Textdaten
<<< >>>
Autor: M - -n nach Straparola
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Vertraute
Untertitel:
aus: Wünschelruthe - Ein Zeitblatt. Nr. 45, S. 177/178; Nr 46, S. 181/182; Nr 47, 186/187; Nr 48, 191/192
Herausgeber: Heinrich Straube und Johann Peter von Hornthal
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1818
Verlag: Vandenhoeck und Ruprecht
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Göttingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[177]
Der Vertraute,
eine komische Erzählung nach Straparole (4,4.)
von M - - n.




Nach Padua in Italien kam einmal der Sohn eines spanischen Großen, um auf der dortigen hohen Schule die Wissenschaften zu erlernen. Nerino, so hieß der junge Mensch, hatte im väterlichen Hause in einer solchen Zurückgezogenheit gelebt, daß er bis zu seinem gegenwärtigen Alter von achtzehn Jahren gelangt war ohne ein anderes weibliches Wesen zu sehen als seine Mutter, und seine Amme. Es schien jedoch seinem Vater am Ende rathsam ihn aus dieser klösterlichen Enge zu entlassen, damit er sich ein wenig in der Welt umschauen, etwas lernen und fremde Sitten betrachten mögte. Er schickte ihn also nach Padua, einer Stadt die er vorzüglich geeignet glaubte, seinen Endzweck zu erfüllen.

Nerino war kaum einige Tage in Padua als er schon Bekanntschaft mit mehreren jungen Leuten gemacht hatte, und unter andern auch mit einem gewissen Raimond, einem Arzt, der zwar schon über das Jünglingsalter hinaus war, sich aber doch noch recht gern unter die jüngern mischte. Nerino’s neuer Freund besuchte ihn fast täglich, denn er war reich, und dann belustigten sie sich mit einander, und schwatzten von allerlei Dingen. So kam denn auch die Rede auf die schönen Frauen, wie dies der jungen Herrn Lieblingsgespräch zu sein pflegt, wenn sie sich vertraulich unterhalten, und der eine strich diese, der andere jene heraus. Nerino aber, dessen Vergleichungen sich nicht weiter erstreckten als von der Amme bis zur Mutter, behauptete ganz dreist, es könne auf der Welt keine schön’re Frau geben als seine Mutter. Und obgleich ihn seine Freunde auf eine und die andere aufmerksam machten, um ihm seinen Wahn zu benehmen, blieb er doch immer steif und fest dabei, gegen seine Mutter müßten sie alle mit einander einstecken.

Nun hatte jener Meister Raimond, der Arzt, ein wunderschönes Weibchen, und da er sich einen Spaß mit unserm Neuling machen wollte sagte er zu ihm: „Don Nerino [178] ich kenne eine Frau, wenn ihr die sehen solltet, ihr würdet sie wenigstens eben so schön finden als eure Mutter, ja vielleicht noch schöner, so ausgezeichnete Reize besitzt sie.“ - Nerino meinte er könne zwar nicht glauben, daß sie seine Mutter an Schönheit übertreffe, doch würde es ihm lieb sein, sie einmal zu sehn. „Wenn ihr es wünschet, sagte Raimond, so kann ich es wol so veranstalten, daß ihr sie zu sehn bekommt.“ „Ich würde es euch Dank wissen, erwiederte der junge Spanier.“ - „So kommt morgen früh nach dem Lustgarten am Thor, dort will ich sie euch zeigen.“ -

Sobald Raimond nach Hause kam sagte er zu seiner Frau: „zieh dich morgen bei Zeiten an, Genobbia, und putze dich nur recht hübsch, wir wollen ehe ich meine Kranken besuche, ein wenig miteinander spazieren gehn.“ Genobbia wunderte sich nicht wenig über diesen Einfall ihres Mannes, sie war gar nicht gewohnt bald hierhin bald dorthin zu laufen, blieb fast stets zu Hause und brachte ihre Zeit mit Nähen und Stricken zu. Weil es aber ihr strenger Eheherr verlangte schickte sie sich am andern Morgen zum Spaziergang an, ordnete ihren Anzug mit großem Fleiß, und wußte ihre Reize durch einen geschmackvollen Putz so zu erhöhen, daß sie wie ein Engel aussah.

