Deutschlands erster Kriegshafen

Textdaten
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Autor: J. v. A.
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Titel: Deutschlands erster Kriegshafen
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aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 132–136
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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Deutschlands erster Kriegshafen.

Angesichts der hohen Bedeutung, welche unserer Seemacht für den Schutz der heimischen Küsten in Kriegsgefahr und das Ansehen der deutschen Handelsflagge in Friedenszeiten unstreitbar zugeschrieben werden muß, dürfte es nicht ohne Interesse sein, den Blick auf die Pflanzstätte und den Schutz- und Trutzort unserer jungen Seestreitmacht, auf einen unserer Kriegshäfen, zu werfen. Wenn wir zu solchem maritimen Ausflug nun unser nordisches Wilhelmshaven auswählen, so geschieht dies einerseits, weil seine Anlagen und Etablissements die großartigsten und merkwürdigsten sind, die wir zur Zeit besitzen, und ferner, weil seine abgeschiedene Lage gerade diesen Ort dem großen Publicum wenig hat bekannt werden lassen.

Von der freundlichen Residenz Oldenburg führt uns ein directer Bahnzug unserem Bestimmungsort entgegen. Und je näher wir ihm kommen inmitten der flachen Landschaft, die sich in ziemlich ermüdender Eintönigkeit zu beiden Seiten des Schienenweges hinzieht, desto verstärkter dringt ein seltsames, dem Binnenohr zuerst kaum verständliches Geräusch zu uns herüber. Geheimnißvoll tönt’s durch die reine, klare Luft, vibrirt es die Telegraphendrähte entlang und pfeift es in die offenen Fenster hinein. Das ist der ewige Wind von Wilhelmshaven, der uns sein „Willkommen!“ entgegensaust. Jetzt mischt sich noch ein greller Pfiff in sein stets wilder werdendes Lied; ein Ruck, und der Zug hält. Wir sind am Ziel. Schnell ausgestiegen und brav festgestanden! Der Jahde-Zephyr weht uns sonst noch um. – So! Und nun ohne weiteren Zeitverlust durchs Bahnhofsgebäude hindurch, dann links gewendet, an der stattlichen Kirche und dem großartigen Lazareth vorbei und hinauf auf den Deich, den ersten Wallfahrsort aller Neuankommenden.

Dieser grünbewachsene hohe Deich zieht sich in unabsehbarer Länge hin. Fest und mächtig ist er zusammengefügt, Gewaltiges aber hat er auch einzudämmen. Blickt man von seiner Höhe herab auf die anscheinend so harmlos seinen Saum umspielenden Meereswogen, dann kann man sich nur schwer vergegenwärtigen, welche Riesenmacht und arge Tücke sie zu entfesseln vermögen, und welch namenloses Elend sie in ihrem Schooße bergen.

Da, wo jetzt die Bucht der Jahde ihre gelben Wellen hinwälzt, war früher festes, reich gesegnetes Land. Große Dörfer und ansehnliche Bauernsitze lagen über der fruchtbaren Marsch zerstreut; glatte Rinder, schöne Pferde und zahllose Schafe tummelten sich auf den smaragdgrünen Weiden; Tausende von sorglosen Menschen freuten sich ihres Daseins im Sonnenschein und Licht. In einer einzigen, aber entsetzlichen Nacht im Jahre 1511 durchbrach eine Sturmfluth, mit schwerem Eisgang verbunden, den damals zu schwachen Deich und stürzte sich verheerend in die preisgegebene Ebene. Viele blühende Ortschaften mit allem Lebenden darin verschwanden von der Erdoberfläche. Nur ein uralter Kirchhof, dicht bei Wilhelmshaven, für dortige Bodenverhältnisse ungewöhnlich hochgelegen, hat die allgemeine Vernichtung überdauert und ragt, doppelt eindringlich vom Untergang alles Fleisches predigend, aus dem ungeheuren Massengrabe. Archäologische Forschungen haben aus seiner dunken Tiefe manch interessantes Stück zu Tage gefördert, und das Oldenburger Museum bewahrt mehrere dort aufgefundene sehr alte, steinerne Särge auf; ja, noch jetzt waschen die unermüdlich wühlenden Wogen ab und zu solch steinernes Ruhekämmerlein bloß. Daß man dort in stillen Nächten das Läuten der versunkenen Kirchenglocken hört, ist selbstverständlich. Dieses Stückchen naheliegender Romantik läßt sich selbst der sonst ziemlich realistisch veranlagte Eingeborene hier nicht nehmen.

