Der König Auffahrer des Meers

Textdaten
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Autor: Ernst Meier
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Titel: Der König Auffahrer des Meers
Untertitel:
aus: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, S. 246-253
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: C. P. Scheitlin
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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72. Der König Auffahrer des Meers.

Es war einmal ein junger König, den nannte man gewöhnlich: König Auffahrer des Meers, wahrscheinlich, weil er schon viel auf dem Meer herumgefahren. Diesem Könige träumte es einst drei Nächte hinter einander: er solle ein armes Mädchen heirathen, das keinen Kreuzer Geld besitze. Das erste Mal lachte er darüber. Als aber der Traum sich dreimal wiederholte, schien ihm die Sache doch ernstlich zu sein, und er dachte darüber hin und her und meinte endlich: er könne auch wohl mit einer solchen Frau glücklich werden, wenn sie sonst nur brav und lieb sei. Deshalb unternahm er alsbald eine große Reise, um sich in der Welt umzusehen und sich eine Frau auszusuchen.

Da geschah es, daß er eines Abends in ein Dorf kam und bei einem armen Schuster übernachten mußte. Der Schuster aber hatte eine junge hübsche Tochter, die machte für den König das Abendeßen und das Nachtlager zurecht, und gab dann dem Könige auf alle Fragen, die er an sie richtete, so gute und kluge Antworten, daß sie ihm überaus wohl gefiel und er noch an demselben Abend den Schuster bat: er möge ihm doch seine Tochter zur Frau geben. Der arme Schuster ward fast böse über diesen Heirathsantrag, indem er glaubte, der König wolle ihn zum Besten haben. Er sagte ihm deshalb: „Herr König, Ihr solltet meiner Armuth nicht spotten! Mein Kind ist zwar brav und gut; aber ich weiß recht wohl, daß ihm Alles fehlt, was die Gemahlin eines Königs besitzen muß.“ Als aber der König [247] mit allem Ernst versicherte, daß seine Tochter und keine andre seine Gemahlin werden müße: da sagte der Schuster: „nun, so will ich nichts mehr dagegen sagen, und ihr müßt es mit meiner Tochter ausmachen.“ – Als nun der König am andern Morgen mit der Tochter allein im Garten war, und ihr versicherte, daß er sie sein Lebenlang lieb haben und beschützen wolle, da gab sie ihm endlich ihr Wort, und bald darauf wurde die Hochzeit gefeiert und die beiden lebten sehr vergnügt mit einander.

Aber schon nach einem halben Jahre brach ein schwerer Krieg aus und der König mußte sich an die Spitze seines Heeres stellen, und weit bis an die Gränzen seines Landes fortziehen. Wie er nun schon mehre Monate abwesend war, da kriegte seine Frau auf einmal drei wunderschöne Kinder, zwei Buben und ein Mädchen, die hatten jedes ein goldenes Kreuz auf dem Rücken. Die Mutter des Königs aber war eine böse Frau und konnte die junge Königin nicht leiden, weil sie so arm und von ganz niederer Herkunft war. Deshalb nahm sie ihr alsbald die drei Kinder weg und schrieb ihrem Sohne: seine Frau müße eine rechte Hexe sein, denn sie habe ihm drei Hunde geboren. Darüber wurde der König gar zornig und schrieb sogleich zurück: man solle die Hunde nur in’s Waßer werfen, seine Frau aber in einen tiefen Thurm einsperren, bis er selbst zurückkomme. So geschah es denn auch. Die Königin wurde festgesetzt und bekam Waßer und Brod; die drei Kinder aber ließ die gottlose Schwiegermutter in ein Faß verschließen und so in’s Waßer werfen. Das Faß aber schwamm auf dem Fluße [248] fort und kam endlich an eine Mühle. Da bemerkte es der Müller und zog es heraus und öffnete es, und wie verwunderte er sich da, als er drei wunderschöne Kinder darin fand. Die brachte er sogleich seiner Frau, und zog sie auf wie seine eigenen Kinder, deren er fünf hatte.

