Textdaten
<<< >>>
Autor: Verschiedene
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Gartenlaube
Untertitel: Illustrirtes Familienblatt
aus: Vorlage:none
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage: {{{AUFLAGE}}}
Entstehungsdatum: 1858
Erscheinungsdatum: 1858
Verlag: Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer: {{{ÜBERSETZER}}}
Originaltitel: {{{ORIGINALTITEL}}}
Originalsubtitel: {{{ORIGINALSUBTITEL}}}
Originalherkunft: {{{ORIGINALHERKUNFT}}}
Quelle: commons
Kurzbeschreibung: {{{KURZBESCHREIBUNG}}}
{{{SONSTIGES}}}
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[453]

No. 32. 1858.
Die Gartenlaube.

Illustrirtes Familienblatt. – Verantwortl. Redacteure F. Stolle u. A. Diezmann.

Wöchentlich 11/2 bis 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und Postämter vierteljährlich für 15 Ngr. zu beziehen.



Oberst Hußlar.
Ein Lebensbild von Ernst Fritze.




I.

In einem Thale, das sich breit gegen eine weite Ebene öffnet, während der Hintergrund mit schönen waldigen Höhen prangt, liegt ein Landstädtchen, das wir der Bequemlichkeit wegen Fürstenhall nennen wollen, weil es uns aus Gründen versagt ist, es mit dem wahren Namen zu bezeichnen.

Fürstenhall hat unendliche Vorzüge vor andern Provinzialstädten. Die Umgebungen sind anmuthig, die Luft frisch und rein, die Häuser in der Stadt allerliebst und die Menschen, welche darin wohnen, vortrefflich. Ein kleiner Landsee, welcher von der Ebene herein bis zu den ersten Häusern der sogenannten Vorstadt, sich zieht, erhöht nicht allein die Reize der Gegend, sondern mischt die Anmuth mit dem Nutzen, indem er die Veranlassung zu Kaltwasserheilanstalten, Badehäusern und Badebassins gab.

Alle die Vorzüge dieses kleinen Fleckchens Erde machen es erklärlich, daß sich eine Menge Reisende, namentlich kränkliche junge und alte Damen, Hypochondristen und Podagraleidende, fanden, die dort für die Sommermonate ihren Aufenthalt nahmen, und das stereotype Einerlei einer unausbleiblichen Kleinstädterei in ein buntes, bewegliches Leben voll Abwechselung verkehrten. Fremde flogen aus und ein. Die Häuser, alle elegant erhalten und hübsch möblirt, wurden monatsweise vermiethet, in einigen Gasthöfen errichtete man eine table d’hôte, und die hübschen Bergwaldungen hatten bald das Ansehen eleganter Parkanlagen erhalten. Der Wohlstand der Einwohner stieg und die Speculation, das nachgeborne Kind jedes unerwartet glücklichen Erfolges, erwachte.

In Fürstenhall wohnte seit mehr als zehn Jahren die Medicinalräthin Schlesing. Sie war Wittwe seit dieser Zeit, und hatte zur Vermehrung ihrer sonst schon ganz guten Existenzmittel ein großes Haus daselbst gekauft, und theilweise zu chambres garnies eingerichtet. Die Dame verstand es, ihren Einrichtungen ein nobles Ansehen zu geben. Sie hielt sich einen Portier, der, für freie Wohnung auf dem Hofe, die Geschäfte eines Eincassirers und Verpflegers der fremden Hausbewohner übernommen hatte. Sie selbst thronte in der Bel–Etage wie eine Königin, und ließ sich nur in einzelnen Fällen herab, mit ihren Miethern Freundschaft zu schließen. Dabei war sie aber keineswegs hochmüthig und eingebildet. Ihr Betragen entsprang mehr aus Gründen der Klugheit und durch Einwirkung einer bis zur weitesten Ausdehnung gelangten Bequemlichkeitsliebe. Stolz und Hochmuth wären auch am unrechten Orte gewesen, da sie besser als jeder Andere wußte, was es mit ihrem klangreichen Titel für eine Bewandtniß habe. Ihr verstorbener Mann war Wundarzt erster Classe gewesen, hatte sich durch einige gut geheilte Arme und Beine einen Namen zu machen gewußt, war endlich so glücklich geworden, den Thronerben eines kleinen Fürstenhauses von einer Nackengeschwulst zu befreien, und war von diesem auf seine specielle Bitte zum Medicinalrathe ernannt, weil er den Doctortitel nicht hatte erlangen können. Bald darauf starb er, und hinterließ seine kinderlose Gattin als stattliche Medicinalräthin mit einem hinreichenden Einkommen, das sie auf eine sehr bequeme Weise noch bedeutend zu vergrößern wußte.

Der Monat Mai war immer der Zeitpunkt, wo die schwachen, lahmen, müden und gelangweilten Fremden von nah und fern herzuströmten, um Fürstenhall als Abhülfe aller innern und äußern Gebrechen zu versuchen.

Unsere Medicinalräthin hatte ihre Zimmer sämmtlich schon vermiethet und sogar in ihren eigenen Apartements für diesmal eine junge, blasse, aber bildschöne Frau mit einem eben so hübschen, doch kerngesunden und blühenden Mädchen von drei Jahren aufgenommen. Die junge Dame wurde einfach Frau Hußlar genannt, sah jedoch einer vornehmen Dame gar nicht unähnlich. Das kleine Mädchen rief man Pauline.

Drei Wochen wohnten diese Zwei schon bei der Medicinalräthin, welche von ihnen „Tantchen“ genannt wurde, als eines Tages der Postbote einen Brief abgab, den die alte Dame mit großem Erstaunen betrachtete.

„Von meinem Schwager, dem Oberst!“ rief sie überrascht. Ein Schrecken schien die junge Frau zu durchfliegen, sie ließ ihre Stickerei in den Schooß sinken, und sah ihre Verwandte sprachlos an, bis diese zu Ende gelesen hatte.

„Das ist ein sonderbarer Zufall,“ sprach die alte Dame, nachdenklich über den Brief weg zu Frau Hußlar aufschauend. „Hören Sie, liebe Nichte, was er schreibt:

 „Hochweise Frau Schwester.
„Es sind fünf Jahre, seit wir uns nicht gesehen haben. Wir sind Beide in der Zeit nicht jünger geworden. Der Aerger über meine Jungens hat mich erst desperat, dann krank gemacht. Meine Milz, meine Leber, meine Nieren und meine Lungen haben von all’ der Galle gelitten – ja, ja! und der Medicus, nicht so einer, wie Ihr seliger Mann, der Beine und Arme abschneidet, der meint, Fürstenhall könne meine alte Maschine etwas einölen helfen. Mir ist’s egal, wo ich lebe. Hier wie da bin ich ein alter verlassener Vater, der das Unglück hat, zwei Taugenichtse zu Söhnen zu haben. Sie wissen’s doch, weise Christine,

[454]

daß Ihr einer Schwestersohn „Steine klopft in Amerika“, und der Andere „Locomotivführer“ geworden ist. Es sind schmucke Geschichten, weise Frau Schwester, aber man thut gut, gar nicht daran zu denken. Damit ich’s Ihnen nicht mündlich zu sagen brauche, will ich es schriftlich thun – ein paar Dutzend Federn werde ich wohl dabei zerstampfen vor Aerger – schadet nicht. Eberhard, mein und Ihrer Schwester, Gott hab’ sie selig, Aeltester, schreibt mir eines Tages, daß er nicht länger Krieger in Friedenszeiten bleiben möchte, und bittet mich, ihm zu erlauben, seinen Lieutenant an den Nagel hängen zu dürfen.
„Ich antwortete „quod non!“ Was half mein Vaterwort? Nichts! Er quittirte den Dienst, und ging bei einem Schlosser Harteberg in die Lehre. Klingt das nicht wie ein Märchen – ? Ist so etwas schon in der Welt vorgekommen?“

Die Medicinalräthin unterbrach sich im Vorlesen, und hielt mit einem guten Lächeln ihre Hand der jungen Frau hin, die sie lächelnd und erröthend annahm.

„Ein Vierteljahr darauf schreibt der Taugenichts abermals, und bittet mich um meinen Segen zu einer Verbindung mit Therese, des Schlossers Töchterlein. Ich antwortete kurz und grob: „Thu’, was Du nicht lassen kannst – in’s Haus bringst Du mir Schlossers Töchterlein nicht. Ich habe einst einen Sohn gehabt, der Eberhard hieß und Lieutenant war. Basta.“ Er schreibt und Thereschen schreibt, der alte Schlosser schreibt und die alte Schlosserin schreibt. Schreibt nur, sagte ich und antwortete nicht. Da kommt der Junge angefahren. Ich schließe die Thür zu – er muß unverrichteter Sache zurück, und denken Sie einmal, der Junge stellt sich vor meine verschlossene Thür und ruft: „Vater, laß mich nicht ungehört abreisen, öffne die Thüre, höre meine Entschuldigungen, höre, daß mein Glück davon abhängt – daß ich Therese liebe, wie nichts auf der Welt.“ – Na, weise Frau Schwester, Sie kennen doch solche schönen, hochtrabenden Romanwörter. Ich ließ ihn reden, und öffnete nicht eher, bis er mit dem Schwure: „meine Schwelle nicht eher wieder zu betreten, bis ich mein Unrecht eingesehen hätte,“ fortgegangen war. Er wird sein Schlossertöchterlein wohl geheirathet haben, wenigstens machte mir der hochnäsige Herr Schlosser, der komischer Weise eine adelige Frau geheirathet hatte, und sich deshalb gewiß am liebsten als Schlosser Harteberg, geborner von Kozinsky, unterzeichnen würde, eine schuldige Anzeige, und holte sich meine specielle Erlaubniß „wegen kirchlicher Erfordernisse“ ein.

„Das war vor vier Jahren, hochweise Frau Schwester. Was geschieht im vorigen Jahre? Mein Lothar, der Jurist, schreibt mir, er würde, so ich nichts dagegen hätte, einen Auftrag übernehmen, der ihn nach Amerika führte. Haben Sie je so etwas gehört, daß preußische Juristen Aufträge übernähmen, welche sie nach Amerika führen? Ich antwortete: „Daraus wird nichts, mein Junge!“ Erst kommt keine Antwort auf meinen Brief, dann erhalte ich eine, gestempelt „Hamburg.“ Mosje Lothar ist schon in See, als ich die saubere Epistel, worin er auch Redensarten von „Lebensglück“ beibringt, in Händen halte.

„Nun wissen Sie meine Vaterfreuden, Frau Schwester, und nun bitt’ ich mir aus, daß Sie mich nach nichts fragen. Am achtundzwanzigsten Mai rücke ich ein in Fürstenhall. Miethen Sie mir ein Zimmer, ein Schlafcabinet und ein Bedientenkämmerchen. Alt und elend bin ich, aber sonst noch immer bereit, mich selbst, die ganze Welt und Sie tapfer zu verspotten. Basta.“

„Was sagen Sie zu diesem Zufalle, liebe Nichte?“ fragte die Medicinalräthin in ihrer beliebten Breite, als sie den Brief zusammenfaltete. „Das ist ja fabelhaft – Sie kommen von Norden herunter, um Ihre leidenden Nerven hier zu stärken, und der Oberst kommt von Süden herauf, um wahrscheinlich eine Wassercur zu gebrauchen. – Und ich unglückselige Person bin nun zwischen Euch. – Ja, da möchte ich Ihnen doch rathen, sobald wie möglich abzureisen, liebe Therese.“

Die junge Dame hob schnell ihr feines, bleiches Gesicht zu ihr auf.

„Warum, Tantchen? Meinen Sie, daß des Schlossers Töchterlein sich vor dem Vater ihres Mannes fürchtet?“ fragte sie mit so liebenswürdigem Lächeln, daß man sahe, sie sprach ohne Empfindlichkeit.

„Kind – Sie kennen seine Spottsucht nicht – die kann einen Menschen zermalmen!“

„Nicht doch. Mich wenigstens nicht, mein Tantchen. Des Schlossers Töchterlein ist gestählt – und gestähltes Eisen läßt sich kaum biegen, geschweige zermalmen!“ scherzte sie.

„Freilich wohl, aber es läßt sich brechen, Kind, und ich habe Ihrem Eberhard heilig versprochen, als Mutter über Sie zu wachen. Sie müssen ihm gleich schreiben, was sich ereignet hat, und dann wird er wohl einsehen, daß Sie mit dem Oberst nicht in einem so kleinen Orte zusammenleben können, ohne von ihm zu leiden!“

Die junge Frau hatte während dieser Worte sinnend vor sich hingeblickt. Ein Gedanke schien feuerfangend ihr ganzes Innere zu durchglühen.

„Tantchen,“ begann sie plötzlich, ihr blaues Auge begeistert aufschlagend, „Tantchen, ich bleibe und melde meinem Manne nichts. Mir scheint Gottes Finger in diesem seltsamen Begegnen zu walten; wer weiß, ob es mir nicht gelingt, dieser unseligen Familienzwistigkeit, wovon mir ein gutes Theil zur Last fällt, ein Ende zu machen.“

„Therese, was fällt Ihnen ein?“ rief die alte Dame entsetzt. „Was wollen Sie thun? Sie kennen den Mann nicht, gegen den sie kämpfen wollen. Um’s Himmelswillen, stützen Sie auf diesen Zufall nicht einen Glauben an die Vorsehung – mein Schwager, der Oberst Hußlar, hält nichts von „Gottes Finger“.“

„Ich werde trotzdem bei meinem Vorsatze bleiben,“ meinte die junge Dame mit großer Entschiedenheit. „Pläne entwerfe ich nicht. Hat der Zufall einmal den Ariadnefaden in die Hand genommen, so wird er mich auch richtig zu den Entschlüssen führen, die noth thun. Wo werden Sie den Oberst logiren?“

„Ich – ihn logiren?“ wiederholte die alte Dame mit steigendem Entsetzen. „Was denken Sie? Hier im Hause etwa? Nimmermehr! So weit als möglich fern von meinem Hause. Unten am See sind noch zwei schöne Quartiere – da kann er wohnen. Wenn er wirklich „elend“ ist, wie er schreibt, so wird er mich wenigstens nicht alle Tage incommodiren, da es beinahe eine halbe Stunde entfernt liegt.“

Die junge Frau war theilweise einverstanden mit dieser Anordnung, obwohl ein heißes Mitleiden ihre Brust durchschlich, als sie daran dachte, daß er vielleicht weiblicher Pflege bedürftig war, und dadurch fremden Händen anheim fiel.

