Die Erforschung des Südpols

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Autor: Sophus Ruge
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Titel: Die Erforschung des Südpols
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 13, S. 410–412, 414
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1898
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Die Erforschung des Südpols.

Von Prof. Dr. Sophus Ruge.

Alle Naturkräfte, die auf der Erdoberfläche wirken oder zur Erscheinung kommen, können in ihrem ursächlichen Zusammenhange erst dann vollständig erkannt und verstanden werden, wenn es dem Menschen vergönnt ist, nicht bloß die Oberflächengestaltung von Pol zu Pol zu überschauen und das Antlitz der Erde unverhüllt zu erblicken, sondern wenn er auch an allen wünschenswerten Punkten mit seinen immer mehr vervollkommneten Meßinstrumenten längere Reihen von Beobachtungen anstellen kann. Erst dann wird die Erdkunde, in der weitesten wissenschaftlichen Bedeutung des Wortes, dem Ziel ihrer Aufgabe sich erfolgreich nähern.

Gegenwärtig klaffen uns noch die weitesten Lücken entgegen; denn abgesehen von den immer enger begrenzten Räumen unbekannter, von wissenschaftlichen Reisenden noch nicht betretener Landstriche im Innern der bekannten fünf Erdteile sind noch weite Flächen an beiden Polen unserer Erde vollständig verschleiert. Aber es giebt hier keine unüberwindliche Schranke der Erforschung. Fast jede groß geplante Unternehmung, fast jede gegen die Pole vordringende Expedition hat Erfolge zu verzeichnen gehabt und ihre Vorgänger überboten, und so hat unser 19. Jahrhundert naturgemäß mit seinen gewaltigen technischen Mitteln auch die bedeutendsten Fortschritte in der Erforschung der Polarregionen gemacht. Daß dabei die Entschleierung des arktischen Gebietes vor allem in Angriff genommen und gefördert ist, findet seine einfache Erklärung darin, daß alle Kulturvölker, die sich an dieser hohen wissenschaftlichen Aufgabe beteiligt haben, auf der nördlichen Erdhälfte in jenen Erdteilen wohnen, die das nordpolare Meeresbecken wie ein Ring umgeben.

Daher hat auch die arktische Forschung in diesem Jahrhundert, seit sie auf Anregung John Barrows 1818 von England thatkräftig wieder begonnen wurde, keine längeren Ruhepausen, keinen Stillstand erfahren, sondern Engländer, Nordamerikaner, Deutsche, Dänen, Norweger und Schweden haben sie rastlos weiter gefördert, bis Nansen in seinem ebenso kühn angelegten als erfolgreichen Unternehmen sich dem Nordpol schon bis auf etwa 33/4 Breitengrade genähert hat. Es darf auch nicht unerwähnt bleiben, daß schon vor 15 Jahren innerhalb des Polarkreises unter Mitwirkung aller Kulturvölker ein Ring von Beobachtungsstationen thätig gewesen ist, von denen sehr wertvolles Beobachtungsmaterial heimgebracht worden ist.

Anders am Südpol, in der antarktischen Eiswelt.

Hier folgen die großen Expeditionen, die einen energischen Vorstoß in die südlichen Meere wagten, nur in großen Zwischenräumen und sie galten alle dem Aufspüren eines Phantoms, des großen unbekannten Südlandes, das die Kartographen des 16. Jahrhunderts in mächtigster Festlandsausdehnung geschaffen [411] hatten und das vom Südpol her bis in die Nähe der Südspitzen Amerikas und Afrikas reichen und in Neu-Guinea sich bis in die Nähe des Aequators erstrecken sollte.

Tasman drang 1642 im Indischen Ocean bis zum 49. Breitengrade südlich vor, Cook umkreiste 1773 den Pol und drang auf dieser seiner zweiten Reise im Januar 1774 bis 71° vor, ohne Land zu finden. Das Südland schien sich hinter unnahbaren Eisschranken zurückzuziehen, aber an seine Existenz wurde noch geglaubt. Unserm Jahrhundert blieb es vorbehalten, in den antarktischen Regionen Inseln und größere Küstenstriche zu entdecken. Es ist ein Zeitraum von 25 Jahren, von 1819 bis 1844, in dem die südpolare Forschung unter Beteiligung der Russen, Franzosen, Engländer und Nordamerikaner einen mächtigen Anlauf nahm, um dann wieder bis auf den heutigen Tag, also ein halbes Jahrhundert lang, fast völlig ins Stocken zu geraten. Es muß aber auch betont werden, daß die größten Expeditionen auf Staatskosten ausgerüstet waren, während die dazwischen hineinfallenden kleineren Erfolge dem Zufall zu danken waren, der die Walfischfänger und Robbenschläger entweder an die Gestade einer antarktischen Insel oder eines größeren Landes führte oder ihnen gestattete, in einem ausnahmsweise eisfreien Polarmeere einen Vorstoß bis zum 74. Grade südlich zu machen.

