Die Elmauer Haltspitze im Kaisergebirge

Textdaten
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Autor: M. H.
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Titel: Die Elmauer Haltspitze im Kaisergebirge
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 533, 547
Herausgeber: Adolf Kröner
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1895
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[533]

Photographie im Verlage von Ant. Karg in Kufstein.
Die Elmauer Haltspitze im Kaisergebirge.

[547] Die Elmauer Haltspitze im Kaisergebirge. (Zu dem Bilde S. 533.) Jedem Reisenden, der, von Norden kommend, mit dem Bahnzugc über Kufstein nach Tirol einfährt, muß die gewaltige Felsenmauer auffallen, die sich von Kufstein aus meilenlang in östlicher Richtung entlang zieht mit grauenhaft zerscharteten Wänden. Es ist der „wilde Kaiser“, eine lange Reihe von zusammenhängenden Zackengipfeln. Zwischen dieser Kette und einer etwas niedrigeren nördlichen Vormauer derselben liegt ein reizendes Hochalpenthal, das Kaiserthal, in welchem auf der Sonnenseite hoch über rauschendem Wildbach sechs stattliche Bauernhöfe ihrer Einsamkeit und Freiheit sich erfreuen, fast völlig abgeschlossen von der Außenwelt durch die riesenhaften hellgrauen Kalkfelsen des Kaisergebirgs. Im innersten Grunde des Thales liegt das gastliche Hinterbärenbad, ein Unterkunftshaus für Alpenwanderer. Von hier aus werden die Gipfel des Kaisergebirges erstiegen. Kaum dreißig Jahre sind verflossen, seit der lange für unnahbar gehaltene Gebirgsstock der Touristenwelt erschlossen ward. Ein junger Münchener Alpenfreund, Karl Hofmann, der wenige Jahre später bei Sedan den Heldentod fand, erwarb sich das größte Verdienst um die Erforschung des Kaisergebirgs. Er fand als erster Tourist den Weg auf den höchsten Gipfel der Kette: die Elmauer Haltspitze. Die Ersteigung dieser dominierenden Hochgebirgszinne ist seither zu einer der interessantesten Bergbesteigungen in den nördlichen Kalkalpen geworden. Vom Hinterbärenbad aus steigt man stundenlang durch Wald und Busch empor; dann steht man plötzlich in einem schauerlichen Felsenkessel, in welchem wie von Gigantenhänden wüstes Trümmergestein ausgestreut ist. Durch knirschende rieselnde Steinströme watet man mühsam aufwärts bis zu einer tief eingerissenen Scharte, jenseit deren erschreckende Abstürze sich nach Süden zu senken. An daumendicken Eisennägeln, die hier in die jäh abschießenden Platten getrieben sind, klettert man einem gähnenden Abgrunde entlang, bis eine vielfach gewundene steil ansteigende Trümmergasse erreicht wird, durch die man sich stundenlang in kaminartigen Löchern aufwärts windet. An einer Stelle, wo diese Runse durch einen eingeklemmten Felsblock völlig verschlossen ist, haben fürsorgende Hände eine Drahtleiter befestigt; an ihr klettert man empor, wendet sich noch ein paarmal durch die zertrümmerte Schlucht und steht endlich auf dem Gipfel. Man steht – es ist wohl zu gewagt, diesen Ausdruck zu gebrauchen, meistens hängt man bloß daran, mit den Händen an die scharfen Felsenkanten oder an den Schaft des dort errichteten Eisenkreuzes geklammert. Und so schaut man nach fünfstündigem Steigen hinunter in die ungeheure Tiefe, nordwärts bis zu den böhmischen Wäldern, nach Süden, Westen und Osten aber in die grünen Thäler von Tirol, über denen märchenschön und groß die Felsgefilde, Gletscher und Schneespitzen sich aufbauen. So schwer und rauh der Weg herauf gewesen ist: entzückend und unvergeßlich ist das Errungene. M. H.