahrer Quälgeist,“ antwortete er erröthend. „Nun, so geben Sie das Blatt noch einmal zurück; bitte, halten Sie noch eine Minute, aber,“ rief er neckisch, „nicht lauschen!“ Und so schrieb er noch eine Zeile, faltete das Blatt und übergab es mir zur Beförderung in die Heimath.

Als ich nach Beendigung meines Rundganges im Lazareth nach Hause kam, fand ich daselbst eine Menge Briefe vor, die meisten von Angehörigen der Verwundeten. Man denke mein freudiges Aufblicken: eines der Schreiben erschien von der Tante. Nun, die erbetene Nachricht war bereits unterwegs und sie fiel besser aus, als sie hoffte: ihr Liebling lebte noch.

Wie tief aber erschreckte es mich, als am andern Morgen einer der Krankenwärter meines Lazarethes mit der Liste der in der Nacht Verstorbenen erschien und mein Cambridge-Dragoner auch mit aufgeführt stand! Leider konnte der Bote, welcher erst am gestrigen Abende als Wärter eingetreten war, über die Ursache des unerwarteten Todes keine Auskunft geben, und so mußte ich mich einstweilen mit der Liste, eigentlich mit den ausgestrichenen und bekreuzten Nummern begnügen. Meines Dragoners also gekennzeichnete Nummer im Verzeichniß stimmte mit seinem Namen, so daß ich keinen Augenblick zweifelhaft sein konnte, und es blieb mir daher nichts Anderes übrig, als die Todesnachricht schleunigst an [587] seine Angehörigen zu befördern, um ihre Anwesenheit und Betheiligung bei dem Begräbniß, welches am gleichen Tage, spätestens am andern Morgen geschehen mußte, zu ermöglichen. Ein Telegramm trug die Trauerbotschaft in ihre Heimath.

Erst spät an diesem Morgen betrat ich das Lazareth. Die Menge und Last der Geschäfte und Arbeiten in diesen Zeiten war wahrhaft erdrückend; wer aber beschreibt meinen Kummer, mein Erschrecken, als ich beim Eintritt in den Saal – den Dragoner erblickte, lebend, heiter und vergnügt, voll Freude über meinen Besuch! Wohl freute ich mich auch herzlich, – aber das leidige Telegramm, die Todesanzeige, sie befanden sich seit Stunden in den Händen seiner Familie und diese sah ich im Geiste in Thränen und tiefem Weh.

Nur einen flüchtigen Gruß winkte ich meinem jungen Freunde zu, dann eilte ich an den Schreibtisch, um durch eine andere telegraphische Benachrichtigung die frühere zu widerrufen. Ich fürchtete zwar ihre Nutzlosigkeit, wollte aber nichts versäumen, um die Folgen eines so traurigen Mißverständnisses abzuwenden. Mein Dragoner erfuhr natürlich kein Wort von der unglücklichen Sache, die durch eine Verwechslung der Nummern geschehen war. Als ich später an sein Lager trat und meine Augen bei seinem Anblick und in der Erinnerung an den Kummer seiner Angehörigen sich umflorten, wurde auch er ernst und frug: „Sie sehen nach der leeren Bettstelle des Jägers, den man heute Nacht todt hinweggetragen, Ihre Augen thränen, – war der Verstorbene vielleicht ein Verwandter von Ihnen?“ – Wie schwer drückte mich meine Verschuldung, mein allzu rasches Handeln!

Wie ich gefürchtet, so geschah es. Zunächst ging folgender Brief ein:

„Geehrter Herr! Nehmen Sie besten Dank für Ihre Mittheilung. Leider konnten die Worte, welche aus so warmem Herzen kamen, nicht in die Herzen Aller dringen. Mein guter Bruder, der bereits fünf Söhne durch den Tod verloren hat, ist auf die Nachricht vom Verluste seines letzten Kindes hin irrsinnig geworden. Mündlich mehr, da ich Ihnen morgen die Hand drücken werde.
N. N.

Am andern Morgen früh erschien die Tante selbst. Mit strömenden Thränen reichte sie mir wie eine alte, liebe Bekannte die Hand und sprach: „Mein theurer Herr, ich bin die Tante des jungen Mannes, welcher nach Ihrer Meldung am gestrigen Tage in Ihrem Lazarethe gestorben, und habe nur noch den Wunsch, den lieben unvergeßlichen Todten noch ein Mal zu sehen. Wer von uns hätte gedacht, daß er so früh schon und in dieser Weise enden werde, er, die letzte Hoffnung seiner Eltern, der einzige von sechs blühenden Söhnen! Ich darf den Jammer der Seinigen gar nicht ausdenken; kommen Sie, führen Sie mich zu ihm, daß ich den bittern Kelch austrinke.“

Wie schwer bedrückte mich meine Schuld bei den Thränen und Klagen der alten Dame, wie sehr bereute ich meine Hast; aber dennoch wieder jauchzte es auch in meinem Innern, denn ich hatte ja den schönsten Trost für sie in der Hand: die Nachricht von der Auferstehung, von dem Leben ihres Lieblings. Und diesen Balsam reichte ich ihr auf dem Wege nach dem Lazareth. Nun erst wurde mein Herz wieder ruhig.

Ich führte meine Begleiterin einstweilen nach der Laube am Hause und eilte dann in den Krankensaal, um meinen jungen Freund auf ihren Besuch vorzubereiten. Als mich der Patient so freudig erregt sah, rief er verwundert: „Lieber Herr, heut’ machen Sie ein ganz anderes Gesicht, als gestern Morgen; Sie sind so heiter und vergnügt. Haben Sie etwas Angenehmes erfahren? Sie bringen mir selbst wohl eine gute Nachricht?“

„Freilich habe ich etwas Angenehmes für Sie, wenn es auch nur ein Traum ist,“ gab ich zur Antwort. „Denken Sie nur, mir träumte, die Tante käme hierher!“ Bei diesen Worten leuchteten seine Augen hell auf und als ob er die Wahrheit ahne, griff er nach den ledernen Handhaben, zog sich in die Höhe, warf einen Blick durch das Fenster und rief jubelnd:

„Meine Tante ist hier, da – da draußen steht sie, ich sehe sie! Tante, hier bin ich, komm herein zu Deinem Karl!“ Kaum war der Ruf geschehen, als auch schon die Saalthür aufgerissen wurde und Neffe und Tante in der zärtlichsten Umarmung lagen. Wir Alle, Arzt und Krankenwärter und selbst die Verwundeten umher, sahen im tiefsten Mitgefühl das Glück der Wiedervereinigten.

