Das deutsche Sängerfest in Nürnberg

Textdaten
<<< >>>
Autor: A. B.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das deutsche Sängerfest in Nürnberg
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 571–574
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1861
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[571]

Das deutsche Sängerfest in Nürnberg.

Nürnberg! Nürnberg! Das war das Losungswort, welches unlängst die Herzen vieler tausend Sänger wunderbar erregte.

Im Osten begann es bereits zu dämmern, als wir zwischen Vierzehnheiligen und Banz hindurch fuhren. Das ehemalige reiche Stift Banz blickte wie trauernd über all die geschwundene Herrlichkeit in das reizende Mainthal hernieder. Drüben im Kloster Vierzehnheiligen herrscht noch immer reges Leben, und wer weiß, ob nicht die von dorther tönende Frühmettenglocke schon jetzt wieder gläubige Wallfahrer zur Eile antrieb.

Mit der prächtig aufgehenden Sonne wurde das schöne Bamberg erreicht, und der Jubel, der uns hier empfing, ermunterte auch die hartnäckigsten Schläfer. Ueber Nacht waren die Sänger aus dem Frankenlande und aus Frankfurt a. M. in gewaltiger Menge hier eingetroffen, um sich unserm Zuge anzuschließen. Das bunte Durcheinander auf Bambergs Bahnhofe bot ein köstliches Bild. Die ganz oder theilweise geopferte Nacht war rasch vergessen; hier und da wurde schon wieder ein Gesang angestimmt, und voller Herzlichkeit begrüßten sich die aus Nord und West hier zusammentreffenden Sänger. Die balsamische Morgenluft hatte Herz und Gemüth urplötzlich wieder frisch gemacht. Jeder Einzelne fühlte sich stolz gehoben, wenn er auf den mächtigen Zug von Sangesbrüdern blickte, die voll herrlicher Zuversicht kaum den Augenblick erwarten konnten, der sie dem herzlich ersehnten Ziele nun so bald zubringen sollte.

Je näher wir Nürnberg kamen, desto ruhiger und ernster wurden Alle. Seit Monden war dies ja der Brennpunkt unsrer innigsten Wünsche gewesen, wir hatten geträumt und geschwärmt von dem Augenblicke, wo wir Nürnberg erreichen würden, und jetzt klopften die Herzen schneller, denn dort erhoben sich die wunderbaren Thürme der ersehnten Stadt, und über ihr thronte die alte, mächtige Burg. Einzelne, weit von der Stadt abgelegene Häuser winkten uns schon mit ihrem festlichen Schmuck die ersten Grüße zu. Ein wirklich zauberhafter Anblick bot sich uns jedoch dar, als wir in den Bahnhof einfuhren. Die lange Halle schien in einen schwebenden Blumengarten verwandelt, denn von der Bedachung herab hingen zahllose Guirlanden und Kränze, welche wieder prächtige Blumenampeln trugen. Dazwischen und an den Wänden aber war ein so reicher und doch so geschmackvoller Schmuck von Flaggen und Wappen angebracht, daß man kaum wußte, wohin das entzückte Auge sich zuerst wenden solle. Da war das Wappen keines deutschen Landes vergessen, denn alle Länder sandten ja Sänger hierher, und mächtig wehte das erhabene schwarz-roth-goldene Banner darüber und dazwischen, wie in gemeinsamer Liebe Alles vereinigend zu einem einzigen, mächtigen Stamme.

Ein tausendfaches Hoch tönte uns entgegen, als der kolossale Wagenzug hier endlich hielt, und ein begeistertes Hoch erklang als Gegengruß. So manchem Auge entquoll eine Freudenthräne, wenn man all die Hände sah, die sich uns zum brüderlichen Empfang entgegenstreckten. Man empfing uns nicht als Fremde, deren Wohnort hundert und mehr Meilen weit entfernt lag; nein, man empfing uns wie alte, treue Freunde, wie Brüder.

Am Bahnhofe bot sich uns ein überraschendes Bild dar. Gegen dreihundert Bürger der Stadt hatten sich erboten, die fremden Sänger hinein zum Rathhause zu geleiten, und jedem dieser sich aufopfernden Männer war ein auf hohem Stabe befindliches, mit Bändern und Kränzen geschmücktes Schild zugetheilt, welches den Namen einer der Städte zeigte, von woher man laut der eingegangenen Anmeldungen Sänger erwartete. Die Masse dieser dicht neben einander aufgestellten Schilder bildete jetzt gleichsam eine große, bewegliche Städtekarte des gesammten deutschen Reiches. Aber auch fremdländische Namen waren hier zu finden, z. B. London, Constantinopel, Hermannstadt u. s. w., denn von da aus waren wenigstens Deputationen der dortigen deutschen Männergesangvereine angemeldet.

Nach herzlicher Erwiderung des unerwartet treuherzigen Empfanges hatten sich die mit uns angelangten Sänger um ihre rasch enthüllten Fahnen und Banner geschaart, und so traten wir unsern langersehnten Einzug in die herrliche Stadt unter klingendem Spiele und in stattlicher Zahl an. Das alte Frauenthor empfing uns in wahrhaft poetischer Weise, denn über dessen äußerem Eingange war folgender Spruch angebracht:

Von ihrer Zinnen Höhen, von ihrer Thürme Kranz
Begrüßt die Stadt, die alte, des heut'gen Tages Glanz;
Der Feste sah sie viele, ein solches nimmermehr:
Zieh ein in ihre Mauern, du fröhliches Sängerheer!

Und als wir das altehrwürdige Thor durchschritten, welch ein überraschender Anblick bot sich da uns plötzlich dar! Das alte, königliche Nürnberg strahlte im herrlichsten Festschmucke. Auf den Straßen wogte die Menge auf und ab, und die dicht mit jubelnden Menschen besetzten Fenster waren von Blumenguirlanden umgeben oder mit Tannen- und Eichenkränzen geziert, und von allen Dächern wehten gewaltige blau-weiße und schwarz-roth-goldene Flaggen, die fast bis auf die Straße herabreichten.

Du armes, so lange verfolgtes und verpöntes schwarz-roth-goldenes Banner, dessen Farben sich einst Achtung gebietend über einen halben Welttheil verbreiteten, hier also durftest Du endlich wieder einmal frisch und frei wehen über den Söhnen des gemeinsamen Vaterlandes! Mit Freuden mußte man dies als ein Zeichen begrüßen, daß man hier sich fern hielt von, kleinlichen Separatismus, von der erbärmlichen Selbstsucht, die so gern der Welt glauben machte, wie gefährlich und wie revolutionär Alles sei, was unter unseren alten, geheiligten Farben sich kund giebt.

Als unser Zug an der herrlichen Lorenzkirche vorüberkam, die mit erhabener Schönheit vom Glanze vergangener Zeiten erzählt, senkten sich wie unwillkürlich die wehenden Fahnen vor diesem [572] Denkmale deutscher Baukunst. Allein zu längerem Anschauen gab es jetzt keine Zeit, denn rüstig drängte der Zug vorwärts über die merkwürdige Fleischbrücke nach dem Herrenmarkte und von da zum altehrwürdigen Rathhause. Dies war der Endpunkt unseres Einzuges. Fahnen und Embleme wurden im großen Rathhaussaale einstweilen aufgestellt, und die alten von Dürer und seinen Schülern gemalten Ritter aus dem Triumphzug Kaiser Maximilian’s I. schienen in dem zu ihren Füßen sich entwickelnden Leben selbst wieder frisches Leben zu gewinnen.