Die unerwartete Ankunft des Obersten regte die Medicinalräthin doch mehr auf, als sie eingestehen mochte, und Frau Therese bemerkte mit leisem Lächeln, daß sie nicht so gleichgültig gegen den vornehmen Schwager gesinnt war, wie sie sich den Anschein zu geben sich bemüht hatte. Trotz des weiten Weges machte sie sich selbst auf, um das Quartier unten am See zu besichtigen, und Therese sah, daß ihr die Frau des Portiers mit einem vollgepackten Tragkorbe voll Bequemlichkeiten und seiner Wäsche folgte.

Die junge Frau blieb allein mit ihren Gedanken und sie benutzte diese Zeit, um die ganze Vergangenheit nochmals an ihrem Geiste vorüberziehen zu lassen. Bis dahin hatte sie, zwar nicht gleichgültig, aber doch sehr ruhig alle Ereignisse ertragen, welche zwischen ihrem Gatten und ihrem Schwiegervater eine Kluft aufgerissen. Sie fand von ihrem Gesichtspunkte aus eine unverzeihliche Herrschsucht in des Obersten Widerspruch gegen den Wechsel der Carrière, welche sein Sohn Eberhard für nöthig und dienlich hielt. Den übrigen Streitigkeiten war sie fern geblieben. Erst als sie in Fürstenhall, wohin Eberhard sie mit Zustimmung des Arztes gebracht hatte, durch die Medicinalräthin zu offenherzigen und detaillirten Erzählungen veranlaßt worden war, fiel das Zerwürfniß der Familie schwerer auf ihre Seele und nach der Vorlesung des Briefes jetzt, da fühlte sie ein so echtes, weibliches Erbarmen mit dem verlassenen alten Manne, daß sie ihn knieend um Vergebung hätte anflehen mögen.

In ihrer Brust regte sich das Bewußtsein von der Macht ihrer Liebenswürdigkeit. Sollte es wirklich einem Manne möglich sein, sich bei persönlicher Bekanntschaft noch gegen sie zu verhärten? Sie glaubte es nicht, und sie ging den bevorstehenden kleinen Kampfscenen muthig entgegen. Sie hatte bis dahin nie erfahren, was schweres Leid sei, und als einzige Tochter sehr wohlhabender Eltern, verhätschelt von der Liebe eines sehr liebevollen Bruders, und vergöttert von der Zärtlichkeit eines leidenschaftlichen Gatten, die Lasten des Lebens sehr gering anschlagen lernen.

Ihr Vater war wirklich Schlosser gewesen, hatte sich jedoch im Strudel des Zeitgeistes, auf den Flügeln der Erfindungen emportragen lassen und stand jetzt als Besitzer einer bedeutenden Maschinenfabrik da. Sein Sohn gab dieser Unternehmung die richtige Ausdehnung und der ehemalige Lieutenant Hußlar, von der Liebe [455] zu Therese getrieben, stand demselben durch seine bedeutenden mathematischen Kenntnisse hülfreich zur Seite. Zusammen genommen bildeten diese Leute eine durchweg so glückliche Famille. daß sie die herrschsüchtige Eigenwilligkeit des Obersten ganz zu übersehen vermochten. Das war denn auch bis jetzt geschehen und nur in gelegentlichen Aeußerungen Eberhard’s brach ein verhaltener Schmerz hervor, daß ihm des Vaters Liebe zu seinem Glücke fehle.

Therese dachte in diesem Momente daran. Ihr Entschluß reifte an diesen Erinnerungen und sie meinte, sich ein Verdienst zu erwerben, sowohl um ihren Gatten, als um den eigensinnigen Oberst, aus dessen Briefe ein eigenthümlicher Anhauch stiller Klage wehte. Sie war harmlos und einfach genug, um den darin enthaltenen Spöttereien über ihre Eltern keine größere Bedeutung beizulegen, als sie wirklich verdienten, und ihr unparteiisches Urtheil fand sogar die Kritik über ihren Vater, der allerdings auf seine adllg geborne Frau etwas stolz war, sehr belustigend. Von Minute zu Minute mehr geneigt, den alten Oberst mit allen selnen Launen zu ertragen, ja, ihn zu lieben, erwartete sie mit Sehnsucht den Augenblick seiner Ankunt und bereitete sich mit einiger Selbstüberschätzung vor, durch ihre bloße Erscheinung die Scrupel mit einem Schlage zu tödten, die eine trennende Kluft zwischen ihnen gezogen hatten.




II.

Es verging glücklicher Weise ein Tag, eine Nacht und abermals ein Tag, bevor Oberst Hußlar nach seinem Ausdrucke „einrückte“, und Frau Therese hatte Muße, ihre Exaltationen verfliegen zu lassen.

Die Medicinalräthin mit ihren Anekdoten von dem maßlosen Spotte und der rücksichtslosen Grobheit des Schwagers kühlte den Muth der jungen Frau auch bedeutend ab, so daß sie eher mit Bangen, als mit Freude, seiner Bekanntschaft entgegenlebte. Bisweilen freilich hob sich ihre Courage wieder und sie fußte mit eifrigem Beharren auf den „Finger Gottes“, der dieses Zusammentreffen bezeichnete. Die Medicinalräthin schüttelte aber dazu ihr weises Haupt sehr bedenklich und warnte sie vor Uebereilungen.

Der Abend neigte sich. Die Damen hätten gern einen Spaziergaug auf die Berge unternommen, wenn nicht die stündlich erwartete Ankunft des Obersten sie verhindert hätte. Unmuthig schaueten Beide in das lichte Blau des Himmels, von den Goldstrahlen der sinkenden Sonne durchleuchtet, als ein Wagen die Straße herabkam und richtig in der Nähe des Medicinalrath Schlesing’schen Hauses langsamer fuhr.

„Er ist’s!“ rief die alte Dame pathetisch. „Kind, verlassen Sie das Zimmer und horchen sie erst im Nebenzimmer auf seine Entretien – ich wette, Ihre sanguinischen Hoffnungen verfliegen. Sehen Sie, der Wagen hält. Himmel, wie alt und grämlich ist der Mann geworden – gelb und mager das hübsche, alte Gesicht. Der arme Mann!“

„Der arme Mann,“ wiederholte Therese leise und gefühlvoll, als der Oberst jetzt Anstalten traf, mit Hülfe seines Bedienten den Wagen zu verlassen. Es schien ein schwieriges Werk zu sein, denn es währte lange, ehe er sich aus dem Innern des Wagens herausbewegte. Es hatte ganz den Anschein, als sei er von Gicht und Nervenleiden am Körper gelähmt.

Frau Therese zitterte vor Theilnahme. Sie hätte hinabspringen und ihm helfen mögen. Aber das war nicht nöthig. Plötzlich stützte sich eine weiße, feine Männerhand auf die kräftigen Schultern des steif dastehenden Bedienten und flink, wie ein junger Mann, kletterte der Oberst die unbequemen Tritte des Wagens hinab. Bei einer Wendung, die derselbe gegen den Kutscher machte, entfielen ihm die Handschuhe und ein Cigarrenetui, ohne daß es Jemand bemerkte.

Therese sah es. Allein ehe sie zu dem Entschlusse kam, ob sie es von oben herab bemerklich machen sollte, schlüpfte ihr Töchterchen Pauline, das unten im Hause einige Spielgefährtinnen gefunden hatte, aus der Thür, hob die Gegenstände auf und überreichte sie mit der kindlichen, uneinstudirten Grazie ihres Wesens dem alten Herrn. Dieser nahm sie und blickte verwundert auf das kleine Mädchen, das mit seinem engelschönen, freundlichen Kinderkopfe voll blonder Locken wie ein Seraph der Versöhnung zu ihm aufschauete. Ein Lächeln eigener Art verklärte augenblicklich des Obersten Gesicht. Er neigte sich, legte seine Hand auf diesen kleinen Lockenkopf und fragte mit weichem Wohlwollen:

„Wie heißt Du denn, mein kleines Fräulein?“

Der Medicinalräthin, welche eben die Treppe herniederstieg, um den ehrenwerthen Schwager gebührend zu empfangen, stockte der Athem in der Brust vor Furcht, das Kind werde, wie es bisweilen that, seinen Vor- und Zunamen nennen. Sie athmete frei auf, als es antwortetet:

„Pauline heiße ich! Bist Du auch krank, wie meine Mama?“

Ueberrascht blickte der Oberst die Kleine an bei dieser Kundgebung von Theilnahme, während die alte Dame unwillkürlich an Theresens „Gottes Finger“ dachte und mit Rührung beobachtete, wie sich Pauline an die Hand des alten Herrn schmiegte und diese in einem Anfalle liebenswürdiger Schmeichelei mit Küssen bedeckte.

„Gott gebe seinen Segen!“ rief sie selbstvergessen aus und weckte damit den Obersten aus einer Gemüthswallung, die ihm selbst fremd erschien. Er bezog aber diesen Ausruf auf seinen Plan „hier Gesundheit zu suchen“ und erwiderte, kräftig ihre Hände ergreifend und schüttelnd:

„Ja, Frau Schwester, Gott gebe seinen Segen!“

Sie gingen miteinander hinauf, nachdem der Kutscher beordert war, mit dem Bedienten in das gemiethete Quartier am See zu fahren und dort die Koffer abzupacken.

Frau Therese hatte sich richtig in’s Nebenzimmer geflüchtet, ihr Herzklopfen, vor der Ankunft des Obersten so zuversichtlich, war ganz bedeutend ausgeartet, nun er da war und sie ihm entgegen treten wollte.

Lachend trat der alte Herr ein.

„Tausend Wetter, Frau Schwester, Sie wohnen aber fürstlich schön hier – welche brillante Einrichtung – alles strotzt von Gold und Silber – ja, da werde ich mich wohl verrechnet haben, als ich mein Barbierbecken zu Hause ließ, weil ich dachte, hier von denen Ihres seligen Mannes noch eins zu finden!“

„Thut mir herzlich leid, Herr Schwager,“ entgegnete mit höflicher Kaltblütigkeit die alte Dame, „aber Sie sollten doch wissen, daß meines seligen Schwiegervaters Barbierbecken von meinem seligen Manne nie benutzt wurden und deshalb Anno 1816, als Sie ihres Vaters Liqueurladen verkauften, mit verauctionirt worden sind.“

„Gut zurückgeschlagen, weise Dame,“ lachte der Oberst. „Ich bemerke zu meiner Freude, daß Sie unsere Kriegführung noch nicht verlernt haben.“

Er ließ sich seinen Paletot vom Hausmädchen abziehen, gab ihr die Mütze und Handschuhe und dachte bei dieser Gelegenheit wieder an das kleine hübsche Paulinchen.

„Apropos, Frau Schwester,“ sprach er, sich bequem im Sopha zurechtsetzend, „was war denn das für eine kleine Dame, die mir meine Handschuhe und mein Etui vorhin überreichte?“

Die Medicinalräthin wurde beinahe blaß vor Schrecken bei dieser Frage. Sie suchte sich auf eine Antwort zu besinnen.

„Eine Dame? Ach, Sie meinen das Kind? Das ist das Töchterchen einer Fremden, die eben so, wie Sie, Heilung von allerlei Uebeln suchen will. Das Kindb ist Aller Liebling und nennt Jeden Onkelchen und Tantchen. Sie heißt Pauline.“

„Weiß ich schon. Ist ein Schmeichelkätzchen?“

„Das eben nicht. Im Gegentheil, sie kann eher kühl und altklug genannt werden. Freilich gegen Sie zeigte sie sich sonderbar zärtlich – Sie müssen ihr gefallen haben.“

Der Oberst strich sich vielsagend über sein graubärtiges Gesicht und erwiderte spöttisch:

„Weiß nicht, ob meine Larve viel Anziehendes für kleine Fräuleins haben kann. Sie sehen noch recht frisch und appetitlich aus, Frau Schwester – das macht, Sie haben nicht die Ehre, ungerathene Söhne zu besitzen.“

Die alte Dame richtete sich kampflustig in die Höhe.

„Hören Sie, Herr Schwager, da Sie von vornherein anfangen, so nehme ich mir die Freiheit, Ihnen zu sagen, daß Sie sehr Unrecht thun, Ihre wackern Söhne zu verachten. Sie haben Ihre Gewalt hinreichend geübt, so lange Eberhard und Lothar Knaben und Jünglinge waren, ich dächte, jetzt beim Beginne der dreißiger Jahre hätten Beide ein Recht, zu thun und zu lassen, was sie für gut fänden. Eberhard ist nur auf Ihren Befehl und ganz gegen seinen Willen Officier geworden.“

„Richtig, Frau Schwester,“ fiel der Oberst ein, „Ich habe auch nichts dagegen, ihn als Locomotivführer zu wissen, nur sehen mag ich den rußigen Kerl nicht.“

[456] „Sonderbare Grillen, sich gegen eigene Ueberzeugungen aufzulehnen! Sie wissen recht gut, daß er nicht Locomotivführer ist, eben so wenig, wie Lothar „Steine klopft in Amerika“.

„Ist Lothar auch gegen seinen Willen Jurist geworden? Bin ich Schuld, daß er jetzt landesflüchtig ist? Ja, so geht es; wenn die Söhne aus der Art schlagen, so ist der Vater schuld. Warum wohl der liebe Gott den Jungens Väter gibt!“

„Mit Ihnen ist nicht gut streiten," entgegnete die alte Dame aufstehend, um nur nicht seinen Spott zu schärferen Ausfällen zu leiten, die der lauschenden jungen Frau wehe thun konnten. „Hat Ihnen Lothar gar nichts Näheres über den Grund seiner Reise gemeldet?“

„O ja. Er hat mir Märchen erzählt von einem Könige, der ihm seine Tochter geben will, wenn er drei Kunststücke ausführt: erstens ein paar tausend Meilen über’s Meer schwimmt – zweitens einen verlorenen Bruder aufsucht – drittens die Hinterlassenschaft dieses verlorenen „Joseph’s“ als treuer Sclave überliefert. Ich denke aber, er wird schon beim ersten Probestückchen sein Leben eingesetzt und verloren haben, denn es mangeln mir alle Nachrichten von ihm.“

„Sie wissen nicht, ob er in Amerika angelangt ist?“ forschte die alte Dame theilnehmend.