Diese erfolgreiche Epoche eröffnete 1819 die russische Expedition unter Bellingshausen, der zwar noch näher als Cook den Südpol umkreiste, aber doch den 70. Grad südlicher Breite nicht erreichte.

Indessen fand er am 22. Januar 1821 südlich vom Feuerlande das erste antarktische Land innerhalb des Polarkreises, die Insel Peters des Großen unter 68° 57' südlich und am 29. Januar etwas nördlicher das Alexandersland, das wohl mit dem später entdeckten Grahamslande zusammenhängt, ein vollständig in Eis und Schnee gehülltes Land, das keine Spur organischen Lebens mehr zeigte.

Zwei Jahre später gelang es dem englischen Walfischer Weddell, mit zwei kleinen Fahrzeugen weiter östlich vom Alexanderslande in einem vollständig freien Meere unter dem Meridian von 33° 20' westlich von Greenwich über den 74. Grad südlich gegen den Pol vorzudringen, also noch drei Grade weiter als Cook.

Ihm folgte Biscoe, der 1830 von England aus auch mit zwei kleinen Schiffen auf den Robbenschlag ausgeschickt war. Er entdeckte 1821 am Polarkreise, unter 50° östlich von Greenwich das Enderbysland und 1832 das Grahamsland und die davor liegenden Inseln nordöstlich vom Alexanderslande, die nach ihm benannt worden sind. Neben Enderbysland wurde im nächsten Jahre von Kemp das Kempsland gefunden. Und als 1839 Balleny, ebenfalls in der Nähe des Polarkreises, das Sabrinaland südlich von Westaustralien und die Ballenysinseln südlich von der Ostküste Australiens aufgefunden hatte, waren an so weit voneinander entlegenen Punkten, Inseln und Küstenstriche eines antarktischen Landes gesehen worden, daß eine lebhafte Phantasie sie mühelos zu einem Ganzen zusammenschließen und einen antarktischen Kontinent daraus von neuem schaffen konnte. Und in der That ist auch dieser hypothetische Titel jahrzehntelang auf den Karten zu lesen gewesen.

Den Abschluß dieser für die südpolare Forschung so günstigen Epoche bildeten drei große Expeditionen, die von Frankreich, den Vereinigten Staaten und England ausgerüstet waren. Zwar sollten die Schiffe der beiden ersten Staaten die antarktischen Gebiete zu enthüllen nicht als ihre Hauptaufgabe betrachten, somit also nur einige Sommermonate der südlichen Hemisphäre darauf verwenden; aber dessenungeachtet sind die Ergebnisse hervorragend. Das erste dieser beiden Geschwader wurde geführt von dem französischen Konteradmiral Dumont d’Urville, der im Februar 1838 das Nordende des Grahamslandes entdeckte, dem er den Namen Louis Philippsland gab, und der zwei Jahre später das Adelieland östlich von Ballenys Sabrinaland auffand. Das zweite Geschwader stand unter dem Kommando des nordamerikanischen Lieutenants Wilkes. Zwei seiner Schiffe, „Peacock“ und „Flying-Fish“, drangen 1839 in der Nähe jener Stelle, wo Cook über den 71. Grad südlicher Breite hinausgesegelt war, bis zum 70. Grade vor. Die beiden anderen Schiffe, „Vincennes“ und „Porpoise“, erreichten im folgenden Jahre Adelieland und fuhren nun, wie sie meinten, angesichts eines hohen mit einem Eisgürtel umschlossenen Gebirgslandes 1500 Meilen bis zum Terminationlande (95° östlich von Greenwich) hin, so daß sie die Ueberzeugung gewannen, einen Kontinent vor sich zu haben, und daß Wilkes für dieses „Wilkesland“ auch die Bezeichnung „Antarktischer Kontinent“ gebrauchte. Allein das südliche Eismeer bereitet durch seine Nebel und feststehenden Wolkenbänke oder durch seine Eisberge dem Schiffer so leicht Täuschungen, vor denen schon Cook gewarnt hat, daß man nicht eher von der Existenz einer Insel oder eines festen Landes überzeugt sein darf, als bis Gesteinsproben die Entdeckung erhärten. Und dieser Beweis fehlt der Wilkes’schen Entdeckung, die um so mehr in Frage gestellt ist, als der äußerste westliche Vorsprung seines Südlandes, das Terminationland, einige dreißig Jahre später von der englischen „Challenger“-Expedition in den Grund gesegelt ist, insofern man trotz des klarsten Wetters an der angegebenen Stelle kein Land erblicken und auch aus der Tiefe des Meeresbodens nicht auf die Nähe eines Landes schließen konnte. Endlich ist auch der Nachweis nicht erbracht, daß die von Balleny und Dumont d’Urville hier gesehenen Küsten ein zusammenhängendes Land bilden, das den Namen eines Kontinents verdiente. Ueber diese Frage entspann sich dann nach Abschluß jener Expeditionen ein längerer wissenschaftlicher Streit, der bis heute nicht gelöst werden konnte, weil jene Regionen in ihrer ganzen Ausdehnung nicht wieder besucht worden sind.