Noch eine dunkle Wolke stand über meinem Haupte: es war ein zweiter Besuch, die noch bevorstehende Ankunft der Eltern meines Schützlings. Endlich, gegen Abend, trafen auch sie hier ein; mein letztes Telegramm mit der Nachricht vom Leben ihres Sohnes hatte sie noch erreicht. Die Mutter war voll brennender Sehnsucht nach dem geliebten Sohne, der Vater blieb stumm, starr und unempfänglich für den erhaltenen Widerruf. „Ein Todter kann nicht leben,“ gab er stets zur Antwort. „Alle sind todt, Fritz ist gestorben, Willi auch“ … er zählte alle seine verewigten Kinder auf und endete stets mit den Worten: „Und ich bin auch todt!“ Dieser Anblick und Jammer durchbohrte mein Herz und unwillkürlich murmelte ich, eingedenk meiner Vorschnelle: „Vergieb uns unsere Schuld!“

Ich führte beide Gatten nach dem Lazareth, zunächst nach dem Blumengärtchen, um den Verwundeten im Saale auf den Anblick seiner Eltern vorzubereiten. Zuvor aber nahm ich Rücksprache mit dem Arzte und beschrieb ihm auch den Zustand des Vaters. „Unser Dragoner,“ antwortete er, „war anfänglich bei dem Besuche der Tante sehr aufgeregt, aber sein längeres Zusammenbleiben mit ihr beruhigte ihn immer mehr. Ich fürchte nicht, daß der Besuch seiner Eltern ihm schaden wird, besonders dann nicht, wenn Tante oder Mutter über Nacht bei ihm bleiben. Dann ist es auch gar wohl möglich, den alten Herrn wieder zur Vernunft zu bringen, wenn er sich durch den Augenschein von dem Leben seines Sohnes überzeugen muß. Der alte Herr thut mir leid, fünf erwachsene Söhne verloren, der letzte schwer verwundet und noch keineswegs über alle Gefahr hinweg – es ist ein schweres Geschick!“

Dieses Mal unternahm die Tante das kritische Geschäft der Vorbereitung im Lazareth, ich selbst begab mich in das Gärtchen zu den Eltern, um sie aus Verlangen sofort zu ihrem Sohne zu führen. Nicht lange und es rief am Fenster: „Mutter, Vater, ich lebe noch, wo bleibt Ihr! Ach, kommt doch herein – herein zu mir!“ Zitternd und schwankend schritt die Mutter an meinem Arme dem Saale, dem Lager ihres Kindes zu; ich wandte mich ab, die Scene war allzu schmerzlich, und begab mich zum Vater zurück. „Alles nicht wahr, ein Todter kann nicht leben, Fritz ist gestorben, Willi auch,“ kurz, seine ganze irre Vorstellung brachte der Unglückliche draußen immer von Neuem zu Tage.

Als ich diesen herzbrechenden Zustand und sein fortwährendes Widerstreben, der Gattin zu folgen, wahrnahm, umfaßte ich ihn mit starkem Arm und zog ihn unter guten und ernsten Worten in den Krankensaal, an das Lager seines Sohnes. Ein Griff und Zug an den Handhaben, und dieser saß urplötzlich aufrecht vor dem Vater, gestützt und gehalten durch den hinzugetretenen Arzt. „Vater, theurer Vater,“ rief er schmerzlich, „besinne Dich, ich bin Dein Sohn Karl, kennst Du mich nicht mehr?“ Scheu hatte sich der Irre in dem weiten Saale umgesehen; die Menge und Schmerzensgeberden der Verwundeten schienen ihn zu ängstigen, er wich zurück und strebte von meinem Arm los zu kommen, da hörte er eine bekannte Stimme, den lauten Ruf seines Sohnes, sah dessen bleiches Antlitz, seine flehenden Hände, vernahm das leise Schluchzen von Gattin und Schwester, und – es tagte in seiner umnachteten Seele, der starre Blick schwand, die matten Augen belebten, die Arme erhoben sich, das Bewußtsein, die Erinnerung kehrten zurück. „Karl, mein Karl,“ rief er lautschluchzend, „sehe ich Dich wieder, Du bist nicht todt?“ und eilte nach dem Lager seines Kindes, aber er erreichte es nicht, ohnmächtig sank er nieder.

„Beruhigen Sie sich, junger Mann,“ sprach der Arzt zu dem angsterfüllten Sohne, „Ihr Vater wird erwachen und, wie ich hoffe, mit zurückgekehrter geistiger Klarheit!“

Es war ein kühnes Wagniß, einen Schwerverwundeten solchen Aufregungen zu unterwerfen; noch mehr, durch die beabsichtigte, plötzliche Begegnung und Vorführung des irren Vaters dessen geistige Wiederbelebung zu versuchen. Ich sowohl, wie der Arzt, standen in großer Sorge und blieben deshalb statt Mutter oder Tante bei dem Patienten während der ganzen Nacht – seine Angehörigen ließen wir zur Ruhe gehen – aber die starken Nerven, der robuste Körper des jungen Mannes siegten. Ein wohlthätiger Schlummer, unter fortwährend glücklichem Lächeln des lieben Burschen, beruhigte die Pulse und die Gefahr ging vorüber.

„Gott sei Dank!“ riefen wir Beide aus voller Seele, als wir uns bei Tagesgrauen verabschiedeten. „Freund,“ sprach leise der Arzt, „ein Mal und nicht wieder; das hieß den Himmel [588] herausgefordert und konnte des Vaters und des Sohnes Tod zugleich werden.“

Als ich meine Wohnung betrat, fand ich die drei Fremden, welche bei mir Herberge angenommen, noch vollständig wach und munter; die Sorge und Angst um die möglichen schlimmen Folgen der heutigen Begegnung mit dem Sohne ließ sie ruhelos. Meine ernste Versicherung seines Wohlbefindens führte sie endlich auf das Lager. Die armen, so schwer geprüften Dulder beruhigten sich im Laufe des Tages immer mehr, und als sie am nächsten Morgen ihr Kind verließen, geschah es mit der Hoffnung baldigen Wiedersehens in der Heimath.

„Die Wiedergenesung unseres Dragoners hatte längere Zeit einen erfreulichen Fortgang und schon glaubte ich ihn ganz außer Gefahr, als der Arzt plötzlich die Eiterung der Schußwunde für minder gut erklärte und fürchtete, schon am folgenden Tage zur Verhütung des Brandes den kranken Fuß amputiren zu müssen. Man erlasse mir die Beschreibung der Gefühle des Armen, welcher sich nun auf Lebenszeit verstümmelt sah; zwar klagte er nicht, aber die Augen standen ihm fortwährend voll Thränen. Ich selbst war tief bekümmert, denn der junge Mann hatte durch seine Anhänglichkeit und dankbare Gesinnung meine ganze Liebe erworben. Nach und nach fügte er sich in’s Unvermeidliche und dankte Gott, daß er ihm das Leben gelassen.

„Als ich von zu Hause wegzog,“ sprach er, „war ich so thöricht, zu den Meinigen zu sagen: ‚Entweder seht Ihr mich lebend, gesund und gerade wieder oder nie; als Krüppel komme ich nicht zurück, dann lieber todt!‘ Jetzt bin ich froh, wenn ich nur das Leben davon bringe, und selbst mein liebes Bräutchen wird sich an den Stelzfuß gewöhnen.“

Armer Mensch mit deinen schönen Hoffnungen! Als ich eines Morgens an sein Lager trat, fand ich ihn ungewöhnlich bleich und sichtbar verfallen. Ehe ich noch nach seinem Befinden fragen konnte, rief er unter Thränen: „Lieber, theurer Herr, ich habe mich in der verflossenen Nacht recht unwohl befunden; geben Sie Acht, es geht mit mir zu Ende, ich werde die lieben Meinigen und die Heimath nicht wieder sehen!“

Schon wollte ich ein Wort der Beruhigung sagen, ihm seine Befürchtungen ausreden, als er mir den Arm hin hielt und rief: „Fühlen Sie meinen Puls, in dieser Weise hat er nie getobt, und hatte ich nicht während der ganzen Nacht Schüttelfrost, den Vorboten des unausbleiblichen Kinnbackenkrampfes? Kann ich mich täuschen, ich, der ich diese verhängnißvollen Symptome fast an allen meinen sterbenden Cameraden hier so oft beobachtete und wahrnahm? O, Ihr lieben Eltern, und Du, herzliebe Tante, nun seid Ihr ganz verwaist! Und mein liebes Mädchen … Gott, Du prüfst mich hart, womit habe ich das verdient?“

Ich muß hier in meiner Erzählung abbrechen. Heut noch, nach mehr als Jahresfrist, thut mir das Herz weh, wenn ich des frühzeitigen Heimganges dieses hoffnungsvollen Jünglings gedenke. Noch an demselben Tage verschied er, in meinen Armen, an meiner Brust, und meine Hand war es, welche ihm das brechende Auge schloß; ich ließ ihn wie einen lieben Verwandten begraben und reichte ihm endlich die letzte Gabe: eine Hand voll Erde in das Grab.

