Das größte Kriegsschiff der Erde ein deutsches

Textdaten
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Autor: M. von Weber
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Titel: Das größte Kriegsschiff der Erde ein deutsches
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 272
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1869
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[272] Das größte Kriegsschiff der Erde ein deutsches. Als vor zwei Decennien der deutsche Geist mächtig zur Einigung des Vaterlandes drängte, legte man auch mit frohester Hoffnung den Grund zu einer deutschen Flotte. Wie diese Hoffnung realisirt und wie die wenigen angeschafften Materialien und Fahrzeuge des jungen Unternehmens auf schmähliche Weise verschachert und zersplittert wurden, ist allbekannt. Um so mehr muß es jeden Deutschen, welcher Partei er auch angehören mag, erfreuen, in den bedeutsamen Anfängen einer jungen norddeutschen Flotte endlich für die Erfüllung des langgehegten Wunsches zuverlässige Garantieen zu finden. Nicht bloß sanguinische Patrioten, nein, auch fremde, durchaus competente Fachleute erkennen die Lebenskraft des neuen Schmerzenskindes deutscher Nation an.

So äußerte ein schwedischer Admiral, welcher vor einigen Monaten die norddeutsche Flotte in Augenschein nahm: dieselbe bestehe zwar aus nicht vielen, aber durchaus mustergültigen Fahrzeugen und sei im Besitz des gar nicht hoch genug anzuschlagenden Vortheils, nicht, wie viele andere, in Arsenalen und Docks eine Masse halb oder gar nicht tüchtigen Materials aufbewahren zu müssen. Ueberdies habe sie in der unvergleichlich tüchtigen Bemannung der norddeutschen Handelsflotte den Stoff zu einer trefflichen Equipirung zur Hand.

In neuester Zeit hat das junge Unternehmen eine mächtige neue Grundlage durch Erwerb eines überaus gewaltigen Kriegsschiffes „“König Wilhelm“ gewonnen. Die folgenden Notizen, welche dem hervorragendsten technischen Journale Englands, „The Engineer“, entnommen sind (das sich seinerseits der directen Mittheilungen der Erbauer der Maschinen des „König Wilhelm“, der Herren Mandslay und Field, erfreute), mögen dem Leser ein Bild von den Dimensionen dieses Kolosses geben. Am 15. Februar fand die Probefahrt des „König Wilhelm“ vor der Commission preußischer Officiere auf der abgemessenen Wegmeile bei den Maplin-Sands in der Themse statt, wo seine außerordentliche Leistungsfähigkeit erkannt und das neue Schiff als das Meisterstück seines Erbauers, des Ober-Constructors der englischen Flotte, Herrn E. T. Reed, gekennzeichnet wurde. Der „König Wilhelm“ ist dem berühmten englischen Panzerschiff „Hercules“ an Schnelligkeit zum mindesten gleich, übertrifft ihn aber bedeutend an Vollkommenheit der Maschinerien und Größe der Kohlenräume.

Hier seine Dimensionen: ganze Länge dreihundertfünfundfünfzig Fuß zehn Zoll; größte Breite sechszig Fuß; Tiefe des Schiffraumes achtzehn Fuß zehn und einen halben Zoll; Tiefgang vorn vierundzwanzig Fuß sechs Zoll, hinten sechsundzwanzig Fuß sechs Zoll. Bei der Probefahrt stellten sich beide Angaben um anderthalb Fuß tiefer bei voller Ladung, denn der „König Wilhelm“ hatte achthundertundsiebenzig Tonnen Kohlen und so viel Eisenballast an Bord, wie die Armirung und Munition betragen werden. Höhe vom Wasserspiegel bis zu den Lukenschwellen zehn Fuß. Die Angaben sind alle nach englischem Maß. Die Panzerplatten sind auf der Batterie acht Zoll stark und mit zehnzölligen Balken von dem sehr festen Rigaer Kiefernholz hinterfüttert. Nach dem Wasserspiegel zu werden die Platten dünner, so daß sie unter demselben blos noch sechs Zoll acht Linien stark sind. Der „König Wilhelm“ wird mit zweiundzwanzig Stück dreihundertpfündigen Gußstahlkanonen von Krupp im Hauptdeck und vier leichteren Geschützen auf dem Oberdeck, welche in bombenfesten Casematten stehen, armirt werden. Außerdem sollen noch am Spiegel und am Stern (vorn und hinten) je zwei Geschütze zu stehen kommen. Die Geschütze im Hauptdeck werden aller Wahrscheinlichkeit nach auf Scott’sche Lafetten gelegt werden. Der zur Bewegung der Maschine nöthige Dampf wird in acht Kesseln erzeugt, deren je vier nebeneinander an den Schiffswänden stehen, so daß der zwischenliegende Raum als sehr bequemer Heizraum benutzt wird. Unter jedem Kessel befinden sich fünf Feuerungen, im Ganzen also vierzig im Schiffe.

Die Schraube, welche das Schiff durch das Wasser treibt, ist vierflügelig und hat einen Durchmesser von dreiundzwanzig bei einer Steigung von zweiundzwanzig Fuß sechs Zoll. Die Cylinder haben fünfundneunzig Zoll im Durchmesser bei einem Kohlenhub von vier Fuß sechs Zoll und sind auf einen Druck von fünfundzwanzig bis dreißig Pfund pro Quadratzoll berechnet. Das Gesammtgewicht der Maschine einschließlich der Reservetheile beträgt bei gefüllten Kesseln 1057 Tonnen gleich 21140 Centnern. Der Tag, an welchem der „König Wilhelm“ von der preußischen Commission in Bezug auf seine Schnelligkeit und Steuerbarkeit geprüft wurde, war nicht sehr günstig, außerdem das Schiff sehr schwer berüstet und die Themse voller Fahrzeuge, welche zu fortwährendem Ausweichen nöthigten. Trotzdem ergab sich eine mittlere Geschwindigkeit von fünfzehn Knoten, ungefähr drei deutsche Meilen, pro Stunde, zu deren Erzeugung durchschnittlich 8344 Pferdekräfte nöthig waren (nominell besitzen die Maschinen nur 1150 Pferdekräfte, also siebenundeinviertel mal weniger als sie geäußert haben). Doch wurden bei einer der Probefahrten sogar 8663 Pferdekräfte bei einer Schnelligkeit von 15,6 Knoten erreicht. An dieser sonderbaren Anomalie ist der Umstand schuld, daß die Engländer die nominelle Kraft der Maschine immer noch nach den alten Formeln berechnen, die James Watt gegeben hat und die auf die neuen Constructionen, wie unser Beispiel zeigt, in keiner Weise mehr passen.

Dieses Schiff ist das größte Kriegsschiff der Erde, auf welches die englischen Ingenieure, als auf ihr Werk, mit Stolz, die englische Nation, weil es nicht ihre Flotte bereichern soll, mit Bedauern, wir Deutschen, als auf ein neues Werkzeug unserer Machtentwickelung, mit großer Genugthuung blicken. M. v. Weber.