Nur die dritte, die englische Expedition unter Kapitän James Clarke Roß, der bereits 1831 den nördlichen Magnetpol entdeckt hatte, war ausschließlich zur Erforschung des antarktischen Gebietes ausgesandt. Ihr Leiter war mit der Schiffahrt im Eismeer völlig vertraut, widmete sich der ihm gestellten Aufgabe, sich soweit als möglich zum Zweck magnetischer Beobachtungen dem südlichen Magnetpol zu nähern, mit vollem Eifer und errang daher weit bedeutendere Erfolge als die französische und nordamerikanische Expedition. Ihn begleitete als Naturforscher der noch lebende Sir Joseph Hooker. Sein Geschwader bestand aus den beiden für Eismeerfahrten besonders geeigneten Schiffen „Erebus“ und „Terror“, denselben Fahrzeugen, auf denen wenige Jahre später die Franklinsche Nordpolarexpedition bis auf den letzten Mann zu Grunde gehen sollte. Kühn drang Roß im Januar 1841 südlich von Neuseeland durch den Packeisgürtel, vor dem seine Vorgänger zurückgewichen waren, hindurch und erreichte unter 69° südlich wieder ein freies Meer. Unter 71° südlich stieß er zuerst auf Land, verfolgte dasselbe bis 78° südlich und sah hinter einer 50 bis 60 m aufragenden Eismauer mächtige Vulkane sich bis zu einer Höhe von nahezu 4000 m erheben, von denen der höchste, der sich durch eine gewaltige Eruption als noch thätig erwies, den Namen Erebus, der andere den Namen Terror erhielt. Hier konnte keine Täuschung vorliegen: man hatte ein großes südliches Land gefunden und benannte es nach der jungen Königin Viktorialand. Hier wurde auch 1842 die höchste bis jetzt noch nicht wieder gewonnene Breite von 78° 91/2' erreicht. Im folgenden Jahre vervollständigte Roß die Entdeckung Dumont d’Urvilles, indem er nachwies, daß das Louis Philippsland eine Halbinsel des Grahamslandes sei. Die Lücken in den magnetischen Beobachtungen Roß’ suchte 1845 Lieutenant Moore auszufüllen, aber er kam wegen sehr ungünstiger Eisverhältnisse kaum über den südlichen Polarkreis hinaus.

In den späteren Zeiten sind nur einige zufällige Entdeckungen am Grahamslande gemacht, an die uns die Namen Dallmann und Larsen erinnern; aber eine wissenschaftliche Expedition ist seit den Tagen von James Roß nicht wieder nach dem Süden entsendet. In dieser Beziehung haben wir einen fünfzigjährigen Stillstand zu beklagen. So gering unsere Kenntnis auch noch von dem südlichen Polargebiete der Erde ist, so lassen sich doch schon einige allgemeine Vergleichungspunkte der arktischen und antarktischen Regionen aufstellen. Nach ungefährer Schätzung galt das unbekannte Gebiet am Südpol bisher für viermal so groß als das am Nordpol. Dies Verhältnis ist natürlich durch Nansens glückliche Nordfahrt wesentlich zu ungunsten der antarktischen Seite verschoben.

