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Autor: Johannes Proelß
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Titel: Der alte Birnbaum
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 9, S. 272, 273
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[272]

Der alte Birnbaum

Nach einer Originalzeichnung von W. Gause.


Der alte Birnbaum

Es wächst die Stadt, ihr Wuchs verschlingt
Die grüne Welt, die sie umringt.

Wo, seit am Fluß der Ort entstand,
Ein Obstwald schirmte Wiesenland,

5
Im Lenz von Blüten übergossen —

Wo vor den Thoren sonst die Saat
Gekeimt, gegrünt, gereift zur Mahd,
Wo Tannenwald das Feld umschlossen —
Da drängte sich die Stadt hinaus,

10
Ließ Straßen wachsen, Haus an Haus.

Und wo sonst Gärten Geißblattlauben
Mit ihrer Büsche Grün umhegt,
Wo am Spalier vorm Haus die Trauben
Des Hausherrn treue Hand gepflegt,

15
Der fern vom Stadtlärm drin die Sorgen

Des Amts in sanfter Ruh’ verschlief,
Bis heller Amselgruß am Morgen
Hervor ihn zu den Blumen rief —
Da wütet mörderisch das Eisen,

20
Den Schmuck dem Boden zu entreißen,

Die Sträucher, Bäume hinzuraffen:
Für Steinkolosse Platz zu schaffen.
Ein Haus tritt auf des andern Saum,
Da bleibt für keinen Garten Raum!

25
Es wächst die Stadt, ihr Wuchs verschlingt

Die grüne Welt, die sie umringt.

Jetzt, wenn der Lenz mit Blütenduft
Uns auf zur Daseinsfreude ruft,
Da heißt es, lange Straßenzeilen

30
Auf hartem Pflaster zu durcheilen,

Bis uns bewillkommt Wiesengrün,
Auf Baum und Strauch das lichte Blüh’n.
Doch siehe — dort, wo jenen hohen
Gebäuden, die schon unter Dach,

35
Im Bau begriffen, noch in rohen

Gerüsten, andre wachsen nach,
Da grüßt der Rest von einem Garten,
Da ragt in stolzem Blütenflor,
Mit Aesten, schmuck wie Feststandarten,

40
Ein alter Birnbaum hoch empor.

Ein letztes Mal sich zu entfalten
In Lenzespracht war ihm gewährt,
Bald wird auch ihn die Axt zerspalten —
Bevor den Blüten Frucht beschert!

45
Der Abendsonne gold’ne Gluten

Umweben ihn mit lichtem Schein,
Es hüllen seines Duftes Fluten
Ihn sanft in Lenzesträume ein.

Noch steht die Bank, auf der sein Schatten

50
So manchen Müden schon gekühlt,

Auf der am Abend Kinder, Gatten
In seinem Duft sich wohlgefühlt.

Und sieh, zum Sitz, dem morschen, kommen
Zwei alte Leute, Arm in Arm —

55
Was mag der Gang dem Pärchen frommen?

Sie blicken traurig und voll Harm,
Indes sie Platz am Baume nehmen,
Der bebend seine Zweige wiegt,
Als schau’re ihn vor einem Schemen,

60
Der drohend ihm vorüberfliegt.


Es wächst die Stadt, ihr Wuchs verschlingt
Die grüne Welt, die sie umringt.

Das m[uß] ein liebeselig Wandern
Hinaus [z]um altvertrauten Ort,

65
Ein jed[e]r sah verklärt im andern

Des kü[n]ft’gen Glückes sich’ren Hort!
Doch al[s] sie kamen her zur Stelle,
Da zäu[n]ten Hecken ein den Baum,
Und ne[b]en ihm da grüßte helle

70
Ein tr[au]lich Häuschen aus dem Raum.

Die Th[ü]r des Gartens fand sich offen,
Der W[e]g zum Freunde dicht umrankt,
Dort h[a]ben sie ihr höchstes Hoffen
Ihm a[n]vertraut und ihm gedankt!