Senken wir unseren Blick aber nicht zu tief in das trügerische Element! Heften wir ihn nicht zu lange auf jenes melancholische Friedhofsrestchen dort! Vorbei! Vorbei! Mögen die Todten ihre Todten begraben – wir wenden uns freundlicheren Bildern zu.

Da liegt zuvörderst zu unserer Linken das offene Land, das die neue Hafenstadt im Halbkreise umgiebt. Echt holländisch in seinem Charakter, mit den flachen Ebenen, den endlosen Wiesen, dem frei weidenden Vieh, vor Allem mit seinen allerorts sich hinschlängelnden Wasserarmen, breitet es sich vor uns aus. Eine gewisse anheimelnde Ruhe, ein behäbiger Reichthum liegt über der Landschaft ausgegossen, und kommt zu diesen ihren Vorzügen noch eine wirkungsvolle Beleuchtung und die an Seeküsten nicht seltene schöne Formation der tiefgehenden Wolken, dann kann man dem vor uns aufgerollten Bilde das anerkennende Kunstepitheton „stimmungsvoll“ nicht vorenthalten.

Ruhe und Wohlhabenheit ist der Grundzug der freundlichen Scenerie, Ruhe, die bis zur Indolenz geht, auch der Grundtypus des hiesigen Volkscharakters. Man täusche sich indessen nicht in dem scheinbar unerschütterlichen Phlegma und wähne nicht, daß unter der kalten Lavadecke kein heißer Funke zu glühen vermöge!

Der Friese hat nur zu oft gezeigt, daß er „eruptionsfähig“, und schon die unzähligen Einzelgehöfte, die wie ebenso viel befestigte Sitze im Lande sich erheben, deuten an, daß der Volkssinn [134] von jeher ein wehrhafter gewesen. Man greift nicht fehl, wenn man annimmt, daß hart neben Sichel und Melkeimer auch Axt und Beil gelegen haben.

Auf diesem Grund und Boden entstand die neugeschaffene Welt, die wir von der Höhe des Deiches zu unseren Füßen erblicken. Unfertig noch, im steten Wachsen begriffen, wie ein einziger ungeheuerer Bauplatz erscheinend, ist sie nicht schön, noch weniger romantisch zu nennen; jedem Fußbreit ihrer Erde hat aber dahier der menschliche Genius seinen Stempel aufgedrückt. Die Natur ist in keiner Weise der Arbeit entgegen gekommen – im Gegentheil: das nötige Terrain hat ihr Schritt für Schritt abgekämpft werden müssen. Kein Gebäude vermochte sich ohne einen tragenden Rost von Rammpfählen auf dem morastigen Untergrund zu erheben, und nur unter unsäglichen Mühen und schweren Kosten konnte diese moderne Herculesarbeit zu Ende geführt werden. Wohin das staunende Auge blickt, nimmt es jetzt aber auch mit Bewunderung wahr, welche Riesenaufgabe Intelligenz im Bunde mit der Thatkraft zu lösen und zu bewältigen vermag.