Um den Nordpol herrscht das Wasser vor, um den Südpol, wie es scheint, altes Festland. Innerhalb des nördlichen Polarkreises ist die vulkanische Thätigkeit erloschen, im Süden ist sie [412] mächtig zu Tage getreten. Der Norden ist bedeutend wärmer als der Süden; daher sind die organischen Wesen viel weiter gegen den Nordpol als gegen den Südpol verbreitet. Innerhalb des südlichen Polarkreises giebt es keine Menschen mehr, wohl aber innerhalb des nördlichen. Im Norden hat man schon 1831 die Lage des nördlichen Magnetpols bestimmt, den südlichen Magnetpol hat man noch nicht erreicht. Und was die Geschichte der Erforschung jener beiden Polargebiete betrifft, so möchte ich hier noch einmal betonen: in der arktischen Zone ist man seit 1818 ununterbrochen thätig gewesen und ist immer weiter gegen den Pol vorgedrungen, ohne eine unüberwindliche Schranke zu finden; im Süden ist seit 50 Jahren nichts Wesentliches mehr geschehen.

Um die Unternehmungen gegen den antarktischen Pol wieder in Fluß zu bringen, ist ein deutscher Gelehrter von hohem wissenschaftlichen Ruf, der Leiter der Deutschen Seewarte, der Wirkl. Geh. Admiralitätsrat Neumayer vor allen anderen seit mehr als 40 Jahren unermüdlich mit Wort und Schrift thätig gewesen und hat namentlich auf den deutschen Geographentagen und nicht zuletzt im Jahre 1895 auf dem Internationalen Geographenkongreß zu London seine Stimme erhoben.[1] Dabei hat er von den Fachmännern allseitige Zustimmung erfahren.

Fassen wir nun seine Gedanken über die Notwendigkeit und Möglichkeit einer Südpolarexpedition kurz zusammen: Eine Entwicklung der erdphysikalischen Wissenschaften kann ohne erneuerte Forschungen und Stationsbeobachtungen im antarktischen Gebiete gar nicht gedacht werden. Es kommen dabei zunächst der Erdmagnetismus, die Meteorologie und die damit in Beziehung stehenden Zweige der Geophysik in Frage.

Als den Kernpunkt aller Argumente, die sich auf die Notwendigkeit der Südpolarforschung beziehen, betrachtet Neumayer die Beobachtungen über den Erdmagnetismus. „Alle Bestrebungen zu gunsten der Entwicklung unserer Anschauungen über die Natur der erdmagnetischen Kraft werden fruchtlos sein, so lange wir nicht eine gründliche Kenntnis von der Verteilung und Aeußerung dieser Kraft innerhalb der Südpolarzone gewonnen haben werden.“

Daneben soll durch Pendelbeobachtungen die Verteilung der Schwerkraft und danach die Figur der Erde ermittelt werden. Eine Gradmessung zur Ermittlung der Gestalt der Erde soll als schwierig und zeitraubend nicht ausgeführt werden, da sie durch Pendelbeobachtungen einen Ersatz findet.

Von großer Wichtigkeit sind auch meteorologische Beobachtungen. Der südliche Ringocean, südlich von den Südspitzen der Erdteile, beeinflußt die Wärmeverteilung und deren Aeußerung auf den Zustand der Erdoberfläche in hohem Grade. Die Temperaturerscheinungen der nördlichen und südlichen Hemisphäre sind sehr verschieden. Zwischen dem 60. und 65. Breitengrade zeigt in den Sommermonaten Juli auf der nördlichen und im Februar auf der südlichen Erdseite die mittlere Temperatur der Luft einen Unterschied von mehr als 10° C., dementsprechend ist auch die Temperatur des Wassers in der südlichen Hemisphäre bedeutend niedriger als im Norden. Eine natürliche Folge davon ist die weit größere Ausdehnung von Schnee und Eis auf der südlichen Erdhälfte. Schon auf der Wellingtonsinsel (49° 25’ südlich und 74° 40’ westlich von Greenwich) reichen die Gletscher bis ans Meer herab. Das Studium des Polareises läßt nach den Forschungen Drygalskis, der zu dem Zwecke eine zweimalige Reise nach Grönland unternommen hat, einen Schluß auf die Natur des Gebietes zu, woher das Eis stammt, denn Meereis, Binnenseeeis und Gletschereis sind wohl zu unterscheiden. Das im Meer gebildete Eis zeigt Krystalle, deren Hauptachsen sich parallel zur gefrorenen Oberfläche stellen. Beim Binneneise stehen die Achsen senkrecht, beim Gletschereis ist die Richtung verschieden. Die Natur des Eises läßt also einen Schluß auf die Bodengestalt und Beschaffenheit des hohen Südens zu. Die Höhe der südlichen Eisberge ist noch nicht gemessen, und doch läßt sich daraus auf die Mächtigkeit des Inlandeises und auf die Meerestiefen schließen. Ist eine Station auf dem antarktischen Lande errichtet, so kann man aus den dort an einer einzelnen Stelle gemachten Beobachtungen Schlüsse über das Klima des ganzen Eisrandes thun.