Droben im Rathhaussaale aber waren die mit aufopfernder Liebe thätigen Männer des Festausschusses jetzt in unaufhörlicher Wirksamkeit. Herzlich begrüßten sie die ankommenden Sänger und schmückten deren Fahnen mit nationalen Ehrenbändern. Alsdann wurden die Sängerzeichen vertheilt, welche in der ebenfalls schwarz-roth-goldenen Schleife bestanden, auf der unter dem aus Metall gefertigten Stadtwappen mit entsprechender Umschrift noch ein kleines roth-weißes Band als Vertretung der Stadtfarben angebracht war. Voll Stolz und Freude schmückten wir uns mit dem schönen Sängerzeichen, das fortan der Talisman für das herzlichste Entgegenkommen und für die liebevollste Aufnahme war. Gleichzeitig wurden im Rathhause auch die Quartierbillets vertheilt. Dieselben enthielten auf einem künstlerisch ausgestatteten Blatte den Namen des Inhabers und dabei die Worte: Herr .... findet gastliches Obdach bei Herrn ....... Die Rückseite des Blattes zeigte einen Plan der Stadt, welcher dem Besitzer der Karte sogleich beim Aufsuchen des Weges als Leitfaden dienen konnte.

Allein da brauchte man nicht erst ängstlich die graden und krummen Straßenlinien des Planes zu studiren oder die Bitte um Auskunft über den einzuschlagenden Weg auszusprechen, denn noch ehe wir eines von Beiden thun konnten, boten sich schon freundliche Menschen in Menge an, die uns an den Ort unserer Bestimmung bringen wollten.

„Gastliches Obdach!“ Das versprachen unsre Quartierbillets; allein dies war doch der kleinste Theil dessen, was man uns bot, denn wir begegneten überall einer Herzlichkeit, die wir unmöglich in dieser Weise erwarten konnten. Der lang entbehrte Freund, der nach Jahren aus der Fremde heimkehrende Sohn kann sich kaum eines herzlicheren Willkommens erfreuen. Wie mit einem Zauberschlage hatten wir hier mit einem Male Freunde und Brüder gefunden, von denen man noch im Augenblicke vorher keine Ahnung gehabt. Schon unten auf der geräumigen Hausflur kamen uns die Kinder entgegengesprungen, die mit dem Rufe: „Die Sänger! Unsere Sänger sind da!“ – unsere Ankunft den harrenden Eltern jubelnd verkündeten, und diese empfingen uns mit einer Herzlichkeit, als wären wir von Jugend auf Freunde des Hauses gewesen. Nie aber werde ich den beseligenden Blick stummer Freude vergessen, mit welchem eine seit langen Jahren gelähmte, im altmodischen Lehnstuhle ihre Schmerzenstage verbringende Matrone mir die welke Hand zum Willkommen bot. Die schmerzbewegten Lippen suchten, wenn auch vergeblich, den Gruß zu stammeln, den das verklärte Auge doch so deutlich schon ausgesprochen hatte. – Es kostete Mühe, sich all der Freundlichkeit zu erwehren, mit der man unsern Wünschen in jeder Weise zuvorzukommen suchte. Küche und Keller wurden sofort in Bewegung gesetzt und deren Genüsse in einer Art aufgetragen, als vermuthete man, daß wir die letzten sechs Monate in den nahrungslosen Polarländern zugebracht hätten.

„Wer weiß, ob es einem Jeden just so gut ergangen ist, als dir,“ so dachte ich, als ich zur Mittagsstunde dem Orte zueilte, welchen wir als unsern Sammelplatz bestimmt hatten. Als ich dort ankam, waren die meisten meiner heimathlichen Sangesgenossen bereits versammelt, aber ihre fröhlichen, zufriedenen Mienen machten jede weitere Frage überflüssig. Nicht blos die wohlhabenden Bürger Nürnbergs hatten Alles aufgeboten, um ihre Gäste so glänzend als möglich zu empfangen, auch die weniger Bemittelten hatten nicht hinter jenen zurückbleiben wollen, denn Alle setzten eine Ehre darein, daß der altbegründete Ruhm von Nürnbergs Gastlichkeit in diesen Tagen nichts von seinem Glanze einbüßen sollte.

Ueber 5000 Sänger waren angemeldet, allein an 60000 erschienen, denn so Mancher hatte sich erst spät noch entschlossen, die fröhliche Sängerfahrt mitzumachen. Allein wären ihrer auch achttausend gewesen, so hätten sie doch alle ein gastliches Unterkommen gefunden, denn die braven Nürnberger setzten ihren ganzen Bürgerstolz darein, sich über alle Maßen gastfrei zu zeigen. Die wohlmeinende Fürsorge des umsichtigen Festausschusses, der für überzählige oder verspätet anlangende Sänger noch große Säle gemiethet und eingerichtet hatte, erwies sich als unnöthig, denn fast überall hieß es: wo Zwei Platz finden, wird auch noch für einen Dritten oder Vierten Rath geschafft, und solche Eindringlinge hatten sich fürwahr keiner minder freundlichen Aufnahme zu erfreuen, als ihre schon früher erwarteten Genossen.

Der Nachmittag jenes Empfangstages wurde von den Meisten benutzt, das alte, herrliche Nürnberg zu durchstreifen. Ich kannte die Stadt schon von früheren Jahren her; damit will ich jedoch nicht sagen, daß nicht jeder neue Schritt durch die ehrwürdigen Straßen immer wieder neue Schönheiten in diesem Schmuckkästlein altdeutscher Baukunst entdecken läßt. Mich aber zog es wieder hinaus zum Bahnhofe; ich wollte sehen, ob die mächtigen Regungen, die mich bei dem herzlichen Empfange da draußen ergriffen hatten, das Gemeingut Aller wären, die von nah und fern Nürnbergs freundlichem Rufe Gehör schenkten. Der Nachmittag brachte in fast ununterbrochener Reihe zumeist die Sänger aus Süden. Wien, Innsbruck, Salzburg, Linz, München, Augsburg, Stuttgart und wie die Städte da drunten alle heißen mögen, hatten die ihnen angestammte Liebe für Musik und Gesang auf glänzende Weise bewährt, denn aus jenen Gauen waren die Sänger in einer Anzahl erschienen, zu welcher der Besuch aus Norden in gar keinem Verhältnisse stand. Unvergeßlich bleibt mir der Jubel der tyroler und steierschen Sänger bei ihrer Ankunft und wie sie ihre kurzen, prächtigen Sängerwahrsprüche harmonisch ertönen ließen. Freudenthränen über den herzlichen Empfang glänzten aber in den Augen Vieler, sie mochten nun aus Süden ober aus Norden kommen.

Von Stunde zu Stunde gingen jetzt ähnliche Züge, wie der unsrige am heutigen Morgen, mit Sang und Klang hinein durch die jubelnde Stadt zum Rathhause, und jeder einzelne davon hatte wieder seine Eigenthümlichkeiten. Hier trug man mächtige Trinkhörner mit im Zuge, dort vertraten kunstvolle und originelle Pokale deren Stelle, auch Städtewahrzeichen sah man einhertragen – kurz, es war ein Bild voll steter Abwechslung.