Von einem Diener begleitet machte sich nun Raimond mit seiner Frau auf den Weg, und sie waren kaum in den Garten getreten, als auch der junge Spanier dort anlangte. Meister Raimond winkte ihm verstohlen zu, jener näherte sich ein wenig, ging einigemal an dem Ehepaar vorüber, um die Dame genau betrachten zu können, und fand, daß ihm der Doktor nicht zu viel von ihr gesagt hatte. Meister Raimond spazierte nun noch eine Zeitlang mit seiner Frau im Garten herum, und ließ sie dann in Begleitung des Dieners nach Hause gehn, weil er, wie er ihr sagte, noch Geschäfte in dieser Gegend der Stadt habe. Kaum war sie fort als er Nerino aufsuchte, um ihn noch ein wenig zu foppen. „Nun Herr, redete er ihn an, was dünkt euch von der Dame, die ihr mit mir gesehn habt? Glaubt ihr daß sie den Wettstreit mit irgend einer andern zu scheuen brauche? Ist sie schöner als eure Mutter, oder nicht?“ - „In der That, erwiederte jener, sie ist sehr schön, die Natur hätte sie nicht reizender bilden können. Sagt mir doch, ich bitte euch, wer ist sie, und wo wohnt ste?“ - Freund Raimond hatte aber ganz und gar keine Lust es ihm zu sagen, und machte Winkelzüge um seiner Frage auszuweichen. „Ihr wollt mir dies nicht beantworten, wie ich merke, sagte Nerino, so erzeigt wir mindestens den Gefallen, sie mich noch einmal sehn zu lassen.“ - „Ich werde mein mögliches thun, erwiederte der Doctor, kommt nur morgen um dieselbe Zeit hieher, vielleicht kann ich die Dame bereden, wieder einen Spaziergang zu machen.“ -

Am Abend sagte Raimond zu seiner Frau: „Ich hätte wol Lust morgen wieder ein wenig ins Freie mit dir zu gehn, schicke dich also frühzeitig dazu an, und putze dich recht hübsch, hörst du Genobbia, zieh dich so schön und sauber an als möglich, damit du mir Ehre machst.“ - Hatte sich Genobbia gestern schon über ihren Mann gewundert, so konnte sie ihn heute noch viel weniger begreifen, da sie aber wußte, daß mit ihm nicht viel anzufangen sei, erlaubte sie sich keine Einwendung und that am andern Morgen stillschweigend, was ihr befohlen worden.

Nerino hatte ihrer schon eine Weile gewartet als die reizend geschmückte Genobbia mit ihrem Mann in den Garten trat, und kaum erblickte der Jüngling die wunderschöne Frau wieder, die wo möglich noch lieblicher erschien wie das erste mal, als er sich von der höchsten Glut der Liebe ergriffen fühlte. Er wünschte sehnlich sie näher kennen zu lernen, und sobald er sah, daß Raimond sie abermals dem Schutz des Dieners übergeben hatte um seinen Geschäften nachzugehen, eilte er auf ihn zu und bat ihn inständigst ihm nicht länger zu verheelen wer jener Engel von Weibe sei. Raimond wollte ihm aber nicht Rede stehn, er that als müsse er auf das schleunigste zu seinen Kranken, ging lustig und guter Dinge davon und ließ den armen Verliebten da stehn, und sich vor Ungeduld an den Nägeln kauen. Voller Wuth, daß der Doctor ihn so geringschätzig behandelte, rief Nerino als er sich allein befand: „Du willst mir es verbergen wer sie ist, und wo ich sie finde, und dir zum Trotz werde ich’s doch erfahren.“ -

