Textdaten
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Autor: Karl Müller
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Titel: Der Bau des Finkennests
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 270–271
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der Bau des Finkennestes.
Von Karl Müller.


Je sorgfältiger und gewissenhafter der Naturforscher beobachtet, je tiefer er einzudringen sucht in das Wesen und die Eigenthümlichkeiten der Geschöpfe, desto mehr überzeugt er sich von der Unabsehbarkeit des zu erforschenden Gebietes und von der Nothwendigkeit der Concentrirung der Kräfte des Einzelnen auf abgegrenzte Gebietszweige. Wenn es jemals fruchtbar und Nutzen bringend gewesen ist, „ein Steckenpferd zu reiten“, so war es die Forschung des naturwissenschaftlichen Specialisten. Keineswegs soll damit gesagt sein, daß sein Blick nicht über die Grenzen seines Lieblingsstudiums hinaus schweifen dürfte, behüte! denn Vielseitigkeit des Wissens und Strebens kann nur da schaden, wo Oberflächlichkeit mit ihr im Bunde steht. Aber die Hauptthätigkeit muß sich in einem engeren Rahmen bewegen und eine Hauptaufgabe die Aufgabe des ganzen Lebens sein. An Solchen wird es nie fehlen, welche die Resultate der Forschung in dickleibigen Bänden zusammenzustellen wissen, aber nicht sie sind die Forscher, sondern diejenigen, welche sich selbst auf den Weg machen, mit eignen Sinnen wahrnehmen und mit aufopferndem Fleiß unmittelbar aus den Tiefen der herrlichen, prächtigen Natur schöpfen.

Wie ist mir diese Wahrheit in diesen Tagen wieder so anschaulich und klar geworden, in diesen Tagen des verjüngten Lebens, wo weniger schon der grüne Schmuck des Naturgewandes, als die ahnungsvollen Lieder gewisser Sänger unserer Gärten und Wälder und andere lebhafte Aeußerungen des mächtigsten Seelentriebes dieser Thierchen unsere Aufmerksamkeit fesseln.

Ein zutrauliches Edelfinkenpaar hatte sich am 28. März meinen Blicken verrathen, als ich Morgens um zehn Uhr in einem sonnig gelegenen Garten auf- und abging. Ich sah es dem Finkenmännchen an der gekrümmten Haltung und den gesenkten Flügeln an, und seine feinzirpenden Töne bestätigten mir es, daß es der glückliche Gatte des stilleren Weibchens war, welches in seiner Nähe auf dem Knotenpunkte dreier anderthalb Zoll dicker Aeste eines jungen Zwetschenbaumes in anderthalb Manneshöhe zu bauen begann. Die Stelle war wahrscheinlich erst am frühen Morgen oder am Tage zuvor zum Nistplätzchen erkoren worden, denn kaum meinem scharfen Auge bemerklich hatte das Weibchen einen Anfang zum Neste durch Anheften einiger Flechten gemacht. Es regte sich in mir die Lust der Beobachtung, und ich beschloß, die Stufenleiter des Nestbaues in der Weise, wie wir Brüder es uns zur Aufgabe gestellt haben, zu verfolgen. Der Vogel nahm, an Menschen gewöhnt, keine Notiz von mir, obgleich ich mich ihm auf kaum fünf Schritte näherte und an den Stamm eines Baumes mit dem Rücken anlehnte. Eben war der Finke mit seiner Arbeit fertig geworden, und ich sah ihn auf einen alten, in der Nähe stehenden Apfelbaum fliegen, wo er von den Aesten und dem Stamme, an welchen er sich kletternd anklammerte, feine Flechtenblättchen ablöste und zur Niststätte trug. Mit einem fröhlichen „Ju!“ kam er an und setzte sich in die für das Nest sehr geeignete Vertiefung des Quirls. Doch erhob er sich sogleich wieder, beugte sich mit Kopf und Vorderleib über den Astrand gerade nach mir zu und heftete mit gesträubten Kopffedern unter nicht zu verkennender Anstrengung das Baumaterial, so weit er hinunter reichen konnte, an, öffnete mit eigenthümlich vibrirender Bewegung des Kopfes den Schnabel, drückte denselben seitlich an und strich schmierend über die Flechten hin, wie etwa ein Buchbinder das Falzbein zum Glätten anwendet. Dies dauerte wenige Secunden, worauf sich der Vogel in derselben Weise, wie vorher, entfernte und von demselben Baume, ja so ziemlich von denselben Stellen neue Flechten holte. Um Alles untrüglich zu beobachten, nahm ich einen sogenannten Operngucker zu Hülfe. Nach Verlauf von zehn Minuten, während welcher Zeit der Finke ab und zu flog, unterbrach er plötzlich seine Thätigkeit und ließ sich auf dem Rasen nieder, um Nahrung zu suchen. Das Männchen that desgleichen und hüpfte viele Schritte von dem Weibchen entfernt umher. Deutlich bemerkte ich seine Erregtheit, und als die Gemahlin sich erhob, um die unterbrochene Arbeit fortzusetzen, flog [271] es auf einen benachbarten Baum, um Wache zu halten und Zeuge von dem weiblichen Fleiß zu sein.