Als König Friedrich Wilhelm der Vierte im Jahre 1848 die preußische Kriegsmarine in’s Leben rief und sie sich, glücklicher als ihre in demselben Jahre zu Frankfurt am Main vom damaligen Parlament geborene Schwester, die „deutsche Marine", welche nach rühmlichem Anfange unter dem Auctionshammer der Reaction endete – als lebensfähig erwies, da waren ihre ersten Regungen naturgemäß nur schwach und schüchtern. Am Dänholm zu Stralsund und in Stettin machte man die ersten bescheidenen Schwimmversuche. Später genügte das schöne Danzig mit seiner guten Rhede zu Neufahrwasser vollkommen den nur langsam sich entwickelnden Größeverhältnissen, und erst als das junge Institut allmählich erstarkte, die Zahl der Schiffe sich mehrte und das Verständniß für die Bedeutung einer wehrhaften Vertretung auch zur See sich mehr und mehr Bahn brach, erst da stellte sich das Bedürfniß nach einem zweiten großen Kriegshafen heraus. Schon lange erkannte der inzwischen zum Oberbefehlshaber ernannte Prinz Adalbert in richtiger Voraussicht, daß zur ferneren gedeihlichen Entwickelung der jungen Seestreitmacht noch ein an der Nordsee gelegener Hafen wünschenswert sei; er bot seinen Einfluß auf, dieser Ansicht Geltung zu verschaffen. Sein königlicher Vetter ging denn auch auf das Project ein. Bald begannen die Unterhandlungen mit Oldenburg wegen Abtretung des benöthigten kleinen Gebiets zwischen Rüstringersiel, Altheppens und dem Bant, das unmittelbar an der Jahde gelegen ist, und diese Unterhandlungen führten auch im Jahre 1855 zum erwünschten Resultate.

Zwei Jahre später wurde der erste Spatenstich gethan und damit der Anfang zu einer der schwierigsten Unternehmungen gemacht. Nicht nur die vorerwähnten Terrainverhältnisse und örtlichen Mißstände, auch Krankheiten, vor Allem das böse Marschfieber, das, durch die Erdaufwühlungen und die dadurch emporsteigenden Miasmen verstärkt, unter den Arbeitern hauste, namentlich aber auch der große Mangel an genügenden Arbeitskräften hinderten und verzögerten das Werk. Demungeachtet wurde unermüdlich fortgearbeitet. – Zuerst schoben sich die kolossalen, massiv geballten Molen in die Jahde hinein. Zu ihrer Linken hob sich das stark befestigte Fort Heppens, das mit seinen Batterien die Rhede bestreicht. Sodann schlossen sich am inneren Ende der Molen die Schleusen an, durch die hindurch die Schiffe in das erste ausgemauerte Bassin, den sogenannten „Vorhafen“, einlaufen sollten.

Von beträchtlicher Größe, vermag er auch ein gut Theil derselben aufzunehmen, bildet aber doch nur gewissermaßen und wie auch schon sein Name besagt, einen Vorhof, durch den hindurch – mittelst der nächstfolgenden, zweiten Schleusen und eines außerordentlich breiten, sehr lang sich hinziehenden Canals – die Schiffe in das innere, 370 Meter lange und 240 Meter breite Hauptbassin gelangen. In diesem Hauptbassin ist nun genügend Raum für eine mächtige Flotte, und in ihm überwintern und harren ihrer Ausrüstung die Panzerfahrzeuge, deren vornehmlichste Station die Nordsee ist, sowie zahlreiche andere Schiffe. An seinem Ende liegen auch die großen Docks und Hellinge, und um seine gemauerten Quais herum ziehen sich die gewaltigen Werkstätten und die zahlreichen Magazine. – Fuß für Fuß mußten alle diese durch ungeheuere Raumverhältnisse sich auszeichnenden Anlagen ausgegraben respective geräumt werden, und einen eigentümlichen Anblick gewährten die leeren, gähnenden Schlünde mit den in ihrer schwarzen Tiefe wimmelnden Arbeitergestalten. Nicht minder merkwürdig aber war das Bild, als man endlich die Schleusen mit äußerster Vorsicht und sehr allmählich öffnete, den damals die beiden Canalufer verbindenden Deich durchstach und nun die Jahdefluthen langsam ihren Einzug in das ihnen neubereitete Bett hielten.