[273]
75
Und auch das Paar ergreift ein Schauern,

Ein Vorgefühl vom jähen Tod,
Der hier inmitten Grabesmauern
Dem Baume über ihnen droht.
Dem Baum, der ihnen Freund gewesen

80
Soweit all ihr Erinnern reicht,

Dess’ Gruß stets aufgefrischt ihr Wesen,
Auch dann, da längst ihr Haar gebleicht …

Als einst um ihre Stirnen flogen
Die Kinderlocken, blond und braun,

85
Sind hier zum Spielplatz sie gezogen

Durch offne weite Wiesenau’n;
In seiner Zweige dichter Krone
Da war ihr herrlichstes Asyl,
Dort brach er Früchte ihr zum Lohne

90
Für ihre Treu’ im kind’schen Spiel …

In seines Laubes trautem Schatten
Ward dann der erste Kuß getauscht,
Hat sie als Braut des künft’gen Gatten
Begeist’rungsworten froh gelauscht.

95
Und als die lange dann Getrennten

Voll Hochzeitsglück sich wiedersah’n,
War’s ihnen, als müßt’ Segen spenden
Der Baum für ihre Lebensbahn …

Als sie sich dann zum Rückweg wandten

100
Und an dem Häuschen hing ihr Blick,

Mit seinen Giebeln und Veranden
Ein lauschig Nest für stilles Glück —
Als eben sich, noch frei vom Neide,
Der Wunsch in ihrer Brust geregt:

105
O, könnten hausen doch wir beide

Bald auch so traut, so grünumhegt! —
Da durften sie — o frohes Staunen! —
Erkennen, daß das Häuschen frei,
Und von den Zweigen klang ein Raunen:

110
Eilt, daß es euer eigen sei!


Nun ganz und gar ward zum Genossen
Des eignen Lebens, frisch und jung,
Der starke Baum — sein Grünen, Sprossen
Gab ihren Kräften Trieb und Schwung.

115
Und wenn er bot aus falbem Laube

Der goldnen Früchte Herrlichkeit,
Wie regte mächtig sich ihr Glaube
An ihres Fleißes Erntezeit.
Wenn aber gar in seine Aeste

120
Beim frohgestimmten Kindtaufsfeste

Hinauf das Hoch des Vaters scholl,
Da gab’s ein Rauschen in den Zweigen —
Er segnete mit sanftem Neigen
Den kleinen Paten liebevoll!

125
Die Alten unterm Birnbaum plaudern,

Längst sind vom Kummer sie befreit,
Längst wich der Todesahnung Schaudern
Lichtbildern der Vergangenheit.
Der Duft des todgeweihten Baumes

130
Bezaubert ihren Sinn mit Macht,

Das Eden ihres Lebenstraumes
Ist ganz zur Wirklichkeit erwacht!
Das ist ein Leben und ein Weben,
Es blüht und duftet um sie her,

135
Sie fühlen sich von Glück umgeben

An dieser Stätte, wüst und leer.
Sie hören ihre Kinder singen,
Und seh’n sie springen hell im Chor,
Die kleinen Stimmen jauchzend dringen

140
Zum Vogelsang im Baum empor.


Der Alten Herzen froh sich weiten —
Die einst hier klein, jetzt sind sie groß —
Was auch vernichtet all die Zeiten,
Gesegnet blieb ihr Elternlos!

145
Und mußten sie das Heim auch missen,

Das hier nun stolzrem Baue wich —
Bei jedem ihrer Kinder wissen
Sie traut ein Heim bereitet sich …
Da rauscht’s im Baum und weckt die Alten,

150
Der Mond aus Wolkenschleiern tritt —

Sie aber ihre Hände falten
Und geh’n vom Ort mit festem Schritt.
Doch ehe sie ihn ganz verlassen,
Da machen sie noch einmal Halt;

155
Die alten Augen zärtlich fassen

Des Baumes mächtige Gestalt.
Ja — so in lichter Blüten Hülle,
Mit seines Wipfels sanftem Weh’n —
Wann auch sein Schicksal sich erfülle —

160
So bleibt für sie er fortbesteh’n!


 Johannes Proelß.