So war der Abend herangekommen, und gegen 7 Uhr versammelten sich die Sänger beim Rathhause, um im gemeinschaftlichen Zuge hinauszuwallen nach dem vor dem Lauferthor gelegenen Maxfelde, wo die Festhalle errichtet war. An 5000 Sänger mochten jetzt schon anwesend sein, doch noch immer brachte jede Stunde neuen Zuwachs, selbst dann noch, als sich der große Zug in Bewegung setzte, der wieder überall von der dichtgedrängten Menge mit Hurrahs und Tücherschwenken empfangen wurde. Aber es war auch ein prächtiges Schauspiel, so viele glückliche und fröhliche Männer zu sehen, denn Jeder hatte das ihm heute früh noch ganz fremde Nürnberg bereits so lieb gewonnen, als wenn es seine Vaterstadt wäre. Ein besonders festliches Ansehn erhielt der Zug durch die 240 zum größten Theile kostbaren Fahnen, welche die Vereine aus ihrer Heimath mitgebracht hatten. Nur eine kleine Anzahl von Männern war im Zuge, deren ernstere Miene bei so viel Fröhlichkeit ringsumher auf tiefgegründeten Kummer schließen ließ. Die ernsten Männer führten keine Fahne mit sich; auf dem ihnen vorgetragenen Schilde aber war zu lesen – Kiel, und das erklärt alles Uebrige zur Genüge. Obgleich die Männer wohl bitteres Leid im Herzen trugen, waren sie dennoch zu dem Freudenfeste gekommen, denn deutsche Sänger versammelten sich ja hier, es war ein deutsches Fest, und da wollten die braven Kieler beweisen, daß auch sie noch mit Leib und Seele Deutsche sind nur deutsch fühlen, und so mochten sie nicht zurückbleiben. In den immer wachsenden Jubel stimmten sie freilich nicht so herzlich als die Andern ein, weil sie den Gedanken an ihre geknechtete Heimath nicht unterdrücken konnten. Aller Herzen aber weihten ihnen und ihrem mit Füßen getretenen Rechte die wärmste Theilnahme.

Es begann bereits zu dunkeln, als unser Zug draußen auf dem Maxfelde anlangte. Noch hatten wir nicht die Festhalle gesehen, von welcher man uns schon überall die herrlichsten Schilderungen gemacht hatte. Man kann sich deshalb unsre immer wachsende Neugierde vorstellen, je näher wir jetzt diesem Ziele rückten. Da bogen wir endlich um die letzte Baumgruppe, und vor uns lag der prachtvolle Riesenbau, dessen Anblick in Allen das freudigste Staunen hervorrief. Den vorherrschend gothischen Styl der Kirchen und alten Gebäude Nürnbergs hatte man auch bei der Festhalle zu Grunde gelegt. Der ganze Bau zeigte trotz seiner [573] riesigen Ausdehnung dennoch überall die schönsten Verhältnisse und machte dadurch einen prächtigen Eindruck. Dieser ward jedoch auf das Höchste gesteigert, als wir nun das innere betraten. Welch ein gewaltiger Raum! Nach Art der Basiliken war das Innere in fünf Schiffe abgetheilt; das Auge wurde in dem kolossalen hohen Mittelschiffe auch nicht durch eine einzige Säule oder Stütze gestört. Es erschien Alles so leicht und ungezwungen, und dennoch wieder so solid, daß die Furcht, 15,000 Menschen in diesem Gebäude versammelt zu sehen, gar nicht die Oberhand gewinnen konnte. Die für 5 bis 6000 Sänger eingerichtete Tribüne bot hinreichenden Raum zu freier Bewegung, und dennoch war von allen Seiten der Dirigent bequem zu sehen, was bei andern Gesangsfesten, wo vielleicht blos der vierte Theil an Sängern anwesend war, oft unmöglich erschien. Die schlanken Säulen, welche die Gallerien und die Bedachung der Seitenschiffe trugen, waren


Die Sängerhalle in Nürnberg.


mit Guirlanden umwunden und zeigten die Wappen sämtlicher Städte, welche Sänger hierher entsandt hatten, so wie die Namen unsrer gefeiertsten Dichter und Componisten. Das Licht erhielt der großartige Raum durch bunte Fenster, in denen das Glas durch gemaltes starkes Oelpapier ersetzt wurde. Herrlich war der hierdurch erzielte Lichteffect, wenn die Sonne diese Fenster beschien, im Innern der Halle; eben so großartig war wieder der Anblick des Abends, wenn das Licht, welches vier enormen Gaskronleuchtern und einer Masse einzelner Flammen entströmte, von außen der Festhalle eine erhabene Weihe verlieh. In der Mitte des Zuhörerraumes war ein von Blumen eingefaßter großer Springbrunnen, dessen Wasser während der Pausen zwischen den Gesängen eine erfrischende Kühle, wenigstens in nächster Umgebung, verbreitete. Die Fahnen der Sänger wurden auf der hoch oben um das ganze Mittelschiff laufenden Gallerie angebracht und trugen nicht wenig zu dem schönen Eindruck des Ganzen bei, wenn sie auch in akustischer Einsicht wohl einigen Abbruch thaten.

Ungemein herzlich und erhebend aber war der Verkehr, der sich zwischen den hier zum ersten Male vereinigten Sängern rasch entwickelte. Da genügte ein biederer Händedruck, ein ehrlicher Gruß, um Männer rasch zu Freunden zu machen, deren Heimath Hunderte von Meilen auseinander lag. Die Mitglieder jedes einzelnen Vereins trugen neben dem Nürnberger noch das aus der Heimath mitgebrachte Sängerzeichen, und so war bei dem sich immer herzlicher gestaltenden Verkehre nichts natürlicher, als daß man zum Andenken an das herrliche Fest die heimischen Sängerzeichen gegen fremde auszutauschen suchte, wobei man überall williges Entgegenkommen fand. Der Preuße freute sich, das Zeichen seines österreichischen Festgenossen auf der Brust zu tragen, und ebenso umgekehrt. Da gab es keine politische Scheidewand mehr, denn der erhabene Zweck, ein wahrhaft nationales Fest zu feiern, hatte jeden Einzelnen mit Allgewalt durchdrungen.

Als endlich das Zeichen zum Beginn der Feier gegeben ward, trat in den weiten, dicht besetzten Räumen plötzlich tiefe Stille ein. Die Nürnberger Gesangvereine trugen zur Eröffnung der Feierlichkeit ein Lied vor, einen alle Genossen willkommen heißenden Sängergruß, der allgemeinen Dankesjubel hervorrief. Hieran knüpfte sich die Ansprache des Sängerausschußvorstandes Dr. Gerster, der in begeisterten Worten das Glück Nürnbergs pries, dieses herrliche Fest zum Ruhme der Stadt hier gefeiert zu sehen, womit er ein Hoch auf den König von Baiern verband, in welches die Versammlung von Herzen einstimmte. Tiefergreifend sprach der Redner dann noch von der großen Bedeutung dieses Festes und schloß mit den Worten:

„Wie verschiedenartig auch die Pfade des Lebens sind, welche wir sonst wandeln und naturgemäß wandeln müssen, in der Liebe zum deutschen Vaterlande, in dem Streben nach dessen Einigkeit, Unabhängigkeit und Macht schreiten wir Alle, ob aus Süden, ob aus Norden, auf gemeinsamem Wege. Auf diesem Wege leuchtet uns das deutsche Banner voran, auf diesem Wege leitet uns das deutsche Wort, begleitet uns das deutsche Lied. In diesem Sinne, mit diesem Willen heiße ich Euch Alle nochmals willkommen als unsre lieben Gäste, und es sei und bleibe immer wahr unsres Festes Spruch:

Deutsches Banner, Lied und Wort
Eint in Liebe Süd und Nord!
Hoch! Hoch!“

Wie enthusiastisch hierbei Alles einstimmte, brauche ich wohl kaum zu sagen. Nach einem würdevollen Instrumentalvortrag (Festmarsch von B. Lachner) begrüßte die Augsburger Liedertafel in einem trefflichen Liede die Stadt Nürnberg, und hieran knüpften [574] sich verschiedene Vorträge einzelner Vereine, von denen das Doppelquartett der Königsberger Sänger ganz besonders ansprach. Wie gut auch in akustischer Beziehung die kolossale Halle gebaut sei, das konnte man vollständig beurtheilen, wenn man die Klangwirkung der oft nur von wenigen Sängern vorgetragenen einzelnen Lieder verfolgte.