Seinen Angehörigen theilte ich in aller Vorsicht und Schonung die Trauerkunde mit, aber sie erschienen nicht bei der Bestattung. Den Grund ihres Ausbleibens erfuhr ich bald: sie hatten einen zweiten Todten, den Vater, welcher bei Empfang der traurigen Nachricht, vom Schlage getroffen, leblos zu Boden sank. Erst am Jahrestage der Schlacht von Langensalza trafen sie hier ein, in tiefer und doppelter Trauer um Vater und Sohn. Die drei Frauen – errathet ihr die Dritte? – zerflossen in Thränen, als ich sie zum Grabe des Frühvollendeten führte, welches mit allen übrigen Erdhügeln der Gefallenen im schönsten Blumenschmuck lag.

Ich versuchte kein Wort des Trostes – was hätte ich sagen können, solch’ tiefes Weh zu lindern? – aber meine Thränen flossen ebenfalls und das that ihnen wohl.

„So fromm und gut und so gesund – der blühendste von allen Brüdern,“ klagte mit schmerzlichem Blick nach Oben die leiderfüllte Mutter, „und so frühe und schrecklich mußtest Du von hinnen; wie bitter für das Mutterherz!“

„Wie sie so sanft ruh’n, alle die Seligen, die gläubig kämpften den letzten Lebenskampf,“ also sangen die Sänger an den Gräbern, mit ihnen die Schaaren der Leidtragenden umher, und auch unsere Frauen stimmten leise und immer gläubiger und getrösteter mit ein. Als sie endlich am späten Abend den Friedhof verließen, geschah es in williger Ergebung unter die Hand Gottes, in stillem Frieden. Ihr Leid und meine Theilnahme hat uns zu Freunden für’s ganze Leben gemacht.




Das Geheimniß der alten Mamsell.
Von E. Marlitt.
(Fortsetzung.)
28.

Das junge Mädchen war nur durch einige Straßen und über zwei Schwellen gegangen; aber welch’ äußeren und inneren Umschwung hatten diese wenigen Schritte bewirkt! … Die gewaltigen Steinmassen des alten Kaufmannshauses lagen hinter ihr und mit ihnen der Druck einer unwürdigen Behandlung. Hell und sonnig war es, wohin sie blickte – nicht der leiseste Zug jenes finsteren Zelotenthums trat ihr entgegen, das wie ein unheimlicher Nachtvogel über dem Hellwig’schen Hause kreiste und mit seinen Fängen jede arglos nahende Menschenseele zu packen suchte. … Eine freie, gesunde Weltanschauung, lebhaftes Interesse für Alles, was die Welt Schönes und Herrliches hat, und ein fröhliches, inniges Familienleben, das waren die Eigenschaften, die im Frank’schen Hause vorwalteten. Felicitas befand sich somit in ihrem eigentlichen Lebenselement. Es war ihr ein süß wehmüthiges Gefühl, sich plötzlich wieder mit all’ den Schmeichelnamen nennen zu hören, die Tante Cordula ihr gegeben hatte – sie war sofort das Schooßkind des Frank’schen Ehepaares geworden.

So sah die äußere Wandlung aus, die mit ihr vorgegangen, – vor der inneren, tiefgehenden stand sie selbst in süßer Befangenheit. … Sie hatte an jenem Abend auf die Aufforderung des Professors hin ohne Weiteres ihre wenigen Habseligkeiten liegen lassen; in der Hausflur hatte sie stumm ihre kleine Hand in seine Rechte geschmiegt und war mit ihm gegangen, ohne wissen zu wollen, wohin. … Und wenn er sie weiter geführt hätte durch die dunkelnden Straßen, zum Thor hinaus – sie wäre mit ihm gepilgert über die ganze Erde, ohne ein Wort des Widerspruchs oder des Zweifels. Sie war ein seltsames Geschöpf, das bei aller feurigen Phantasie, bei einem enthusiastischen, hochauffliegenden Geist doch unerbittlich eine feste Basis für alles Thun und Lassen forderte. Die innigen Liebesbetheuerungen des Professors, sein angstvolles Flehen hatten ihr das Herz zerrissen, aber sie waren weit davon entfernt gewesen, ihren Entschluß zu erschüttern, eine innere Umkehr zu bewirken – es mußte etwas ganz Anderes gesprochen werden, um dies Mädchen zu gewinnen, und er hatte es gethan, jedenfalls, ohne es zu wissen. Er hatte ihr bei Verweigerung des Buches gesagt: „Ich kann nicht anders handeln, und wenn mir als Preis die Versicherung geboten würde, daß Sie sofort die Meine werden wollten, ich müßte ‚nein‘ sagen.“ Trotz der angstvollen Situation, in welcher sie sich damals befand, hatte ihr Herz doch aufgejubelt – die Kraft des männlichen Entschlusses, der Nachdruck, mit welchem er zur Geltung gebracht wurde, selbst um den höchsten Preis – sie waren die einzige Lösung der Frage gewesen, und da war es nun, das Vertrauen, ohne welches sie sich ein Zusammenleben mit ihm nicht hatte möglich denken können!

Der Professor kam jeden Tag in das Frank’sche Haus. Er war ernster und verschlossener als je – es lastete viel auf ihm. Der Aufenthalt in seinem mütterlichen Hause war unerträglich. Wahrscheinlicherweise hatte die fortgesetzte, ungewöhnliche innere Aufregung endlich doch die stählernen Nerven der großen Frau erschüttert – sie wurde krank und mußte das Bett hüten. Sie weigerte sich zwar consequent, ihren Sohn zu sehen – Doctor Böhm mußte sie ärztlich behandeln –, aber der Professor war

[589]

Gestörte Abendmahlzeit.
Für die Gartenlaube gezeichnet von Ludwig Beckmann.

[590] dadurch gezwungen, in X. zu bleiben. … Mittlerweile hatte er den Rechtsanwalt Frank, als Curator der Hirschsprung’schen Erben, in das Familiengeheimniß eingeweiht und ihm den festen Entschluß ausgesprochen, das Unrecht sühnen zu wollen. Alle Einwürfe, die der Freund vom juristischen Standpunkt aus versuchte, diese Sühne wenigstens zu beschränken, entkräftete der Professor stets durch die entschiedene Frage, ob er das Geld für ein ehrlich erworbenes halte, und das konnte selbst der Advocat nicht mit „ja“ beantworten. Uebrigens meinte der Rechtsanwalt genau wie Frau Hellwig, wenn auch von einem anderen Gesichtspunkt aus, es sei dies ein Streiten um des Kaisers Bart, denn er glaube nicht an die Existenz einer Hirschsprung’schen Familie. Aber seiner Ansicht nach durfte dem strenggläubigen Verwandten am Rhein, dem hochangesehenen Herrn Paul Hellwig, eine tüchtige Nervenerschütterung nicht erspart werden, und deshalb wurde der wehrhafte Streiter Gottes zur Herausgabe der veruntreuten zwanzigtausend Thaler aufgefordert. Der fromme Mann antwortete ruhig, mit dem gewohnten salbungsvollen Schwung, er habe allerdings diese Summe von seinem Onkel erhalten, als Tilgung einer alten Familienschuld, denn sein Vater sei von der Hellwig’schen Hauptlinie übervortheilt worden. Woher der Onkel das Geld genommen, sei ihm völlig gleichgültig gewesen und mache ihm auch jetzt nicht die mindesten Scrupel – das sei nicht seine Sache. Das Geld befinde sich in den besten Händen; er betrachte sich überhaupt nicht als den Besitzer seines Vermögens, sondern als Verwalter und zwar im Dienste des „Herrn“. Er werde den Besitz der Summe aus diesem Grunde mit allen Kräften zu vertheidigen wissen und es getrost auf einen Proceß ankommen lassen. …

