Textdaten
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Autor: Gustav Duill
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Titel: Der letzte Fünfthalerschein
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 835
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Bild aus dem Leben des Volkes.
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Der letzte Fünfthalerschein.
Bild aus dem Leben des Volkes.


Eng ist der Raum und düster; eine Bank
Mit Handwerkszeug am schmalen Fenster steht,
Dabei ein Tisch, darauf das Schuhwerk liegt,
Das auszubessern ist der Mann bestrebt,

5
Der einsam kauert auf dem Handwerksstuhl.


Aufathmend legt er jetzt die Arbeit nieder,
Und in die kleine Kammer tritt er sachte,
Die birgt den Stern, der immer, immer wieder
Erhellend in sein dunkles Leben lachte:

10
Sein einz’ges Kind – doch naht er ihm mit Bangen,

Denn Krankheit hält den Knaben schwer umfangen.
In seinem Bettchen liegt er still und bleich,
Die Augen offen, doch sie sehen nicht
Des treuen Vaters blasses Angesicht,

15
Das sich herniederneiget mild und weich,

Sie seh’n das Spielzeug nicht, das er ihm brachte.
Und hin ihm hält, ob er’s vielleicht beachte.
Da fällt dem Kummervollen etwas ein:
Er holt aus dem Verschluß den Cassenschein,

20
Darauf zwei Engel, kindliche Gestalten,

In ihren Händen große Zweige halten;
Dies Bild, das jüngst den Knaben hoch erfreute,
Vielleicht erregt es seinen Geist auch heute –
Doch ach, des Kindes Auge starret groß

25
Und bleibt verständniß- und empfindungslos,

Und seufzend legt den Schein der Vater nieder,
Und traurig geht er an die Arbeit wieder.

Er darf nicht feiern. Ob ihn Angst verzehrt,
Ob finstre Sorge ihn darniederdrückt,

30
Arbeiten muß er, – die, für die er schafft,

Arbeiter sind es, und sie feiern nicht.
Dies Stiefelpaar, der Bote braucht es morgen
Bei Zeit, um seine Gänge zu verrichten,
Und diese Schuhe mit zerbrochnen Sohlen,

35
Der Ackerknecht kann sie nicht lang’ entbehren,

Und da und dorten sind Handwerkerstiefel,
Und die sie tragen, pflegen nicht der Ruhe,
Sie müssen um ihr Brod sich täglich mühen,
Und er muß ihre Kundschaft sich erhalten,

40
Ihn darf kein Weh von seiner Arbeit wenden,

Drum frisch daran! – Nun hämmert er und klopft
Und zwingt den Faden durch das spröde Leder
Und statt des Lieds, das er wohl sonst gesummt,
Tritt ihm das eigne Leben vor die Seele:

45
’s ist auch ein Lied, ein Lied von Lust und Leid,

Von hellem Liebesglück und bittren Schmerzen;
Der arme Mann führt frühe heim die Maid,
Nicht dem Verstande folgend, nur dem Herzen;
Kurz ist der Traum, zu Gast lädt sich die Noth,

50
Die Kinder hungern, Krankheit kommt und – Tod.

Die Thrän’, die jetzt des Mannes Aug’ entrinnt,
Sie gilt dem ersten, ihm entriss’nen Kind:
Ein Mädchen war’s mit blondem Lockenhaar,
Mit blauen Augen, strahlend wunderbar.

55
Das war ein Schlag – ein Schlag, so hart und schwer,

Doch schwerer kam’s – der Thränen fließen mehr
Herab die Wangen ihm, die kummerblassen –
O böser Tag, da ihn sein Weib verlassen!

Sein Weib! Er konnt’ mit ihr das Schwerste tragen,

60
Doch daß sie starb, wie konnt’ er dies ertragen!?

Er konnt’s, weil sie im Sterben ihm gegeben
Das Kind, dem nun gewidmet ist sein Leben.
Und diesem Kind – – da horch! Welch heller Klang!
Erstaunt läßt er die Arbeit niedersinken

65
Und eilt zur Kammer hoffnungsvoll und bang:

Soll jetzt vielleicht ihm Freude wieder winken?
Da sieht er – den Fünfthalerschein zerstückt,
In viele kleine Theilchen ganz zerpflückt.
Könnt Ihr, was dies dem Armen heißt, ermessen?

70
Fünf Thaler, die er sparte manches Jahr,

Mit einem Mal vernichtet ganz und gar –
Es war das letzte Geld, das er besessen.
Doch von den Trümmern dieses Schatzes schnell
Des Vaters Blick zu seinem Kind entweicht,

75
Und dieses schaut ihn munter an und hell

Und jauchzt vor Freude, und sein Händchen reicht
Ihm hin, geschält aus dem Fünfthalerschein,
Den Palmzweig haltend, eins der Engelein.
Da kniet der Vater hin und weint und lacht

80
Und küßt die Händchen, die dies Werk vollbracht,

Und auf zum Himmel ruft der schlichte Mann,
So gut er eben Worte finden kann:
„Du guter Gott, der Du die Welten lenkst,
Dank, Dank, daß Du mein Kind mir wieder schenkst!

85
Wie gern will den ersparten Schatz ich missen.

Es lebt mein Kind – – ist auch der Schein zerrissen!!

Gustav Duill.