Geraume Zeit war mittlerweile seit dem Beginne dieser Erdarbeiten verstrichen. Eine kleine Gemeinde, bestehend aus Beamten, Baumeistern, Arbeitern und durch die Aussicht auf lohnenden Erwerb angezogenen Handeltreibenden und Unternehmern, hatte sich gebildet und rüstig den Kampf mit dem Fieber und dem Mangel an fast jeder Lebensannehmlichkeit aufgenommen; noch immer aber war die Stätte, wo sie weilten, eine namenlose. Man mußte sich begnügen, den preußischen Erwerb, im Gegensatze zu dem nächstgelegenen Oldenburger Dorfe Heppens, als das „Stadtgebiet“ zu bezeichnen. Endlich verbreitete sich das Gerücht, an maßgebender Stelle sei der jungen Marinecolonie der Name „Zollern am Meere“ zugedacht, und man war es wohl zufrieden; denn der Name dünkte Jedem schau und gut. Es sollte indessen noch besser kommen! – Friedrich Wilhelm der Vierte ruhte schon manches Jahr in der stillen Friedenskirche zu Potsdam von seinem leidens- und schmerzensreichen Leben aus, und König Wilhelm hatte die schwierige Erbschaft angetreten. Schon schmückte unvergänglicher Lorbeer seine Siegerstirn, da begrüßte die inzwischen stark angewachsene Bevölkerung des Stadtgebiets mit Jubel die nunmehr sichere Kunde, daß ihr König, einer der Größten unter den Zollern, den eigenen Namen der neuen Schöpfung am Meere verleihen wolle. „Wilhelmshaven“ klang freilich am allerschönsten und glückverheißendsten.

Am 17. Juni 1869 kam der König denn auch in Person nach der Jahde, begleitet vom Prinz-Admiral Adalbert, den Großherzögen von Mecklenburg und Oldenburg, den Grafen Bismarck, Roon und Moltke und vielen anderen Würdenträgern, den Kriegshafen einzuweihen. Gleichzeitig legte er den Grundstein zur neuen Kirche. Mitten auf den Molen und umrauscht von den Nordseewogen, wurde der feierliche Art der Taufe „Wilhelmshavens“ von seinem erlauchten Pathen vollzogen. Von Nah und Fern waren das Landvolk und die Städtebewohner zusammengeströmt, und eine dichtgedrängte Menschenmenge sah in staunender Bewunderung auf die Reckengestalten des Preußenkönigs und seiner Paladine. König Wilhelm weilte damals zum ersten Male in Wilhelmshaven, und donnendere Hochs sind wohl selten von begeisterteren Lippen erklungen, als am Schlusse des Festes, welches man an jenem Junitage am öden, nordischen Strande beging. –

In dem nunmehr glücklich getauften Kriegshafen fanden die Arbeiten ihren stetigen Fortgang, wennschon der damaligen Oberleitung in Folge der mehr als knapp bewilligten Geldmittel die Hände sehr gebunden waren. Admiral Jachmann widmete Wilhelmshaven eine rege Theilnahme, und viele der Etablissements sind noch unter ihm entstanden. Auch eins der ersten im Inlande gebauten Panzerschiffe, der „Große Kurfürst“, wurde schon zu seiner Zeit auf den Stapel gelegt, und in Anbetracht der hemmenden Verhältnisse hat die damalige Verwaltung der Marine Anerkennens- und Dankenswerthes genug geschaffen. In ein ganz anderes Stadium trat freilich die Sache, als diese Verwaltung nach dem Kriege 1870 und 1871 in die des deutschen Reiches überging. Dank den nun ungleich reichlicher strömenden Geldern, dank dem regen Interesse, das von da an dem jungen Institute von allen Seiten entgegengetragen wurde, dank auch den mancherlei Erfahrungen, die man bisher gemacht und nun verwerthen konnte, kam von jenem Zeitpunkte an frisches Leben und neuer Impuls in das Ganze. Und zu den günstigeren Conjuncturen gesellte sich dann noch das große Verwaltungstalent und die außerordentliche Arbeitskraft des nunmehrigen Chefs der Marine, des Admirals von Stosch. So konnte es nicht fehlen, daß sich bald auf allen Gebieten ein reger Fortschritt geltend machte.