„Direct ist mir keine Gewißheit zugekommen, aber der König, der ihn gesendet in jene überseeische Welt, hat sich herabgelassen, mir in einem huldvollen Briefe anzuzeigen, daß mein Sohn Lothar glücklich in Amerika sei – mein Scharfsinn reicht nicht aus, um zu begreifen, warum Lothar das nicht selbst an seinen Vater berichten solle, wenn er wirklich noch lebe.“

„Es ist der Präsident von Sundwihl, den Sie zum König metamorphosiren?“ fragte die Dame, welche sich beeilte, die gnädige Stimmung des Obersten auszubeuten.

„Ja wohl. „Von“ Sundwihl, seitdem er der Schwiegersohn des mächtigen Chef-Präsidenten von Rathenow wurde. Will er Lothar zum Schwiegersohn machen, so bleibt nichts übrig, als diesem den Adel zu verschaffen. Natürlich der Herr von Hußlar ist mein Sohn nicht mehr. Lieber soll er „Steine klopfen“.“

„Wunderlicher Mann! Wenn nun Se. Majestät Ihnen den Adel zur Belohnung Ihrer Verdienste angeboten hätte?“

„Dann hätte ich geantwortet: Majestät, das „von“ hat nicht geholfen, als ich, kaum sechzehn Jahre alt, wie blind und toll hervorsprengte auf General York’s Ruf: heran, ihr brandenburgischen Husaren – eingehauen! und aus Leibeskräften schrie: es lebe unser König! Ich war eines preußischen Bürgers Sohn und will es bleiben! Ja, weise Frau Schwester, nicht alle Menschen lieben es, Medicinalrath zu heißen, ohne Doctor zu sein!“

Jetzt kam der alte Herr auf sein altes Capitel und wer ihn so genau kannte, wie die Medicinalräthin, der wußte, was das heißen sollte.

Sie schloß ihre Forschungslust ruhig mit den Worten ab:

„Sie sind ein Mann, der sich mit eigensinnigen Verblendungen selbst quält und der seinen Verstand nur dazu verwendet, sich selbst und Andere zu kränken.“

Darauf bereitete sie ihm seinen Thee und vermied es beharrlich, irgend eine Frage an ihn zu richten, die Bezug auf seine Söhne hatte. Ob dem Obersten das lieb war? Schwerlich. Er hatte das Herz so sehr auf seiner Zunge gehabt, daß sie sehr wohl erkannte, wie erleichternd ihm ein Gespräch über diesen Gegenstand sein würde.

Während des Theetrinkens kam Pauline in’s Zimmer gesprungen und fragte eilig nach ihrer Mama. Auf den Bescheid der Medicinalräthin, daß sie gleich kommen werde, setzte sich das kleine Ding ganz gravitätisch auf ein niedriges Polstersesselchen und bat um eine Tasse Thee. Die Art, wie sie das that, die Anmuth und Lieblichkeit, womit sie sich trotz ihrer großen Jugend benahm, entzückte den Obersten. So lange die Kleine Thee trank und ihr Butterbrödchen dazu aß, verwendete er kein Auge von ihr. Sie bemerkte es und nickte schelmisch mit dem Köpfchen. Es lag ein unbeschreiblicher Reiz in diesem vertraulichen Nicken. Warm, wie die Liebe, floß es dem alten Krieger bis in’s Herz hinein und er rief ihr ein liebkosendes Wort zu. Fröhlich klatschte die Kleine in die Händchen und lachte auf eine herzinnige Weise.

„Du bist auch ein allerliebster Mann,“ wiederholte sie kindlich muthwillig. „Du bist ein guter Mann. Wenn ich fertig bin, will ich Dir auch Küßchen geben! Warte nur so lange.“

Die Kleine stopfte schäkernd den Rest ihres Butterbrodes in den Mund und sprang dann leichtfüßig auf den Obersten zu, der sie zu sich emporhob und ihr in das seelenvoll heitere Auge blickte. Sie näherte ihr Mäulchen tapfer seinem bartumwachsenen Munde und drückte ihm einen herzhaften Kuß auf die Lippen. Eben so schnell, wie dies geschehen war, entschlüpfte sie wieder seinen Händen, und eilte flüchtig aus dem Zimmer.

„Das ist ein liebes, liebes Kind, Frau Schwester!“ rief der alte Herr ganz entzückt. „in meinem Leben habe ich solch’ ein reizendes Kind nicht gesehen!“

„Das macht, weil Sie überhaupt keine Kinder gesehen haben,“ erwiderte die alte Dame mit trockenem Tone, während ihr Herz jauchzte und ihre Gedanken an Theresens „Gottes Finger“ hängen blieben Er fängt sich selbst in selbstgewebten Netzen, jubelte es in ihr und sie sah schon ihr gebenedeites Haus als den Sammelplatz der versöhnten Familie.

Wohl habe ich Kinder genug in meinem Leben gesehen,“ polterteder Oberst jovial heraus; „ich bin immer ein ganz besonderer Freund und Verehrer aller jungen Fräulein gewesen und ich habe nichts so schmerzlich bedauert, als daß ich nicht statt der Jungens zwei Mädchen gehabt habe.“

„Ach, die armen Mädchen!“ neckte die Medicinalräthin mit komischer Gebehrde. „Unter Ihrer Tyrannei wären sie längst Todes verblichen.“

„Meinen Sie, Dame Weisheit?“ fragte der Oberst gut gelaunt. „Ich möchte den Strom ihrer Ueberzeugungen durch die Bemerkung hemmen, daß ich meinen Mädchen so viel Liebe einzuflößen gewußt haben würde, um sie allen Auswüchsen des Zeitalters aus freiem Antriebe abhold zu sehen. Was weiß eine Medicinalräthin von der Macht der Liebe in einem Vaterherzen?“

Bis zu diesem Zeitpunkte war Frau Therese, die eine eifrige Zuhörerin des Gespräches im Nebenzimmer abgegeben hatte, noch immer zweifelhaft geblieben, ob es gerathen sein möchte, mit ihrer persönlichen Erscheinung einen gewissen Angriff auf den alten Herrn zu machen. Seine schwankende Laune, hastig abspringend von Spott zur Güte, hatte ihr Furcht verursacht, jetzt aber schien es ihr gerathen, mit ihren Ansprüchen auf seine gerühmte Vaterliebe hervorzutreten, und sie sammelte vorsichtig ihre Lebensgeister, um würdig vor dem Manne zu erscheinen, der ihr, sie fühlte dies mit einem innigen Behagen, sehr gut gefiel.

Schnell Alles das im Geiste recapitulirend, was sie für eindrucksfähig auf dies sonderbar construirte alte Soldatenherz hielt, faßte sie den Griff der Thür und erschien auf der Schwelle des Zimmers, gerade dem Oberst gegenüber, der noch auf dem Sopha saß.

Die Medicinalräthin begrüßte sie mit einem kleinen Schrei der Ueberraschung, der Oberst jedoch stand ritterlich artig auf und sah sie erwartungsvoll an.

Sie eilte zu ihm hin und ergriff leidenschaftlich bewegt seine Hand.

„Ich mache Anspruch auf diese Macht der Liebe in einem Vaterherzen!“ rief sie. „Sie können meinem Eberhard nicht länger zürnen – Zeit und Entbehrung haben Ihr Herz weicher gestimmt – lernen Sie uns kennen – Sie finden in meiner Familie dieselben Grundsätze, welche Sie ausgesprochen – ich appellire mit Fug und Recht an Ihr Vaterherz, das seine Lebensfreuden vermindert, indem es sich eigensinnig in seinen Vorurtheilen befestigt – nicht wahr, theurer, lieber Vater meines Eberhard’s, nicht wahr, Sie sind besiegt, Sie erkennen, daß „Gottes Finger“ obwaltete, indem er unser wunderbares Zusammentreffen leitete?“

Arme Therese! Sie hatte sich die Folgen der Ueberrumpelung in wunderschönen Farben gemalt und sich dabei total vergriffen. Zuerst hatte der Oberst sie groß und vollständig verwundert angesehen, war aber sehr bald auf die richtige Vermuthung verfallen. Bei ihren fortgesetzten Reden, die einen Angriff auf seine „Vorurtheile“ enthielten, weiche er als einen Theil seines gesinnungstüchtigen Charakters, unter den Gährungsprocessen der Sichtung reif geworden, betrachtete, verdrängte ein gewisser, gar zu leicht erregter Gallstoff das Wohlgefallen, das er unwillkürlich bei der Betrachtung der wunderhübschen jungen Frau empfunden hatte.

(Schluß folgt.)




[457]
Der Landsberg bei Meiningen.

Die Werrabahn, welche eine neue Verbindung des deutschen Nordens und Südens gewährt, führt an der Wartburg, der stolzen Horde Thüringens, und an der Coburger Veste, der nicht minder ruhmreichen Krone Frankens, vorüber. Fast in gleicher Entfernung von beiden bietet die neue Eisenbahn den schönen Anblick einer jüngeren Schöpfung der Baukunst, zwar weit weniger genannt, aber doch schon vielfach von Reisenden besucht.

In nördlicher Richtung, ¾ Stunden unterhalb der Residenzstadt Meiningen, ist das Thal von einem Kalksteinhügel begrenzt, der noch vor zwanzig Jahren sich traurig und öde aus dem Wiesengrün emporhob. „Die Burgtrümmer auf seinem Rücken,“ heißt es in Meyer’s Universum, dem wir diese Textnotizen, trotz unseres entschiedenen Hasses gegen alle Art von Nachdruck, ausnahmsweise entnehmen, „lagen am Boden, nichts Erhebendes versöhnte mit seinem Anblick. Früher war und jetzt ist das anders. Die Lage der isolirten Höhe zwischen drei belebten Straßen, dem alten Thalwege im Werragrund, der alten Frankenstraße und der Straße in das sogenannte Sandland, war zu lockend für die Burgengründer des Mittelalters, um lange unbenutzt zu bleiben. Urkundlich ist erwiesen, daß die nahen Orte Meiningen, Vachdorf und Leutersdorf unter König Heinrich I., dem Städtebauer und Hunnenbesieger, ihre Befestigungen erhielten. Da nun Walldorf und Meiningen damals Reichsdomänen waren, so spricht Vieles für die Wahrscheinlichkeit, daß auch auf dem heutigen Landsberg schon zu jener Zeit (zwischen 924–930) eine feste Burg erbaut worden sei. Am deutlichsten spricht aber dafür der Name jener ältesten Burg, sie hieß: „Landeswehr“, und der Berg „der Landwehrberg.“

Der Landsberg bei Meiningen.

„Wenn dies der Ursprung der alten Burg ist, so haben wir damit den interessantesten Theil ihrer Geschichte erzählt. Später hatte sie das Schicksal von Hunderten ihres Gleichen in Thüringen, Franken und Schwaben. Lange Zeit sammt der Stadt Meiningen mit deren Umgegend Besitzthum der Bischöfe von Würzburg, welche Burgmänner daselbst hielten, blieb sie in der Hand des Geschlechts der Wolfe, die jedoch in jenen Blüthentagen des Faustrechts ebenso oft die Grafen von Henneberg, von deren Gebiet Meiningen und Landeswehr rings umschlossen waren, ihre Lehnsherren nennen mußten. Burg und Berg mit den Hofstätten am Fuße desselben waren wieder würzburgisches Kammergut geworden, als der Bauernkrieg 1525 der Herrlichkeit auf der Höhe ein Ende machte. Ein hoher Turm und einige Thor- und mächtige Mauerreste mit hohlen Fensterluken bedeckten den Landwehrberg, als derselbe sammt Meiningen 1542 an Henneberg und endlich, 1583, an das Haus Sachsen kam. Der dreißigjährige Krieg hatte hier nur den Meierhof mit allem Zubehör zu verwüsten, that dies aber so gründlich, daß noch lange nach dem westphälischen Frieden sich Niemand zum Wiederanbau der hier entstandenen Wildniß entschließen wollte. Nach der Ländertheilung des Herzogs Ernst des Frommen ward Meiningen durch Bernhard I. Fürstensitz; man verwendete nun die Steine der Ruine Landeswehr zum Schloßbau in Meiningen und sprengte den letzten Stolz des Hügels, den hohen Thurm, mit Pulver. Dies geschah im Jahre 1685. Ein zerborstener Theil diesen Thurmes liegt noch heute, quer und fest, wie sein Heidelberger Schicksalsgenosse, auf dem Fundamente seiner Vergangenheit. Seitdem machte der Name „Landwehrberg“ dem kürzeren „Landsberg“ Platz.

„Diesen Namen erhielt auch das neue Schloß, dessen Bau im [458] Jahre 1836 begonnen und nach dem Plane und unter der Leitung August Döbner’s, des herzoglichen Baumeisters, bis 1840 in den Hauptmassen vollendet wurde. Das Ganze besteht aus dem mit drei starken Eckthürmen und zwei hohen Plattformen zierend umgebenen Hauptbau und zwei durch Bogengänge und Thormauern damit in Verbindung stehenden Nebenbauten, der Castellanswohnung und dem Thorwarthause. Von diesem bis zu jenem zieht sich eine Ringmauer hin, die einen freundlichen Hofraum umgürtet und das alte Thurmgetrümmer noch mit umschließt. Neben letzterem führt eine Pforte zu dem zweiten neuen Schmuck des Landsbergs, zu der herrlichen jungen Waldanlage, aus deren frischem Grün das Schloß so heiter und anmuthig emporragt und durch welche schattige Fußwege zur ebenfalls neuen und von Döbner nach Schweizermanier erbauten Meierei am Fuße des Hügels führen. Unser Holzschnitt zeigt uns Burg und Berg von dieser Seite.

„Dem äußeren Bilde der Burg entspricht vollkommen das Innere. Die Anmuth herrscht im ganzen Bau vor und hält die Pracht im rechten Maße zur Größe der Räumlichkeiten. Das Mittelalter zeigt uns hier alle heiteren Seiten seiner Lebensformen, und wie Herzog Bernhard II. dasselbe angesehen wissen will, sagt uns der Spruch über der Eingange der Waffenhalle:

„Nicht zurückwünschen laßt uns die alte Zeit,
Wohl aber der Ahnen Kraft und männlich Walten,
Nicht den Lehnsdruck, nicht der Ritter Eisenkleid,
Wohl aber die felsenfeste Treu’ der Alten.“

„Die Waffensammlung selbst ist klein, aber wohl gewählt und geschmackvoll geordnet. Besondere Beachtung nimmt der große Saal (50 Fuß lang, 17½ Fuß breit und eben so hoch) in Anspruch wegen W. Lindenschmitt’s acht historischer Bilder aus der Vorzeit Thüringens, der trefflichen Glasmalereien, der reichen gothaischen Schnitzereien am Holzgetäfel der Wände, des Credenztisches, der geschmackvollen Kerzenleuchter und der neuerdings dort aufgestellten sehr wertvollen Autographensammlung. Drei hohe Glasthüren verbinden diesen Saal mit der 3219 Quadratfuß großen nördlichen Plattform der Burg, die den Blick nach Norden und Osten frei läßt.