In den Pausen zwischen den Gesängen gab es oft genug von Seiten des Vorstandes erfreuliche Mittheilungen zu machen; da waren telegraphische Grüße aus Rußland, Belgien und aus vielen deutschen Städten eingetroffen. Von den in Bern lebenden Deutschen langte an jenem Abend ein prachtvoller silberner Pokal an, mit der Bestimmung, daß derselbe bei diesem Feste erwachenden Nationalsinnes dem sich durch die beste Leistung auszeichnenden Vereine als Preis zuerkannt werden sollte. Alle diese Meldungen wurden mit Jubel und mit Dank aufgenommen.

Für diesen Abend der Vorfeier stand blos ein einziger Gesammtvortrag aller Vereine auf dem Programm und zwar ein in jeder Beziehung würdevoller. Gegen Mitternacht traten alle Sänger zusammen und stimmten mit wahrer Begeisterung Arndt’s Vaterlandslied an. Was ist des Deutschen Vaterland? Wie brausten diese Fragen, von den gewaltigen Tonmassen gehoben, hin durch den großartigen Raum, und wie zündete jedes Wort in den Herzen aller Anwesenden! Da strahlte jedes Auge höher im Bewußtsein der hier herrschenden Einheit, die dem ganzen Vaterlande hätte als würdiges Vorbild dienen können. Und als man endlich zu der Strophe kam: das ganze Deutschland soll es sein! – da stimmten auch Tausende und aber Tausende im Publicum mit ein, und in diesem erhebenden Augenblicke schöpften wohl auch diejenigen unsrer deutschen Brüder, über deren Heimath die dunkeln Wolken sich noch immer nicht zertheilen wollen, Muth und Hoffnung für eine bessere Zukunft, die um so näher erscheint, je fester und treuer Alle zusammenhalten. – Der Beifallssturm, der nach dem Arndt’schen Liede losbrach, ließ nicht früher nach, bis endlich die letzten tiefergreifenden Strophen wiederholt wurden. Möge der Nachklang dieses Liedes als ein heiliges Vermächtniß von jedem Sänger mit in die Heimath gezogen sein!

Mit diesem Liede war die Vorfeier zu Ende. Es war ein schöner Tag, den wir heute durchlebt, und er erfüllte uns mit froher Zuversicht auf die übrigen Festtage.

Textdaten
zum vorherigen Teil
<<< >>>
zum Anfang
Autor: A. B.
Titel: Das deutsche Sängerfest in Nürnberg
aus: Die Gartenlaube 1860, Heft 37, S. 587–592

[587] Schon um 5 Uhr am nächsten Morgen (Sonntag den 21. Juli) durchzogen Musikchöre die Stadt nach allen Richtungen, um mit ihrem Sängerruf die Festtheilnehmer zu ermuntern, denn schon auf die siebente Stunde war die Probe zur ersten Aufführung angesetzt. Während des Morgens strömten in unabsehbarer Menge fremde Besucher von nah und fern der Stadt zu und füllten die festlich geschmückten Plätze und Straßen, vertieft im Anschauen all der Herrlichkeiten. Allein da gab es fürwahr auch wahrhaft Schönes in Menge zu sehen, denn die Nürnberger hatten ihren Stolz darein gesetzt, in diesen festlichen Tagen ihren Gästen auch einen Begriff der früheren großen Bedeutung der Stadt zu geben. Wohl nur wenige Städte können sich einer so bewegten und zugleich so glänzenden Vergangenheit rühmen als Nürnberg, und wenige Stätte haben wohl eben so viel bedeutende Männer in ihren Mauern leben und wohnen gesehen. Alle die Häuser aber, welche durch ihre Insassen oder durch besonders festliche Gelegenheiten so große Berühmtheit erlangten, waren durch prachtvolle, sinnige Gemälde verziert, die fast ohne Ausnahme echte Meisterwerke waren. Um die Bilder wenigstens nur kurz anzudeuten, bemerke ich, daß natürlich keiner der alten Nürnberger Kunstkoryphäen vergessen war. Albrecht Dürer’s Geburtshaus und sein späteres Wohnhaus, die Häuser des Hanns Sachs, Veit Stoß, Adam Krafft, des Volksdichters Griebel zierten herrliche Bilder; an Peter Bischer’s Haus war eine schöne Hautreliefarbeit angebracht. Unter allen Bildern standen treffliche Sprüche, von denen ich hier nur als Probe denjenigen anführen will, womit Professor Hoffmann das Bild des Hanns Sachs zierte. Der biedere Meistersänger rief den Beschauern zu:

Die ihr vor meinem Hause steht,
Laßt Euch, bevor ihr fürbaß geht,
Noch sagen einen guten Spruch:
Singen ist fein, doch nicht genug.
Müßt treulich, was die Meister sagen,
Auch heim in Stadt und Häuser tragen,
Daß Fried’ und Einigkeit erwachs’
Durch’s deutsche Land: Das wünscht Hanns Sachs.

Des gelehrten Behaim, der mit Columbus eng befreundet, so wie des mächtigen Pirkheimer, war an deren Häusern in großartigen Bildern gedacht. Die Katharinakirche, wo früher die Meistersänger ihre Singschulen hielten, zeigte das Bild eines solchen Volksdichters. Als Vertreterinnen kaiserlichen Glanzes strahlten die beiden alten Häuser der Patricierfamilien Rieter und Scheurl. In

[588,589]

Der große Nürnberger Sängerfestzug am 22. Juli 1861.

[590] letzterem, auf der Burggasse, hatte Kaiser Maximilian I. wiederholt gewohnt, da es ihm dort besser gefallen, als droben auf der mächtigen Burg. Ein großes Bild verherrlichte des Kaisers Eintritt in dies Haus. Am Rieter’schen Hause auf dem Herrenmarkte war auf einem gewaltigen Fries ein hier gehaltenes Turnier unter Kaiser Friedrich III. dargestellt, ein lebendiges Bild des damaligen Patricierlebens. Ein herrliches Leben muß hier geherscht haben zur Zeit jener Turniere. Die Patricier haben freilich viel von ihrer Macht und Bedeutung verloren, das aber haben die Bürger gewonnen, und ich denke – zum Heile der Welt und des Geistes.

Die kostbaren riesigen Bilder waren theils von einzelnen Nürnberger Künstlern, theils in der Kunstschule unter Leitung des Director Kreling entworfen und ausgeführt, und sie legten den Beweis dafür ab, daß Nürnbergs Kunst noch heute auf der altgewohnten hohen Stufe rüstig steht und schafft.