Ziemlich ebenso antwortete Nathanael, der Student. Ihm war es „sehr egal“, was ein längst vermoderter Vorfahr vor so und so vielen Jahren verschuldet hatte – er hielt sich durchaus nicht für verpflichtet, Anderer Sünden weiß zu waschen, und wollte sein Erbtheil auch nicht um einen Pfennig verkürzt sehen; auch er erwartete einen Proceß in aller Gemüthsruhe, wie er schrieb, und freute sich bereits auf den Moment, wo die muthmaßlichen Erben die Kosten und sein „überspannter“ Herr Bruder seinen hochangesehenen Namen hinterdrein werfen würden.

„Da bleibt mir also nichts übrig,“ sagte bitterlächelnd der Professor, indem er diese schriftlichen Zeugen Hellwig’scher Ehrenhaftigkeit auf den Tisch warf, „als Alles zu opfern, was ich an Erbtheil und Ersparnissen besitze, wenn ich nicht auch Hehler und Mitwisser einer schlechten Sache sein will!“

So war allmählich das Ende der Ferien herangekommen. Frau Hellwig war wieder außer Bett, hatte aber entschieden erklärt, ihren Sohn vor seiner Abreise nur unter der Bedingung noch einmal wiederzusehen, daß er den ganzen „verrückten“ Hirschsprung’schen Handel als niedergeschlagen betrachte und seinen Entschluß, Felicitas zu heirathen, widerrufe – das genügte, um Mutter und Sohn für immer zu trennen.

Felicitas befand sich in einer schwer zu beschreibenden Stimmung. So lange sie im Frank’schen Hause war, saß sie jeden Nachmittag zur bestimmten Stunde mit klopfendem Herzen am Fenster und sah verstohlen die Straße hinab – dann kam sie endlich um die Ecke, die kräftige, männliche Gestalt mit dem mächtigen Vollbart und der ruhigen Haltung. Es bedurfte jedesmal der ungeheuersten Selbstüberwindung, daß das junge Mädchen nicht aufsprang und ihm bis auf die Straße entgegenging. … Dann kam er näher und näher, er sah nicht rechts, noch links, er grüßte die Vorübergehenden nicht – sein Blick haftete unverwandt auf dem Fenster, hinter welchem der Mädchenkopf sich scheinbar über die Arbeit neigte; endlich war der Moment gekommen, wo man aufsehen durfte – die vier Augen begegneten sich, ach, das Leben schloß doch ein Uebermaß der Glückseligkeit in sich, von der das junge Herz bis dahin nicht einmal geträumt hatte! – Der Professor sprach zwar nie mit einer Silbe über seine Liebe, Felicitas hätte denken können, dies Gefühl sei durch die letzten Ereignisse bei ihm völlig in den Hintergrund gedrängt worden, wären nicht eben seine Augen gewesen; aber diese stahlfarbenen Augen folgten ihr unablässig, sobald sie durch das Zimmer ging oder eine häusliche Verrichtung besorgte, sie leuchteten auf, wenn sie eintrat, wenn sie den Kopf von der Arbeit hob und ihm das Gesicht voll zuwandte. Sie wußte, daß sie noch „seine Fee“ war „die daheim auf ihn warten und an ihn denken sollte“, und in dem Sinn empfing sie ihn auch bei seinen nachmittägigen Besuchen. Das Mädchen mit dem einst so eisenharten Sinn, mit dem haßerfüllten Blick und der kalt zurückweisenden Haltung ahnte nicht, welch’ ein Zauber und Liebreiz ihrem ganzen Wesen jetzt entströmte; alles Schroffe, alle Härten dieses vielgeprüften Charakters waren untergegangen in der süßinnigen, demüthigen Liebe des Weibes.

Und da sollte nun morgen ein Tag werden, wo sie vergebens am Fenster sitzen und ihn erwarten würde. In der stets ersehnten Nachmittagsstunde war er bereits weit, weit von ihr entfernt, zahllose fremde Gesichter hatten sich zwischen ihn und seine Fee gedrängt – es verging vielleicht ein ganzes, unermeßlich langes Jahr, ehe sie ihn wiedersehen durfte; was sollte das für eine Zeit werden, die nun kam? … Felicitas blickte in einen öden, leeren Raum, in welchem sie sich nicht mehr zurecht finden konnte – sie hatte ja ihr Steuer verloren.

Am Tag vor der Abreise des Professors saß die Familie Frank und Felicitas beim Mittagsessen, als das Dienstmädchen eintrat und dem Rechtsanwalt eine Karte übergab. Ein jähes Roth der Ueberraschung schoß in sein Gesicht, er warf die Karte auf den Tisch und ging hinaus; auf dem kleinen, weißglänzenden Blättchen stand: „Lutz von Hirschsprung, Rittergutsbesitzer aus Kiel.“ … Man hörte draußen in der Hausflur eine männliche Stimme mit vornehmer Ruhe in elegantem Deutsch sprechen, dann gingen die zwei Herren hinauf in das Zimmer des Rechtsanwalts.

Während das Frank’sche Ehepaar sich über das Auftauchen dieses doch gewissermaßen in das Reich der Fabel versetzten Erben in einen lebhaften Gedankenaustausch vertiefte, saß Felicitas in großer Gemüthsbewegung schweigend da. … Das arme Spielerskind, das, losgelöst aus jeglicher Familienverbindung, bisher einsam inmitten Fremder gestanden hatte, befand sich plötzlich unter einem Dach mit einem unbekannten Blutsverwandten. … War er ihr Großvater, oder ein Bruder ihrer Mutter? Hatte diese ernst ruhige Stimme da draußen, deren Klang dem jungen Mädchen durch Mark und Bein gegangen, einst den Fluch gesprochen über die abtrünnige Tochter Derer von Hirschsprung?

Der Ankömmling nannte sich genau wie sein ausgewanderter Vorfahr. Dieser fast antediluvianisch klingende Name lag sehr aristokratisch mit viel Ostentation auf der kleinen Karte. Man liebt es, die alten Kraftnamen aus dem Schutt und Staub vergangener Jahrhunderte hervorzusuchen – sie lassen unwillkürlich eine eisenklirrende Rittergestalt vor uns aufsteigen und kennzeichnen doch das aristokratische Blut, wenn sie auch unserm heutigen Pygmäengeschlecht im schwarzen Frack wunderlich genug anstehen. … Diese Linie der Hirschsprungs legte ersichtlich viel Gewicht auf ihre Ahnen; es ließ sich fast mit Gewißheit voraussehen, daß die Taschenspielerstochter ihre Verwandtschaft mit dem Herrn Rittergutsbesitzer nicht ungestraft würde geltend machen können. Bei dem Gedanken an eine Zurückweisung empörte sich jeder Blutstropfen in Felicitas; sie schloß die Lippen fester aufeinander, als wolle sie damit jedes rasche Wort zurückdrängen, das ihr möglicherweise in der Aufregung entschlüpfen konnte. Dagegen ließ sich ihr lebhaftes Verlangen, den Mann zu sehen, nicht unterdrücken, und die Gelegenheit sollte ihr werden.