Nach einiger Zeit besuchte unser Baukünstler andere Bäume und auch bemooste Mauern. Siehe! da kam er zurück, bald mit Moos, bald mit Flechten, bald mit Insectengespinnsten versehen, welch’ letzteren Stoff er über die ersteren zog und an der rauhen Rinde anhing oder um einen jungen Trieb schlang. Außer Gespinnsten und Speichel gebrauchte er jetzt noch kein anderes Bindemittel. Daß der Speichel nicht durch die Zunge auf das Baumaterial übermittelt wurde, konnte ich daran erkennen, daß sie beim Oeffnen des Schnabels sich nirgends anlehnte, sondern frei gehoben wurde. Vielmehr wurden die Stoffe theils im Schnabel schon angefeuchtet, zum Theil trat aber auch der Speichel an den Mundwinkeln beim Andrücken des Schnabels und beim Glätten mittels desselben hervor. Bei jeder neuen Zuthat untersuchte der sich niedersetzende, mit den Flügeln arbeitende und nach verschiedenen Richtungen sich drehende Künstler die Grundlage. Am Nachmittage entfernte sich das Edelfinkenpaar von der Niststätte, und das Weibchen kehrte nicht mehr mit Baustoff zurück.

Am nächsten Morgen um neun Uhr ging ich wieder zur Stelle und fand, daß eine fingerdicke Wand ringsum aufgebaut war. Je weiter nun der Baumeister fortschritt, desto mannigfaltiger zeigte er sich im Besuche von Oertlichkeiten, wo er Material aufnahm. Aus Mauerlöchern, offenen Holzböden, zerfallenen Ställen und aus aufgeschichtetem Holz in den Nachbarhöfen holte er Gespinnste, auf der Straße nahm er dünne Cordelstückchen, Zwirnsfädchen und Wolle auf, die er ebenfalls als Heftemittel verwendete, aber auch großentheils planlos in das Nest einfügte. Viele schmale Bastschnüre von Birken- und Tannenholz, welches ein Bäcker in seinen Garten gesetzt hatte, waren zu gleichem Zweck bestimmt und wurden namentlich in die Nestwand eingeflochten. Gewahrte das aufmerksame, kunstsinnige Thierchen eine störende Unebenheit, sofort war der geschäftige Schnabel bereit, zu ordnen, zu ebnen und auszugleichen. Kam es mit neuem Baustoff, so bemerkte ich niemals eine Verlegenheit an ihm in Hinsicht der Stelle, wo er angebracht werden sollte; es war vielmehr, als habe der Meister den Plan hierzu schon vorher beim Wegfliegen entworfen, oder als übersehe er bei der Ankunft mit einem einzigen Blick alle Mängel und Bedürfnisse. Das Herzutragen des Baustoffs geschah je nach dem leichteren oder mühsameren Auffinden desselben unter Zwischenräumen von einer bis zu zwei Minuten. Von Zeit zu Zeit stellte ich eine kleine Leiter an, um das Nest genau zu untersuchen. Dies that ich aber nur dann, wenn der Vogel eben sein Nest verlassen hatte. Mehrmals zankte das Männchen und lockte, mich umflatternd, das Weibchen herbei, allein sobald ich herabgestiegen war und die Leiter wieder entfernt hatte, beruhigte sich das Paar. An den Mundwinkeln des Finkenweibchens entdeckte ich einige nasse Federchen. Es mag sein, daß dies vielleicht von dem Thau herrührte, den die Sonne noch nicht überall weggeleckt hatte; auch konnte der Umstand Antheil hieran haben, daß der Vogel aus feuchten Mauerhöhlen Spinnewebe hervorholte. Ich will mich durch keine vorgefaßte Meinung zu verwegenen, unsicheren Schlüssen hinreißen lassen, ich will auch meine Beobachtungen und Untersuchungen noch nicht für geschlossen und fertig erklären. So viel aber bleibt unumstößlich, daß die anstrengenden Bewegungen des Kopfes mit geöffnetem Schnabel, sowie das Hin- und Herschmieren mittels des letzteren auf Speichelabsonderung hindeuten.

In der Nacht vom zweiten auf den dritten Tag fiel Schnee, der erst vor den Blicken der steigenden Sonne schmolz. Die rauhe Witterung verursachte, daß der Finke seine Thätigkeit öfters unterbrach und mehr der Nahrung nachging. Dennoch schritt der Bau sichtlich voran.