Die Sonne brannte gewaltig auf unsere Häupter, als wir einzeln oder in Gruppen am Nachmittag hinaus nach der Halle wanderten. Doch was kümmerte uns die Hitze? trugen wir doch große Erwartungen in der Brust; die Probe am Morgen hatte durch die Präcision, mit welcher auch die schwierigsten Tonstücke des Festprogramms vorgetragen wurden, alle Mitwirkenden und Hörer überrascht, deshalb durften wir wohl auch schon voll Vertrauen auf den Erfolg der Aufführung blicken.

Wie wunderbar strahlte uns aber jetzt im vollen Tageslichte die festliche Riesenhalle entgegen! Da drinnen erschien durch die transparenten Fenster Alles in zauberhaften, träumerischen Lichtern; man glaubte sich in der That in einen morgenländischen Feenpalast versetzt. Man konnte auf allen Mienen eine wohlthuende, freudige Erregung sehen, mit der die kommenden Dinge erwartet wurden. Der eigentlichen Aufführung ging eine kurze, aber würdige Feier voran: die Enthüllung der Festfahne, die als ein Denkmal bleibender Erinnerung an diese erhabenen Tage gestiftet worden war. Die hierauf bezügliche Festrede hielt in würdigster Weise der Vorstand des Festausschusses, Rechtsanwalt Dr. Lindner. Er feierte das Lied als Zeichen deutscher Einheit, aber er forderte auch auf zum männlichen Zusammenhalten in der That. Die sich enthüllende Fahne begrüßte er heute noch als ein Zeichen des Friedens, aber Alle forderte er auf, dieser Fahne auch für die Zeiten der Gefahr Treue zu geloben. Der Redner schloß hierauf mit den Worten:

„Zum großen Baue der deutschen Einigkeit sei dieses Fest
ein Stein, und deshalb stimmt Ihr Alle ein mit mir:
Ein ganzes Deutschland, ein einig Deutschland
lebe Hurrah Hoch!“

Einen ergreifenden Eindruck machte es, als die Schlußworte der Rede von allen den Tausenden von Sängern mit tiefbewegter Stimme nachgesprochen wurden, worauf erst der donnernde Zuruf der ganzen Versammlung erfolgte. Hierauf begrüßte der Bürgermeister von Wächter im Namen der Stadt herzlich die Sängergäste, und ein niederrheinischer Sänger dankte feurig dafür in Aller Namen. Daß der fern im Seebade weilende König von Baiern auch dort noch Nürnbergs und des Festes gedachte, bewies eine nach dem ersten Theile der Aufführung anlangende, vom Bürgermeister sofort vorgetragene Depesche, worin der treuen Stadt und ihren Gästen ein Gruß gesandt ward, der sofort die herzlichste Erwiderung auf telegraphischem Wege fand und zu einem freudigen Lebehoch auf den kunstsinnigen König als Beschützer dieses Festes Veranlassung gab.

Die Aufführung selbst übertraf in der That auch die kühnsten Erwartungen. Man hörte sofort, daß die Sänger daheim bereits fleißige Vorstudien gemacht hatten, und deshalb gewährte das Ganze auch einen in dieser Weise kaum für möglich gehaltenen Genuß. Der erste Theil des Concertes enthielt folgende Compositionen: Der 23. Psalm, von Jul. Otto; Festgesang, von A. Methfessel; All-Deutschland, von Fr. Abt, und An das Vaterland, von F. Hiller. Der zweite Theil brachte: Sturmesmythe, von Fr. Lachner; An die deutsche Tricolore, von Herzog Ernst zu Sachsen-Coburg; An die Deutschen, von Tschirch, und Des Sängers Herz, von G. Emmerling.

Sämmtliche Compositionen waren mit Instrumentalbegleitung, und die Direction hatte mit Ausnahme der beiden Tonschöpfungen vom Herzog Ernst und von A. Methfessel stets die Componisten übernommen, die auch immer mit verdientem Beifall empfangen wurden. Unendlich aber wurde bedauert, daß der hochherzige, kunstgeübte deutsche Fürst, dem alle Herzen hier mit Liebe entgegen schlugen, und der alte, fast erblindete Nestor des deutschen Männergesanges, Methfessel, nicht auch erschienen waren.

Den Preis des Tages errang nach dem allgemeinen Urtheile die herrliche Composition „Sturmesmythe“ von Fr. Lachner. Da war alles Gesuchte und Geschraubte vermieden, und das Erhaben- Natürliche erlangte den wohlverdienten Sieg. Das schöne Werk mußte auf allgemeines Verlangen und zum Danke aller wahren Kunstfreunde wiederholt werden; ebenso verlangte man auch das Lied des kunstliebenden Fürsten zur Wiederholung, und an dieselbe schloß sich ein begeistertes Hoch auf den fürstlichen deutschen Tondichter.

Der Totaleindruck dieser Aufführung war ein für alle Theile im höchsten Grade zufriedenstellender, und die deutsche Kunst konnte sich mit vollem Rechte eines neuen Sieges rühmen. Jetzt, nach beendigtem Concerte, zog Alles hinaus zur Erholung und Erfrischung unter den köstlichen Abendhimmel. Rings um die große Festhalle und in der ganzen Ausdehnung des Maxfeldes waren eine Menge Schankstätten unter dem Schutze prächtiger Bäume errichtet, dem Verschmachteten ein herrliches Asyl. Das Gewühl in den Etablissements, die wegen der Güte des dort verzapften Stoffes den meisten Zuspruch hatten, ist gar nicht zu beschreiben; um einen oberflächlichen Begriff zu erhalten, müßte man ein Verzeichnis der Hunderttausende von absichtslosen Rippenstößen und getretenen Hühneraugen anfertigen. Wer aber endlich so glücklich war, Platz erlangt und den gefüllten Bierkrug vor sich zu haben, der sah sich das Gewühl mit absonderlichem Wohlgefallen an. An munterer Nachbarschaft fehlte es nirgends, und Bekanntschaften waren rasch angeknüpft. Obgleich die Sänger wohl nach Tausenden zählten, so waren sie in dieser Volksmenge dennoch bei weitem die Minderheit, allein fürwahr eine glückliche, bevorzugte Minorität. War eine Bank auch noch so voll, für einen Sänger wurde immer noch Platz, und dem Unbekannten begegnete man sofort mit gewinnender Herzlichkeit. Ob Tenor oder Baß, Solist oder Chorbrummer, danach ward nicht gefragt. Ganze Vereine, welche gern beisammen bleiben wollten, suchten sich wohl auch ein schattiges Plätzchen mitten auf der Wiese, lagerten sich und ließen ihre Humpen füllen und dann immer wieder frische Lieder ertönen, wo sich auch gewiß bald, angezogen von bekannten Tönen, fremde Sänger einfanden und einstimmten in die Lieder und in die Herzlichkeit. Gezecht wurde freilich tapfer in diesen heißen Tagen der Freude, sowohl drinnen in der Stadt, als am Maxfelde draußen. Krüge, Trinkhörner und Pokale gingen fleißig von Munde zu Munde, aber ein Ausarten selbst der lautesten Fröhlichkeit war nirgends zu sehen. Die Würde des ganzen Festes hielt unwillkürlich Jeden in der rechten Bahn.

