Textdaten
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Autor: Hermann Marggraff
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Titel: Der orthographische Narr
Untertitel:
aus: Fliegende Blätter, Band 1, Nr. 19, S. 150.
Herausgeber: Kaspar Braun, Friedrich Schneider
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1845
Verlag: Braun & Schneider
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Erscheinungsort: München
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Quelle: MDZ München, Commons
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Der orthographische Narr.



Ein eigenthümlicher Narr, der über gewisse Schwankungen und Unsicherheiten in der deutschen Rechtschreibung und Grammatik irre geworden, in allen übrigen Dingen aber ein überaus verständiger und gescheidter Mann ist.

Neulich tritt er in großer Hast bei mir ein. „Freund!“ ruft er in großer Aufregung aus: „Schreiben Sie Direktor mit einem c oder k? Da habe ich eine Correktur zu besorgen, doch um Vergebung: wie schreiben Sie Correktur, mit einem c oder k? Mir schwindelt der Kopf – oder wie sagen Sie: mir oder mich schwindelt der Kopf? Mir oder mich träumt? Mir oder mich schwant? Mir oder mich dünkt? – Ich werde noch verrückt über diese Mir oder Mich’s, diese k’s und c’s? Wie schreiben Sie Direktor?“

„In der Regel mit einem k,“ antwortete ich, „es gibt aber auch Leute, die das Wort, vielleicht mit demselben Rechte, mit einem c schreiben.“

„Da haben wir’s: in der Regel, sagen Sie, mit einem k! Ist das Consequenz? Heißt das nicht: Sie schreiben es ausnahmsweise auch wohl mit einem c?“

„Nach Bequemlichkeit,“ antwortete ich, „man hat keine bestimmte Regel dafür.“

„Zum Teufel!“ rief mein Freund in vollster Wuth, „in der Orthographie gibt es keine Bequemlichkeit. Doch halt: schreiben Sie „giebt“ mit oder ohne ein e? Der Verfasser, dessen Werk ich hier korrigire, läßt in toller Consequenz das e fort; da müßte er doch auch „libt“ statt „liebt“ u. s. w. schreiben, oder gar „schrib“ statt „schrieb“, „blib“ statt „blieb“ u. s. f.

„So schreibt er auch „mehre“ statt „mehrere“, lauter revolutionäre Bewegungen gegen das alte Grundgesetz der Grammatik. Produktion schreibt der Eine Produkzion, der Andere Production, ein dritter wohl gar Produkcion, und da will man noch von einer Einheit Deutschlands und einem Streben nach Einheit sprechen! Früher schrieb ich die Lokal- und Personal-Adjektiva mit einem großen Anfangsbuchstaben, z. B. „Hoffmann’sche Tropfen, Frankfurter-Würste,“ jetzt fordert der modische Brauch, daß sie mit einem kleinen Initial-Buchstaben geschrieben werden. In der Interpunktion, oder Interpunkzion, oder Interpunction herrscht gerad eine eben solche Anarchie; kurz, es geht so bunt und regellos her, wie auf einem Carneval – doch um Vergebung: schreiben Sie der oder das Carneval? Es gibt jetzt aufrührerische Rädelsführer, welche sich an die Spitze der Empörung gegen den Carneval stellen und das Carneval zum Herrscher ausrufen. Wie steht es mit der oder das Münster? In meiner Kindheit verband ich mit dem Begriff des straßburger Münsters zugleich den Begriff von etwas mannhaft Ehrwürdigem, von etwas Beseeltem, weil man damals der straßburger Münster schrieb, jetzt soll ich ihn als etwas Unbelebtes, als etwas Sächliches denken und das straßburger Münster sprechen und schreiben. Ist es nicht gerade eben so mit der Scepter, wofür man jetzt das Scepter eingeführt hat?“ „Das Wort ist im Griechischen generis neutrius,“ bemerkte ich. – „Was ich eben so gut weiß, wie Ihr Gelehrten,“ fuhr er auf; „denn ich habe mein Griechisch ebenfalls getrieben; ganz so gut müßte aber auch die Fenster statt das Fenster gesprochen werden, denn das stammt von fenestra her und fenestra ist bekanntlich generis feminini. Du lieber Himmel, wenn wir das Geschlecht aller Worte, die bei uns das Bürgerrecht erworben haben und naturalisirt sind, auf ihr ursprüngliches Geschlecht, dem sie im Hebräischen, Indischen, Persischen, Griechischen, Lateinischen, Französischen, Spanischen, Russischen, Mexikanischen, Kamtschadalischen u. s. w. angehörten, zurückführen wollten, das müßte ja zuletzt eine babylonische Verwirrung geben! Das Wort Comité hat mich schon vollständig in Raserei versetzt. Früher sagte und schrieb man einzig und allein „das Comité“; da kamen andere kluge Männer, welche ihre Kenntniß des Französischen an den Tag legen wollten, und meinten: Comité ist im Französischen männlichen Geschlechts, folglich muß es heißen: der Comité. Endlich schlugen Andere einen Mittelweg ein und schrieben die Comité, wofür höchstens dies als Grund angeführt werden kann, daß in den Comités zuweilen auch wohl höchst weibische Schwätzer sitzen. Könnte man nicht über diese Schwankungen in bester und anständigster Form verrückt werden? Doch wie sagen Sie: über diese oder diesen Schwankungen verrückt werden? Früher sagte man: ich vergesse mich über diese Sache, jetzt heißt es: ich vergesse mich über dieser Sache. Sollte man nicht eben so gut sagen dürfen: ich denke über diesem Falle nach? oder ich brüte über diesem Gedanken? so daß man mich förmlich wie eine Henne über ihren Eiern brütend sitzen sehe. Früher durfte ich sagen: Ich glaube, daß ich mich über dich, Geliebte! vergessen kann; jetzt muß ich sagen: daß ich mich über dir, Geliebte! vergessen kann. – Schreit ein solcher Zustand orthographischer und grammatikalischer Verwirrung nicht zum Himmel? Sollte ich einmal in’s Irrenhaus kommen, so wissen Sie, über welchen Gegenstand – oder soll ich sagen: über welchem Gegenstande? – ich närrisch geworden bin. Leben Sie wohl!“

Damit stürzte mein Freund in Wuth und Verzweiflung fort. Und es ist wahr: die Schwankungen in Deutschland, die grammatikalischen und orthographischen mit inbegriffen, sind wirklich zum Närrischwerden.

H. M.