„Das nordöstliche Thurmzimmer und das Lutherzimmer sind hauptsächlich mit Sculpturwerken Ferdinand Müller’s ausgeschmückt, jenes mit einem beziehungsreichen Turnierfries, dieses mit Reformatorenstatuetten. Eine besondere Zierde des letzteren ist Kellner’s (in Nürnberg) Glasgemälde: „Der Tod der Maria.“

„Im zweiten Stock des Schlosses fesselt uns im Mittelzimmer ein Bild, das alle heiteren Eindrücke der bisher durchwandelten Räume plötzlich verdüstert. Da sitzt der arme Thyrann auf dem Balkone, das abgefeuerte Gewehr im Schooße, im Gesicht das Zeugniß eines vom Glaubenswahn verbranntem Gehirns: „Karl IX. nach seinem ersten Schusse auf die Hugenotten in der Barholomäusnacht“, Beck’s treffliche Copie nach Wapper’s weltberühmtem Gemälde. Auch die übrige Zimmergesellschaft kann einem ehrlichen Deutschen das Herz nicht erleichtern: Kaiser Karl V., Tilly und Ferdinand II. von Spanien. Was die in den Freinächten der Geister während der heiligen Zeit da droben mit einander berathen mögen? – Offenbar, um eine protestantische Opposition gegen etwaige Beschlüsse dieser gefährlichen vier Herren zu ermöglichen, hält im nordöstlichen Eckzimmer eine Versammlung von anderen Männern geheimen Rath: Ernst der Fromme, Bernhard von Weimar, Gustav Adolph, Philipp der Großmüthige und Friedrich von der Pfalz; Erzengel Michael, der Drachenbesieger, ist ihnen sinnig zugesellt, letzteres ein feineres Holzrelief. – Nachdem wir noch die Laube, das Spruch- und das Stammbaumzimmer, deren Bestimmung und Hauptschmuck durch die Bezeichnung erklärt ist, betrachtet haben, besteigen wir vom ebenfalls noch zimmerreichen dritten Stock aus die Schneckenstiege des 120 Fuß hohen Hauptthurmes, auf dessen freier Zinne wir 456 Fuß über dem Spiegel der Werra und 1343 Fuß über der Nordseefläche stehen.

„Gleichwohl kann die Aussicht in das von höheren Bergen begrenzte und an sich schmale Thal der Werra nur eine beschränkte sein. Außer den fern herüberschauenden Köpfen der Rhön und des Thüringerwaldes sind die Berge der Nähe, Geba und Dolmar, die Zierden des Rundbildes, welches gegen Süden die untere Vorstadt von Meiningen, nach Norden die berühmte Tabaksstadt Wasungen mit den Trümmern der ehemaligen Burg Maienluft (im Hintergrunde unseres Holzschnittes sichtbar) und außerdem noch zwischen Feldern und Wiesen und an Waldrändern und kahlen Höhen 8 Dörfer und Einzelnhöfe, die Meierei des Landsbergs eingeschlossen, in sich faßt. Anstatt der Aussicht erquickte mich auf der Thurmzinne beim Hinabblick auf das Schloß eine wohlthuende Einsicht. Vergleiche, lieber Leser, die Jahre vor der Julirevolution, wo die großen Sonnenblumen der ersten Restauration blühten, mit der Gegenwart: damals wieder, wie zu Ludwig’s XIV. Zeit, war Paris die Sehnsucht aller Prinzen, und nur das Ausland bot standesmäßige Bezugsorte für alle feineren Bedürfnisse der höheren Regionen. Was „nicht weit her“ war, taugte nichts, und wer nichts taugte, war „nicht weit her“. Ist das nicht anders, nicht besser geworden? Bei den schönsten Arbeiten da unten im Schlosse, zu deren Vollendung Handwerk und Kunst sich die Hände reichen mußten, frage: Wer sind ihre Meister? Wer war des Schlosses Maurer? Wer verfertigte jene Kronleuchter? Wer jene Holzschnitzereien der Sessel, Stühle und Wandbänke, der Thüren und Decken? Wer jenen kunstreichen Credenztisch? Wer die architektonische Malerei der Zimmer? Wer die Glasmalereien der Fenster und Thüren? Wer die plastischen Ornamente und historischen Sculpturenwerke? Da erfährst du Namen, wie: Meister Thomas, Meister Meiße, Meister Morgenroth, Meister Rieneck, Eberlein, Kellner, Thieme, Müller u. s. w., lauter deutsche Namen, deren Inhaber nicht weit her, meistens in Meiningen und, wenn nicht im Inland, höchstens nur in Deutschland daheim sind. Das thut wohl und macht dem edlen Bauherrn wie den tüchtigen Meistern der Heimat Ehre.“[WS 1]




Vom Luxus.[1]
II. Der Luxus eines blühenden Volkes.

Der Haushalt eines Volkes hat im Großen ganz dieselben Grundlagen und Bedingungen, wie der Haushalt einer Familie im Kleinen. Der Aufwand hängt vom Einkommen ab und ist, wenn er von diesem bestritten wird, daneben aber einige Ersparnisse möglich sind, unschädlich. Wenn auf solche Weise ein Volk neben dem nothwendigen und entbehrlichen Aufwande durch derartige Ersparnisse wohlhabender wird, so entsteht ein Nationalcapital, und dieses ist die Grundlage der ungeheuren Unternehmungen unsers Jahrhunderts. Da wo ein Volk nicht spart, müssen diese nothwendig unterbleiben. Die Vereinigung der in den Händen der Einzelnen angesammelten Capitalien hat jene großen Werke möglich gemacht, die dem Handel und Verkehr den nie geahnten Aufschwung gegeben haben. Nur durch die vereinte Macht der Einzelcapitale wurden – wenn wir von Staatsbauten absehen – die Eisenbahnen, Canäle, Brücken. Häfen, Schiffswerften, Schiffe und jene zahllose Menge der Maschinen zu dem verschiedensten Betriebe geschaffen. Hier zeigt es sich, welche Wichtigkeit die Sparsamkeit des Einzelnen für das Ganze, dessen Wohl und Gedeihen gewinnt, zeigt sich, wie der Einzelne, wenn er einen wahren Vortheil für sich selbst verfolgt, auch stets für die Allgemeinheit arbeitet. Es würde leicht sein, zu zeigen, daß jene großartigen industriellen und technischen Schöpfungen auch dem Geringsten in dem entferntesten Dörfchen zu Gute kommen. Deshalb ist jener socialistische Haß des Proletariers gegen den Vermögenden nur in der Unwissenheit begründet, die nicht ermessen kann, wie weit unsere Culturzustände ohne jenes Nationalcapital ohne jenes Zusammenwirken desselben zu einem Zwecke in wirthschaftlicher Hinsicht zurückliegen würden. – Diese wirthschaftliche Sparsamkeit des Volkes ist wiederum Folge der allgemeinen Cultur und Segen des Handels- und Gewerbefleißes. Sie findet sich bei minder cultivirten Völkern nicht oder kann, wo sie auftritt, nur von geringem Erfolge sein. Geringe Cultur und Armuth gehen mit der Unfreiheit meist Hand in Hand. Man nehme die Völker Asiens und Afrika’s. Da, wo sich große gewerbliche Anstalten oder technische Werke bei ihnen vorfinden, sind es durch gängig Werke der Abendländer.

[459] Fleiß, Kunsteifer, Ordnung sind die Begleiter der nationalen Sparsamkeit, höherer Arbeitslohn, reichlicherer Gütergenuß und Anwachs der Bevölkerung die erfreulichen Folgen der Ersparung neuer Capitalien. Nur dasjenige Volk, welches nicht Alles, was es erwirbt, dem Genusse opfert, sondern einen Theil aufspart, gelangt zum höheren Genusse seines Lebens, ein armes geht dessen verlustig und nur allzuleicht auch seiner Freiheit.

Der Luxus ist deshalb innerhalb maßvoller Grenzen eine segensreiche Folge der wirthschaftlichen Cultur, er ist satthaft und als sittlich veredelnd von großer Bedeutung für das innere Volksleben. Wenn die von der Capitalmacht geschaffenen Riesenwerke der Verkehrsmittel und großartigen Handelsanstalten den Wohlstand mehr und mehr heben, die Behaglichkeit des Lebens immer weiter auszudehnen ermöglichen, die höheren Zwecke des Daseins mittelbar in Kunst und Wissenschaft fördern, so ist der sich alsdann ausbreitende Luxus besonders deshalb so freudig zu begrüßen, weil auch die arbeitende Classe sich Genüsse verschaffen kann, die ihr Erholung gewähren, ihre Gefühle veredeln, ihre Denkraft üben und den Kreis ihrer Erkenntnisse erweitern, so daß sie ihre Arbeit nicht im bloßen dumpfen Hinbrüten mechanisch verrichtet. Das Denken steigert die Geschicklichkeit und nur der denkende Arbeiter arbeitet schnell, froh und gut zugleich.

Der Luxus eines blühenden Volkes richtet sich mehr auf solide Behaglichkeit des Lebens, als bloßem Scheinglanz und Flitter, mehr auf wahren Genuß, als bloßes Genügen der Eitelkeit, … Die goldgestickten oder mit kostbarem Pelzwerk ausstaffirten Kleider, Puder, Zopf, dreieckige, mit reichen Tressen versehene Hüte sind aus der Mode. Die Herrenkleidung ist im Vergleich zu früheren Jahrhunderten unendlich einfach. Steht man die durch die Herbeiziehung der Wissenschaft, der Chemie erzeugten Prachtfarben, welche jetzt unser Handel in seinen Artikeln auf den Markt bringt, so könnte man wohl einen Augenblick versucht sein, zu fragen, ob es nicht bedauernswürdig sei, daß die Kleidung des Mannes so wenig heitere Farben hat. Wir überlasten sie aber dem leichteren und veränderungsfroheren Sinne des Weibes, und tragen einen schwarzen Rock oder Frack und Hut und nur in der Feinheit des Stoffes liegt der mindere oder größere Aufwand. Es gilt deshalb für uns das Wort Shakespeare’s:

„Die Kleidung kostbar, wie’s Dein Beutel kann,
Doch nicht in’s Grillenhafte; reich, nicht bunt,
Denn es, verkündigt oft die Tracht den Mann.“

Man sehe alte Portraits aus früheren Jahrhunderten, und man wird sich der ungemein großen Vereinfachung dann recht bewußt werden.

Ein Muster ganz allgemeiner und solide Einfachheit ist England. Die französische Küche hatte eine Unzahl zusammengesetzter Saucen und Confituren. An ihre Stelle sind einfache, aber kraftvolle Fleischgerichte getreten. - Die Landstraßen sind vortrefflich unterhalten, wenn auch weniger breit. Im Innern der Städte finden sich Trottoirs und Alles dient, anstatt überflüssiger Zierrath zu sein, einem praktischen Zwecke. - Der rohe Wilde schmückt sein Haar noch mit bunten Federn und Farben, Lippen, Nase und Ohren mit Metallringen und Korallen. Im Mittelalter herrschte Bombast und Prunksucht, die auch die äußerste Unbequemlichkeit in Tracht und Steifheit, im Ceremoniell ertrug; erst auf höherer Culturstufe kehrt der Mensch zur natürlicheren Kleidung und Sitte zurück. Die Kleider passen sich den Formen des Körpers wieder mehr an, und feines Linnenzeug wiegt in der Haushaltung mehr als Goldstickerei und Spitzen. Selbst auf dem Gebiete der Künste ist diese Umkehr sehr entschieden und tief eingreifend. Ich erinnere hier auch an den Gartenbau. Welche Veränderung des Geschmacks ist in demselben eingetreten! Während früher alle Anlagen im Versailles-Harlemer Styl hergerichtet waren, hat jetzt die Vorliebe für die Schönheit der unverkümmerten Natur den englischen Styl in ganz allgemeine Aufnahme gebracht. Das Streben nach Einfachheit ist ein allgemeines. Die Athener legten in der Blüthezeit ihres Staates die sie sonst stets begleitenden Waffen ab und hörten auf, in den Haaren goldnen Schmuck zu tragen.

In dieser zweiten Entwicklungsperiode ist denn auch die Blüthezeit der Bürgertugenden. Die Sparsamkeit des Volles gibt ihm die Mittel an die Hand, einem edleren Luxus zu folgen, und so das ganze innere wie äußere Leben zu heben. - Die Zeit ist alsdann längst vorbei, wo der Fürst wohl gar das Vermögen und Einkommen Aller als eigentlich ihm gehörig ansieht, wie dies Ludwig XIV. ganz offen aussprach, und in den Grundsätzen seines Besteuerungssystem zu einem Theil in's Leben übersetzte. So erklärt sich auch sein Wort: „Ein König gibt Almosen, wenn er verschwendet.“ - Jetzt gehören die Früchte des Fleißes dem Bürger, der sie errungen hat. Die Schweiz, nach dem vorjährigen Berichte des belgischen Consuls, im Verhältniß ihrer Einwohnerzahl zu ihrer Industrie der erste Handelsstaat der Welt, auch England nicht ausgenommen, zeichnet sich durch eine nationale Sparsamkeit aus. Die reichste Stadt ist Basel, und ein dortiger Bürger läßt gegenwärtig, nach einem neulichen Zeitungsberichte, eine Kirche mit einem Kostenaufwand von drei Millionen Francs bauen. Es herrscht noch viel patriarchale Sitte, Selbst reiche Familien weisen ihre Töchter auf den Ertrag ihrer Weißstickereien, also den Ertrag des eigenen Fleißes anstatt des Taschengeldes an; die Söhne erhalten vom Hause wenig, und müssen sich meist erst durch eigne Thätigkeit ihren Hausstand gründen. Nach Tisch kehrt man ohne Scheu vor den Gästen die Krumen sorgsam zusammen, um sie noch anderweit zu Suppen zu verwenden. - Der Luxus dieser Periode sucht nicht nur das Gute und Dauerhafte, sondern verzichtet vor Allem auf den eitlen Alleinbesitz und das dünkelhafte Voraushaben vor Anderen. Dies ist eine wichtige Erscheinung für unsere ganze Industrie. Sie kann nunmehr die Erzeugnisse der Mode massenhaft und in gleicher Form, somit aber nicht nur billiger, sondern auch besser herstellen. Daher datirt theilweise der bei manchem Artikeln zum Verwundern niedrige Preis, wie denn mit dem technischen und mercantilen Aufschwung die Preise der bei weitem meisten Artikel eine entsprechende Erniedrigung erfahren haben. Dies hat die Lage der ärmeren Classen gegen frühere Jahrhunderte ganz bedeutend gebessert, Schuhe, Strümpfe, Tuchkleidung, Kaffee, Bett und ein wohnliches Zimmer sind heut zu Tage das Bedürfniß auch der Aermsten. Der Arbeiterstand hält jetzt Manches für unentbehrlich, was vor einigen Menschenaltern kaum der Reiche besaß und genoß. Deshalb ist auch jene Klage des älteren Geschlechts über das Verschwinden der „alten guten Zeit“ so töricht, das nicht ahnt, was Alles in den tausendfachen Verhältnissen des bürgerlichen Lebens unsere Voreltern entbehrten.