Nicht zuletzt wurde die erfrischende Wirkung des heilsamen Goldregens in Wilhelmshaven verspürt. Alles rührte sich mit regem Eifer, und die Arbeiten schritten rascher vorwärts.

Jetzt umgeben vier Forts, die von Heppens, Rüstringersiel, Schaar und Mariensiel das gesammte Jahdegebiet und sind bereit, es zu Wasser und zu Land zu verteidigen. Mächtige Casernen haben sich den schon vorhandenen zugesellt. Einem am Ort sehr fühlbaren Mangel, dem an gutem Trinkwasser, welchem man [135] schon im Jahre 1865 durch Anlegung eines artesischen Bohrbrunnens zu steuern versucht, ist nun durch den Bau eines kolossalen Wasserturms, in dessen Riesenreservoire das kostbare Wasser aus meilenweiter Ferne geleitet wird, vollkommen abgeholfen.

Die Werft ist, trotz häufiger Erweiterungen, vollendet. Innerhalb ihrer Mauern erheben sich unzählige Bauten, meist von gewaltigen Dimensionen, wie die großen Kesselschmieden, die Schlosserwerkstätte etc. Ebendaselbst befinden sich auch die vielen Ausrüstungsmagazine, die mit ihrem bunten Inhalt einen eigenthümlichen, selbst das Laienauge interessirenden Anblick bieten. Je eins zu je einem Schiffe gehörig und dessen Namen schon über der Eingangsthür tragend, sind sie bestimmt, alle zur Schiffsausrüstung benötigten Gegenstände, vom größten bis zum kleinsten, mit alleiniger Ausnahme der Geschütze, in sich zu bergen. Mit größter Accuratesse aufgespeichert, enthalten sie die verschiedenartigsten Dinge, bequem greifbar und übersichtlich geordnet, zur sofortigen Uebernahme bereit.

Imposant anzusehen ist auf der Werft auch noch der große Dampfkrahn, mit dessen Hülfe die schwersten Lasten spielend leicht gehoben und z. B. die Krupp’schen Monstrekanonen bequem an Bord der Schiffe befördert werden.

Hohes Interesse bieten dort ferner die mächtigen Trockendocks und die Hellinge. In ersteren, den Docks, werden jeweilige größere Beschädigungen der Schiffswände unterhalb der Wasserlinie, die nicht mehr von den Tauchern bewältigt werden können, nachgesehen und ausgebessert. Soll ein Fahrzeug zu diesem Behufe in das betreffende Dock gehen, so werden die trennenden Pontons geöffnet und mit dem einströmenden Wasser schwimmt das Fahrzeug in den mächtigen, sonst leeren Raum. Sodann werden die Pontons wieder geschlossen und das Wasser wieder abgelassen, bis das Schiff trocken liegt und die Arbeiter ungehindert unter seinen Boden gelangen können. Auf den Hellingen dagegen baut man die Schiffe und stellt sie dort bis auf Masten, Takelage und Maschine fertig. Zuerst im bloßen Gerippe, dann immer vollendeter in den kühn geschwungenen Linien, liegen sie, seitlich durch gewaltige Holzpfähle gestützt, ebendaselbst auf ihren Stapelklötzen, um dann am Tauftag, wenn eine Stütze nach der andern unter ihnen fortgeschlagen wird, langsam und majestätisch die sanft abschüssige Bahn des Hellings herab und in’s Wasser, mit einem Wort „vom Stapel“ zu gleiten.

Bemerkenswerth ist auf der Werft ferner der „Schnürboden“, ein saalartiger Raum von so bedeutender Ausdehnung, daß auf seinem glatten Holzfußboden die größten Panzerfahrzeuge in Originalgrößeverhältnissen aufgezeichnet werden können.