So waren beinah fünfzehn Jahre vergangen. Der König mußte beständig Krieg führen, seine Gemahlin blieb in dem Thurme sitzen und seine drei Kinder wurden in der Mühle groß gezogen. Nun geschah es aber, daß die Kinder des Müllers sich mit den Königskindern nicht gut vertragen konnten, indem jene sie oft von ihren Spielen ausschloßen und sie neckten, daß sie ja keinen Namen und keine Heimath hätten und bloß gefundene Kinder wären. Das verdroß die Königskinder endlich so sehr, daß sie sich verabredeten, die Mühle zu verlaßen, und eines Tages heimlich fortzogen weit weit in den Wald hinein. Da begegneten ihnen mancherlei Leute; sie giengen aber kecklich an allen vorüber und die Knaben zogen vor Niemanden ihr Käpplein vom Kopfe. Endlich kamen sie auch zu einer alten Frau, die war eine Zauberin, und als sie bei ihr sich nach dem Wege erkundigten, so sagte sie ihnen, sie sollten nur bei ihr bleiben, sie habe ihnen etwas Wichtiges zu entdecken, wodurch sie glücklich werden würden. Dann erzählte sie ihnen, daß hier im Walde ein verwünschtes Schloß stehe, und das könnten sie erlösen. „Ihr braucht bloß, sagte sie, den Käfig mit der Amsel aus dem Schloße zu holen; müßt Euch aber durch nichts aufhalten laßen und müßt eilen; denn nur Mittags zwischen 11 und 12 Uhr ist das Schloß zugänglich und [249] die Erlösung möglich. Wem die Erlösung gelingt, der bekommt das Schloß mit allen Schätzen darin.“

Darauf zogen die beiden Prinzen das Loos, und der eine, den es traf, der machte sich sogleich auf den Weg, um das schöne Schloß zu gewinnen. Er kam auch richtig alsbald hin, und da es eben Mittag war, konnte er ungehindert hineingehen. Da konnte er nicht genug staunen über das prächtige Schloß und wollte sich die Zimmer einmal ansehen. In dem ersten, das er aufmachte, waren lauter Affen, in dem zweiten ein Löwe, in einem dritten ein Bär. Wie er diesen eben betrachtete, hörte er auf einmal eine so wunderschöne Musik, wie er in seinem Leben noch keine gehört hatte, und blieb ganz entzückt still stehen und horchte und horchte. Aber plötzlich that es einen mächtigen Knall, daß er vor Schrecken zusammenfuhr und meinte, das Schloß wolle einfallen. Es hatte nämlich eben zwölf geschlagen und so hatte er die Stunde der Erlösung versäumt. Zugleich aber waren alle Thüren fest verschloßen und er konnte nicht mehr hinauskommen.

Als er am folgenden Tage nicht zurückkam, sagte die Zauberin zu dem zweiten Prinzen: „nun kannst Du Dich auf den Weg machen und Dein Glück probiren; Dein Bruder hat die rechte Stunde versäumt und das Schloß nicht erlöst. Du darfst Dich ja nicht zu lang darin aufhalten!“ Nein, das wollte er auch nicht, sagte der Prinz, und reiste ab und kam zu dem Schloße und sah die Thiere und hörte die wunderschöne Musik, und konnte sich gar nicht satt daran hören; und da gieng’s ihm gerade so wie seinem [250] Bruder. Er verspätete sich, es that einen heftigen Knall und er war eingesperrt und konnte nicht mehr aus dem Schloße kommen.

Am andern Tage sagte die alte Zauberin zu der Prinzessin: „jetzt kannst Du noch wieder gut machen, was Deine Brüder versäumt haben, und kannst sie selbst zugleich aus dem verzauberten Schloße befreien.“ Dann wiederholte sie ihr noch einmal Alles genau, was sie zu thun hatte, und darauf gieng sie hin zu dem Schloße. Wie sie hineintrat, kamen ihr sogleich ihre Brüder entgegen und klagten ihr Unglück; sie aber gab ihnen keine Antwort und eilte, ohne auf die schöne Musik zu hören, von einem Zimmer in’s andere, bis sie endlich im allerletzten den Käfig mit der Amsel fand; den ergriff sie schnell und eilte damit eben so flink zum Schloße hinaus, wie sie hereingekommen war. Kaum aber war sie draußen, so that’s einen furchtbaren Knall und dann riefen eine Menge Stimmen mit einander: „Vivat hoch, jetzt sind wir erlöst!“ Darauf hatten die Affen, der Löwe und der Bär wieder ihre menschliche Gestalt bekommen und bedankten sich vielmals bei der Prinzessin, daß sie sie erlöst hatte. Ihre Brüder aber blieben bei ihr in dem Schloße und waren nun alle ganz glücklich.

Von diesem Schloße aber wurde in der ganzen Welt viel gesprochen, besonders aber von der Amsel, die darin war; denn die konnte sprechen wie ein Mensch und wußte Alles, was seit hundert Jahren geschehen war, und was in den nächsten hundert Jahren geschehen werde, weshalb oftmals [251] vornehme Herren und Damen dahin zogen, um sie zu befragen.