Der wohlfeile Luxus unserer Zeit durchdringt alle Bedürfnisse des Haushaltes, auch des Unbemittelten, Man nehme nur allein den wichtigsten Consumtionsartikel der niedern Clasen in heutiger Zeit gegen die Vergangenheit an: das Brod. Im Jahre 1700 gab es Frankreich nicht mehr als 33 Procent der Bevölkerung Weißbrodesser, im Jahre 1791 schon 37 Procent, im Jahre 1839 dagegen 60 Procent. in England aß unter Heinrich VIII. eigentlich nur der Adel Weizen. um 1758 gab es hier und in Wales etwa 6 Millionen Menschen, von denen 3 3/4 Millionen von Weizenbrod, 739,000 von Gerste, 888,000 von Roggen, 623,000 von Hafer lebten. In Irland rechnete man noch 1839, daß von 8 Millionen Einwohnern 5 Millionen Kartoffeln und 2 1/2 Mill. Haferbrod als Hauptnahrung genossen. Auch die alten Völker lebten auf der niedern Culturstufe meist von Haferbrod. Das Bier unserer Altvordern war ebenfalls aus Hafer gebraut.

Die Prunkgegenstände haben einen auch dem gemeinen Mann zugänglichen Ersatz durch plattirte Waaren, Argentan, Baumwollensammt etc. gefunden. Man denke an die tausendfache Vervielfältigung von Kunstwerken durch Stahl- und Holzstiche, durch Abguß in Gyps und Metall, durch Galvanoplastik und Lichtbildnerei. Unter dem veredelnden Luxus steht neben der Verbreitung gemeinnütziger, durch die Schnellpressen außerordentlich billiger Schriften die Musik obenan, Welche Ausdehnung haben die Gesangvereine gewonnen, zu welcher Pflege ist die Musik nicht durch die zahllosen Pianofortefabriken deren eine in London täglich 40 Stück Pianoforte liefert - gelangt! Es ist nicht nur für den Musikfreund, es ist auch für den Patrioten eine erfreuliche Erscheinung, daß das deutsche Volk bis in die kleinsten Gauen seine Meister kennt und der Name Beethovens auch auf Dörfern längst aufgehört hat, unbekannt zu sein, dass deutsche Musik die fremdländische zumeist verdrängt und jenseits des Rheins, jenseits des Canals und Oceans den Sieg bereits entschieden hat.

Mit dem Wachsen der Cultur, mit der Verbreitung des Luxus nimmt auch die Reinlichkeit des Volkes zu. Ein sehr beweiskräftiges Beispiel ist England. Noch zur Zeit des Erasmus wart dasselbe nach dessen Zeugniß, ein höchst schmutziges Land. Erasmus lebte dem Jahre 1467 - 1536. Erst im Jahr 1520 entstand daselbst die erste Seifensiederei. Heut zu Tage hat es die bedeutendste Seifenconsumption [460] welche 1807 für den Kopf 4,84 Pfd., im Jahre 1845 bereits 9.65 Pfd. betrug. Die niedrigst cultivirten Völker sind auch die unreinlichsten. Der Anstand verbietet, manche Gewohnheiten der Tungusen und Korjäken anzuführen. An den Hottentotten und Buschmännern ist die natürliche Hautfarbe nur unter den Augen noch sichtbar, wo die vom vielen Rauch ihrer Hütten erzeugten Thränen die sonst den ganzen Körper überdeckende Schmutzkruste hinwegwaschen. Auf höherer Culturstufe wird die Reinlichkeit zum unabweislichen Bedürfniß, auch der Arme sorgt in seinem Hause für Sauberkeit. Noch im vorigen Jahrhundert mußten die Abtritte unter Androhung von Strafen anbefohlen werden.

Die wachsende Bildung des Volkes ist das beste Mittel gegen die Uebervölkerung. Mit der Verallgemeinerung der Kenntnisse, der Veredelung des Sinnes zieht sich des Menschen Neigung von der Befriedigung der Sinnlichkeit ab, sucht höhere Genüsse, der Wille erstarkt mit dem Geiste und die Enthaltsamkeit und freiwillige Selbstbeschränkung sind die Frucht der Hebung des inneren Volkslebens. Dies zeigte sich recht deutlich, als mit dem ungeheueren Handelsaufschwunge in England die Arbeitslöhne bedeutend stiegen. Der Engländer wandte die Ersparnisse der Behaglichkeit des Lebens und höheren Genüssen zu. Der Irländer nützte die Zeit und den damals vermehrten Kartoffelbau nur dazu, die Volksmenge zu vermehren. Freilich war der Engländer schon frei, der Ire noch Sclave einer unbarmherzigen Aristokratie und unduldsamen Kirche. Der Freie nur ist auf die Zukunft bedacht, der Sclave hält sich an die Genüsse des Augenblicks. In der Zeit des Mittelalters eines Volkes fällt die Armenpflege und der Unterricht meist den milden Stiftungen und der Kirche zu. In der Blüthezeit eines Volkes ist der Staat hinlänglich erstarkt, Beides aus der Hand der Kirche zu nehmen, die meist nur ihr dienende Zwecke verfolgt. Die gleichzeitige Blüthe der schönsten Bürgertugenden zeigt sich auch darin, daß jetzt der Einzelne am bereitesten ist, zur Abhülfe der Noth darbenber Mitmenschen und zur Förderung des Gemeinwohles Opfer an die Allgemeinheit zu bringen.

Die rohe Massenverschwendung, der kolossale Prunk weicht einem unendlich einfacheren Aufwande. Selbst an den Höfen wird das Leben weit einfacher und doch weit fürstlicher, als in früheren Zeiten. Das sittliche Leben gewinnt immer festeren Boden in der Allgemeinheit, und an die Stelle nutzloser Luxusverbote traten Vereine zu demselben Ziele. Die englische Regierung machte vor Jahrzehnten ungeheuere Anstrengungen gegen das Laster des Branntweintrinkens. Die Folgen waren einfach die, daß die Steuern und Zölle sich minderten und der Schmuggel aufwucherte, während das Uebel das alte blieb. Da traten später Mäßigkeitsvereine auf, die Trunksucht minderte sich bedeutend, mit ihr der Schmuggel, die Zolleinnahmen zeigten allerdings einen großen Ausfall, der jedoch schon im nächsten Jahre durch den Mehrertrag der Einfuhrabgabe auf Colonialwaaren bis zur Hälfte aufgehoben wurde. Der Consum hatte sich also vom Branntwein auf die Colonialwaaren übertragen. Es ist dies eine allgemeine, nicht unwichtige Erscheinung. Auch Liebig macht die Bemerkung, daß man die Cultur eines Volkes an dem Verbrauchsquantum der Colonialwaaren ersehen könne. Es mag deshalb hier eine Consumtionsübersicht aus einem früheren Jahre über Colonialwaarenverbrauch in Deutschland folgen.

Oestereich verbrauchte jährlich für 2,410,000 Thlr. Kaffee, nach Verhältniß seiner Einwohnerzahl per Kopf 2 Silbergroschen, ferner für 6,207,000 Thlr. Zucker. per Kopf für 5 1/6 Silbergroschen; endlich für 327,000 Thlr. Gewürze. per Kopf für 2 2/3 Silbergroschen.
Der Zollverein für 13,241,000 Thlr. Kaffee, per Kopf 141/9 Silbergroschen; für 12,173,000 Thlr. Zucker, per Kopf 131/2 Silbergroschen; für 1,051,000 Thlr. Gewürze, per Kopf 105/7 Silbergroschen.
Der Steuerverein für 2,000,000 Thlr. Kaffee, per Kopf 30 Silbergroschen; für 2,300,000 Thlr. Zucker, per Kopf 34½ Silbergroschen; für 2,600,000 Thlr. Gewürze, per Kopf 36 Silbergroschen.
Das Verhältniß dieser drei Staatsverbände ist also beim Kaffee wie 1 : 7 : 15, beim Zucker 3 : 8 : 20; beim Gewürz 2 : 8 : 27.

Ein edler Luxus unserer Zeit sind die Pferde. Ich spreche hier nicht von Luxuspferden im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern von Arbeitspferden. Fast der sämmtliche Ackerbau wird in Deutschland mit Ausnahme der sandigen Strecken des nordöstlichen Sachsens und Preußens mit Pferden betrieben, im Mittelalter dagegen fast durchgängig mit Ochsen. Nach altdeutscher Mythologie fuhren die Götter mit Stieren und noch die Merovingischen Könige bespannten ihre Staatscarossen mit solchen. Auf den Domänen Karls des Großen gab es sehr wenig Pferde. – Viele Küchengewächse und Früchte sind ebenfalls noch nicht allzulange verbreitet. Die Engländer haben erst nach dem Jahre 1660 Artischocken, Spargel, Bohnen und Salat kennen gelernt; die mittleren Classen in Frankreich erst seit dem Anfange des vorigen Jahrhunderts die feineren Obstsorten. – Ein schöner Luxus ist seit 1804 die Beleuchtung durch Gas. Der Luxus in Seidenroben hängt vom Wohlstande und der industriellen Stufe eines Landes ab. England verbraucht allein über halb so viel Seide, als das ganze übrige Europa, ein Engländer fünf bis sechs Mal mehr, als ein Franzose. Ein glänzendes Zeugniß der späteren römischen Kaiserzeit ist es, daß Seidenzeuge auch bei den unteren Ständen Bedürfniß waren, obwohl sie zu Lande aus China geholt werden mußten.

In dieser Periode, der Blüthezeit eines Volkes, sind die Güter noch gleicher vertheilt, der Luxus ist noch ein Gemeingut, ist für das äußere Volksleben eine reiche Quelle der Behaglichkeit, für das innere versittlichend und hebend, er wird der stärkste Hebel der Gewerbekünste und des Handels, Millionen danken ihm ihr ausreichendes Brod, Alle ihm die Verschönerung und tausendfache Freuden des Daseins und gerade die niederen Stände ihren verhältnißmäßigen Antheil an den Genüssen des Geistes auf dem Gebiete der Wissenschaften und Künste. Begrüßen wir ihn deshalb freudig!




Auf dem englischen Transportschiff.
Skizzirt von Capitain v. Tr.

In einer Zeit, wo abermals ein großer Theil der englischen Armee schwimmt, um auf einem überseeischen Kriegsschauplatze seine Thätigkeit zu entfalten, dürfte es nicht uninteressant sein, einen Blick auf das Leben am Bord eines Transportdampfers zu werfen, das wir aus eigner Anschauung kennen und zu skizziren versuchen wollen.

Es gilt immer als ein sicheres Zeichen, daß ein Regiment für den überseeischen Dienst bestimmt ist, wenn der Generaladjutant Ihrer Majestät, Generallieutenant Witherall, in der Garnison eines solchen anlangt und für den anderen Morgen eine Specialrevue anordnet, um sich von dem Zustande desselben auf das Genaueste zu überzeugen. Nicht nur, daß Unterofficiere und Soldaten äußerlich von ihm besichtigt werden, nein, auch jeder Tornister wird vor seinen Augen ausgepackt und Nichts entgeht seinem scharfen Blicke. Jeden Mann befragt er, ob er alle seine Gebührnisse richtig empfangen, ob er eine Bitte oder Beschwerde anzubringen habe, die sofort von einem ihm folgenden Adjutanten aufgezeichnet wird, um ihre Erledigung so rasch als mögllch zu finden. Ist diese Revue beendet, so visitirt er alle Vorräthe des Regiments und sieht die Bücher desselben durch. Dann erstattet er seinen Rapport an die Königin und die Horseguards (Kriegsministerium) und das Regiment kann sich versichert halten, daß wenige Tage darauf der Befehl kommt, sich als „für den auswärtigen Dienst commandirt“ (on abroad) zu betrachten. Nun entfaltet sich im Lager oder in der Caserne, wo es steht, eine Thätigkeit, eine Rührigkeit, nicht unähnlich der eines gestörten Ameisenhaufens, – Alles rennt durcheinander, um sich so gut als möglich zur bevorstehenden Reise auszurüsten, das Exerciren hört ganz auf, die Feldwebel schreiben sich fast die Finger krumm, denn ein Befehl jagt den anderen, die Kammerunterofficiere verpacken die Vorräthe, die ihnen anvertraut sind, die Capitains müssen ihren Namen drei Mal so oft unterzeichnen, als gewöhnlich. Da müssen Requisitionen angefertigt werden, über Tabak, den die Compagnie für die Reise fassen will, wie viel Marineseife sie bedarf, wie viel weißen Thee und Glanzwichse, wie viel Nähzeuge, Essgeschirre, Leinwandkittel etc. etc. Der Zahlmeister des Regimentes rechnet mit den Capitains ab und zahlt ihnen einen der Größe der Relse verhältnißmäßigen Vorschuß aus, [461] – nach Indien einen dreimonatlichen Gehalt –; von ihm werden die sogenannten sea necessaries bestritten und an den Quartiermeister bezahlt, der sie zu liefern hat; der Ueberschuß wird dem Zahlmeister gegen Quittung zurückgegeben, wenn der Capitain nicht ausnahmsweise verheirathete Soldaten vollständig auszahlt, damit diese für ihre Familien etwas sorgen könenn, natürlich auf sein Risico, denn stirbt der Mann vor Ablauf jener drei Monate, so muß ersterer das zu viel ausgezahlte Geld dem Staate ersetzen. Unter allen möglichen Vorwänden suchen die Soldaten einen Vorschuß an Geld vom Capitain zu erlangen, Geld, das gewiß nur zum Ankaufe von Gin und Rum verwendet wird.