[181] Es war ihm nicht unbemerkt geblieben, daß die schöne Frau den Garten noch nicht verlassen, und einen Umweg genommen hatte, um noch ein wenig länger zu lustwandeln. Er stellte sich also dicht an den Ausgang, wartete dort bis sie kam, machte ihr eine feine, ehrerbietige Verbeugung, und setzte ihr von weitem nach, bis er sie in ihr Haus gehen sah. Da er nun wußte wo sie wohnte fing er seine Liebesbewerbungen damit an, daß er jeden Tag wenigstens zehn mal durch ihre Straße ging und nach ihrem Fenster guckte. Weil er aber hiedurch nicht weiter kam, sann er auf ein Mittel, wie er sie ihrer Ehre unbeschadet, wol auch einmal sprechen könne. Nach vielem Ueberlegen, und hin und her Denken, fiel es ihm endlich ein, sich um die Freundschaft einer alten Frau zu bewerben, die der Schönen gerade gegenüber wohnte. Durch einige Geschenke gelangte er auch zu seinem Zweck, und erhielt freien Zutritt im Hause der Alten. Es war in diesem Hause ein Fenster, welches gerade auf Genobbia’s Zimmer stieß, und aus welchem man alles sehen konnte was sie that. Hinter diesem Fenster stand nun Nerino Tag für Tag, und belauschte jeden ihrer Schritte, aber wagte es nicht [182] hervor zu treten ans Furcht, sie möchte sich dann seinen Blicken entziehen. Doch hieß dies nur der Flamme die an seinem Herzen zehrte Nahrung geben, und da er ihrer Gewalt nicht länger zu widerstehn vermochte, entschloß er sich endlich, an sie zu schreiben, und ihr den Brief in das Fenster zu werfen, zu einer Zeit wo er hoffen durfte von niemand gesehn zu werden. Diesen Vorsatz führte er auch ohne Zögern aus, allein mit sehr schlechtem Erfolg, denn die schöne Genobbia warf seine Liebesergießungen ungelesen ins Feuer, ohne sie auch nur eines Blicks zu würdigen. Davon nicht abgeschreckt wiederholte er seinen Versuch einmal und mehreremal, obgleich mit nicht besserm Glück. Am Ende bekam die Dame denn doch Lust einen der Briefe zu öffnen, und zu sehn was darinn stände. Sie faßte Muth, las ihn, und da sie fand, daß er von einem vornehmen spanischen Edelmann komme, der auf das sterblichste in sie verliebt sei, wurde sie ganz nachdenkend. Das traurige Leben welches sie bei ihrem Murrkopf von Mann führte stand lebhaft vor ihrer Seele, sie fing an den Briefsteller mit günstigern Augen zu betrachten, und es währte nicht lange, so gestattete sie ihm eine geheime Unterredung in ihrem Hause. Außer sich vor Freude eilte der Jüngling sich zu ihren Füßen zu werfen, und schilderte ihr seine Liebe und seine Qualen, die er um sie erduldet hatte, mit den glühendsten Farben. Er wurde aber sehr bald in seinen Betheurungen unterbrochen, denn Genobbia hörte ihren Mann an die Thür klopfen. Eiligst verbarg sie ihn hinter das Bett, und zog die Vorhänge zu. Meister Raimond, der nur etwas zu Hause vergessen hatte, nahm was er brauchte, und ging wieder fort, so daß auch Nerino sich davon machen konnte, ohne von ihm gesehn zu werden.

Am andern Morgen ging Nerino über die Straße und sah Raimond von weitem. Er winkte ihm zu, er habe ihm etwas mitzuteilen, und als er an ihn heran kam sagte er: „was gebt ihr mir, Herr Raimond, wenn ich euch etwas ganz neues erzähle?“ - „Was denn?“ fragte der Doctor „Ihr denkt wol, ich weiß nicht, wo jene schöne Frau wohnt? fuhr jener fort. Ihr irrt euch gewaltig, mein bester Freund, denn was noch mehr ist, ich bin gestern bei ihr gewesen, und habe ihr meine Liebe betheuert, und weil ihr Mann eben nach Hause kam hat sie mich hinter’s Bett verborgen damit er mich nicht sehen sollte, und er ist auch ohne Verdacht wieder fort gegangen.“ - „Wär’s möglich! rief Raimond ganz bestürzt.“ - „Ja, ja es ist recht gut möglich, und obenein ist’s wahr. Was für ein schönes liebenswürdiges Weib ist sie doch. Wenn ihr sie besuchen solltet, Meister Raimond, seid doch so gut, mich ihr zu empfehlen, und sie zu bitten, daß sie mir ihre Gunst erhalte.“ - Meister Raimond versprach sein Bestes zu thun, und ging voll Mißmuth fort. Doch fragte er noch ehe er sich entfernte, ob Nerino wieder hingehn würde. „Das könnt ihr denken,“ war die Antwort.

Raimond kam grimmig nach Hause, doch ließ er seiner Frau nichts von dem vorgefallenen merken, denn er wollte ihr auflauern, um Nerino bei ihr zu treffen. Am folgenden Tage ging dieser auch wieder zu ihr, er hatte aber kaum Genobbias Zimmer betreten als der Mann nach Hause kam. Schnell versteckte sie ihren Gast in einen Kasten und warf einen ganzen Haufen Kleider über ihn. Raimond trat nun ein, that als ob er etwas suche, warf alles unter einander, zog die Vorhänge des Betts auf, und da er durchaus nichts finden konnte, ging er mit ruhigerm Gemüth wieder fort, um seine Kranken zu besuchen.