Am vierten Morgen um neun Uhr hatte die Nestwand eine Höhe von mehr als zwei Mannesfinger Dicke erreicht. Immer mannigfaltiger und wählerischer zeigte sich der Baumeister beim Aufsuchen von Material, auch entfernte er sich oft weiter als gewöhnlich und kehrte nicht so rasch von seinen Excursionen zurück. Während des Bauens schien er sich jetzt auch mehr Besonnenheit und ordnenden Kunstsinn zur Aufgabe gemacht zu haben. Ich sah, daß er mit den Flügeln und der Brust mehr arbeitete, sich eifriger im Neste drehte und wendete, einzelne Moos- oder Flechtentheilchen ansetzte und wieder wegnahm, um sie an eine andere Stelle zu heften, oder auch vielleicht zu rauhe Stoffe prüfend im Schnabel hin und her wendete und schließlich fallen ließ. Verließ er das Nest, so geschah es jetzt mit dem Lockruf „Fink“. Da, wo dasselbe auf der Grundlage der Aeste aufgerichtet oder an dieselben angelehnt war, verwendete der Finke am wenigsten Sorgfalt auf den Bau, dagegen erschien der zwischen den Aesten aufgerichtete Theil in schöner Wölbung und durchaus solid. Da die Aeste an sich schon eine Wandung bildeten, so wurden sie nur sehr dünn mit Baustoff überzogen.

Am fünften Morgen erreichte das Nest fast seine vollkommene Höhe und der Rand neigte sich in bedeutender Wölbung nach Innen. Außer dem bisher gebrauchten Stoff kamen schmale Papierstreifchen spärlich in Anwendung, welche nebst dünnen Stengelchen in die innere Nestwand eingeflochten wurden, auch bediente sich der Künstler fein zerschlissener Hälmchen und eben so feiner Würzelchen zum Flechtwerk. Er kam mir noch erregter vor, als am vorhergehenden Morgen, ab und zu ließ er sein „Ju pink!“ ertönen, während das zuweilen in seiner Begleitung ankommende Männchen ihm antwortete. Sein Verweilen im Neste war von längerer Dauer; ich sah von erhöhtem Standpunkt aus, daß das Anschmiegen und Andrücken der Brust und des Leibes mit über den Rücken zur Höhe gerichteten Flügeln geschah, deren Federn dadurch auseinander zu stehen kamen. Die Bewegungen des Vogels erschütterten das ganze Nest, und wenn er sich still niederdrückte, so schlossen sich seine Augen zur Hälfte und der Schnabel wurde hoch gehoben. Viertelstundenlang trug er nichts als Gespinnste herzu, deren Fädchen er nach allen Richtungen hin zog und oft über große Theile des Nestes schlang. Bisweilen erhob er sich, sprang auf den Nestrand, faßte ein loses, von der Luft entführtes Ende mit dem Schnabel und zog es in das Nest hinein. Noch um ein Uhr Mittags sah ich ihn im Neste sitzen und bauen, später nicht mehr, und als es ziemlich stark zu regnen anfing, begab ich mich wiederholt zur Stelle, um zu sehen, ob der Künstler auch sein Nest vor Nässe zu schützen suche. Beide Finken aber waren weder zu sehen, noch zu hören.

Am sechsten Morgen um neun Uhr war das Nest bis auf die innere Auspolsterung vollendet. Auf den Grund des Inneren legte Frau Finke Flechten- und Mooskrausen und drückte sie mit Füßen und Leib nieder. Mitunter glättete und überzog sie mit Speichel noch den Nestrand. Das Verhältniß zwischen Männchen und Weibchen hatte sich unterdessen inniger gestaltet. Das bewegte Spiel der Minne begann von Seiten des Ersteren unter Verfolgung und Neckereien, so daß das bauende Weibchen viel seltner das Nest besuchte, ja einige Mal wurde es sogar von dem erregten Hahn in seiner Arbeit geradezu gestört.

Am siebenten Morgen kamen die Pferdehaare an die Reihe, welche neben und unter feinen Hälmchen eingeflochten und mit Gewebe hier und da von dem Nestrande aus überzogen wurden, wobei der Vogel sich hinten hob, um mit dem Schnabel im Inneren arbeiten zu können. Größere Besorgniß gab sich jetzt in ängstlich wiederholtem „Pink“ kund, wenn ein Raubvogel von ferne sich zeigte und die seiner spottenden Bachstelzen ihm im Bogenfluge durch die Luft folgten, oder wenn eine lüsterne Katze daher schlich. Die Liebe zum Neste war mehr und mehr gestiegen, während des ungeduldigen Männchens Zärtlichkeitserweisungen noch immer mit einem Benehmen zurückgewiesen wurden, welches etwa zu verstehen gab: ich liebe Dich sehr, aber jetzt habe ich zum Schönthun und Kosen noch keine Zeit. Gegen Mittag fügte der Künstler noch mehrere Büschel feiner Katzen- und Marderhaare als Polster in das Nest ein und beendete damit seine Arbeit für diesen Tag.

Der achte Tag erschien als derjenige, an welchem das Nest zur völligen Vollendung kam. Büschel von Kuhhaaren und Federchen gaben dem Polster die erwünschte Dicke und Wärme.

So stand das Meisterwerk des unscheinbaren Vogels vor meinen musternden Blicken, der Bewunderung selbst der genialsten menschlichen Baukünstler werth, als ein Zeugniß der wunderbaren Seelenkräfte, welche in den mannigfaltigsten Formen im Leben der Geschöpfe sich offenbaren.