Portsmouth, als Kriegshafen ersten Ranges, ist in der Regel der Ort, von wo aus die Einschiffung nach dem Mittelmeere oder Indien erfolgt. Kommt das Regiment in den Dockyards an, so marschirt es in Colonne mit Compagniefront auf und zwar dicht an der Schiffsbrücke, denn da liegt das Schiff, das es aufnehmen, in seinen Räumen bergen und nach fremden Ländern bringen soll, wie ein riesiger Koloß, noch durch eine transportable hölzerne Brücke mit dem Lande verbunden. – Auch das Schiff ward vorher vom Hafenadmiral auf das Genaueste revidirt, es ist vollständig verproviantiert, lebende, fette Hammel, für den Officiertisch bestimmt, stehen in einem Stalle am Vordertheil, eben so eine Kuh, um täglich frische Milch zu haben, während eine Menge Hühner, Enten und Gänse in einem niedrigen Stalle am Quarterdeck jedenfalls ihre letzte Reise machen werden. Ein Adjutant des Admirals geht in Begleitung sämmtlicher Hauptleute auf das Schiff und weist jedem den Raum für seine Compagnie an. Wohl schüttelt Mancher, der noch nicht zur See war, das Haupt, wohl hält er den Raum für viel zu klein, eng und finster, er macht den Adjutanten darauf aufmerksam und erhält höchstens ein it is ordered, Sir (es ist befohlen) zur Antwort. Sind alle Räume angewiesen, so kehren die Officiere an das Land zurück und die Compagnie, welche in den untersten Raum zu liegen kommt, marschirt zuerst ab, und die andern folgen, so daß in längstens einer halben Stunde das ganze Regiment an Bord ist. – Die Gewehre werden an den Wänden in Reihen so festgestellt, daß sie selbst bei rauhem Wetter nicht umfallen, dann wird die Compagnie in so viele Cameradschaften getheilt, als sie Tische erhält, jeder solchen Cameradschaft ihr Platz angewiesen, ihr Eß- und Trinkgeschirr übergeben, die Tornister unter den Tisch gelegt, Czacko’s an die Bajonnets gehängt und jeder Mann bekommt seine Hängematte. In einer Stunde kann dies Alles geschehnsein, doch gehört diese gewiß nicht zu den angenehmsten im Leben, namentlich wenn, wie es uns im Jahre 1855 geschah, der Raum für die Compagnie unter dem Wasserspiegel liegt, Luft nur durch die Treppenluke, Licht nur von zwei düster brennenden Laternen erhält, wenn derselbe, ohnedies eng und klein, durch die aufgeschlungenen Hängematten so niedrig ist, daß man den Czako abnehmen muß, wenn man endlich in ihm sich hundert Soldaten denkt, die ihre Waffen, ihr Gepäck ablegen und unwillkürlich einer dem anderen im Wege stehen. Da noch zu befehlen, das ist nicht leicht, und wir waren froh, als wir auf das Deck gehen konnten, um frische Luft zu schöpfen.

Mittlerweile ist das Gepäck des Regimentes angekommen und auf das Deck geschafft worden, um, mit Ausnahme der Officiersequipagen, in den Raum verstaut zu werden. Die Pferde der berittenen Officiere werden den Matrosen übergeben, welche sie in Kästen führen, deren vordere Seite mit der daran befindlichen Krippe nur bis zur Höhe der Brust reicht. Die Kästen sind so lang, daß die Pferde in ihnen stehen, doch so schmal, daß sie sich nicht legen können, und um sie vor dem Niederfallen zu bewahren, werden ihnen zwei Gurte unter dem Bauche durchgezogen und an den Wänden des Standes befestigt, so daß sie in diesen ruhen können. Dann wird der Kasten mit dem Pferde mittelst eines an der großen Raa befestigten Krahnes an Bord gehißt und am vorderen Ende des Gangweges niedergestellt und festgebunden. – Sind alle Pferde, ist alles Gepäck an Bord, so hißt der Capitain den sogenannten blue Peter, blauen Peter, eine blaue Flagge mit weißem Quadrat in der Mitte, an dem Hauptmaste auf, dadurch meldend, daß er zum Auslaufen bereit sei, – der Lootse kommt an Bord und nimmt seinen Platz auf dem Stege nahe am Hauptmaste ein, der von einem Räderkasten zum andern führt, um von da aus seine Befehle zu ertheilen. Die Ordre, „die Anker zu lichten und auszulaufen“, überbringt ein Adjutant des Hafen-Admirals; dies geschieht, und langsam und vorsichtig unter den Befehlen des Piloten dampft das Schiff den schwierigen Hafen hinaus, um auf der Rhede von Spithead abermals die Anker fallen zu lassen, und dann hier bis den folgenden Morgen liegen zu bleiben.

Es geschieht dies, um Alles in Ordnung zu bringen, den Officieren werden ihre Cabinen angewiesen. die Mannschaft wird in drei Wachen getheilt, die alle vier Stunden wechseln und deren mindestens immer eine auf Deck sein muß, der Dienst wird commandirt und der Capitain und drei Subalternofficiere wechseln mit demselben alle vierundzwanzig Stunden, sie haben die Ausführung gegebener Befehle zu überwachen, so wie das Kochen und Verteilen der Rationen an die Compagnieen zu beaufsichtigen. Die nöthigen Schildwachen werden ausgestellt, kurz der Dienst so vorbereitet, wie er auf See dann ausgeführt werden muß.

Eine Hauptschwierigkeit liegt in der Verpflegung der Mannschafen, da die Küchen sehr beschränkt sind. – gegen einen Abzug von täglich 6 Pence (5 Neugroschen) empfängt der Soldat früh 1 tin pot – ungefähr eine halbe Kanne haltend – Thee mit braunem Zucker, Mittags 1 Pfund gepökeltes Schweine- oder Rindfleisch mit einer halben Kanne Erbsen oder Reis, um 6 Uhr abermals eine halbe Kanne Thee und um 7 Uhr ¼ Kanne Grog, d. h. Rum mit zwei Theilen kalten Wassers vermischt. Zwieback wird in Ueberfluß geliefert, mit Trinkwasser muß dagegen sparsam umgegangen werden.

Ganz anders und beinahe luxuriös ist die Verquartierung und Verpflegung der Officiere. Gewöhnlich bewohnen drei bis vier derselben eine Cabine zur Seite des Salons; die Betten sind schmal, aber sehr rein und gut, freilich zwei Reihen übereinander. – Der Salon ist ihnen ausschließlich zur Benutzung übergeben, eben so das Quarterdeck. Der Salon selbst ist höchst elegant möblirt, Polstermöbel von Magagoni mit rothem Damast überzogen, große Spiegel in Goldrahmen, elegante Teppiche auf dem Fußboden, Alles ist schön und comfortabel.

Früh 6 Uhr bringt der Steward jedem Officier eine Tasse schwarzen Kaffee an das Bett, gegen 7 Uhr stehen sie auf, machen Morgentoilette und gehen in den Salon oder auf das Verdeck bis 9 Uhr, wo die Glocke zum ersten Male Frühstück ruft. Dies ist echt englisch, es besteht aus Kaffee, Thee, Milch, Toast, frischem Weißbrod, Butter, Fischen, Eiern, gekochtem Schinken, Kartoffeln, Reis und kaltem Braten. Dann beginnt der Dienst, bis gegen 12 Uhr dauernd, die Leute müssen ihre Hängematten rollen und in die Sinkmatten legen, alle Räume werden inspicirt, kein Fleckchen auf Tisch oder Diele darf zu sehen sein, Alles muß gescheuert sein, eine Maßregel, die nicht wenig zur Erhaltung der Gesundheit der Mannschaften beiträgt.

Um 12 Uhr haben die Mannschaften ihr Mittagessen, die Officiere ihr zweites Frühstück, luncheon, dessen Hauptbestandtheite Butter, Weißbrod, Zwieback, Käse, Anchovis oder Sardinen bilden; Porter, Ale, Sherry Rum, Whisky und Brandy stehen auf der Tafel und Jeder kann davon nach Belieben zulangen.

Das Diner findet um 4 Uhr statt; zu dieser Stunde wird verlangt, daß jeder Officier in dem Anzuge ist, wie ihn das Reglement für die Messe (den gemeinschaftlichen Mittagstisch der Officiere) vorschreibt. Das Diner beginnt mit einer Suppe, die, in der Regel sehr stark gepfeffert, Appetit erregen soll. Sind die Teller gewechselt, so erscheinen sämmtliche Stewards, jeder eine mit einem plattierten metallenen Deckel bedeckte Schüssel tragend, und setzen diese nach Anordnung des Oberstewards auf den Tisch; sobald er nun den Deckel von der ersten Schüssel erhebt, thun sie dies gleichzeitig mit allen anderen, riesige Rinderbraten, Hammelkeulen, Gänse, Enten, Hühner und Pökelfleisch reizen den Gaumen. Jeder Officier, vor dem ein solcher Braten steht, ist verflichtet, zu tranchieren und vorzulegen, ein nicht immer leichtes Geschäft, – jeder der Gesellschaft schickt seinen Teller durch den Aufwärter dahin, von wo er etwas zu haben wünscht, und jeder hat vollständig Zeit, von allen Gerichten zu essen, wenn es sein Magen sonst erlaubt. Reis, Rüben und Kartoffeln sind die Gemüse, Salat haben wir nie gehabt, – der Wein und Sherry steht in geschliffenen Flaschen auf der Tafel, Bier wird nur auf Verlangen gläserweise verabreicht. Will ein Officier die Gesundheit des andern trinken, so schickt er, nachdem er sich sein Glas vollgeschenkt, den Aufwärter zu dem Betreffenden mit der Bitte, ihm die Ehre zu erweisen, ein Glas Wein mit ihm zu trinken, nun schenkt sich dieser auch ein, beide nehmen die Gläser in die Hand, verneigen sich gegenseitig und leeren sie dann.

Wenn Niemand mehr Braten ißt, räumen die Kellner Schüsseln, [462] Teller, Messer und Gabeln ab, legen frische auf, und erscheinen abermals in Procession, genau die oben beschriebene Ceremonie wiederholend. Diesmal sind es Mehlspeisen, Puddings, Confituren aller Art, welche sie bringen. Ist diesen gehörig zugesprochen worden, so räumen sie wieder ab, und bringen das Dessert, aus Käsen und Früchten, Mandeln, Nüssen etc. bestehend. Alsdann erhebt sich der Capitain des Schiffes, der obenan sitzt, nimmt sein Glas und bringt die Gesundheit der Königin aus. — „Gentlemen, the queen!“ ruft er, „the queen!“ antworten die Officiere im Chor, erheben sich und leeren ihre Gläser auf das Wohl Ihrer Majestät.

Nunmehr wird Alles, selbst das Tischtuch, entfernt, neue Gläser aufgesetzt, und die Flasche geht nach altbritischer Sitte Reihe um; in der Regel ist es Portwein oder Claret, der nun getrunken wird. — Jetzt kann Jeder nach Gefallen die Tafel verlassen, um auf das Deck zu gehen und zu rauchen, oder der Regimentsmusik zuzuhören, welche dort bis sechs Uhr spielen muß. Da sitzen die Officiere auf dem Bollwerk oder am Steuer, Andere wandeln auf und ab, noch Andere blicken nach fernen Schiffen, und theilen sich ihre Vermuthungen über dieselben mit, kurz, unterhalten sich, so gut sie können. Um sechs Uhr ruft die Glocke zum Thee oder Kaffee, der mit Zwieback und Weißbrod nebst Zucker, Milch und Butter im Salon aufgetragen wird, und um neun Uhr endlich das letzte Mal zum „Grog“, diesem beliebten Seemannsgetränk. In Krystallflaschen stehen Rum, Arac, Whisky, Genever und Brandy nebst heißem Wasser und Zucker auf der Tafel, jeder der Herren mischt sich seinen Grog selbst, und trinkt so viel er mag, bis zehn Uhr — da wird der Tisch abgeräumt, die Lichter werden ausgelöscht, und wer nicht im Dienste ist, sucht sein Lager. Für diese gewiß splendide Verpflegung zahlt der Officier täglich 3 Shilling 6 Pence, ungefähr 1 Thlr. 5 Sgr., die Königin legt 11 Shillinge (3 Thlr. 20 Sgr.) für Jeden zu; für beinahe 5 Thlr. täglich kann man selbst auf See etwas Vergnügliches verlangen.