Auch der König Auffahrer des Meers, der noch immer im Kriege war, hatte von dieser Amsel gehört, und als er nun nach einigen Jahren endlich Frieden machen konnte und auf seiner Heimreise in die Nähe des Schloßes kam, so kehrte er daselbst ein und wurde freundlich empfangen. – Nach einiger Zeit erkundigte er sich auch nach der wunderbaren Amsel, von der er gehört hatte, und wünschte sie zu sehen und eine Probe mit ihr anzustellen. Alsbald führte man ihn in das Zimmer, wo der Käfig mit der Amsel hieng. Wie die Amsel den König erblickte, grüßte sie ihn sogleich als „König Auffahrer des Meers,“ worüber der König sich nicht genug verwundern konnte und sprach: „nun, wenn Du meinen Namen und Stand kennst, so sag mir auch einmal, was mir vor achtzehn Jahren wiederfahren ist!“

Da begann die Amsel: „Herr König, vor achtzehn Jahren träumtet Ihr dreimal nach einander: Ihr solltet ein ganz armes Mädchen heirathen, das keinen Kreuzer Geld habe. Dann zoget Ihr aus und verspracht der Tochter eines armen Schusters unter freiem Himmel die Ehe und habt sie auch geheirathet und lieb gehabt. Bald aber mußtet Ihr in den Krieg. Indessen gebar Eure Frau drei Kinder zumal, zwei Knaben und ein Mädchen; Eure Mutter aber, die die junge Königin wegen ihrer Armuth haßte, schrieb Euch, sie habe drei Hunde geboren, und darauf befahlt Ihr, die Hunde in’s Waßer, die Königin aber in einen tiefen Thurm zu werfen. Und das Alles hat Eure Mutter [252] auch ausführen laßen.“ Da weinte der König bitterlich und klagte: „ach, wie man berichtet wird, so richtet man!“ – Die Amsel aber fragte ihn: ob er auch noch weiter wißen wolle, was aus seinen Kindern geworden sei? „Ach, die Armen werden elendiglich ertrunken sein!“ sagte der König. Darauf erzählte die Amsel ihm die ganze Geschichte, wie der Müller die Kinder gefunden und aufgezogen, wie sie dann in ihrem fünfzehnten Jahre von den Kindern des Müllers angefeindet und heimlich weggegangen seien, und wie sie endlich in einem Walde ein verwünschtes Schloß mit der sprechenden Amsel erlöst hätten, und jetzt alle drei vor ihrem Vater stünden.

Da hätte man die Freude sehen sollen, die der König hatte, als er seine Kinder herzte und küßte, und wie die Kinder sich freuten, als sie zum ersten Male ihren Vater sahen! Dann aber fragte der König die Amsel: „was ist denn aus meiner Frau geworden?“ „Die schmachtet, sagte die Amsel, seit siebzehn Jahren in dem Thurme bei Waßer und Brod, wie Du es befohlen.“

Da reiste der König schnell ab und das erste, was er that, als er in seinem Schloße ankam, war dieß, daß er seine böse Mutter in zwei Stücke zersägen ließ. Dann holte er selbst seine arme Gemahlin aus dem Gefängnisse und bat sie tausendmal um Verzeihung. Sie sagte: „ich vergebe Dir gern, was Du mir angethan; aber Deine Frau kann ich nicht länger sein; nimm Dir eine andere Königin.“ Und soviel der König sie auch bitten mochte, so [253] blieb sie doch bei ihrem Vorsatze und zog zu ihrer Tochter und ihren beiden Söhnen. Bei denen lebte sie nun in Frieden und Freude bis an ihr Ende.

Anmerkung des Herausgebers

[316] 72. Der König Auffahrer des Meers. Mündlich aus Bühl. Die goldenen Kreuze, die sonst auf der Stirne stehen, sind Zeichen edler Abkunft. Das Aussetzen der Kinder mahnt an uralte Sagen. Vgl. Mose; Siegfried (Sigurd) nach der Wilkina-Sage. Eine merkwürdige Verwandtschaft hat die Erzählung in 1001 Nacht: von den beiden auf ihre jüngste Schwester neidischen Schwestern. Nacht 426-436 in der Breslauer Uebersetzung. In Wolf’s Hausmärchen: die drei Königskinder, S. 168 ff. stimmen ganz zu der arabischen Erzählung: der Baum mit goldenen Früchten (statt des singenden Baums), der sprechende Vogel und das springende (tanzende) Waßer, das sich als Waßer des Lebens erweist. Zwei Kinder sehen sich um, als sie diese Dinge auf Anreizung der böslichen Großmutter holen wollen und werden in Salzsäulen verwandelt. Der jüngsten Schwester gelingt’s, zugleich erweckt sie mit dem Waßer die Salzsäulen. Im Arabischen steht dafür ein schwarzer Stein. Statt der drei Hunde der schwäbischen Erzählung hat die arabische: einen Hund, eine Katze und ein Stück Holz, die als drei verschiedene Misgeburten angegeben werden. Bei Grimm entspricht Nr. 96: „de drei Vügelkens.“ Vgl. besonders die Anmerkungen dazu. In den Nächten des Strapparola: „die drei Königskinder.“ Nr. 44 in der Uebers. von Schmidt.