Am Sonntag Abend wurden in der Festhalle von neun Uhr an die Einzelvorträge fortgesetzt, mit wahrhaft Schönes gab es da zu hören. Den meisten Beifall ernteten wohlverdient die Wiener und Innsbrucker Sänger; die letzteren wurden von allen Seiten so lange bestürmt, bis sie noch eines ihrer Nationallieder anstimmten. Wirklich vollendet war der Vortrag der Wiener Sänger, und von allen Seiten hörte man sicher äußern, wie schwer es sei, nach solchen Leistungen noch um den Ehrenpreis in die Schranken zu treten. Trotzdem gab es jedoch noch muthige Sänger genug, die ihre Lorbeeren zu erkämpfen suchten. Schriftliche und telegraphische Grüße wurden wieder in den Pausen in Menge aus allen Weltgegenden gemeldet. Deutsche Sänger aus Newyork, Paris, Aarau, Hermannstadt, Rostock, Judenburg und hundert andern Orten wollten wenigstens auf diese Weise ihre Theilnahme an dem großen nationalen Feste zu erkennen geben.

Das riesige Parterre der Festhalle hatte für die Abendstunden eine höchst praktische Veränderung erfahren, indem man durch Indiehöheschrauben immer der dritten Bank Tische bildete, wo man sich bei der durch die Tausende der Anwesenden leicht erklärlichen Hitze mit einem kühlen Trunk erlaben konnte, für den die großen Büffets unter dem Sänger-Podium reichlich sorgten. An jene rasch entstandenen Tische wurden die Städte und Vereins-Schilder befestigt, und dabei nahmen nun die Zugehörigen Platz. Auf diese Weise konnte man hier die Sangesgenossen der verschiedenen Städte vereint antreffen, und bald entspann sich der herzlichste Verkehr zwischen den deutschen Landsleuten aus Nord und Süd, aus Ost und West. Da sprachen oft vier Freunde, die sich rasch gefunden hatten, jeder das Idiom seiner Heimath, und dennoch verstanden sie sich alle rasch, [591] denn es lag ja die Sprache des Herzens bei Allen zu Grunde. Das war eine prächtige Völkerwanderung an jenen Abenden in der Festhalle, und Keiner wird diese begeisternden Stunden vergessen, so lange noch ein Herzschlag in ihm wohnt.

Lange nach Mitternacht brachen wir auf, allem der prachtvolle, tageshelle Mondschein ließ noch Keinen an die Nacht glauben, und überall bildeten sich wieder neue Gruppen von Sängern oder Zechern, die sich erst trennten, als die Morgendämmerung das Mondlicht verscheucht hatte. Kein Wunder also, daß dem am Montage (den 22. Juli) 6 Uhr Morgens ertönenden Sängerrufe nicht so rasch, Folge geleistet ward. Der Schlaf forderte seine Rechte, und da die Probe in der Festhalle heute überdies erst um 8 Uhr begann, so konnte sich der Müde wohl noch ein Stündchen süßen Schlafes gönnen. Zur Mittagsstunde aber durchwogte ein Leben die Stadt, wie noch an keinem Tage zuvor. Mit ihren Fahnen, Emblemen und Schildern strömten die Sänger dem Kornmarkte zu, um sich hier zu dem großen Festzuge aufzustellen. Ich war einige Zeit zweifelhaft, welche Partei ich ergreifen sollte. Um meiner Referentenpflicht recht zu genügen, hätte ich mir einen Platz an irgend einem Fenster sichern müssen, um den ganzen Zug dort vorübergehen zu sehen: allein die Sängerpflicht, selbst mit im Zuge zu erscheinen, gewann endlich die Oberhand, und ich hätte es bitter bereut, wenn ich der letzteren nicht treu geblieben wäre, denn der Eindruck, den ich so von allen durchzogenen Straßen empfing, wird mir ewig unvergeßlich bleiben.

Die fröhlichen Sängermienen wurden anfangs etwas bedenklich, als sich am Himmel einige schwere Gewitterwolken aufthürmten, allein nach einem ganz kurzen, wohlthätigen Regenschauer heiterte sich der Himmel und mit ihm die Blicke Aller wieder auf, und prachtvoll, wenn auch um einige Grade zu heiß, strahlte bald auf’s Neue die Julisonne über uns. Die Ordnung des Zuges war so getroffen, daß die Vereine genau nach alphabetischer Reihe ihrer Heimathstädte auf einander folgten. Festlich geschmückte Bürger begleiteten jede einzelne Abtheilung und stellten im Verein mit den Turnern aus Nürnberg und dessen Umgegend jede erforderliche Ordnung leicht her. Dem Zuge voran ward das gestern enthüllte Festbanner Nürnbergs getragen, welches aus der einen Seite die Germania, auf der andern den bekannten Festspruch in kostbarer Stickerei zeigte. Sechs starke Musikchöre waren im Zuge vertheilt, doch waren bei der Länge des letzteren kaum zwei zu gleicher Zeit zu hören. Die Schilder, welche mit den Fahnen jeder Abtheilung vorausgetragen wurden, ließen die Heimath der vorbeiziehenden Sänger sofort erkennen. Ueber 260 Vereine mit mehr als 6000 Sängern waren in dem Zuge, der 240 meist herrliche Fahnen aufzuweisen hatte.

Wo aber wäre Jemand im Stande, den brausenden Jubel zu schildern, der in allen Straßen, auf allen Plätzen den Zug empfing und begleitete! Wir wandelten förmlich unter einem fortwährenden Regen von Blumen und Sträußen, welche aus allen Fenstern und von der Straße von zarten Händen uns zugeworfen wurden. Sängergrüße, Fahnenschwenken und Lebehochs als Entgegnung fanden ebenfalls kein Ende, und feuriger Dank wurde besonders den nur allzuoft wahrhaft schönen Blumenspenderinnen zugejubelt. Bei ihrer großen Freigebigkeit und bei der Länge des Zuges geriethen hier und da bald einige der Damen in Verlegenheit, da ihr Blumenvorrath erschöpft war; allein ein begeistertes Frauenherz weiß rascher Hülfe zu schaffen als der bedächtigere Mann. Waren die Sträuße zu Ende, so wurden unbarmherzig die Zierpflanzen in den Töpfen am Fenster geplündert, deren eine enorme Anzahl an jenem Tage auch ihr letztes Blatt noch hergeben mußten; dann ergriff man die Kränze und Guirlanden, die als Festschmuck das Fenster zierten und warf sie auf die Sänger herab, die jauchzend die Hände danach emporstreckten. Ich habe mehrere Damen bemerkt, welche zuletzt, als aller Vorrath erschöpft war, noch die künstlichen Blumen ihres Haarschmuckes oder ihrer Hüte opferten, um nur nicht mit leeren Händen für die dargebrachten Vivats zu danken.

Unwillkürlich drängte sich wohl Jedem die Frage auf, wodurch wir zum Gegenstand so vieler Güte und Aufmerksamkeit werden mochten. Egoistisch wäre es gewesen, hätten wir unsere Gesangesleistungen als Ursache all dieser Huldigungen ansehen wollen. Aber nein, der mächtigen Triebfeder des Ganzen, dem nationalen Gedanken, der hier angestrebten mit gelungenen Vereinigung aller deutschen Volksstämme galt der Jubel und die großartige Begeisterung, die sich bei jenem Zuge überall kund gab und welche manchem Auge Thränen der Rührung und Freude entlockte. Die Einheitsidee war endlich hier einmal keine Theorie mehr, und das Herz quoll über voll Seligkeit und Hoffnung, wenn man auf alle die Tausende sah, die sich dieser Einheit und ihrer Segnungen wahrhaft bewußt waren. Nach allen Theilen des Vaterlandes hin haben sich jene Eindrücke hoffentlich schon übersiedelt, denn da war kein deutscher Gau, der nicht in dem Zuge vertreten gewesen wäre. Allen aber wurde mit gleicher Liebe begegnet, und das eben gab dem Feste die unaussprechliche Weihe. Solch einen Zug hat wohl noch keine Zeit und keine Stadt gesehen, denn sein größter Glanz war die gleichmäßige Begeisterung der Theilnehmer und des Publikums.