[186] Als Nerino ihn Tags darauf wieder zu Gesicht bekam, sagte er ihm: „Ich bin gestern nochmals bei der schönen Frau gewesen, Herr Doktor, es ist aber zum Verzweifeln, da ist der Mann wieder nach Hause gekommen, uns zu stöhren.“ - „Und was habt ihr gemacht?“ fragte der Doktor. „Sie hat mich geschwind in einen Kasten gesteckt, und eine Menge Kleider über mich geworfen, die zum Glück bei der Hand waren. Er mußte wol Verdacht geschöpft haben, denn ich hörte wie er das Oberste zu Unterst kehrte, und alles durcheinander warf, er fand aber nichts, und ging seines [187] Weges.“ – Wie dem armen Meister Raimond bei dieser Erzählung zu Muthe war, kann man sich leicht vorstellen. Er verließ Nerino im höchsten Zorn, und beschloß, sich auf das bitterste zu rächen.

Sobald Nerino sich wieder bei der Dame seines Herzens befand säumte auch Raimond nicht, sich einzustellen. Genobbia hörte ihn nach Hause kommen, öffnete schleunig einen Schrank der in ihrem Zimmer stand und verschloß den Jüngling darinn. Der argwöhnische Ehemann trat mürrisch herein, störte in allen Winkeln herum, als wäre ihm etwas abhanden gekommen, zog die Bettvorhänge aus einander, schob die Kasten auf, und da er nicht fand was er suchte, riß er außer sich vor Wuth, einen Feuerbrand aus dem Kamin und steckte wie ein Rasender das Zimmer an allen vier Ecken an, entschlossen es mit allem was darinnen sei zu verbrennen. Schon hatte die Flamme die Mauern und das Gebälk ergriffen, als Genobbia sich von dem ersten Schreck über das rasende Benehmen ihres Mannes erholte und ihm zurief: „Was soll dies heißen, mein Herr? Sind Sie etwa toll geworden? Wollen Sie ihr Haus abbrennen, so brennen Sie es nach ihrem Gefallen ab, nur bitte ich mir’s aus, den Schrank dort unversehrt zu lassen, der die Papiere enthält, die mein Heirathsgut betreffen.“ – Und damit ließ sie vier tüchtige Lastträger rufen, und den Schrank hinüber in das Haus der alten Nachbarin tragen, wo sie Nerino in vollkommner Sicherheit wußte. Indessen stand Raimond noch immer auf der Lauer ob nicht der Gegenstand seiner Wuth aus irgend einem Schlupfwinkel hervorkommen würde, um dem immer mehr um sich greifenden Feuer zu entgehen. Er sah aber nichts als den unerträglichen Rauch, der in die Luft stieg und die lodernde Flamme die an seinem Hause zehrte. Schon waren die Nachbarn herbei gelaufen der Gewalt des Feuers Einhalt zu thun, und es gelang zuletzt ihren vereinten Bemühungen es zu löschen.

Am Morgen darauf trafen die Beiden wieder auf der Straße zusammen. Nerino lief auf den Doktor zu: „Freundchen, sagte er, ich muß euch etwas erzählen, das euch ungemein belustigen wird.“ – „Und das wäre?“ fragte Meister Raimond. „Ich bin gestern auf eine sonderbare Weise der aller drohendsten Gefahr entgangen, in der sich nur ein Mensch befinden kann. Ich hatte mich bei jener reizenden Dame eingefunden, und war eben im vertraulichen Gespräch mit ihr als der Mann nach Hause kam, alles über und unter einander warf, und als er nicht fand was er suchte, das Zimmer an allen vier Ecken ansteckte, und alles was sich darinn befand verbrannte.“ – „Und ihr, fragte jener begierig, wo waret ihr indessen?“ – „Ich steckte in einem Schrank, den sie aus dem Hause sandte.“ – Als Meister Raimond dies vernahm, und nur zu gut wußte, wie wahr es sei, glaubte er vor Aerger und Wuth sterben zu müssen, allein er verbarg sein Gefühl, so viel er es vermochte, mit dem Vorsatz, sich eine ausgezeichnete Rache zu verschaffen. – „Und werdet ihr dennoch wieder zu ihr gehn?“ fragte er. „Warum sollte ich nicht, antwortete jener, da ich dem Feuer so glücklich entgangen bin, was habe ich noch schlimmers zu befürchten?“ – Ehe sie schieden lud Meister Raimond den Spanier noch ein, am morgenden Tage bei ihm zum Mittage zu essen, und jener nahm die Einladung bereitwillig an.