Bald nach der Ankunft des Fremden hatte der Rechtsanwalt den Professor zu sich beschieden. Die Conferenz der drei Herren dauerte weit über zwei Stunden. Während dieser Zeit der höchsten Spannung hörte Felicitas den Professor oft, aber mit ruhigem, gemäßigtem Schritt oben auf- und abgehen. Sie sah im Geiste, wie der Mann der Wissenschaft gelassen seine schöne, schlanke Hand über den Bart gleiten ließ und dem Aristokraten ruhig Geld und Gut bot, um den Schandflecken von der Ehre seines Namens zu vertilgen…

Später ließ der junge Frank seine Mutter bitten, Kaffee bereit zu halten, er werde mit seinem Besuch nach dem Schluß der Geschäfte in das Wohnzimmer kommen. Felicitas besorgte das Nöthige, und während sie noch in der Küche mit dem Ordnen des Kaffeegeschirres beschäftigt war, hörte sie die Herren bereits die Treppe herabsteigen. Fast wollte ihr der Muth sinken, als sie den Fremden langsam und in ein Gespräch mit dem Professor verwickelt durch die Hausflur schreiten sah. Es war eine fast übergroße, schmale Gestalt, die in Haltung und Geberden den feinen, formengewandten Weltmann, aber auch den gebietenden Herrn, den seiner bevorzugten Stellung sich bewußten Aristokraten unleugbar verrieth… Ihr Großvater war der Fremde keinenfalls, [591] dazu sah der feingemeißelte, sehr kleine Kopf mit dem kurzgeschorenen braunen Haar zu jung aus. In diesem Augenblick spielte freilich um die schmalen, dünnen Lippen ein verbindliches Lächeln, mit welchem er sich zu dem Professor hinüberneigte, aber das schöne, scharfgeschnittene Gesicht mit dem gelblich bleichen Teint war offenbar mehr geübt im Ausdruck herrischer Strenge, als in dem der Güte und des Wohlwollens.

Felicitas strich mit bebenden Händen glättend über ihr Haar und trat in das Zimmer, nachdem die Köchin den Kaffee hereingetragen hatte. Die Anwesenden standen sämmtlich in der einen großen Fensternische und wandten der leise Eintretenden den Rücken. Sie füllte geräuschlos die Tassen, nahm das Kaffeebrett und bot es mit einigen Worten dem Fremden – er drehte sich jäh um bei dem Klang ihrer Stimme, taumelte aber sofort zurück, als habe ein heftiger Schlag sein erbleichendes Gesicht getroffen, während das entsetzte Auge über die Mädchengestalt irrte.

„Meta!“ stieß er hervor.

„Meta von Hirschsprung war meine Mutter,“ sagte das junge Mädchen mit ihrer tiefen, melodischen Stimme scheinbar sehr ruhig, setzte aber das Brett auf einen Tisch, weil die Tassen bedenklich zu klirren begannen.

„Ihre Mutter? – Ich wußte nicht, daß sie ein Kind hinterlassen hat,“ murmelte Herr von Hirschsprung, indem er Herr seines Schreckens zu werden suchte.

Felicitas lächelte bitter und verächtlich – theilweise wohl über die eigene Schwäche, mit der sie sich, trotz aller guten Vorsätze, hatte hinreißen lassen, diesem Manne gegenüber ihre Abkunft einzugestehen. In seine schreckensvolle Ueberraschung mischte sich auch nicht ein Laut der Liebe oder des schmerzlichen Mitleids – sie fühlte sofort, daß sie eine Reihe von Demüthigungen für sich heraufbeschworen hatte, sie mußte sie nun erleiden und hinnehmen in Gegenwart der Umstehenden, die, lautlos vor Erstaunen und Verwunderung, der weiteren Entwickelung des merkwürdigen Vorgangs harrten.

Mittlerweile wich die Bestürzung des Herrn von Hirschsprung, aber nur um einer peinlichen Verlegenheit Platz zu machen. Er strich sich mit der Hand über die Augen und sagte leise und stockend: „Ja, ja, ganz recht, diese kleine Stadt X. war es ja, wo die Nemesis die Unglückliche ereilt hat – eine furchtbare, aber leider gerechte Nemesis!“

Es hatte den Anschein, als kehre ihm mit diesem Ausruf die volle Gewalt über sich selbst zurück. Er richtete sich in seiner ganzen Länge auf und sagte mit der vornehmen Leichtigkeit des vollendeten Cavaliers zu den Umstehenden: „Ah Pardon, wenn ich mich durch einen augenblicklichen Eindruck hinreißen ließ, zu vergessen, daß ich mich in Gesellschaft befinde! … Aber ich glaubte ein Familiendrama für alle Zeiten abgeschlossen und begraben, und nun tritt mir hier ein ungeahntes Nachspiel entgegen! … Sie sind also eine Tochter des Taschenspielers d’Orlowsky?“ wandte er sich an Felicitas, sichtlich bemüht, seiner Stimme einen Anflug von Wohlwollen zu geben.

„Ja,“ versetzte sie kurz und stand ebenso hoch aufgerichtet ihm gegenüber. In diesem Moment trat die Familienähnlichkeit zwischen den beiden Gestalten scharf und schlagend hervor. Stolz war der vorherrschende Ausdruck in diesen edelschönen Linien, wenn er auch auf einer vielleicht grundverschiedenen Anschauungsweise beruhte.

„Ihr Vater hat Sie nach dem Tode seiner Frau in X. zurückgelassen? Sie sind hier aufgewachsen?“ frug er weiter, unverkennbar betroffen durch die imposante Haltung des Mädchens.

„Ja.“

„Dem Mann ist freilich nicht viel Zeit verblieben, für Sie zu sorgen – so viel ich mich erinnere, ist er ja wohl vor acht oder neun Jahren in Hamburg am Nervenfieber verstorben?“

(Schluß folgt.)




Das Wunder des blutenden Brodes und der blutenden Hostien.
I.


Am 13. August wurden mir Kartoffeln zur Untersuchung übergeben, welche auf ihrer Oberfläche mit zahlreichen rothen Flecken bedeckt waren. Die Kartoffeln waren Sonntag, den 11. August, Mittags gekocht und bis Dienstag, den 13., Morgens im geschälten Zustand in der Küche eines Hauses der inneren Stadt aufbewahrt worden; sie bildeten den Rest einer Mahlzeit und erregten natürlich wegen ihrer auffallenden Färbung Besorgniß bei den Personen, welche am Sonntag von den damals noch ungefärbten Kartoffeln gegessen hatten. Es lag hier offenbar eine ähnliche Erscheinung vor, wie sie sich zu verschiedenen Zeiten auf den sogenannten blutenden Hostien, dem blutenden Brode und der rothen behexten Milch gezeigt hat. Da diese Erscheinung selten auftritt und bisher nur einige Mal Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung war, so benutzte ich das mir dargebotene Material zu einer mikroskopisch-chemischen Untersuchung, deren Resultate mit den Beobachtungen von Prof. Ehrenberg und Dr. Erdmann in Berlin über diese Färbung völlig übereinstimmen.

Das Prodigium (Wunder) des blutenden Brodes oder der blutenden Hostien (so findet man diese Erscheinung gewöhnlich in Chroniken bezeichnet) hat zu allen Zeiten, in denen es beobachtet wurde, das größte Aufsehen erregt. Ich glaube deshalb, daß es nicht ohne Interesse sein wird, wenn ich im Nachfolgenden wenigstens das Wesentlichste meiner Beobachtungen über den hiesigen Fall mittheile und daran in einer zweiten Mittheilung einige historische Angaben über dieses Phänomen knüpfe.