Ueber die erdgeschichtliche Bedeutung der Südpolarforschung hat sich Professor Penck schon vor zehn Jahren auf dem Deutschen Geographentage in Hamburg ausgesprochen. Nach seiner Ansicht ist die Entwicklung der Organismen, der Pflanzen und Tiere von den Polen ausgegangen. Ueber die nördlichen Polarländer liegen schon genaue geologische und paläontologische Forschungen vor, über das antarktische Gebiet wissen wir sehr wenig. Aus den fossilen Resten der arktischen Gebiete, die namentlich von Osw. Heer bearbeitet worden sind, scheint hervorzugehen, daß die jüngeren Floren und Faunen vom Nordpol wie von einem Entwicklungscentrum neuer Organismen ausstrahlten und sich von da in die um den Pol gelagerten Landmassen der Alten und Neuen Welt immer weiter nach Süden verbreiteten. Es hängt dies damit zusammen, daß mit der zunehmenden Erkaltung der Erdrinde das ursprünglich gleichartige Klima auf der ganzen Erde zuerst an den Polen eine Aenderung erfuhr. Das geschah noch in der Tertiärzeit. Mit dem veränderten Klima in der Polarregion mußten aber andere Pflanzen und Tiere entstehen, und diese Formen wanderten mit immer stärker werdender Ausprägung des Klimas einzelner Zonen von den Polen, wo sie entstanden, immer weiter gegen den Aequator. „Sind die Pole,“ so schließt Penck, „die Centren, von denen aus eine stete Weiterentwicklung der organischen Welt eingeleitet wird, so muß sich dies im Norden wie im Süden, auf beiden Hemisphären nachweisen lassen. Nun ist nicht zu verkennen, daß durch geographische Umstände die vom Nordpol ausgehende Entwicklung in ganz anderem Maße begünstigt wurde als die vom Südpol ausstrahlende, weil um den Nordpol ein Landring liegt, auf dem sich die Organismen weiter verbreiteten; um den Südpol aber zieht sich ein Ringocean, der die antarktischen Länder von den bekannten fünf Erdteilen trennt.“ Auf der arktischen Seite sprechen viele Beobachtungen für diese Theorie, auf der antarktischen Seite fehlen uns noch alle Unterlagen.

Indes darf nicht verschwiegen werden, daß Professor Mohn in Christiania, indem er die wichtigsten Ergebnisse von Nansens glücklich vollendeter Nordfahrt zusammenstellt, gegen die Theorie der Ausstrahlung des organischen Lebens von den Polen aus in der jüngsten Zeit Bedenken erhoben hat. Er schreibt: „In den höchsten Breiten wurden in großen Meerestiefen keine Organismen mehr gefunden. Damit fällt die Theorie des polaren Ursprungs der tierischen Organismen.“ Dagegen schreibt Nansen selbst im Schlußworte zur 2. Auflage seines berühmten Werkes „In Nacht und Eis“, Bd.II, S. 516 (Leipzig 1898): „Selbst in den höchsten Breiten fand sich im Meere tierisches Leben, meistens Krustentiere (Copepoden und Amphipoden). Es wird auch am Pol noch so sein, wenn auch die Menge des Lebens im Wasser mit der größeren nördlichen Breite abnimmt und im Vergleich mit der in südlicheren Meeren enthaltenen nur gering ist.“

Mir scheinen daher die von Penck vorgetragenen Theorien immer noch der Beachtung wert, solange nicht eine vollbefriedigende Widerlegung erfolgt ist. Jedenfalls bleibt die Untersuchung, oder richtiger noch zunächst das Suchen nach antarktischen Fossilien eine der wichtigsten Aufgaben einer südpolaren Expedition.

Daß für die Entwicklung aller auf die Erde bezüglichen Wissenschaften Forschungsreisen nach dem hohen Süden dringend erwünscht sind, liegt nach diesen Darlegungen auf der Hand.