[191] Am folgenden Tage ließ Meister Raimond ein prächtiges Gastmahl anrichten, bat einen Freund ihm sein Haus zur Aufnahme seiner Gäste zu gestatten, und lud alle seine Verwandten, so wie die seiner Frau ein. Auch Genobbia mußte mit hingehn, doch sollte sie nicht mit am Tisch sitzen sondern sich in einem andern Zimmer aufhalten, und für alles sorgen was zu der Mahlzeit gehörte. Die Gäste versammelten sich, man setzte sich zu Tisch, und nun that Meister Raimond sein Möglichstes den jungen Spanier berauscht zu machen, um ihn dann leichter in die Schlinge zu locken, die er ihm zu legen gedachte. Er trank ihm wacker zu, füllte ihm ohne Aufhören das Glas mit einem gefährlichen Wein, den er in dieser Absicht mitgebracht hatte, und als jener es ihm oft genug geleert zu haben schien sagte er zu ihm: „Ich bitte euch, Don Nerino, gebt doch der Gesellschaft irgend ein drolliges Histörchen zum besten.“ – Der arme Nerino, der nicht die leiseste Ahnung davon hatte, daß Genobbia Meister Raimonds Frau sey, fing an seine Begebenheit auf das umständlichste zu erzählen. Zufällig hörte es ein Diener mit an, er fand die Geschichte gar sehr hübsch, lief schnell in das Zimmer wo Genobbia sich befand und sagte: „Ach Madame“ da drinne erzählen sie die lustigste Geschichte, die ich in meinem Leben gehört habe. Stellt euch doch hinter die Thür und hört sie auch mit an, ich bitte euch.“ – Gennobbia ließ sich zureden, sie stellte sich an die Thür, horchte, und erkannte, daß die Stimme Nerino’s und die Geschichte ihre eigne sey. Ohne sich zu besinnen nahm das kluge Weib einen Demant-Ring den ihr Nerino geschenkt hatte, warf ihn in einen silbernen Becher, den sie mit vorzüglichem Wein füllte, und sagte zu dem Diener: „Bringe diesen Becher dem jungen Mann, der die Geschichte erzählt, und sage ihm leise, er möchte ihn austrinken, das Sprechen würde ihm dann leichter werden.“ – Der Diener nahm den Becher, trat hinter Nerinos Stuhl und sagte ihm wie seine Frau ihm geheißen: „Nehmt diesen Becher Herr, und trinkt ihn aus, damit euch das Sprechen leichter werde.“ – Nerino ließ sich dies nicht zweimal sagen, er leerte den Becher auf einen Zug, und als er auf den Grund kam wurde er den Ring gewahr, und erkannte ihn als den seinigen. Damit niemand etwas davon merken sollte, sog er ihn mit dem Getränk in den Mund, that dann als ob er sich die Zähne reinige, nahm ihn verstohlen heraus und steckte ihn an den Finger. Da er nun aus diesem Zeichen erkannt, daß die schöne Dame, von welcher er so eben sprach, Meister Raimonds Frau sei, hielt er inne mit seiner Erzählung. Und als Meister Raimond und alle Uebrigen in ihn drangen, er solle doch die angenehme Geschichte zu Ende bringen, sagte er: „Und damit, und damit krähte der Hahn, und es ward mit einem mal Tag, da wachte ich auf und der Traum war aus“. – Meister Raimond war wie aus den Wolken gefallen als er seinen schön angelegten Plan auf so unvermuthete Weise vereitelt sah, die andern Gäste aber, welche im Anfang geglaubt hatten Nerino erzähle eine wahre Geschichte, hielten nun dafür, der Wein sei ihm zu Kopf gestiegen, und er habe alles nur in der Trunkenheit gesprochen.

Einige Tage nach diesem Vorfall traf Nerino auf Raimond, er that, als wisse er noch immer nicht, daß er Genobbias [192] Mann sei, und erzählte ihm, er werde noch in dieser Woche nach Hause reisen, sein Vater schreibe ihm er solle zurück kommen. Sehr erfreut darüber wünschte ihm Meister Raimond Glück auf den Weg. Nerino gedachte aber nicht, die Reise ohne Gesellschaft zu machen, denn er wußte der Dame Genobbia so gut zuzureden, daß sie das Haus ihres Mannes heimlich verließ und mit ihm nach Spanien entfloh. Meister Raimond wüthete zwar im Anfange gewaltig als er ihre Flucht gewahr wurde, doch tröstete er sich am Ende über den Verlust einer Frau, um welche er so großen Verdruß ausgestanden hatte.

Anmerkung: S. über die vielen Gestalten, in denen der wesentliche Inhalt dieser Erzählung erscheint, Eschenburgs Anmerkungen zu Shakspeare’s lustigen Weibern zu Windsor. Wir fügen diesem nur gelegentlich hier zu die persische Novelle in Bahar-Danusch (Transl. by Jon. Scott, Shrewsbury 1799., Vol. 3. p. 291.) Erz. des zweiten Reisenden.