Gegen zwei Stunden nahm dieser Zug in Anspruch, doch waren uns dieselben im unaufhörlichen Strudel der Freude und Rührung wie Minuten erschienen. Erst als wir die Festhalle wieder betraten, vermochten wir uns einigermaßen zu erholen und zu sammeln. Um 4 Uhr begann die zweite Hauptaufführung, in welcher zum Vortrag kamen: Hymnus, von B. E. Becker'; Unser Hort, von J. Grobe; Frühlingsgruß an das Vaterland, von B. Lachner; der deutsche Landsturm, von Kücken; Hymnus, von H. Neeb; Schlachtgebet von Möhring; Ermanne Dich, Deutschland! von A. M. Storch, und zum Schluß: Danklied, von Kalliwoda. Auch diese Aufführung ging trefflich von Statten. Nach Schluß derselben ließ sich freilich eine ziemliche Abspannung der Stimmen bemerken. Kein Wunder, wenn man bedenkt, wie viel seit Sonnabend gesungen worden war. Die Einzelvorträge wurden auch an diesem Abend wieder in der Festhalle fortgesetzt, allein für Viele war die Hitze nach den heutigen Anstrengungen doch in der überfüllten Halle unerträglich, und diese suchten Erquickung in der durch einen kurzen Regenschauer wunderbar erfrischten Natur. Der Gipfelpunkt des Festes war jetzt erreicht. Der Theil des Gesammtgesanges konnte eigentlich mit heute als abgeschlossen angesehen werden, denn nur eine ländliche Nachfeier stand uns noch bevor.

Am Morgen des Dienstag (23. Juli) ging die Sängerwallfahrt, zumeist in Begleitung ihrer lieben Wirthsleute, hinaus nach dem etwa 3/4 Stunde entlegenen Walde am Duzendteiche, einem Lieblingsorte der Nürnberger, der diesen Vorzug seiner reizenden Lage wegen auch vollkommen verdient. Hier waren Tische und Bänke errichtet und die zurechtweisenden Tafeln wieder dabei aufgepflanzt; allein ein schattiges Lager auf weichem Moos im Walde hatte hier für die Meisten noch mehr Anziehungskraft, und so entstanden Hunderte solcher Niederlassungen. Da wurde in der herrlichen Natur noch manche herzliche Verbrüderung geschlossen, und gerade diejenigen Sänger, deren Heimath weite Länderstrecken trennten, fühlten sich hier am mächtigsten zu einander gezogen.

Je näher aber die Nachmittagsstunde rückte, desto stiller wurden die fröhlichen Kreise, denn Jedermann fühlte, wie das herrliche Beisammensein immer mehr zur Neige gehe. Auf dem Rathhaussaale war am Nachmittage noch eine Versammlung der sämmtlichen Vereinsvorstände, wobei neben andern Angelegenheiten auch die Feier des nächsten großen deutschen Gesangfestes besprochen wurde. Man hielt es für erforderlich, eine Pause von fünf Jahren bis dahin eintreten zu lassen, um dann wieder etwas wahrhaft Großartiges schaffen zu können. Frankfurt am Main ward vorläufig als nächster Festplatz bestimmt und diese Wahl mit allgemeinem Beifall begrüßt. Nach den in Nürnberg verlebten Sängertagen hat gewiß jede andere Stadt einen sehr schweren Stand, doch darf man überzeugt sein, daß Frankfurt seine schöne Aufgabe würdig lösen wird. Die Herren in der Eschenheimer Gasse werden sich hoffentlich bis dahin wohl auch an die in Nürnberg so sehr gefeierten deutschen Nationalfarben gewöhnt haben.

Unsere Reihen hatten sich schon bedeutend gelichtet, als wir am Dienstag Abend zum letzten Male die Festhalle betraten. Ein wehmüthiges Gefühl beschlich Jeden, wenn er bedachte, wie er nun so bald von diesen herrlichen Räumen Abschied nehmen sollte. Noch einige allgemeine Lieder wurden angestimmt, und hierauf dankte der Vorstandsausschuß durch Dr. Gerster den aus allen Gauen herbeigeeilten Sängern für die rege Theilnahme am Feste, welches aus einem Sängerfest eigentlich ein Volksbundestag geworden sei. Höchst bezeichnend war es, als hierauf zugleich zwei Sänger, einer aus Innsbruck und der andere aus Berlin, die Tribüne bestiegen und so gemeinschaftlich den herzlichen Dank des Südens und [592] des Nordens für die liebevolle Aufnahme darbrachten. Nachher sprach ein Schweizer kräftige Worte für die Freundschaft zwischen Deutschland und der Schweiz, und hieran knüpften sich wieder einige Einzelvorträge. Der Bürgermeister Seiler trat alsdann mit der Meldung auf, daß der Richterspruch sämmtlicher Vereinsvorstände den von Bern als Preis gesandten Pokal den Wiener Sängern zuerkenne, daß aber, wäre noch ein zweiter Preis zu vergeben gewesen, diesen entschieden die Innsbrucker würden erhalten haben. Die Versammlung gab durch donnernden Beifall die Uebereinstimmung mit dem ausgesprochenen Urtheile zu erkennen. Eine dumpfe Stille lagerte sich aber bald über Alle, als Bürgermeister Seiler im Namen des Ausschusses und der Stadt den Sängern das Lebewohl darbrachte. Er wußte jedoch die trübe Stimmung bald zu besiegen, als er von der Bedeutung des Festes sprach:

„Unser Fest ist in der Geschichte Deutschlands ein Ereigniß. Hier im Herzen Deutschlands, in der alten Noris, da hat deutsches Herz deutschem Herzen sich erschlossen, und die Macht des deutschen Liedes war es, die solches ermöglichte.“

Und hierauf brachte der Redner dem ganzen großen Deutschland ein Hoch! Es war das letzte Hoch, was in der Festhalle angestimmt wurde, aber gewiß auch das begeistertste, und es schien, als sollte das Hüteschwenken und Rufen kein Ende finden. Aber das Schicksal blieb unerbittlich – es mußte geschieden sein. Als allgemeines Schlußlied war Mendelssohns „Abschied vom Walde“ erwählt, und bei dem darin vorkommenden „Lebewohl“ war wohl kein Sänger, der nicht ein Beben der Wehmuth im Tone und im Auge gefühlt hätte. Bewegt und schweigend drückten wir uns noch die Hände; die Stimme versagte den Meisten unter uns die Worte des Abschieds, und so mußte der herzliche Händedruck sie ersetzen. Noch einen letzten Blick warf ich zurück in die zauberische Festhalle, aber sie erschien mir jetzt trotz aller Gasflammen düster und traurig, denn die Freunde und Genossen schieden ja aus ihr.