Es handelte sich nun um die Möglichkeit der Ausführung.

Nachdem auch der elfte, zu Ostern 1895 in Bremen abgehaltene Geographentag sich entschieden zu gunsten einer südpolaren Unternehmung ausgesprochen und infolgedessen bereits eine Kommission ernannt hatte, welche die Organisation vorbereiten sollte, brachte der Urheber des Planes, der natürlich an die Spitze der deutschen Polarkommission berufen wurde, seinen Entwurf auch noch vor das Forum des im Sommer 1895 zu London versammelten VI. internationalen Geographenkongresses, um das Urteil auch von nichtdeutschen Autoritäten aufzurufen. Auch in London sprach man sich sehr günstig über Neumayers Plan aus und der Kongreß erklärte „die Erforschung der antarktischen Regionen für das bedeutendste der noch zu lösenden geographischen Probleme“.

Auf solche von allen Seiten erfolgte Zustimmung entwarf nun Neumayer einen Plan zur Ausführung, der dann auch der deutschen Polarkommission vorgelegt wurde und dahin ging, zwei Schiffe auszusenden, von denen eine Beobachtungsstation innerhalb des südlichen Polarkreises für wenigstens zwölf Monate Dauer [414] eingerichtet werden sollte. Es sollten zu dem Zwecke zwei Holzschiffe, Dampfer mit Segelvorrichtungen, von etwa 400 Tonnen Gehalt ausgesandt werden, eins dieser Schiffe in der Nähe der geplanten Station bleiben und das andere auf geographische Entdeckungen ausgehen. Die Dauer der Reise wurde auf drei Jahre angenommen.

Aber die Kosten dieser groß angelegten, rein wissenschaftlichen Unternehmung waren auf nahezu eine Million Mark veranschlagt, und es wurden daher bald von verschiedenen Seiten Bedenken laut, ob eine so bedeutende Summe durch Sammlungen, durch private Beiträge aufgebracht werden könnte.

Wenn nun auch gleich im Anfange einige namhafte Beiträge zugesagt waren, so stellte sich doch bald heraus, daß die Aussichten auf Verwirklichung des Planes weniger Fortschritte machten, als man gehofft hatte. So ist man denn, nachdem auch der zwölfte 1897 zu Jena abgehaltene Geographentag sich mit dieser wichtigen Angelegenheit beschäftigt hat und ein belgisches Schiff im vorigen Sommer eine Forschungsreise nach dem hohen Süden angetreten hat, in den deutschen maßgebenden Kreisen zu der Ueberzeugung gekommen, daß man den Plan einschränken, sich mit der Ausrüstung eines Schiffes begnügen müsse, um das Unternehmen überhaupt ins Leben rufen zu können. Die veranschlagten Kosten sind um mehr als die Hälfte verringert und lassen nun um so eher der Hoffnung Raum, sie durch private Sammlungen aufzubringen. In Leipzig und München ist die Agitation bereits kräftiger ins Leben getreten; hoffen wir, daß nun auch unsere großen Seestädte nicht zurückbleiben. Als Leiter der Expedition ist Dr. v. Drygalski gewonnen, dem wir die glänzenden Forschungen über die grönländische Eiswelt verdanken.

Aber trotz des sich vielfach stärker regenden Interesses für das Zustandekommen einer deutschen Südpolarexpedition möchten wir doch anheimgeben, ob es sich, neben den eifrig zu fördernden privaten Sammlungen, nicht empfehle, zu versuchen, auch das Reich und die Vertreter desselben im Reichstage für den Plan zu gewinnen, ähnlich wie vor 25 Jahren die afrikanische Forschung wesentlich durch Reichsmittel gefördert worden ist.

Wenn das weit geringer bevölkerte Norwegen zu Nansens Polarfahrt aus Staatsmitteln 200000 Kronen beisteuern konnte, sollte es da dem Deutschen Reiche nicht auch möglich sein, die entsprechenden Mittel zur Verfügung zu stellen?

Es würde ein solches Unternehmen gewiß die großartigsten wissenschaftlichen Erfolge erzielen und der deutschen Wissenschaft wie dem Deutschen Reiche zu unvergänglichem Ruhme gereichen.



  1. Ueber Südpolarforschung. Separatabdruck aus dem Berichte des sechsten Internationalen Geographenkongresses, London 1895. 59 S.