Etwas anders gestaltet sich die Sache bei schlechtem Wetter. Schon wenn man sich früh erhebt, muß man sich ängstlich festhalten, um nicht zu fallen; es ist ein beinahe schwieriges Manöver, sich in der engen Cabine anzukleiden, ohne sich braun und blau zu schlagen; man balancirt in den Salon, hält sich an die Stangen, welche zu dem Zwecke an den Wänden befestigt sind, und erklettert mühsam das Quarterdeck. Die Schildwachen an den Treppen halten sich mit einer Hand am Takelwerk fest, und vergessen es, die Ehrenerweisung zu machen, sie sehen blaß aus und müssen öfters abgelöst werden, denn auch sie erliegen jenem Ungeheuer, „Seekrankheit“ genannt. Kopfschmerzen und Schwindel erfassen uns, doch wir wollen uns dies nicht anmerken lasten, versuchen hin und her zu gehen, lehnen uns über das Bollwerk, und befinden uns unsäglich elend. Die Wellen schlagen donnernd gegen die Wände des Schiffes, ja über dieselben, das Schiff wankt und schwankt, sinkt und hebt sich, und das Alles müssen wir ertragen, wir, denen es wahrhaftig recht übel ist. Es schlägt neun Uhr, die Frühstücksglocke läutet, wir gehen vorsichtig hinab in den Salon, – über das blendend weiße Tischtuch liegen Rahmen von braunem Holze, die festgeschraubt das Herabfallen von Tellern, Tassen und Schüsseln wehren sollen. Viele Herren erscheinen gar nicht zum Frühstück, andere setzen sich hin um beim Anblick von fetten Speisen sofort den Tisch verlassen zu müssen, nur Wenige vermögen es, mit Appetit zu essen. Je länger, desto schlimmer wird es; überall nur bleiche Gesichter, man könnte das Schiff als Heimath des „Katzenjammers“ bezeichnen. Nur die Seegewohnten, die „Meerwölfe“, der Schiffscapitain, seine Officiere und Matrosen sind vom allgemeinen. Leiden nicht ergriffen, und blicken uns ironisch lächelnd an, uns, die wir doch alle Kräfte aufbieten, nicht krank zu erscheinen

Da ruft uns der Dienst hinab in die Räume der Compagnie. Die Hängematten sind noch nicht aufgerollt, der Boden, die Tische sind noch nicht gereinigt, und mancher Soldat bietet einen so erbärmlichen Anblick, daß dies die festesten Nerven erschüttert, – dieser Anblick, verbunden mit der schwülen, dunstigen Luft, welche wir athmen, überwindet uns – dazu die Hitze – – halb krank stiegen wir hinab, blaß und ganz krank kehren wir zurück, suchen unser Lager, schließen die Augen, und danken es dem Steward nicht eben mit freundlichen Worten, wenn er kommt, uns zu erinnern, daß es Tischzeit sei, oder zu fragen, ob wir etwas zu genießen wünschen. Wohl denen, deren Nerven dem Uebel zu widerstehen vermögen, aber auch sie leiden unter der allgemeinen Calamität, denn sie müssen den Dienst für ihre erkrankten Cameraden übernehmen. – Vorzüglich ist es die Bucht von Biscaya mit ihrer ewigen Unruhe und ihren Stürmen, wo die Krankheit ihren Anfang nimmt, und Manchen nicht eher verläßt, bis er an das Land kommt.

Doch mit dem Wetter bessert sich auch im Allgemeinen der Gesundheitszustand, die Gesichter nehmen eine blühendere Farbe an, der Appetit findet sich wieder, und manchem Soldaten erscheint sein Revier zu klein; – bald erfüllen ihre fröhlichen Lieder die Luft, Scherze und Neckereien aller Art treiben sie unter sich, und die Officiere haben zu wehren, damit sie in den Schranken der Heiterkeit bleiben, und nicht Dinge unternehmen, die gefahrbringend sein könnten. Erlaubt es das Wetter irgend, so schlafen sie auf dem Verdeck, anstatt in ihre Räume herabzugehen und sich in die Hängematten zu legen. Das Scheuern und Waschen beginnt auf’s Neue, die weiße Farbe der Dielen würde manche Hausfrau kaum so schön herstellen können. Und wenn es heißt: „Land!“ wenn man den Hafen erreicht, dann sieht das Schiff, wenn es sonst kein Unglück gehabt hat, netter und reiner aus, als am Tage, wo sich die Truppen einschifften




Ein thüringischer Wunderdoctor des vorigen Jahrhunderts.

Es ist eine ausgemachte Thatsache, daß Aber- und Wunderglaube in den Köpfen der Gebirgsbewohner fester sitzen, als in denen der Leute im flachen Lande. Halten sich doch dicke Nebel auch am längsten in den tiefen Waldgründen der Gebirge auf. Sonst schien es, als sollten Wahrsager, Zauberer, Wunderdoctoren, noch mehr aber die Individuen weiblichen Geschlechts, welche in derlei gesuchten Artikeln machten, in den schönen deutschen Bergländern gar nicht aussterben; die Popularisirung der Wissenschaften und das dadurch bewirkte Eindringen von richtigen Kenntnissen und vernünftigem Denken in die untersten Schichten der Bevölkerung scheinen doch endlich dem uralten, wunderlichen Götzendienst den Garaus machen zu wollen. Die meisten Dictate des Aberglaubens sind inzwischen Ueberreste eines altdeutschen Heidenthums, das aus einer kindlichen, d. h. poetisch schönen, aber befangenen Anschauung der Natur hervorgegangen war. Im südlichen Thüringen und an den Rändern des Thüringerwaldes lassen sich die Spuren des polytheistischen Cultus noch ganz genau nachweisen, deshalb war aber auch die geistige Lebensluft der Bewohner dieses schönen Gebirges Aberglaube, und deshalb ist auch fast kein anderes deutsches Gebirge so überschwänglich reich an poetischen Volkssagen; sie sind ja Kinder des Wunderglaubens.

Unter den mancherlei Volkstypen, welche der dem menschlichen Bedürfniß zu Hülfe kommende Aberglaube schuf, nehmen die Wunderdoctoren oder Naturärzte beiderlei Geschlechts die erste Stelle ein; denn das ist merkwürdig, daß auf diesem nebelreichen Feld der menschlichen Wirksamkeit immer auch Frauen sich hervorthun und sich gar nicht selten in größern Ruf zu bringen wissen, als die Männer. Auch das muß ein geheimnißvoller Zug unseres Volksthums sein, da uns Tacitus schon Frauen als berühmte Wahrsagerinnen, Priesterinnen und Arztinnen vorführt.

Unsere etwas genaueren Kenntnisse der Verhältnisse des Thüringerwaldes reichten kaum über das 17. Jahrhundert zurück. Da werden aber auch schon Wunderdoctoren erwähnt und im vorigen Jahrhundert gibt es dergleichen in allen Gegenden des Gebirges. Ihr Ruf hat sich zumeist im Munde des Volkes erhalten. Einer der berühmtesten war Johannes Hornschuh, „Vörwerts-Häns“ genannt, in Thal bei Eisenach. Berühmter noch war sein Vorgänger in dieser Gegend und gewissermaßen sein Lehrer, Johannes Dicel in Seebach (kaum 1/2 Stunde von Thal), und gerade über diesen in vieler Hinsicht merkwürdigen Mann haben sich ausführliche schriftliche Aufzeichnungen erhalten und der Volksmund hilft ergänzend nach, so daß wir eine ziemlich genaue ausführliche Anschauung von seiner Persönlichkeit seinen Charakter und seiner naturärztlichen Wirksamkeit erhalten.

Die Zustände und Persönlichkeiten der Art, wie sie im vorigen Jahrhundert existirten, schon jetzt zu den Unmöglichkeiten gehören, weil wissenschaftliche Aufklärung und Polizei ihnen die Lebensader unterbinden, so ist es von allgemeinem Interesse, sie in getreuen Federzeichnungen aufzubewahren. Der Mann, dem wir diese [463] kleine Darstellung widmen, verdient es schon, daß ihn nicht allein die Nachwelt seines Geburtsortes kenne und nenne.

In einer der flachen Thalmulden, welche die Vorberge des nordwestlichen Thüringerwaldes in westlicher und nordwestlicher Richtung nach dem Hörselthale hin bilden, liegen die einzelnen, von Gärten und Feldern umgebenen, meist kleinen und unansehnlichen Häuser des langhingestreckten Dorfes Seebach. Zum Großherzogthume Sachsen-Weimar-Eisenach gehörig, grenzt seine Flur meist an das Herzogthum Gotha. Der berühmte Hörselberg, der jetzt auf allen Theatern spielt, ist nur eine kleine Stunde nördlich davon entfernt. Ruhla liegt kaum so weit westlich. Von der Anhaltestelle Wutha an der thüringischen Eisenbahn zwischen Eisenach und Gotha geht ein rüstiger Fußgänger in einer Stunde über das Dorf Farnrode mit seinem schmucken Schlosse und über den Hof Hucherode nach Seebach, ein grüner, angenehmer Weg, welcher das in geringer Entfernung aufsteigende Gebirge zur Rechten läßt. Die paar hundert Bewohner dieser bescheidenen Hütten treiben Ackerbau, Viehzucht und etwas Obstbau; auch nähren sich manche von Fabrikarbeiten für die Ruhlaer Kaufleute.

Westlich begrenzt der malerisch geformte, mit Buchenwald bepflanzte, in botanischer Hinsicht merkwürdige Wartberg, im Volksmunde „Markberg“ genannt, die Thalfläche.

Die in den benachbarten Thälern in geringer Entfernung von einander liegenden Dörfer Eichrodt, Farnrode und Seebach, der Weiler Wutha und der Hof Hucherode bildeten sonst die burggräflich Kirchberg’sche Herrschaft Farnrode unter der Lehnshoheit der Herzöge von Eisenach. Die Burggrafen von Kirchberg, ein uraltes thüringisches Adelsgeschlecht, dessen verfallenes Stammschloß bei Jena unter dem Namen des „Fuchsthurmes“ bekannt ist, hatten die Herrschaft Farnrode 1461 käuflich an sich gebracht und wohnten fast dritthalb Jahrhunderte dort. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts erbten sie die Hälfte der großen und reichen Grafschaft Sayn am Fuße des Westerwaldes im Fürstenthume Nassau-Weilburg und wohnten in der Hauptstadt derselben, Hachenburg. In Farnrode hatten sie nur noch ihre Kanzlei, ihre Rentkammer und ihr Unterconsistorium, welche die kleine Herrschaft in weltlicher und geistlicher Beziehung regierten.

Aus solchen Miniaturregierungen lassen sich viele Erscheinungen im deutschen Volksleben erklären, welche außerdem unverständlich sein würden. Wenn man das Heute und das Gestern in Deutschland genau kennen und verstehen lernen will, muß man durchaus diese eigenthümliche Zersplitterung der Herrschaft im vorigen Jahrhundert schärfer in’s Auge fassen, als gewöhnlich geschieht. Wer es auf einem Sommerausfluge in den an Natturreizen so reichen und deshalb in der neueren Zeit so stark besuchten nordwestlichen Thüringerwald der Mühe werth hält, einen Abstecher nach Seebach zu machen, der wird dann wohl auf den in der Mitte des flachen Thales am „Glockenhügel“ sich sanft emporziehenden Gottesacker und an die schmucke Kirche mit dem hübschen Thurme treten, und da werden seine Augen auf eine zur Rechten der Kirchthüre eingemauerte Votivtafel von Sandstein fallen, welche folgende Inschrift trägt: „Herren Johannes Dicel, ihrem vormaligen treugesinnten Mitnachbar und unvergeßlichen Wohlthäter, dem edlen Begründer aller hier bestehenden frommen Stiftungen für Kirche, Pfarrei und Schule, dem Erbauer dieses Gotteshauses, als Denkmal unvergänglicher Dankbarkeit geweiht am ersten hundertjährigen Stiftungstage dieser Kirche, den 28. Juni 1836 von der Gemeinde Seebach.“

An der steinernen Kirche hängt die Sacristei als kleiner hölzerner Anbau, worin mehrere werthlose christliche Schildereien zu sehen sind, darunter ein Bild von Bedeutung für den hier besprochenen Mann der es der Sage nach selbst gemalt hat. Es stellt eine Apotheke vor, und der Apotheker ist Christus, dem ein hilfsbedürftiger Käufer gegenüber am Ladentische sitzt. Die Wage zeigt uns in der einen Schale ein Crucifix als Gewicht, in der ändern wird „Absolution“ auf einem Zettel abgewogen, und ein kleiner Sündenbock hat sich unten an die Wagschale geklammert. Die Kasten, Schachteln, Büchsen und Flaschen tragen mystisch-religiöse Inschriften, wie „Geduld, Demuth, Gottesfurcht, Glaube, Liebe, Hoffnung, Friede, schweigsam, bescheiden, holdselig, keusch, gerecht, nüchtern, mäßig, dankbar, aufrichtig, sanftmüthig, mitleidig, freigebig“ etc. Außerdem ist das Bild noch mit passenden Bibelversen geschmückt. Wenn man sich erinnert, daß zu jener Zeit die Gegenden der Wetterau und Nassau der Sitz des tollsten Mysticismus und der Neuinspirirten waren (Berleburg, Büdingen, Nienburg etc.), wo der Sattler Rock seine Rolle spielte, so leitet diese gemalte Apotheke auf die richtige Vermuthung, daß durch die burggräfliche Familie, die von den mystischen Einflüssen in Hachenburg nicht unberührt blieb, ein geistiger Strom in diese einsamen Thäler am westlichen Fuße der Thürmgerwaldberge geleitet wurde und dem frommen Naturarzte zu gutem Gedeihen verhalf.

Im neuerbauten Pfarrhause so wie in der Kirche findet man gar nicht Übel gemalte Oelbilder von Dicel und seiner zweiten Frau, der Angabe nach von ihm selbst gemalt. Auch noch andere religionsgeschichtliche Oelbilder im Pfarrhause sollen von seinem Pinsel herrühren. Auf Verlangen des Besuchers wird der freundliche Pfarrer einige Actenvolumina und andere Schriftstücke aus dem Kirchenarchiv vorlegen, welche Dicel betreffen. In einem derselben erzählen des „hochgebornen Grafen und Herrn[WS 2] Georg Friedrich Burggrafen von Kirchberg, Grafen zu Sayn und Wittgenstein, Herrn zu Farnrode etc. gnädigst verordnete Räthe und Befehlshabern“ die Lebensgeschichte Johannes Dicels und stellen die von demselben gemachten Stiftungen und Legate zusammen, um zu erkennen zu geben, „daß der liebe Gott den Medicum Herrn Doctor Dicel in dem Burggräflich Kirchbergischen Dorfe Seebach zu einem ganz besonderen Werkzeuge seiner Ehre und Verherrlichung seines Namens ausersehen und nach seiner Weisheit ihn ganz wunderbarer Weise mit denen hierzu erforderlichen Eigenschaften ausgerüstet habe.“

Aus diesem Documente, aus den übrigen Schriftstücken, aus dem Kirchenbuche und dem Volksmunde, in welchem ein Mann wie Dicel natürlich noch ziemlich frisch, aber freilich auch schon mit der Glorie der Volkssage geschmückt lebt, ist die folgende kurze Darstellung seines Lebens und Wirkens genommen.