Schweigsam und in Gedanken versunken wanderten wir der alten, lieben Stadt zu, die wir ja morgen auch verlassen sollten. Wie lebendig traten noch einmal gerade jetzt, wo es zum Scheiden ging, alle die glänzenden Bilder der froh durchlebten Tage vor meine Augen! Mit welcher Freude gedachte ich des Beisammenseins mit den biedern, fröhlichen Sängern aus den verschiedenen österreichischen Hochlanden! Diese treuherzigen Männer waren rasch die Lieblinge Aller geworden, und wurde bekannt, daß eine oder die andere ihrer Corporationen sich zu einer bestimmten Stunde an irgend einem der öffentlichen Vergnügungsorte versammeln wollte, da fanden sich gewiß Hunderte der übrigen Sänger mit ein, die nicht müde werden konnten, sich an den herrlichen Leistungen der Bergessöhne zu erfreuen. Dann wurden oft diese lieben Sänger so lange gebeten und gequält, bis sie einige ihrer in der von ihnen vorgetragenen Weise ganz unbeschreiblich lieblichen Alpenlieder zum Besten gaben. Und hatten sie uns einmal durch ein schwermüthiges Lied selbst traurig gestimmt, dann erschallte plötzlich wieder so ein unnachahmlicher Bergjauchzer, und damit waren sie wieder mitten in ihrer unverwüstlichen Fröhlichkeit, die Alles mit sich fortriß. – Welche herrliche Erinnerung gewährte mir der Nachmittag, wo die Wiener und Münchner Sänger in den alten Kreuzgängen des germanischen Museums gemeinschaftlich und fürwahr in höchster Vollendung ihre Lieder ertönen ließen! – Wie heiter waren wieder die Bilder, wenn bei der mächtigen Tafelrunde die abenteuerlichen Humpen kreisten, wie z. B. der riesenhafte kleine Finger der Bavaria, den die Münchener, oder das Schweppermannsei, das die Augsburger mit sich führten!

Wie viel Märlein erzählte man sich nicht von dem geheimnißvollen Sänger, der Nachts bald dort, bald hier auf den Straßen angetroffen worden war, wie er mit seelenvoller schöner Stimme Lieder zur Guitarre gesungen. Ich stellte dem Fabelhaften lange nach, bis ich endlich erfuhr, daß er in später Nachtstunde schon mehrere Male vor demselben Hause in einer der ältesten Gassen Nürnbergs gehört worden sei. Ich ging mit einigen Freunden dorthin, und – richtig, da trafen wir ihn, wie er eben ein Lied von glühender Liebe in die mondhelle Nacht hinauf ertönen ließ. Als er geendet hatte, trat ich zu ihm heran und sagte, daß der Gegenstand, dem ein so feuriges Lied geweiht würde, gewiß das wunderlieblichste Mädchen in ganz Nürnberg sein müßte. Da aber lachte der Minnesänger hell auf und meinte, er sei blos Natur- und Architekturschwärmer, und wo er zum Beispiel ein so köstliches altes Haus sähe, wie just das dort vor uns, da stimme er gern die schönsten seiner Lieder an und seine Phantasie bevölkere alsdann die Söller, Fenster und Erker des Hauses mit jungen Edeldamen aus der Ritterzeit, denen sein Sang geweiht sei. – Hierauf wanderten wir mit einander fürbaß, und der Minnesänger, ein lieber, treuherziger Oesterreicher, erzählte uns noch viel von seinem abenteuerlichen Wanderleben, wobei er, gleichsam wie Bilder, seine Lieder einflocht, heitere und ernste, die er mit unvergleichlicher Seelenwärme vortrug. Die Nacht war bereits zu Ende, als wir uns trennten, und wir haben uns später noch öfter getroffen, wo sich Alles an seinen Gesängen erfreute.

Alle diese Erinnerungen wurden jetzt nur um so lebhafter, und doch waren sie gleichzeitig auch wieder mit Wehmuth gemischt, wenn man daran dachte, wie bald man sich von dem lieben Schauplatze aller der herrlichen Bilder trennen mußte. Als ich heute noch einmal die Stadt umwanderte, um von den wunderbaren alten Mauerthürmen und von den Thoren mit ihren so bezeichnenden Festsprüchen Abschied zu nehmen, da gewahrte ich drüben am Bahnhofe schon die Tafel, welche den Abschiedsgruß für die abziehenden Sänger in folgendem Verse enthielt:

Lebt wohl! Das ist das letzte Wort,
Wenn uns des Festes Freude schwindet.
Doch bleibt die Hoffnung unser Hort,
Daß uns ein Vaterland verbindet.
Wenn Alles flieht und Alles schwand,
Ein Vaterland – das deutsche Land!

Und als es nun am andern Morgen auch bei uns zur Trennung kam, da gab es wahrlich einen schweren Abschied, denn in den wenigen Tagen hatte man sich mit den lieben Nürnbergern so innig verlebt, als ob man schon seit Jahren zu einander gehört habe. Wie sie uns nun aber hinausgeleiteten zum Bahnhofe, wo die brausende Locomotive schon harrte, um uns wieder gen Norden zu führen, da wurde so manches Auge der Scheidenden feucht, und diese Thränen werden Euch, Ihr herzigen Nürnberger, gewiß deutlicher gesagt haben, als Worte es je vermochten, wie wohl und glücklich wir uns bei Euch, fühlten.

Mit innigem Danke sind wir von dem schönen Nürnberg geschieden und zugleich voll Bewunderung für diese Stadt, wo bürgerlicher Gemeinsinn so Großes und so Schönes zu schaffen gewußt hat.

Werfen wir nun einen kurzen Rückblick auf den Zweck und auf die Erfolge des Festes, so muß man vor Allem eingestehen, wie dasselbe die davon zum Voraus gehegten und hoch gespannten Erwartungen nicht blos erfüllt, sondern auch weit übertroffen hat. Die musikalische Bedeutung des Festes ist unbestritten eine sehr große, indem auf’s Neue dadurch dargelegt wird, wie keinem andern Volke die Befähigung und das Verständniß der Musik so eigen sei, als dem deutschen. Ein unschätzbarer Vorzug, den das Fest anstrebte und erreichte, ist jedoch die Vereinigung von Sängern aus allen deutschen Ländern zu einer wahrhaft erhebenden nationalen Feier. Nord und Süd sollten sich im Herzen Deutschlands einmal die Hand reichen und einander klar in’s Auge schauen, und so würde die brüderliche Zuneigung, die wir schon nach kurzem Beisammensein einander entgegentrugen, rasch zum lebendigen Bewußtsein, daß die Einheit Aller auch zugleich die Freiheit und das Glück Aller sei. Die Begeisterung jener Tage war zu edel, als daß sie nach kurzer Zeit spurlos verschwinden könnte wie ein Traum; sie hält sicher die Herzen noch warm, wenn auch düstere Tage der Noth erscheinen sollten.

Und Euch, Ihr lieben Sangesbrüder drunten im Süden, die Ihr den nordischen Genossen durch Euer biederes, herzinniges Wesen so rasch zu lieben Freunden wurdet, Euch reiche ich nochmals aus der Heimath im Geiste die Bruderhand. Wir haben treulich mit einander gesungen, und es hat einen herrlichen Einklang gegeben, als sich Nord und Süd so innig verband. Jedes Lied aber, was wir mit Euch vereint gesungen, soll uns zum Markstein deutscher Einheit werden. Wo wäre wohl einer der Festtheilnehmer, der hinfort unseres Arndt’s Vaterlandslied singen könnte, ohne dabei im Geiste all die lieben Nürnberger Genossen um sich zu sehen!

Das ganze Deutschland soll es sein! Und das ganze Deutschland muß es werden, sei es nun ersungen oder – errungen. Mein Lebewohl aber sage ich Euch mit dem herrlichen Passauer Festspruch:

„Lied wird That,
Früh oder spat!“

A. B.