All diese und noch manche andere Baulichkeiten umgiebt eine hohe steinerne Umfassungsmauer, deren ohnehin sehr beträchtliche Ausdehnung man neuerdings beschäftigt ist noch bis zum Vorhafen hin zu verlängern. Nach der Stadtseite zu wird sie unterbrochen und zugleich abgeschlossen durch ein schönes, in Rothsteinen aufgeführtes Gebäude, dessen verschiedene Stockwerke die Bureaus und dessen Mitte das große Eingangsthor enthält.

Eins der umfangreichsten und wichtigsten Werke aber, das im letzten Jahrzehnt unter dem deutschen Reiche und seinem Marineminister von Stosch entstanden, dürfte jedenfalls die Ausgrabung einer neuen Hafeneinfahrt und die Anlage eines geeigneten Kauffahrteihafens sein. Diese zweite Hafeneinfahrt befindet sich in unmittelbarer Nähe der ersten und ist in denselben großen Verhältnissen gebaut, die Schleusen sind, um den Panzerkolossen das Einlaufen zu erleichtern, sogar noch um einige Fuß breiter veranlagt. Zum zweiten Mal hat also Wilhelmshaven den seltsamen Anblick rings gähnender, ungeheurer Abgründe, und wiederum wird es sehen können, wie die Jahde sich in sie hinein ergießt. Die Erd- und Mauerarbeiten an den neuen Werken sind bereits soweit vorgeschritten, daß man hoffen kann, sie binnen wenigen Jahren beendet zu sehen.

Und diesem bedeutenden Bau stellt sich ein kaum minder großer und wichtiger an die Seite: der des Ems-Jahde-Canals. Zwischen Stadt und Deich zieht sich diese jüngste aller Neuschaffungen hin, um zuletzt in den vorerwähnten Handelshafen zu münden. Durch sie ist die directe Verbindung der Ems mit der Nordsee hergestellt. Man verspricht sich viel von der damit verknüpften Verkehrserleichterung für die Hebung des Orts und erhofft namentlich Gutes für die Herabdrückung der immerhin recht teuren Lebensmittelpreise. Auch an diesem neuen Wasserwege ist so rührig geschafft worden, daß man ihn gleichzeitig mit der zweiten Einfahrt und dem Kauffahrteihafen dem öffentlichen Verkehr wird übergeben können.

Soweit die Marinebauten! Mit ihnen, mit der Werft und ihren Werkstätten und Magazinen, dem wie ein Römercastell sich emporhebenden Wasserthurm, dem innen wie außen mustergültigen Lazareth, dem schloßartigen Stationsgebäude, kurz, mit all den zum Theil schon beschriebenen maritimen Baulichkeiten um die Wette hob sich nun auch die in dieses Fach schlagende Privat- und Gemeindethätigkeit. Ganze Straßen mit stattlichen Häusern und leidlichen Läden wuchsen aus der Erde. Auch der Reichsfiscus begann sich zu regen, und ein ansehnliches Polizei- und Amtsgebäude sowie eine wirklich schöne, oder um modern zu sprechen, stilvolle Post zeugen davon.

Entsprechend der Vergrößerung Wilhelmshavens nahm aber auch seine Bevölkerung zu. Das weiland von wenigen hundert Menschen bewohnte „Stadtgebiet“ zählt jetzt eine Einwohnerzahl von 13,000 Köpfen, die Garnison nicht eingerechnet. Noch immer aber wächst diese Zahl, und das Gymnasium, die höhere Töchterschule, die Mittel- und Volksschulen bilden eine von Jahr zu Jahr wachsende Schaar junger Bürger und Bürgerinnen heran.

Der Ort selbst, von Anbeginn an auf eine bedeutende Ausdehnung veranlagt, zieht sich in großer Weitläufigkeit hin. Die eigentliche Geschäftsgegend mit ihrer Hauptader, der Roon-Straße, lehnt sich noch ziemlich eng an die Werft an. In schon etwas vornehmer Entfernung von ihr liegt die breite, von vier Reihen Bäumen bepflanzte Adalbert-Straße, eine ganz eigenartige Schöpfung, die bezeichnend für den Coloniecharaker des Ganzen ist, indem in ihr sich nur das Stationshaus, der Wohnsitz des jeweiligen Stationschefs, und die Hänser der Marine-Officiere, sowie einiger Beamten befinden.

