Textdaten
Autor: Friedrich Schiller
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Titel: Der Kampf mit dem Drachen
Untertitel: Romanze
aus: Friedrich Schiller:
Musen-Almanach für das Jahr 1799, S. 151–164
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum: 1798
Erscheinungsdatum: 1799
Verlag: J. G. Cotta
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Erscheinungsort: Tübingen
Übersetzer:
Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: HAAB Weimar, Kopie auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[151]
Der Kampf mit dem Drachen.


Romanze.


Was rennt das Volk, was wälzt sich dort
Die langen Gassen brausend fort?
Stürzt Rhodus unter Feuers Flammen?
Es rottet sich im Sturm zusammen,

5
Und einen Ritter, hoch zu Roß,

Gewahr’ ich aus dem Menschentroß,
Und hinter ihm, welch Abentheuer!
Bringt man geschleppt ein Ungeheuer,
Ein Drache scheint es von Gestalt,

10
Mit weitem Krokodilesrachen,

Und alles blickt verwundert bald
Den Ritter an und bald den Drachen.

      Und tausend Stimmen werden laut,
Das ist der Lindwurm, kommt und schaut!

15
Der Hirt und Heerden uns verschlungen,

Das ist der Held, der ihn bezwungen!
Viel andre zogen vor ihm aus,
Zu wagen den gewaltgen Strauß,

[152]

Doch keinen sah man wiederkehren,

20
Den kühnen Ritter soll man ehren!

Und zum Pallaste geht der Zug,
Wo Sankt Johanns des Täufers Orden,
Die Ritter des Spitals im Flug
Zu Rathe sind versammelt worden.

25
     Und vor den edeln Meister tritt

Der Großkreuz mit bescheidnem Schritt,
Nachdrängt das Volk, mit wildem Rufen.
Erfüllend des Geländes Stuffen,
Und jener nimmt das Wort und spricht:

30
Ich hab’ erfüllt die Ritterpflicht,

Der Drache der das Land verödet,
Er liegt von meiner Hand getödtet,
Frei ist dem Wanderer der Weg,
Der Hirte treibe ins Gefilde,

35
Froh walle auf dem Felsensteg

Der Pilgrim zu dem Gnadenbilde.

     Doch strenge blickt der Fürst ihn an
Und spricht: Du hast als Held gethan,
Der Muth ists, der den Ritter ehret,

40
Du hast den kühnen Geist bewähret.
[153]

Doch sprich! Was ist die erste Pflicht
Des Ritters, der für Christum ficht,
Sich schmücket mit des Kreutzes Zeichen?
Und alle rings herum erbleichen.

45
Doch er, mit edelm Anstand, spricht,

Indem er sich erröthend neiget.
Gehorsam ist die erste Pflicht,
Die ihn des Schmuckes würdig zeiget.

      Und diese Pflicht, mein Sohn, versetzt

50
Der Meister, hast du frech verletzt,

Den Kampf, den das Gesetz versaget,
Hast du mit frevlem Mut gewaget! –
Herr, richte wenn du alles weißt,
Spricht jener mit gesetztem Geist,

55
Denn des Gesetzes Sinn und Willen

Vermeint ich treulich zu erfüllen,
Nicht unbedachtsam zog ich hin,
Das Ungeheuer zu bekriegen,
Durch List und kluggewandten Sinn

60
Versucht ich’s, in dem Kampf zu siegen.


      Fünf unsers Ordens waren schon,
Die Zierden der Religion,

[154]

Des kühnen Muthes Opfer worden,
Da wehrtest du den Kampf dem Orden.

65
Doch an dem Herzen nagte mir

Der Unmuth und die Streitbegier,
Ja selbst im Traum der stillen Nächte
Fand ich mich keuchend im Gefechte,
Und wenn der Morgen dämmernd kam,

70
Und Kunde gab von neuen Plagen,

Da faßte mich ein wilder Gram,
Und ich beschloß, es frisch zu wagen.

      Und zu mir selber sprach ich dann:
Was schmückt den Jüngling, ehrt den Mann,

75
Was leisteten die tapfern Helden

Von denen uns die Lieder melden?
Die zu der Götter Glanz und Ruhm
Erhub das blinde Heidenthum?
Sie reinigten von Ungeheuern

80
Die Welt in kühnen Abentheuern,

Begegneten im Kampf dem Leu’n
Und rangen mit dem Minotauren,
Die armen Opfer zu befrein,
Und ließen sich das Blut nicht dauren.

[155]
85
     Ist nur der Saracen es werth,

Daß ihn bekämpft des Christen Schwerdt?
Bekriegt er nur die falschen Götter?
Gesandt ist er der Welt zum Retter,
Von jeder Noth und jedem Harm

90
Befreien muß sein starker Arm,

Doch seinen Muth muß Weißheit leiten
Und List muß mit der Stärke streiten.
So sprach ich oft und zog allein,
Des Raubthiers Fährte zu erkunden,

95
Da flößte mir der Geist es ein,

Froh rief ich aus, ich hab’s gefunden.