Die Kartoffeln zeigten, als ich sie erhielt, an verschiedenen Stellen der Oberfläche eine rothe schmierige Masse. Als ich sie lose bedeckt, etwas angefeuchtet und vor dem Einfluß des directen Sonnenlichtes geschützt (im Laboratorium bei achtzehn Grad R.) stehen ließ, waren sie nach acht Stunden auf der ganzen Oberfläche mit dieser rothen Substanz überzogen. Sie verbreiteten während dieser Zeit einen erdbeerähnlichen Geruch, der aber schon am andern Tage durch einen widerlichen Fäulnißgeruch verdrängt wurde. Unter dem Mikroskop zeigte sich bei dreihundertmaliger Vergrößerung, daß die rothe Masse aus einzelnen rundlichen Körperchen besteht, die ungefähr halb so groß sind wie die Blutkörperchen im menschlichen Blute. Bei achthundert- bis eintausendmaliger Vergrößerung erkannte man aber deutlich, daß die Färbung eine thierisch-belebte ist; die Körperchen erscheinen alsdann ungefähr eine Achtel Linie groß, sie haben ellipsoidische Form, sind farblos, zerstreuen sich, in Wasser gebracht, sogleich und bewegen sich darin auf das Lebhafteste nach allen Richtungen. Erwärmt man das Objectgläschen, so werden die Thierchen getödtet und es hört augenblicklich alle Bewegung auf.

Ueberträgt man die geringste Menge der rothen Substanz, nur so viel z. B. wie an einer Nadelspitze hängen bleibt, auf andere Nahrungsmittel, so entwickeln sich die Thierchen auf diesen Stoffen weiter, und es ist mir durch solche Impfungen gelungen, die Färbung auf verschiedenen gekochten Fleischsorten, gekochten Kartoffeln, auf Semmeln, Mehl (Oblaten), Reisbrei, Bohnen, Birnen und Käse in ausgezeichneter Weise hervorzurufen. Aber auch ohne Impfung entwickelt sich die Färbung auf den genannten Substanzen, wenn dieselben in die Nähe von schon gerötheten Speisen gebracht werden. Es beweist dies, daß diese kleinen Geschöpfe durch die Luft verschleppt werden, ebenso wie es mit Tausenden anderer Infusionsthierchen und Sporen oder Keimen niederer Pflanzen der Fall ist, deren Existenz wir im Luftmeere nachweisen können. Finden dieselben, von irgend einem Infectionsheerd zu uns gebracht, an dem Ort, an welchem sie zufällig niederfallen, die geeigneten Bedingungen zu ihrem Leben, so schreitet ihre Vermehrung in wahrhaft unglaublicher Weise fort. Es erscheinen alsdann auf dem inficirten Körper sehr kleine Pünktchen, die schon im allerkleinsten Zustand intensiv roth sind und kleinen Thautröpfchen gleichen. Zuweilen sind sie vereinzelt und sehen dann fast Fischrogen ähnlich, oft fließen sie schnell in lange und breite Flächen zusammen, die alle Schattirungen in Roth zeigen, namentlich prachtvoll purpur- und blutroth gefärbt sind. Dieser rothe Ueberzug ist schmierig, glänzend und entwickelte sich bei meinen Versuchen in einigen Fällen bis zu einer Linie Dicke, so daß man bei dem Anblick lebhaft an Blutstropfen erinnert wird. Nach einigen Tagen finden sich dann Schimmelfasern. Der Schimmel und das Thier streiten um die Plätze, eins entwickelt sich auf Kosten des andern, zuletzt überwiegt der Schimmel. Nicht selten, sagt Ehrenberg, wächst der orangenrothe Schimmel ebenfalls gleichzeitig. In einzelnen Fällen beobachtete ich auch das Auftreten einer intensiv blauen Färbung. Endlich verblaßt die Farbe, der Fäulnißgeruch wird immer stärker, die Speisen fangen an zu zerlaufen und es tritt dann völlige Entfärbung ein. Befeuchtet man aber die heller roth gewordenen Stellen mit einer Säure, z. B. mit Essig- oder Salzsäure, so tritt die ursprüngliche schöne rothe Farbe wieder hervor. Trocknet man einen Körper während der Zeit seiner schönsten Färbung, so schreitet die Veränderung nicht weiter fort. Ehrenberg hat mit solchen gerötheten Stoffen, welche bei sehr gelinder Wärme getrocknet worden waren, öfters noch nach Jahren gelungene Impfversuche machen können. Plötzlich aber, besonders bei Eintritt von Kälte, hört nach Ehrenberg ihre Fortpflanzungsfähigkeit auf.

Die Hauptbedingungen zur Vermehrung dieser Thierchen sind: 1) Gegenwart eiweißhaltiger Substanzen, wie sie in größter Menge im Fleisch, in kleinerer Quantität im Mehl und anderen Nahrungsmitteln vorhanden sind, 2) ein gehöriger Grad von Feuchtigkeit dieser Substanzen und 3) mäßige Wärme. Bei Sciroccowind zeigte sich die Erscheinung in Padua 1819 ganz besonders schön. Directes Sonnenlicht wirkt nicht günstig auf die Entwickelung der Thiere, in halbdunkeln Räumen sah ich sie viel besser gedeihen, als in hellen. Auch scheint stagnirende Luft vortheilhafter für ihre Entwickelung zu sein als freie, bewegte Luft. Sind alle die günstigen Bedingungen vorhanden, so entwickeln sich die Thiere so rasch, daß z. B. eine Kartoffel von mittlerer Größe nach geschehener Impfung im Verlauf von achtzehn Stunden völlig mit einem dicken rothen Ueberzug bedeckt ist. Ja bei Aufbewahrung mehrerer solcher gerötheter Körper in einem geschlossenen [592] Raume wird die ganze Luft dieses Raumes so mit übertragbarem Stoff erfüllt, daß alle in den Raum gebrachten Speisen nach einiger Zeit roth werden. Dieser Fall fand z. B. in dem obenerwähnten hiesigen Hause statt; alle dort seit dem 11. d. M. gekochten Kartoffeln zeigten beim Stehenlassen im Küchenschrank nach vierundzwanzig bis dreißig Stunden die rothe Färbung. Die Küche dieses in einer engen Gasse der innern Stadt gelegenen Hauses ist einer der häßlichen Räume, wie man sie in ältern Häusern nur leider noch zu oft zu Küchen oder gar zu Schlafgemächern verwendet findet. Die Küche wird auf das Spärlichste beleuchtet durch ein Fenster, welches Aussicht gewährt in einen engen Hof, der mit kalter, stagnirender Luft erfüllt ist, und ihr Anblick macht unwillkürlich das Bedauern rege für diejenigen, welche in einem solchen Raume täglich verweilen müssen. Licht, Luft und die wohlthätige Sonnenwärme, diese Grundbedingungen für alles gedeihliche Leben höherer Wesen, sie mangeln solchen Räumen und können daher auf das dort bald aufwuchernde Leben niederer Geschöpfe nicht ihren vernichtenden, für uns Menschen deshalb so wohlthätigen Einfluß ausüben. Wir müssen uns nach chemischen Mitteln umsehen, wenn wir in dortigen Räumen das Leben solcher unwillkommener Gäste zerstören wollen, und finden bei unserer Umschau in dem Chlorkalk, den wir in angefeuchtetem Zustand an solche Orte stellen, das geeignetste Mittel.