Johannes Dicel, 1676 zu Seebach als der siebente Sohn eines sehr armen, ehrlichen Leinwebers und Tagelöhners geboren, besuchte bis in’s 13. Lebensjahr die Dorfschule und arbeitete bis zum 18. als Leinweber, Drescher, Holzhauer, ging aber dann mit seiner verwittweten Mutter „in den noch immer anhaltenden Kriegs- und theuren Zeiten“ betteln. „Kleinhans“ wurde in seinem 20. Jahre nach dem Tode der Mutter von seinem ältern Bruder „Junghans“, der das elterliche Haus übernommen, ausgewiesen, und zeigte „ohne Rath und That und also in einem höchst betrübten Zustand“ große Lust zur Malerei, zu deren Erlernung ihm die damals regierende Burggräfin von Kirchberg, Magdalene Christine, 60 Thaler schenkte. „Weilen aber vor dieses Geld sich Niemand fande, welcher Ihme darinnen (in der Malerkunst) etwas Tüchtiges zu lernen (lehren) getraute, so ergriff Er vor sich den Pinsel, gienge damit aus und tünchte vor sich im Sommer, im Winter aber halff er denen Leuten dreschen.“ Schon im 21. Jahre heirathete er eine zwölf Jahre ältere Magd, zeugte drei Kinder, und ernährte seine Familie als Tüncher, Maler und Drescher, ja er schaffte sich sogar ein Häuschen für 37 Gulden „Markwehr“.

Seebach hatte ein uralte kleine, baufällig gewordene Kirche, unter dem Wartberge weit ab im Walde gelegen, so daß ihr Besuch im Winter kaum möglich war. Verschiedene Versuch, sich ein neues Gotteshaus zu schaffen, waren der Gemeinde mißglückt. Nun nimmt der 22jährige Kleinhans die Sache in die Hand, und bettelt als „Kirchencollectante“ in Thüringen umher, aber er bringt nicht viel zusammen; auch gestattet ihm sein armer Haushalt nicht, lange auszubleiben, und so wird aus dem Kirchenbau wieder nichts.

Der Volksaberglaube schrieb den siebenten Söhnen eine wunderthätige Heilkraft der Kröpfe mittels Bestreichen und Händeauflegen zu. So wurden denn schon früh dem Kleinhans als gebornem sympathetischem Arzte eine Menge Kröpfiger zugeführt. Ferner wird erzählt, seine Mutter sei eine sogenannte Krämerfrau gewesen, welche für die Aerzte und Apotheker der benachbarten Städte an dem an officiellen Pflanzen reichen Wartberge Kräuter und Wurzeln gesammelt, wobei Ihr Kleinhans geholfen. Dann fiel ihm ein Arzneibuch in die Hand, welches einer seiner Brüder gekauft, um sich selbst vom Krebs zu heilen, und er studirte dasselbe fleißig. Endlich soll er einen jener geheimnißvollen Männer, welche in den Volkssagen und schriftlichen Überlieferungen des Thüringerwaldes und Fichtelgebirges als Venetianer oder „Walen“ auftreten[2], krank im Gebirge gefunden, in sein Haus aufgenommen und für Wartung und Pflege die Bereitung von seltnen Arzneien von demselben erfahren haben. Genug, in seinem 30. Jahre war Kleinhans bereits ein in der Umgegend beliebter „Wunderdoctor“, dessen Arzneien man eine ungemeine Heilkraft zuschrieb.

Der Zulauf, zu ihm machte Aufsehen; die recipirten gelehrten Aerzte in Eisenach und Ruhla legten sich gegen Dicel’s Medicasterei; [464] die herzogl. Regierung in Eisenach erließ auf ihr Anstiften ein Verbot derselben. Natürlich erhöhten diese Maßnahmen nur des schlichten Mannes Ruf. Die massenhaft zuströmenden, bei ihm Hülfe suchenden Menschen zwangen ihn gleichsam, ihnen Arzneien zu verabreichen. Kleinhans bestimmte aus Frömmigkeit, oder aus Klugheit, oder aus beiden zugleich, einen Theil seiner Einnahmen für den Kirchenbau. Nun sah ihm die burggräfliche Kanzlei zu Farnrode erst durch die Finger, dann schützte sie ihn sogar auf heimlichen Befehl der regierenden Burggräfin, Mutter des unmündigen Burggrafen Georg Friedrich, seiner Gönnerin, gegen die Strenge der herzogl. Regierung. Dicel kaufte gute medicinische Bücher, und „fing sogar einen großen Proceß zur Universal-Medicin zu laboriren an“. Die Universalmedicin, die Panacee, der Stein der Weisen! Das war das goldne Ziel aller Laboranten, Medicaster und Aerzte von Theophrastus Paracelsus an, und einstweilen der Nimbus, in welchem sie vor den Augen des Volkes das Haupt steckten. Dicel schlug die rechten Wege ein, um ein berühmter und reicher Mann zu werden. Im Jahre 1712 kaufte er einstweilen in die alte Kirche „zu mehrerer Andacht“ ein kleines Orgelwerk, und damit setzte er sich bei der burggräflichen Regierung den ersten großen Stein in’s Bret.

So sehr nun auch die recipirten Aerzte lärmten und sich beschwerten und es endlich sogar dahin brachten, daß eine militairische Execution von Eisenach nach Seebach geschickt wurde, um Dicel’s Arzneivorrath zu vernichten und „seine Gläser und Büchsen zu zerschlagen“, so hielt doch der burggräfliche Hofrath zu Farnrode die Hand so kräftig über ihm, daß von den Befehlen gegen ihn keiner ausgeführt wurde. Die Sache ist um deshalb so sehr interessant, weil sie einem recht vor Augen führt, wie im Duodezstaat Eisenach ein mikrokosmisches Stätchen Farnrode existirt, dessen burggräfliche Kanzlei allen Befehlen der herzoglichen Regierung spottet. Eben so spottet ja wiederum die herzogliche Regierung des Duodezstaates den Befehlen des Kaisers und des Reiches. Das war im vorigen Jahrhundert die süße staatliche Wirthschaft in Deutschland.

Von nun an stieg der Andrang zu Dicel von Jahr zu Jahr und seine Einnahmen mehrten sich natürlich in gleichem Verhältniß. Aus ganz Thüringen strömten hilfsbedürftige Menschen nach Seedach und der Name des „Seewicher Doctors“ wurde immer berühmter und erschallte sogar über die Grenzen Thüringens hinaus. Und Dicel war nicht nur etwa der Arzt des gemeinen Volkes; die vornehmen Classen suchten seine Hülfe nicht minder und fürstliche Carossen führten ihn an die thüringischen Höfe und Höfchen. Freilich war kein deutsches Land so mit fürstlichen Familien gesegnet, als Thüringen. Wie es im 16. Jahrhunderte unzählige Klöster hatte, so im 18. unzählige Fürstenresidenzen, und da nicht so viele Städte da waren, als fürstliche Häuser, so residirten viele in Dörfern. Diese höchsten und hohen Personen waren in Folge der verkehrten luxuriösen Lebensweise des vorigen Jahrhunderts alle krank, und da ihre Hof- und Leibärzte ihnen nicht helfen konnten, so nahmen sie ihre Zuflucht zu dem berühmten Wunderdoctor in Seebach. Den regierenden, d. h. wüst lebenden Herzog von Eisenach selbst stellte Dicel von einem schweren Gebreste her, nachdem der Fürst alle Arzneien seiner Aerzte vergeblich gebraucht hatte. Auf Betrieb seiner Cousine, der Burggräfin Magdalene Christine, veranlagte der Herzog Diceln, sich von der Medicinalbehörde in Eisenach examiniren zu lassen. „Bei welchem Examine man Ihn dergestalt befanden, daß sogleich das emanirte Verbot in Eisenach aufgehoben wurde, kraft dessen Niemand aus diesem Fürstenthume bei Ihm Arznei holen sollte.“ Dicel erhielt den Titel als „hochfürftlicher Medicus.“

Jetzt stieg die Menge seiner Patienten auf einen noch höhere Zahl; Hunderte strömten Tag für Tag zu Wagen, Roß und Fuß in das kleine Dorf und der „fromme“ Dicel wurde immer reicher. An die Stelle seines alten Häuschens baute er eine große, bequeme Wohnung mit Scheuer und Stallung, kaufte Aecker, Wiesen und Gärten, legte sich eine bedeutende Landwirthschaft zu und lebte auf gutem Fuß. Als in seinem 50. Jahre seine einzige Tochter ohne Leibeserben starb (seine beiden andern Kinder waren klein gestorben), so beschloß er, auf einen bedeutungsvollen Traum hin, all’ sein Hab’ und Gut an die neuzuerbauende Kirche zu wenden und auch die Schule nach Kräften auszustatten. Ueberhaupt träumte der merkwürdige Mann viel und bedeutungsvoll. An Wendepunkten seines Lebens und in kritischen Lagen kam ihm stets ein vielgestaltiger Traum, der ihm Fingerzeige für sein einzuschlagendes Verhalten gab und den er gut zu deuten wußte. Dem erwähnten Documente sind mehrere solcher wunderbaren Träume in Dicel’s eigener Erzählung und mit seiner Auslegung beigefügt. Sie lassen errathen, wie klug dieser Fromme war.

Um diese Zeit malte Dicel die oben besprochene Heilandsapotheke und hing sie in seiner eigenen Apotheke mit einer Sammelbüchse auf. Jeder bei ihm Hülfe Suchende erhielt die Aufforderung, ein Scherflein zum Kirchenbau in die Heilandsbüchse zu legen. Der Ruf seiner Gottseligkeit und daraus entspringenden Heilkraft stieg dadurch bis in’s Fabelhafte. Man opferte ihm, wie man sonst Heiligen geopfert hatte. Er war ein von Vornehm und Gering weit und breit hochgefeierter und fast abgöttisch verehrter Mann. Von seinen Wundercuren weiß die Sage nicht Erhebens genug zu machen. Vorzüglich kettet sie sich an die Heilandsapotheke, so daß es eine allgemeine und feststehende Annahme war, der Heiland komme Nachts selbst zu ihm, hülfe ihm die Arzneien bereiten und gebe ihm bei schwierigen Krankheitsfällen Aufschluß, ob der Patient und womit er zu retten, oder ob er dem Tode verfallen sei.

Im Jahre 1733 bat Dicel die herzogliche Regierung in Eisenach und die burggräfliche Kanzlei in Farnrode um die gnädigste Vergünstigung, den Kirchenbau in Seebach auf seine eigenen Kosten beginnen zu dürfen. Zum Bauplatz hatte er schon einige Jahr früher ein Grundstück erworben. Als der Bau die vorhandenen Gelder aufzehrte, collectirte Dicel in der Umgegend, forderte zur Füllung der Heilandbüchse auf, ging die Herrschaften um Beisteuern an und brachte durch unermüdlichen Eifer genug zusammen, um den Bau nicht stillstehen zu lassen. Auf dem Johannisfeste 1736 wurde die Kirche mit großen Feierlichkeiten eingeweiht und der Mann, der sie eingeweiht hatte, ließ sich (seine Frau war des Jahres vorher gestorben) mit seiner Dienstmagd, die ihm 25 Jahre treu gedient, als erstes Brautpaar in der neuen Kirche einsegnen. Nicht ohne Absicht war diese Doppelfeier auf das Johannisfest verlegt; der Medicus hieß ja Johannes, und er hatte nichts dagegen einzuwenden, als der hochgräfliche Hofprediger seiner Weihpredigt den Bibelvers als Thema zu Grunde gelegt hatte: „Es war ein Mann von Gott gesandt, der hieß Johannes,“ und der Eisenacher Generalsuperintendent ihn in seiner Rede als den „Seebacher Micha“ hinstellte.

Dicel trug nicht nur alle nicht unbeträchtlichen Kosten dieser Feier allein, sondern speiste auch 125 arme fremde Leute auf seine Kosten. Auf sein Nachsuchen wurde vom burggräflichen Unterconsistorium zu Farnrode zum Andenken an dieses Weihefest das Seebacher Kirchweihfest („die Kirmeß“), abweichend von allen Dorfkirmessen im Lande, welche im Herbst gefeiert werden, auf den Dienstag nach dem Johannistage festgesetzt. Die Speisung der Fremden wiederholte Dicel auch in den folgenden Jahren, und er sah es gern, wenn sich recht viele an seinen Tisch setzten, bis endlich ein herkömmlicher Gebrauch daraus wurde. Dies ist der Ursprung der sonst in jener Gegend so berühmten und vielbesuchten „Seebacher Doctorkirmeß“, später auch wohl „Pfarrkirmeß“ genannt, welche jährlich auf wenige Tage in das sonst so stille und einsame Dorf ein merkwürdig bunt bewegtes Leben und fröhliches Treiben brachte. Sie war ein echtes, charakteristisches, thüringisches Volksfest.

Nach Herstellung der Kirche ging Dicel’s Bestreben dahin, sie reich und schön auszustatten; er schmückte Kanzel, Altar und Taufstein, stellte geschnitzte Bilder darin auf, ließ die Orgel bauen und die Glocken gießen. Dann rastete er nicht, bis er durch Anlegung bedeutender Capitale auch eine Pfarrbesoldung beschafft. Und so hatte er die Freude, den ersten Pfarrer selbst in die Kirche führen, dem er sein eigenes Haus zur Amtswohnung bestimmte. Nach seinem Tode wurde es ausschließlich Pfarrhaus und das jetzige neue Pfarrgebäude steht auf der Stelle des alten.

Als der fromme Mann mit Kirche und Pfarre fertig war, wendete er seine Vorsorge der Schule zu.

Es war natürlich, daß Dicel mit der Zeit ein vornehmer Mann wurde, der mit Fürsten und Herren ziemlich vertrauten Verkehr hatte. Das geht aus Briefen hervor, die sich erhalten haben. Besonders schloß ihn der Herzog Ernst August von Weimar, der originellste aller Fürsten, die je ein Land regiert haben, als er Erbe des Fürstenthums Eisenach geworden war, in „Affection.“ Ein eigenhändiger sehr gnädiger Brief war der Begleiter eines vom Herzog selbst erlegten Rehbocks.

Dicel starb 1756 einen Tag vor seinem 82. Geburtstage. Die Doctorkirmeß hat ihren alten Glanz verloren, dem Volke ist der gemüthliche Frohsinn abhanden gekommen. Seine Stiftungen werden aber das Andenken des ungewöhnlichen Mannes erhalten, der Charlatanerie und Frömmigkeit so gut zu verbinden wußte.

Ludw. Storch.

  1. Siehe Nr. 21.
  2. Wir besprechen diese eigenthümliche Erscheinung in einem späteren Artikel.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Holzschnitt nach dem Stahlstich in Meyer’s Universum, Band 18 (1857), S. 146-149. [1], woher auch der zitierte Text stammt.
  2. Vorlage: Herrn Herrn