     Und trat zu dir und sprach dieß Wort:
„Mich zieht es nach der Heimat fort.“
Du Herr willfahrtest meinen Bitten

100
Und glücklich war das Meer durchschnitten.

Kaum stieg ich aus am heimschen Strand,
Gleich ließ ich durch des Künstlers Hand
Getreu den wohlbemerkten Zügen
Ein Drachenbild zusammenfügen.

105
Auf kurzen Füßen wird die Last

Des langen Leibes aufgethürmet,

[156]

Ein schuppicht Panzerhemd umfaßt
Den Rücken, den es furchtbar schirmet.

      Lang strecket sich der Hals hervor,

110
Und gräßlich wie ein Höllenthor

Als schnappt es gierig nach der Beute,
Eröfnet sich des Rachens Weite,
Und aus dem schwarzen Schlunde dräun
Der Zähne stachelichte Reihn,

115
Die Zunge gleicht des Schwerdtes Spitze

Die kleinen Augen sprühen Blitze,
In einer Schlange endigt sich
Des Rückens ungeheure Länge,
Rollt um sich selber fürchterlich,

120
Daß es um Mann und Roß sich schlänge.


      Und alles bild ich nach, genau,
Und kleid es in ein scheußlich Grau,
Halb Wurm erschiens, halb Molch und Drache,
Gezeuget in der giftgen Lache;

125
Und als das Bild vollendet war,

Erwähl’ ich mir ein Dockenpaar,
Gewaltig, schnell, von flinken Läufen,
Gewohnt den wilden Uhr zu greifen,

[157]

Die hetz ich auf den Lindwurm an,

130
Erhitze sie zu wildem Grimme,

Zu fassen ihn mit scharfem Zahn,
Und lenke sie mit meiner Stimme.

      Und wo des Bauches weiches Vließ
Den scharfen Bissen Blöße ließ,

135
Da reiz ich sie den Wurm zu packen,

Die spitzen Zähne einzuhacken.
Ich selbst, bewaffnet mit Geschoß
Besteige mein arabisch Roß,
Von adelicher Zucht entstammet,

140
Und als ich seinen Zorn entflammet,

Rasch auf den Drachen spreng ich’s los,
Und stachl’ es mit den scharfen Sporen,
Und werfe zielend mein Geschoß,
Als wollt’ ich die Gestalt durchbohren.

145
      Ob auch das Roß sich grauend bäumt

Und knirrscht und in den Zügel schäumt,
Und meine Docken ängstlich stöhnen,
Nicht rast ich, bis sie sich gewöhnen.
So üb ichs aus mit Emsigkeit,

150
Bis dreimal sich der Mond erneut,
[158]

Und als sie jedes recht begriffen,
Führ ich sie her auf schnellen Schiffen.
Der dritte Morgen ist es nun,
Daß mirs gelungen hier zu landen,

155
Den Gliedern gönnt ich kaum zu ruhn,

Bis ich das große Werk bestanden.

      Denn heiß erregte mir das Herz
Des Landes frisch erneuter Schmerz,
Zerrissen fand man jüngst die Hirten,

160
Die nach dem Sumpfe sich verirrten,

Und ich beschließe rasch die That,
Nur von dem Herzen nehm ich Rath.
Flugs unterricht ich meine Knappen,
Besteige den versuchten Rappen,

165
Und von dem edeln Dockenpaar

Begleitet, auf geheimen Wegen,
Wo meiner That kein Zeuge war,
Reit ich dem Feinde frisch entgegen.

      Das Kirchlein kennst du Herr, das hoch

170
Auf eines Felsenberges Joch

Der weit die Insel überschauet,
Des Meisters kühner Geist erbauet.

[159]

Verächtlich scheint es, arm und klein,
Doch ein Mirakel schließt es ein,

175
Die Mutter mit dem Jesusknaben,

Den die drey Könige begaben.
Auf dreimal dreißig Stufen steigt
Der Pilgrim nach der steilen Höhe,
Doch hat er schwindelnd sie erreicht,

180
Erquickt ihn seines Heilands Nähe.


      Tief in den Fels, auf dem es hängt,
Ist eine Grotte eingesprengt,
Vom Thau des nahen Moors befeuchtet,
Wohin des Himmels Strahl nicht leuchtet,

185
Hier hausete der Wurm und lag

Den Raub erspähend Nacht und Tag,
So hielt er wie der Höllendrache
Am Fuß des Gotteshauses Wache,
Und kam der Pilgrim hergewallt,

190
Und lenkte in die Unglücksstraße,

Hervorbrach aus dem Hinterhalt
Der Feind und trug ihn fort zum Fraße.