Der Farbstoff, welchen diese Thierchen während ihres Lebensprocesses erzeugen, ist nach den Untersuchungen von Erdmann in Berlin identisch mit dem vor wenigen Jahren entdeckten Anilinroth, welches bekanntlich aus dem Steinkohlentheer durch chemische Mittel gewonnen wird. Man kann mit dem Farbstoffe Wolle und Seide in allen Schattirungen des Rosenroth, wie mit Anilinroth färben. Auch die Haut der Finger läßt sich damit ächt färben. Ammoniak entfärbt den Stoff, Säuren stellen die rothe Farbe wieder her, gerade so wie dies bei Anilinroth der Fall ist. Erdmann glaubt, daß die eiweißartigen Bestandtheile der Nahrungsmittel in Folge des Lebensprocesses dieser kleinen Wesen in ähnlicher Art in Kohlensäure, Farbstoff, riechende Säuren etc. umgewandelt werden, wie dies mit Zucker geschieht, welcher bei der Gährung während der Vegetation der Hefezellen in Kohlensäure, Alkohol und einige andere Producte verwandelt wird. Ehrenberg erklärt dagegen die Thiere selbst für gefärbt. Meine Beobachtungen stimmen mit denen Erdmann’s überein.

Das Wunder des blutenden Brodes, der blutenden Hostien oder der rothen Milch, welches zu allen Zeiten durch sein Erscheinen die Menschen in Aufregung brachte, welches das Herannahen des jüngsten Tages verkünden sollte, wohl hauptsächlich weil der Prophet Joël prophezeit: es komme am jüngsten Tage Blut, Feuer und Rauchdampf zum Vorschein; die wunderbare Erscheinung, welche ganz besonders im Mittelalter zu den schrecklichsten Judenverfolgungen, zu zahllosen Mordthaten und anderen Ausartungen finsteren Aberglaubens Veranlassung gab, welche mit Pest und Cholera, diesen Geißeln der alten und der neuen Zeit, in Zusammenhang gebracht wurde, sie wird hervorgerufen durch ein Infusionsthierchen.

Streng wissenschaftliche Untersuchung hat auch dieses Wunder der alten Zeit als eine natürliche Erscheinung erklärt. Der Schleier, welcher noch bis zu Anfang dieses Jahrhunderts über die Erscheinung gedeckt war, er ist durch die Forschungen von Ehrenberg und Erdmann zerrissen und entfernt. Wir sehen darüber jetzt so klar wie über verschiedene ähnliche Erscheinungen, die uns gleichfalls hauptsächlich durch Ehrenberg’s Forschungen erklärt worden sind. Der Blutregen, der rothe Schnee, das Erscheinen von Blutstropfen auf feuchter Erde, das Blutschwitzen von Gerippen, Statuen und Bildern, das Umwandeln des Wassers der Quellen und Teiche in Blut u. a. m. sind alles Erscheinungen, welche entweder durch Infusorien, durch Pilze und Algen, Insectenauswurf z. B. von Schmetterlingen oder durch Passat- oder Meteorstaub hervorgerufen werden. Die schön rothen Stellen, welche man öfters in rohen Eiern beobachtet, sind bekanntlich die ersten sichtbaren Zeichen einer beginnenden Entwicklung des Hühnchens.

Am Schlusse dieses ersten Theils meiner Mittheilung erscheint es zweckmäßig in Kürze einen geschichtlichen Ueberblick zu geben über die wissenschaftlichen Untersuchungen, welche über diesen Gegenstand vorhanden sind. Zum ersten Mal ist die Sache wissenschaftlich untersucht worden von Sette in Padua 1819. Er hielt die Ursache der Färbung für einen eigenthümlichen Pilz oder Schimmel, nannte denselben Zaogalactina imetrofa (auf Speisen wachsender Schleim) und verpflanzte ihn mit Erfolg auf verschiedene Nahrungsmittel.

Der Chemiker de Col in Padua färbte 1819 Seide mit dem Farbstoff und nannte ihn Mucor sanguineus (blutfarbiger Schimmel).

Die umfassendste Arbeit über diesen Gegenstand verdanken wir Prof. Ehrenberg in Berlin, der 1848 die Erscheinung zu beobachten Gelegenheit hatte. Er erklärte die gallertartige rothe Substanz für ein Haufwerk rother Monaden, die er Monas prodigiosa (wunderbare Monade) nannte. Es sind nach ihm 1/30001/8000 Linien große, ovalrundliche Körperchen, welche rasche, unregelmäßige Bewegung zeigen. Sie bilden nicht Ketten, wie Vibrionen, sondern sind Einzelthierchen, die wahrscheinlich einen kurzen Rüssel haben und sich durch Selbsttheilung fortpflanzen. Ehrenberg verdanken wir ferner auch eine Zusammenstellung geschichtlicher Thatsachen über diese zu allen Zeiten ihres Auftretens Aufsehen erregende Erscheinung.

Prof. Erdmann in Berlin, welcher die Erscheinung voriges Jahr beobachtete, beschreibt die Thierchen als farblose, ellipsoidische (stäbchenförmige) Vibrionen, deren Längsdurchmesser höchstens 15/10000, der Querdurchmesser höchstens 5/10000 Millimeter ist. Sie bewegen sich nach ihm in einer rothgefärbten Flüssigkeit, deren Farbstoff wahrscheinlich auf die schon vorher beschriebene Weise entsteht. Er ist geneigt anzunehmen, daß diese kleinsten Wesen, an welchen er das Vorhandensein eines Rüssels nicht beobachten konnte, möglicherweise identisch mit den Vibrionen sind, welche Pasteur in Paris bei der Buttersäuregährung beobachtet hat; um so mehr als man in der blauen und gelben Milch ganz gleiche Wesen findet, die Ehrenberg ihrer kettenartigen Form wegen zur Gattung Vibrio gestellt hat.

Meine Untersuchung des Phänomens führte, wie ich schon erwähnt habe, zu denselben Resultaten, wie sie von Erdmann veröffentlicht worden sind. Ich will hier nur noch anführen, daß ich auch Versuche über den Einfluß solcher rothgefärbter Speisen auf die Gesundheit von Thieren gemacht habe. Es wurden Sperlinge und Kaninchen mit stark gerötheten Kartoffeln oder Semmeln gefüttert, an diesen Thieren aber keine Veränderung wahrgenommen.