Von beiden Stadtgegenden durch einen weiten Umkreis getrennt, dehnen sich dann die Vorstädte mit den nicht gerade geschmackvoll gewählten Namen „Belfort“, „Elsaß“, „Lothringen“, „Sedan“ aus. In ihnen sind die Wohnungen der Arbeiter zu suchen; namentlich ist Belfort eine vollkommene Arbeiterniederlassung. Straße bei Straße bedecken hier kleine, ganz gleichmäßig gebaute Häuschen, und meist nach ihrer Richtung hin lenkt sich allabendlich der unabsehbare Zug von Tausenden von Werkleuten, die, von dem Hafenbau oder der Werft kommend, ihre müden Schritte der Heimath zuwenden. Zwischen diesen verschiedenen, weit aus einander gelegenen Stadtteilen ziehen sich nun breite, sauber mit Klinkersteinen gepflasterte, aber fast noch völlig unangebaute Straßen hin, öde, unwirtliche Wege, die indessen allabendlich mit derselben Opulenz durch Gaslicht erleuchtet werden wie die bebauteren. Ein mächtiger Lichtstrom ergießt sich somit vom Bahnhof bis zum äußersten Ende der Molen, und ganz Unrecht mögen die losen Spötter nicht haben, die behaupten, Wilhelmshaven präsentire sich am besten bei Nacht.

Im hellen, Nichts verschleiernden Sonnenlichte gesehen, tragen diese leeren, kahlen Flächen wenigstens nicht sonderlich zur Verherrlichung des Ganzen bei, um so minder, als sie durch keinerlei landschaftlichen Reiz unterbrochen und verkleidet werden. Die Natur ist eben karg gegen die neue Schöpfung gewesen und giebt sich den Anschein, als wolle sie nun auch Alles, selbst das sonst in ihr Fach Schlagende, hier den unermüdlich schaffenden Menschenhänden überlassen. Diese Menschen, ihre hier so vernachlässigten Stiefkinder, haben auch wirklich den Kampf mit der ungütigen Mutter angenommen und nicht ohne Erfolg durchgeführt.

Der große Friedrich-Wilhelms-Platz, eine Sandwüste, die gleich vom Bahnhof aus dem Beschauer entgegengähnte, ist jetzt mit Grasplätzen und Gartenanlagen versehen worden. Die Königsstraße erfreut sich einer schon ziemlich schattigen Rüsterallee, und die Werft weist zwischen ihren Baulichkeiten hübsche Gärtchen mit Teppichbeeten und blühenden Sträuchern auf. Im Rücken der Adalbert-Straße aber breitet sich der weitläufige, der Benutzung des Publicums übergebene Stationspark mit seinen frischen, grünen Wiesen, seinem keinen hellen See, mit hübschen Springbrunnen und einem Musiktempel, vor Allem aber mit schattenspendenden Baumgruppen und Alleen aus. Diese freundlichen Schöpfungen sind die einzigen Brosämlein ersehnter Poesie, die sich hier, inmitten so vielen Realismus, dem lechzenden Auge darbieten.

[136] Das wäre in kurzen Grundrissen und in wenigen Zügen ein Bild unserer aufstrebenden Nordseestation, durch ihre Urgeschichte und die Hauptphasen ihrer Entwickelung hindurch bis auf den heutigen Tag. Jetzt stehen wir vor der Zukunft – sie zeigt uns ihr verschleiert Antlitz. Ist es zu kühn, wenn wir uns dieses Antlitz rosig und glückverheißend vorstellen, wenn wir annehmen, daß die Zukunft unter Kaiser Wilhelm und im geeinigten Vaterlande unserem Kriegshafen noch Herrlicheres vorbehält? Wir glauben daran und darum: es lebe die neue Aera!

J. v. A.