      Den Felsen stieg ich jezt hinan,
Eh ich den schweren Strauß begann,

[160]
195
Hin kniet’ ich vor dem Christuskinde,

Und reinigte mein Herz von Sünde,
Drauf gürt’ ich mir im Heiligthum
Den blanken Schmuck der Waffen um,
Bewehre mit dem Spieß die Rechte,

200
Und nieder steig ich zum Gefechte.

Zurücke bleibt der Knappen Troß,
Ich gebe scheidend die Befehle,
Und schwinge mich behend aufs Roß,
Und Gott empfehl ich meine Seele.

205
     Kaum seh ich mich im ebnen Plan,

Flugs schlagen meine Docken an,
Und bang beginnt das Roß zu keuchen,
Und bäumet sich und will nicht weichen,
Denn nahe liegt, zum Knäul geballt,

210
Des Feindes scheußliche Gestalt,

Und sonnet sich auf warmem Grunde,
Auf jagen ihn die flinken Hunde,
Doch wenden sie sich pfeilgeschwind
Als es den Rachen gähnend theilet,

215
Und von sich haucht den giftgen Wind,

Und winselnd wie der Schakal heulet.

[161]

      Doch schnell erfrisch ich ihren Muth,
Sie fassen ihren Feind mit Wuth,
Indem ich nach des Thieres Lende

220
Aus starker Faust den Speer versende,

Doch machtlos wie ein dünner Stab
Prallt er vom Schuppenpanzer ab,
Und eh ich meinen Wurf erneuet,
Da bäumet sich mein Roß und scheuet

225
An seinem Basiliskenblick

Und seines Athems giftgem Wehen,
Und mit Entsetzen springts zurück,
Und jetzo wars um mich geschehen –

      Da schwing ich mich behend vom Roß,

230
Schnell ist des Schwerdtes Schneide bloß,

Doch alle Streiche sind verloren,
Den Felsenharnisch zu durchbohren,
Und wüthend mit des Schweifes Kraft
Hat es zur Erde mich gerafft,

235
Schon seh ich seinen Rachen gähnen,

Es haut nach mir mit grimmen Zähnen,
Als meine Hunde wuthentbrannt
An seinen Bauch mit grimmgen Bissen

[162]

Sich warfen, daß es heulend stand,

240
Von ungeheurem Schmerz zerrissen.


      Und eh es ihren Bissen sich
Entwindet, rasch erheb ich mich,
Erspähe mir des Feindes Blöße,
Und stoße tief ihm ins Gekröse

245
Nachbohrend bis ans Heft den Stahl,

Schwarzquellend springt des Blutes Strahl,
Hin sinkt es und begräbt im Falle
Mich mit des Leibes Riesenballe,
Daß schnell die Sinne mir vergehn,

250
Und als ich neugestärkt erwache,

Seh ich die Knappen um mich stehn,
Und todt im Blute liegt der Drache.“ –

      Des Beifalls lang gehemmte Lust
Befreit jetzt aller Hörer Brust,

255
So wie der Ritter dieß gesprochen,

Und zehnfach am Gewölb gebrochen
Wälzt der vermischten Stimmen Schall
Sich brausend fort im Wiederhall,
Laut fodern selbst des Ordens Söhne,

260
Daß man die Heldenstirne kröne,
[163]

Und dankbar im Triumphgepräng
Will ihn das Volk dem Volke zeigen,
Da faltet seine Stirne streng
Der Meister und gebietet Schweigen.

265
      Und spricht: Den Drachen, der dieß Land

Verheert, schlugst du mit tapfrer Hand,
Ein Gott bist du dem Volke worden,
Ein Feind kommst du zurück dem Orden,
Und einen schlimmern Wurm gebahr

270
Dein Herz, als dieser Drache war.

Die Schlange, die das Herz vergiftet,
Die Zwietracht und Verderben stiftet,
Das ist der widerspenstge Geist
Der gegen Zucht sich frech empöret,

275
Der Ordnung heilig Band zerreißt,

Denn der ists, der die Welt zerstöret.

      Muth zeiget auch der Mameluk,
Gehorsam ist des Christen Schmuck;
Denn wo der Herr in seiner Größe

280
Gewandelt hat in Knechtes Blöße,

Da stifteten, auf heilgem Grund,
Die Väter dieses Ordens Bund,

[164]

Der Pflichten schwerste zu erfüllen,
Zu bändigen den eignen Willen!

285
Dich hat der eitle Ruhm bewegt,

Drum wende dich aus meinen Blicken,
Denn wer des Herren Joch nicht trägt,
Darf sich mit seinem Kreuz nicht schmücken.

      Da bricht die Menge tobend aus,

290
Gewaltger Sturm bewegt das Haus,

Um Gnade flehen alle Brüder,
Doch schweigend blickt der Jüngling nieder,
Still legt er von sich das Gewand
Und küßt des Meisters strenge Hand

295
Und geht. Der folgt ihm mit dem Blicke,

Dann ruft er liebend ihn zurücke
Und spricht: Umarme mich mein Sohn!
Dir ist der härtre Kampf gelungen.
Nimm dieses Kreuz, es ist der Lohn

300
Der Demuth, die sich selbst bezwungen.
SCHILLER.