Von früheren Beobachtern sind keine Versuche in dieser Richtung gemacht worden. Sette erzählt nur, daß während der Zeit (1819), in welcher sich die Rothfärbung der Speisen sehr stark zeigte, in seinem Hause sechs Katzen starben, fügt aber hinzu, daß in einem benachbarten Orte eine tödtliche Katzenepidemie herrschte, die an seinem Wohnort allerdings nicht beobachtet wurde. Ferner führt er an, daß körnerfressende Vögel, durch Hunger genöthigt, von solchen Speisen zu genießen, dieselben mit gewaltsamen Bewegungen ganz wieder aus dem Kropfe herausbrachten und erst dann wieder munter waren, während sie vorher sehr ergriffen geschienen. Endlich wird aus Philadelphia von Mitchell mitgetheilt, daß, während dort 1832 die Cholera in der stärksten Entwickelung war, sich ein prächtig rother Schimmel auf Mehlspeisen zeigte und daß zur selben Zeit die Fliegen starben und mit einem weißlichen Staub erschienen. Ueber die Wirkung auf Menschen haben wir keine Erfahrung, weil es selbstverständlich Niemandem einfällt, von einer so auffallend veränderten Speise zu essen. In einem Raume, in welchem man die Monaden zu züchten sucht, ist, wie ich schon erwähnt habe, die Luft stark erfüllt von denselben und es werden diese kleinen Wesen deshalb auch von uns eingeathmet. Wie es scheint, geschieht dies aber ohne allen Nachtheil, denn ich fühle mich nach dreiwöchentlicher Beschäftigung mit dem Gegenstande vollkommen gesund, obwohl ich mich bisher täglich acht bis neun Stunden in dem Versuchszimmer aufhielt. Auch frühere Beobachter erwähnen nicht, daß sie einen Einfluß auf ihren Körper wahrgenommen hätten. Dagegen bin ich endlich sehr empfindlich geworden gegen den widerlichen Fäulnißgeruch, den derartig geröthete Speisen sehr bald verbreiten. Der Gesundheitszustand der Bevölkerung von Leipzig ist zur Zeit ein ganz vortrefflicher, von einer epidemischen Krankheit ist nicht das Geringste zu bemerken. Ich erwähne dies besonders, weil der Glaube, als hänge diese Erscheinung mit dem Auftreten epidemischer Krankheiten, namentlich mit der Cholera, zusammen, leider immer noch im Volke verbreitet ist. Auch Ehrenberg trat dieser Ansicht schon öffentlich entgegen. Als sich im Jahre 1851 Anfang August diese Erscheinung wieder auf Fleisch in einem Hause in Berlin zeigte, legte Ehrenberg der Akademie geröthete Speisen vor, die er seit zwei Monaten künstlich mit der Monade besäet hatte, und bemerkte dabei: Da man in Berlin in diesem Jahre die epidemische Cholera gar nicht beobachtet hat, auch sonst keine verderbliche Epidemie stattgefunden, so möge die obige Erscheinung den Aberglauben entfernen helfen, als seien blutartige Färbungen der Speisen nur bei solchen Epidemien vorhanden.

Dr. C. R. König in Leipzig.




Gestörte Abendmahlzeit. (S. Seite 589.) Wir glauben unseren Lesern zutrauen zu dürfen, daß sie beim ersten Blick auf diese Illustration den Griffel des Meisters erkennen, dem die Gartenlaube schon so manches schöne Bild verdankt. Es ist Ludwig Beckmann, der berühmte Thiermaler und Thierkenner, welcher über den Gegenstand seiner Darstellung uns Folgendes mittheilt: Drei junge Häschen – von der Mutter bereits sich selbst überlassen – haben sich gegen Sonnenuntergang zum ersten Male aus ihrem Versteck im hohen Wiesengrase hervorgewagt, um auf einem freien Plätzchen jungen Klee und zarte Blättchen zur Abendmahlzeit aufzusuchen. Da führt ein unglücklicher Zufall den Erzschelm Reineke über den Wiesenpfad und der verrätherische Wind hat seiner feinen Nase sofort den Aufenthalt der drei harmlosen Gesellen kund gethan. In weitem Bogen, vorsichtig auf dem Bauche dahinkriechend, hat Reineke sich unbemerkt herangeschwindelt und steht nun plötzlich, wie aus der Erde hervorgewachsen, dicht hinter seinen unglücklichen Schlachtopfern.

Das erste Häschen – links im Vordergrund – scheint noch keine Ahnung der drohenden Gefahr zu haben, es knabbert lustig weiter im saftigen Blätterwerk; das mittlere aber hat ein leises Rascheln vernommen und richtet sich auf, vielleicht in der sichern Erwartung, die lang vermißte Mama einmal wieder zu sehen. Allein statt der bekannten mütterlichen Visage erblickt unser Häschen plötzlich ein wildfremdes, spitzschnauziges Gesicht, dessen grünfunkelnde Augen eben nichts Gutes verheißen. Verblüfft glotzt das Thier die unheimliche Erscheinung an, den halbverzehrten Kleestengel vor Schrecken unbeweglich zwischen den Zähnen haltend. Aber auch sein Brüderchen zur Rechten hat bereits Verdacht geschöpft; es sah und hörte die Halme sich bewegen, wagt indessen kaum die bereits halb erhobenen Löffel völlig aufzurichten und schielt in seiner Herzensangst rückwärts nach dem verdächtigen Gegenstande, bereit, bei dessen geringster Bewegung Reißaus zu nehmen. Allein Reineke weiß sehr wohl, daß die Unglücklichen wie festgebannt an ihrem Platze verharren werden, so lange er sich nicht rührt; er steht daher unbeweglich wie ein Steinbild, und während sein Auge bereits vor Mordlust funkelt, überlegt er nur noch, in welcher Reihenfolge er die drei Brüder wohl am sichersten erschnappen möge!




Inhalt: Der Habermeister. Eine Geschichte aus den bairischen Bergen. Von Herman Schmid. – Die Schule auf dem Wald. Ein Friedenswerk aus den Befreiungskriegen. Mit Abbildung. – Freiligrath und Hoffmann von Fallersleben. – Erinnerungen aus dem letzten deutschen Kriege. Nr. 9. Gefunden und wieder verloren. – Das Geheimniß der alten Mamsell. Von E. Marlitt. (Fortsetzung.) – Das Wunder des blutenden Brodes und der blutenden Hostien I. – Gestörte Abendmahlzeit. Mit Illustration von Ludwig Beckmann.




Für die 3000 Abgebrannten von Johann-Georgenstadt öffnet den Opferstock auch die Gartenlaube.



Verantwortlicher Redacteur Ernst Keil in Leipzig. – Verlag von Ernst Keil in Leipzig. – Druck von Alexander Wiede in Leipzig.

  1. Keilhau in seinen Anfängen. Erinnerungen des ältesten Zöglings der Anstalt. Jena, 1867. Friedr. Frommann.
  2. Vergl. Jochmann’s Reliquien von Zschokke. 3, 232. – Hoffmann’s Gedicht macht sich über die mit fürstlichen Pensionen bedachten Dichter lustig.
  3. Vergl. Ein Glaubensbekenntniß. Zeitgedichte von Ferdinand Freiligrath. Mainz. Victor von Zabern. 1844. S. 307–314.
  4. Soweit Hoffmann. Daß diese durch die große Bewegung der Zeit weit von der Aufmerksamkeit der Gegenwart zurückgedrängten Vorfälle unsern alten Dichter noch heute beunruhigen, bezeugten mir wenige Zeilen, die ich über diesen Gegenstand später noch von ihm erhielt und die den Schluß dieser Mittheilung bilden mögen: „Weder Freiligrath noch mir wollte es bisher gelingen, einer richtigen Ansicht über unser Verhältniß zu einander Geltung zu verschaffen. In der Zeit der politischen Rückwärtserei hatte die sogenannte gute Gesinnung freies Spiel und konnte ungestraft lügen und schimpfen auf Alles, was der herrschenden Partei nicht recht war oder gefährlich schien. Nun, wir wollen uns trösten: wimmelte doch die deutsche Literaturgeschichte bis auf die neueste Zeit von so mancherlei Irrthümern, die wie ein Erbgrind immer von Neuem wieder zum Vorschein kommen, trotzdem daß die gründlichsten Heilcuren versucht worden sind. – Als Freiligrath auf deutschem Boden wieder wandeln durfte, war er nicht wenig überrascht über die biographischen Notizen, die er über sich zu lesen bekam. Am 17. Juli 1850 schrieb er mir von Düsseldorf aus: ‚Perfider und gleichzeitig stupider ist noch wohl kein Gedicht von der Gegenwart ausgebeutet worden, als jenes von mir Dir zugesungene.‘ Schloß Corvey, 1. Juli 1867.
    H. v. F.“